Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Dritte Predigt. Johannis letztes öffentliches Zeugniß.

Arndt, Friedrich - Das Leben Jesu - Dritte Predigt. Johannis letztes öffentliches Zeugniß.

Text: Joh. III., V. 25 - 36.
Da erhub sich eine Frage unter den Jüngern Johannis sammt den Juden, über der Reinigung. Und kamen zu Johanne, und sprachen zu ihm: Meister, der bei dir war jenseit dem Jordan, von dem du zeugetest, siehe, der taufet, und Jedermann kommt zu Ihm. Johannes antwortete, und sprach: Ein Mensch kann Nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel. Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe: ich sei nicht Christus, sondern vor ihm hergesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam: der Freund aber des Bräutigams stehet und höret ihm zu, und freuet sich hoch über des Bräutigams Stimme. Dieselbige meine Freude ist nun erfüllet. Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. Der von oben her kommt, ist über Alle: wer von der Erden ist, der ist von der Erden, und redet von der Erden: der vom Himmel kommt, der ist über Alle. Und zeuget, was er gesehen und gehöret hat; und sein Zeugniß nimmt Niemand an. Wer es aber annimmt: der versiegelts, daß Gott wahrhaftig sei. Denn welchen Gott gesandt hat, der redet Gottes Wort: denn Gott gibt den Geist nicht nach dem Maß. Der Vater hat den Sohn lieb, und hat Ihm Alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubet, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubet, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibet über ihm.

Der Anfang des öffentlichen Auftretens Jesu in Jerusalem war so herrlich und viel versprechend, wie möglich. Viele waren zum Glauben an Seinen Namen gekommen, und selbst im hohen Rathe hatte ein Mitglied, Nicodemus, sich mit inniger Herzensneigung Ihm zugewandt. Wie lange Jesus nach dem Feste noch in der Hauptstadt sich aufgehalten, wird uns nicht angegeben; nur das Eine erzählt uns Johannes, daß der Herr nicht sofort nach Galiläa zurückkehrte, sondern längere Zeit in der Provinz Judäa, in ihren einzelnen Städten und Flecken, verweilte. (V. 22). Da fehlte es denn nicht, daß überall Ihm gläubige Seelen, die auf den Messias gehofft hatten, zufielen, und daß Viele sich durch Jesu Jünger auf den erschienenen Heiland taufen ließen. Johannes der Täufer hatte inzwischen seinen Beruf noch fortgesetzt und auch dadurch seine Treue in dem von Gott empfangenen Auftrage bewiesen, daß er nicht eher aufhörte zu wirken, bis er durch Herodes war in's Gefängniß gelegt worden. (V. 24.) Da entstand denn eine Streitfrage zwischen den Jüngern Johannis des Täufers und einigen Juden über Christi Taufe und über das Verhältniß, in welchem Johannes und Christus zueinander standen, und diese Frage gibt dem Johannes Veranlassung, nochmals sein letztes, öffentliches Zeugniß von Jesu abzulegen. Er knüpft es an einen allgemeinen Kerngedanken und führt es dann im Einzelnen aus. Jesus selbst nennt Johannem den größten unter Allen, die vom Weibe geboren seien; was nun der größte Mensch der Welt von Christo und seinem Verhältniß zu Ihm sagt, das muß eine ganz besondere Wichtigkeit für uns haben. Laßt uns seinem Bekenntniß näher treten.

I.

Die Frage, welche die Johannesjünger ihrem Lehrer im Texte vorlegten, lautete: „Meister, der bei dir war jenseit des Jordans, von dem du zeugtest, siehe, der tauft, und Jedermann kommt zu Ihm.“ An sich hätten sie aus Johannes früherem Zeugniß wissen müssen, daß Jesus höher stehe, als Johannes, und wenigstens mit gleichem Rechte, wie er, taufen dürfe, und hätten sie das bedacht, so hätten sie nicht nur diese Frage gar nicht aufgeworfen, sondern wären auch längst zu Jesu übergegangen gewesen. Die besten unter den Johannesjüngern, wie Andreas und Johannes, hatten das auch gethan, und nur die oberflächlichen und eitlen waren noch bei ihm geblieben, die den Täufer so wenig verstanden, als Christum. Sie fühlten daher Neid und Eifersucht, Mißgunst und Unwillen über Jesu wachsendes Ansehen, und meinten, sie müßten die Sache ihres Lehrers, Christo gegenüber, führen. Wie hatten sie sich aber verrechnet, die armen Leute! Und wie war Johannes in jeder Beziehung ein ganz anderer Mann, als sie! Die Frage war aufgestellt, sie erheischte eine Antwort: Johannes gab sie, indem er sie mit einem allgemeinen Grundsatze im Reiche Gottes, mit einem rechten Kerngedanken einleitete. Er sprach: „Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel“, d. h. Jeder hat seine Stellung im Reiche Gottes, Jesus die Seinige, ich die meinige, und die ist ihm von Gott bestimmt, und er ist an sie gebunden, und kann und darf über sie nicht hinaus; je treuer er sie behauptet, desto mehr Segen wird er stiften. Wichtige Wahrheit aus dem Munde des wahrheitsliebenden, offenen Zeugen!

„Der Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel.“ Alles, was er hat und vermag, ist höhere Ordnung und ewige Bestimmung. Wie prägt sich uns doch diese Wahrheit auf vom Anfang bis zum Ende unseres Lebens! Und wie fühlen wir uns doch überall hienieden abhängig und gebunden! Wir sind da und leben: ist das unser Werk gewesen? hat man uns gefragt, ob wir da sein, ob wir leben wollten oder nicht? Wir haben bestimmte Anlagen, bestimmte Geistesgaben, bestimmte Neigungen und Triebe, eine bestimmte körperliche Eigenthümlichkeit, ein bestimmtes Maß von Kraft, wir haben bei der Entwicklung dieser Anlagen eine bestimmte Richtung genommen, eine bestimmte Erziehung genossen, bestimmte Schicksale erfahren, einer bestimmten Berufsthätigkeit uns geweiht, bestimmte Verbindungen eingegangen: ist da im mindesten Rücksicht genommen worden auf unser Gutdünken und unsere Entscheidung? hat sich das nicht Alles von selbst gemacht? ist es uns nicht ohne unser Zuthun entgegen gekommen? und wo wir eine Wahl hatten, war es nicht immer schon Gegebenes, von außen, von oben Gegebenes, zwischen dem wir zu wählen hatten? Und ob unser Geschäft gelingt oder mißlingt, ob wir in unserer Thätigkeit Erleichterungen oder Hindernisse finden, ob wir ein ruhiges oder ein heftiges, ein heiteres oder trübes Temperament haben, ob unser Körper gesund ist oder krank, unser Geist frisch oder abgespannt, ob wir lange oder kurz leben, ob die Unsrigen in Sterbensläuften, wie jetzt, erhalten bleiben oder sterben: von wem hängt es ab? Von uns? Wahrhaftig nicht! Kein Mensch kann seiner Lebensdauer eine Elle zusetzen, ob er gleich darum sorget. Selbst das, was am meisten noch als unser Werk erscheint, die Erzeugnisse und Schöpfungen unseres Nachdenkens, unseres Fleißes, unserer Geschicklichkeit, die Thaten unseres Willens, - daß wir sie leisten und erzeugen konnten, und Andere nicht, es war Gabe von oben. „Nicht daß wir tüchtig sind von uns selber, etwas zu denken, als von uns selber, sondern daß wir tüchtig sind, ist von Gott.“ (2 Cor. 3,5). Der Herr allein gibt dem Menschen Wollen und Vollbringen nach Seinem Wohlgefallen. Der Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel.

Betrachten wir ferner die große Mannichfaltigkeit unter den Menschen, wie da Arme und Reiche, Hohe und Niedrige, Gesunde und Kranke, Begabte und Stumpfe, Ausgezeichnete und Uebersehene vorhanden sind: unwillkürlich fällt uns das apostolische Wort ein: „Hat nicht der Töpfer Macht, aus einem Thon zu machen ein Gefäß zu Ehren, und das andere zu Unehren?“ Ja, von Tausenden müssen wir sagen: wenn sie unter andern Umständen groß geworden wären, wenn sie eine andere Bildung und Erziehung empfangen hätten, wenn sie zu einer andern Zeit gelebt, andere Schicksale erfahren, andere Umgebungen gehabt hätten, sie wären ganz andere Menschen gewesen. Wie viele Wünsche sind schon in unserem eignen Herzen aufgestiegen, und sind an der Macht der Verhältnisse gescheitert! Wie manchen Plan haben wir entworfen, und unerwartete Hindernisse haben seine Ausführung hintertrieben! Wir glaubten jetzt zu irgend einer Furcht, jetzt zu irgend einer Hoffnung berechtigt zu sein, und siehe, es ist ganz anders gekommen, als wir gefürchtet oder gehofft hatten! Ein kleiner, unmerklicher Umstand, an den wir nicht gedacht, hat plötzlich den Ereignissen eine ganz andere Richtung gegeben. Wer hätte die scheußliche Revolution des Schandjahres für möglich gehalten? Und sehet sie ist über uns hereingebrochen und hat uns aus unserer Sicherheit fürchterlich aufgeschreckt. Wer hatte die Bewältigung derselben, die Zurückführung des tiefgesunkenen und unterwühlten Vaterlandes in gesetzliche und geordnete Wege für möglich gehalten? Und sehet, auch das ist bewerkstelligt worden. Das Meiste, was in unserm Leben sich zuträgt, was in der Welt geschieht, geschieht ohne unsere Mitwirkung, es gibt sogar Gebiete und Lebenskreise, auf die wir nicht den geringsten Einfluß haben können, sondern geschehen lassen müssen, was sich begibt, und wir können es nicht ändern. Wer wacht, wenn du schläfst? Wer denkt, wenn du träumst? Wer vergißt und versäumt nicht, was du vergissest oder übersiehst und was gleichwohl von der größten Wichtigkeit ist? Wer setzt den Sündern ihre Stunde, über die sie nicht hinausgehen dürfen, und macht sie so plötzlich zu nichte, daß sie untergehen und ein Ende mit Schrecken nehmen? Wer bindet selbst das Laster und Verbrechen in seinen tollsten Ausschweifungen an eine höhere Ordnung? Wer setzt es durch, daß die Gottlosen und Feinde Gottes zuletzt den Rath Gottes fördern müssen, indem sie ihn bestreiten, und sich selbst verderben müssen, während sie Andere verderben wollen? Wer erfüllt noch heute Seine Verheißung: „Beschließet einen Rath, und werde nichts daraus, beredet euch, und es bestehe nicht; denn hier ist Immanuel“ (Jes. 8,10)? Es ist der Herr, ohne dessen Willen kein Haar vom Haupte, kein Sperling vom Dache fällt; der Jedem sein Maß gibt, seine Zeit bestimmt, seine Grenze setzt, seinen Ort anweist, und von dessen Führungen wir so oft bekennen: Der Mensch denkt, aber Gott lenkt. Wenn Er will, daß etwas gelingen soll, so kann es kein Mensch hemmen, und was Er dem Untergange bestimmt hat, das kann Niemand wieder aufrichten. Der Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel.

Betreten wir vollends das Gebiet des innern Lebens, welche überraschende Bestätigungen eben derselbigen Wahrheit! Daß das Heil der Welt von den Juden kommen mußte, diesem verstockten, undankbaren, ungehorsamen und widerspenstigen Volke, und nicht von irgend einem der alten gebildeten Heidenvölker; daß das Christenthum seinen Gang von Osten nach Westen nahm, und nicht umgekehrt; daß Europa zuerst die beglückenden Einflüsse des Evangeliums am reichlichsten erfuhr, und nicht Asien oder Afrika; daß Deutschland die Wiege der Reformation ward, und nicht Italien, nicht England; daß die Kirche Christi mitten in ihrem Siegeslaufe immer wieder aufgehalten ward, und auf die herrlichsten Fortschritte Stillstände und Rückschritte, der Anfang der letzten Jahrhunderte immer wie ein Frühling des Geistes Gottes aus langer Wintersnacht aufging, das Ende derselben aber in Erstorbenheit und Todeskälte auslief, zugleich aber auch immer wieder in den Zeiten, wo Millionen ihre Kniee beugten vor den Götzen der Zeit, Siebentausende, wie zu Elias Zeit, vorhanden waren, die dem Herrn treu blieben bis in den Tod und den Keim zu einer neuen Verjüngung der Kirche enthielten; daß in der Geschichte der Einzelnen in einem und demselben Hause der Eine erweckt und begnadigt wird, der Andere unbekehrt und geistlich todt bleibt sein Leben lang, der Eine erwählt, der Andere verworfen wird, der Eine früh, der Andere spät zum Glauben gelangt, der Eine große Kämpfe und Versuchungen bestehen muß, der Andere einen sehr leichten und ebenen Weg geführt wird; daß das apostolische Wort im Werk unserer Bekehrung und Heiligung allezeit wahr bleibt: „Es liegt nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen,“ (Röm. 9, 11.): - was beweisen alle diese Erfahrungen Anderes, als: „Der Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel?“ Trotzdem, daß wir es fühlen wir sind frei, wir wählen und entscheiden und bestimmen uns selbstständig nach eigenen Gedanken, steht die Gewißheit fest, daß wir abhängig und gebunden sind an eine höhere Gewalt und Ordnung.

Wie ist diese Wahrheit aber nun auch so demüthigend für uns Alle, Geliebte! Ueberheben kann sich nur der Mensch, der seine beschränkte Stellung verkennt und sein Wissen und Können überschätzt; wer es aber weiß, daß der Mensch nichts nehmen kann, es werde ihm denn gegeben vom Himmel, wer seine Ohnmacht und Abhängigkeit alle Tage von Neuem erkennt und fühlt, der bescheidet sich, und versteigt sich nicht in Gebiete, die ihm einmal unzugänglich sind, mögen diese Gebiete im Kreise des Wissens oder im Kreise des Wirkens liegen; gelingt ihm aber irgend Etwas, so spricht er: Nicht mir, Deinem Namen, o Herr, allein die Ehre! Johannes der Täufer, voll jener Wahrheit, vergaß es nie, daß er Johannes war, und nicht Christus, der Vorläufer, und nicht der Herr. - Und wenn der Mensch erst demüthig ist, dann kann er auch neidlos hinblicken auf Andere, die mehr haben und besitzen, Größeres leisten, besser sind, als er; er weiß ja: sie könnten es nicht, wenn Gott es ihnen nicht gegeben hätte; eine Unzufriedenheit gegen sie wäre mithin eine Unzufriedenheit mit Gottes Einrichtung; er weiß, daß der Herr Macht hat, mit dem Seinen zu thun, was Er will, daß Er von den Haushaltern nichts fordert, als daß sie treu erfunden werden, und daß die kleinsten und unscheinbarsten Glieder am Leibe nicht selten die unentbehrlichsten sind; er freut sich vielmehr, daß der Herr noch andere, begabtere, thätigere, treuere Kräfte hat in Seinem Dienste, als ihn und Seinesgleichen, und denkt oft im Stillen: Was sollte wohl aus dem Reiche des Herrn werden, wenn Er nur an mich und meine Thätigkeit gewiesen wäre? Johannes, voll jener Wahrheit, daß der Mensch nichts nehmen kann, es werde ihm denn gegeben vom Himmel, weit entfernt, Jesum in kleinlicher Eifersüchtelei zu beneiden, wie seine Jünger, freut sich vielmehr, daß die Sache des Herrn einen so günstigen Fortgang nimmt. - Und wie stählt und belebt die Textwahrheit das Herz in seiner Hoffnung auf das Gelingen und den Sieg der guten Sache! Sie ist ja des Herrn Sache und Ihm kann es nicht gleichgültig sein, ob das Böse oder das Gute siegt in der Welt, ob Sein Wort und Kreuz aufrecht erhalten wird oder unterliegt, ob Seine Verheißungen sich erfüllen oder nicht, ob Millionen gerettet werden oder verloren gehen. Auf Ihn dürfen wir also bauen und trauen, zu Ihm kindlich beten, Ihm getrost Gelingen und Sieg anheimstellen, Ihm die Zukunft, und wenn sie noch so dunkel und drohend wäre, freudig überlassen, von Ihm jederzeit das Allerbeste erwarten, daß Er jedem Zeitalter und jedem Menschen geben werde, was sie bedürfen, um dem vorgesteckten Ziel und Kleinod nachzujagen und es zu erreichen. Und wenn dieses Vertrauen, diese Hoffnung uns beseelt, werden wir dann jemals ermüden können in dem Laufe, der uns verordnet ist, jemals matt die Hand in den Schoß legen in dem Berufe, den Gott uns überwiesen hat? werden wir nicht vielmehr ausharren bis ans Ende und wirken, so lange es Tag ist, ehe denn die Nacht kommt, da Niemand wirken kann, einen guten Kampf kämpfen und den Lauf vollenden? Johannes, voll jener Wahrheit, wirkte in seinem Berufe ohne Aufhören fort, bis er von Herodes in's Gefängniß geworfen wurde, ließ sich weder durch die Anstrengungen desselben niederbeugen, noch durch seine Entbehrungen zurückschrecken, und erduldete mit Freuden Kerker und Bande, ja den blutigen Märtyrertod, um der Wahrheit willen, die er zu verkündigen den Auftrag erhalten hatte.

II.

Nachdem Johannes seinen Jüngern den rechten Standpunkt angewiesen, von dem aus sie ihn und sein Verhältniß zu Christo zu beurtheilen hätten, macht er nun die Anwendung auf sich und seine Aufgabe, und wir müssen dabei ebenso sehr staunen über die helle Einsicht, welche er entwickelt, als über die Festigkeit und Bestimmtheit, mit der er sie geltend macht.

Wie genau und scharf weiß er, was er sein soll und was er ist! Dreierlei sagt er von sich aus. Zuerst: „Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern vor Ihm hergesandt.“ Meine Stellung ist nur die des Vorläufers und Wegbereiters, mehr soll und will ich nicht sein, und wenn ich das ganz bin, so habe ich meiner Aufgabe genügt und muß vom Schauplatz meiner Thätigkeit abtreten. Sodann: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam, der Freund aber des Bräutigams stehet und höret ihm zu, und freuet sich hoch über des Bräutigams Stimme; dieselbige meine Freude ist nun erfüllet.“ Der Bräutigam ist Christus, die Braut ist die Menschheit, ich bin nur der Brautwerber, der den Bräutigam in die Arme der Braut zu führen, Christum den Seelen anzupreisen hat; ist das geschehen und sind Braut und Bräutigam miteinander verbunden, dann ist mein Amt zu Ende, und ich kann mich nur noch weiden an ihrer Liebe und an ihrem Bunde. Drittens: „Wer von der Erde ist seinem Ursprunge nach, der ist auch nach seinen Fähigkeiten, seiner Erkenntniß und Wirksamkeit von der Erde, und redet von der Erde, von Buße und Besserung, aber noch nicht von den Gegenständen, die noch in himmlischen Rathschlüssen beruhen und auf Erden noch der Ausführung harren; und auch meine Stellung kann darum nur eine vorübergehende und keine bleibende sein. Das ist Christi Stellung allein; denn wie hoch steht Er über mir! Er kommt von oben, vom Himmel, ist himmlischen Ursprungs, ist Gottes Sohn im höchsten, einzigsten Sinne des Worts; darum ist Er überall, nicht nur über mich, sondern auch über Mosen und alle Propheten, Sein eigentlicher Sitz, wo Er zu Hause ist, ist der Himmel und der Stuhl der Macht und Majestät Gottes, und Er hat sich nur für einige Zeit auf die Erde, als auf ein Ihm fremdes Gebiet, niedergelassen. Was Er zeuget, hat Er selbst gesehen und gehört, Sein Wort geht aus unmittelbarer göttlicher Anschauung hervor, und ist daher Gottes Wort wie kein anderes. Und Gott hat Ihm den Geist gegeben nicht nach dem Maß, sondern ohne Maß in unendlicher Fülle, für Alle ausreichend und für alle ihre Bedürfnisse. Der Vater hat den Sohn lieb und hat Ihm Alles in Seine Hand gegeben, hat Ihn zum Herrn über Alles bestimmt, damit Alles Ihn verherrlichen solle. Genug: Ursprung, Wirksamkeit, Ziel, Alles ist bei Ihm unvergleichlich; was von Ihm gilt, gilt von keinem Andern, kein Zweiter kann neben Ihn gestellt, kann mit Ihm verglichen werden, Er ist schlechterdings über Alle. - In der That, Johannes hat nicht zuviel gesagt, Christus ist wirklich in jeder Beziehung über Alle. Betrachtet Seine Lehren: so hat noch nie ein Mensch von sich gesprochen, und könnte es auch Keiner, ohne Gott zu lästern. Betrachtet Seine Wunder: Er verrichtet sie als Etwas, das sich bei Ihm von selbst versteht und mit Seiner göttlichen Schöpferkraft auf's Engste zusammen, hängt. Ein Wink Seiner Hand, ein Wort Seines Mundes, ein: „Ich will's!“ oder: „Ich sage dir!“ und unheilbare Krankheiten weichen und Todte erwachen zu neuem Leben. Betrachtet Seine Gebete: wer darf beten, wie Er gebetet: „Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die Du mir gegeben hast, auf daß sie meine Herrlichkeit sehen?“ Betrachtet Sein Leben, seinen Wandel: bei welchem Menschen hat man so wie bei Ihm überall den Eindruck, daß Er aus einer andern Welt herrühre, daß Er fortwährend in einer andern Welt lebe, daß Er höher sei denn der Himmel, der Abglanz der göttlichen Herrlichkeit und das Ebenbild Seines Wesens, daß aus Seinem ganzen Wesen herausstrahle die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit? Betrachtet Seine Schicksale: wer unter allen Menschen ist, wie Er, unter Engelbegleitung auf der Erde geboren worden, unter Engelgeleit gen Himmel gefahren? Wenn die Apostel und Propheten etwas Uebermenschliches thun, so haben wir gleich den Eindruck, daß das etwas ihnen Fremdes und zu ihrer Natur nicht Gehöriges sei; bei Ihm dagegen fühlen wir es bei allen Offenbarungen Seiner Macht und Allwissenheit, Gnade und Herrlichkeit: das ist Sein innerstes Wesen durch und durch. Wenn die Apostel und Propheten in ihren Gebrechen und Schwachheiten uns entgegentreten, so wundern wir uns nicht, wir finden das in der Ordnung; wenn wir aber bei Christo Angst und Schwäche, Zittern und Zagen gewahren, wie in Gethsemane, so fällt uns das auf und wir fragen: Wie kommt der Herr dazu? und: Was hat das zu bedeuten? Kurz, es bleibt dabei: Der vom Himmel kommt, der ist über Alle.

Was folgert nun aber Johannes aus dieser Erklärung? Und wie fertigt er die kleinliche Gesinnung seiner engherzigen Jünger ab? Er folgert daraus zuerst: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“ Der Sonne der Geister gegenüber will er nichts sein als ein Planet oder als der Mond am Himmel, der nur so lange scheint, als die Sonne nicht am Himmel leuchtet, dann aber erbleicht, verschwindet und untergeht. Die Folgerung war richtig; aber wir müssen gestehen; es gehörte eine große Seele dazu sie zu ziehen. Der Mensch will so gern Etwas sein und gelten, und es hält sehr schwer, bis er klein wird in seinen Augen und Christus allein groß und herrlich dasteht; und doch ist das ganze Christenthum in dieser einfachen Regel enthalten, und wir haben noch keinen festen Boden unter unseren Füßen und sind noch nicht fähig, fortzuschreiten in der Vervollkommnung und Heiligung, so lange es nicht auch bei uns heißt: Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. Beides geht immer Hand in Hand. So lange wir groß, stark, herrlich sind, so lange ist Jesus in uns klein, schwach und ohnmächtig; sobald wir aber abnehmen und je mehr wir abnehmen, desto mächtiger kann Er in unserer Schwachheit hervortreten und in uns Gestalt gewinnen. Wehe, bei wem Christus im Abnehmen begriffen ist, bei dem ist gewiß der alte Adam wieder im Wachsen, und ehe er es sich versieht, hat derselbige über ihn wieder die Zügel in der Hand. Kein Gebet kann daher dringender für uns sein, als das Gebet: Herr, laß mich abnehmen, damit Du in mir wachsen mögest; ich Nein, Du meine Größe, ich arm, Du mein Reichthum; ich schwach, Du meine Stärke; ich finster, Du mein Licht; ich entblößt aller Tugenden, Du meine Gerechtigkeit; ich nichts, Du mein Alles. Johannes sagt: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen,“ und drückt damit eine unabänderliche Nothwendigkeit aus; und wahrhaftig, es geht nicht anders, die Führungen des Herrn mit unserer Seele sind auch auf nichts als auf lauter Banquerott und Untergang abgesehen. Johannes erklärt ferner so recht im Gegensatz gegen die Klage der Jünger: „Und Jedermann kommt zu Ihm“ (V. 26.) nachdrücklich: Und Sein Zeugniß nimmt Niemand an, wer es aber annimmt, der versiegelt's, daß Gott wahrhaftig sei und alle Seine Verheißungen erfülle,“ als wollte er sagen: der Zulauf zu Christo ist noch lange nicht groß genug, es muß noch ganz anders kommen; wenn die Welt sich verstände und Ihn verstände, Alle würden Ihm zu Füßen fallen. Johannes setzt endlich den Grund dazu, warum er es wünsche, daß Alle ihn verließen und zu Christo übergingen. Wer an den Sohn glaubet, der hat das ewige Leben, Vergebung der Sünden und Seligkeit hier im Keime, dort in der Vollendung. Wer dem Sohn nicht glaubet, der wird das Leben nicht sehen, ist und bleibt geistlich todt, sondern der Zorn Gottes, der von Natur über jeden Menschen ist wegen seiner Sünde und eben in jenem geistlichen Tode sich offenbart, bleibet über ihm in alle Ewigkeit. Es ist also keineswegs Einerleis wie sich der Mensch zu Christo stellt; es hängt davon ab Leben und Tod, Seligkeit und Verdammniß. Gott der Herr selbst steht in einem ganz besondern Verhältniß zu Christo: so sollen auch wir in einem ganz besonderen Verhältnisse zu Ihm stehen. Der Glaube an Ihn entscheidet Alles. Willst du unter dem Zorne Gottes bleiben, willst du das Leben nicht sehen, willst du hienieden ein bedauernswürdiger, unglücklicher Mensch, in der Ewigkeit unselig sein, willst du den Schrei in deiner Brust nach Erlösung nicht stillen, willst du einmal dir die bittersten Vorwürfe und Anklagen des Gewissens bereiten, willst du wie ein Teufel an dir handeln: so glaube nicht, gib dir auch keine Mühe zu glauben, und wiederhole es dir alle Tage: Jesus war auch nur ein Mensch, wie ich, und ich brauche Ihn nicht, ich kann durch mich selbst fertig werden, du wirst aber auch sehen, wie weit du mit solchem Hochmuth und Unglauben kommen wirst. Wir halten es mit Johannes dem Täufer und mit allen Propheten und Aposteln, und wissen, dabei fahren wir besser, und befinden uns nicht nur allezeit in guter Gesellschaft, sondern tragen auch einen ewigen Gewinn davon. Wenn wir Christum, den Sohn Gottes, verlören, was sollte uns Ihn wiederersetzen? Wenn Sein Zeugniß nicht wahr wäre, was in aller Welt sollte dann noch Wahrheit sein? Und wie wollen wir entfliehen, wenn wir solche Seligkeit nicht achten? Er, Er allein ist unser Helfer, unser Sündentilger, unser Todesüberwinder, unser wahrhaftiger Heiland und Erlöser. Johannes der Täufer freute sich noch einmal, ehe das Todesurtheil an ihm vollzogen wurde, dies Zeugniß als das letzte, öffentliche von Christo abzulegen: mögen wir es auch einmal ablegen als unser letztes Zeugniß, möge es täglich und stündlich in uns heißen:

Ja, Du bist und bleibest mein,
Und ich bin und bleib' der Deine,
Ewig, ewig will ich's sein,
Tand ist Alles, wie's auch scheine.
Wer Dich recht genießen kann,
Gibt mit Freuden Alles dran.

Amen.

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