Arndt, Friedrich - Der Sündenfall - Zehnte Predigt. Die Entschuldigungen.

Arndt, Friedrich - Der Sündenfall - Zehnte Predigt. Die Entschuldigungen.

Lass nichts zwischen mich und Dich,
Was mir will mein Ziel verrücken;
O mein Führer, lass es mich
Täglich immer mehr erblicken.
Tritt was Anders zwischen ein,
Lass es bald vernichtet sein. Amen.

Text: 1 Mose III., V. 11-13.
Und er sprach: Wer hat dirs gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Da sprach Gott der Herr zum Weib: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich also, dass ich aß.

Noch sehen wir Adam Gott gegenüberstehen im ernstesten Verhör des Paradieses. Adam ist aus seinem Versteck hervorgetreten, nachdem er die vernehmliche Gottesstimme gehört hatte, er hat die Wahrheit halb eingestanden, halb verschwiegen; darauf ist die unumwundene Anklage des allwissenden und gerechten Richters gegen ihn erhoben worden: „Wer hat es dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?“ Unser Text gibt uns Adams Verteidigung und Selbstrechtfertigung dieser Anklage gegenüber. Die Zeit des Leugnens und Verdeckens war nun vorüber, und es konnte Adam solcher bestimmten Anklage gegenüber nicht Nein antworten: die innere Stimme seines Gewissens sowohl, wie die äußeren betrübenden Folgen des Sündenfalls bewiesen die Tatsache unwiderleglich. Adam und Eva müssen daher Beide zugeben, dass sie gegessen haben von dem Baum, davon Gott ihnen gebot, sie sollten nicht davon essen; Beide erwidern: und ich aß; aber statt die Tat zu beweinen und zu verfluchen, statt sich selbst anzuklagen und zu Gott um Gnade zu flehen, greifen sie zu dem gewöhnlichen Mittel aller gefallenen Sünder, zu der jämmerlichsten aller Ausreden, sie leugnen die eigene Schuld, und zwar der Eine wie die Andere, und werfen sie auf Andere; mit Einem Wort: sie entschuldigen sich. Wir betrachten daher heute Adams und Evas Entschuldigungen,

  1. ihre Beschaffenheit,
  2. ihre Bedenklichkeit.

I.

Adam, zuerst zur Rede gestellt, entschuldigt sich auch zuerst: „Das Weib, das Du mir zugesellt hast, gab mir von der Frucht, und ich aß“. Wie Eva ihm vorangegangen war in der Sünde, so geht er ihr voran in der Entschuldigung. Er schiebt die Schuld zunächst auf Eva, als wollte er sagen: Hätte ich kein Weib, und hätte sie mich nicht verführt, ich hätte es nicht getan; sodann aber auf Gott: „Das Weib, das Du mir zugesellt hast“, d. h. hättest Du mir kein Weib gegeben, es wäre nicht geschehen. So macht er alle Anderen, nur sich selbst nicht, zum Urheber seiner Sünde. Was soll Gott ihn noch weiter fragen? Jede neue Frage hätte neue Lügen zur Folge gehabt. Gott überlässt ihn daher fürs Erste seinem Gewissen und wendet sich an Eva, ob sie besser sei, als Adam. Es ist wahr, sie hat zuerst gesündigt und durch ihr Zureden und ihr Beispiel auch ihren Mann verführt. Adams Schuld ist ihre Schuld; auch sah sie, wie schlecht Adam mit seinen Entschuldigungen bestand, und hätte sich das dazu dienen lassen sollen, Gott die Ehre zu geben und die Wahrheit zu sagen. Was antwortet sie aber auf Gottes Frage: „Warum hast du das getan?“ Sie macht es gerade wie Adam, sie fühlt weder Reue, noch Selbstanklage, sie will ebenfalls rein ausgehen und antwortet: „Die Schlange betrog mich also, dass ich aß“. Darin hatte sie freilich Recht, dass die Schlange sie betrogen hatte, und ihr Sinn war nun insofern geändert, als sie vorher die Schlange für ihre Freundin angesehen und ihre Reden für Wahrheit und für einen guten Rat gehalten hatte, jetzt aber einsah, dass jene sie belogen und betrogen hatte. Ach, so gehts bei allen Sündenfällen, man wird in ihnen von der Schlange immer betrogen, wie Paulus sagt: Der alte Mensch verderbt sich durch Lüste in Irrtum (Eph. 4,23. Ebr. 3,13.); der Sünder sucht in seiner Sünde Ruhe und findet sie nicht, Ehre und findet Schande, Lust und bereitet sich Qual, Überfluss und muss zuletzt an Leib und Seele darben; und wohl dem, dem die Augen noch zu rechter Zeit aufgehen, ehe es zu spät ist! Darin hatte sie also Recht, dass sie zeugte: „Die Schlange betrog mich also, dass ich aß“; aber darin hatte sie Unrecht, dass sie diesen Betrug so darstellt, als ob er ein unwiderstehlicher gewesen sei und sie von der Schlange zum Essen sei gezwungen worden.

Wie, Geliebte? Wirds euch nicht eiskalt bei diesen Ausreden und Entschuldigungen? sehet ihr die ersten Menschen nicht immer tiefer sinken, aus einer Tiefe der Schlechtigkeit und Verworfenheit in die andere? Und dabei muten sie dem heiligen und wahrhaftigen Gott zu, Er solle ihre Entschuldigungen für bare Münze annehmen, sie für uns schuldig und gut erklären und wohl gar Adam um Vergebung bitten, dass Er ihm eine Gehilfin gegeben, und Eva, dass Er eine Schlange geschaffen, und Beide, dass Er sie erschreckt, aus ihrem Versteck hervorgerufen und zur Rede gestellt habe? So ist eine Sünde immer die Mutter der andern und eine Folge der Sünde zieht immer die andere nach sich.

Wie wir die Sündhaftigkeit von Adam geerbt haben, so haben wir auch die Entschuldigungssucht von ihm. Als Aaron das goldene Kalb auf Menschenfurcht vor dem Volk Israel gegossen hatte und von Mose darüber zur Rede gestellt war: „Was hat dir denn das Volk getan, dass du diese große Sünde über dasselbe gebracht hast?“, entschuldigte er sich mit der kriechenden, jammervollen Ausflucht: „Mein Herr lasse seinen Zorn nicht ergrimmen, denn du weißt, dass das Volk böse ist“ (2 Mose 32,21.22.), war das Volk böse und wusste das Aaron, so war es ums so mehr seine Pflicht, demselben Widerstand zu leisten, aber nicht, ihm nachzugeben. Als Saul, trotz Samuels Verbot, im Krieg gegen die Amalekiter das Beste von der Beute und sogar den König Agog hatte leben lassen, um sie bei seinem Triumphzug zu seiner Verherrlichung vor sich her zu führen, und Samuel betrübten Herzens ihn deshalb fragte: „Was ist denn das für ein Blöken der Schafe in meinen Ohren und ein Brüllen der Rinder, die ich höre?“ entgegnete er, sich selbst rechtfertigend: „Von den Amalekitern haben sie sie gebracht: denn das Volk verschonte der besten Schafe und Rinder um des Opfers willen des Herrn deines Gottes, das andere haben wir verbannt“; als ob das Volk das hätte tun dürfen, wenn er es nicht erlaubt oder befohlen hätte; und es gelang dem Propheten erst durch die Strafandrohung: „Weil du nun des Herrn Wort verworfen hast, hat Er dich auch verworfen, dass du nicht König seist“, ihn dahin zu bringen, dass er seine Schuld einsah und das Geständnis ablegte: „Ich habe gesündigt, dass ich des Herrn Befehl und deine Worte übergangen habe“. Und entschuldigen wir unsere kleinen und großen Sünden nicht noch unaufhörlich auf gleiche Weise, bald vor uns selbst und unserem inneren Richter, bald vor anderen Menschen, entstellen, verdrehen, lügen, dichten, heucheln zusammen, was wir irgend können, um nur den guten Schein uns zu erhalten? Nachdem wir unrecht gehandelt, sprechen wir hinterdrein auch noch unrecht und verletzen so ein göttliches Gebot nach dem andern.

Und auf wen werfen wir in der Regel die Schuld? Gerade wie Adam, zunächst auf andere Menschen. Warum haben die mir zugeredet? heißt es, warum haben meine Eltern mir eine solche Erziehung gegeben? Was kann ich dafür, dass ich in der Schule solche Grundsätze gehört und gelernt habe, dass der Geist der Zeit, der auch auf mich nicht ohne Einfluss geblieben, ein so böser und satanischer ist, dass die liberalen Zeitungen und Tagesblätter, die ich lese, in ihren Leitartikeln erst den Glauben und Gottes Wort aus dem Herzen reißen und dann das Königtum von Gottes Gnaden, die Achtung vor dem Gesetz, den Gehorsam gegen die Obrigkeit hinterdrein und die Menschen glücklich machen wollen, ohne sie erst gut gemacht zu haben? Meiner Frau oder meinem Mann oder meinen Kindern zu lieb habe ich Teil genommen, ich wollte ihnen die Freude nicht rauben, noch stören; die Gesellschaften und Verbindungen, in denen ich stehe, haben das von mir gefordert; ich tue ja nur das, was Andere auch tun; man kann ja nicht gegen den Strom schwimmen; man muss den Mantel nach dem Wind hängen; wer unter den Wölfen ist, muss mit ihnen heulen. Oder wir werfen wie Adam die Schuld geradezu auf Gott selbst, der uns also geschaffen, dieses Temperament und diesen Charakter gegeben, in diese Lage uns versetzt, unter diese Versuchungen gestellt und uns so schwach und unvollkommen gebildet hat, dass es geradezu unmöglich ist, Gottes Gesetz zu halten. Was kann ich dafür, spricht der Zornmütige, dass ich so heftig und reizbar bin? Es liegt einmal in meinem Blut und in meinen Nerven, ich kann mich nicht umschaffen. Was kann ich dafür, dass ich ein so schweres, melancholisches Gemüt habe? sagt der Verzagte und Kleinmütige, mein dickes Blut und meine äußere Lage ist daran Schuld. Oder wir werfen wie Eva die Schuld auf die Schlange, auf den Teufel, der uns zusetzt mit bösen Gedanken und mit einer so unwiderstehlichen Lust, dass wir nicht anders können, wir müssen folgen; was kann der Mensch gegen die Anfechtung, wenn Gott ihn nicht bewahrt und schützt?

Was sind selbst die Verkleinerungen und Ausschmückungen unserer Laster anders, als kahle Entschuldigungen; wenn wir uns entweder rein waschen wollen mit dem Selbstlob: „Wir meinen es ja so böse nicht, es ist das nur eine Gewohnheit“, oder, wenn wir den Fortschritt der jetzigen Bildung darin sehen, dass wir dieselben Laster der Vorfahren in einem fort begehen, aber sie mit anderen Namen taufen, und es bei uns keinen Geiz mehr gibt, sondern nur Sparsamkeit, keine Verschwendung mehr, sondern nur Freigebigkeit, keinen Müßiggang mehr, sondern nur Schonung unserer Kräfte, keine Verleumdung mehr, sondern nur gerechten Tadel, und wir die Lügen erlaubte Scherze, die Schmeicheleien feine Lebensart, die Ausschweifungen rechtmäßigen Lebensgenuss, die Sünden gegen das sechste Gebot kleine Schwachheiten, Wucher und Betrug unerlässliche Spekulationen nennen?

Schauen wir uns im Leben, im täglichen Handel und Wandel um, Andächtige, so erkennen wir mit wahrem Schrecken, wie weit, wie allgemein verbreitet diese Entschuldigungssucht ist. Wir gewahren, dass jedes Alter seine besonderen Ausreden wieder hat; die Jugend spricht: „Jugend hat keine Tugend, die Jugend muss erst austoben und sich die Hörner ablaufen, man muss das Leben genießen, so lange man jung ist, die bösen Tage und das Alter kommen doch noch zeitig genug“; und das Alter spricht: „Alter schützt vor Torheit nicht“. Weiter, hat wieder jeder Stand seine Entschuldigungen; böse Prediger sprechen: Wir sind ja auch Menschen und keine Engel; weltliche Personen dagegen berufen sich zur Rechtfertigung ihres Sinnes und Wandels darauf: Wir sind ja seine Geistlichen. Hofleute sprechen: am Hofe müsse man mitmachen, wenn man nicht ausgelacht sein wolle; Kaufleute sprechen: Ein wenig lügen und betrügen schadet nicht; sagt doch schon Sirach: Ein Kaufmann kann sich schwerlich hüten vor Unrecht und ein Krämer vor Sünden (26,28, 27,3.); Offiziere sprechen: das Duell sei keine Sünde, das bringe einmal die Standesehre mit sich. Es gibt sogar nichts Gutes, keine Tugend, keine Pflicht, deren Versäumnis nicht auf alle Weise entschuldigt würde. Gleichwie es im Evangelium vom reichen Abendmahl von den Geladenen heißt: „Sie fingen alle nach einander an, sich zu entschuldigen“, so hört man noch unaufhörlich die Abweisungen: „Es ist nicht möglich, man kann nicht so heilig leben, das ist zu viel verlangt, wir sind einmal Alle schwache Menschen“; oder: „Ich brauche es auch nicht, ich bin schon ein braver, ehrbarer Mensch, Keiner kann mir etwas Böses nachsagen, ich bin im rechten Glauben geboren und erzogen, bete täglich meinen Morgen- und Abendsegen, gehe oft zur Beichte und zum Abendmahl, sonntäglich in die Kirche“; oder: „Man kann doch nicht immer beten und singen, ich will mich bekehren, wenn ich alt oder krank werde, wir glauben Alle an einen Gott, wir hoffen Alle, selig zu werden, leben und leben lassen!“ - Es gibt endlich keine Sünde, die nicht ihre eigenen Feigenblätter und Entschuldigungen aufwiese. Habt ihr nie Diebe sagen hören: „Not kennt kein Gebot, Not bricht Eisen, Eigentum ist Diebstahl, wer von mir bestohlen ist, ist reich genug, er kanns entbehren“? Habt ihr noch nie aus dem Mund der Sabbatschänder das Wort vernommen: „Herrendienst geht vor Gottesdienst; was habe ich davon, dass ich in die Kirche gehe? Erst Brot, dann Wort; wes Brot ich esse, des Lied ich singe“? Ist euch noch nie die Lieblosigkeit begegnet mit der Rede im Mund: „Wie du mir, so ich dir; wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es auch wieder heraus, er hat es mir auch gar zu arg gemacht; wenn man sich Alles gefallen lassen will, werden sie endlich Einen noch mit Füßen treten“? Habt ihr nicht Trunkenbolde, Wollüstlinge, Betrüger sich entschuldigen hören: sie seien nicht die Ersten, sie würden auch nicht die Letzten sein? Eigentlich machen wir es in allen Stücken geradezu wie die blinden Heiden. Als Johannes Arabini, der Häuptling und erste Christ unter den Buschnegern in Südamerika, seinem heidnischen Volk einmal vom Weltgericht erzählte, dass Christus wiederkommen werde, sie allzumal zu richten, und sie fragte: was dann aus ihnen werden solle? da waren seine Landsleute schnell mit der Antwort fertig: dann laufen wir in den Busch. Jede neue Entschuldigung unserer Sünden ist ein neuer Busch, hinter den wir uns verbergen wollen. Wir wissen recht gut, dass das kindisch und lächerlich ist und uns gar nichts hilft, wir sind auch schon bei unseren Ausflüchten so oft ertappt und Lügen gestraft worden; dennoch tun wir es immer wieder und können es nicht lassen. Warum können wir es nicht lassen? Warum fallen wir immer wieder in denselben törichten Fehler? Unser Stolz und unsere Eigenliebe hindern uns, uns schuldig zu geben und ehrlich zu demütigen, und verstricken und immer tiefer in dem Groll und Trotz unseres Herzens. Wir wollen aus der guten Meinung Anderer nicht heraustreten und von der Höhe, die wir einmal in ihren Augen einnehmen, nicht herabsteigen; wir wollen den Schein wenigstens retten, als seien wir nicht so böse, als wofür man uns hält, und wir meist in der Tat auch sind; wir wollen durchaus nicht unrecht getan oder gehandelt haben und scheuen uns gegen die wohlverdiente Strafe; und um dieser zu entgehen und unseren guten Namen auch ferner in Anerkennung zu erhalten, greifen wir nach allen Möglichkeiten und versuchen es mit einer Selbstrechtfertigung nach der andern, sollte sie auch noch so unwahrscheinlich und unglaublich sein. Man möchte fast die Behauptung wagen: Das halbe Leben der meisten Menschen ist Sündigen und Fehlen, und die andere Hälfte ist Entschuldigen und Beschönigen.

II.

Die Tatsache steht also fest: Adams und Evas Entschuldigungen leben und wirken fort in den unsrigen. Was müssen wir davon sagen? Wir müssen sie verabscheuen und meiden, wenn wir uns nur recht klar machen ihre ganze Teufelei, sowohl in ihrem eigentlichen Wesen, als in ihren bedenklichen und entsetzlichen Folgen.

Denn was verrät jede Entschuldigung, die feine, wie die grobe? Offenbar die größte Unwahrheit und Unaufrichtigkeit des Charakters, jenen Teufelssinn, von dem Jesus sagt, dass er lüge und morde von Anbeginn. Jede Entschuldigung lügt, sie belügt sich und Andere, und zwar absichtlich und frech. Sie weiß es recht gut, dass die Sache sich anders verhält, und doch behauptet sie, sie sei so, wie sie nicht ist, nicht selten mit hinzugefügten Beteuerungen. Sie erkennt ihr Unrecht, aber sie will es nicht bekennen. Sie sieht in dem Spiegel ihr Bild; aber sie will besser aussehen, als sie in der Tat aussieht, und so verwandelt sie ohne Weiteres Schatten in Licht, Böses in Gutes. O, welche Zweideutigkeit und Falschheit des Wesens, welche Ehrlosigkeit und Wegwerfung seiner selbst! Welcher Widerspruch zwischen Sein und Seinwollen, Wissen und Wissenwollen! Wahrlich, jede Entschuldigung ist so recht eigentlich Satans-Strick und Satans-Werk, eine grauenhafte Ausgeburt der Hölle und ein täglicher Beweis der ungeheuren Macht, welche die bösen Geister fortwährend in den Herzen der Menschen ausüben, und wie die ganze Welt im Argen liegt! Und nun erst ihre Folgen.

Zunächst erreicht die Entschuldigung nicht, was sie beabsichtigt, sondern stürzt sich vielmehr unaufhaltsam in das Gegenteil hinein. Was beabsichtigt jeder Mensch nämlich, wenn er sich entschuldigt? Er möchte dadurch gern vor den Augen der Menschen als unschuldig erscheinen und straflos ausgehen. Aber trifft das ein? Mitnichten! Ein altes Sprichwort lehrt: Wer sich entschuldigt, klagt sich an. Und ist das nicht mehr oder weniger immer der Fall? Finden die Entschuldigungen den Glauben, den sie wünschen, oder stoßen sie nicht fast jedes Mal gleich von vorn herein auf Misstrauen und Argwohn? Als Adam sich rechtfertigen wollte: „Das Weib gab mir von der Frucht und ich aß“, lag nicht die Frage nahe: aber warum warntest du nicht dein schwaches Weib, und wenn das nicht ging, warum bemitleidetest du sie nicht? warum nahmst du aus ihrer Hand, was von Gott verboten war? Bewiesest du dadurch nicht, dass du noch schwächer warst, als sie? Als Eva fortfuhr: „Die Schlange betrog mich also, dass ich aß“, lag nicht wiederum die Frage nahe: Aber warum ließt du dich von ihr betrügen? hattest du nicht Einsicht und Willenskraft genug, ihr zu widerstehen? Wenn unter uns ein Sabbatschänder sich entschuldigt: ich habe keine Zeit, wer glaubt es ihm? Liegt doch die Antwort gar nahe: hättest du rechte Lust, so hättest du auch Zeit. Oder wenn gewissenlose Eltern ihre Kinder im höchsten Grad unregelmäßig in die Schule und zum Prediger schicken, und als Grund ihres Ausbleibens anführen: Das Wetter war zu schlecht, der Weg zu weit, sie hatten nichts anzuziehen, wir brauchten sie in unserem Geschäft, welch tiefblickender Prediger oder Lehrer lässt diese Ausreden gelten? Wohl ist ein Unterschied unter den Sünden und es gibt auch bei der Verschuldung mildernde Umstände, wie z. B. wenn jemand wirklich nicht gewusst hat, dass das Unrecht war, was er tat, sondern es für erlaubt und recht hielt, oder wenn er aus Übereilung, Ratlosigkeit, Menschengefälligkeit sich fortreißen ließ; aber gerade die das tun, klagen dann auch über ihr Vergehen, beweinen und bereuen es, und geloben Besserung, denken jedoch nie daran, sich zu rechtfertigen und zu verteidigen. Wer sich entschuldigt, klagt sich daher allemal an, rettet nicht seine Ehre, sondern vermehrt seine Schande, reinigt sich nicht von Anklage und Schuld, sondern verunreinigt sich nur um so mehr. - Gelingt es ihm aber nicht einmal, die Schuld von sich abzuwälzen durch seine Ausreden, so noch viel weniger, sich von der verdienten Strafe zu befreien. Ober ging Adam vielleicht straflos aus, weil Gott zu seiner Entschuldigung schwieg? Im Gegenteil, bald darauf erklang das furchtbare Urteil über seine ganze Zukunft auf Erden: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang; Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist“. Oder ging Eva ungestraft fort von Gottes Angesicht? Wir kennen das Fluchwort, das alsbald ertönte und sich erfüllt hat fort und fort an ihren Töchtern: „Ich will dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst, du sollst mit Schmerzen Kinder gebären, dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein und er soll dein Herr sein“. Die Strafe wird nur um so größer, je länger und je mehr sich der Mensch entschuldigt. Wenn ein Kind offen und reuig sein Vergehen den Eltern oder Lehrern gesteht, so freuen sie sich über seine Aufrichtigkeit und Reue, richten seinen Mut wieder auf durch freundliches Zureden und erlassen ihm die Strafe; wenn es aber sein Vergehen beschönigt und leugnet, so bleibt die Strafe niemals aus, ja, sie wird in der Regel verstärkt um der Sünde und um der Entschuldigung willen. Nicht oft genug können wir uns das salomonische Wort merken: „Wer seine Missetat leugnet, dem wird es nicht gelingen, wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“

Die Entschuldigung hilft dem Sünder also nichts, sie macht ihn weder schuld- noch straflos; was aber viel schlimmer ist, sie schadet ihm augenscheinlich, denn sie trennt die Menschen von den Menschen und die Menschen von Gott. Ihr seht es an Adam. Beginnt etwa seine Entschuldigung mit ich, worauf es bei Gottes Anklage doch allein ankam? Er beginnt mit einem andern Namen. Sagt er: Mein Weib? Nein, er spricht: Das Weib, das Du mir zugesellt hast; kalt und lieblos redet er von ihr, wie von einer Fremden, die ihn nichts angeht. Sie ist nicht mehr Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein. Er trennt jetzt seine Sache von der des Weibes, um die Strafe allein auf sie zu lenken. Seht, so trennt die Sünde der Entschuldigung die Menschen von einander. So scheidet sie die Ehen. So sät sie Zwietracht in die zartesten und innigsten Verhältnisse. So reißt sie Mann und Weib, Eltern und Kinder, Freunde und Freunde von einander. So vergiftet sie die Nächstenliebe in ihrem innersten Grund. So sehr sich anfänglich Adam über sein Weib als seine Gehilfin gefreut und geweissagt hatte, dass der Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weib hangen werde, so missvergnügt ist er jetzt über sie und fragt sie an als die Urheberin seines Unglücks und Falles. Wie? Erleben wirs nicht noch alle Tage, dass zwei Verbrecher sich zu einander halten, als ob sie die besten Freunde wären, kommen sie aber vor den Richter, sucht nicht da Jeder den Andern aufs Zuchthaus zu bringen, um seine eigene Haut zu retten? Endlich: „Das Weib, das Du mir zugesellt hast“: ists nicht der schwerste Undank, der die Schuld sogar auf Gott wirft und sich und sein Heil von Gott trennt? der im Trotz sogar Gott zur Rede stellt und zum Urheber der Sünde macht? Dann Gott solchen Undank und solchen Frevel gleichgültig mit ansehen? Muss Er sich nun nicht auch vom Menschen trennen und ihn verlassen, wie der Mensch sich von ihm getrennt und Ihn verlassen hat? Aber was ist Alles enthalten in dem Wort: Gott trennt sich von uns, Er verlässt uns! Ist ohne Ihn und außer Ihm noch Heil und Rettung, Friede, Beruhigung, Seligkeit möglich? Wird ein solcher sich selbst rechtfertigender Sünder nun nicht immer verhärteter und verstockter werden, immer mehr Wohlgefallen an seinen Sünden finden, immer weniger die vorhandenen Gnaden- und Besserungsmittel brauchen, immer stärker die Stimme des Gewissens zum Schweigen bringen, immer fester sich hineinlügen in den Wahn: Was soll ich noch mein Herz reinigen? es ist ja schon rein. Was soll ich noch in die Kirche gehen? ich weiß ja Alles schon besser. Was soll ich noch beten? ich kann ja doch dadurch nicht besser werden, als ich schon bin. Was soll mir alle jene vorgebliche Arznei? mir fehlt ja nichts. O welch wachsender Hochmut, welche Sicherheit, welcher unendliche Abgrund, welches zukünftige Strafgericht des allgerechten Richters, das sich Schritt vor Schritt entwickelt und vergrößert!- Wer immer in schlechter Luft sich bewegt, der weiß zuletzt nicht mehr, dass sie schlecht ist: so kennt der Sünder von Profession zuletzt seine Sünde nicht mehr.

Nun sagt selbst, Geliebte, ist die Sünde, sich zu entschuldigen, nicht das größte Hindernis im Guten, nicht ein wahres Bollwerk der Hölle? Der Übel größtes ist die Schuld, sagt unser deutscher Dichter; aber Entschuldigung ist noch schlimmer, ist das allergrößte aller Übel. Wollt ihr daher, ihr Alle, Große und Kleine, Alte und Junge, sie nicht zunächst an euch selbst von Grund des Herzens verabscheuen, fliehen, verfluchen, und mit ihrem Grauen und Entsetzen verdammen? Oder warum wolltet ihr euch noch jemals entschuldigen? „Etwa weil ihr euch schämt, eure Schande zu sagen?“ Habt ihr euch nicht geschämt, zu sündigen, wie könntet ihr euch schämen, zu bekennen; nur durch solche Demütigung hebt ihr die Schande eurer Sünde auf. Jede Entschuldigung ist selbst eine falsche. Scham, deren ihr euch werdet wieder schämen müssen am Tage des Gerichts. lieber zweimal, als dreimal, lieber freiwillig als gezwungen sich schämen müssen! Oder warum wolltet ihr euch noch entschuldigen? „Weil ihr die Strafe fürchtet?“ lieber hier gestraft und vergeben, als dort ewig gestraft und nie vergeben! Kennt ihr den Vers:

Solls ja so sein,
dass Kreuz und Pein
auf Sünden folgen müssen,
so fahr hier fort
und schone dort,
und lass mich hier wohl büßen?

Paulus sagt: „Wer sich selbst richtet, d. h. nicht bloß anklagt, sondern verurteilt und bestraft, der wird nicht gerichtet werden“. - Und warum wolltet ihr nicht der Wahrheit die Ehre geben und eure Schuld bekennen? Die Vorteile solcher aufrichtigen Selbstverurteilung sind unermesslich. Denn je strenger ihr gegen euch selbst seid, desto milder werdet ihr gegen Andere werden, ihre Fehler entschuldigen, Gutes von ihnen reden und Alles zum Besten kehren, und darum mit allen Menschen, soviel an euch ist, Frieden haben. Ja, je mehr ihr euch beschuldigt, desto mehr entschuldigt euch der Herr; was sage ich: entschuldigt? - desto mehr rechtfertigt Er euch, spricht euch von aller Schuld und Strafe frei und erklärt euch für unschuldig und gerecht um Seines Sohnes Jesu Christi willen. Summa: Entschuldigung kommt vom Teufel, Beschuldigung vom heiligen Geist; Entschuldigung entspringt aus Hochmut, Beschuldigung ist die Tochter der Demut; Entschuldigung ist Lüge, Beschuldigung Wahrheit; Entschuldigung macht das Herz immer schlechter, Beschuldigung immer besser; Entschuldigung führt in die Hölle, Beschuldigung in den Himmel. Es bleibt bei Johannes Wort: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns; so wir aber unsere Sünde bekennen, so ist Er treu und gerecht, dass Er uns die Sünde vergibt und reinigt uns von aller Untugend (1 Joh. 1,8.9.).“ Amen.

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