Ahlfeld, Friedrich - Cholerapredigten - 2. Sonntag nach Trinitatis 1849.

Ahlfeld, Friedrich - Cholerapredigten - 2. Sonntag nach Trinitatis 1849.

I. Wäre der Herr nicht mein Trost gewesen, so wäre ich vergangen in meinem Elend.

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Text: Psalm 73, V. 25. 26.
Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

In Christo Jesu geliebte Gemeinde. Das waren vierzehn schwere Tage vom Trinitatissonntage bis zum heutigen Tage. Der liebe Herrgott hat diese vierzehn Tage hindurch den Leuten die Trinitatisepistel ausgelegt. Sie lautet: „O welch eine Tiefe des Reichtums beides der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Wie gar unbegreiflich sind seine Wege und unerforschlich seine Gerichte. Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Ratgeber gewesen. Oder wer hat ihm etwas zuvor getan, dass ihm werde wieder vergolten. Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.“ Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Das sei unser erstes Wort nach der gewaltigen Heimsuchung.

Dass wir aber seinen Rat nicht ergründen, noch begreifen können, dass seine Gerichte unerforschlich, seine Wege unbegreiflich sind, das merken wir auch. Draußen auf unserm Friedhofe schlafen an vierzig, denen in der Zeit die Erde als Deckbett aufgeschüttelt ist. Wir aber sind noch hier versammelt, wir können noch ein Vaterunser beten; wir haben noch singen können: „Meine Seele senket sich Hin in Gottes Herz und Hände.“ Wir sind zum Teil ganz unangetastet geblieben, zum Teil hat uns der Herr von ferne gewinkt: „Du, ich kann auch an dich kommen; es ist nur meine Gnade, dass es jetzt nicht geschieht.“ Womit haben wirs verdienet, dass unsere Namen in dem langen Register vor acht Tagen nicht abgelesen sind, oder heute abgelesen werden? Was bin ich und mein Haus, dass du mich bis hieher gebracht, errettet hast? Sag, was ist für ein Unterschied zwischen denen in den Gräbern und uns hier in der Kirche? Die haben sich versündigt und wir haben uns versündigt. Die bedurften der gewaltigen Weckstimme, und wir bedürfen der eben so gewaltigen Weckstimme. Die waren vor dem Gange der göttlichen Majestät wie ein Wurm auf dem Wege, und wir sind vor dem Gange der göttlichen Majestät wie ein Wurm auf dem Wege. Warum leben wir nun und die sind tot? Warum sind die tot und wir leben? Unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

Und nun von ihm hernieder zu uns, zu den lebenden und den Toten. Sehen wir, teure Gemeinde, unsere Stadt an. Sie liegt da, wie jener, der von Jerusalem nach Jericho hinabging, der unter die Räuber fiel, die ihn auszogen, die ihn halb tot schlugen. Denn die Toten sind tot, und die Lebenden haben bis heute gezittert auf der Scheide und Schneide zwischen Leben und Tod. Unsere Sünde hat uns in das Elend gebracht. Unsere Sünde hat Gotte das Schwerdt des Gerichts in die Hand gegeben. Er hat Monate lang mit demselben gezuckt und nur hie und da zugeschlagen. Da dachten wir: das geht mich nichts an. Man aß, man trank, man freite und ließ sich freien wie in den Tagen, da Noah in die Arche ging. Man war so stark und stolz geworden, dass man nicht einmal mehr erschrak vor der alten Drängerin von 1832. Da sprach der Herr: „Ich kann doch noch hindurch, und wenn dein Panzer siebenfach im Feuer gelöthet wäre.“ Er ist hindurch gekommen. Gott Lob und Dank, wenn er recht, wenn er bis in den Grund hindurchgekommen ist. Aber zurück zu unserm Wunden und Halbtoten auf dem Wege nach Jericho. Da der barmherzige Samariter kam, von seinem Tier stieg und sich seiner annahm, da goß er zuerst in die Wunde Öl, dass er sie erweichte und das Schneiden und Brennen in derselben stillete. Alles Predigtamt ist dies Samariteramt. So wollen wir heute auch in die Wunde zuerst das Öl des Trostes gießen, dass das Herz weich werde aus stummem, starrem Schmerz, und dass es seinen Trost in dem einigen Manne des Trostes suche. Wir rufen uns heute zu, und das Wort wird ein Echo finden aus einem Herzen in das andere:

Wäre der Herr nicht mein Trost gewesen, so wäre ich vergangen in meinem Elende.

Sehen wir:

1) dass wir des Trostes bedürfen,
2) dass wir uns vor falschem Trost zu hüten haben,
3) dass wir nach dem rechten Troste greifen.

Und du barmherziger Samariter, der du im heiligen Geist alle Tage den Weg herniedergehst von dem himmlischen Jerusalem nach Jericho, komm auch heute, geh an unserer Stadt, geh an unserer Gemeinde, geh an dieser stillen Kirche nicht vorüber. Komm und hebe die Verwundeten auf. Komm und gieße von dem Balsam aus Israel in ihre Wunden. Sage uns: „Ich, Ich habe es getan. Ich mache das Licht und schaffe die Finsternis; ich gebe den Frieden und schaffe das Übel. Ich habe aber nicht Lust ewiglich zu schlagen. Denn so der Mensch lernet Herz und Knie und den stolzen Nacken beugen, so er lernet mich als seinen Herrn und Hort ehren, so verbinde und heile ich wieder.“ Ja komm Herr, verbinde und heile, dass sich kein Herz zu Tode blute in Trauer und Verzweiflung. Gnädig und barmherzig bist du.

Mir kennen dich also. Wir hatten nur vergessen, dass du auch ein gerechter Herr und Gott bist. Ach Herr, wir habens gelernt, wir wollens behalten. Erbarme dich unser. Amen.

I. Wir bedürfen des Trostes.

Der Psalm, aus dem wir unser teures Trostwort genommen haben, ist ein lieb des frommen Sängers Assaph. Er war ein Vorsänger an der Hütte des Stifts bei den heiligen Gottesdiensten in den Tagen des Königs David. Welcherlei Not ihn all betroffen hat, das wissen wir nicht. Nur einiges hat er uns in dem Psalm selber aufgezählt, besonders von Unterdrückung durch seine Feinde. Aber sein Kreuz und seine Last muss gar schwer gewesen sein. Denn unsere Verse klingen, wie wenn einer aus einer tiefen Grube herausschreiet, oder wie wenn sich einer recht ausgeseufzt und ausgeweint hat, sich dann aber ein Herz fasset und sich fest anklammert an den Herrn seinen Gott. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Schon vorher hat er gerufen: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich mit deiner rechten Hand. Vor diesem „dennoch“ liegt seine Not wie die große Wüste vor Kanaan. Und wenn es in unserm Texte heißt: „Wenn ich nur dich habe,“ so deutet dies nur dahin, dass ihm alles genommen war, dass er dastand wie ein Baum, dem der Sturm Blüten, Blätter, Zweige und Äste heruntergerissen hat. Gott Lob, der gesunde Saft war noch da, er konnte wieder grünen. Wer so rufen und beten kann, in dem ist gesunder Saft. Teure Gemeinde, unsere Not kennen wir genauer. Vom Morgen her, wo die Sonne aufgeht, vom Morgen her, wo Jesus Christus geboren ist, kam unsere Geißel heran. Weil wir den lieben Boten aus dem Morgenlande so lange verachtet haben, hat Gott diese rauhe Botin nachgesandt. Sie hat uns geschlagen bis in das Gebein hinein, und sie schlägt noch fort. Nur eine schwerere Zeit haben wir durchlebt, die im März des vorigen Jahres. Die diesjährige war leichter und ist leichter, weil wir mit dem Könige David lieber in die Hände Gottes, als in die Hände der Menschen fallen wollen. Aber gar schwer waren die Tage, und sie sind es noch. Wir wissen es, wir sind keinen Tag unseres Lebens sicher, auch in den gesundesten Zeiten. Aber gewöhnlich hat doch der Herr die Gnade, dass er uns Vorboten des Todes voraussendet. Er hört gern auf die Bitte: „Behüte uns vor einem bösen, schnellen Tode.“ Diese Gnade hatte er diesmal zurückgezogen. Wie der Vogel mitten im Fluge und frischem Flügelschlage getroffen wird, so traf seine Hand das stolze und sichere Geschlecht mitten in seiner Gesundheit. Wie am Seidenfaden hing das Schwerdt des Herrn über unsern Häuptern.

Der Tod ist uns auch sonst kein Unbekannter. Es geht selten eine Woche hin, wo nicht auch in unserer Gemeinde einem oder etlichen Feierabend geläutet würde, wo nicht weinende einer Leiche auf dem Kirchwege nachgingen. Aber solche Tage haben wir noch nicht verlebt. Er ist zu den Fenstern hereingestiegen, wie der Prophet sagt. Es ist Ernte Gottes gewesen auf dem Felde der Menschheit, ehe die Ernte kam. Es ist wohl kaum einer unter uns, dem der Herr nicht einen Riss in seine Familie oder in nahe Freundschaft und Verwandtschaft gemacht hätte. Noch weiß es unsere Gemeinde nicht, dass zwei und zwanzig Tote an einem Sonntage auf dieser Kanzel genannt sind. Witwen und Waisen haben wir auch sonst gehabt. Die Schrift hat im alten und neuen Bunde viel Trostessprüche an ihren Dornenweg gesetzt, wie man in Berglanden an die gefährlichen Wegesstellen Kreuze zu setzen pflegt. Es waren zu Eliä Zeiten viel Witwen in Israel. An Waisen hat es dabei auch nicht gefehlt. Aber das ist uns noch nicht geschehen, dass die Stadt Halle in 14 Tagen bis drei Wochen 3 - 400 Waisen gehabt hätte. Von den Witwen aber weiß ich die Zahl nicht. Da fiel es den Leuten aufs Herz, auch dir und mir und uns allen. Da änderten sich die Angesichter der Menschen. Wie nach dem Sonnenschein eine Wolke über das Feld läuft, und die lichte Flur in den grauen Schattenmantel hüllet, so fiel der Schatten des Schreckens und der Trauer auf die Angesichter. Von Labans Söhnen heißt es in der Schrift: „Ihre Angesichter waren nicht wie gestern und ehegestern.“ Unsere waren auch nicht wie gestern und eher gestern. Ohne Flor und Trauergewand hing doch Flor und Trauergewand darüber. Selbst die wüsten Kinder dieser Welt änderten Tritt und Schritt, Farbe und Rede. Das Gespräch konnte nicht weg von der Züchtigerin Gottes. Die Politik verstummte, denn der Herr, der Allmächtige, redete. Man fragte nicht mehr nach dem Pulsschlag des Staatslebens, sondern nach dem Pulsschlag des eignen armen Lebens! Das war die Lebensfrage geworden: Werde ich morgen noch leben? Man fragte nicht mehr nach Constitutionen, sondern darnach, ob des armen Leibes Constitution nicht jeden Augenblick zusammenbreche. So lag es auf uns centnerschwer. So schauten wir herauf aus der tiefen Grube. Wonach schauten wir? Nach Trost. „Um Trost war mir sehr bange“ ruft König Hiskia. In diesen Tagen haben wir alle so gerufen. Wir haben auch recht deutlich erkannt, dass es nichts sei mit

II. falschem Troste.

Assaph spricht: Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Was will der Mann Gottes damit sagen, dass er nicht nach Himmel und Erde fragt. Wollte er an dem Himmel keinen Teil haben? Wollte er nicht selig werden? Nein, das kann nicht gemeint sein. Er wollte ja den Herrn haben. Und wer den hat, der hat den Himmel mit. Es kann keinen Christus ohne Himmel geben. Es kann keinen Himmel ohne Christus geben. Wo Christus ist, ist der Himmel, und wo der Himmel ist, da muss Christus sein. Nein, das will Assaph sagen: Wenn ich nur den Herrn habe, so mag es droben am Firmamente gehen wie es will, so mag es hienieden, auf der Erde gehen wie es will. Mögen droben der Himmel Kräfte beweget werden, mag drunten das Meer brausen und die Berge vor seinem Ungestüm versinken, mag das arme Leben hinfallen, wie ein Blatt vom Baume: ich habe genug, ich habe meinen Teil, ich habe was Not ist, ich habe Leben mitten im Tode, ja Leben, wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet. Teure Gemeinde, auch uns wollte Leib und Seele verschmachten, der Leib vor der Krankheit, die Seele vor den Schrecken des Todes. Sagt, haben wir keine falschen Tröster gesucht? haben wir nicht nach Himmel und Erde gefragt? Der Herr hatte Mühe genug, uns von diesem Fragen abzubringen. Nach dem Himmel haben wir aufgeschauet, ob sich kein Gewölk zusammenzöge, ob sich kein Gewitter aufthürmen wollte. Aber wir armen Menschenkinder können auch nicht einmal eine Wolke machen wie eine Hand groß. Wir haben nicht hoch genug geschaut. Die Wolken regieren die Welt nicht. Als Wetter und Wolken kamen, hielt das Sterben doch noch an, ja es stieg noch.

Auf den Mond haben wir gewartet. Wenn er abnähme, hofften wir, sollte die Krankheit mit abnehmen. Er nahm ab in der Nacht von jenem Mittwoch zum Donnerstage. Aber die Krankheit nahm nicht ab, sondern stieg noch. Da haben wir gemerkt, dass es einen andern geben muss, der Welt, Wind, Wetter und den Mond mit regiert. Wir hatten wieder nicht hoch genug geschaut. -

Auf die Sonnenwende lauern wir, die in diesen Tagen eintritt. Da hoffen wir, dass dem Sterben gesteuert werden soll. Hoffe nicht darauf. Bitte und flehe, dass der Zorn des Herrn sich wende. Er ists allein, der der Trübsal Ende und Wende machen kann. Das ist die rechte Sonnenwende, wenn er uns sein Gnadenangesicht wieder zuwendet.

An den Luftmessern haben wir gestanden und gesehen, welche Bestandteile die Luft enthält. Man klagte, es sei zu wenig Sauerstoff in der Luft. Es gibt einen andern Posten, wo wir stehen sollten, an dem Herzensmesser, an dem Gesetze. Und wenn wir da stehen, sehen wir, dass zu wenig Buße drinnen ist. Das ist auch ein Sauerstoff, denn sie will dem Menschen gar sauer ein und macht es dem Menschen sauer, dient aber zur rechten Gesundheit. Daran hat es gefehlt. Darum waren auch jenes alles leidige Tröster. -

Ich frage nicht nach Himmel und Erde. Ei, wie haben wir erkannt, dass sie so gar nichts hilft. Der sonst zum Goldklumpen sprach: „Du bist mein Trost,“ und zum Gelde: „Du bist meine Zuversicht,“ wie lag sein Trost und seine Zuversicht im Winkel! Sie wollten nicht trösten, sie waren kalt wie Eis. Du getröstetest dich deiner guten Natur und Gesundheit. Es war in diesen Tagen ein alter Krieger in der Gemeinde, der wollte den Kampf gegen die Krankheit aufnehmen. Er wollte sich wehren gegen sie, wie man sich gegen einen Feind wehrt. Aber es wehrt sich so gegen Gott. Dass wir mit unserer Kraft nichts ausrichten, fühlen wir. Gegen Gott gibt es keine Gegenwehr, denn auf den Knieen mit gefalteten Händen, mit einem zerschlagenen Herzen. Will ich mich rühmen gegen ihn, muss ich mich meiner Schwachheit und seiner Gnade rühmen. Du dachtest, ich habe mich mit aller Arznei versehen, ich weiß, wie ich mich setze gegen ihren Anfall. Vergiss nicht, der Herr hat die Arznei zur Arznei gemacht, und sie hilft und heilt nur so weit als er will. Er muss jedesmal seine segnende Hand darüber breiten. So er das nicht tut, ist es umsonst. Hast du auch über deiner Arznei emporgeschaut in seine Gnade, in den Quell des Lebens und der Gesundheit? Wir haben es ja endlich wohl gelernt. Wir haben uns verlassen auf unsere Ärzte. Sie haben auch mit großer Treue ihrem Amte obgelegen. Wir wollen es hier öffentlich bekennen. Sie haben gearbeitet, bis sie selbst zum Teil darniederlagen. Aber was ist der Arzt? Mit aller Kunst und aller Klugheit vermag er es nicht. Wenn er vor dem Bette sitzt und spricht: „Es wird besser werden,“ dann wird es doch nur besser, wenn der Herr am Hauptende steht und spricht: „Ich will es auch.“ Du sollst nicht Fleisch halten für seinen Arm, du sollst nicht unter dem Himmel bleiben mit deinem Bitten und Hoffen. Du musst hinein in das Allerheiligste, ja hinein in das Allerheiligste. Da war, da ist

III. unser wahrhaftiger Trost.

„Wenn ich nur dich habe“ sagt Assaph, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Wenn das Leben ein schöner Garten ist, - es gibt ja solche Zeiten - so ist er der Brunnen darin. Ist dieser Brunnen nicht da, so verwelken Bäume und Blumen. Wenn das Leben eine Wüste ist, - es gibt ja solche Zeiten - so ist er der Brunnen darin. Ohne ihn würde uns nicht allein der Leib, auch die Seele, auch der Geist verschmachten. Assaphs Leben war zur Zeit eine Wüste. Aber er kniete an diesem Brunnen unter den Palmen Elims. Darum war ihm wohl. Unser Leben war in diesen Tagen auch eine Wüste, und es ist es noch. Wer ist denn dein Trost gewesen? Wer hat dich denn erquickt in der großen Hitze der Anfechtung? Er, und nur Er. Worauf haben wir uns gestützt? Alle Stäbe brachen. Nur Er hielt. In diesen Tagen hast du beten gelernt. Da wachten die alten Bibelsprüche auf: „Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir. Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“ „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ „Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ „Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.“ Waren dir einst die teuren Sprüche aus dem Worte Gottes wie laues Wasser, so wurden sie dir jetzt wie ein erquickender, kühler Wein. Wenn du in diesen Tagen dein Vaterunser betetest, wie war da jede Bitte so lebendig! Und wenn du hinkamest an die Stelle: „Erlöse uns von dem Übel,“ wie klopfte das Herz empor: „auch von unserm großen Übel, Herr, du kannst es.“ In diesen Tagen bekam das Wort Heiland und Erlöser dir wieder einen rechten Sinn. Fühltest wohl, dass wir eines Heilandes und Erlösers bedurften. In seine Hände befahlen wir uns und die Unsern an jedem Abende. Wer hat jetzt wohl das Gebet vergessen? Der Herr ist unser einiger Trost gewesen. Er bleibt es auch. Wenn wir unsern schweren Gang dahingingen, und es kam eine Todesbotschaft nach der andern, so schauten wir empor und sprachen im Herzen: „Aber der lebet noch!“ Wenn es uns selbst anfasste und wir dachten: „In wenigen Stunden stehst du auch vor dem Richterstuhle Gottes und die Bücher werden aufgetan, und das Buch deiner Sünden wird auch aufgetan“ was tröstete uns da? Nichts, als der Glaube : „auch das Buch wird aufgetan, in dem geschrieben steht von dem Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.“ Nichts, als der Glaube, dass Er, unser Mittler, unser Bürge, selbst herfürtritt und für uns bittet mit unaussprechlichen Seufzern. An Todesgedanken konnte es nicht fehlen. Bei den Todesgedanken dachten wir auch an unsere Kinder. Wir fragten uns: „Wem vermachst du denn die?“ Und der Glaube antwortete: „Die will ich meinem Herrn und Heilande vermachen. Er hat seine Mutter einst einem armen Menschenkinde vermacht, und dieses hat das Vermächtnis angenommen. So wird er auch mein Vermächtnis annehmen. Er ist kein kalter Freund, der in solchen Nöthen die Seinen nicht mehr kennt. Er hat Herzen genug in seinem Dienst, denen er hernach Befehl tut, Erzieher, Pfleger und Versorger in seinem Namen zu sein.“ Da war Trost.

Denken wir uns hin an die Gräber der vielen, die da schlafen gegangen sind. Wer tröstet? Etwa die große allgemeine Trauer, dass so viele gefallen sind? Ach, ein jeder findet seinen Teil wohl heraus. Bei einer Musik hört jeder Spieler seinen Ton heraus, und hier hört und fühlt man noch schärfer. Oder soll das Gras trösten, das über die Gräber wächst? Für zerrissene Erdschollen mag das ein Trost sein, aber für wunde Menschenherzen, die nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, ist es keiner. Nein Er tröstet. Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben zur Auferstehung des Lebens. Es wird gesäet verweslich, und wird auferstehen unverweslich; es wird gesäet in Unehre, und wird auferstehen in Herrlichkeit; es wird gesäet in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesäet ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerzen wird mehr sein; denn das erste ist vergangen. Das ist unser Trost, und den haben wir in dem auferstandenen Christus. In ihm haben wir Gnade und Vergebung unserer Sünden, so wir uns anders in der Buße von der Welt lobsagten, und im Glauben an ihn anhängten. Und wo ist Trost für die Witwen und Waisen? In dem ist er, er der Waisen Vater und der Witwen Versorger heißt. Der dem Vieh sein Futter gibt, der die jungen Raben speiset, die ihn anrufen, kann die nicht lassen und verlassen, die er mit dem heiligen, teuern Blute seines lieben Sohnes erlöst hat. Dahin, teure Gemeinde, wollen wir unsere Herzen richten, da hinein wollen wir den Anker unseres Glaubens werfen. Es ist Felsengrund, er reißt nicht aus. Es ist Treue bis in den Tod, sie betrügt uns nicht. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwindet. Mit der Welt auch das Ende der Welt, den Tod. -

Aber sag, wer hat Teil an solchem Troste, wer darf kommen und sich an dem Quell leben? Alle sollen kommen. Darum ruft ja der Herr so gewaltiglich, darum rüttelt er die Welt so heraus aus ihrer Sicherheit. Der du geglaubet, der du gebetet, der du gesungen hast: „In dich hab ich gehoffet“ rc., hast ja doch erst an dem Brunnen gelegen und mit zögernder Lippe genippt. Hast ja doch dem Herrn nur hin und wieder einen Besuch gemacht. Du sollst besser kommen, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüte. „Auf dich habe ich mich geworfen von meiner Jugend an,“ spricht ein Frommer des Alten Testamentes. „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen“ heißt es im Psalmbuch. Wissen wir schon etwas das von, was es heißt, uns auf ihn werfen, unser Anliegen auf ihn werfen. Geprobt haben wir wohl, ob er ein Stücklein unserer Last tragen wolle, aber es ist noch mehr Spiel gewesen. Wer soll kommen, wer soll ihn haben? Teure Gemeinde, es ist wohl manche bange und blöde Seele da, welche denkt: „Ich bin zu lange nicht bei ihm gewesen, ich habe so lange nicht gebetet, ich habe ihn lange verachtet, ich habe mit den Toren gesprochen: Es ist kein Gott und ich brauche keinen Heiland.“ Soll die auch kommen? soll die auch sagen: „Wenn ich nur dich habe“ und „so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil?“ Ja sie soll auch kommen. Sie ist das verlorne Schaf, das der Herr jetzt sucht, sie ist der verlorne Groschen, um den er das Haus kehret. Ist eine solche unter uns, so geh getrost herein.

Dem Könige Jerobeam in Israel lag sein Sohn krank. Er wollte Kunde haben von dem Propheten Ahia über dessen Leben und Sterben. Er wagte sich aber nicht zu ihm. Da musste sich sein Weib verkleiden und verstellen, dass der Prophet nicht merken sollte, dass sie Jerobeams Weib sei. So wollte sie sich einschleichen und sich den Trost stehlen. Vor Gott hilft kein Verstellen und Verkleiden. Geh hin wie du bist. Sage ihm: „Ich bin in der Frühe herumgelaufen, Leib und Seele sind mir verschmachtet. Ich bin müde der Welt und ihrer Lügen. Ich komme wieder. Ich will dich haben, du sollst meines Herzens Trost und mein Teil sein.“ Und fürwahr, er wird dich annehmen, so wahr jener Vater seinen verlornen Sohn angenommen hat. Aber greifet fest zu. Assaph sagt: Wenn ich nur dich habe. Was ich habe, das ist mein Eigentum, das besitze ich fest, das lasse ich mir nicht nehmen. Laß dir niemand deine Krone, deines Herzens Teil und deinen Trost nehmen. Vergeude und verliere sie auch selbst nicht. Wenn das Sterben nachlässt, soll dein Glaube nicht nachlassen, soll dein Gebet nicht nachlassen, soll deine Zuversicht auf den Herrn nicht nachlassen. Geld und Gut können trösten in bequemen und gesunden Tagen. Freunde können aushalten bis in den Tod, ja sie können mitgehen bis an die Gruft. Sie können aushalten über den Tod hinaus, sie können ihre Liebe an den Kindern noch bewähren. Aber nur einer ist, von dem es heißt: Du bist allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Allezeit bis ins tiefste Leid, allezeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wenn der Tod uns bedroht, wenn das Gesetz im Gericht den Stab über uns bricht, wenn alles weicht, weicht deine Gnade nicht. Herr dieser Gnade befehlen wir heute uns mit Leib und Seele, uns und unsere Kinder, diese ganze Gemeinde, diese ganze Stadt samt dem ganzen Vaterlande. Wir wollen dein sein, Du sollst unser sein. Wenn wir dich haben, so fragen wir nicht nach Himmel und Erde, und ob und gleich Leib und Seele verschmachte, bist du doch Gott allezeit unseres Herzens Trost und unser Teil. Amen. .

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