Ahlfeld, Johann Friedrich - Wachset in Jesu Christo!

Ahlfeld, Johann Friedrich - Wachset in Jesu Christo!

(3. Sonntag post Epiphanias)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Text: Matth. 8. 1-13.
Da er aber vom Berge herab ging, folgte ihm viel Volk nach. Und siehe, ein Aussätziger kam und betete ihn an, und sprach: Herr, so du willst, kannst du mich wohl reinigen. Und Jesus streckte seine Hand aus, rührte ihn an, und sprach: Ich will es tun, sei gereinigt. Und alsobald ward er von seinem Aussatz rein. Und Jesus sprach zu ihm: Siehe zu, sage es niemand; sondern gehe hin und zeige dich dem Priester und opfre die Gabe, die Moses befohlen hat. zu einem Zeugnis über sie. Da aber Jesus einging zu Kapernaum, trat ein Hauptmann zu ihm, der bat ihn, und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gichtbrüchig und hat große Qual. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehest; sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn ich bin ein Mensch, dazu der Obrigkeit untertan, und habe unter mir Kriegsknechte; noch wenn ich sage zu einem: Gehe hin, so gehet er, und zum andern: Komm her, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tue das, so tut er's. Da das Jesus hörte, verwunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch, solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden. Aber ich sage euch: Viele werden kommen vom Morgen und vom Abend, und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich sitzen. Aber die Kinder des Reichs werden ausgestoßen in die äußerste Finsternis hinaus, da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Gehe hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht ward gesund zu derselbigen Stunde.

Wir teilen, in dem Herrn geliebte Fremde, die Bürger eines zivilisierten Landes so gern ein in drei Stände, in den Lehrstand, den Nährstand und den Wehrstand. So haben wir denn am ersten Sonntag nach Epiphanias den Herrn Christus unter dem Lehrstand gesehen. Er war mitten unter den Priestern im Tempel. Er offenbarte dort, dass er vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen sei. Darum soll der Lehrstand, ob er nun sein Werk in der Schule oder in der Kirche treibe, von Christo zeugen. -

Am zweiten Sonntage nach Epiphanias war Christus zur Hochzeit. Und bei wem? Bei einem armen Galiläer. Ob er ein Ackerbauer oder ein Handwerker war, das steht nicht da. Aber so viel geht aus der Erzählung hervor, dass er weder ein Priester noch ein Kriegsmann war. Er gehörte dem Nährstand an. Da offenbarte der Herr seine Herrlichkeit. Er verwandelte das Wasser in Wein. Er wollte dem treuen Diener zeigen, wie er ihm seine sauren Tage durch das liebliche Evangelium versüße -

In dem zweiten Teile unseres heutigen Evangeliums hat Christus mit dem Wehrstand zu tun. Der Hauptmann von Kapernaum ist ein römischer Soldat. In diesem ist ein Glaube erweckt, dass Christus selbst ausruft. „Wahrlich, ich sage euch, solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“ - Wenn wir diese drei Evangelia so neben einander sehen, so liegt ein köstlicher Fortschritt darin. Dass die Priester, die auf Mosis Stuhl sitzen, die alle Tage forschen sollen in der Schrift, denen Gesetz und Propheten der Acker sind, den sie alle Tage mit Pflug und Egge des Gebets und des Studiums durcharbeiten und durchforschen sollen, den Herrn als den Inhalt ihres heiligen Ackerfeldes bei sich haben müssen, liegt sehr nahe. Aber auch der stille Mann, der das Feld bauet, oder sein Handwerk, oder seine Kunst treibet, soll Christum als seinen Meister neben sich stehen haben. Ja noch mehr, selbst der Krieger, dem das schwerste Los gefallen ist, der Blutäcker bauen muss, soll seine Lenden gürten mit dem Gurt des Glaubens, soll sich waffnen mit dem Schwert der Liebe. Der gern ein Sieger über Feinde sein will, soll in Christo seinen Sieger erkennen, dem er sich gefangen gibt zum Gehorsam des Glaubens. Wie sein Stand der schwerste ist, so soll er billig auch mit der festesten evangelischen Rüstung angetan sein. Wir finden sie in unserm Evangelio. Unser Hauptmann hatte fürwahr einen tapferen Glauben. Er war nicht allein unter der Fahne seines Landpflegers, nein, auch unter der Fahne Christi ein Hauptmann, -

Doch dieses Wachsen der Offenbarung des Herrn von Sonntag zu Sonntag hilft uns gar Nichts, wenn nicht auch in uns der Glaube in seinem Wachstum mit seiner Offenbarung gleichen Schritt hält. Wir nehmen uns aus unserm Evangelio den Zuruf

Wachset in Jesu Christo.

Wir ordnen uns denselben in folgende Reihenfolge:

  1. Ins Leben muss das Evangelium hinein,
  2. Klag' deinem Herrn dein Leiden groß und klein,
  3. Der volle Glaube pocht nicht auf das Sehen,
  4. Er weiß, dass überall des Herren Wege gehen.

Ja Herr, das Leben, das ganze Leben muss dein heilig Evangelium durchdringen. Wie die Luft den ganzen Körper durchzieht, wie sie in die Tiefen der Erde und des Meeres Wege findet, so soll Dein heiliger Lebensodem Alles erfüllen und heiligen. Ach Herr, gib uns jetzt in dieser Sabbatstunde das Gefühl Deiner heiligen Nähe. Gib uns solch Wohlgefallen an deinem Geleite, dass wir Dich immer bei uns haben wollen, auch wo wir nicht durch den Sonntag, den Glockenklang und das Evangelium in Deine Nähe gerufen sind. Amen.

I. Ins Leben muss das Evangelium hinein!

Der Herr hatte auf dem Berge seine Antrittspredigt gehalten. Du kannst sie lesen in den drei Kapiteln, die unserm Text vorangehen. Er hatte auf dem grünen Teppich um den Berg herum eine große Gemeinde versammelt gehabt. Seine Rede war milder Regen für die betrübten Herzen, sie war Blitz und Donner für die stolzen, verhärteten Herzen gewesen. Sie ist voll tiefer Weisheit, und die gelehrte Welt wird noch lange daran auszulegen haben, ehe sie ihren Sinn ganz fasst. Sie war nun aus. Jesus stieg vom Berge, von seiner Kanzel, herab. War er nun fertig? Er hatte ja eine so treffliche Predigt gehalten, war denn das nicht genug? - Nein. Ins Leben muss das Evangelium hinein. Als er vom Berge herab ging, folgte ihm viel Volk nach. Und siehe, ein Aussätziger kam zu ihm, betete ihn an und sprach: „Herr, so du willst, kannst du mich wohl reinigen!“ Und Jesus streckte seine Hand aus und sprach: „Ich will es tun, sei gereinigt.“ Und alsobald ward er von seinem Aussatz rein. Siehe, da schließt sich gleich das Leben an die Predigt an. Er hatte gepredigt: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Da kommt ein Leidträger, ein Aussätziger, und er tröstet ihn; nicht mit armen schalen Worten, sondern mit tatsächlicher Hilfe. -

Geliebte Gemeinde, zumeist ergreifen wir zuerst das Evangelium mit dem Kopfe, mit dem Verstande. Wir erkennen seine Wahrheit mit unserm Denken. Und wenn wir nicht Alles damit ergründen können, erscheint uns doch das, was wir begreifen, so groß und herrlich, dass wir darum das, was wir noch nicht begreifen, gern glauben. Unser Christentum, ja namentlich das Christentum in unsern Tagen, ist zuerst meistenteils ein Christentum in Gedanken, im Kopfe. Das ist auch die Weisheit auf dem Berge. Dabei kann es aber nicht stehen bleiben. Herunter muss es von dem Berge in die Ebene. Und wo ist die Ebene? Das Herz, das Leben, die lebendige Tat ist die Ebene, Ist nun Christus bei dir von dem Berge schon herabgegangen? „Wie soll ich das verstehen?“ sprichst du. Siehe doch, wenn du in deinem Glauben, in dem ausgesprochenen Glauben, dich zu ihm bekennest, wenn du in deinem Verstande das Evangelium als heilige Wahrheit erkennest; aber dein Leben ist noch, wie es vor dem war - dann ist Christus noch oben auf dem Berge. Sowie Christus herunter kommt, weicht bei dem Aussätzigen der Aussatz. Dein Aussatz ist die alte Lust zur Sünde. Ist nun dein Herz umgewandelt, sind dir deine alten Schoßsünden ein Gräuel, trauert dein Herz in ernster Trauer tagelang, wenn du dich doch von ihnen hast bestricken lassen, zittert es nach der Sünde noch nach, wie ein Blatt, das ein rauer Wind angerührt hat, noch nachbebet, wenn der Zug längst vorbei ist - dann ist er herunter vom Berge. Treibest du dein Berufsgeschäft, deinen Haushalt, deine Kinderzucht im Namen Jesu Christi - dann ist er herunter vom Berge. Trägst du deinen Schmerz, dein Leid zu seiner Ehre, freuest du dich in deinen guten Tagen in dem Herrn: dann ist er in die Ebene, in das Leben gekommen. Er muss aber herunter kommen, wenn in dir wirklich neues Leben gedeihen soll. Du weißt, wenn die Sonne aufgeht, vergoldet sie zuerst der Berge Gipfel. Das sieht gar lieblich aus - aber da oben wächst Nichts. Dadurch gedeiht kein Korn auf dem Feld und kein Obst auf dem Baum. Dadurch geht uns nur die Hoffnung auf, dass sie herunter kommen werde. Erst wenn ihre Strahlen herniedersteigen in die Ebenen, dann lockt sie gute Keime hervor, dann zeitigt sie Korn und Obst. Und gerade so ist es bei uns auch. Wenn wir Christo mit dem Verstande dienen, und das Leben weiß Nichts davon, so ist dies auch nur solch Leuchten um die Bergeshäupter. Es gedeihen dabei keine Früchte der Gerechtigkeit, keine Werke der Barmherzigkeit. Wir sehen dem Herrn nach, aber wir folgen ihm nicht nach. Wenn du sonst Etwas in deinem Verstande erkannt hast, etwa dass dies oder das in deinem Haushalte, in deinem Berufe zweckmäßig sei: wie schnell steiget da die Erkenntnis herunter in das Herz, in den Willen. Die Erkenntnis wird zur Tat. Aber die Erkenntnis des Heils bleibet oft viele Jahre lang, ja das ganze Leben lang, Erkenntnis, und wird weiter Nichts. -

Liebe Christen, ihr seid allzumal oft in der Kirche gewesen. Ihr habt euch an mancher Predigt erbauet und habt ihr etwa nachgerühmt: „Die ging recht ins Herz, die traf recht!“ Aber wenn ihr nach Hause kamt, nahm dann euer Leben eine andere Gestalt und Farbe an? Sah man es dann, dass Christus euer Herz gerührt hatte? In den meisten Fällen müsst ihr antworten - „Nein, ich stimmte ganz wieder meine alte Weise an. Es war nachher wie vorher. Das Herz blieb in der Welt. Die Furcht des Herrn hing wie ein loser Flicken auf dem alten Kleid, die Lüge blieb. Auch mein altes Wesen gegen Weib und Kind, gegen Eltern, Vorgesetzte und Untergebene blieb wie es war. Leute, die ich vorher hasste, die hasste ich auch noch. Die Predigt hatte mir sehr wohl gefallen, aber es blieb Alles beim Alten.“ -

Da seid ihr mit oben gewesen bei Christo auf dem Berge, aber er ist nicht mit heruntergekommen. - Und doch ist dies der allererste Fortschritt, das allererste Wachstum, das man an dem Glauben sehen muss. Der Herr Christus ist der ganze neue Mensch. Er ist gekommen den ganzen Menschen zu erneuern. Er hat nicht wie ein gelehrter Herr auf dem Katheder gesessen, den Leuten eine neue Weisheit vorgetragen, das Buch zugeschlagen und ist dann wieder nach Hause gegangen. Nein, er ist umhergezogen, hat wohl getan und gesund gemacht Alle, die vom Teufel überwältigt waren. Er hat den Leuten ein neues Leben vorgelebt. Das Wort, die Lehre hat er nur mit sich geführt, wie ein tätiger Meister sein Maß mit sich führet, dass sein und seiner Gehilfen Werk daran gemessen werde. Ins Leben muss das Evangelium hinein. -

So träge wir aber sind, es in uns von der Verstandeshöhe ins Herz herunterzubringen, so träge sind wir auch, es Andern zu Herzen zu führen. Christus fürchtet sich nicht vor dem Aussätzigen, er rührt ihn an. Christus hat kein Bedenken, in das Haus des heidnischen Hauptmanns zu kommen. Er spricht: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Wie säumig, wie ängstlich sind wir, mit dem armen Bruder von Christo zu reden. Mit denen wollen wir verkehren, die den Herrn schon lieb haben, die in der Erneuerung schon fortgeschritten sind. Denen aber, welche recht am Aussatz leiden, welche leben als die Heiden, die von Gott Nichts wissen, gehen wir aus dem Wege. Wir halten uns zu gut für sie, oder sie zu schlecht für uns. Wisse, der eingeborne Sohn Gottes hat mit seinen Händen den Aussätzigen berührt und ist nicht aussätzig geworden. Er ist mit den Heiden umgegangen, und ist kein Heide geworden. Du kannst deinen armen verirrten Brüdern dein Wort auch gönnen. Wenn dein Christentum echt ist, leidet es auch keinen Schaden unter ihnen. An Gold setzt sich kein Rost. Brauchst nicht gleich zu sagen: „Man muss die Perlen nicht vor die Säue werfen.“ Mit dem Worte ist viel Missbrauch getrieben. Viele haben eben damit gezeigt, dass sie keine echten Perlen haben. Der Hochmut hieß sie so sprechen. Die brüderliche Liebe war totgedrückt. Sie saßen oben auf dem Berge. Aber ins Leben muss das Christentum hinein.

II. Klag' deinem Herrn dein Leiden groß und klein.

Dringet Christus aus der Höhe herunter in die Ebene, kommt er aus dem Kopfe in das Herz, so ist der nächste Schritt vorwärts, dass du ihm alle deine Not, groß und klein, in demütigem Gebete vorklagest. Da steht der Aussätzige vor ihm. Er hätte eigentlich nicht herankommen dürfen. Nach der Ordnung durfte er nur von ferne stehen und ihn um Hilfe anschreien. Er meint aber, wenn er ihm recht unter die Augen trete, wenn Jesus seinen jämmerlichen Zustand recht klar sehe, werde er ihm desto sicherer helfen. Doch stellet er es in Demut ihm anheim. „So du willst, kannst du mich wohl reinigen.“ Und er sprach: „Sei gereinigt.“ Und alsobald ward er von seinem Aussatz rein. -

Die erste Stufe des lebendigen Glaubens ist die, dass wir da auf den Herrn vertrauen, dass wir ihm seine Hilfe nachrechnen, wo wir uns die Wege denken können, die er gehen wird. Ihr werdet sagen: „Das ist noch wenig, das ist erst geringer Glaube.“ Ja, das ist er, und doch ist er in unsern Tagen ein selten Ding. Es ist so leicht, sich im Allgemeinen zu Christo zu bekennen und ihn seinen Heiland, seinen Helfer zu nennen. Aber gerade in jeder einzelnen Not, sie sei so klein, sie sei so groß, wie sie wolle, in ihm den Helfer zu glauben und zu sehen, das ist schwer. Deinem Arzt zeigst du jedes kranke Glied, und wenn es ein Nagel am kleinen Finger wäre, vor. Du hoffst, er soll auch ein Arzt für dies Übel, für dies kleine Übel sein. So sollst du auch mit jedem einzelnen Übel vor deinen Herrn hintreten. Es drückt uns da ihm gegenüber eine törichte Vornehmheit. Wir meinen, wir wollen es bloß im Allgemeinen sagen. Wir wollen ihn nicht behelligen mit allen unsern kleinen Klagen. Woher rührt aber diese Vornehmheit? Aus Unglauben. Wir glauben noch nicht fest an ihn als unsern Heiland. Er hat in uns noch keine Gestalt gewonnen. Er stehet noch nicht vor uns als unser Bruder, den Gott erhöhet hat zur höchsten Herrlichkeit. Darum wagen wir es noch nicht, ihm wie einen lieben, treuen Bruder unsern Schmerz so einzeln vorzuklagen. Auch hier gilt das Wort: „So ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Ein Kind klaget seinen Eltern all sein kleines Leid. Oft ist die Reihe gar lang. Es fürchtet aber nicht, dass sie die Geduld verlieren; es fürchtet nicht, dass ihnen Etwas zu klein sei. Es meint, die Liebe, die sie zu ihm haben, macht Alles groß. Und Elternliebe zum Kinde ist nur ein armer Funke von der Liebe deines Heilandes zu dir. Er weint über die ganze große Stadt, die die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannte. Ihn jammert des Volks, der vier oder sechs Tausende, die bei ihm sind und haben Nichts zu essen. Ihn jammert aber auch des Einzelnen, der ihn mit seinem aussätzigen Leibe entgegen tritt, der ihm seinen verdorrten Arm, seine lahme Hand entgegenhält. Schütte du auch dein Herz vor ihm aus. Behalte Nichts dahinten. Du selbst kannst dir in keinerlei Not helfen. -

Doch beachte noch Eins in unserm Texte. Zweimal steht da das gerade und feste Du. So Du willst, kannst Du mich wohl reinigen. Recht deutlich prägt der Aussätzige die Person des Helfers aus. Du und wiederum Du. Wir ober lassen diese Person gar gern zurücktreten. Für den dreieinigen Gott haben wir uns drei Götzen gemacht. Wir haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes teils in eine Kreatur, teils in ein totes Etwas. -

Wenn der eine sein Feld ansieht, und der Wunsch steigt in ihm auf, dass auf demselben wieder eine gesegnete Ernte gedeihen möge, so spricht er: „Wenn uns nur die Natur wieder ein gutes Jahr gibt!“ „Die Natur?“ sagst du. Was ist denn aber die Natur? Eine Kreatur wie du und weiter Nichts. Warum nennst du denn nicht lieber deinen Gott, der dich und die Natur und alle Kreatur gemacht hat und aus Gnaden erhält, der sich nicht unbezeugt lässt, der vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gibt, und unsere Herzen erfüllet mit Speise und Freude? Nie haben die Apostel des Herrn in solchen weiten und leeren Ausdrücken geredet. Sie wussten, wer hilft und gibt. Sie hatten im festen Glauben den rechten Mann, daher nannten sie auch den rechten Namen. Wenn du deinen kranken verfallenen Leib ansiehst, oder wenn du voll Mitleid auf deinen kranken Nächsten blickest, dann sagst du: „Sei getrost, deine Natur wird sich schon wieder helfen.“ Da wird die Natur ein Schleier, mit dem du dir und Andern den lebendigen Gott verhüllest. Lies deine Bibel, so oft du willst - kein Prophet, kein Apostel, am wenigsten Christus selber verweiset die Leute auf ihre Natur. Hinauf schaut der Herr an den Betten der Elenden, von Gott nimmt er die Hilfe im Gebet, und so tun es seine Diener auch. Die Natur ist noch nicht einmal eine Magd Gottes. Eine Magd kann doch ihren eigenen Willen haben. Die Natur ist nur ein Werkzeug in Gottes Hand. -

Der zweite Götze ist das Schicksal. Wenn du etwa das neue Jahr vor dir hast, dann fragst du: „Was wird mir das Schicksal in diesem Jahre bringen?“ Was ist denn das Schicksal? In der ganzen Bibel steht das Wort nicht. Wenn wir das Wort aussprechen, so kommt es uns vor, als wenn unser Wohl und Weh regiert würde durch eine tote, unbewusste Macht, als ob ein Luftzug das Leben der Menschen regierte, wie der Luftzug auf dem Meere die Segel der Schiffe hierhin und dorthin wendet. Wie eine bange, graue Dämmerung fällt das Wort auf die Seele. Man kann nicht mit ihm reden, man kann nicht zu ihm beten. Wie es kommt, so kommt's. Warum nennst du denn nicht für das Schicksal den, der Alles schickt? „Alle gute und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab vom Vater des Lichts, bei welchem ist keine Veränderung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Es kommt Alles von Gott, Glück und Unglück. Leiden und Tod, Armut und Reichtum. Ich mache Licht und schaffe Finsternis, ich gebe Frieden und schaffe das Übel. Ich bin der Herr, der solches Alles tut (Jes. 45,7.) Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr Herr nicht, tue?“ (Amos 3,7.) -

Der dritte Götze ist der Himmel. „Ja wenn das der Himmel gäbe“ oder „das wird ja der Himmel verhüten“ sagst du, wenn dir eine schöne Hoffnung oder eine schwere Befürchtung in der Seele aufsteigt. Was ist der Himmel? Glaubst du, dass Luft und Sonne und Mond und Sterne dein Leben regieren? Oder du gebest wohl höher hinauf, du meinst den Himmel als den Wohnsitz des heiligen Gottes, Nennst du denn, wenn du von deinem Könige Etwas hoffst, seine Hauptstadt oder sein Königsschloss? Nein, du nennst den, der darinnen wohnt. So nenne, wenn du hoffest oder fürchtest, auch den, der in dem Himmel wohnet. Er spricht: „Der Himmel ist mein Stuhl, und die Erde ist meiner Füße Schemel.“ Die Chinesen beten den Himmel an. Ein Christ betet zu dem, der im Himmel ist. In der ganzen Schrift kommt das Wort Himmel in solchem Sinne nicht vor. Dieser Dienst der Natur, dieser Schauer vor dem Schicksal, dieser Hinblick auf den Himmel ist Nichts denn Heidentum. Tote Dinge sind Götter geworden, der lebendige Gott ist hinter den Vorhang gestellt. Du kannst zu Himmel und Schicksal und Natur nicht beten. Du sagst nicht: „Du und Du.“ Lerne von dem Aussätzigen deinen Gott und Herrn wieder als eine feste Person fassen, zu der du sprechen kannst: „Herr wenn Du willst, kannst Du mich wohl reinigen.“ - Doch es bleibt uns noch ein Fortschritt im Glauben übrig.

III. Der volle Glaube fragt nicht nach dem Sehen, Er weiß, dass überall des Herren Wege gehen.

Kommen wir denn endlich zu dem letzten Mann in unserm Evangelio. Der Glaube schreitet fort von Israel zu den Heiden. Dieser Hauptmann war ein Heide. Israel hatte ein Recht an Christum. Dieser nimmt sich im fröhlichen Glauben das Recht. Von den Tagen Johannis des Täufers leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. Ein solcher ist der Hauptmann. Er kann seinen Kranken nicht persönlich vor Jesum bringen, er bringt ihn in der Fürbitte. Er bittet nicht für sich, er bittet für seinen Knecht. O teure Brüder, an diesem Hauptmann sehen wir eine köstliche Völligkeit des Glaubens an Christum, und wenn wir es je zu der Stufe bringen, können wir getrost unser Haupt niederlegen. Ihr habt schon Lilien gesehen, wo drei oder vier Blumen in einen schönen Büschel zusammengewachsen waren. Solche evangelische Blumenkrone sehen wir hier vor uns. Die Hauptblume ist sein Glaube. Der Mann war ein Heide, er hatte der Abkunft nach keinen Teil an Christo. Christus hätte ihm sagen können wie dem kananäischen Weibe: „Ich bin nicht gesandt denn nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel. Es ist nicht fein, dass man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Aber durch Nichts ließ er sich abhalten. Er wollte auch Teil an ihm haben, und sein armer, kranker Knecht auch. Er kann seinen Knecht nicht herbringen. Die Krankheit erlaubt es nicht. Der Herr erbietet sich, zu ihm zu kommen: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Das will der Hauptmann nicht. Sein Glaube ist stark genug. Er glaubt an seine Hilfe, wenn er auch nicht vor dem Bett steht. „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Ich bin ein Mensch, dazu der Obrigkeit untertan, und habe unter mir Kriegsknechte, doch wenn ich sage zu einem: Gehe hin, so gehet er; und zum andern: Komm her, so kommt er; und zu meinem Knechte: Tue das, so tut er's.“ Er will damit sagen: „So stehen dir Kräfte und Mächte zu Gebote, die in deinem Namen gehen. Du kannst die Engel zu deinen unsichtbaren Boten und Dienern machen.“ Da spricht Christus: „ Wahrlich ich sage euch, solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“ - Findet er ihn denn in dem neuen Israel, in seiner Kirche? Wie selten! Wo wir gar keinen Weg sehen, wo wir gar nicht begreifen können, wie er helfen soll, da fasst uns Unglaube und Verzweiflung an, da schreien wir: „Wie soll mir denn geholfen werden? Mir kann nicht geholfen werden,“ Dir kann wohl geholfen werden. Der Herr hat seine Friedensboten, und die gehen so willig wie jene Kriegsknechte, und noch williger. Wenn dir nur geholfen würde, so weit du siehst, so wäre dies wenig Hilfe. In den meisten Fällen lässt der Herr die Hilfe gerade daher kommen, wo du nicht daran denkst. - Und die zweite Blume an jenem Lilienstengel war die brüderliche Liebe. Sein Knecht lag todkrank. Es mag ein frommer Knecht gewesen sein. Aber der Herr ist solches Knechtes wert. Sieh, er geht selbst. Er hätte Andere schicken können. Er hat ja, wie er selber sagt, unter sich Kriegsknechte. Aber er geht selbst. Er wollte die Hilfe gewiss bringen. Es mag ihn auch die Sehnsucht getrieben haben, Jesum selbst zu sehen. -

Hast du denn um Knecht und Magd, um Gehilfen und Diener und Lehrling deinen Herrn auch schon gebeten? Bist du denn um deine Leute auch schon einen Weg an die Himmelspforte gegangen? Siehe, jener römische Hauptmann tut es. er hat Liebe genug dazu, du sollst sie auch haben. Überhaupt mahnt uns dies Evangelium gewaltig zur Fürbitte, denn der Herr nimmt den Glauben und die Bitte des Hauptmanns an, wie wenn der Knecht selbst geglaubt und gebeten hätte. -

Die dritte Blume an der Krone ist die Demut. „Ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehest,“ spricht der Hauptmann. Aber die Juden, die sonst den Römern nicht wohl redeten, sprachen: „Er ist es wert, dass du ihm dieses erzeigest.“ O wohl dem, der sich selbst nicht wert achtet, den aber die Nachbarn wert achten und rühmen. Indem er sich selbst unwürdig fühlet, wird er würdig vor dem Herrn, Der ist nun zwar nicht in sein Haus gekommen, aber mit dem Arme seiner wunderbaren Macht reichte er dahin. Dem Hauptmanne geschah, wie er geglaubt hatte. Sein Knecht ward gesund zu derselbigen Stunde. Jesus offenbarte seine Herrlichkeit, wie er sie noch nie offenbaret hatte. Es ward in dem Hause des heidnischen Hauptmanns ein Epiphanienfest gefeiert. -

Mein Christ, wenn diese drei Blumen: Glaube, Liebe und Demut, wie bei diesem Hauptmann, an dem Reise des Evangeliums in dir wachsen, dann ist es gut bestellt um dich. Die Liebe zeuget für die Echtheit des Glaubens, die Demut zeuget für die Echtheit beider. Köstliche Feste, an denen der Herr seine Herrlichkeit offenbart, werden in deinem Herzen gefeiert, und von denen, die kommen von Abend, um mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische zu sitzen, wirst du einer sein. Amen.

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autoren/a/ahlfeld_friedrich/ahlfeld_3_nach_epiphanias.txt · Zuletzt geändert: von aj