Arndt, Friedrich - Das christliche Leben - Zwölfte Predigt.

Arndt, Friedrich - Das christliche Leben - Zwölfte Predigt.

Das Alter.

Psalm 71. V. 9.

Verwirf mich nicht in meinem Alter; verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde.

Wir nähern uns dem Ende unserer Betrachtungen über das christliche Leben, Andächtige. Wie draußen in der Natur der Herbst mit seinen düstern Tagen und entlaubten Bäumen das Sinken des Jahres verkündigt, und drinnen in der Kirche die stehenden Sonntags Evangelien und Episteln von den letzten Dingen, dem Tode, der Auferstehung und dem Gericht handeln: so neigt auch der Kreislauf unserer Andachten sich dem Ende des menschlichen Lebens entgegen, dem Alter und dem Tode. Der obige Text handelt vom Alter. David sieht in demselben, wahrscheinlich selbst schon stehend auf den höhern Stufen des Lebens, den Herrn an: Verwirf mich nicht in meinem Alter; verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde. Laßt uns denn sein Gebet verstehen lernen und gemeinsam das Lebensalter betrachten, 1) wie es uns erscheint und 2) was es uns lehrt.

I.

Wie alle und jede Erscheinung auf Erden von zwei Seiten betrachtet werden kann, so gewährt auch das höhere Lebensalter diesen Doppelblick; es hat seine Schattenseite und seine Lichtseite.

Die Schattenseite fällt zunächst in die Augen, wenn ein Greis vor uns erscheint oder wir uns im Geist auf die höheren Lebensstufen versetzen, und sie ist es daher auch, die unser Text vornämlich, ja ausschließlich hervorhebt: „Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde, und V. 18. Verlaß mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde.“ Das Grundgefühl dieses Gebets ist das Gefühl der Schwäche, und woran anders erinnert uns auch zunächst das Alter, als an unsere Schwäche? Der Körper sinkt nach und nach zusammen und verliert immer mehr das Ansehn der Frische und der Kraft; er fängt an, seine Dienste zu versagen, das Lebensfeuer erlischt, die Haare fangen an sich zu bleichen, die Augen werden dunkel und trübe, die Hände zittern, der Rücken krümmt sich, die Sinne stumpfen ab, und es kommen die schlaflosen Nächte und die Tage, von denen wir sagen: sie gefallen uns nicht, und welche der erfahrne, weise Salomo (Pred. 12.) also schildert, daß er sagt: es sei die Zeit, wo die Hüter im Hause (die abwehrenden Hände) zittern, und sich beugen die Starken (die festen Schenkel) und müßig die Müller (die Zähne im Mund, die Speise zermalmen), daß ihrer so wenig geworden sind, und dunkel werden die Gesichte durch die Fenster (die Augen). Die irdische Hütte, in der bisher der Geist gewohnt hat, sinkt und droht den Einsturz. - Aber auch der Geist selbst, der Bewohner der Hütte, bleibt von den Einflüssen des Alters nicht unverschont. Das Gedächtniß wird unzuverläßig, das Urtheil stumpf und der Geist immer schwächer und ohnmächtiger im Denken und Behalten; die Erinnerungen nur an die frühesten Zeiten bleiben lebendig und äußern sich nicht selten in Geschwätzigkeit. Dabei bemächtigt sich des Herzens die Furcht und die Sorge, oder ein trüber, finstrer, bitterer Geist, ein Geist der Laune und der Unzufriedenheit, des Murrsinns und Eigensinns, dem nichts mehr recht ist in der Welt und nichts recht gemacht werden kann, und der den Umgang mit solchen mürrischen Alten entsetzlich schwer macht, so schwer mitunter, daß sie Allen, die ihnen nahe stehen, insonderheit den armen Hausgenossen und Angehörigen unleidlich und zur wahren Plage werden, und auch die liebendsten Kinder und Kindeskinder zuweilen die Geduld verlieren, wenn es denn gar kein Ende nimmt mit den Aeußerungen der Unzufriedenheit„ und in den allermeisten Fällen doch in ihnen selbst und allein der Grund liegt. Und wie oft kommt zu dem Allen nun noch der furchtbarste Stolz, daß sie sich einbilden, sie seien fehlerfrei und sie hätten es mit ihrem rechtschaffenen, tugendhaften Leben ganz anders verdient, und nun Ansprüche über Ansprüche häufen, Ansprüche, die kein Mensch ihnen befriedigen kann, die nur die Selbstsucht und die Leidenschaft ihnen eingiebt, und durch die sie fast allen Menschen unerträglich, ja sogar albern und kindisch werden. Gewiß, wenn auf irgend einer Lebensstufe die Schattenseite recht augenfällig und niederschlagend erscheint, so ist es im Greisenalter, und wir, können uns wohl in Davids Seele recht tief hineinversetzen, wenn er im Bewußtsein dieser bevorstehenden Erfahrungen betet: „Verwirf mich nicht in meinem Alter; verlaß mich nicht, wenn ich schwach werbe.“

Doch noch einen wichtigen Zug haben wir dabei bisher unberührt gelassen. Das ist nämlich die Erfahrung, daß für das Alter das Leben und die Umgebung immer öder und kälter, immer unfreundlicher und unverständlicher wird. Die Welt geht ihren Gang fort und kehrt sich nicht daran, ob wir mitgehen wollen oder nicht. Die alten Freunde und Lebensgefährten sterben aus, die Einem nahe standen und verstehen konnten, wie mnn es meinte, sinken alle einer nach dem andern ins Grab: da sieht denn der schwache, lebensmüde Greis allein und verlassen in der weiten Welt, Alles um ihn her hat sich verändert, die Urtheile, die Lebensweisen, die Vorstellungen der Menge, die Beschäftigungen und bewegenden Kräfte der neuen Zeit stimmen nicht mehr zu denen, in welchen er erzogen wurde, er paßt nicht mehr zu der neuen Welt, die sich inzwischen gebildet hat, und denkt mit Sehnsucht zurück an die vorigen guten Tage, wo es viel besser und gemüthlicher war. O wie sind sie doch so schnell verschwunden! Wie wehmüthig stimmt es ihn, wenn er an die geliebten Heimgegangenen denkt, die er mit blutendem Herzen und thränenden Augen begraben, und dann sich sagen muß: Ihr Glücklichen, ihr habt ausgekämpft und ruhet in euern Kammern, ich allein stehe noch da und warte von einer Morgenwache zur andern; nun - ihr habt gelebt und seid verschwunden, ich lebe hier noch, aber auch ich werde verschwinden, und möchte es bald geschehen, denn ich fühle mich hier unten fremd. Verwirf mich nicht, o Gott, in meinem Alter, und verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde!

Doch damit ist schon der Weg gebahnt zur Betrachtung der Lichtseite des menschlichen Alters. Es ist ja die Zeit der Weisheit und der Lebenserfahrung von der einen, und die der näheren Vorbereitung auf den Himmel von der andern Seite. Als das jüngere Geschlecht noch nicht geboren war oder in bewußtloser Kindheit spielte, lebte, dachte, strebte, kämpfte, arbeitete der nun alt gewordene Mann schon in voller Lebenskraft, und wie viel Freuden und Schmerzen, wie viel gute und böse Tage sind seitdem in seinem Leben aufgekommen und vorübergegangen, wie viel Erfahrungen hat er durchmachen, wie viel Lehren einsammeln und beherzigen müssen, wie viel Krankheiten, Sorgen, schlaflose Nächte und stürmische Zeiten, welche großartigen Ereignisse und Begebenheiten im Hause und im Staate hat er erlebt! Jetzt sind sie überstanden, des Daseins Ungewitter, die Lasten sind getragen, das Schwerdt der Schmerzen ist ihm durch die Seele gegangen, und des Lebens täuschende Träume, die uns noch betrügen, er hat sie längst in ihrer Nichtigkeit erkannt und das Herz von ihnen abgezogen und auf etwas Festeres und Bleibenderes hingelenkt. Nun ist sein Urtheil über Alles, was ihn umgiebt, ruhiger, klarer, gediegener und vollgültiger geworden; die Leidenschaften schweigen; das Herz ist still und ruhig; tausend Dinge, welche die Jugend noch anziehen, blenden und irre führen, haben für das Alter jeden Werth und Reiz verloren. Ist auch das äußere Auge verdunkelt, das innere Licht ist gereift und helle, und im Herzen wohnt Friede und Heiterkeit, Milde und Sanftmuth, Freundlichkeit und Wohlwollen gegen jedermann. Darum sagt Hiob (12, 22): „Bei den Großvätern ist die Weisheit, und der Verstand bei den Alten,“ und Salomo (Spr. 16, 31): „Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden werden,“ und Sir. 25, 6-8: „O wie fein sieht's, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug sind. Das ist der Alten Krone, wenn sie viel erfahren haben, und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.“ Und sagt selbst, Geliebte, giebt es einen lieblicheren Anblick auf Erden, als einen Greis im Silberhaare, der aus seinem Schatze hervorholt Altes und Neues, der ein Lehrer und Berather ist der Jugend, die er liebt, weil er in ihr seine eigne Jugend wieder aufblühen sieht, der mit seinem gereiften Blick, seiner bewährten Ruhe und der himmelangewendeten Richtung seines Innern gern, wo er kann, Rathschläge, Ermunterungen, Warnungen ertheilt, und von dem Keiner ohne einen Segen und ohne Erbauung hinweggehen kann? Sind solche Greise nicht wahre Perlen und Kleinodien unter ihren Brüdern? Und ist es dann nicht eine hohe Gnade und ein Segen Gottes, ein hohes Alter zu erreichen, und bis zum letzten Augenblick, wo die Augen sich schließen zum müden Schlummer, thätig und segensreich wirksam zu sein, und selbst noch den Abend des Lebens der Welt zu nützen und zu dienen? Heil jedem Greise, um dessen Silberlocken Weisheit und Heiterkeit wehen und von dessen Stirne die Falten der Leidenschaft und Sorge entschwinden! Er ist ein Segen für Kind und Kindeskind, und wer ihn kennt und von ihm aufschaut zum Herrn, segnet die Stunden seines Umgangs und dankt Gott, der ihn würdigt, Zeuge seines Friedens und seines Feierabends zu sein. Wie trübe auch an sich beim ersten Gedanken und Anblick das hohe Alter sich zu gestalten scheint: seine Lichtseiten sind dennoch herrlich und überstrahlen in seliger Verklärung und Vollendung alle dunkeln Farben seiner letzten Tage.

Sie thun es um so mehr, als der hochbetagte Greis, sofern er ist, was er sein soll, Christ durch und durch, schon mehr innerlich im Himmel als auf der Erde lebt, und die Hauptgedanken und Hauptempfindungen, die Hauptbestrebungen seines Lebens sich um das Eine drehen, was Noth thut. Steht er doch schon am Rande des Grabes und dem Ziele näher als irgend ein anderes Lebensalter. Junge Leute können sterben, sagt das Sprichwort, alte Leute müssen sterben. Wie lange wird's noch währen, vielleicht einige Monate, einige Jahre noch, dann schlagen die Thore der Ewigkeit aus einander, die Vorbereitungszeit ist aus und die Tage der Erfüllung brechen an, wo er in alle Geheimnisse der Ewigkeit eingeweiht werden und erndten soll, was er hienieden gesäet hat. Sein graues Haupt, seine müden Glieder und viele Ahnungen predigen ihm den nahen Tod. Seine meisten vertrauten Jugendfreunde und die Freunde der männlichen Jahre sind bereits vorausgegangen, und die wenigen, welche noch herumschleichen, ihre wankenden Knie, ihre verzehrten Kräfte, ihre lauten Klagen über Mangel an Gehör und Gesicht predigen ihm gleichfalls den Tod. Lebensmüde hat er au der sichtbaren Welt den Geschmack verloren, sie mahnt daher, es sei Zeit, weise zu werden; stumpf für alle sinnlichen Freuden, ist ihm nirgends wohler als in der Einsamkeit, er fühlt die Pflicht sein Haus zu bestellen, alle diejenigen Einrichtungen und Verordnungen zu treffen, die er als nützlich und nöthig für die Seinigen erkennt, und alles das mit Menschen und mit Gott abzumachen, was abgemacht werden muß, damit er ruhig sterben und in Frieden Abschied nehmen könne von dieser Welt. Kurz, Alles ruft: „Eile, eile! Die Sonne geht unter! Kindlein, es ist die letzte Stunde!“ Arbeiten kann er nicht mehr, die Kräfte sind dahin: so bete er denn desto fleißiger für sich und andere. Aufschieben die Buße bis in die letzte Sterbestunde ist bedenklich, ist gefährlich: so denke er denn bei Zeiten daran, den Herrn zu suchen, daß er ihn finde, und bereit sei, ihn zu empfangen, wenn er erscheint. Sein Gewissen sagt ihm endlich, er sei nicht geworden, was er hätte werden können, sein Leben sei reich an Sünden in Gedanken, Worten und Werken, jedes frühere Alter habe seine eignen Sünden gehabt, und auch im hohen Alter habe er nicht gefunden, was er erwartet: was liegt da näher, als daß immer größer werde sein Eifer in der Heiligung, immer dringender sein Bemühen, der ewigen Seligkeit gewiß zu werden, immer heißer seine Sehnsucht nach Vollendung und nach den ewigen Friedenshütten? was liegt da näher, als daß er vor dem Eingang m die Ruhe des Volks Gottes einen Vorsabbath halte und mit Paulus flehe: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre. Der Herr wird mich erlösen von allem Uebel und mir aushelfen zu seinem himmlischen Reich,“ (Phil. 2, 23. 2 Tim. 4, 18.) oder die Heimwehklage anstimme:

„Heimweh fühl ich, Sohn vom Hause!
Draußen ist es kalt und kahl.
Birg mich vor des Sturms Gesause
Bald im warmen Ruhesaal!
Heimweh fühl ich, Fürst des Lichtes!
Dämmerung behagt mir nicht:
Gönn mir Deines Angesichtes
Freuden bald im Saal voll Licht!
Heimweh fühl ich, Gott der Liebe!
Lange währt der Sehnsucht Qual:
Stille bald die heißen Triebe
Mir im sel'gen Hochzeitsaal!“

Nichts Grauenhafteres läßt sich denken, als einen Greis, der noch am Leben hängt und sich nicht beschäftigen mag mit Gott und der Ewigkeit, der lieber noch denkt an die Welt und die Menschen, als an seine unsterbliche Seele, und unter allem Grauenhaften ist das Grauenhaft teste, wenn er sogar wagt zu lästern und zu spotten, oder frech genug ist, Unsterblichkeit, Ewigkeit und Gericht zu läugnen, oder mit unbegreiflichem Leichtsinn an seine jugendlichen, sündlichen Freuden zurückdenkt und das junge Geschlecht mit seinen Jugendstreichen selbstzufrieden unterhält. Aber von der andern Seite läßt sich auch nichts Lieblicheres denken als einen frommen Greis und eine ehrwürdige Matrone, die den Lebensabend in himmlischen Gesinnungen und Beschäftigungen feiern, und auf deren Antlitz der Friede Gottes glänzt, weil er in ihrem Innern wohnt. Als solche ehrenwerthe, himmlischgesinnte Vorbilder für alle lebensmüden Männer und Frauen stellt uns die heilige Schrift insbesondere zwei Menschen auf, im alten Bunde Barsillai und im neuen Bunde Simeon. Jener war Davids Zeitgenosse und bewährter Freund; fern von dem die Alten so leicht beschleichenden, ja wohl gar beherrschenden Geiz, wandte er seine beträchtlichen Güter zu den gemeinnützigsten Zwecken, zur Unterstützung der Notleidenden an, und als ihm David für seine treue Anhänglichkeit und Beschützung in der Stunde der Gefahr das ehrenvolle Anerbieten machte, ihn an seinen Hof zu nehmen und ihm da alle die Freundschaftsdienste zu vergelten, die er ihm so eben erwiesen hatte, antwortete er einfach und würdig: „Was ist's noch, das ich zu leben habe, daß ich mit dem Könige sollte hinauf gen Jerusalem ziehen? Ich bin heute achtzig Jahre alt, wie sollt ich kennen, was gut oder böse ist, oder schmecken, was ich esse oder trinke; oder hören, was die Sänger oder Sängerinnen singen? Warum sollte dein Knecht meinen Herrn König fürder beschweren? Laß deinen Knecht umkehren, daß ich sterbe in meiner Stadt, bei meines Vaters und meiner Mutter Grabe.“ (2. Sam. 19, 34-37.) In die Stille wollte Barsillai sich zurückziehen und daselbst sich zubereiten zum Erben der ewigen Friedensgüter in Abrahams Schooß. Ein ähnliches Verlangen sprach Simeon aus im Tempel zu Jerusalem. Er wartete auf den Trost Israels, und es war ihm eine Antwort geworden vom heiligen Geiste, er sollte den Tod nicht sehen, r hätte denn zuvor den Christ des Herrn gesehen. Da kam er eines Tages aus Anregen des Geistes in den Tempel, und sahe eine Mutter mit dem Kindlein auf dem Arme hereintreten zur Darstellung desselben vor dem Herrn. Es war keine gewöhnliche Mutter, die hereintrat, es war Maria, die Holdselige und Gebenedeiete unter den Weibern; es war kein alltägliches Kind, was sie Herbeibrachte auf ihren Armen, es war Jesus, der Heiland, geboren in der Stadt Davids, das Heil der Menschen und Her Lobgesang der Engel. Wunderbar war ihm zu Muthe bei diesem Anblick, der Geist öffnete ihm die Erkenntnis, und alsbald sahe er in dem Säuglinge die Erfüllung der ihm gegebenen Verheißung, nahm ihn auf seine Arme, lobte Gott und sprach: „Herr, nun lassest Du Deinen Diener in Frieden fahren, wie Du gesagt hast; denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen, welchen Du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preise Deines Volkes Israel.“ (Luc. 2, 28-32.)

II.

Wozu soll uns nun diese Betrachtung dienen, Andächtige? und wozu sollen wir flehen mit David: „Verwirf mich nicht in meinem Alter, und verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde?“ Offenbar erregt sowohl die Schatten- als die Lichtseite des Alters ihre eignen Betrachtungen.

Die Schattenseite zeigt uns nämlich so recht das ganze Elend und die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur, und fordert uns auf, bei Zeiten loszukommen von uns selbst und allem Irdischen, und das Herz da hinein zu schicken, wo wir ewig wünschen möchten zu sein. „Was ist doch der Mensch, daß du sein gedenkest, und das Menschenkind, daß Du sein Dich annimmst?“ müssen wir ausrufen, sobald uns die Unbehülflichkeit und Schwäche, die Gedankenlosigkeit und Abgestumpftheit, oder gar die Unzufriedenheit und der Murrsinn des Alters entgegentritt. Also auch im Alter wird's nicht gut und nicht einmal besser? also bis zum letzten Athemzuge bleiben die Unvollkommenheiteu, Mängel und Gebrechen, die schon am Morgen das Leben trübten? Allerdings, ja die Bibel zeigt uns sogar an vielen Beispielen, daß es oft mit dem Menschen je älter, je ärger wird, und er nicht selten, wie David und Salomo, in Sünden fällt, die er in seiner Jugend gemieden. Es giebt keine vollendete Heiligung auf Erden! Auch ein Paulus, der in andrer Hinsicht sich ruh. mm konnte, daß Gottes Gnade an ihm nicht vergeblich gewesen sei, und er viel mehr gearbeitet habe, denn alle Apostel (1 Cor. 15, 10.), muß in hohen sechziger Jahren aus dem Gefängniß zu Rom an seine geliebten Philipper das Bekenntniß schreiben: „Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, daß ich's ergriffen habe. Ich jage ihm aber nach, ob ich's auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen worden bin.“ (Phil. 3, 12.) - Und wie die Sünde den Menschen nicht losläßt, so läßt ihn auch das Elend nicht los, auch im Alter findet er die Ruhe nicht, die er immer vergebens sich träumte und ersehnte; oft sind gerade die letzten Tage und Stunden hienieden die wahren Sturmeszeiten, wo Alles über ihn zusammenbricht. Moses, nachdem er vierzig Jahre im Glanze des Hofes und vierzig Jahre in der Stille des Hirtenlebens bei Jethro zugebracht, muß im achtzigsten Jahre noch im die Spitze eines ungehorsamen, ungeduldigen und murrenden Volkes, an die Spitze von drittehalb Millionen sich stellen, um sie durch furchtbare Erfahrungen ins Land der Väter zurückzufuhren, und die Schrift nennt ihn den Geplagtesten unter allen Menschenkindern. Nur das ist wahr: das Eine wie das Andere, Sünde und Elend zeigt sich ganz anders beim natürlichen Menschen und ganz anders beim wiedergebornen Christen; dort herrscht die Schattenseite vor, und der Mensch fühlt nichts als Elend und Gebrechlichkeit und ist darum unglückselig, hier herrscht die Lichtseite vor, der Mensch fühlt durch alle Sünde und alles Elend hindurch die Gnade Gottes, die da mächtig ist in seiner Schwachheit und ihn trägt auf Adlers Flügeln, und ist darum heiter, zufrieden und gottergeben. Ja, wenn irgendwo der Segen des Evangeliums recht anschaulich hervortritt, so ist's im Alter. Ohne Gemeinschaft mit Christo, ohne den Frieden seiner Nähe, ohne das Bewußtsein seiner Gnade, ohne die selige Gewißheit, auf Gottes Gnade und Christi Blut sanft einzuschlafen, ist das Greisenalter die düsterste, qualvollste Zeit des menschlichen Lebens, und eS ist unbegreiflich, wie ein Mensch nur Eine Stunde in solchem Zustande aushalten kann. Mit Christo aber giebt es keine köstlichere, friedlichere Zeit als den Lebensabend, denn er ist der Vorabend der höchsten und ewigen Festtage im Himmel. O laßt uns denn sorgen bei Zeiten für ein glückliches Alter; laßt uns frühe den Herrn suchen, damit Er bei uns bleiben könne, wenn es will Abend werden; laßt uns jeden Augenblick benutzen, uns in Buße und Glauben mit ihm zu verbinden und in ihm zu leben, dann werden wir auch in ihm sterben können. So oft unsere Augen auf die Erde schauen, sei der Himmel und die Heimfahrt unser liebster Gedanke und unser höchstes Streben gehe dahin, bedacht zu sein, daß unser Name in die Bücher des Lebens eingetragen werde. So oft wir in unsere Häuser treten, trete zugleich das Haus von sechs Brettern vor uns hin; so oft wir unsere Kleider anlegen, werde das Leichenkleid nicht von uns vergessen; so oft wir draußen in der Natur wandeln, vergegenwärtige sich uns unsere Grabstätte und die Reise in die Ewigkeit, damit, je näher wir dem Alter und dem Tode treten, desto reicher unsere Seele sei an Himmelshoffnungen und Erfahrungen des ewigen Lebens. Dazu, zu solchem Ernste im Werke unserer Vorbereitung auf ein sanftes, seliges Ende treibe uns der Gedanke an die Schattenseite des Alters.

Seine Lichtseite aber fordere uns auf, das Alter zu ehren (3 Mose 19 32. Spr. 17, 6). Das Alter an sich schon ist ehrwürdig, zumal wenn es ein frommes und gläubiges Alter ist und jeden durch seinen Anblick und Umgang an Gott mahnt. Es ist eine untergehende Sonne, und wo ist der Mensch, der ohne Erhebung und Andacht, ohne Ehrfurcht und Bewunderung die Sonne kann untergehen sehen? In der That, es ist nicht möglich, einen wahrhaft frommen Greis oder eine christliche Matrone, mit dem Stempel der Erfahrung und Gottseligkeit versehen, anzuschauen und daran zu denken, wie viel der Arm, der nun schwach geworden, einst gearbeitet, wie mancher sauere Tritt durch's Leben der Fuß, der nun seine Last zu tragen verweigert, gethan, wie viele Stürme über das Haupt, das sich nun zitternd beugt, dahingegangen, und wie manche Thränen aus den Augen, die nun erloschen, geflossen sind, ohne sich ergriffen und das Herz mit dem Wunsche erfüllt zu fühlen: Möchte Gott solch einen Lebensabend auch mir bescheren! - Vor allen Dingen aber fordert uns die Lichtseite des Alters auf, seinen Rath und seine Erfahrung zu benutzen. Nicht, als ob das Urtheil der Alten immer richtig wäre und wir ihrem Rache blindlings ohne eigne Ueberlegung folgen sollten: auch der Greis ist dem Irrthum unterworfen, und hat einmal immer eine besonders vorherrschende, nicht selten sehr einseitige Vorliebe für das Alte und Hergebrachte; aber in den meisten Fällen wird ihr Rath und ihre Belehrung sicherer und zuverlässiger sein als Alles, was wir uns selbst oder unsere jüngeren Freunde uns sagen können. Ihr wißt, hätte Rehabeam den Vorschlag der Räthe seines Vaters befolgt und nicht auf seine Jugendgenossen gehört: das Reich Israel wäre nicht vom Reiche Juda abgefallen und er hätte ruhig auf dem Thron seines Vaters sitzen und sein Volk beglücken können.

Hier halten wir inne, Geliebte! Wir wissen nun, was wir einst zu erwarten und was wir heute zu thun haben, damit unsere Zukunft eine liebliche und selige sei. Wie wichtig muß uns da Davids Gebet in's Herz klingen: „Verwirf mich nicht in meinem Alter, und verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde,“ und wie herzerhebend dazu die Verheißung des Herrn (Jes. 46, 4.): „Ja, ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet; ich will es thun, ich will heben und tragen und erretten!“ Amen.

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