Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Fünfundzwanzigster Vortrag. Das Kreuz.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Fünfundzwanzigster Vortrag. Das Kreuz.

So sind wir denn, verehrte Manner und Frauen auf unserem gemeinsamen Wege bis zu jener stillen heiligen Höhe gelangt, wo Gott der Dreieinige den Thron der Offenbarung seiner Liebe aufgeschlagen hat; offen und frei steht dieses Heiligthum mitten in der Welt, kein Vorhang, kein Vorhof hält die Ungeweihten und Profanen ab, aber die inwohnende Strenge ist wie ein Cherub mit flammendem Schwert und nichts Unreines darf sich nahen, aber für die aufrichtigen Gemüther und geraden Seelen liegt hier eine Anziehungskraft von unvergleichlicher Feinheit und Stärke, nirgends lieber weilen sie als in diesem schmucklosen Heiligthum, hier finden sie Balsam für die tiefsten Wunden, friedliche, ungestörte Rast nach schwerer Arbeit und großer Erschöpfung, hier schmecken sie die Kräfte der zukünftigen Welt, daß sie mit neuem Muth und festem Schritt ihrem hohen Ziele rastlos entgegenstreben können. Sei uns denn gegrüßt, du heiliges Kreuz, du für die ganze Welt verhüllter, aber für das Geistesauge der Gläubigen aufgedeckter Thron des ewigen Sieges und der himmlischen Kraft, auf dem sich niedergelassen der Anfänger und Vollender unseres Glaubens, um uns Alle nach sich zu ziehen (s. Joh. 12,32), damit wir gereinigt von dem Staube der Erde im Himmel unser Bürgerrecht haben (s. Phil. 3,20) und trachten nach dem, was droben ist, und tödten unsere Glieder, die auf Erden sind (s. Kol. 3,1,5); sei uns gesegnet du theures Kreuz, du einfachstes, verständlichstes und lebendigstes Gotteszeichen, faßlich und begreiflich dem menschlichen Bewußtsein, wenn es erwacht und wenn es erlischt, dem forschenden Auge, welches einfältig ist, eine unergründliche Himmelstiefe mit Milchstraßen von Gedankensternen, den Selbstweisen aber und Selbstgerechten eine unleidliche und ewig quälende Thorheit. O daß es mir gelingen möchte, das Kreuz richtig zu zeichnen, dann werden alle Schiefheiten und Unvollkommenheiten meiner sonstigen Darstellung vergeben und gut gemacht. Dagegen gelingt mir dieses nicht, so mag alles Uebrige noch so gut gerathen sein, es fehlet doch das Beste, Wer das Kreuz falsch zeichnet, wer das Kreuz verfälscht, der verrückt den äußersten Markstein, an dem allein das sich selbst abhanden gekommene Denken und Leben der Menschheit sich wieder orientieren soll, der vergiftet die Muttermilch der himmlischen Weisheit, der arbeitet in der Werkstatt derjenigen Lüge, welche den zweiten Tod gebiert. Darum verflucht sei jede Sicherheit und Leichtfertigkeit, trete sie nun auf frivol oder scheinheilig, welche sich vermißt, diese einige und ewige Brücke zwischen Himmel und Erde zu behandeln, wie ein Ding dieser Welt! Je verbreiteter in unserer Zeit diese ärgste aller Täuschungen ist, die Verfälschung des Kreuzes, desto nöthiger ist es, sich an das Vorbild zu erinnern, welches der Apostel Paulus mit seinem eigenen Beispiele für alle Zeiten aufgestellt hat. Paulus schreibt an die galatischen Gemeinden, daß ihnen Jesus Christus so vor Augen gestellt gewesen sei, als wäre er unter ihnen gekreuzigt (s. Gal. 3,1). Die galatischen Christen waren heidnische Götzendiener, als Paulus den gekreuzigten Christus predigte, sie wohnten außerdem von dem Schauplatz der heiligen Geschichte weit entlegen. Wie bringt der Apostel diesen geistig und räumlich so fernstehenden Menschen das Leiden Christi so nahe, als ginge es unter ihren Augen vor? Erreicht er dieses vermittelst seiner lebhaften Phantasie in Verbindung mit seinem beredten Wort? Abgesehen davon, daß die Erwähnung von körperlichen Leiden, welche ihn bei seiner Thätigkeit unter den Galatern gehemmt hätten (s, Gal. 4,13.14), den Gedanken an solche Vorzüge seiner Verkündigung nicht sehr begünstigt, so würde eine so erzeugte Anschauung von dem Kreuze Christi jedenfalls nur ein rasch vorübergehender Eindruck gewesen sein und Paulus hätte nicht Ursache gehabt, dieses Eindruckes als einer besonderen Höhe ihres christlichen Standes Erwähnung zu thun. Außerdem wissen wir auch, daß Paulus, vornehmlich, wenn er von dem Kreuze redet, sich recht sorgfältig aller Kunst und alles Schmuckes enthält, damit der Glaube, wie er sagt, nicht beruhe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft (s. 1 Kor. 2,4.5; vgl. V. 13). Die Wirkung des wunderbaren Eindrucks, den Paulus mit seiner Verkündigung von dem Leiden Christi unter den Galatern erreicht, liegt in einer weit innerlicheren und persönlicheren Kraft, als jenen Gaben des Geistes und Mundes. Paulus sagt von sich, daß er das Sterben Jesu, daß er die Wundenmaale des Herrn an seinem Leibe trage (s. 2 Kor. 4,10. Gal. 6,17): damit bezeichnet er die Aehnlichkeit mit Christi Leiden, in welche er in Kraft und Folge seines Glaubens an den Gekreuzigten eingetreten sei, und diese Aehnlichkeit ist die Grundlage seines Standes in Christo. Das Leiden Christi war ihm nicht eine ferne Begebenheit, die er sich vermittelst eines besonderen Denkens und einer besonderen Anstrengung seines geistigen Anschauungsvermögens ihm nahe zu bringen nöthig hatte, sondern diese Thatsache war geistig und leiblich eine Gegenwart, ja die Grundlage seines inneren und äußeren Lebens. Diese Gegenwart, diese Wiederholung des Leidens Christi in Kraft des heiligen Geistes ist die Macht, welche dem Worte des Paulus unter den heidnischen Galatern eine solche Anschaulichkeit und Nachdrücklichkeit verliehen hat. Und darnach soll sich ein Jeder, der das heilige Kreuz unter den Menschen aufrichten will, ernstlich und gewissenhaft prüfen. Wer von dieser Gegenwart des Leidens Christi in sich und an sich selber Nichts weiß, der spare nur seine kunstreichen Reden, er kann doch immer nur seine eigenen oder fremden Gedanken über das Kreuz vorbringen, das Kreuz selber, dieses dürre unschöne Holz, welches aber der Baum des Lebens ist, wird durch sein Wort Niemand zu schauen bekommen und dann gerathen jene Gedankenverzierungen sehr leicht zur Verfälschung des wahren Kreuzes. Ich würde mich nicht unterfangen, Ihnen das Kreuz darzustellen, wenn ich nicht das Zeugniß in mir hätte, daß ich die Kraft dieses Kreuzes erfahren habe und alle Tage aufs Neue erfahre. Ich weiß, daß ich von dem Banne meiner Sünde und meines Todes einzig und allein durch das heilige Blut dieses Kreuzes befreiet bin, und weil ich in diesem Glauben lebe und wirke und mich durch nichts Anderes bestimmen lasse als durch dieses heilige Zeichen des Kreuzes, so muß ich auch die Schmach des Kreuzes tragen, welche Schmach ich mir aber zur Ehre anrechne. Weil mir der Geist der Wahrheit dieses Zeugniß bestätigt, so darf ich hoffen, daß es mir gelingen wird, das rechte und wahre Kreuz, an welchem unser Heiland gehangen, zu zeichnen, und nicht ein eingebildetes, falsches, verführerisches.

Unsere heutige Betrachtung führt uns in die eigentliche Tiefe des Leidens Jesu hinein. Es kommt dabei eine Reihe von äußeren Momenten zur Erwägung: die Menschheit handelt und die Natur gibt ihre begleitenden Zeichen, aber diese Aeußerlichkeiten werden erst verständlich in dem Verhalten des Herrn selber. Dieses Verhalten ist das Selbstlicht seiner Liebe in seinem wunderbarsten Glanze und in seiner höchsten Kraft. Diese blutende und sterbende Liebe ist der ewige Magnet geworden, der Alles, was in der erstarrenden und erstorbenen Welt sich zur Liebe erwecken lassen will, anzuziehen und mit belebender Gotteskraft in die Gemeinschaft seiner Seligkeit aufzunehmen die Macht hat, Alles hingegen, was dieser höchsten Liebesmacht widersteht, in die ewige Finsterniß und Gottesferne hinauszustoßen.

Die Schädelstäte, der Ort der Kreuzigung, war außerhalb der Stadt, denn Johannes schreibt, Jesus ging hinaus (s. 19,17 ff., vgl. Hebr. 13,11.12). Auf dem Wege von dem Richthause nach dem Ort des Todes, der allerdings kein langer war (s. Joh. 19, 20), trägt Jesus das Werkzeug seines Todes selber, wie Johannes ausdrücklich berichtet (s. Joh. 19,17). Da nun die Synoptiker erzählen, daß man den Simon, einen Kyrenäer, der eben vom Lande in die Stadt hineinwill, gezwungen habe, Jesu das Kreuz voranzutragen (s. Matth. 27,32. Marc. 25,21. Luk. 23,26), so. hat man dieses von Alters her so aufgefaßt, daß Jesus von all der erschöpfenden Anstrengung der letzten Tage und Stunden unter der Last des Kreuzes erlegen sei. Dieser Zustand der Erschöpfung hindert Jesum aber nicht, den ihn auf seinem Todeswege beklagenden und beweinenden Weibern von Jerusalem seine volle Aufmerksamkeit und Theilnahme zuzuwenden. Obwohl nämlich der Herr schon feierlich von seinem Volk und namentlich von der Stadt Jerusalem Abschied genommen hat, thut er hier auf seinem letzten Gange noch einmal den Mund auf vor seinem Volk, vor den Töchtern Zions, nicht als ob das Verhalten der klagenden und weinenden Weiber ihm als eine Umkehr von der allgemeinen Verkehrtheit erschienen wäre, im Gegentheil er tadelt ihr Verhalten und bestätigt sein letztes Urtheil über Jerusalem. Und dennoch muß es als etwas Großes angesehen werden, daß er die Töchter Jerusalems anredet (s. Luk. 23, 28), und es wäre dieses undenkbar, wenn nicht Jesus in dem Benehmen der Weiber einen Anknüpfungspunkt für das Wort seines bereits verstummten Mundes erkannt hätte. Allerdings nun ist das, was die Weiber äußern, Nichts als das natürliche und allgemeine Mitleiden des weiblichen Gemüthes mit dem tragischen Geschick eines jungen Mannes, der seinem blutigen, Verhängniß entgegengeht, aber obgleich Jesus auch solchen natürlichen Gefühlsäußerungen durchaus keinen entscheidenden Werth beilegt, so ist er doch weit entfernt von derjenigen Verachtung solcher Gefühle, welche man neuerdings im Namen des Christenthums zu predigen sich unterfängt. Offenbar erkennt er in den Klagen und Thränen der jerusalemischen Weiber eine Aufgeschlossenheit des menschlichen Sinnes, welche ihn im Gegensatz zu der allgemeinen Herzenshärtigkeit wohlthuend berührt. Jedenfalls ist es ein Eingehen Jesu in die Gefühlsäußerungen der jerusalemischen Frauen, welches sein Schweigen bricht, aber weiter will er für jetzt mit seinem Worte Nichts erreichen, als den Gefühlsäußerungen der Angeredeten eine andere Richtung zu geben. Nicht über ihn sollen sie weinen, sagt er ihnen, sondern über sich selbst und über ihre Kinder, und dann beschreibt er ihnen, eingehend auf ihren weiblichen Standpunkt, die Noch der kommenden Tage. Wir sehen aus dieser Wendung, daß auch jetzt, wo Leib und Seele Jesu in das bitterste Gefühl des Selbstlebens versenkt sind, Nichts als die Liebe das Herz Jesu erfüllt. Das drohende Verhängniß Jerusalems beschäftigt ihn innerlich so sehr, daß er den ersten sich ihm irgendwie darbietenden Anlaß gebraucht, um die traurige Gewißheit des Unterganges seines Volkes auszusprechen, daß er die erste Möglichkeit, seinen Kummer über Jerusalem auszuschütten, sofort ergreift. Und fragen wir, woher es kommt, daß ihm dieses Schicksal der jüdischen Hauptstadt gerade jetzt das Herz so erfüllt, daß der Mund davon übergehen muß, so kann es nur in dem begründet sein, was ihm eben jetzt widerfährt. Er weiß es, daß er der letzte Hüter und Hort seines Volkes gewesen ist, nun aber hat ihn sein eigenes Volk an die Heiden überantwortet und die Heiden führen ihn eben aus den Thoren Jerusalems hinaus an den Ort des Todes. Damit ist nun, und ras ist es, was mächtig und unaufhaltsam auf sein Gemüth eindringt, die letzte Schutzwehr niedergerissen und die feindlichen Gewalten, welche schon lange drohen und lauern, können ungehindert hereinbrechen. Davon nun feine Spur, eben so wenig wie vor einigen Tagen auf dem Oelberge, als Jesus über Jerusalem weinte, daß diese schrecklichen Gewalten von Jerusalem Nichts fordern können und wollen, als sein eigenes unschuldig, vergossenes Blut. Das ist die Liebe, die ihrer selbst vergißt, das ist die Liebe auf ihrem Todesgange. Diese Liebe ist die einzige Macht, welche die Welt retten kann, nachdem das Volk Gottes, dieses Erstgeborene unter den Völkern der Erde (s. 2 M. 4,22) nichts Besseres mehr hervorbringen kann als unverständige Klagen und blinde Thränen einiger Weiber.

Das Kreuz Christi wird nicht bloß an der richtigen Stelle, an dem Orte der Missethäter, aufgerichtet, sondern diese Stelle wird durch einen eigenen begleitenden Act eben zur Charakterisierung der Kreuzigung Jesu für alle Zeiten gekennzeichnet. Zwei Räuber werden gleichzeitig mit Jesu gekreuzigt, Einer zur Rechten und einer zur Linken und Jesus in ihrer Mitte (s. Joh. 19, 18). Von dem Knechte Jehovas steht geschrieben: er wird unter die Missethäter gerechnet (s. Jes. 53,12). Niemand konnte sich vorstellen, daß diese Weissagung in einer so schrecklichen Buchstäblichkeit sich erfüllen würde, wie es an Jesu geschehen ist (s. Luk. 22,37. Marc. 15,28), und nachdem es geschehen ist, soll dieser Umstand dazu dienen, uns immer aufs Neue zu vergegenwärtigen, in welcher furchtbaren Rücksichtslosigkeit und Nacktheit Strafe und Schmach über den Heiland der Sünder verhängt worden ist. Den Act der Kreuzigung selber beschreiben die Evangelisten nicht, sie erwähnen ihn nur als Thatsache, und deshalb wollen auch wir unsere Phantasie nicht anstrengen, um bei diesem gräßlichen Vorgange zu verweilen. Aber das wollen wir nicht unbeachtet lassen, wofür die Kreuzigung eines Menschen angesehen wurde. Nach dem römischen Recht war die Kreuzigung der schimpfliche und grausame Martertod für die schwersten Verbrecher der verachteten Menschenklassen. Zu dieser heidnischen Schätzung des Kreuzes kam nun noch die jüdische: nach dem göttlichen Gesetzesbuchstaben ist jeder Gehängte verflucht (s. 5 M. 21,23). Da wir nun von vornherein vorausgesetzt haben, und diese Voraussetzung unzählig oft bestätigt gefunden haben, daß Jesus voller und richtiger Mensch gewesen ist, so dürfen wir an unserer Stelle nicht übersehen, daß er diese heidnische und jüdische Ansicht vom Kreuze nicht bloß kennt, sondern auch ohne Rückhalt fühlt, daß er insonderheit das Gesetzeswort von dem Holze des Fluches nicht bloß als ein Volksurtheil, sondern als ein Gottesurtheil auffaßt und hiermit und demnach das, was Paulus schreibt: „er ist für uns ein Fluch geworden“ (s. Gal. 3,10), eben in seinem Kreuze getragen und gefühlt hat. Wir müssen voraussetzen, daß dieses Gefühl die Grundstimmung seiner Seele ist in diesen Stunden und in diesem Gefühl die eigentliche innere Wahrheit seiner Kreuzigung ruht. Denn das ist überall die Wahrheit dieser heiligen Lebensgeschichte, daß jede Aeußerlichkeit die entsprechende Erscheinung eines Inneren ist und hier somit alle Täuschung, die jedem, auch dem besten Menschen anhaftet, schlechthin überwunden ist. Wir werden auch erfahren, daß Jesus eben dieses Gefühl als sein tiefstes und mächtigstes aussprechen wird. Doch ehe wir den siebenfachen Laut seines göttlichen Mundes während seines Todesleidens vernehmen, wollen wir zuvor die äußeren begleitenden Umstände als den dunkeln Hintergrund, auf dem diese ewigen Strahlen des himmlischen Lichtes ruhen, erwägen.

Das Kreuz führt eine Inschrift, einen Titel, wie Johannes sagt (s. Joh. 19,19.20). Pilatus ließ in den drei Hauptsprachen der damaligen Welt über dem Kreuze Jesu schreiben: „Jesus aus Nazaret, der Juden König“ (s. Luk. 23,38). Wie Kaiphas als Hohepriester Israels die Wahrheit sprach, ohne daß er es wußte und wollte (s. Joh. 11,49-52), so schreibt Pilatus der Beamte des römischen Reiches die Wahrheit, ohne daß er weiß, was er thut. Wir befinden uns hier auf einem Punkte der Geschichte, wo Alles, auch das Kleinste bedeutsam wird, weil das, warum es sich hier handelt, die Are ist, um welche alle Menschheitsgeschichte sich bewegt. Darum macht derselbe Johannes, der uns das weissagende Wort des Kaiphas berichtet hat, auf den Umstand aufmerksam, daß Pilatus, der den Juden gegenüber sich sonst so schwächlich und feige benimmt, in Ansehung jenes Titels keine Aenderung, welche die Juden so sehr wünschen, zugeben will, und sie mit den Worten abweist: „was ich geschrieben, das habe ich geschrieben“ (s. Joh. 19,22).

Die römischen Kriegsknechte, welche das über Jesum gefällte Urtheil vollstrecken, thun nach ihrer Sitte und nach ihrem Recht, so vertheilen unter sich die Kleider Jesu, und über sein Gewand, welches nach Art der Priesterkleider ungenäht war (s. Joh. 19,23), werfen sie das Loos (s. Matth. 27, 35). Auch diese wissen nicht, was sie thun, sie erfüllen die Worte, welche David einst in seiner Todesnot!) gesprochen hat (s. Ps. 22,19). David sah bereits, als kein Entrinnen aus der Hand seiner übermüthigen und grausamen Feinde mehr möglich schien, seine Kleider in den Händen seiner Widersacher. Er aber ward durch Jehovas Fügung errettet. Sein Sohn aber, in welchem sich Alles verwirklicht und vollendet, was in ihm vorbildlich war, kommt nicht bloß in die äußerste Gefahr, sondern er muß in der überströmenden Flut der Gefahr versinken; an ihm erfüllt sich auch das Letzte, er wird entkleidet und muß die letzte und dürftigste Habe, welche er von der Erde hatte, zurückgeben und den Händen seiner Mörder überlassen; mit ihm wird so scharf und rücksichtslos verfahren, daß das für die sündige Menschheit gegebene Gesetz, nach welchem wie Einer nackt zur Welt kommt er nackt von hinnen gehen muß (s. Hiob 1,21. 1 Tim. 6,7). an ihm sich buchstäblich erfüllen muß. Aber nicht bloß das ergeht über ihn, was in der nun einmal über ihn verhängten Nothwendigkeit der obwaltenden Verhältnisse lag, weit über das Maß eines Verbrechertodes geht hinaus, was ihm angethan wird. Wenn sonst einem Sünder sein Recht gethan wird, so fühlt sich das menschliche Bewußtsein befriedigt und wendet sich wohl zum Mitleiden mit dem Schuldigen. Hier ist es der Unschuldige, der als Sünder leidet, und sein blutiges Todesleiden wird ihm noch verschärft durch den empfindlichsten Spott, der ihn von allen Seiten umgibt. Nachdem die. Kreuzigung vollzogen und die Kleider vertheilt waren, sitzen die römischen Krieger und bewachen ihn, den ans Kreuz Genagelten (s. Matth. 27,35). Jesus hängt an dem Pfahl der Marter, der Schmach und des Fluches und fein Blut strömt zur Erde. Dieser Anblick ist ein Schauspiel für die Juden; in Massen sind sie hinausgeströmt (s. Joh. 19,26. Luk. 23,48). Die Juden, anstatt nun über das strömende Blut, das sie auf ihr und ihrer Kinder Haupt herabgerufen haben (s. Matth. 27,25), zu erschrecken, haben offenbar Wohlgefallen an diesem Todesleiden, wie später Sau! von Tarsus sich an dem Tode des Stephanus weidete (s. Apostelg. 8,1). In dieser Stimmung wird ihnen die unnatürliche Grausamkeit möglich, daß sie den in marternden Todesleiden Schwebenden verspotten, indem sie sein Heiligstes dem Gelächter Preis geben; wobei freilich der Erklärungsgrund nicht zu übersehen ist, daß sie sich für die früheren überwältigenden Eindrücke, die sie so oft von seinem Reden und Handeln empfangen haben, zu entschädigen suchen. Ueberlegter noch und boshafter ist der Spott der Volksobersten (s. Matth. 27,41-43). Sie sprechen: „Anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.“ Unverhohlen räumen diese Widersacher hier die landkundige Wunderthätigkeit Jesu ein, denn sie glauben einen Beweis in Händen zu haben, der alle Folgerungen, die man aus den Wundern Jesu ziehen könnte, von vornherein vernichtet: nämlich seine eigene Hülfslosigkeit, die nunmehr vor Augen ist. Ehe sie aus dieser Hülfslosigkeit Jesu einen solchen Beweis gegen ihn formieren konnten, mußten sie sich an seinem Leiden zuvor recht gefreut haben. Es ergeht aber den Meistern Israels hier, wie Allen, welche über göttliche und heilige Dinge nach dem Augenschein urtheilen. Da sie die handgreifliche Gegenwart für sich zu haben meinen, fühlen sie sich so sicher, daß sie seine wunderthätige Vergangenheit dreist erwähnen, aber das entgeht ihnen, daß Jesus in seiner gegenwärtigen Noth jede Aushülfe verschmäht, davon haben sie keine Ahnung, daß es ein heiliges Band gibt, welches seine wunderthätige Kraft und Wirkung und seine sterbende Ohnmacht zu einer Einheit verknüpft, nämlich die Liebe, welche sich versenkend in den Zustand der Leiden Wunder wirkt und dadurch Einigen hilft, welche sich versenkend in den Zustand der Sünde der Menschheit in den Tod geht und dadurch Allen hilft. Eben so blind aber auch, eben so verletzend ist die weitere Spottrede: „wenn er König Israels ist, so steige er nun von dem Kreuze und wir werden an ihn glauben.“ Sie wissen nicht, daß das Ertragen des Kreuzes, welches Jesus anstatt der ihm vorliegenden Freude erwählet (s. Hebr. 12,2), der ewige Grund ist, auf welchem sein Königthum ruht, und daher wer um dieses Grundes willen nicht glauben will und kann, überall den heiligen Namen des Glaubens gar nicht in seinen Mund nehmen sollte. Uebrigens müssen diese Pharisäer auch hier Zeugniß geben, daß sie sehr wohl wissen, worauf es Jesus abgesehen, daß er nämlich Israels König sein will und von Allen den Glauben verlangte. Endlich sagen diese vornehmen und giftigen Spötter: „er hat auf Gott vertrauet, der errette ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat, denn er sagte: ich bin Gottes Sohn.“ Auch hier müssen sie Jesu wider Willen ein gutes Zeugniß stellen. Das Lob des Gottvertrauens, welches diese Feinde Jesu ihm hier ertheilen, ist unendlich viel richtiger und besser, als der Preis der Weltregierung, den manche Dogmatiker Jesu zuerkannt haben. Uebrigens wollen die Spötter das Lob des Gottvertrauens wiederum durch die Hinweisung auf die gegenwärtige Gottverlassenheit Jesu vernichten und lächerlich machen. Bei alle dem merken diese Schriftgelehrten in ihrer blinden Leidenschaft nicht, daß sie selber mit ihrem Spott über Jesum die heilige Schrift (s. Ps. 22,7-9) an ihm in Erfüllung bringen. Als nun die vorübergehenden Juden und selbst die Volksobersten in solcher rohen Herzenshärtigkeit sich über ihren leidenden und blutenden Volksgenossen auslassen, da enthalten sich auch die Soldaten des Spottes nicht länger (s. Luk. 23,36). Die unnatürlichste Bosheit, wenn sie erst eine gewisse Verbreitung gefunden, wirkt wie eine Epidemie. Hier ist es nun vollends, als ob die Hölle ihre schlimmsten Geister ausgelassen, um den Hügel des göttlichen Leidens mit ihren Greueln zu umlagern. Als sich die Ströme des bittersten und unmenschlichsten Spottes über das Haupt des unschuldig Leidenden ergießen, erfrechen sich selbst die Schächer, die neben Jesu hangen, oder wie es Lukas genauer erzählt, der Eine der beiden mitgekreuzigten Räuber, in diesen Spott mit einzustimmen. Selbst das am Hochgericht verendende Verbrechen reckt seine Junge aus gegen den göttlichen Heiligen, weil all seine Heiligkeit in das Gewand der Sünden und alle seine Herrlichkeit in das Kleid der Schmach eingehüllt ist. Wenn aber der Räuber am Kreuzespfahl höhnet, wem ist es dann noch verwehret? Ist denn Niemand vorhanden, der diesem alle Schranken der Menschlichkeit überflutenden Strome der Verderbtheit einen Damm entgegensetzen kann? Wo sind denn die Getreuen, die Vertrauten, die Verwandten? Petrus der kühne Führer und Vorredner, ach er sitzt in seiner einsamen Höhle und weinet seinen Kummer aus, die Meisten der Jünger haben sich von ihrem ersten Schrecken über die Verwandlung der ganzen Weltscene noch lange nicht erholt. Allerdings sind Bekannte Jesu zugegen, unter Anderen Johannes und Maria, die Gebenedeiete, aber Lukas sagt von Allen: „sie standen von ferne“ (s. 23, 49). Sie wagen sich also nicht nahe herzu und wenn allerdings Maria und Johannes einmal so nahe waren, daß Jesus zu ihnen reden konnte, so haben sie vermuthlich diesen Stand nur eine kurze Weile behauptet. Das Entsetzen über das, was geschieht, ist bei Allen so groß, daß ihr Herz erstarrt und ihr Mund verstummet. Schwerlich dürfen wir auch nur die Zeichen des lebhaften Schmerzes, welche die Kunst ihnen andichtet, als geschichtlich gelten lassen. Auch die Bekannten Jesu, mit welchem offenbar gewählten Ausdruck Lukas an der eben genannten Stelle die Nächsten des Herrn bezeichnet, stehen unter der Macht der entsetzlichen Finsterniß, welche über Juden und Heiden, welche über die Welt gekommen ist. Und versetzen wir uns in das Gemüth des Heilandes, so ist wohl schwer zu sagen, was sein Herz mehr durchbohrt hat, das Anhören der höhnenden Zungen seiner Widersacher und Scharfrichter, oder der Anblick der erstarrten und stummen Angesichter seiner Geliebtesten, jedenfalls ist gewiß, daß er in dem Einen wie in dem Anderen die Macht der Sünde und die Gewalt des Fürsten dieser Welt erkannte und fühlte. Ueber diese Scenen der vollendeten Sünde der Welt verbreitet sich nun eine dreistündige Finsterniß. Um 9 Uhr des Morgens wird Jesus an das Kreuz geschlagen (s. Marc. 15,25) und von 12 bis 3 Uhr verfinstert sich die Sonne und das ganze Land wird drei Stunden in Dunkel gehüllt (s. Matth. 27,45. Marc. 18,33. Luk. 23,44). Hier ereignet sich, was ein lebhaftes Gefühl eines großen Schmerzes oder Unwillens so oft als eine innere Nothwendigkeit empfindet. Bei einer lebhaften Aufregung über eine schreiende Disharmonie in der Menschenwelt nämlich wundern wir, ja wir entsetzen uns über die Theilnahmlosigkeit der Natur; wir können und mögen es schwer begreifen, daß die Ordnung der Natur ihren festen ruhigen Gang fortgeht, während in der Menschenwelt, dem eigentlichen Mittelpunkt, um den die ganze Naturordnung kreist, Alles aus den Fugen reißt. Hier nun findet dieses Gefühl seine volle Befriedigung: die Natur selber gibt diesen nächtlichen Scenen der Menschenwelt durch Verfinsterung des mittäglichen Sonnenlichtes das richtige Colorit.

Jetzt ist es Zeit, daß wir uns dahin wenden, von wo allein das Licht wiederum aufgehen kann. Die Sonne verliert ihren Schein, weil in der Menschenwelt der letzte Strahl des Lichtes von der Macht der Finsterniß verschlungen ist. Das Licht kann demnach nur dadurch wieder aufgehen, daß innerhalb der Menschheit die Macht der vorhandenen und vollendeten Finsterniß gebrochen wird. Johannes bezeugt von dem Worte, das im Anfang war, daß in ihm das Leben war und dieses Leben sei das Licht der Menschen (s. Joh. 1, 4). Dieses Leben geht jetzt in den Tod, aber indem es in den Tod geht, beweist es sich als das ewige Wort, und dieses Wort ist das Licht, welches den neuen Tag der Welt heraufführt. Die Liebe lauscht auf die Worte der Sterbenden und gräbt sie als das letzte Vermächtniß in die Tafeln bleibender Erinnerung. Gleicherweise hängt die glaubende Gemeinde an den Lippen des sterbenden Heilandes, sie hat aber nicht nöthig, womit sonst die Liebe sich sehr abmüht, in die Worte des Sterbenden mehr hineinzulegen, als darin enthalten ist. In den Worten des sterbenden Jesus ist das ewige Licht, welches alle Finsterniß der Herzen vertreibt und endlich auch die äußere Welt mit einem neuen unvergänglichen Licht erleuchten wird, und immer neue Strahlen dieses unerschöpflichen Lichtes schauet die anbetende Gemeinde.

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun“ (s. Luk. 23, 34), mit diesem Worte öffnet sich der im Leiden stumm gewordene Mund des Herrn am Kreuze. Wir haben gefunden, daß in dem Maße, als sich die Welt vor dem Worte und Werk Jesu verschließt, bis ihm zuletzt keine Stäte der Einwirkung übrig bleibt, in dem Maße richtet sich seine Seele ausschließlich auf Gott. Dem entspricht es ganz genau, daß das erste Wort am Kreuze eine Anrede des Vaters ist. Beachten wir aber wohl, daß daraus unmittelbar erhellt, wie Jesu auch jetzt der Zugang zu seinem Vater völlig offen und frei geblieben ist, was nur die Wirkung seines Alles überwindenden Glaubens sein kann. Denn versenkt ist er jetzt mit Leib und Seel in die unmittelbare Erfahrung und Empfindung der widergöttlichen Mächte, die in der Welt sind. Die sich vollendende Sünde der Welt hat die Seinen starr und regungslos gemacht und andererseits die rohe Faust ihrer Ungerechtigkeit und Lüge wider ihn erhoben und Jesus, der überall in den Grund der Dinge und Thatsachen eindringt, weiß es, daß der Fürst der Finsterniß mit seinen dämonischen Heerschaaren es ist, der jetzt die ganze Menschheit als Organ seines Willens gegen ihn gebraucht. Jeder Athemzug, den sein dahinschwindendes Leben thut, jeder Blutstropfen, der aus seinen offenen Wunden zur Erde rinnt, sagt es ihm, daß die widergöttlichen Gewalten sich seiner bemächtigen. Und Gottes Walten erfährt er nicht anders, als daß es ihn den widergöttlichen Gewalten überliefert und überläßt. Das freie Walten der kosmischen und dämonischen Potenzen, das gegen ihn selbst gerichtet ist, erkennt und schaut er an als das Walten Gottes, und diesen Gott nennt er auch jetzt Vater, er muß also auch in dem gegen seine ganze Existenz gerichteten Verhalten Gottes dennoch seine Vaterliebe unwandelbar festhalten. Diese Macht, welche durch die Welt, die die ganze Existenz Jesu widergöttlich gefangen hält und umschließt, zu Gott hindurchdringt, und in dem göttlichen Walten im Gegensatz zu dem gesammten physischen und psychischen Gefühl das Thun der Vaterliebe erkennt, ist diejenige Macht des Geistes, welche recht eigentlich das Wesen des Glaubens ausmacht. Und wie sich der Glaube Jesu hier vollendet, ebenso auch die Liebe. Das beweist der Inhalt dieser seiner Bitte an den Vater, Während er die ganze Bosheit seiner Widersacher an Leib und Seele erfährt, tritt er entschuldigend und fürbittend für diejenigen auf, die ihm jetzt die Todesqual bereiten. „Sie wissen nicht, was sie thun.“ Dies gilt im allernächsten Verstande von denen, welche das Urtheil und den Befehl ihrer Oberen ausführen, diese Werkzeuge eines höheren und fremden Willens haben keine Klarheit und in dem Maße auch weniger Verantwortung in Ansehung dessen, was sie Jesu Leides thun. Indessen streng genommen ist Keiner unter dem Kreuze, der, wenn es überall richtig mit ihm stände, nicht den bestimmten Eindruck erhalten könnte, daß Jesus kein Missethäter sei und also auch nicht so behandelt werden dürfe. Wir werden uns davon durch das Beispiel des einen Schächers überzeugen lassen. Also auch in Ansehung dieser untergebenen Werkzeuge ist es nur der Liebe Jesu möglich, dieses Wort aus voller Seele zu sprechen. Wobei auch das zu erwägen ist, daß, wären diese heidnischen Kriegsknechte völlig frei von aller Schuld, es keiner Vergebung von Seiten Gottes und keiner Fürbitte von Seiten Jesu bedurfte. Weiter zurück liegt die Verantwortung zunächst auf dem, welcher diesen letzten Act befohlen hat, nämlich Pontius Pilatus. Bei diesem ist schon ein ganz bestimmtes Wissen, er hat es wiederholt gesagt, daß er an Jesu keine Schuld finde, er hat ihn in demselben Augenblick, da er ihn zum Kreuz verurtheilte, einen Gerechten genannt. Jesus hat ihm auch selber gesagt, daß er sich durch seine Verurtheilung versündigen werde. Jesu Liebe aber ist es, welche es erkennt und berücksichtigt, daß der heidnische Landpfleger jedenfalls kein volles Bewußtsein hat über das, was er thut; und darum wird seine Sünde dem Vater zur Vergebung empfohlen. Geht nun die Fürbitte und Entschuldigung Jesu noch weiter zurück, geht sie auch auf die Obersten seines Volkes, welche ihn verrathen haben? Wir können uns in Bezug auf diese Frage ohne Weiteres an die mehrfachen Aussagen der Apostel halten, welche offenbar auf Grundlage dieser Fürbitte Jesu die Obersten des jüdischen Volkes in die Entschuldigung der Unwissenheit einschließen (s. Apostelg. 3,17.13,27. 1 Kor. 2,8). Demnach ist auch der, von dem Jesus zu Pilatus sagte: „der mich dir überantwortet, hat größere Sünde“ (s. Joh. 19,11), der Hohepriester mit seinen Rathsherren von Jesu mitgemeint. Und eben in dieser Beziehung der Fürbitte und Entschuldigung wird erst die ganze Tiefe der Liebe Jesu offenbar. Diese bekennen noch unter dem Kreuze, daß Jesus Wunder gethan, sie bezeugen, daß er sich auf Gott verlassen habe, sie haben die Kenntniß des Gesetzes und der Propheten, sie führen die Schlüssel des Himmelreiches. Sie haben also ein nicht geringes Maß von Erkenntniß über das, was sie an Jesu thun. Es sind ja auch eben diejenigen, in denen wir die tödtliche Feindschaft gegen Jesum aus dem Keim ihrer selbstsüchtigen Eigenschaften haben entstehen sehen; woraus ohne Weiteres gefolgert werden muß, daß dies an ihnen nicht ohne bestimmte Gewissensregungen, also nicht ohne Wissen um ihre Sünde geschehen sein kann. Wir haben auch zum Ueberfluß uns mehr als einmal überzeugen müssen, daß die jüdischen Volksoberen die Macht ihres besseren Wissens und Gewissens in Ansehung Jesu gewaltsam zurückdrängen. Auch wissen wir, daß Jesus selber ihnen Nichts so sehr zum Vorwurf machte, als ihre Heuchelei, und bei seiner letzten Anwesenheit in Jerusalem über sie als Heuchler sein Wehe ausgerufen hat. Der Vorwurf der Heuchelei und die Entschuldigung der Unwissenheit stehen mit einander im Gegensatz, und nur dem höchsten Maß der Liebe ist es gegeben, Beides mit voller und gleicher Wahrheit geltend zu machen. Wenn Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer Heuchler nennt, so will er sie auf ihren schlimmsten Fehler aufmerksam machen und geht recht eigentlich darauf aus, in allen ihren Sünden und Verkehrtheiten ihnen das Moment der Schuld zum Bewußtsein zu bringen, denn die Heuchelei setzt eben das Bewußtsein der eigenen Schlechtigkeit und des erkannten Besseren voraus. Es ist also der schärfste Vorwurf, der überhaupt dem Menschen gemacht werden kann, -und wir haben auch gefunden, daß Jesus in dieser Rede über die Heuchelei der Schriftgelehrten und Pharisäer (s. Matth. 23) den Bogen seiner prophetischen Strafrede am straffsten gespannt hat. Wir haben aber zugleich bemerkt, daß Jesus in dieser Strafrede die Sünde der jüdischen Volksobersten als den Gipfel der gesammten Menschheitssünde von dem Tode Abels an betrachtet wissen will (s. Matth. 23, 35. 36). Ist aber dieses, so wird auch der Fehler der Heuchelei ein allgemein menschlicher sein müssen, und in der That ist es auch so. Allerdings ist dieser Fehler da am höchsten entwickelt und gesteigert, wo die Erkenntniß des Guten am vollkommensten ist, bei denen, die auf Moses Stuhl sitzen (s. Matth. 23,2). Aber „die Heiden, welche das Gesetz nicht haben, sind ihnen selbst ein Gesetz,“ schreibt Paulus (Röm. 2,14). Die Stimme des Gewissens, als des inwendigen Gottesgesetzes, sagt allen Menschen, was gut und recht ist, sowie daß Keiner thut, was gut und recht ist. Da nun ferner diese Gewissensstimme sich bei Allen mit einer unabweislichen Majestät ankündigt, so finden wir bei allen Menschen ohne Ausnahme das Bestreben, was dem sittlichen Werthe ihres Wesens und Handelns an wirklichem Gehalte abgeht, irgendwie durch Schein zu ersetzen. Wie tief dieses Bestreben wurzelt und wie allgemein es verbreitet ist, davon überzeugt man sich am sichersten, wenn man diejenigen hört, welche offenbarer Sünden und Verbrechen geständig sind. Hier, sollte man glauben, müßte jeder Versuch, den Schein des Besseren aufrecht zu halten, von vornherein als nichtig erkannt werden, und dennoch bemüht sich jeder von diesen, sich wenigstens dadurch zu heben, daß er bei Weitem nicht so schlimm zu sein vorgibt, als die Mitgefangenen, welche das und das gethan. Ja so tief ist der heuchlerische Zug dem menschlichen Leben eingeprägt, daß diejenigen, welche sich desselben am kräftigsten zu erwehren suchen, in einen Fehler verfallen, den man umgekehrte Heuchelei, also doch wiederum eine Heuchelei genannt hat, wie das Beispiel von Jonatan Swift uns dies veranschaulicht. Indem also Jesus den weltgeschichtlichen Typus der Heuchelei, den schriftgelehrten Pharisäismus ins Angesicht straft, greift er die allgemein menschliche Sünde bei ihrer tiefsten Wurzel an. Daß aber diese Strafe die Stimme der reinsten Liebe ist, wissen wir am sichersten daraus, daß Jesus mit klarem Bewußtsein durch diesen seinen letzten Angriff die Feindschaft der Welt gegen sich selbst zu einer unversöhnlichen steigerte. Es ruht demnach ganz offenbar diese Strafrede Jesu auf seiner Willigkeit, seine ganze irdische Existenz der Gewalt des Hasses und der Sünde Preis zu geben.

Die Kehrseite derselben Liebe ist die Fürbitte Jesu am Kreuze. Das ganze bisherige Leben und Wirken Jesu ist, wie wir uns genugsam überzeugt haben, das Ringen mit der vorhandenen Sünde der Welt, mithin das persönliche Erfahren ihrer Macht und Tiefe. Am Kreuze nun erfährt Jesus die Macht und Tiefe der Sünde, die in der Welt ist und die sich hier zusammenfaßt, nicht bloß innerhalb seines Seelenlebens, sondern auch innerhalb seines Leibeslebens, sein ganzer Leidenszustand ist die Wirkung der Sünde, die mit dem lüsternen Blick der Eva beginnt und in dem Judaskuß sich vollendet. Alles, was in der Sünde der Menschheit enthalten ist, weiß Jesus nicht bloß, sondern er erfährt und trägt es jetzt mit seiner ganzen Existenz und es kann in alle Ewigkeit Niemand aufstehen, der von der Sünde der Welt Etwas aussage, was Jesus nicht an sich selber erfahren, gefühlt und getragen hätte. Wenn Jesus nun sagt, „sie wissen nicht was sie thun,“ so kann dies nicht eine Entschuldigung sein, wie wir sie oft vernehmen von denen, die weder ihre eigene Sünde, noch die der Anderen erkannt haben, es kann nicht eine Entschuldigung sein, welche der vollen und strengen Wahrheit ermangelt. Denn die ganze Wahrheit der Sünde ist so zu sagen die Grundlage, auf welcher die ganze gegenwärtige Existenz Jesu ruht, Alles was er sagt muß demnach diese Wahrheit zur Voraussetzung haben. Demnach kann diese Entschuldigung nicht aus einem Mangel der Wahrheit, sondern nur aus der Vollkraft der Liebe ihren Ursprung haben. Die Liebe Jesu versenkt sich in den untersten Grund des sittlichen Wesens der Menschheit und erkennt, daß es nur einen Willen gibt, der ohne Hülle klar weiß, was er thut, das ist der Wille des Lügners und Mörders von Anfang. Die übrige Menschheit läßt sich von diesem Fürsten der Welt verführen, ohne klar zu wissen, was sie thut, und dieses gilt im letzten Grunde selbst von Kaiphas, Von Judas freilich sagen die Evangelisten, wie wir gesehen haben, daß der Satan in ihn gefahren und mit ihm Eins geworden, und deshalb haben wir kein Recht, dieses Kind des Verderbens in die Fürbitte und Entschuldigung Jesu eingeschlossen zu denken. Da es nun nicht gestattet ist, eine anderweitige Ausnahme anzunehmen, so wird hier die Sünde der ganzen Menschheit, die Sünde der Juden und Heiden, nach den beiden Seiten ihrer Verschuldung und ihrer Entschuldigung abgewogen und das reine Ergebniß aller bisherigen Geschichte der Menschheit herausgestellt. Alle bisherige Sünde ist immer irgendwie noch mit einem Schleier der Unwissenheit umhüllt, indem sie gegen Gottes Willen handelt, meint sie doch etwas Anderes zu thun, der sündige Wille der Menschheit ist mit dem teuflischen Willen noch nicht Eins geworden. Darin liegt die Möglichkeit einer Erledigung und Vergebung der Sünde. Freilich ist diese Erledigung und Vergebung weder ein Selbstverstand noch das Resultat einer logischen Operation, noch auch endlich der Erfolg irgend einer Thätigkeit innerhalb der sündigen Menschheit. Die erste und zweite Möglichkeit kann nur da gedacht werden, wo überall die Stimme des Gewissens gar nicht ernstlich mehr vernommen oder erwogen wird, wo also mit dem Ernstesten irgendwie ein unerlaubtes Spiel getrieben wird. Die dritte Möglichkeit ist nur da annehmbar, wo zwar das Gewissen nicht ganz überhört wird, aber doch ebenso wenig zur vollen Geltung kommt. Denn wo dies der Fall ist, da steht es fest, daß es innerhalb der sündigen Menschheit keinen Act gibt, der von Sünde ganz frei wäre, der also Kraft hätte, das sündige Thun aufzuheben und umzusetzen. Zur Erledigung der Sünde ist nichts Geringeres erforderlich, als die auf dem Leiden und Sterben ruhende Fürbitte Jesu. Die Liebe, welche in ihrem Leiden und Sterben weiß und fühlt, was die Sünde ist, bittet zu dem, welcher das Gericht hat, um Erlaß der Sünde. Hier erfüllt und vollendet sich das, was der Hohepriester Israels am Versöhnungstage thut. Er ging mit dem für des Volkes Sünde vergossenen Opferblute in das Heiligthum, vor den Gnadenthron Jehovas; dieser sein Gang zu Jehovas Gnadengegenwart war die Bitte um Vergebung der Sünden Israels. Das Opferblut stellte den ganzen Ernst der Sünden, welche auch bekannt wurden, dar und die Bitte um Vergebung ruhte auf diesem Ernste der Anerkennung der Sündenschuld. Aber der volle Ernst dieser Wahrheit blieb doch außerhalb des bittenden Hohenpriesters, er trägt das Blut in seiner Hand. Hier aber kommt der Hohepriester mit seinem eigenen Blut, hier ist der Ernst der Sünde nicht abgebildet und äußerlich, sondern daß das Blut Jesu fließt, ist recht eigentlich die That der vollendeten Sünde selber, die Fürbitte Jesu ist demnach nichts Anderes, als die Stimme seines redenden Blutes selber (s. Hebr. 12,24). Darum ist Jesus der vollendete und ewige Hohepriester, der mit der Fürbitte seines fließenden Blutes die Vergebung aller Sünden erwirkt hat. Darin ist aber zugleich enthalten, daß Jesus das ist, worauf alle blutigen Opfer Israels und der Heiden hingedeutet und was sie gemeint haben. Er ist nicht bloß der einige Hohepriester, sondern zugleich das einige Opfer, welches in Ewigkeit gilt. Nicht bloß wegen der Sünde der Welt fließt das Blut Jesu, die Geschichte hat uns gezeigt, es ist ganz eigentlich das Thun der vollendeten Weltsünde, welches ihm die Wunden geschlagen hat, aus denen sein Blut und Leben verströmt. Die ganze Menschheit ist hier zum Kam geworden und Jesus ist Abel, der von der Hand feines Bruders den gewaltsamen Tod erleidet. Und doch ruft sein Blut nicht um Rache, obwohl kein Blut ein solches Recht auf die göttliche Vergeltung gehabt hat, wie dieses, sondern um Vergebung ruft die flehende Stimme des den Schlägen der Sünde Erliegenden. Das heißt doch nichts Anderes, als daß dieses Blut, welches durch die Sünde der Welt vergossen wird, eben für diese Welt vergossen wird, also Opferblut ist zur Vergebung der Sünde. Wir haben also einen Hohenpriester, der heilig ist und darum ewig und ein Opfer, welches die Vergebung nicht bloß abbildet, sondern bewirkt und herstellt. Damit ist nun die Vergebung der Sünden eine unbedingte und unbegrenzte geworden und lediglich an den Willen der Annahme gebunden. Da sie aber für Alle da ist und für Alle bestimmt, so kann die Nichtannahme nicht ein bloßer Indifferentismus bleiben, sondern muß in ein Widerstreben übergehen und sich zuletzt in einem wissentlichen Thun gegen den Geist Jesu abwenden, damit wird dann Christus zum zweiten Mal gekreuzigt und der Geist der Gnade geschmähet und es gibt hinfort keine Fürbitte mehr und keine Vergebung, sondern ein schreckliches Warten des Gerichtes und ewigen Feuers (s. Hebr. 6,6. 10,26-29). Indem wir uns dieser einzig gottgesetzten und in sich nothwendigen Schranke bewußt werden, wird es uns aufs Neue klar, daß das Gebet Jesu die Ermöglichung der Versöhnung ist für alle Sünder, welche ihrer Sünde ledig werden wollen.

Das zweite Wort Jesu ist an den Einen der beiden Räuber gerichtet und zeigt uns den Weg, auf welchem wir uns die ermöglichte und erworbene Versöhnung zu eigen zu machen haben. Während Jesus mit seinem eigenen Blute eingeht in das himmlische Heiligthum, während er als das Lamm Gottes sich zum Opfer darbringt für das gesammte Menschengeschlecht, steht die Menschheit ihm gegenüber entweder feindselig und mit höllischem Haß erfüllt, oder kalt und erstarrt. Noch niemals ist ein so großes und wichtiges Werk für die Menschheit gethan worden, und doch hat die geringste und unbedeutendste Wohlthat eine größere Theilnahme der Betheiligten gefunden, als diese Wohlthat aller Wohlthaten. Es kann dies Niemand erwägen, ohne von einem tiefen Schmerz über die Verderbtheit seines Geschlechtes ergriffen zu werden. Allen aber, die darüber trauern, muß es ein wahres Labsal sein, daß sich aus der ganzen Summe der Menschenkinder, die durch das Blut Jesu versöhnet werden, Einer gefunden hat, der während der Versöhnungsthat selber von einer tiefen, heiligen Ahnung über das, was vorging, erfaßt worden ist. Dieser Eine, der unseren Kummer über den Stumpfsinn der Menschheit ein wenig lindert, ist nicht Johannes unter dem Kreuze, den Jesus lieb hatte, sondern der Räuber an seinem Kreuze, der Jesum vermuthlich zum ersten Male sah und hörte. Wir haben schon bemerkt, daß wir als den Gipfelpunkt der Lästerung unter dem Kreuz den Spott des Einen der beiden Mitgekreuzigten zu betrachten haben. Aber eben dieses Uebermaß der Frivolität und Ruchlosigkeit ruft eine Reaction hervor. Der Andere der beiden Schächer, der vermuthlich Mitgenosse seines Verbrechens war, wie er mit ihm dieselbe Strafe zu gleicher Zeit erleidet, stellt ihn mit einem sehr ernsten und höchst merkwürdigen Wort zur Rede. Dieser sagt zu jenem: „und auch du fürchtest Gott nicht, der du doch in derselben Verdammniß bist? Und zwar mit Recht, denn was unsere Thaten verdient haben, empfangen wir, dieser aber hat nichts Ungeschicktes gethan“ (s. Luk. 23,40.41). Das Nächste, was uns aus diesem Worte des Schächers entgegenleuchtet, ist die Klarheit über seine eigene Gegenwart. Er erkennet ohne Vorbehalt an, daß er mit seinem Genossen das Kreuz als eine gerechte Strafe erleide. Indem er zur Anerkenntniß seiner Sünde gekommen ist, ergibt er sich ohne Widerstreben in die Gerechtigkeit seiner Strafe. In der Klarheit und Wahrheit dieser Selbsterkenntniß wohnt seine Gottesfurcht, welche wir bei den anderen Spöttern, sowie bei seinem Genossen durchaus vermissen. Indem er in dem Erleiden seiner Strafe das Walten der Gerechtigkeit erkennt, schaut er in das Reich der Ordnung Gottes hinein, welcher der letzte Urheber und Stifter aller gerechten Vergeltung ist. Und sowie er von seiner bußfertigen Selbsterkenntniß aus Gott findet, so kommt er von demselben Grunde aus auch zur Erkenntniß Jesu. Obwohl er Jesum äußerlich in der ganz gleichen Lage mit sich und seinem Genossen erblickt und aller Wahrscheinlichkeit nach sonst bisher keine Gelegenheit gehabt hatte, Jesum kennenzulernen, urtheilt er ganz zweifellos: „dieser hat nichts Ungeschicktes gethan,“ und erwirbt sich mit diesem. Worte das unvergleichliche Verdienst, daß, während die ganze Welt in Wort und That die Gerechtigkeit Christi in Schmach und Spott versenkt und Niemand für seine Ehre eintritt, er der Einzige ist, der mit seiner Schutzrede gegen das Thun und Reden, gegen das Schweigen und Lassen der ganzen Welt protestiert und sich der reinsten und verdecktesten Unschuld annimmt. Wir haben es bei den Erwähltesten und Besten der damaligen Zeit erkannt, daß ihnen der Blick in die Bedeutung der leidenden Gerechtigkeit Jesu dadurch verdunkelt wurde, weil sie noch keine klare Erkenntniß ihres eigenen Grundes hatten. So lange es an dieser Grundlage wahrer Selbsterkenntniß fehlte, war selbst der Glaube des Petrus und die Liebe des Johannes nicht ausreichend, um dem Leiden Jesu gegenüber nur Stand zu halten, dagegen sehen wir hier, daß, wo diese Selbsterkenntniß schlecht und recht vorhanden ist, selbst ein todeswürdiges Verbrechen kein Hinderniß ist, um ein Bekenner Jesu zu werden unter Umständen, wo ihn Alles verleugnet. Wie kommt es nun, daß dieser Verbrecher vor allen Menschen in diesen Stunden zur rechten Selbsterkenntniß und dadurch zum festen Bekenntniß Jesu gelangt? Veranlaßt ist dieses ohne Frage dadurch, daß er eben jetzt wegen seiner Missethat die gebührende Strafe erleidet. Daß indessen dieser äußere Umstand allein zur Erklärung nicht ausreicht, beweist der Andere, der in der gleichen Lage sich gegen die Erkenntniß seiner Sünde und Jesu verschließt und verhärtet. Es muß also zu jener äußeren Lage die Willigkeit, in dieselbe innerlich einzugehen, hinzugenommen werden. Diese Willigkeit haben wir bei dem bekennenden Schächer vorauszusetzen und so geschieht es, daß er seinen Kreuzespfahl zu einer Kanzel macht, auf welcher die Herrlichkeit Jesu in seinem Leiden und Sterben zuerst und zugleich zum Vorbilde für alle kommenden Zeiten gepredigt ist. Uebrigens kommt auch diese Selbsterkenntniß und dieses Bekenntniß Jesu wesentlich nur zu Stande durch Wirkung Jesu selber. Was sein eigenes Kreuz sei und was er selber sei, das wird dem Schächer schließlich klar in dem Blick auf das Kreuz in der Mitte und das^ Verhalten dessen, der daran hängt. Eben die gleiche Lage ist es, welche ihn mit einem Blick auf die Unschuld Jesu und sein Verbrechen das willige Dulden Jesu und sein eigenes Widerstreben erkennen läßt. Und auf dieser erfahrungsmäßigen Vergleichung beruht auch die Sicherheit, mit welcher er den am Kreuz Hangenden als Herrn anerkennt und das, was Pilatus zum Spott geschrieben und alle Juden zum Verdruß und Aerger lesen, als volle und innige Wahrheit festhält; indem er zu Jesu sagt: „Herr, gedenke meiner, wenn du in deinem Reich kommst.“ Der mit Christo Gekreuzigte ist der, welcher in seinem eigenen Sterben an das Reich des Gekreuzigten glaubt und die Herrlichkeit des Gekreuzigten als die im Tode rettende Macht bekennt. Darin zeigt sich, daß dieser Schächer nicht bloß der Erste der an die überwindende Macht des Todes Jesu Glaubenden ist, sondern auch das rechte Vorbild für diesen Glauben. Indem das Priesteramt und das Opferblut durch die Fürbitte Jesu am Kreuz, ganz und gar aus dem Bereich der sächlichen Vermittelung hinausgerückt und ganz und gar in das Gebiet des persönlichen und geschichtlichen Lebens versenkt worden, ist damit unwandelbar festgestellt, daß die Abneigung dieser so vollbrachten Versöhnung nur durch innerste Betheiligung der sittlichen Persönlichkeit geschehen kann. Wenn nun diese Betheiligung allgemein als Glaube bezeichnet wird, so kann dieser Glaube nichts Anderes und nichts Geringeres sein, als das Eingehen des Menschen in die Gemeinschaft des Todes Jesu, oder ein Mitgekreuzigtwerden und Mitsterben mit Christo. Eben das ist nun hier bei dem Schächer in voller äußerlicher Wirklichkeit, damit es festgestellt werde, daß das, was hier auch äußerlich geschieht, in Zukunft durch Kraft des Geistes in voller Wahrheit sich wiederhole überall, wo die Versöhnung im Glauben zur Rechtfertigung angeeignet werden soll. So lehrt der Apostel Paulus über die Rechtfertigung, indem er von der Gemeinschaft der Gläubigen mit dem Tode Jesu ausgeht, und dann fortfährt: „wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde“ (s. Röm. 6,5). Der rechtfertigende Glaube ist also dem Apostel ein wirkliches Sterben mit Christo, wie der gerechtfertigte Schächer vermittelst Zeit und Ort in die Gemeinschaft des Kreuzestodes Christi eingeht. Es sind demnach nach dieser paulinischen Lehre nur diejenigen gerechtfertigt, welche in ihrem Glauben das innerlich und geistig erfahren, was in der Geschichte des Schächers äußerlich vorgeht.

Nunmehr ist uns das Wort des Herrn an den Räuber leicht verständlich. Denn dieses Wort ist das Siegel auf die Aneignung der für die Sünde der Welt in den Tod gehenden Liebe. Jesus antwortet auf die Bitte des Schächers: „wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein“ (s. Luk. 23, 43). So unvergleichlich das Bekenntniß des Sünders war, gerade so unvergleichlich ist dieser Trost des Heilandes. Der Schächer hatte um ein gutes Andenken gebeten für die Zeit, wenn Jesus sein Reich offenbaren werde, der Herr öffnet ihm die von Anfang der Menschengeschichte her verschlossene Thür des Paradieses zum Eingang in den nächsten Stunden. Denn der heutige Tag, von dem Jesus redet, läuft nach israelitischer Rechnung mit dem Abend, also in den nächsten Stunden zu Ende, und dann, so versichert Jesus mit seinem Wahrlich dem Sterbenden, ist der Cherub mit seinem gezückten Schwert nicht mehr vor ihm, sondern hinter ihm, dann ist er mit Jesu selber an dem Orte, wo der Mensch den ersten Sabbat gehalten hat in ungetrübter Gemeinschaft mit seinem Schöpfer. Durch dieses Wort Jesu erscheint also die Sünde als abgethan und damit ist der Tod zu einem Thor des Paradieses geworden, und ist damit versiegelt, daß Jeder, der im Geiste diese Gemeinschaft des Sterbens Jesu erlebt, die wir hier vor Augen sehen, seiner Sünde ledig ist, und was dann noch vom Leben im Leibe übrig bleibt, Nichts ist als der Gang, dessen dunkles Ende das Thor des Paradieses ist.

Sein drittes Wort richtet Jesus an seine Mutter und den neben ihr stehenden Lieblingsjünger (s. Joh. 19, 25-27). Nicht bloß der Sterbenden gedenkt die mit dem Tode ringende Liebe, sondern auch der Lebenden, nicht bloß die bekennenden, bittenden Seelen tröstet sie, sondern auch der erstarrten Gemüther nimmt sie sich an. Wo nur immer eine offene State für ihr belebendes Wort gefunden wird, da, ist sie bereit. Da Jesus im Sterben ist, so gedenkt er deren, welcher er sein irdisches Dasein verdankt, die bis dahin an ihm den besten Halt ihres Lebens besaß und nach seinem Tode sich einsam und verlassen in der Welt fühlen muß. Er weist sie an den, welchem er vor Allen seine Liebe zugewendet, und diesen Geliebten weist er an seine Mutter. So genau und vollständig erfüllt Jesus bis an seinen letzten Hauch alle Pflichten, welche ihm sein irdisches Dasein auferlegt. Hätte Jesus an Maria und Johannes ein Wort von der Sünde und ihrer Vergebung, von dem Tode und vom Paradiese gesagt, sie hätten es jetzt nicht verstanden und würden seine Liebe in einem solchen Worte nicht erkannt haben. Dieses Wort aber von dem Leben im Diesseits verstehen sie gleich und erkennen darin die Liebe und Treue seines Herzens und eben deshalb können sie die darin enthaltene Weisung auch sofort befolgen. „Von Stund an,“ schreibt Johannes, „nahm der Jünger die Maria zu sich.“

Das vierte oder das mittlere unter den sieben Worten Jesu am Kreuze bezeichnet die unterste Stelle in dem Leiden Christi, den eigentlichen Tiefpunkt seines ganzen Lebens. Bevor sie Jesum an das Kreuz schlagen wollten, reichten sie ihm einen mit Wein vermischten Myrrhentrank, um ihn zu betäuben und ihm dadurch die Qualen des Kreuzes zu lindern. Als aber der Herr die berauschende Kraft dieses Trankes kostete, wollte er ihn nicht zu sich nehmen (s. Matth. 27,34, Marc. 15,25). Es ist sein Wille, den Todeskelch ungemischt und ungemildert zu trinken, er will mit wachen Sinnen dem Tode entgegengehen und in seinen Abgrund mit klarem Bewußtsein versinken. Die ganze Wirkung des Todes auf ihn kommt in seinem vierten Worte zum Vorschein und ist deshalb dieses Wort von der Gottverlassenheit ein wunderbarer Magnet, an welchem die Andacht und Liebe aller Gläubigen hangt. Nachdem die Finsterniß drei Stunden das ganze Land in Nacht gehüllt, ruft Jesus: ^mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen„ (s. Matth. 27,40. Marc. 15,34). Diese Anfangsworte des 22. Psalmes, in welchem David seine Todesgefahr von Seiten übermächtiger, grausamer und gottloser Feinde als eine gänzliche Verlorenheit beschreibt, spricht Jesus aus in der Form, wie er sie gehört und gelernt hat, nämlich nicht in der Ursprache, sondern in der da-. Mals üblichen chaldäischen Uebersetzung. Vor Allem muß es feststehen, daß die Anführung dieser Worte nicht ein gedächtnißmäßiges Citat ist, wie überall die Wahrheit dieser Worte, da sie die Aeußerung eines Sterbenden und zwar des Größesten aller Sterbenden sind, nicht streng genug genommen werden kann. Das Theilen seiner Kleider und die Spottreden der Umstehenden haben Jesu den genannten Psalm in Erinnerung gebracht und er erkennt sofort, daß jene Verlassenheit und Gefahr Davids das Vorbild seiner eigenen Lage sei und das schriftliche Denkmal jener Begebenheit der entsprechende Ausdruck für seine gegenwärtige Erfahrung. Auf diese Weise durchlebt Jesus den ganzen Psalm und das Wort des Psalmes ist ihm jedesmal die richtige und abschließende Bezeichnung dessen, was ihm widerfährt. Er fühlt es an Leib und Seele, daß, wenn David seine Feinde mit Thieren vergleicht (s. Ps. 22,13. 14.17.22), dies sich an ihm mit erschreckender Wahrheit erfüllt, weil hier alles Wüthen gegen den gerichtet ist, auf dem allein die Rettung der Menschheit beruht, also recht eigentlich ein unmenschliches Verhalten ist. Vor Allem aber mußten folgende Worte dieses Psalmes seine Seele durchbohren: „aber du bist heilig, der du thronest über den Lobliedern Israels, unsere Väter hoffeten auf dich, und da sie hoffeten, halfst du ihnen aus, zu dir schrieen sie und wurden errettet, sie hoffeten auf dich und wurden nicht zu Schanden, ich aber bin ein Wurm und kein Mann, ein Spott der Leute, und Verachtung des Volks“ (s. V. 4-7). Seit den Tagen Davids haben sich diese Erfahrungen Israels noch gar sehr vervollständigt, David selbst wurde zur rechten Stunde aus Todesnoth errettet, Elia, Jona, Jeremia gingen nicht unter, als feindliche Gewalten ihr Leben bedrohten, Daniel und seine Gefährten wurden selbst dem Rachen des Todes durch Jehovas Wunderhand entrissen. Eben in dem grellen Contraste seines Verhängnisses gegen diese ganze Reihe von herrlichen Erfahrungen der göttlichen Hülfe in der Geschichte seiner Nation mußte Jesus erkennen und fühlen, daß dieser Psalm geschrieben war, um an ihm seine volle Wahrheit, seine ganze Erfüllung zu erhalten. Während die heilige Geschichte Israels von Lobgesängen über Jehovas wunderbare Gnaden und Rettungen in Todesnöthen wiederhallt, ist sein ganzer Zustand eine Verlassenheit und eine Preisgebung an die rohen, fühllosen Gewalten unmenschlicher Feindschaft. Diese Gedanken und Empfindungen erfüllen die Seele Jesu in den drei Stunden der Finsterniß, in welcher er die letzten Qualen des Kreuzestodes erleidet. Endlich wird sein Herz von diesem Gefühl der Verlassenheit und der Preisgebung so erfüllt, daß fein Mund übergeht, und so spricht er mit dem Anfangswort des bezeichneten Psalmes seinen Seelenzustand aus, weil es in dem ganzen Bereich der Sprache kein Wort gab, welches das, was er empfand, so genau und vollständig ausdrücken konnte, weil er wußte, daß dieses Wort recht eigentlich für ihn in diesem Augenblick geschrieben worden war. Er spricht es aus als eine Thatsache, daß er von Gott verlassen ist, das will aber sagen: er erfährt und fühlt sein Sterben, in welchem er begriffen ist, gerade so wie der Tod ursprünglich von Gott dem Menschen gedroht und gemeint ist. Die Schöpfung und Erhaltung des menschlichen Lebens ist die Basis aller Gemeinschaft Gottes mit den Menschen, wird daher das Leben von Gott aufgehoben, so ist dies die Verlassung des Menschen von Seiten Gottes. Weil aber der Mensch in seiner gegenwärtigen Gottentfremdung seit dem Sündenfall das Leben nicht mehr mit völliger Klarheit als die Gegenwart seiner Gemeinschaft mit Gott erkennt und fühlt, so ist ihm auch der Abgrund des Todes mit einem Schleier bedeckt. Alle Sünder gehen in den Tod, nachdem sie den betäubenden Trank zu sich genommen, Jesus aber, weil er jeden Moment seines Lebens als einen Moment der ungetrübten Gemeinschaft mit Gott empfindet, erfährt jeden Moment des verschwindenden Lebens und des herannahenden Todes als einen Moment der Aufhebung dieser Gemeinschaft, als ein Verlassenwerden von Seiten Gottes. Wir müssen also sagen, Jesus erleidet den Tod, der der sündigen Menschheit gedroht war, den aber die Sünder nur in gemilderter Gestalt erfahren. Wir haben von der Taufe Jesu her vielfach erkannt, daß seine Liebe die Macht der Selbstversenkung in den Zustand seines Volkes und der ganzen Menschheit ist und eben auf dieser Macht seiner Liebe sein Christsein beruht. Das ist es, was sich hier vollendet und um deswillen er auch seinen Tod im Voraus schon seine Taufe genannt hat (s. Luk. 12,59). Hier vollendet sich nämlich die Selbstversenkung der Liebe leiblich und wird dadurch zur Stellvertretung für die sündige Menschheit im eigentlichen Sinne. Nachdem der Mensch den ersten Schritt gethan, nämlich durch die Sünde von Gott abgetreten ist, ist der zweite Schritt, den er zu thun hat, das Sterben; nachdem er den ersten Willen Gottes übertreten, ist der zweite Wille Gottes an ihn der Tod und erst in der Erfahrung des Todes, als des jetzt für ihn vorhandenen Willens Gottes, findet er den Willen Gottes wieder und wird mit ihm wiederum Eins. Diese Stelle, wo allein die sündige Menschheit Gott wieder finden kann, bleibt aber leer, die Sünder erleiden wohl den Tod, aber sie erfahren ihn nicht in der Gestalt, wie Gott ihn gewollt und gemeint hat, oder, was dasselbe ist, die Sünder erleiden den Tod als eine fremde Macht, nicht aber als den Willen Gottes, mit welchem sie ihren Willen Eins gemacht. An diese leer gelassene Stelle tritt Jesus mit Leib und Seele, sein Kreuz ist die Stelle, welche Gott mit seiner Todesdrohung bezeichnet und sie scharf umgrenzt hat, daß sie nicht verkannt und verwechselt werden kann. Sein Klagewort beweist aber, daß er nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich in diese Stelle eingegangen ist und also der Stellvertreter für die sündige Menschheit im eigentlichen und Dollen Sinne geworden ist. Es ist dies aber so geschehen, daß Jesus durch diese seine Stellvertretung die sündige und abgefallene Menschheit wiederum mit Gott vereinigt. Das ist nämlich der eigenste Charakter des Menschen, daß das Verhältniß zwischen Gott und Mensch auf persönliche Gegenseitigkeit angelegt ist. Darin ist es begründet, daß, weil der Mensch Gott verlassen hat in seiner Sünde, Gott ihn wiederum verläßt in seinem Tode. Hier an der Stelle des Todes kommt es nun darauf an, daß der Mensch sich wieder mit Gott vereinigt, daß er den Zorneswillen Gottes zu seinem eigenen Willen macht. Die Klage Jesu beweist nun weiter, daß er Gott festhält, während Gott ihn verläßt. Er spricht seinen Zustand der Gottverlassenheit nicht aus, ehe er Gott als seinen Gott zweimal angerufen hat. Zwar nennt er hier Gott nicht, wie sonst, seinen Vater, dieses sein kindliches Gottesbewußtsein ist im Augenblick zurückgedrängt und er muß es erst wieder erringen. Aber von seinem Gott läßt er keinen Augenblick, er überwindet das Verlassen Gottes, welches er als wirklichen thatsächlichen Zustand erfährt, durch die Kraft des ewigen Geistes, der in ihm ist (s. Hebr. 9,14). Hier am Ende des Lebens Jesu leuchtet das innerste Geheimniß dieses Lebens ebenso klar, wie am Anfang dieses Lebens. Wie er in das irdische Sein eintritt durch Wirkung des heiligen Gottesgeistes, oder was dasselbe ist, wie er, der sein Sein bei Gott hat und selber Gott ist vor dem Anfang, durch seinen Willen Fleisch wird, so erweist es sich im Tode, daß er durch den ewigen Gottesgeist mit Gott verbunden ist, daß er der ewige und eingeborene Sohn Gottes ist, dieses sein Verhältniß zu Gott bethätigt sich darin, daß er die Gottverlassenheit durch seinen Geist überwindet, und der Gott, der ihn verläßt, als den seinen im Glauben festhält und mit seinem Munde bekennt. Dadurch ist nun das durch die Menschheit zerrissene Band der Gemeinschaft mit Gott in der That und Wahrheit von Seiten der Menschheit wieder angeknüpft und damit der geschehene Fall nach dem dem Gewissen der Menschheit unvertilgbar eingeprägten Gesetz vollkommen wiederhergestellt. Nunmehr kann bloß noch die Frage sein, weshalb Jesus diesen seinen Zustand, in welchem Beides enthalten ist, die wirkliche Gottverlassenheit und die wirkliche Ueberwindung dieser Gottverlassenheit, in der Form einer unerledigten Frage ausspricht. Jesu Frage „Warum“ soll uns in den Moment des Ringens versenken und uns den ganzen Ernst dieses Kampfes vergegenwärtigen; allerdings spricht er seine Gottverlassenheit nicht eher und nicht anders aus, als nachdem die Ueberwindung derselben begonnen ist, aber vollendet ist der Sieg noch nicht, und wie viel dieser Sieg bedeutet, sollen wir darnach bemessen, daß wir Jesum selber mitten in seinem Kampfe und Ringen schauen. Es darf sich deshalb auch Niemand des Sieges Jesu getrösten, wer nicht in den ganzen Ernst dieses seines Ringens eingegangen ist, was Keiner vermag, es sei denn, daß er selber in seinem Innersten mit Jesu denselben Kampf kämpfet.

Johannes erzählt weiter: „nach diesem, als Jesus erkannte, daß Alles bereits vollendet war, damit die Schrift erfüllet würde, sprach er: mich dürstet“ (s. 19,28). Die Frage und Klage Jesu vor Gott ist mitten aus dem Ringen heraus gesprochen, diese Frage und Klage selber ist die letzte und höchste Anstrengung des Kampfes, mit welcher das Bewußtsein des Sieges sofort einzieht und sich geltend macht. Es liegt dies in der inneren Nothwendigkeit der Sache selber. Die Frage selbst ist, wie wir gesehen, aus dem heiligen Geiste geboren, derselbe Geist lehret aber unmittelbar, daß das Aussprechen der Frage die Erfüllung derjenigen Schrift ist, welche diese Frage enthält, mithin führt die Frage, sobald sie ausgesprochen ist, die göttliche Antwort mit sich. Das Warum Jesu beantwortet sich aus dem Geiste, der die Frage spricht, dahin, daß Jesus darum von Gott verlassen wird, damit diese Schrift des 22. Psalmes erfüllet würde. Ist aber diese Schrift erfüllt, so ist alle Schrift erfüllt. Denn ist der von Gott verlassen, der von Gott keinen Augenblick weicht, so ist der Fehltritt des Menschen wieder hergestellt, auf welche Wiederherstellung alle Weissagung der Schrift lautet, und einen anderen Inhalt hat die Schrift nicht. Das Wissen also um das Erfülltsein der ganzen Schrift, welches Johannes hier dem Gekreuzigten beilegt, ist vorzugsweise bedingt durch die eben besprochene Frage, Und ebenso ist dieses Wissen die Bedingung, unter welcher Jesus seinen Durst ausspricht. Der Durst ist die Hauptqual der Gekreuzigten. Wie Jesus in seinem Wirken Speise und Schlaf vergißt, so wird in seinem Leiden das quälende Gefühl seines Durstes zurückgedrängt. Wie weit aber sein ganzer Zustand und sein gesammtes Verhalten selbst von dem leisesten Grad eines Stumpfsinns und einer Gleichgültigkeit auch in leiblicher Beziehung entfernt ist, oder mit anderen Worten, wie vollständig menschlich und natürlich sein Empfinden und Benehmen gewesen ist, das zeigt sich hier in dem letzten Augenblicke seines Lebens noch auf eine sehr merkwürdige Weise. Sobald Jesus weiß, daß er in seinem Kampf den Sieg gewinnt, seine Arbeit am Kreuz also vollendet ist, spricht er unbefangen das menschliche Bedürfniß seines Durstes aus. Er ist mit diesem seinem letzten Bedürfniß an die Welt gewiesen und in die Welt hinein spricht er sein Verlangen aus. Für die verlorene Welt hat er gekämpft bis aufs Blut, und mit seinem verrinnenden Blut gewinnt er den Sieg, der die Welt aus der Haft ihres Todes erlöset, und eben weil ihm sein Blut verrinnt für das Leben der Welt, quält ihn der tödtliche Durst. Er begehret nun in diesem seinem Kampf keinen anderen Dank von der Welt, als daß sie ihm seinen Durst ein wenig lindere. Er weiß und fühlt es, wie kalt und theilnahmlos, wie hartherzig und feindselig die Welt ihm gegenübersteht, indessen das verstimmt ihn nicht, es hält ihn nicht ab, der undankbaren Welt sein letztes Bedürfniß auszusprechen, in der Hoffnung, daß er ihm diesen letzten bescheidenen Wunsch erfüllen möchte. Und Gott sei gelobt, daß diese seine letzte Hoffnung ihn nicht getäuscht hat. Unter den römischen Kriegsknechten fand sich Einer, dessen Herz von Mitleid ergriffen wurde; er ging hin, nahm ein Rohr mit einem Ysopbüschel, tauchte diesen in ein Gefäß mit Essig, reichte den essiggetränkten Schwamm Jesu an den Mund und tränkte ihn (s. Joh. 19,29. Matth. 27,48). Freilich war auch dieses letzte Labsal Jesu nicht ungetrübt, wie er denn überall in der Welt reine Freuden nicht gekostet hat. Ueber seine tiefste Klage war unter dem Kreuze Spott entstanden, sein Eli, Eli nahmen einige Leichtfertige als ein Anrufen des Elias und in diesem frivolen Spott ist man noch begriffen, als der Herr spricht: „mich dürstet.“ Der Soldat, der ihn tränkte, hatte nicht die Kraft, sich diesem Spott der Kameraden zu widersetzen, er vollbringt daher das Werk seiner Barmherzigkeit, indem er in den Spott der Uebrigen mit einstimmt (s. Marc. 15,36).

Nachdem Jesus seine letzte Gabe aus der Welt empfangen hat, spricht er gleichsam zum Dank sein großes Siegeswort in die Welt hinein, er sagt: „es ist vollbracht“ (s. Joh. 19,30). Die ganze Welt hat sich müde und matt gearbeitet in der Menge ihrer Wege und an keinem Punkte hat sie Ruhe und Freude erlangen können, weil das ihr aufgetragene Werk nicht vollendet ist, ja nicht einmal richtig angefaßt ist. Das böse Gewissen der nicht geleisteten Arbeit jagt und plagt sie Alle, die Verzagten und Verzweifelnden in der einen, die Leichtsinnigen und Frivolen in der anderen Weise, In das unerledigte Werk der Menschheit tritt Jesus ein und zum ersten Mal wird dieses Werk richtig angefaßt und kräftig geführt, da es aber das Werk der Gesammtheit ist, so kann des Einen Wirken nur dann förderlich sein, wenn die Anderen mitwirken. An diesem Mitwirken der Uebrigen fehlt es und darum ist auch das Wirken Jesu bei aller Vollkommenheit für die Menschheit vergeblich. So lange es Tag war, wirkte er, aber sein Tagewerk kam der Menschheit nicht zu Gute, da kam die Nacht und sein Wirken ging in Leiden über, und in dieser Zeit richtete sich sein verborgenes Wirken auf die geistige und göttliche Sphäre und in den wenigen Nachtstunden seines Leidens hat er vollbracht, wozu Jahr und Tag seines in der Welt freien Wirkens nicht ausreichten. Jetzt ist für die Welt die Möglichkeit eines neuen und reinen Anfanges geschaffen, indem die Menschheit das durch Jesum allein vollbrachte Werk im Glauben aufnimmt, um sodann mit Jesu in die Gemeinschaft des Wirkens eintreten zu können.

Nachdem Jesus sein Werk vollbracht hat und diese Vollendung seines Lebens selber ausgesprochen, bleibt Nichts übrig für ihn, als das Leben zu beschließen. So wie es sein Wille gewesen, durch den heiligen Geist im Schooß der Maria Mensch zu werden und in das irdische Dasein einzutreten, so ist es gleichfalls ein freier und selbstständiger Willensact, dieses irdische Leben zu enden. Darum ist sein letztes und siebentes Wort das Gebet: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist,“ welches Gebet er mit starker Stimme sprach (s. Luk. 23, 46. Matth. 27,56. Marc. 15,37). Es ist abermals ein Wort Davids, welches ihm zum Ausdruck seines letzten Gedankens dient (vgl. Ps. 31,6), aber diesmal setzt er der Anrede an Gott den seinem Munde so eigenthümlichen, vertraulichen Namen Vater voran, und so beschließt er mit einem Gebet an den Vater seine letzten Worte am Kreuze, wie er sie mit einem Gebet an den Vater eröffnet. Die Mitte dieser Worte ist gleichfalls ein Gebet, aber in diesem Gebet kann der Vatername nicht aufkommen, weil Jesus in die Tiefe des Todes und der Gottesferne mit Leib und Seele versenkt ist. Die vier anderen Worte sind nach der Seite der Welt gerichtet, und zwar zwei an bestimmte Persönlichkeiten, welche theils den Glauben, theils die Empfänglichkeit für den Glauben repräsentieren. Die beiden anderen Worte richten sich an die Welt in ihrer Gesammtheit, das eine hat die Welt nach ihrer natürlichen Seite im Auge, das andere nach ihrer geistigen Seite.

Nachdem Jesus sein letztes Wort mit starker Stimme gesprochen, neigt er sein Haupt und verscheidet (s. Joh. 19,30).

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