Arnd, Johann - Von der Finsternis des Menschen

Arnd, Johann - Von der Finsternis des Menschen

Heiliger Gott, majestätischer König, deinen Zorn haben wir verdient. Willst du mit uns handeln nach unseren Sünden, so sind wir die allerunglückseligsten unter allen deinen Geschöpfen auf Erden und wert, mit dem Satan zur ewigen Finsternis verstoßen zu werden. Gnädiger Gott, unsere einzigste Zuflucht ist deine Erbarmung und das teure Verdienst unseres Heilandes. Amen.

Wer wissen will, was die Sünde für ein Greuel ist, welche unzählige Menge der Sünden, welch eine große Last die Sünde sei, der sehe an unsern Herrn Jesum Christum in seinem Leiden, wie er getrauen, gezittert, gezaget, mit dem Tode gerungen, blutigen Schweiß geschwitzt, verspottet, gegeißelt, voller Striemen und Wunden geschlagen, sein Haupt mit einer Dornenkrone zerrissen, an Händen und Füßen angenagelt, wie er gerufen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, und wie er endlich mit großem Geschrei verschieden. Da hast du einen Spiegel deiner Sünden.

Adam hatte sein schönes Kleid, darin er von Gott erschaffen war, die ganz wohlgestaltete Zierlichkeit und Unschuld verloren, damit ihn Gott eingekleidet und eingewickelt hatte, und die schöne Heiligkeit und Erbgerechtigkeit, die ihm angeschaffen war und aus ihm geleuchtet hat, die hat er verloren; er war bloß und nackend worden und schämte sich vor Gott, fürchtete sich, weil er nackend war und verkroch sich, wollte sich mit Feigenblättern bedecken.

Dich, die lebendige Quelle, haben wir verlassen und suchen in der Kreatur hie und da ausgehauene Brunnen, die löcherig sind, die kein Wasser haben, und die den Durst unserer Seelen nicht stillen können. Wir suchen Ruhe, aber finden sie nicht. Die Treber dieser Welt können unsern unsterblichen Geist nicht sättigen. Es würde uns nichts helfen, wenn wir auch die ganze Welt hätten, weil das unendliche Verlangen unserer hohen und edeln Seele durch das Sichtbare und Vergängliche nicht befriedigt werden kann. Unser wahres Heil, unsere ewige Wohlfahrt ist allein bei dir, unserm unendlichen Gott und allerhöchsten Wohltäter anzutreffen. Das alle Welt uns nicht geben kann, das finden wir in Seiner Vereinigung und Gemeinschaft in großem Überflusse.

Es ist keine Sünde zu groß, die ein Mensch nicht beginge von Natur, wenn ihn Gottes Gnade nicht erhielte. Denn von Natur können wir anders nichts denn sündigen auf das schrecklichste. Daß wir es aber nicht tun, das haben wir nicht unsern Kräften und Klugheit zu danken, sondern Gott, der uns vor Sünden bewahrt.

Fleisch und Blut hält von ihm selbst viel und haben alle Menschen von Natur einen Pharisäer im Herzen stecken … Die größte Kunst ist, sich selbst erkennen lernen, wie dieses teuflische Gift uns allen im Herzen steckt und uns angeboren ist, nämlich viel von ihm selbst halten, sich selbst ehren, ihm selbst Wohlgefallen, seinen Ruhm in allen Dingen suchen - das ist des Teufels Same im Menschen des Satans Bild.

Es kommt aus deinem eigenen Herzen und ist dein eigenes Leben, das Leben des alten Menschen. Darum mußt du dich selbst hassen und dein eigenes Leben, willst du Christi Jünger sein. Wer sich selbst liebt, der liebt seine eigene Untugend, seine Hoffart, Geiz, Zorn, Haß, Neid, seine Lügen, Falschheit, Ungerechtigkeit, seine bösen Lüste.

Wenn der Mensch sich selbst liebt, so folgt er auch allein seinem Willen und nicht Gottes Willen. Denn aus eigener Liebe entsteht auch eigener Wille und eigene Ehre und Ruhm; und so nimmt der Mensch, was Gottes ist, und gibt es sich selbst. Gleich als wenn einer einem Könige seine Krone nähme und setzte sie sich selbst auf: so will dann der Mensch selbst Gott und König sein, fängt ein eigenes Reich an und streitet immer wider Gott. Also macht die eigene Liebe, daß der Mensch Gottes abgesagter Feind wird.

Dein eigener Wille, deine eigene Liebe, eigene Ehre, eigene Weisheit und alles, was du dir selbst zuschreibst, das hindert Gott, daß er nicht alles allein in dir ohne Hindernisse wirken kann.

Alle unsere Werke sind nur Licht, wenn sie aus Gott gehen und sie sollen leuchten in der Finsternis unseres Nächsten, in Geduld, in Sanftmut, in Trösten und Mitleiden, in Besserung und sonderlich in geduldiger Strafe und Urteil. Denn vom übermütigen Urteil des Menschen über seinen Nächsten entstehet eigenes Wohlgefallen seiner selbst und aufgeblasene Hoffart, Verachtung und Vernichtung des Nächsten. Solches ist eine böse Wurzel vieler Sünden und des Teufels selbst, der aus dem Samen der Hoffart gewachsen ist, und daselbst ist der Heilige Geist nicht mit seinem Licht. Wo er aber ist, da urteilt er über den Menschen nur aus hoher Notdurft, mit großer Gelindigkeit und er wartet der Zeit und des Ortes, da es sich wohl füget, auf daß man nicht zehn Wunden schlage, ehe man eine heilet… Die urteilenden Menschen aber sind wie die Schlangen, welche die alte Schlange, der Teufel, ausgebreitet hat; diese schleicht und gießt ihr Gift in sie, dasselbe gießen sie dann wieder aus mit Verkleinerung und Vernichtung des Nächsten.

Es ist nicht so zu verstehen, als könnte der Mensch von Natur nach dem Fall aus eigenen Kräften Gott lieben; sondern es überzeugt uns nur in unserem Herzen und Gewissen, daß ein Mensch ärger sei denn ein unvernünftig Tier, wenn er Gott, seinen Liebhaber, nicht liebt, und was der Liebe Art sei; auf daß wir als Christen dadurch erweckt werden, die Freundlichkeit und Süßigkeit der Liebe zu erkennen und dieselbe zu üben, dazu uns nicht allein Gottes Wort, sondern auch die Natur ermahnt.

Wenn wir nun solchen Trost oft empfinden, so kann unsere verderbte Natur solche hohe himmlische Gaben aus Schwachheit nicht ertragen, fängt an, viel von sich selbst zu halten, als wären wir allein vor allen ändern solche selige Leute, die Gott so hoch begabt hätte, dagegen andere Leute nichts seien; fallen in geistliche Hoffart, ja verlassen den rechten Ursprung dieser himmlischen Gaben und fallen auf uns selbst.

Wenn du alle göttliche Gaben hättest im Himmel und auf Erden, und aller Heiligen gute Werke, und du dich daran belustigst, und deine eigene Lust und Freude darin suchst: sobald ist dieses Gut also befleckt mit Untugend und Abgötterei.

Ob wir wohl noch Sünde an uns haben und uns damit schleppen müssen bis an die Grube, so sind wir doch vor Gottes Augen und vor Gottes Gericht rein erkannt, gleich als hätten wir keine Sünde mehr, dieweil Christi Blut, welches unser Glaube ansiehet, so rein ist in Gottes Augen, so heilig, so helle leuchtet, daß Gott davor keine Sünde an uns siehet.

Es ist ein erbärmlich Ding, daß sich ein Mensch also vom Teufel überwinden läßt, da doch ein Christ mit Gottes Wort, Geist und Kraft gerüstet ist. Es ist gleich als wenn ein wohlgerüsteter Mann sich vor einer Fliege niederlegte, und sich zu Tode beißen ließe. Denn bei den Demütigen ist die Gnade Gottes so stark und mächtig, daß ein Mensch dadurch wahrhaftig den Satan überwinden kann, wenn er ihm männlich durch Gottes Kraft und Gnade widersteht; denn so kann ihm der Satan nichts abgewinnen.

Zwar in Christo sind wir alle vollkommen, wenn er uns seine Heiligkeit durch den Glauben zurechnet und schenkt; aber was des Gläubigen Leben angehet, da mangelt es weit. Paulus bekennt (Röm. 8, l), daß in den Gläubigen beides sei, Fleisch und Geist, das ist fleischliche Lüste und Begierden, welche die Wiedergeborenen plagen. Doch ist ein Unterschied unter Gottes und des Teufels Kindern. Diese haben Lust zu allen Sünden, das ist ihre Freude und Kurzweil. Gottes Kinder aber haben keine Lust zur Sünde, sondern hüten sich davor, beten dawider, und wenn sie aus Schwachheit straucheln, gereut es sie von Herzen. Denn Gottes Same ist in ihnen, Gottes Wort und Geist, er läßt sie nicht in Sünden verharren.

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