Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Dritter Vortrag - Der Herold.

Baumgarten, Michael - Die Geschichte Jesu für das Verständniß der Gegenwart dargestellt - Dritter Vortrag - Der Herold.

„Jesus ist das Licht der Welt.“ So hat er sich selbst genannt und so müssen wir ihn erkennen, sonst haben wir ihn sicher nicht verstanden. Darin liegt aber, daß er in sich selbst erkannt sein will, daß er nicht bloß keiner anderen Beleuchtung bedarf, sondern daß auch jeder Versuch, ihn von Außen her beleuchten zu wollen, zur Verdunkelung seiner Erkenntniß ausschlagen muß. Denn ist er das Licht der Welt, so ist die Welt ohne ihn finster, die Welt ohne ihn ist also in sich selber nicht durchsichtig und verständlich. Demnach ist alle Welterkenntniß in sich selber dunkel und somit im wahren Verstande Mangel an Erkenntniß, mithin völlig untauglich, den zu erleuchten, in dessen Licht die Welt erst in sich selber erkennbar wird. Aber Jesus ist nicht das Licht für die äußere Welt, sondern für die innere Welt, darum kann er die Welt nicht von Außen und von Oben beleuchten, wie die Sonne, sondern er muß in die Welt eintreten. Die innere Welt ist nämlich ein nach Außen abgeschlossenes Reich, in welchem eine Wirkung nur erfolgen kann, die von Innen her erfolgt. Darum kann in diese innere Welt Nichts eintreten und hier Einfluß gewinnen, außer wenn es sich den hier waltenden Gesetzen und Ordnungen unterstellt, und zwar, da dieses Reich fortwährend in Bewegung ist, kann der Eintritt nur erfolgen in strenger Gemäßheit zu der jedesmaligen Lage des Ganzen. In dieser Rücksicht ist eine Beleuchtung der Weltlage erforderlich, um den Eintritt Jesu zu verstehen, mittelst dessen er in die Welt eingeht, um ihr Licht zu sein. Für unseren Zweck genügt es, wenn wir uns Johannes den Täufer, diesen Vorläufer und Herold Jesu, vergegenwärtigen. Diese Persönlichkeit dürfen wir als den Leuchtthurm ansehen, von welchem wir uns über die Lage der Dinge in der Welt, in welche Jesus eintritt, um die Finsterniß zu vertreiben, hinlänglich orientiren können.

Johannes ist durch einen himmlischen Boten angekündigt als ein göttliches Rüstzeug, um den Anbruch der endlichen Erfüllung aller Verheißungen Jehovas einzuleiten. Aber nicht bloß der Inhalt dieser göttlichen Botschaft, welche seiner Geburt voraufging, ist vielversprechend, . sondern eben so sehr der Zeitmoment innerhalb der israelitischen Volksgeschichte, in welchem diese Botschaft erfolgt. Diese Botschaft ist die erste himmlische Stimme nach vierhundertjährigem Schweigen Jehovas und sie läßt sich vernehmen in der Stunde, als das Volk während des täglichen Brandopfers und des priesterlichen Räucherns vor dem Heiligthum im Gebete versammelt ist (s. Luk. 1, 10). Es ist also die Ankündigung des Johannes die göttliche Antwort auf das Rufen und Flehen des Volkes in seiner Bedrängniß, welche die Verheißung einschließt, daß sich Jehova aufmacht, um sein Volk schließlich zu erlösen von allen seinen Sünden und Nöthen. Einer so unvergleichlich feierlichen und inhaltsvollen Ankündigung entspricht nun auch die Persönlichkeit und das Wirken Johannes des Täufers. Was seine äußere Erscheinung anlangt, so lebte er von früh an in der Wüste (s. Luk. 1,80), hier machte er sich heimisch von Jugend auf, und als er, in die Mannesreife eingetreten, sein Bußpredigeramt übernahm, war und blieb in der Wüste sein Standort. Und mit dem Charakter dieses Standortes war seine ganze Lebensweise zusammengewachsen: sein Kleid bestand aus Kameelhaaren und sein Gürtel war ein Thierfell, zur Nahrung dienten ihm Heuschrecken und Wildhonig. Dieses sein Eingelebtsein in das Wesen der Wüste ist das Bild seiner inneren Anschauung von dem Charakter seiner Gegenwart, auf welche zu wirken er berufen ist. Die geistige Gegenwart erscheint ihm als eine Wüstenei, in welcher alles Geistesleben auf die dürftigste und kümmerlichste Stufe heruntergekommen ist. Wenn sein Leib in der Wüste des jüdischen Landes seinen Standort hat, so hat seine Seele in der Wüste des jüdischen Volkes ihre Heimat aufgeschlagen. Darum beruht seine Bußpredigt nicht auf irgend welchem Vornehmen, sondern es ist dieselbe eine innere Nothwendigkeit des ganzen Mannes. Die Bußpredigt des Johannes gewinnt schnell, da sie gar nicht lange gewährt haben kann, eine so überwältigende Anziehungskraft, daß das ganze Volk dadurch in Bewegung gesetzt wird. Ganz Judäa, heißt es, und Jerusalem und das Land jenseits des Jordans macht sich auf und geht hinaus zu dem Wüstenprediger, und die Hinströmenden sind aus allen Classen und Ständen des Volkes, wir finden Pharisäer und Sadducäer, Soldaten und Zöllner und selbst Huren werden genannt (s. Matth. 21,32). Was ist es nun, das diese Schaaren aus ihren Häusern, Städten und Flecken in die Wüste führt? Sind es etwa Wunderzeichen? Es wird ausdrücklich bemerkt, daß obwohl Johannes in dem Geiste und in der Kraft des Elia einhergeht, er doch Wunder nicht verrichtet hat (s. Joh. 10, 41).

Da nun außerdem seine ganze Aeußerlichkeit mehr etwas Rauhes und Abstoßendes hat, als etwas Anziehendes, so kann die übermächtige Anziehungskraft nur in seinem Worte liegen. Dabei ist nicht außer Acht zu lassen, daß es Israel das Volk Gottes ist, auf welches er wirkt und welches seiner Stimme nachgeht. Dieses Volk hat in seiner frühesten Jugend, als es zuerst zum Selbstbewußtsein erwachte, Jehovas des lebendigen Gottes Stimme gehört und in seinem Gewissen erkannt. Seitdem wohnt diesem Volke eine eigenthümliche Fähigkeit bei, die Stimme Gottes von allen Stimmen der Welt zu unterscheiden. Diese eigenthümliche israelitische Empfänglichkeit für das Vernehmen des göttlichen Wortes muß bei dem großen und allgemeinen Eindruck, den die Bußpredigt des Täufers macht, in Betracht gezogen werden. Israel erkennt nach vierhundertjährigem Schweigen zum ersten Male wieder den wunderbar unterschiedlichen Ton desjenigen Wortes, den die Väter von dem flammenden und bebenden Berge gehört hatten, und die mächtigsten und wirksamsten Erinnerungen, welche sonst in tiefes Schweigen begraben waren, wurden aufgeweckt. Denn allerdings sehr tief verdeckt lag jene Empfänglichkeit für Gottes Wort und wäre nicht die gewaltige Kraft des Johannes hinzugekommen, welche durch diese dicke und feste Decke hindurchschlug, jene Empfänglichkeit hätte ihren Schlaf ungestört fortgesetzt. Wir, die wir mit Gottes Wort allenthalben und immerdar umgeben sind, so daß wir fast damit spielen, und dennoch sogar wenig Frucht und Wirkung dieser heiligen Gotteskraft spüren, die wir sogar das Schreckliche erleben müssen, daß Unlauteres und Verkehrtes mit göttlichem Worte zugedeckt wird, wir kommen leicht auf den Gedanken, daß dem Worte Gottes an sich diese durchschlagende Kraft nicht innewohne, sondern daß diese entscheidende Macht anderswo ihren Grund und Ort haben müsse. Und doch sehen wir bei Johannes, dem diese durchschlagende Macht des göttlichen Wortes so wunderbar zu Gebote steht, gar nichts Anderes, als was wir von Jedem, der das Wort Gottes in den Mund nimmt, sei es nun amtlich oder außeramtlich, verlangen müssen, daß er nämlich diesem Worte zuvor sich selbst müsse hingegeben und mit demselben Eins geworden sein. Eben dies ist das ganze Geheimniß der Predigt des Johannes. Er ist nicht erst Etwas für sich und als ein so oder so Seiender nimmt er das Wort Gottes in den Mund, sondern von Grund aus ist er Eins mit seiner Predigt und hat für sich gar Nichts sich vorbehalten. „Ich bin,“ das ist sein Selbstbekenntniß, „ich bin eine rufende Stimme in der Wüste, wie der Prophet vorhergesagt.“ Wenn wir das in den jetzt beliebten Sprachgebrauch übersetzen, so heißt das, die Subjectivität des Johannes ist mit der Objectivität des göttlichen Wortes, das ihm anvertraut ist, völlig geeinigt. Und nun kommt uns wieder seine ganze äußere Erscheinung in den Sinn: diese ist gar nichts Anderes, als die Darstellung und das Abbild dieses seines inneren Sinnes. Und damit verliert sie eben ihre abstoßende Rauhheit, sie ist nämlich Nichts weniger, als die jetzt so häufige Schroffheit, die man für den ächten Eliasmantel ausgiebt. Die Schroffheit beruht nämlich immer auf einem Mangel an innerlicher Durchdrungenheit, sie ist alle Wege ein fleischlicher und vielfach ein heuchlerischer Ersatz der Entschiedenheit; sie ist allerdings der Mantel des Elias, aber ohne dessen Kraft und Geist, also entweder ein geliehenes oder gar ein heimlich gestohlenes Kleid. Diese Schroffheit wirkt daher auch weiter Nichts, als daß sie die Gemüther entweder einschüchtert, oder auch erbittert. Der Wüstengestalt des Johannes dagegen muß es Jeder sofort anmerken, daß sie das von dem innewohnenden Geiste gewirkte und darum genau angepaßte Gewand eben dieser Persönlichkeit ist; diese Gestalt ist die Offenbarung eines vollen, einheitlichen Geisteslebens und darum dürfen wir uns auch nicht wundern, daß wir aus diesem Munde nicht bloß das Rollen des Donners vernehmen, sondern auch das Säuseln der lieblichen und zarten Rede. Zunächst ist es freilich die Forderung der Buße oder wie das Wort in der biblischen Sprache der beiden Testamente lautet, die Forderung der Umkehr und Sinnesänderung, welche Johannes aufstellt und ohne Rückhalt zur Geltung bringt. Es ist nicht Vieles, was uns von der Bußpredigt des Johannes überliefert ist, es würde kaum einen einzigen Theil unserer gewöhnlichen Predigten ausfüllen, aber die Anschauungen, Bilder und Gedanken der wenigen Sätze seiner uns aufbehaltenen Rede enthalten den Keim von tausend Predigten.

Alle Macht des öffentlichen Wortes beruht darauf, daß der Redende sein Selbstbewußtsein in den Gesamtzustand, auf den er wirken will, zu erweitern versteht; darauf, daß jeder Angeredete unmittelbar merken muß, daß er von dem Redenden durchschaut und an seiner Stelle genau und sicher erfaßt wird, beruht die Möglichkeit, daß die Rede einen Jeden von seinem Orte zu bewegen und an, die Stelle zu bringen vermag, welche sie sich als Ziel gesetzt hat. Sein Selbstbewußtsein hat nun Johannes so sehr in den Gesamtzustand seines Volkes erweitert, daß sein ganzes äußeres Sein diesen Gesamtzustand immerdar vor Augen stellt, und auf dem Grunde dieses Bewußtseins von dem Gesamtzustande seiner Gegenwart ruht jedes Wort seiner Lippen. Der Gesamtzustand. wie Johannes ihn erschaut und darstellt, ist nun die allgemeine und durchgreifende Verkehrtheit des Sinnes im jüdischen Volk. Wie? Weiß denn Johannes nicht, daß Israel unterwiesen ist von allem Anfang her in dem Worte Gottes und auch seit lange schon alle heidnischen Gräuel abgethan hat und sich streng und ängstlich unterscheidet von allen Völkern, welche den Göttern der Welt dienen? Weiß er denn nicht, daß auf Moses Stuhl die Schriftgelehrten und Pharisäer sitzen, welche das Gesetz Gottes lehren und sich viel Mühe geben, durch ihren Wandel vor allen Zöllnern, gemeinem Volk und Heiden sich hervorzuthun? Weiß er nicht, daß alles Volk diese Gesetzeslehrer für die höchsten Auctoritäten achtet und diese Pharisäer als Heilige verehrt? Er weiß in der That dies Alles und er weiß noch mehr, er weiß nämlich, daß alle Juden Kinder Abrahams sind und daß an Abraham sich anschließen und Abrahams Same sein müsse Alles, was vor Gott wohlgefällig sein will. Aber gerade hier schaut er den tiefsten Grund der Verkehrtheit des Sinnes. Er findet nämlich, daß die Juden sich verlassen auf ihren natürlichen Zusammenhang mit Abraham, daß sie deshalb bauen auf Alles, was diesen äußerlichen Zusammenhang sinnenfällig und greifbar macht, auf Beschneidung, Sabbat, Tempel und Gesetzbuchstaben. Demnach sind diese Aeußerlichkeiten, welche nach dem Willen Jehovas dazu dienen sollen, den rechten heiligen Sinn einzuschließen und zu erhalten, zu starken Hemmnissen eben dieses heiligen Sinnes geworden, diese Heiligthümer, welche nur gebaut sind, daß der Glaube und die Gottesfurcht darin wohne, sind zu Altären geworden, auf denen dem Hochmuth, der Selbstgerechtigkeit und Herzenshärtigkeit geräuchert wird. Als die eherne Schlange, welche einst in der Wüste ein göttliches Heilmittel gegen das tödtliche Gift gewesen, zu einem abgöttischen Zaubermittel geworden war, da hat der fromme König Hiskia dieselbe zerschmettert (s. 2. Kön. 18, 4). Ebenso zerschlägt Johannes mit dem Hammer seines Wortes die Heiligthümer der Juden, weil sie ihnen zu Götzen geworden, vor ihren eigenen Augen. Er nennt die Pharisäer, welche ihre Abstammung von Abraham in ihrem ganzen Wesen und Wandel am meisten zur Schau trugen, Otterngezüchte und Schlangensamen, und nach Lukas erweitert er diesen Namen auf das ganze Volk, offenbar weil es an dem Pharisäerthum sein höchstes Vorbild erkannte und Jeder an seinem Theil demselben nachstrebte. Schlangensamen seid ihr, spricht er, und nicht, was ihr euch einbildet, Abrahams Same. Jedem Israeliten ist dies ein vernichtendes Wort. Denn das Schlangenwort ist der Urheber und Vater der Lüge, die den Menschen gemordet hat, und der Same der Schlange ist nach dem uralten Gotteswort die feindliche Grundmacht, gegen welche das Menschengeschlecht zu kämpfen hat auf Leben und Tod. Dieses menschenmordende Schlangengift ist jetzt persönlich geworden, sagt Johannes, und dieses persönliche Schlangengift seid ihr Juden, zu denen ich jetzt rede; was ihr vom Samen Abrahams an euch habt, das ist verwandelt in sein Gegentheil, darum habt ihr an Abrahams Samen keinen Antheil, sondern der älteste Fluch Jehovas schwebt über eurem Haupte. Einen solchen Todesstreich hat noch nie ein Prophet mit dem Schwert des Geistes gegen das Volk Gottes geführt und noch nie hat ein Mensch sein eigenes Volk mit solcher Rede angefaßt. Hebt denn Johannes die göttliche Verheißung an Abraham gänzlich auf? Das thut er nicht, aber die Weise, wie er diese Verheißung wieder aufnimmt, ist so angelegt, daß kein Jude dem tödtlichen Streich seines Schwertes entrinnen kann. An Söhnen, fährt er fort, wird es dem Abraham nicht fehlen, aber das kommt euch nicht zu Gute. Denn Gott kann aus diesen Steinen vor meinen Füßen dem Abraham Kinder erwecken, womit er auf ein neues Geschlecht Abrahams hinweist, welches mit den Söhnen Abrahams nach dem Fleische keinen natürlichen Zusammenhang hat. Was hat Johannes nun noch weiter zu sagen? Man sollte denken, mit jenem tödtenden Wort müßte er am Ende seiner Rede sein, denn dieses Wort ist ja der Donner des letzten Gerichts, und seine Zuhörer müßten nun hingehen mit der Stimmung im Herzen: après nous le déluge1). Man denkt nämlich gewöhnlich die Sache so, daß wenn Jemand der menschlichen Verderbtheit ganz auf den Grund geht, dem überall Nichts übrig bleiben kann, als Verzweiflung oder Leichtsinn oder auch Beides in Einem; daher, meint man denn klugerweise, müßten Alle, die noch etwas Anderes und Weiteres wollten, immer einen Rest, wenn auch nur einen kleinen stehen lassen, um an diesen das Weitere und Bessere anzuknüpfen. Bei solchem unglücklichen Halbsinn kann man weder die Tiefen noch die Höhen des göttlichen Wortes verstehen und bleibt in einer jämmerlichen Verflachung der göttlichen Geistesworte befangen. Man übersieht und vergißt, daß dasselbe Wort Gottes, welches tödtet, auch die Kraft hat, lebendig zu machen. Dieses Wortes geisterfüllter Träger ist unser Bußprediger. Wer sich dem Schwerte seines tödtenden Wortes willig unterstellt und den Todesstreich hinnimmt, weil sein Gewissen ihm das Leben abspricht, den haucht der Mann Gottes mit seinem belebenden Odem an, er richtet ihn wieder empor und zeigt ihm einen neuen Weg des Lebens. Johannes verlangt, nachdem der bisherige fleischliche Sinn seinem verdienten Gericht überliefert ist, Aenderung des Sinnes und Besserung des Lebens. Er zeigt seinen Hörern die großen Bilder von der Art und der Tenne. „Jeglichem Baum,“ sagt er, „liegt die Art an der Wurzel,“ das drohende Werkzeug ist also schon immer vorhanden und es ist, als ob alle Bäume von vornherein dem Untergange geweiht wären, was nur in der Voraussetzung liegen kann, daß sie alle Nichts taugen. So wie diese Bäume gegenwärtig sind, ist diese Voraussetzung auch durchaus richtig; alle müssen sie ihre Natur ändern, wenn die bereitliegende Drohung nicht sofort zur Verwirklichung übergehen soll. Darauf also kommt es noch an, ob diese Aenderung erfolgt und ihr Wesen auswirkt nicht in grünen Blättern, in tauben Blüten, in verkrüppelten oder wilden Früchten, sondern in gesundem und genießbarem Obst. Oder er führt das Bild der Tenne vor, denn er will auf alle Weise dem Wahne wehren, als ob zur Bewährung der Sinnesänderung genügen könne, Seufzer, Klagen, Wünsche, Vorsätze und Anfänge vorzubringen, sondern auf wirkliche, ausgereifte und vollendete Werke, die vor Gott bestehen, ist es angelegt. Darum hat er die, welchen er es gleich abmerkte, daß es ihnen an dem vollen Ernste mangele, nicht etwa gelobt, daß sie zu ihm hinauskamen in die Wüste und ihn anhörten, sondern gleich abgewiesen hat er sie und sie mit dem unentfliehbaren künftigen Zorn bedroht. Das waren insonderheit die, von denen Jesus sagt, daß sie weder vorher noch nachher dem göttlichen Boten geglaubt haben (s. Matth. 21, 32). Hier übersetzt er die Bilder der Art und der Tenne in die Wirklichkeit des zukünftigen Gotteszornes. Beachten wir, daß er diesen Gotteszorn den zukünftigen nennt. Israel kannte den Gotteszorn der Vergangenheit und der Gegenwart und furchtbar war er gewesen in den Gerichten der Sündfluth, in dem Feuer des Himmels über Sodom und Gomorra, in dem Untergang Israels in der Wüste, in der Verbrennung des Tempels und der Zerstörung der heiligen Stadt, und schwer lastete dieser Zorn auf der Gegenwart des ganzen Volkes in der Zerstreuung der Stämme und in dem Joche einer harten Fremdherrschaft. Und dennoch, sagt Johannes, ist dieses Alles noch nicht der rechte Gotteszorn, dieser wird noch erst kommen und wird unentrinnbar sein für Alle, welche nicht rechtschaffene Früchte ihrer Sinnesänderung zu bringen haben.

Eine Bußpredigt von solcher durchdringenden Gewalt kann nicht in die Luft verhallen, auch die, welche sie abweisen, können dies nur so möglich machen, daß sie ihre bisherige Verkehrtheit steigern, es wird aber immer Andere geben, welche sich von dieser Gewalt der Rede innerlich bestimmen lassen. Und zwar werden wir uns nicht wundern, wenn Johannes nicht bloß das erreicht, was wir bei der Ohnmacht unseres Redens und der Mattherzigkeit unseres Hörens schon für etwas Großes halten, daß Viele hingehen und das Wort weiter erwägen und beherzigen, sondern auch augenblickliche Wirkungen seiner Predigt zu sehen bekommt. Von der Menge des Volkes, die zu Johannes hinausströmte, bemerkt der evangelische Bericht, daß sie ihm ihre Sünden bekannte, ein Jeder die seinigen. Nicht ein Formular für das Bekenntniß allgemeiner Sündhaftigkeit sagten sie her, sondern Jeder nannte mit eigenen Worten seine Sünden und zwar vor einem Manne, von dem sie wußten, daß er keine weichliche Nachsicht mit der Sünde kannte, sondern mit flammendem Hasse allen Sündengreuel verabscheute. Es war dies ein Act großer Beschämung und wahrer Demüthigung. Aber noch weiter ging die augenblickliche Wirkung der johanneischen Bußpredigt. Es gab nicht Wenige, welche den Vorsatz der Lebensbesserung so ernst nahmen, daß sie sich nicht begnügten, die ernsten Weisungen, welche Johannes für Alle aufgestellt hatte, zu beherzigen, sondern sich an Johannes mit der bestimmten Frage wendeten: „was sollen wir thun?“ Natürlich sind es nicht die scheinheiligen Pharisäer und vornehmen Sadducäer, welche sich so tief mit Johannes einlassen, sondern Solche, welche von diesen am weitesten abstanden, Leute aus dem Volke, Zöllner und Soldaten. Und was antwortete Johannes auf diese einzelnen Gewissensfragen? Hier sehen wir recht deutlich, daß der, welcher den untersten Grund der Gesinnung durch sein Wort umwandelte, nicht darauf ausgeht, den Zusammenhang des äußeren Lebens und Berufes abzubrechen. Diejenigen, welche sich vor den Geheimnissen der inneren Tiefe scheuen, wollen gewöhnlich die Veränderungen, welche innerlich geschehen müssen, in das äußere Gebiet versetzen und tragen dadurch nicht wenig bei zur Verwirrung und Verzerrung des Lebens. Johannes nicht also, er fordert Niemand auf, bei ihm in der Wüste zu bleiben, sondern nachdem er das deutlichste Zeichen einer inneren Sinnesänderung wahrgenommen, verweist er einen Jeden zurück in seinen Stand und Beruf, verlangt aber innerhalb dieses Standes und Berufes wirkliche Früchte thatsächlicher Gerechtigkeit und Liebe.

Da nun aber diese gewaltige Bußpredigt einer Zeit angehört, in welcher alles Innerliche und Geistige nicht ohne Begleitung eines Neuerlichen auftritt, so ist dieselbe auch mit einem äußerlichen Zeichen verbunden, nämlich mit der Taufe im Jordan, welche den Inhalt jener Predigt verkörperte. Die Juden waren nicht bloß in ihrem Privatleben an mancherlei heilige Waschungen und Reinigungen durch Gesetz und Sitte gewohnt, sondern es gab auch in der Geschichte Israels zwei große Vorgänge, bei denen das gesammte Volk durch die Tiefe geführt wird, gleichsam zum Abthun einer allgemeinen anhaftenden Unreinheit, der Durchgang durch das Schilfmeer und durch den Jordan (vgl. 1 Kor. 10, 2). Aus dieser geschichtlichen Erinnerung und aus der täglichen Uebung ist es dem Volke sehr verständlich, daß das Taufen des Johannes mit seiner Predigt in vollem Einklang stand, und es mußte diese allgemeine Taufe der Einzelnen im Jordanwasser den Eindruck der Forderung einer Sinnesänderung noch mehr vertiefen. Denn durch dieses Symbol mußte sich Israel zurückversetzt sehen in die Anfänge seiner Geschichte. Dabei war freilich zuerst der Schmerz unerläßlich, daß in allem Bisherigen, auch in dem Besten und Heiligsten, in dem Größesten und Herrlichsten kein wirklicher und wahrer Fortschritt enthalten gewesen, man mußte mit tiefer Demuth und Beschämung fühlen und erkennen, daß alle Thaten der Glaubenshelden, alle Macht Davids und alle Herrlichkeit Salomos, aller Eifer und Muth der heiligen Propheten Nichts hergestellt und geschaffen habe, auf dem nun weitergebaut werden könne, mit bitterem Wehe Mußte man sich gestehen, daß diese ganze heilige und göttliche Vergangenheit Israels aufbewahrt sei in der heiligen Lade der kanonischen Schriften, aber eine lebensmäßige und lebensmächtige Wirklichkeit in der Gegenwart nicht besitze. Wer aber mit diesem Schmerz über Israels und seine eigenen Sünden sich dem Wasser der Reinigung unterstellte, dem hatte Johannes eine Aussicht zu eröffnen, welche die Kehrseite jener Zurückstellung aller bisherigen Entwickelung auf die Anfänge Israels war. Er verkündigte nämlich einen neuen Anfang und zwar nicht einen Anfang, der noch einmal eine ähnliche Entwickelungsreihe begründen sollte, wie Israel sie hinter sich hatte, sondern einen Anfang, der alle bisherige Herrlichkeit überbieten werde, indem er den Keim aller zerstörenden Corruption entwurzeln soll. Er kündigt an das Herannahen des Königreiches der Himmel, auf welches derjenige Seher, der den verhängnißvollen Lauf der Weltreiche geschaut und beschrieben, als auf die schließliche große und heilige Vollendung der gesammten Menschheitsgeschichte hingewiesen hatte. Das himmlische Königreich, von welchem Daniel geschrieben, daß es die State der ganzen Erde, welche bis dahin im Besitze der Reiche, die von Unten stammen, gewesen, erfüllen und weil es aus der unsichtbaren und geistigen Kraft des Himmels seinen Ursprung habe, den Erdboden mit Heiligkeit und unvergänglichem Wesen bedecken werde, dieses Himmelreich, ruft Johannes, ist im Anzuge. Es war das höchste Ideal, welches er vor den Geistesaugen seiner Volksgenossen entfalten konnte, aber dieses Ideal gehörte nicht zu denen, die „zerrinnen“ und zerrinnen müssen, weil sie aus bloßen Gedanken und Bildern menschlichen Vermögens geschaffen sind. Das Ideal des himmlischen Reiches, welches Johannes ankündigt, hat seine Kraft und Wahrheit in einer wirklichen und lebendigen Persönlichkeit, und die Ankündigung des Johannes ist wesentlich das ebenso bestimmte als geheimnißvolle Hinweisen auf den Anzug dieser Persönlichkeit, welche er deutlich genug als den König und das Haupt des zukünftigen ewigen Reiches beschreibt. Die Gewalt, welche Johannes über die Gemüther des Volkes ausübt, ist so groß, daß man voll Spannung und Erwartung den Gedanken im Herzen bewegt, ob er selbst wohl derjenige sei, in welchem Israel die Erfüllung aller seiner Hoffnung zu erwarten habe (s. Luk. 3, 15). Darnach mag man nun bemessen, welchen Eindruck es machen mußte, wenn er vor Allen das Bekenntniß ablegt: es komme ein Stärkerer denn er, und er sei nicht würdig, diesem die Schuhriemen zu lösen. Diesen Stärkeren und Höheren beschrieb Johannes als den Herrn des großen Ackerfeldes, er hält die Worfschaufel in seiner Hand und wird seine Tenne reinigen, indem er den Weizen einsammelt, die Spreu aber verbrennt mit unlöschbarem Feuer. Aber wer wird vor diesem Gewaltigen und Eifrigen bestehen, wenn die ganze Vergangenheit und Gegenwart Israels, wie das die Predigt und Taufe des Johannes zu Tage bringt, sich als Spreu beweist? Dieser Herr und König, sagt Johannes, wird Nichts ernten, was er nicht selber gesäet hat. Denn dieser ist es, so verkündigt Johannes weiter, der Israel nicht in Wasser, sondern in heiligem Geist und Feuer taufen wird. Damit weist Johannes hin auf den tiefsten Grund alles bisherigen und gegenwärtigen Mangels. Israel kannte wohl das Wesen und Wirken des Heiligen Geistes, es wußte, daß dieses die einzige Kraft sei, welche das Menschliche und Irdische vor Gott wohlgefällig zu machen vermöge, man wußte auch von großen Wirkungen dieses Geistes zu erzählen, nicht bloß hatten die hehren Männer der Vergangenheit in Kraft dieses Geistes gehandelt und geredet, sondern es hatte auch Zeiten gegeben, in welchen sich das Wirken dieses guten Geistes an dem ganzen Volke bemerklich machte (s. Nehemia 9, 20). Aber nicht einmal jene leuchtenden Vorbilder des heiligen Wandels waren ungetrübt geblieben von dem finsteren Schatten des fleischlichen Wesens, geschweige denn, daß sich das ganze Volk in dem Lichte des guten Geistes gehalten hätte. Im Gegentheil, das zusammenfassende Urtheil über Israel lautet: „sie haben Jehovas heiligem Geist widerstrebt und ihn betrübt“ (s. Jes. 63,10), wie sie sich am Sinai als Fleisch gefühlt und bekannt haben (s. 5 M. 5, 23), so sind sie in Canaan Fleisch geblieben (s. Jes. 40, 6. 7) und der Geist Jehovas steht ihnen deshalb als verzehrendes Feuer gegenüber (s. Jes. a.a.O.). Also ist noch niemals der Heilige Geist die alldurchdringende und allumschließende Kraft geworden weder für den Einzelnen, noch für das Ganze, und darum hat immerdar die Unreinheit des Fleisches trotz aller Geisteswirkung die Ueberhand gewonnen und Alles in die Verderbtheit des ungöttlichen Wesens hineingezogen. Niemand hat dieses dem Volke Israel durch Wort und Werk so vor Augen gestellt, wie Johannes, und auf dieser Grundlage gewinnt das, was er von einer neuen Geisteswirkung sagt, sein richtiges und volles Verständniß. Er spricht von einer Taufe, bei welcher der Heilige Geist die Stelle des Wassers vertreten werde, womit er sehr deutlich auf eine alldurchdringende und allumfassende Geisteswirkung hinweist, welche sich von allen früheren einzelnen, vorübergehenden Wirkungen unterscheiden muß. Eine solche Geisteswirkung, das muß jedem israelitischen Gewissen einleuchten, wird endlich das Wesen des Fleisches durchdringen und aus seiner tiefen Verderbtheit entwurzeln. Dies wird noch deutlicher, da er diese Geistestaufe zugleich auch eine Feuertaufe nennt. Das Wasser wirkt nur auf die Oberfläche, das Feuer dringt in den Bestand der Dinge ein und löst ihn aus. Diese Wirkung des Feuers ist den Israeliten als Bild der Heiligung sehr geläufig, weil das Feuer des Altars das Opfer aus dem irdischen Diesseits in das Jenseits der göttlichen Gegenwart versetzt und erhebt. Indem der Heilige Geist noch näher als Feuer bestimmt wird, ist damit die heiligende Kraft angedeutet, mit welcher er das Fleisch bis auf den Grund durchdringt und dasselbe von seinen irdischen Banden erlösend in die Gemeinschaft Gottes erhöht. Wenn nun Johannes von einem schließlichen unauslöschlichen Feuer redet, welches alles Nichtige verzehren wird, so kann er wohl nur meinen, daß Alles, was dereinst bestehen wolle, durch dieses Geistesfeuer müsse hindurchgegangen und durch dasselbe bewährt und gegen das letzte Feuer befestigt worden sein. Diese Geisteswirkung, welche Johannes nicht Diesem und Jenem verheißt, sondern Allen, führt er zurück auf eine kommende und nahende Persönlichkeit. Nun ist vollends klar, warum er vor dieser sich so tief in den Staub beugt, denn dieselbe muß größer sein, als Mose und Elia. Zugleich aber erhellt, daß die ganze Botschaft des Johannes sich zuletzt zusammenfaßt in die Ankündigung dieses Kommenden, und alles Andere nur das stufenweise Hinansteigen zu dieser Höhe der Verkündigung ist. Da er nun diesen Kommenden so verkündigt, daß er, bevor er das Gericht vollzieht, zuerst die Geistesfülle über alles Fleisch ausströmen läßt, so begreifen wir, wie Lukas die ganze Predigt des Johannes als eine frohe Botschaft, als ein Evangelium an das Volk, und wie Marcus das Auftreten des Täufers als den Anfang des Evangeliums Jesu Christi bezeichnen kann, worin eben nichts Anderes liegt, als daß uns diese hohe Gestalt des Täufers dazu dient, uns die Scene des Weltschauplatzes, in welche Jesus eintreten will, zu beleuchten, als daß wir in ihm den Herold erkennen, der ankündigt, daß der König kommt und wer derselbe ist.

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Nach uns die Sintflut
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