Ahlfeld, Johann Friedrich - Wie muss es in einem christlichen Pfingstherzen aussehen?

Ahlfeld, Johann Friedrich - Wie muss es in einem christlichen Pfingstherzen aussehen?

(l. heil. Pfingsttag 1848.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Text: Ev. Joh. 14, V. 23-31.
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten: und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat. Solches habe ich zu euch geredet, weil ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, derselbige wird es euch Alles lehren, und euch erinnern Alles des, dass ich euch gesagt habe. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe Ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Ihr habt gehört, dass Ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich gesagt habe: Ich gehe zum Vater, denn der Vater ist größer, denn ich. Und nun habe ich es euch gesagt, ehe denn es geschieht, auf dass, wenn es nun geschehen wird, dass ihr glaubt. Ich werde hinfort mehr nicht viel mit euch reden; denn es kommt der Fürst dieser Welt und hat Nichts an mir. Aber auf dass die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe, und ich also tue, wie mir der Vater geboten hat, steht auf und lasst uns von hinnen gehen.

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Pfingstenzeit! Christ, unser Meister, heiligt die Geister. Freue dich, freue dich Christenheit! - Ja wohl, in dem Herrn geliebte Gemeinde, ist Pfingsten eine Freudenzeit. Unsere Väter nannten geradezu jede fröhliche Sommerzeit eine Pfingstzeit und fragten wenig danach, ob sie gerade fünfzig Tage nach Ostern fiel oder nicht. Es ist aber die Pfingstzeit so recht eine Freudenzeit, weil alle Freude und aller Friede, die bisher in Jesu Christo als dem Brunnen aller seligen Freude gewohnt hat, heraus tritt in die Gemeinde. Was an dem Weihnachtsfest Gott der Vater getan hat, das fällt noch auf das eine Kindlein. Was am Karfreitag und am Osterfest der Sohn getan hat, das ist sein Leiden und seine Auferstehung. Alle Andern, die sich der Auferstehung freuen, freuen sich noch seines Sieges, freuen sich für sich auf Hoffnung. Anders ist es an dem heiligen Pfingstfest: Es ist das Fest der Gemeinde. Das Kindlein liegt nicht mehr in der Krippe, das Kindlein ruht im Herzen. Der Auferstandene wandelt nicht mehr um Jerusalem und um das galiläische Meer, er wandelt in dem Herzen der Gemeinde. Ja, siehe das Pfingstfest an, wie es so ganz anders ist, denn Weihnachten und Ostern. In einer Halle des Tempels sind die Jünger versammelt. Einmütig sind sie bei einander. Da geschieht schnell ein Brausen vom Himmel als eines gewaltigen Windes und erfüllt das ganze Haus, da sie saßen. Es rauscht von obenher. Es rauscht der himmlische Frühlingswind. Gesät hatte der Herr vor seinem Tod, gesät hatte er, ehe der Todeswinter über ihn kam. Jetzt kam der Gnadenfrühling. Sie wurden Alle voll des heiligen Geistes und fingen an zu predigen mit anderen Zungen, nachdem der Geist ihnen gab auszusprechen. Jedes Körnlein, das der Herr aus seinem heiligen Saattuch, aus dem alten Wort Gottes, und aus dem Wort, das er selber war, in sie gestreut hatte, ward lebendig. War es vorher ein Gedächtniseigentum gewesen, so wird es nun ein Herzens- und Lebenseigentum. Sie wurden so fröhlich, sie wurden so selig. Ihr Alles ward gänzlich in Jesum versenkt, Drum ward ihnen Alles in einem geschenkt. Sie wurden jetzt lebendige Glieder an seinem Leib, sie wurden jetzt eine wahrhaftige Gemeinde. -

Teure Brüder und Schwestern, wir möchten beides auch werden. Es tut so not, dass wir wieder eine lebendige, wahrhaftige Gemeinde werden; dass wir wieder an Jesu Christo hangen, und uns Nichts von ihm scheiden kann; dass uns wieder durchdringe der Geist eines Glaubens, einer heiligen Liebe, eines mutigen Bekenntnisses, einer gemeinsamen Hoffnung. Es ist hohe Zeit, dass in der Kirche Christi von neuem ein heiliger Geist ausgegossen werde, zum Trotz den bösen Geistern, die dieselbe verwüsten, zur Ehre Gottes unseres Heilandes, zum Frieden unserer eigenen Seelen, die jetzt vom Wind des Zweifels und der Furcht hin- und hergeweht werden wie ein schwankendes Rohr. O dass der Herr den Himmel auftäte, dass sein Geist herniederkäme, und wir endlich wieder ein Pfingstfest feierten, ähnlich jenem in der Tempelhalle zu Jerusalem! Wir wollen uns heute vor die Seelen stellen:

Wie muss es in einem christlichen Pfingstherzen aussehen?

  1. Es muss die rechte Pfingstrüstung haben,
  2. Dann kommen des Geistes Gnadengaben.

Herr Jesu Christe,

Es steigen die Wasser zum Himmel hinauf
Und fallen hernieder im Regen;
Du nimmst zum Vater deinen Lauf
Und träufst hernieder als Segen.
O heil'ger Geist, du Tröster mein,
Ach fall' auch in mein Herz hinein,
Weih' es zu Christi Wohnung ein
und mir zur Gnadenhütte. Amen.

I. Die Pfingstrüstung.

Eine Rüstung und Vorbereitung findet auf jedes Fest statt. Und sind die Zeiten noch so schwer, und sind die Hände noch so leer, die äußere Festrüstung versäumst du doch gar selten, dennoch wird das Haus gereinigt, wenn etwa ein Gast komme; dennoch werden Vorbereitungen getroffen, dass der Leib, der äußere Mensch, erfahre: es ist Festzeit! Aber der wahrhaftige Pfingstgast fragt nicht nach dem gekehrten Haus, nicht nach dem bereiteten Tisch, er fragt nicht nach den gesteckten Pfingstmaien, er fragt nach etwas Anderem, Etas Anderes zieht und lockt ihn in die Häuser hinein: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten. Und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden kommen und Wohnung bei ihm machen.“ „Wer mich liebt,“ spricht der Herr. Das ist die erste Pfingstvorbereitung, das ist die erste Pfingstmaie, nicht gesteckt noch gestellt in das Haus, sondern in das Herz. Sie duftet auf gen Himmel und ruft: „Herr Jesu komm!“ Wie nun, ist dein Herz mit dieser Maie geziert? Eine Liebe muss jeder Mensch haben. Das Herz kann nicht anders, es muss lieben. Aber mich. Wer mich liebt. Wo hast Du deine Liebe hingeworfen? Hast du sie auf den Mammon, auf die Güter dieser Welt hingeworfen, nie wirst du von ihnen die Antwort erhalten: Ich liebe dich wieder. Die Angesichter, die auf dein Gold und Geld geprägt sind, bleiben kalt. Sie fühlen nichts von deiner Noth. Sie schlagen nicht mit deinem Herzen. Wohl Hunger und Durst kannst du mit ihnen stillen, aber das Gewissen und den Hunger nach Gnade nimmermehr. Im Gegenteil, sie zerrütten dein Herz. Je mehr du von ihnen hast, um so mehr willst du sie haben. Endlich aber musst du sie doch alle lassen. Einer sucht sich zusammen die Steine der Erde, die Blumen und Kräuter des Feldes und Waldes, einer die Muscheln am Strand des Meeres, einer Bücher und andere Dinge. Dies Suchen zeugt, dass ein jeder eine Liebe haben muss. Nur geht er noch in der Irre. Er hat noch nicht die rechte gefunden.

Eine Liebe muss jeder Mensch haben. Wo hast du die deine hingeworfen? Wir wollen nicht mehr nach den schlechten Gütern fragen, die dieses Leben hat. Du hast sie auf die Deinen, auf deine Kinder geworfen. Das ist so von Gott geordnet. Es ist ein unsichtbarer Faden, der die Herzen der Eltern an die Kinder bindet. Aber auch bei den Kindern musst du bekennen: „Ich muss mir erst ihre Liebe kaufen. Ich muss sie teuer bezahlen mit großen Opfern von ihrer Geburt an.“ Und dann ist es doch noch ein ungewisser Besitz. Wie viele Kinder sind da, in denen die Verführung, in denen der Fürst dieser Welt nach und nach diesen heiligen Faden durchgeschnitten hat! Alle deine Mühen und Sorgen und Opfer sind weggeworfen, weggeworfen in ein wüstes Meer, das alle Tage Kot und Unflat ausschäumt.

Darum sollst du eine andere Liebe haben, eine Liebe, die du nicht erkauft hast, sondern die dich erkauft hat; eine Liebe, die du nicht gewonnen hast, sondern die dich gewonnen hat. Ehe du den Herrn denken konntest, liebte er dich schon. Ehe du ihn nennen konntest, hatte er dich eingeschrieben in das Buch seiner Gnade. Diesen Faden, mit dem er deine Seele an sich gebunden hat, kann nicht die Welt, nicht ihr Fürst zerreißen. Wenn dieser kommt, so hat er keinen Teil an dir. Ja, wer mich liebt, spricht der Herr.

- Diese Liebe aber muss sich ausweisen. Der wird mein Wort halten, steht gleich dabei. Pfingsten, Geliebte, war bei dem Volk Israel das Fest der Gesetzgebung. Da erinnerte man sich an die zehn Gebote, die Gott der Herr auf dem Sinai in zwei steinerne Tafeln gegraben hatte. Nicht umsonst hat der heilige Geist gerade dieses Fest zu seinem Kommen in die Gemeinde erwählt. Die alten Propheten hatten verkündigt von einem neuen Israel: „Ich will einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz weg nehmen aus eurem Leib und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will mein Gesetz in euer Herz geben und in eure Sinne schreiben, und ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.“ Das soll erfüllt werden in dem neuen Israel. Und das neue Israel seid ihr, die ihr auf Christi Namen getauft seid. Da habt ihr denn den Unterschied zwischen dem alten und neuen Bund. Im alten hieß es: „Alle Welt fürchte den Herrn und vor ihm scheue sich Alles, was auf dem Erdboden wohnt. Die Furcht des Herrn ist aller Weisheit Anfang.“ Selbst wo es sich redet um die Liebe, prägt ihr das Gesetz sein ehernes Siegel auf: „Du sollst lieben Gott deinen Herrn“ rc. Im neuen heißt es: „Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ Die Liebe Christi ist des Lebens Anfang: - „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten.“ Wie steht es nun um dies „sein Wort halten?“ - Zugesagt hast du es zweimal und dreimal und noch öfter. Zugesagt hast du es am Taufstein durch deine Paten oder Bürgen. Zugesagt hast du es am Altar in der Konfirmation. Zugesagt hast du es in jeder Beichte. Zugesagt habt ihr es, die ihr heute an den Altar des Herrn treten wollt, gestern mit eurem Ja. Ist nun in uns Allen dies heilige Leben, das da treibt aus der Liebe in den Gehorsam? Ist es nun heiliger Ernst damit, dass wir Christi Wort halten wollen? Und es muss uns heiliger Ernst und selige Freude sein, wenn wir ihn lieben. Jedes Tröpflein Liebe, das wir erfahren haben, treibt uns an, das Wort gegen den zu halten, der uns diese Liebe erwiesen hat. Meinem Freund, der mich lieb hat, tue ich seinen Willen. Meinem Bruder, meiner Schwester, die mich lieb haben, bin ich gehorsam bis zum schwersten Opfer. Und für meinen Herrn, für meinen Heiland, der mir in seiner Liebe getreu war bis in den Tod, da habe ich Nichts? Wenn es so ist, wenn der Gehorsam gegen Christi Wort in dir noch nicht aufsprießt als ein fröhliches, freiwilliges Leben, ist es auch nicht wahr, dass du ihn lieb hast. - Es ist ein großer Unterschied, Jesu Christi Wort haben, und Jesu Christi Wort halten. Es ist wohl, kaum Einer unter uns, der es nicht hätte. Du hast eine Bibel oder ein neues Testament, du hast ein Gesangbuch, du hast ein Gebetbuch. Damit ist's aber nicht genug. Was hilft es dem Kranken, wenn er die Arznei in der Flasche im Schrank stehen hat? Damit ist er nicht gesund. Haben und Halten ist ein großer Unterschied. Im Gedächtnis haben wir Alle Etwas von Christi Wort, der Eine Viel, der Andere Wenig. Wer aber ist unter uns, der sich rühmen könnte, er halte nur einen einzigen von den Sprüchen seiner Bergpredigt: „Selig sind, die geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden“ rc. und wie sie weiter heißen! Halten heißt den goldenen Schatz tragen in irdenen Gefäßen und so leben, dass nicht mehr ich in mir lebe, sondern Christus. Erst wo dieses Halten ist, da ist die zweite Pfingstmaie in das Herz gesteckt. Den letzten und höchsten Zweig derselben hat uns der Herr im letzten Wort des Evangeliums vorgestellt. Er hat die Worte unseres Textes am Abend vor seinem Tod gesprochen. Er wusste, dass sein Vater diese schwere Nacht und den noch schwereren folgenden Tag über ihn verhängt hatte. Wohl bebte auch in ihm der Mensch vor dem Kreuz zurück, denn er war uns in Allem gleich geworden, nur nicht in der Sünde. Wohl wohnte auch in ihm eine Liebe zum Leben. Aber die Liebe zu seinem Vater ging über alle Liebe zum Leben. Auf dass die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und ich also tue, wie er mir geboten hat, steht auf und lasst uns von hinnen gehen. Weg aus dem Saal der letzten Freude, des letzten Mahles mit den Seinen! Hinaus an den Ölberg. wo er für uns gerungen hat mit dem Tod, wo sein Schweiß ward wie Blutstropfen, die zur Erde fielen! Hinein in das Leiden, das also in des Vaters Rat bestimmt war! Und das Alles aus Liebe und aus kindlichem Gehorsam gegen den Vater. Bist du, lieber Christ, auch also gerüstet, ganz getrost dein Kreuz zu tragen, Alles fröhlich dran zu wagen, Habe, Gut und Freud', wenn dein Gott gebeut? Ja, dann ist die Pfingstrüstung auch bei dir getroffen, dann ist Pfingsten bei dir eingeläutet, dann stehen die Maien da und ihre Spitzen reichen hinauf gen Himmel. Prüfe dich darauf einmal recht. Oft ist dir doch schon die Wahl gestellt worden. Du konntest im Leben hiernach oder danach greifen. Was war dein Maßstab, was war der Grund, wonach du schiedest? Hast du dahin gegriffen, wo die Liebe zu Gott sich am wärmsten offenbarte, wo es dem natürlichen Menschen am sauersten wurde: dann bist du auf dem Weg zum Kommen des heiligen Geistes. Ja, wenn diese Maien so dastehen, dann rauscht es bald von oben, und es wird erfüllt das ganze Herz, in dem sie grünen, und es wird voll des heiligen Geistes. Du wirst auch reden lernen mit neuer Zunge, nach dem dir der Geist gibt auszusprechen. Er bringt dir dann sicherlich mit

II. seine Gnadengaben.

Wenn die alten Könige unseres Volkes Feste veranstalteten, wurden allen Gästen Geschenke an Gold und Goldeswert gegeben. Der König Himmels und der Erde macht seinem Sohn ein Fest. Er verbindet ihn mit der gläubigen Gemeinde. Der Geist, der vom Vater, und Sohn ausgeht, vertraut sie zusammen. Er ist Brautführer. Die erste Gnadengabe, die das gläubige Herz erhält an dem Tag, ist ausgesprochen in dem Wort: Und wir werden kommen und Wohnung bei ihm machen. O du Menschenkind, welche Gnade Gottes ist dies! Wenn ein König eintritt in die Hütte seines Untertanen, so freut sich dieser. Er vergisst den Tag nicht, er vergisst die Worte nicht, die zu dieser Zeit sein irdischer Herr gesprochen hat. Und was ist es eben Sonderliches? Was ist für ein großer Unterschied? Der Eine ist Staub und Asche in Purpur, und der Andere ist Staub und Asche in schlichter Leinwand. Und nun will dein Herr und dem Gott kommen und Wohnung in dir machen. Hier heißt es mit Recht: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst. Was ist der Mensch, dass du seiner so gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ Ezechiel, der Prophet, redet in seinem letzten Kapitel im letzten Vers von einer Stadt, die genannt werden soll: „Hier ist der Herr.“ Diese Stadt ist die Kirche, wenn der Geist den Vater und den Sohn in sie eingeführt hat. Ein Haus in dieser Stadt ist dein Herz, wenn dein Herr und Gott Wohnung darin gemacht hat. Wie aber will er darinnen wohnen? Er ist überall. Seine heilige Nähe, seine Gottes- und Herrennähe umgibt Alles. Er steht auch dabei, wo ein Kain die Keule aufhebt gegen seinen Bruder. Er steht auch dabei, wo ein Judas das Blutgeld einstreicht, wofür er den Heiligen Gottes verkauft hat. Er ist auch in dem Herzen, das Gewissensängste durchzittern, wie die Erdbeben hier oder da den Boden der Südländer. Nein, solch Inwohnen ist es nicht. Es ist die väterliche Gegenwart, die uns der Sohn wieder erworben hat. Wir haben nicht einen knechtlichen Geist empfangen, dass wir uns abermals fürchten müssten, sondern einen kindlichen Geist, durch welchen wir rufen: „Abba, lieber Vater.“ Derselbige Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Als Elias geflohen war vor der Tyrannei des Ahab vierzig Tage und vierzig Nächte hindurch bis an den Berg Horeb, verbarg er sich daselbst in eine Höhle. Und der Herr gebot ihm: „Gehe heraus und tritt auf den Berg vor den Herrn.“ Und siehe, der Herr ging vorüber, und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, vor dem Herrn her. Der Herr aber war nicht im Wind. Nach dem Wind kam ein Erdbeben, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Da das Elias hörte, verhüllte er sein Angesicht mit seinem Mantel und trat in die Tür der Höhle. In dem sanften Sausen war die Majestät des Herrn. Da ist dem alten, treuen Diener des Gesetzes das Evangelium geweissagt. Es sollte eine Zeit kommen, wo Gott nicht nahte mit dem Schrecken des Gesetzes, sondern wo wir seine väterliche Liebe im Herzen verspürten. Und das ist sein Kommen im heiligen Geist. Lieber Christ, sind sie schon zu dir gekommen und haben Wohnung in dir gemacht? „Wie soll ich das wissen?“ sagst du. Das kannst du wissen, das musst du wissen. Du wirst doch wissen, was du in deinem Herzen hast. Da drinnen muss ein Fels ruhen, den Nichts bewegen und wankend machen kann, an dem sich alle Wellen brechen. Und dieser Fels ist nicht kalt. Es gibt ja wohl auch Leute, die eine Festigkeit haben. Aber die Festigkeit ist danach. Ihre Kraft, ihre Beharrlichkeit ist Gleichgültigkeit, ist Stumpfsinn: „Meinetwegen mag es kommen, wie es will.“

So ist der Fels des Christen nicht. Das ist nicht dein Gott, der in dir wohnt. Nein, dieser Fels hat Quellen des lebendigen Wassers, und an diesen Quellen wachsen Glaubensblumen mitten in der Anfechtung. Ein Herz, in dem sein Gott Wohnung gemacht hat, duldet und trägt nicht in dumpfer und stumpfer Gleichgültigkeit, sondern in seliger Ergebung in Gottes, Willen. Es hat einen Hort und einen festen Verlass. Es redet in sich mit seinem Herrn. Es fühlt, dass er drinnen wohnt. Es fühlt, dass er den Kampf kämpft, dass es Nichts aus sich selber tut. -

Die zweite Gnadengabe ist die, dass uns der Geist lehren und uns erinnern wird alles des, das uns Jesus gesagt hat. Hier kannst du recht merken den Unterschied zwischen Jesu Tätigkeit und der des heiligen Geistes. Jesus hat gelehrt, und das Wort lehrt. Der Geist soll noch einmal lehren, er muss noch einmal lehren. Was die Jünger vom Herrn empfangen hatten, sollte durch den Geist Leben bekommen. Wie sehr wir dieser zweiten Unterweisung bedürfen, das wisst ihr aus eurem eigenen Leben. Ihr Alle seid in eurer Jugend gelehrt, ihr Alle habt manches Stück vom Wort Gottes behalten. Aber mit diesen behaltenen Sprüchen ist es wie mit jener Blume im Morgenland, mit der Rose von Jericho. In dürrer Zeit trocknet die Wurzel gänzlich zusammen, der Wind hebt sie auf und treibt sie fort von ihrer Stätte. Wenn dann aber ein Regen fällt, dann wird die tote Wurzel lebendig. Das Gelernte ist auch dein Eigentum, aber ein totes Eigentum. Erst wenn der Geist seinen Tau darüber ausgießt, fängt es an zu treiben. -

Wenn er ihn denn doch heute ausgösse über das, was du von Jugend auf gelernt hast vom Evangelio, dass die tote Wurzel in dir lebendig würde! Es gibt nichts Seligeres, denn dies Lehren und Erinnern des heiligen Geistes. Was dir gleichgültig als ein ungenütztes Gut in der Seele lag, wird dir dann wie echtes Gold für deine Seele. Was du nicht beachtet hattest von der Weisheit von obenher, bekommt dir plötzlich einen hohen Wert. Ein Spruch wird zu einem Quelle in der Wüste, wird zu einem festen Stab, zu einem Anker in großen Nöten. Das ist die Unterweisung des heiligen Geistes. -

Die dritte Gnadengabe des Herrn ist der Friede. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Fürwahr es ist ein Unterschied zwischen dem Frieden Gottes und dem Frieden der Welt. Der Herr sagt meinen Frieden. Er wird auch der Friede Gottes genannt, der höher ist, denn alle Vernunft. Er wird gegeben in den innersten Tiefen des Herzens. Er wird nicht auf Papier geschrieben oder auf Pergament, er wird uns in die Seele geschrieben. An dieser heiligen Urkunde hängt auch ein Siegel, ein gar festes, nämlich das Bild des gekreuzigten Herrn. Damit du Frieden haben sollst, erwählte er das Kreuz. O wie süß ist dieser Friede! Er stillt ja die bittersten Kriege, die du geführt hast, die Kriege im Gewissen, den Kampf gegen Gottes Gericht, die du doch nie zum Sieg hinausführen konntest. Wie fest ist dieser Friede! Man hat ihn so vielen Christen mit Feuer, Schwert, Folter und anderen Gewaltmitteln abdringen wollen. Es kann ihn aber Niemand nehmen. Als man den Fürsten Wolfgang von Anhalt um des evangelischen Glaubens willen von Land und Leuten trieb, und er als ein armer Mann aus der Stadt Bernburg ritt, sang er mit lauter Stimme: „Ein' feste Burg ist unser Gott,“ und vornehmlich die Worte:

„Nehm'n sie uns den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
Lass fahren dahin,
Sie haben's kein'n Gewinn,
Das Reich muss uns doch bleiben.“

In Zeiten großer Hungersnot fand ein Schwarzer aus Antigua, als er am Abend von der Arbeit kam, seine ganze Hütte ausgeplündert. Mit fröhlichem Ton sagte er: „Sie haben mir doch mein Bestes, die Gnade des Herrn in meinem Herzen, nicht rauben können. Ich bedaure sie mehr als mich.“ Der Herr gibt nicht, wie die Welt gibt. Denn was sie gibt mit einer Hand, das nimmt sie mit der anderen. Sie kann den Frieden wohl wünschen, er aber kann ihn geben. -

Siehe, das sind Pfingstgüter. Wer seinen Herrn und Gott im Herzen hat, wem der heilige Geist das Wort Gottes lebendig gemacht hat, wem er den Frieden in die Seele ausgegossen hat, dem ist wohl, der ist stark vor allen Starken. Ihm gilt auch das Wort: Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Das ist noch eine gar teure Christengabe. Solchem Christen ist sein Gott eine eherne Mauer, eine feste Stadt geworden, eine Burg, die Niemand bezwingen kann. Und ob sie gegen dieselbe stürmen mit den Waffen des Hasses und mit den Pfeilen der Bosheit, dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihrem Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten drinnen sind. Hüte dich ja, dass du in den Kampf mir dem Widersacher nicht gehst gestützt auf deine eigene Kraft. Tausende, denen der Herr nicht ihre Stärke war, haben sich vermessen mit großen Worten, sie wollten von Christo in keiner Verfolgung lassen. Aber ihr Versprechen war gekommen aus Fleisch und Blut. Fleisch und Blut aber zagen, wenn die Trübsal ernstlich hereinbricht, die großen Worte vergehen wie Windwolken. Die aber auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffliegen mit Flügeln wie die Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. -

Teure Gemeinde, dass doch ein solcher Geist des Herrn über uns käme, dass doch die Tage der ersten Kirche wiederkehrten, dass doch dem Geist des Verderbens, der durch die Völker gehet, dieser Geist entgegenstünde! Er allein kann ihn bekämpfen. Bitte, dass der Vater und der Sohn in dir Wohnung machen. Dann hast du einen festen Grund in deinem Herzen. Bitte, dass der heilige Geist dich lehre und erinnere alles des, das Christus gesagt hat. Dann wird kein Mensch, und wenn er die feinste und schlaueste Rede führte, im Stande sein, dich von deinem heiligen Glauben abwendig zu machen. Bitte, dass der Friede Gottes dein Herz erfülle. Dann wird der Unfriede und die Angst der Welt an dir vorüber gehen, wie der Sturm und das Brausen des Meeres an einem Felsen, den sie wohl bespritzen, aber nicht niederreißen können. Bitte, dass der Geist des Rates und der Stärke dich erfülle und vollbereite, dann wird die Anfechtung an dir abprallen wie ein matter Pfeil von einem festen Panzer. O Herr, gieße deinen Geist von Neuem über deine Gemeinde aus! Herr, die Pfingstzeit ist da, lass uns nicht tot, nicht kalt, nicht arm, nicht leer von hinnen gehen. Ach die Kirche bedarf des Pfingstgeistes, denn der Glaube ist schwach, und der seligen Erkenntnis ist wenig. Komm du Geist des Lebens, und erfülle mit deiner Gnaden Gut der armen Christen Herz und Mut. Dann mag der Fürst dieser Welt kommen. Er hat keinen Teil an uns. Amen.

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