Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Siebenter Vortrag. - Das erste Wunderzeichen.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Siebenter Vortrag. - Das erste Wunderzeichen.

Zeichen, welche an Jesu und über ihn geschehen und von oben herab sein göttliches Wesen offenbaren, haben wir bereits mehrere kennen gelernt, aber da diese Zeichen darauf hinweisen, daß in ihm selber das göttliche Wesen nicht vorübergehend, sondern bleibend ist, so werden wir erwarten dürfen, daß er selber auch Zeichen thut, welche von innen heraus sein göttliches Wesen, wie es in ihm wohnt, kund thun. Der Evangelist Johannes hat den Anfang dieser Zeichen, in denen Jesus handelnd das Geheimniß seines Wesens offenbar macht, angemerkt und um so weniger als es uns möglich sein wird, uns in die Betrachtung der einzelnen Wunder einzulassen, um so nöthiger wird es sein, auf diesen von Johannes so nachdrucksvoll betonten Anfang der Wunderlichen genauer Acht zu geben. Ein Zeichen enthält immer eine Hinweisung auf etwas Anderes und zwar Bedeutendes, ein Zeichen hat also seine Bedeutung und seinen Sinn nicht sowohl in sich selber, sondern in dem, worauf es hinweist. Indem also die Wunder Zeichen genannt werden, wird sofort die Aufmerksamkeit von ihnen hinweggelenkt und auf etwas Weiteres hingeführt, worin die Betrachtung der Wunder zum Ziele kommen und ausruhen soll. Es ist also ein Mangel an Achtsamkeit auf diesen biblischen Wink, wenn man dessenungeachtet so sehr allgemein an den Wundern selber mit den Gedanken haften bleibt, und es ist nicht die Schuld der heiligen Geschichte, wenn man auf diesem Wege der Wunderbetrachtung entweder in Aberglauben oder in Unglauben verfällt. Die Bedeutsamkeit der Zeichen beruht natürlich auf der Analogie des Aeußeren und Inneren, welche in der leiblich-geistigen Natur der menschlichen Existenz und des menschlichen Lebens begründet ist und in Sprache, Mimik und bildender Kunst dem menschlichen Bewußtsein völlig vertraut und geläufig ist, und deshalb ist die Bedeutsamkeit der Wunder auch nicht bloß in dem Gegenstande derselben enthalten, sondern gleichfalls in der Art und Weise, wie sie geschehen. Aus dem Aeußeren der Wunder ihr Inneres oder ihre Bedeutung erkennen, das heißt die Wunder verstehen, dieses Verständniß wollen sie wecken, indem sie geschehen, und um dieses Verständnisses willen ist ihr Bericht geschrieben worden. Der Anfang der Wunderzeichen Jesu, den uns Johannes erzählt, wird demnach natürlich unsere regste Theilnahme wach rufen und unsere Gedanken in die intensivste Spannung versetzen.

Eine dreifache Verbindung zwischen dem Wunder auf der Hochzeit zu Kana und der Gründung der ersten Gemeinschaft tritt uns entgegen; und die nähere Erwägung dieser Verknüpfung mit dem Vorigen wird uns am besten in das Innere dieser thatsächlichen Zeichensprache hineinführen. Die erste Verbindung ist eine zeitliche, auf welche wir gleich Anfangs in dem johanneischen Bericht über das erste Wunderzeichen hingewiesen werden (s. Joh. 2,1). Diese Zeitangabe „am dritten Tage ward eine Hochzeit“ ist hier nicht wenig bedeutsam. Wenn wir nämlich weiter zurückblicken, so gewahren wir, daß der Evangelist in einem fortlaufenden Zusammenhang gerade sechs Tage zählt, indem er mit dem Tage anhebt, an welchem der Täufer spricht: „siehe, mitten unter euch steht er da, den ihr nicht kennt,“ und mit dem Tage schließt, an welchem Jesus Wasser in Wein verwandelt (s. 1, 29. 35. 44). Es kann dies um so weniger zufällig sein, da derselbe Evangelist auch am Ende des öffentlichen Lebens Jesu sechs Tage abgrenzt und hervorhebt (s. 12, 1). Will er nicht ganz offenbar mit diesem Zählen der Tage uns auf eine erste und eine letzte Arbeitswoche Jesu hinweisen? Wie wir nun damit von vornherein daran erinnert werden sollen, daß wir uns Jesum vor Allem als wirkend denken sollen und zwar so, daß sein Wirken sich in die irdisch menschliche Ordnung einfach einfügt, so liegt ferner in dieser Andeutung, daß sich in den hervorgehobenen Wochenabschnitten am Anfang und am Ende der öffentlichen Laufbahn Jesu Mühe und Arbeit mehr gedrängt und gehäuft habe, wie sonst. So finden wir es auch in der ersten Arbeitswoche und dies giebt für die Betrachtung des Werkes, mit welchem diese Woche abschließt, einen nicht zu verschmähenden Anhaltspunkt. Am ersten Tage, an dem Johannes das Aufgestandensein Jesu als des Christus in der Mitte Israels verkündigt, haben wir uns von Seiten Jesu die Bestellung seiner Herberge am Saum der Wüste zu denken. Welche Annahme uns weiter dahinführt, daß wir uns den voraufgehenden Tag, also den Schlußtag des Aufenthaltes Jesu in der Wüste, als Sabbat denken müssen; was uns auch als dem Inhalt dieses Zeitpunktes durchaus angemessen erscheinen wird. Am folgenden Tage, also dem zweiten dieser ersten Woche, kommt Jesus zu Johannes dem Täufer. Am dritten Tage wird die erste Gemeinschaft begründet. Johannes, Andreas und Petrus werden von Jesu in seine Hausgemeinschaft eingeführt. Am vierten Tage giebt er bereits seine Wohnung am Jordan auf, sie ist ihm nur ein Wanderzelt, wie die heilige Hütte in der Wüste, und sein Wohnen kann überall nur den Eindruck des Zeltens machen, wie es der Apostel Johannes auch aufgefaßt und bezeichnet hat (s. 1, 14). An demselben Tage des Aufbruchs nach Galiläa beruft er in der Frühe den Philippus und hat die wichtige Verhandlung mit Natanael. Dieser Tag ist zugleich der erste Reisetag, Der folgende, also der fünfte Tag der Woche, ist ganz der Reise gewidmet. Der sechste Tag endlich gehört theils der Reise an, theils der Hochzeitfeier zu Kana. Da nun die Entfernung vom unteren Jordan nach Kana und Galiläa ungefähr dreißig Stunden Weges beträgt, so sind wir genöthigt, uns diese Reise als eine angestrengte und beschleunigte zu denken. Wir sind gewohnt, uns den Herrn in seinem Gange nie anders zu denken als in feierlichem Schritt, wie etwa einen Pastor im langen Ornate; es liegt aber nicht der mindeste Grund vor, warum wir nicht auch seine Jugendkraft in der Begleitung der auserkorenen Jünglinge in rüstigem Marsche begriffen uns vorstellen dürfen. Ja ich denke, es gehört zur Richtigkeit und Vollständigkeit des Bildes, welches wir uns von Jesu machen müssen, daß wir, wie wir seine Seele nach allen Richtungen menschlicher Empfindungen und Gedanken bewegt finden, so auch die Haltung und Bewegung seines Leibes nichts weniger als einförmig, sondern allen Lagen und Zuständen menschlichen Lebens anschmiegend uns vorzustellen haben. Wir ersehen demnach, daß die zeitliche Verknüpfung der Erzählung von dem ersten Wunderlichen mit dem Inhalt der vorausgehenden Tage nicht eine leere Zufälligkeit und Aeußerlichkeit ist, sondern ein Rahmen, der uns auf die Bedeutung des Bildes, welches wir hier schauen sollen, aufmerksam macht: wir sollen hier recht eigentlich das Schlußwerk der ersten Arbeitswoche Jesu erkennen und sollen merken, wie er vom Wandeln übergeht zum Handeln, wie er seine Herrlichkeit zuerst offenbart in seiner Selbstdarstellung, um sie schließlich zu zeigen in seinem Wunderwirken. Die zweite Verbindung ist die Gleichheit der Lebensform, in welcher Jesus hier und dort auftritt. Diese Betrachtung führt uns schon einen Schritt weiter in das Innere der Sache, die hier vorliegt. Der Täufer hat das Reich des Himmels angekündigt und den Kommenden deutlich genug als den Herrn und König dieses Reiches bezeichnet. Und die erste Offenbarung Jesu in der Oeffentlichkeit war seine himmlische Einweihung und Ausrüstung für die amtliche Gründung und Verwaltung des Reiches, auf welches von Abraham her die heilige Geschichte angelegt war. Und was noch mehr sagen will, aus dem unmittelbaren Eindruck, den Jesus macht, hat Natanael ihn als den Christ und König Israels bereits erkannt und bekannt. Damit ist die wesentliche Form seines amtlichen Seins und Wirkens unzweideutig bestimmt. Um nun aber das Verhalten Jesu von diesem Gesichtspunkte aus richtig zu verstehen, müssen wir darauf achten, wie sich die Form des Reiches auf dem Weltgebiet gestaltet hat. Alles Reichswesen auf dem Gebiete der Welt hatte sich in der Zeit Jesu in die römische Herrschaft aufgelöst und zusammengefaßt. Hier zeigte sich, was das Reich auf dem Boden der Natur ist und bewirkt. Das römische Reich hatte nun die Auflösung des Hauses herbeigeführt, in derselben Zeit, in welcher seine Macht und Gewalt über die Länder und Völker der geschichtlichen Menschheit sich vollendete, ging die Ehe und die Familie zu Trümmer, wie wir darüber das hundertfache Zeugniß des römischen Gewissens selber vernehmen. Das Ergebniß ist, daß die Vollendung des Reiches auf dem Gebiete der Welt das Ende des Hauses ist. Die Kehrseite davon ist der Zustand solcher Volksstämme, welche entweder, ob sie gleich ein staatliches Gemeinwesen erstreben, es doch niemals zu einer staatlichen Form bringen oder auch ganz selbstgenügsam auf der Stufe der bloßen Horde verharren. Hier finden wir. allerdings das Haus erhalten, aber da es zu einem Reichswesen nicht kommt, zeigt sich auch hier die Verkümmerung des menschlichen Berufes, denn ein Volksstamm wird erst innerhalb seiner staatlichen Form seiner selbst mächtig und damit geschickt, den ihm zugewiesenen göttlichen Beruf auszuführen. Beide Einseitigkeiten zerstören also die menschliche Bestimmung. In Israel nun, wie ich schon früher angedeutet, beweist sich die göttliche Leitung darin, daß beide Formen, das Haus und das Reich, von vornherein so angelegt sind, daß sie sich gegenseitig durchdringen und einschließen. Die göttliche Prädestination Israels zum Reichswesen steht so fest und ist so eingreifend und bestimmend, daß sie schon in der Zeit hervortritt, als die Erzväter noch einsam als Nomaden umherzogen und keinen Fuß Landes als ihr Eigenthum besaßen (s. l M. 17,6. 16. 35,11). Daneben ist aber gleichfalls von allem Anfang her die häusliche Form so tief angelegt, daß sie nicht zerstört werden kann. Mag immerhin die Zukunft sich noch so sehr als einheitliches, zusammenfassendes und durchgreifendes Reichswesen ausbilden, die drei Urväter und die zwölf Stammväter bleiben immer die Säulen, auf denen das Ganze ruht. Es prägt sich dieses auch in dem Sprachgebrauch deutlich aus: in den Zeiten, als das Volk längst zu einem Königreich zusammengefaßt war, behält das Ganze immer den Namen seines dritten Urvaters, das Volk heißt Jakob und Israel und wird in seiner individuellen Stammwurzel einheitlich angeschaut, und eben so wird Nichts von dem ganzen Reichswesen Israels außenvor gelassen, wenn man von dem Hause Israels redet. Diese beiden Formen sind in der alttestamentlichen Zeit in ihrer Reinheit und Gegenseitigkeit der Geschichte und dem Bewußtsein Israels so fest und unverwüstlich eingeprägt, daß sie innerhalb dieses Volkskreises nicht mehr untergehen können. Aber ihren entsprechenden geschichtlichen Inhalt hat weder die eine noch die andere Form innerhalb der alttestamentlichen Zeit erhalten. Die Erfüllung dieser Formen ist eben das Wesen der neutestamentlichen Geschichte; wie wir das von Seiten des Reiches auch bereits erkannt haben. Jesus ist es, der als der gesalbte König und als das göttlich geweihte Haupt das wahre Reich Israels gründet und vollendet. Nach dem Bemerkten werden wir uns aber nicht wundern, wenn der König Israels zunächst ein Haus gründet und die häusliche Form zur nächsten Basis seiner Existenz und seines Wirkens wählt. Denn das israelitische Haus, wissen wir, schließt das Reich nicht aus, sondern ein. Außerdem handelt es sich hier um den Anfang des schließlichen Endes. Nun wurde aber in der alttestamentlichen Zeit, in welcher ja der Grundriß vorliegt, den die neutestamentliche Geschichte ausführen soll, obwohl von Anfang an das Reich als festes unverrückbares Ziel hingestellt wurde, zuerst und vor Allem das patriarchalische Haus gegründet und ausgebaut. Es ist demnach ganz in der Ordnung, daß wir den Anfang des Wirkens Jesu auf der gleichen Spur antreffen. Die häusliche Gemeinschaft ist es, in welcher er seine Selbstdarstellung am vollständigsten und allseitigsten entfaltet. In diese nimmt er auf, die sich ihm nahen, wie wir in unserem letzten Vortrag gesehen haben. Und die häusliche Gemeinschaft mit den Jüngern hält er fest bis an das Ende, ja er geht soweit, daß er dieselbe ins Jenseits verlegt (s. Luk. 22, 30. Matth. 28, 24. Joh. 14, 2. 3). Dies Alles kann er thun unbeschadet seiner königlichen Würde, weil sein Haus als die Vollendung des israelitischen Hauses das ewige Reich in keiner Weise beengt, sondern einschließt, er muß es aber, weil seine häusliche Gemeinschaft die ewige Grundlage des himmlischen. Reiches zu bilden bestimmt ist. Indem uns dieser Rückblick den Anfang der Gemeinschaft Jesu noch verständlicher macht, zeigt er uns zugleich die innere Bedeutung des Umstandes, daß Jesus das erste Wunderlichen seiner Herrlichkeit und Macht so recht eigentlich in der Mitte des häuslichen Kreises verrichtet. Die Hochzeit zu Kana gehört offenbar dem Kreise der Verwandtschaft der Mutter Jesu an. Ihr Dasein und ihre vertrauliche Mittheilung von dem Ausgehen des Weinvorrathes macht dies unzweifelhaft. Daß Jesus eingeladen ist zu dieser Hochzeit, beruht also gleichfalls auf dem Verhältnis, der Verwandtschaft. Daß aber auch die Jünger eingeladen worden, beweist, daß diese schon als Jesu zugehörig angesehen werden. Daß sich diese Anschauung in so rascher Folge ausbildet, hat einerseits seinen Grund in der Klarheit und Sicherheit, mit welcher Jesus das Verhältniß seiner Gemeinschaft anknüpft, andererseits in der Aufmerksamkeit und Gespanntheit, mit welcher der Verwandtenkreis, in welchem die Maria die Seele bildet, alle Schritte Jesu beobachtet. Wir sehen also, Jesus geht mit seiner eigenen neuen Hausgenossenschaft in den Kreis seiner angestammten Verwandtschaft ein, um die Gründung eines neuen Hauswesens zu feiern. Wie ernstlich er es nun mit dieser Feier gemeint hat, zeigt er damit, daß er eben diese Feier mit seiner Wunderthat erhöht; das erste Wunder, welches er hier verrichtet, hat in der Hochzeit nicht etwa nur seine zufällige Veranlassung, sondern recht eigentlich seine alleinige und bedingende Ursache. Im Laufe des Festes und vermuthlich in Folge der durch das Hinzukommen der Jünger Jesu angewachsenen Zahl der Gäste geht der Vorrath an Wein auf die Neige. Der Wein dient nun nach biblischer Anschauung lediglich zur Freude und Erhöhung des menschlichen Daseins (s. Ps. 104,15. Richt. 19,13), er gehört, wie die Griechen sagen, nicht sowohl zum Leben als zum Wohlleben. Nun hat es auch keineswegs auf der Hochzeit zu Kana an Wein gefehlt, es ist bereits Wein gespendet und genossen, wie aus der Rede des Speisemeisters erhellt. Also jener Uebelstand ist in keiner Weise ein Nothstand. Dennoch empfindet die Mutter Jesu diesen, Uebelstand als eine drückende Dürftigkeit, in welche sie sich nicht wohl schicken kann. Sonst, wissen wir, ist Maria mit kleinen und beschrankten Verhältnissen sehr wohl vertraut, und ihr Wesen ist viel zu rein und hoch, als daß wir irgend Grund zu der Annahme hätten, es sei ihr selbst Armuth eine Last gewesen. Es kann also unmöglich der bloß äußere Mangel sein, der ihr jene Aeußerung über das Fehlen des Weines entlockt. Es ist vielmehr ihr festlich gestimmter Sinn, ihr volles Eingehen in die Bedeutung der häuslichen Feier, welches eine hervortretende Dürftigkeit mitten in der Höhe des Festes nicht ertragen kann. Und da Jesus schließlich ihrer Zumuthung willfahrt, so ersehen wir, daß er selber diese Empfindung theilt und sie für vollkommen berechtigt hält. Wir finden also bei ihm ein volles rückhaltsloses Eingehen in den Sinn und in die Stimmung der Hochzeitsfeier, sowie namentlich in diejenige Anschauung und Sitte, nach welcher einem solchen Feste bis zu seinem Ende hinaus die von Gott zur Freude des Menschen gespendete Gabe des Weines nicht mangeln dürfe. Jesus schafft dem Mangel Abhülfe und zwar nicht in knapp zugemessener Weise, sondern in einem Maße, wie es nach den Umständen einer Festfeier und nach seiner eigenen festlichen Stimmung angemessen war, nämlich in überschwenglicher Fülle. Erstlich war der Wein, den Jesus schafft, nach dem Urtheile des Kenners guter Wein und dann hat man berechnet, daß die Fülle des von Jesu geschaffenen Weines für hundert fünf und siebenzig Männer mit Weibern und Kindern ausreichend war. Demnach ist also das erste Wunderlichen Jesu der thatsächliche Beweis, daß sein Sinn und Wille mit vollem Ernst darauf gerichtet ist, die Form des häuslichen Lebens, welche er selber für seine nächste Existenz und Thätigkeit zur Grundlage erwählet, zu heiligen und zu erfüllen. Es wird uns dies noch klarer, wenn wir von dem Standpunkt der Hochzeit zu Kann auf den Stand und das Leben des rauhen Wüstenpredigers zurückblicken. Jesus selber hat uns diesen Gegensatz geschildert, einestheils um auf den bleibenden und wichtigen Unterschied zwischen sich und seinem Vorläufer, der auch heute noch viel zu wenig beachtet wird, indem sich Viele Jesum als einen bloß gesteigerten Bußprediger vorstellen, aufmerksam zu machen, anderentheils aber um den kindischen Unverstand seiner Volksgenossen zu züchtigen. Er sagt in dieser Beziehung: „Johannes kam, weder essend, noch trinkend, und sie sagen: er hat einen Teufel. Des Menschen Sohn kam, essend und trinkend, und sie sagen: siehe, ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Freund“ (s. Matth. 11, 19). Selbst auf die Gefahr hin, dem rohen Unverstand und der finsteren Strenge und Scheinheiligkeit zum Aergerniß zu werden, hat es Jesus verschmäht, seine Heiligkeit in die schwarze Farbe zu kleiden, sein Gewand ist licht und weiß immerdar, wie es die Schrift befohlen (s. Predig. 4, 8), und zum Trotz der üblen Nachrede, die er voraus gewußt, ließ er seine Menschenfreundlichkeit sich ergießen in Strömen der Freude, als er dem Feste der Gründung eines neuen Hauswesens beiwohnte.

Der dritte Verbindungspunkt führt uns in das innere Verständniß dieser Begebenheit hinein. Dieser Verbindungspunkt liegt in der Aussage über des Menschen Sohn, mit welcher Jesus die Gründung seiner ersten Gemeinschaft abschloß. In dem ersten Wunderzeichen, dem Schlußwerke der ersten Arbeitswoche, bewährt sich diese Selbstaussage Jesu thatsächlich. Wir gehen noch einmal zurück aus den reichen Inhalt, der in der Bezeichnung „des Menschen Sohn“ beschlossen liegt. Dem Menschen ist der göttliche Beruf ertheilt, über Alles zu herrschen, er sollte also sich selbst zum Mittelpunkt setzen, um den sich Alles bewegte, that er dieses, so machte er Gottes Willen zu seinem eigenen Willen. Der Mensch aber that den Willen des Thieres, unterwarf sich also einem anderen Willen, der innerhalb der Welt war, über welche ja der Mensch herrschen sollte. Damit trat er aus seiner göttlichen Bestimmung zur Herrschaft heraus. Da es aber sein eigener Wille war, mit dem er es that, so erhielt der Mensch seinen Willen, anstatt der Herrschaft, die er verschmähte, erlangte er die Knechtschaft, welche er gewollt und gewählt hatte. In seiner Knechtschaft erhielt er seinen eigenen Willen, weil seine ganze Entwickelung und Zukunft auf seinen eigenen Willen gestellt war und eben darin des Menschen Eigentümlichkeit vorzugsweise gegründet war. Das Weitere wird sein, daß der Mensch diese Knechtschaft erfährt und zwar in immer neuer Gestalt, die unterste Wurzel dieser Erfahrung wird aber immer die Erkenntniß sein, daß diese Knechtschaft des Menschen eigener Wille ist. Da nun innerhalb der menschlichen Entwickelung Alles auf den Willen gestellt ist, und also ohne Vermittelung dieses Centralorgans, des Willens, Nichts geschehen kann in Bezug auf den Menschen, ohne die gottgeschaffene Grundlage des Menschengeschlechts aufzuheben, also das Menschengeschlecht selbst zu zerstören, demnach Aenderung und Besserung nur auf Grundlage des menschlichen Willens erfolgen kann, und was nicht so erfolgt, dem Menschengeschlecht nicht zu Gute kommen kann, es mag sein und heißen, was es immer will; so kann mithin in jener verhängnißvollen Verkettung von Uebel und bösem Gewissen nur dadurch eine Befreiung und Erlösung eintreten, daß der Wille einen anderen Inhalt bekomme, daß der Wille nicht mehr die Knechtschaft, sondern die gottbestimmte Herrschaft wolle. Nun zeigt sich aber, daß dieser andere Wille nicht vorhanden ist und überall gar nicht entstehen kann. Der jedesmalige Wille der Knechtschaft ist schon immer bestimmt und kann sich daher nicht selber in sein eigenes Gegentheil verwandeln, einen anderen Willen giebt es aber gar nicht innerhalb der menschlichen Entwickelung, als einen solchen jedesmaligen Willen der Knechtschaft, sintemal die ganze Entwickelung unter dem bestimmenden Einfluß des ersten Willens in dem ersten Menschen steht. Eine Umwandlung des Willens kann es also nur dann geben, wenn ein zweiter Anfang einträte. Dieser Anfang ist aber nur dadurch möglich, daß er nicht unter dem bestimmenden Einfluß des ersten Anfangs steht, denn, sonst ist auch der neue Anfang von dem ersten Anfange abhängig und hört damit auf, ein wirklicher Anfang zu sein. Andererseits muß aber dieser neue Anfang der Entwickelungsreihe des Menschengeschlechts wirklich angehören; denn wäre dies nicht der Fall, so würde der Anfang keine rückwirkende Kraft auf das Menschengeschlecht, welches nach seiner Eigenthümlichkeit, wie wir gesehen, eine Einwirkung von außen nicht zuläßt, ausüben können, mithin wieder isoliert stehen und gleichfalls kein Anfang sein. Der neue Anfang muß demnach in wirklich causalem Zusammenhang mit dem ersten Anfang stehen und dennoch von dem ersten Willen des Anfangs unabhängig sein. Die Verwirklichung dieses Begriffes von dem neuen Anfang innerhalb des Menschengeschlechts ist nun eben des Menschen Sohn. Durch die Empfängniß und Geburt der Maria, seiner Mutter, ist er wirkliches Glied der Menschheit geworden und zwar der Menschheit innerhalb der Entwickelung, die im Laufenden ist und mit der ersten Entscheidung des Menschen anhebt: er ist dem gesammten Leiden und Uebel, welches der Mensch erwählet hat, oder, wie wir auch sagten, der ganzen Knechtschaft unseres Geschlechts unterworfen. Und zwar ist dieser Stand in der geknechteten Menschheit nicht bloß eine äußere Wahrheit für ihn, sondern eben so gut wie für uns eine innere Wahrheit, das heißt eine Wahrheit im Willen. Worin aber dieses liegt, daß es ihm nicht bloß widerfahren ist, vom Weibe geboren zu werden und in die Welt des Uebels und des Todes zu kommen, sondern daß dieses sein Wille ist und bleibt. Wie auch wir unseren Zustand, sobald wir uns recht besinnen, nicht bloß als einen überkommenen ansehen können, sondern ihn als einen in unserem eigenen Willen wurzelnden betrachten müssen. Indem Jesus diesen Zustand der Unterwerfung unter die Mächte dieses Weltlaufes gewollt hat und in jedem. Augenblick will und bis zu Ende will, geht er ein in den untersten Grund unseres gegenwärtigen Standes und hat sein Menschenthum die volle Wahrheit, ohne jeglichen Rest und Vorbehalt. Aber gerade in dieser innersten Wurzel unseres Standes, in der Stellung des Willens der Knechtschaft, scheidet sich Jesus von uns. Sein Wollen der Knechtschaft, der Entbehrung, des Leidens und des Todes ruht in einem durchaus freien, klaren und ungetheilten Willen; unser Wollen der Knechtschaft ist immer so, daß, sobald wir unseren Willen erreichen, wir ihn nicht wollen und doch nicht Kraft haben, ihn von Grund aus umzuwandeln, also wollen wir im Grunde doch wieder und das bleibt bei jeder tieferen Besinnung das Letzte; also unser Wille ist unfrei, ist vorher bestimmt, ist im eigentlichen Sinne von vornherein bestimmt, insofern er aber doch unser Wille ist, ist er unfrei, blind und in sich selbst getheilt. Der Wille Jesu ist frei und darum heilig und göttlich, unser Wille ist unfrei, darum sündig und widergöttlich. Auf diesem tiefen Unterschiede aber beruht es, daß, während wir Adams Kinder sind und heißen, Jesus der Sohn des Menschen heißt und ist. Indem er mit seinem schlechthin freien Willen in die ganze Knechtschaft des Menschengeschlechts eingeht, übernimmt er die gesammte Schuld des ersten Menschen, eben damit ist er aber auch der erste und einzige berechtigte Erbe und Sohn des Menschen. Indem er aus freien Stücken in den vollen Umkreis der Knechtschaft und des Todes, den der Mensch aus seinem ersten Willen erwählet hat, eintritt und damit die göttliche Geltung des menschlichen Willens zur vollen freien Wahrheit macht in sich selber, steht ihm nun wieder der freie Zugang zu der göttlich bestimmten Herrschaft des Menschen offen. Das ist nun nichts Anderes, als was die auf- und absteigenden Engel bedeuten. Sein Wille, der mitten auf dem Boden der Erde steht, auf welcher der Fluch Gottes ruht, ist im Einklang mit dem Willen des Vaters im Himmel und in diesem Bunde wirkt er den göttlichen Willen aus in ungehemmter Herrschaft über die Erde, zu welcher der Mensch von Anfang her berufen ist. Auf dieser durch die Einheit des menschlichen und göttlichen Willens vermittelten Herrschermacht beruht auch die Wunderkraft Jesu. Es ist nämlich ganz natürlich, daß diese Herrschermacht, welche sich erst am Ende völlig entfalten kann, vorerst in einzelnen Thaten heraustritt und sodann, daß die Einzelerscheinungen der unbegrenzten Herrschermacht besonders als Ueberwindungen einzelner Zustände und Symptome der vorhandenen Knechtschaft auftreten. Zeichen aber sind diese Wunderwerke im doppelten Sinne, indem sie einestheils zurückweisen auf das Innenleben der Persönlichkeit Jesu, anderentheils vorwärts zeigen in eine Zukunft, in welcher die Macht, welche jetzt als eine einzelne auftritt, den Gesammtzustand beherrschen wird.

Nach diesen beiden Seiten hin weist auch das erste Wunderzeichen, welches Jesus zu Kana verrichtete, und das Wie in beiden Beziehungen ist lehrreich. Zunächst offenbart das gegenseitige Verhalten der Maria und Jesu bei diesem ersten Wunder die Eigenthümlichkeit des Sohnes des Menschen in einer beachtenswerthen Weise. Nach dem Falle des Menschen beruht die Möglichkeit einer Wiederherstellung auf der Empfänglichkeit, die in der menschlichen Natur beschlossen und in dem Weibe das unterscheidende Moment ist. Diese Empfänglichkeit als Aufgeschlossenheit für das Göttliche ist in Maria zur höchsten Potenz erhoben und darauf beruht ihre unvergleichliche Stellung in der Menschheit, darauf beruht ihre Würde als Mutter Jesu. In dieser ihrer Eigenthümlichkeit erkennen wir sie wieder aus unserer Erzählung. Indem sie ihrem Sohne die Bemerkung über das Ausgehen des Weines mittheilt, ohne etwas Weiteres hinzuzufügen, setzt sie voraus, daß Jesus über diesen Mangel dieselbe Empfindung haben werde, die sie selber hegt. Und der Erfolg hat ihre Voraussetzung bestätigt. Es liegt aber in ihrer Mittheilung noch eine andere stillschweigende und weit kühnere Voraussetzung. Offenbar nämlich ist sie des Glaubens, daß ihr Sohn dem vorhandenen Mangel durch wunderbare That abhelfen werde, Da nun Jesus bisher noch keine Wunder gethan, da er bis vor Kurzem in stiller Verborgenheit im Hause seiner Mutter zu Nazaret gelebt hat, so ist eine solche Zumuthung der Maria höchst auffallend. Es erklärt sich dieses einzig und allein aus dem in ihr waltenden unvergleichlich aufgeschlossenen Sinn für das Göttliche, aus dem in ihr bis zum höchsten Grade gesteigerten Ahnungsvermögen für die Offenbarung der göttlichen Macht und Güte, die sie in ihrem Sohne beschlossen weiß. Wenn sie als die Gebenedeite unter den Weibern einst mit Psalmworten Jehova preist, daß er nun die Gewaltigen vom Stuhle stürze, und die Niedrigen erhöhe und die Hungrigen sättige mit Gütern (s. Luc. 1, 52. 53), so war das nicht bloß eine augenblickliche Stimmung, sondern es ging diese Anschauung aus der ruhigen Klarheit ihres Gemüthes hervor, was in der Erzählung auch dadurch, ausgedrückt ist, daß es nicht von Maria heißt, wie von Elisabeth und Zacharias: „sie wurde erfüllet mit heiligem Geiste“ (s. Luk. 1, 46. vergl. V. 40. 67). Und dieser ihr Seelenzustand ist es, was ihr die ausgesprochene Zumuthung an Jesum eingibt. Mit siegender Gewalt drängt es sich ihr auf, daß nun sich erfüllen müsse, was Jehova von der überströmenden Fülle aller Güter und Segnungen seinem Volke mit den untrüglichen Worten seiner Propheten verheißen hat. Und so wie es ihr nicht entgangen sein kann, daß Jesus so eben in einen neuen Stand seines Lebens eingetreten ist, so hat sie es auch vermöge ihres mütterlichen Tiefblickes wahrgenommen, wie Jesus nicht bloß äußerlich an der Hochzeit Theil nimmt, sondern mit seinem inneren Sinn in das Wesen dieses Freudenfestes eingeht. Indessen wenn die Zumuthung der Maria einen so guten und heiligen Grund hat, wie sollen wir es verstehen, daß Jesus sie abweist mit den Worten: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“ Wir müssen nicht übersehen, daß die Abweisung nur eine theilweise ist, denn wenn Jesus hinzufügt: „noch nicht ist meine Stunde gekommen,“ so erhellt, daß die Abweisung sich nicht auf die Sache selbst bezieht, sondern nur auf den Zeitpunkt, vielmehr giebt Jesus in Ansehung dessen, was Maria erwartet, ihr völlig Recht, daß sie aber in Ansehung des Zeitpunktes sich verfehlt, beruht darauf, daß sie über die Bedingung, unter welcher die Fülle der zukünftigen Herrlichkeit anbrechen soll, keine Klarheit besitzt. In der Ueberschwenglichkeit ihrer Freude und Hoffnung bedenkt sie eben so wenig, wie die erste Mutter, daß das Ende der Wege Gottes nicht eher eintreten kann, als bis der Irrweg der sündigen Menschen beseitigt worden. Diese Klarheit mangelt ihr aber deshalb, weil sie selber noch in das sündige Wesen der Menschheit verflochten ist, und insofern ist sie nicht anders und nicht besser als jede Andere ihres Geschlechtes und darum redet Jesus sie nicht als seine Mutter an. sondern als Weib. Jesus allein hat volle Klarheit nicht bloß über den Inhalt der Zukunft, sondern auch über die Zeit, denn er ist es, der sie gründet und herbeiführt, jeder Augenblick ist für ihn dadurch Licht, daß er ein fester Schritt ist auf dem Wege zu dem bestimmten Ziele der Zukunft, und darum weiß er in jedem Momente das unzweifelhaft, ob die Zeit der Zukunft da ist oder nicht, oder in dem Lichte der Zukunft weiß er ganz genau den jedesmaligen Punkt der Gegenwart. Das, was Maria im Sinne hat und andeutet, ist die Fülle der zukünftigen Herrlichkeit, welche allem Mangel überschwenglich abhilft. Die Zeit des Anbrechens dieser Herrlichkeit nennt Jesus hier seine Stunde, denn er allein ist es, der sie schaffen wird. Jesus rechnet nach Stunden und kündigt auch damit den Eintritt einer neuen Zeit an. Die alttestamentliche Geschichte kennt dieses künstliche Kleinmaß der Zeit nicht, sie rechnet nach größeren und rein natürlichen Dimensionen. Jesus tritt in die große Zeitwende ein, er selbst bewirkt ihren Umschwung und in ihm ist daher das ursprüngliche Bewußtsein von der Bedeutung und Wirkung auch der kleinen Zeittheile. Daher ist für ihn die innerste Nothwendigkeit vorhanden, den Tag in kleine Abschnitte einzutheilen (s. Joh. 11, 9). Er bedarf dafür aber keiner mechanischen Hülfe wie wir, sein Zeitbewußtsein ist ein innerlich vermitteltes und beruht auf der Einheit seines Denkens und seines Handelns mit dem Schritte der Zeit und ihres jedesmaligen Inhalts. Daher gestaltet sich ihm die Hinweisung der Maria auf die Fülle der göttlichen Herrlichkeit als das bestimmte Bewußtsein, daß die Bedingungen noch nicht erfüllt seien, mit deren Vorhandensein für ihn die Stunde seines letzten Handelns gekommen sei. Nun sollte man denken, daß mit diesem Bescheid die ganze Sache erledigt war und Maria sich nunmehr bescheiden und begnügen mußte. Wir sehen aber, daß schließlich dennoch geschieht, was Maria begehrt hatte, und zwar nun trotz der Abweisung Jesu. Wie ist nun dieses? Ist etwa in der kurzen Zwischenzeit die Stunde Jesu gekommen? Das kann nicht sein, wenn wir nicht etwa diesen Ausdruck ganz falsch verstanden hätten. Oder hat er sich inzwischen eines Anderen besonnen? Wie ist das möglich, da er seine Stellung zu der Zumuthung Maria aus der Sache selbst heraus so bestimmt ausgesprochen hatte? Und dennoch thut er, was er abgewiesen hatte. Wundern wir uns nun nicht, wenn wir sehen, daß die Wendung offenbar durch die Mutter herbeigeführt wird. Es ist nämlich nicht der Fall, daß sie sich nachdem empfangenen Bescheide beruhigt und zufrieden giebt. Sie spricht zu den Dienern: „was er sagt, das thut.“ Darin liegt die stille Erwartung, daß Jesus dennoch dem vorhandenen Mangel Wandel schaffen könne und werde. Indem sie sich beugt unter sein Wort, daß in ihm allein so wie die Kraft des Wirkens auch das rechte Zeitbewußtsein wohne und ihm somit allein ohne ihr Zwischenreden Alles anheimfalle, vermag sie auf Grund dieser ihrer Demüthigung das andere Wort, nach welchem er sich die Macht beilegt Wunder zu thun und namentlich auch in Ansehung des vorhandenen Bedürfnisses, im vollen Glauben fest zu halten. Und dieser so gereinigte Glaube der Maria ist der neue Grund, auf welchen hin Jesus handelt, zwar nicht, um sein Reich in voller Herrlichkeit herzustellen, denn dazu ist die Stunde nicht gekommen, wohl aber um ein Zeichen zu stellen, an welchem er als Herr und König dieses Reiches der Herrlichkeit erkannt werden könne. Es ist dies ein erneuertes Eingehen in die augenblickliche Gestalt und Lage der Dinge. In dem Beharren des Glaubens der Maria erkennt er aufs Neue das vorhandene Bedürfniß, und indem er sich jetzt in dieses Bedürfniß versenkt und es ganz zu seinem eigenen macht, hebt sich seine Seele empor und sein Wille nimmt den Willen des Vaters auf und schafft die Erledigung des Bedürfnisses.

Aber auch eine sehr deutliche Hinweisung auf die letzte Zukunft liegt in diesem ersten Zeichen Jesu auf der Hochzeit. Nach der alttestamentlichen Schrift wird das tiefste Geheimniß des Verhältnisses zwischen Jehova und Israel darin gesetzt, daß dieses Verhältniß die Verlobung Jehovas mit Israel sei. Das neue Testament nimmt diese Vorstellung nicht bloß wieder auf, sondern verkündigt die Verwirklichung dieses Verhältnisses in Jesu Christo. Schon der rauhe Wüstenprediger wandelt auf einmal seinen Ton, wenn er auf diesen Punkt eingeht. Er nennt Jesum den Bräutigam, der die Braut hat, und sich bezeichnet er als den Freund des Bräutigams (s. Joh. 3, 29); und Paulus lehrt, daß das eigentliche Mysterium der Ehe, auf welches schon der erste Mensch hingewiesen, in der Gemeinschaft Christi zu der Gemeinde zur Erscheinung kommt (s. Eph. 5, 31. 32). Gleichwie nun das erste Weib aus dem Manne geschaffen wurde, weil er unter den lebendigen Wesen seines Gleichen nicht fand, so findet auch des Menschen Sohn unter allen Lebendigen nicht seines Gleichen. Die Einzige, die ihm ebenbürtig ist, ist seine Gemeinde, diese aber ist geschaffen aus seinem Fleisch und Bein (s. Eph. 5, 29). Damit erledigt sich auch die etwas profane Frage, warum Jesus, während er sich in alle menschlichen Verhältnisse hineinbegeben, nicht in die Ehe getreten sei. Auch dieses Verhältniß hat für ihn seine volle Wahrheit, aber eine Wahrheit in höherem Sinne, und eben deshalb war eine andere Verwirklichung dieses Verhältnisses für ihn eine Unmöglichkeit. Derselbe Apostel nun, der uns die Geschichte von der Hochzeit zu Kana erzählt, ist es auch, der auf Grundlage jener biblischen Anschauung als das Ende und die letzte Höhe aller Geschichte der Menschheit die Hochzeit des Lammes bezeichnet (s. Offenb. 19, 7. 9. 21, 2. 9). Demnach ist also die Festfreude auf der Hochzeit zu Kana, welche Jesus durch sein Wunder zu ihrer Höhe erhebt, ein verständlicher Wink, der auf die Stunde hinweist, welche der erwählten und geheiligten Menschheit dereinst bereitet wird, und es ist somit das erste Wunderzeichen Jesu ein Strahl, in welchem das Geheimniß der letzten und höchsten aller Freuden, welche er der verlorenen Welt schaffen wird, von fern geahnet werden soll.

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