Augustinus, Aurelius - Soliloquien - II. Von des Menschen Elend und Hinfälligkeit.

Augustinus, Aurelius - Soliloquien - II. Von des Menschen Elend und Hinfälligkeit.

Ich Elender, wann wird sich einmal mein krummer Weg mit Deinem rechten Wege ausgleichen lassen? Du, HErr, liebst, einsam zu sein, ich aber die Gesellschaft. Du liebst die Stille, ich aber das Getöse: Du die Wahrheit, ich die Lüge: Du die Reinheit, ich die Unreinigkeit. Was mehr, HErr? Du bist gewisslich gut und ich bin böse: Du fromm, ich gottlos: Du heilig, ich sündhaft: Du gerecht, ich ungerecht: Du bist das Licht und ich bin blind: Du bist das Leben, ich der Tod: Du bist die Arznei, ich bin krank: Du bist die Freude, ich die Traurigkeit: Du bist die höchste Wahrheit, ich, wie alle lebendigen Menschen, lauter Schein. O Du mein Schöpfer, ach, was soll ich sagen? Höre, o mein Schöpfer, ich bin Dein Geschöpf und bin schon verdorben: ich bin Dein Geschöpf und sterbe eben hin: ich bin Dein Gemächte und gehe jetzt zur Erden. Ich bin Deine Kreatur, HErr, Deine Hände haben mich bereitet und erschaffen, die Hände, sage ich, welche für mich mit Nägeln angeheftet waren! Darum wollest Du, o HErr, das Werk Deiner Hände doch nicht lassen. Ich bitte, Du wollest ansehen die Wunden Deiner Hände. Siehe, HErr, mein Gott, in Deine Hände hast Du mich gezeichnet; lies diese Schrift und mache mich gesund! Siehe, ich Dein Geschöpf seufze zu Dir, Du bist der Schöpfer, erquicke mich! Siehe, ich Dein Gemächte rufe zu Dir; Du bist das Leben, mache mich lebendig! Siehe, ich Dein Werk, wende mich zu Dir: Du bist der Werkmeister, richte mich wiederum auf! Verschone meiner, o HErr, denn mein Leben ist wie nichts vor Dir!

Was ist ein Mensch, dass er anrede Gott, seinen Schöpfer? Verschone meiner, o HErr, dass ich mit Dir rede! Vergib es Deinem Knechte, dass er mit einem so großen HErrn zu reden wagt. Die Not lässt sich nicht wehren, der Schmerz presst mir die Rede aus, der Jammer, den ich leide, zwingt mich, überlaut zu schreien. Ich bin krank und rufe den Arzt an: ich bin blind und eile zum Licht: ich bin tot und seufze nach dem Leben. Du bist der Arzt, Du bist das Licht, Du bist das Leben, JEsu von Nazareth! Erbarm Dich mein, Du Sohn Davids! Erbarm Dich mein, Du Brunn der Gnaden, erhöre das Geschrei des Schwachen! O Du Licht, das vorüber geht, hab Acht auf den Blinden, reich ihm die Hand, auf dass er zu Dir kommen und in Deinem Licht das Licht sehen möge! Du lebendiges Leben, hole mich Erstorbenen wieder herum. Was bin ich doch, der ich mit Dir rede? Wehe mir, HErr, verschone meiner! O HErr, ich bin ein faul Aas, eine Nahrung der Würmer, ein stinkendes Gefäß, ein Feuerbrand. Was bin ich, der ich mit Dir rede? Wehe mir, HErr, verschone meiner! O HErr, ich bin ein unglückseliger Mensch, ein Mensch, sage ich, von einem Weibe geboren, der nur kurze Zeit lebt und voll Unruhe ist, ein Mensch, sage ich, der Eitelkeit unterworfen, den unvernünftigen Tieren gleich worden, der Hinstirbt gleichwie sie!

Was bin ich doch? Ein finsterer Abgrund, ein elender Erdenkloß, ein Kind des Zorns, ein Gefäß nur dienlich zu Unehren, geboren in Unreinigkeit, elend lebend, sterbend in Angst. Ach, was bin ich Elender, was werde ich hernach sein? Ein Gefäß des Unrats, eine Schüssel voll Gestank, voll Moder und Graus, blind, arm und bloß, allerlei Gebrechen unterworfen, ich weiß weder meinen Eingang noch meinen Ausgang, bin nichtig und sterblich, dessen Tage dahinfliegen wie Schatten, dessen Leben verschwindet, wie ein Schatten im Mond, der da aufgeht wie eine Blume und abfällt, gleichwie ein Gras, das da frühe blüht, und bald welk wird. Mein Leben, sag ich, ist ein zerbrechlich Leben, ein baufällig Leben; ein Leben, das abnimmt, je mehr es zunimmt, je mehr es fortgeht, je näher es dem Tode rückt: ein betrüglich und schlecht Leben, voller Stricke des Todes. Jetzt freu' ich mich; dann traure ich wieder; jetzt gesund, bald krank; jetzt leb' ich, bald sterb' ich; scheint's auch etwas wohl um mich zu stehen, bin ich doch für und für elend; jetzt' lach' ich, dann wein' ich; und also verändern sich alle Dinge, dass kaum Etwas eine Stunde in seinem Stand und Wesen verharrt. Da nimmt die Furcht überhand, da Zittern, da Hunger, da Durst, da Hitze, da Kälte, da Krankheit, da Schmerzen. Auf dieses Alles folgt der ungestüme Tod, der da täglich auf tausenderlei Weise die elenden Menschen hinrafft. Den Einen tötet er mit Fieber, jenen erdrückt er mit Schmerzen; den Einen verzehrt der Hunger, den Andern verbrennt der Durst; den Einen ersäuft er im Wasser, den Andern erwürgt er mit einem Strick; diesen richtet er mit dem Feuer hin; einen andern lässt er die wilden Tiere mit Zähnen zerreißen; den Einen bringt er mit dem Schwert um; den Andern verderbt er mit Gift; an wieder Einem macht er dem Leben ein Ende mit jähem Schrecken. Und nun über dies Alles ist es ein großes Elend; denn obschon nichts gewisser ist, als Sterben, so weiß doch der Mensch sein Ende nicht, und wenn er meint, er stehe, so wird er zerschlagen und wird seine Hoffnung zunichte. Denn der Mensch weiß nicht, wann, wo und wie er sterben werde, und ist doch gewiss, dass er sterben werde.

Siehe, HErr, wie groß ist der Menschen Elend, darin ich bin und fürchte mich doch nicht! Was für einen übermäßigen Jammer hab' ich zu leiden und kümmere mich doch nicht darum, rufe auch nicht zu Dir. Ich will rufen, HErr, ehe denn ich hinfahre, ob ich vielleicht nicht hinfahre, sondern in Dir bleibe. Darum, so will ich reden, mein Elend will ich erzählen, meine Schwachheit vor Dir bekennen, und will mich nicht schämen: Hilf mir, Du meine Stärke, die mich wieder aufrichtet; stehe mir bei, Du meine Kraft, durch die ich erhalten werde; komm herzu, Du Licht, das mich sehend macht; erscheine mir, Du Herrlichkeit, die mich erfreut. Erscheine mir, Du Leben, darin ich lebe, o Du mein Herr und mein GOtt!

Amen.

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autoren/a/augustinus/augustinus-soliloquien/augustinus-soliloquien_ii.txt · Zuletzt geändert: von aj