Ahlfeld, Johann Friedrich - Das große Abendmahl des Herrn.

Ahlfeld, Johann Friedrich - Das große Abendmahl des Herrn.

(2. Sonnt, nach Tr. 1848.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Text: Luk. 14.16-24.
Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu. Und sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, zu sagen den Geladenen: Kommt, denn es ist Alles bereit. Und sie fingen an, alle nach einander sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinaus gehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der Andere sprach: Ich hab fünf Joch Ochsen gekauft und gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der Dritte sprach: Ich hab ein Weib genommen, darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam und sagte das seinem Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Gehe aus bald auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie herein zu kommen, auf dass mein Haus voll werde. Ich sage euch aber, dass der Männer keiner die geladen sind, mein Abendmahl schmecken wird.

Wenn wir doch, in Christo Jesu geliebte Gemeinde, unseren Herrn und Gott so lieb hätten, wie er uns hat! Wenn wir doch von ihm so gern nehmen wollten, wie er uns geben will! Wenn wir doch so gern selig werden wollten, wie er uns selig machen will! Wenn es uns doch so triebe, seine Kinder zu werden, wie ihn seine ewige, unergründliche Barmherzigkeit getrieben hat, ein armes Menschenkind zu werden! Es ist Freude im Himmel bei den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut. Und wenn über einen solchen Freude ist, so muss Trauer sein über einen jeglichen, der sein Herz der Buße verschließt, der in seinen Sünden fortläuft und sich immer fester darin verhärtet. O du Menschenkind, die Engel Gottes trauern über deine Sünde und über deinen zeitlichen und ewigen Verfall, und du willst nicht trauern! Sie stehen neben dir und regen dich ungesehen an, dass du deine Seele errettest bei Zeiten; und du willst sie nicht erretten, obwohl es deine und nicht ihre Seele ist! Wenn die Henne mit ihren klaren Augen den Habicht in der Lust daherfahren sieht, lockt sie mit ängstlichem Ton ihre Küchlein zusammen, dass sie sich bergen unter ihre Flügel, Und sie bedenken sich nicht lange. Wenn sie auch im besten Suchen sind und Körnlein und Gräser die Fülle finden, sie eilen doch in den mütterlichen Schutz. Und von uns sagt unser Heiland: „Wie oft habe ich euch versammeln wollen wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, und ihr habt es nicht gewollt.“ Haben wir es denn wirklich nicht gewollt? Können wir denn mit den Bürgern von Jerusalem, denen dies Wort zuerst gilt, wirklich in einen Haufen zusammengeworfen werden? Ja wohl. Unser Evangelium hat Christus gesprochen, da er bei einem Obersten der Pharisäer zu Tisch war. Unter dessen Gästen war einer, welcher sprach: „Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes.“ Das klang gar schön. Aber es klang nur so. Der Herr kannte sein Herz, und aus demselben wusste er, dass er sich mit diesem Wort einmal herausschraubte aus seinem ehrgeizigen irdischen Denken. Es war ihm nicht Herzenswahrheit geworden. Uns aber geht es nicht anders. Wir haben auch hin und wieder die Glaubensflügel geschwungen, als ob wir empor wollten zu dem Herrn. Aber wir wollten auch festen Boden auf der Erde behalten. Darum ist es mit dem Aufflug Nichts geworden. Wir wurden mit tausend Bändern und Klammern am Boden zurückgehalten. Darum können wir auch unseres Glaubens noch nicht fröhlich leben. In dies arme zwischen Himmel und Erde, zwischen Christus und Belial hin- und hergezogene Herz lässt uns der Herr heute einen rechten hellen Blick tun. Wir stellen als Grundgedanken unserer Andacht hin:

Das große Abendmahl des Herrn.

und sehen:

  1. Worin es besteht.
  2. Wie der Herr dazu ladet.
  3. Die Entschuldigungen.
  4. Die bittere Frucht dieser Entschuldigungen.

Herr mein Heiland, wir haben uns lange genug entschuldigt. Ach dass wir doch nun endlich kämen! Wir haben lange genug vorgegeben, dass wir Nötigeres zu tun hätten. Dass wir doch nun endlich nach dem Einen griffen, das Not ist! Ach Herr, fasse uns heute bei der Hand und ziehe uns hin an deinen Gnadentisch. Und wenn unsere verkehrten Herzen noch mit Einwendungen kommen, schlage du sie nieder. Ja, mache uns recht arm, dass wir allein in dir reich werden wollen. Mache uns recht hungrig und durstig nach der Gerechtigkeit, auf dass du uns satt machen könnest. Amen.

l. Worin besteht des Herrn Abendmahl?

Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl. Der Mensch ist Jesus Christus, der Gottmensch, wahrhaftiger Gott und Mensch. Er sagt von sich hier: „Es war ein Mensch,“ er stellt hier seine menschliche Natur in den Vordergrund, weil das Abendmahl so recht erst begonnen, da er unser Bruder geworden war. Dies Abendmahl ist nicht das Gnadenmahl am Altar des Herrn, wo uns der Leib und das Blut unseres Herrn Jesu Christi gegeben werden. Unter diesem Abendmahl versteht der Herr das große Mahl der Gnade, das durch seine Ankunft in die Welt allen Gläubigen bereitet ist. Der große Saal, in den sie sich sammeln sollen, ist die Kirche. Der weite Tisch, um den sie sich reihen sollen, ist der Taufstein, Altar, und jede Stätte, wo Gottes Wort recht geteilt wird. Auf dieser Tafel tischt der Herr seine Güter auf. Der heilige Geist ist der Wirt, der Jedem zuteilt, was seinem Herzen nötig ist. Alle bedürfen aufrichtiger Buße, eines neuen Herzens, festen Glaubens, der Vergebung der Sünde, Rechtfertigung in Jesu, der Kindschaft Gottes und des ewigen Lebens. Das sind die Gerichte, die der reiche Wirt für Alle aufstellt. Sonst aber gibt der eine Geist dem Einen und dem Anderen noch besondere Gaben: Einem tiefes Verständnis des Wortes und die Gabe der Auslegung, einem Anderen die Gabe der Sprachen, einem Anderen die des Regiments in der Kirche. Doch lassen wir heute diese Gaben. Halten wir uns an die, so für Alle aufgetischt sind. Ein reicheres Mahl wird es in der Welt nie geben können. Wenn die Welt Alles auftischt, was sie hat, wenn sie mit Speise und Trank, mit geistreichem Gespräch und bezaubernder Musik das Herz erfreut, wie sie irgend kann, wenn sie ihre Kinder darunter alle ihre Sorgen vergessen lässt, es ist doch Armut und Hunger gegen dieses Gnadenmahl. Denke dir eine Abendstunde, wo du von einem fröhlichen Mahl dieser Welt zurückkommst. Ja, du kannst dann noch eine Weile leben in dem Nachgenuss, die Musik und Freude klingt noch in Ohren und Herzen, geistreiche Sprüche und Reden laufen noch einmal durch dein Gedächtnis hindurch. Es kommt noch einmal ein blasser Schimmer der Lust in die Seele. Aber er wird immer blasser und blasser. Er braucht sich in dir selber ab. Die Sorgen kommen wieder, das Herz wird wieder schwer, und du bist so arm wie zuvor. - Nimm dagegen eine Stunde an der Gnadentafel Christi. Du fühlest so recht: „Ich bin meiner Sündenlast los. Ich bin frei, der Strick ist entzwei. Ich bin ein Kind Gottes. Er bereitet in mir einen Tisch wider meine Feinde. Er salbt mein Haupt mit Öl und schenkt mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Lebelang. Er hebt mich heraus aus meinen Sorgen. Er tut mir auf im Glauben und Schauen die Perlentore des ewigen Lebens. Er macht mich schon selig in der Zeit.“ O diese Freude geht in die tiefste Tiefe der Seele. Nun ist es wahr, sie bleibt auch nicht zu allen Zeiten gleich frisch. Es gibt auch dürre und arme Tage. Aber das weiß ich: wenn ich komme und suche und klopfe an mit brünstigem Gebet, dann kommen solche Freudentage doch wieder. Und wenn sie nimmer wieder kämen, dann kommen sie am großen Morgen der vollen Gnade. Dann habe ich Licht ohne Schatten, Tag ohne Nacht, Leben ohne Tod. Das ist das Abendmahl des Herrn. Er mag es besonders ein Abendmahl genannt haben, weil er uns am Abend seines Lebens den besten Teil davon erworben hat, weil wir den besten Teil davon erst empfangen, wenn es Abend geworden ist, wenn unser Tag sich geneigt hat. Groß aber nennt er dieses Mahl, weil es der Herr unser Gott, der König der Könige, selbst bereitet hat. Groß nennt er es, weil unser Gott von Ewigkeit her, ehe der Welt Grund gelegt war, daran gerüstet hat. Groß nennt er es, weil Gott alle Völker dazu einlädt. Und ob sie sich sammeln von Morgen und Abend, von Mittag und Mitternacht zu dem heiligen Mahl, immer wird es heißen: „Es ist noch Raum da.“ Ja, ob auch Millionen Teil haben an dem lieblichen Genuss, darum kann doch Jeder die ganze Gnade, den vollen Segen haben. Luther stellt dies einmal im Gegensatz zu den Gütern der Welt in ein recht helles Licht. Um sich nach langem Sitzen und strenger Arbeit eine Bewegung zu machen, besuchte er 1533 den Erbmarschall Herrn v. Löscher auf seinem Gut zu Pretsch. Dieser nahm ihn mit auf die Jagd. Allein während die Anderen dem Wild nachgingen, blieb er im Wagen sitzen und legte den 147. Psalm aus. Als er nach Wittenberg zurückgekommen war, sandte er dem Herrn v. Löscher die Auslegung, mit einer Zuschrift, worin es also lautete: „Als ich neulich bei Euch war, und Ihr mir große Ehre und Freundschaft erzeigtet, mich auch mit auf Eure Jagd führtet, hielt ich zugleich auf dem Wagen meine geistliche Jagd und legte den 147. Psalm aus, welches mir die allerlustigste Jagd und das edelste Wild ist. So ich nun das heimbrachte, habe ich es Euch wollen anzeigen, auf dass ich nicht mit bösem Gewissen solch Gut, auf Eurem Boden gewonnen, heimlich bei mir behielt, und nicht allein undankbar, sondern auch schädlich erfunden würde. Ich schicke Ew. Gnaden dasselbe ganz und gar, und behalte doch auch das meine ganz und gar. Denn solch Wild lässt sich wunderlich unter Freunden teilen, dass es Jeder ganz kriegt, und den Anderen nichts abgeht.“ Ja, wir möchten hinzufügen: Je mehr es haben, um so inniger, um so ganzer haben sie es. Groß ist das Abendmahl des Herrn, weil es nimmer aufhört. Wohl geht es hier zu Ende, wohl werden hier einst die Lichter ausgelöscht, wohl kommt die bange Stunde, wo der Herr uns wegweist von dem Platz, den wir hier an seiner Gnadentafel eingenommen haben. Aber wiederum kommt die Stunde, wo Alle, die in den Gräbern sind, werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens. Er zündet die Lichter um so heller wieder an. Die am Abendmahlstisch als rechte Gäste gesessen haben in der streitenden Kirche, die sollen auch daran sitzen in der triumphierenden. Selig sind die, so zu dem Abendmahl des Lammes berufen sind.

II. Wie lädt der Herr zu dem großen Abendmahl?

Wir wollen heute der uralten Einladung durch die Propheten nicht gedenken. Da er kam, lud sein Vater im Himmel die Völker ein durch die Zeichen und Wunder, die er vor und bei seiner Geburt geschehen ließ. Christus selbst hat eingeladen mit seiner lieblichen Rede und seinen großen Taten. Er hat noch einmal eingeladen mit seinem Tod. Und die Zeichen, die bei demselben geschahen, dass die Sonne ihren Schein verlor, dass die Erde erbebte und der Vorhang des Tempels zerriss, sind Nichts als Weckstimmen, aufzustehen von der Tafel der Welt und sich an die Gnadentafel des Herrn zu setzen. Dazu ist er auferstanden und gen Himmel gefahren; dazu ist der heilige Geist ausgegossen über die Jünger, dass die Welt komme und sich setze und sich letze an dem Tisch des Herrn. Dazu sind die Apostel und die weiteren Boten des Evangeliums gewandert von Stadt zu Stadt und von Land zu Land. Dazu haben sie ihre Briefe geschrieben. Denn alle Briefe Pauli und Petri und Johannis usw. sind Nichts weiter als Einladungsschreiben zu dem großen Abendmahl. Es sage einmal einer unter uns: „Ich bin nicht geladen, mir ist kein solches Einladungsschreiben zugegangen.“ Jeder Festtag, jeder Sonntag, alles Glockengeläute, jede Predigt ist eine Stimme, die dich ruft zum großen Abendmahl. Es sage einer unter uns: „Ich bin nicht geladen, ich habe solche Stimmen nicht gehört.“ Alles bange Klopfen des Herzens, alle Gewissensschläge, aber auch aller Friede, der wie ein Frühlingsvogel im Hain vorübergehend in deiner Seele sein lieblich Lied sang, es waren Rufe zum großen Abendmahl. Es sage einer unter uns: „Ich bin nicht geladen, ich habe solche Stimmen nicht gehört!“ -

Aber in unserem Evangelio wird ja die Einladung in zwei Teile geteilt. Erst heißt es: „Er machte ein großes Abendmahl und lud Viele dazu ein.“ Dann heißt es: „Er sandte seine Knechte aus zur Stunde des Abendmahls, zu sagen den Geladenen: Kommt, denn es ist Alles bereit.“ Was will diese doppelte Ladung? In der Geschichte Israels ist die erste Ladung der Ruf durch die Propheten. Die zweite ist die Ladung durch den Herrn selbst und durch seine Apostel. Anders ist es bei uns. Die erste Ladung ist die, so in deiner Kindheit an dich ergangen ist. Da du getauft wurdest, lud dich dein Herr ein. Und du ließt ihm sagen durch deine Paten: „Ich will kommen.“ Nun bist du zu deinen Jahren gekommen, bist selbstständig geworden und rühmst dich deiner Selbstständigkeit. Jetzt spricht er: „Komm, ich habe dein Versprechen, halte Wort!“ Und horch! wie er dich jetzt ladet. Es ist ein Geringes, dass ich, des Herrn armer Knecht, dich hier an heiliger Stätte anrufe und dir sage: „Komm, es ist Alles bereit!“ Er ladet jetzt gar noch anders. Er fasst jetzt die Erde an ihren vier Enden wie ein Tuch. Er fasst jetzt die Völker in ein Sieb und schüttelt sie, damit sich der Weizen von der Spreu sondere. Fühlst du nicht, wie du mit geschüttelt wirst, geschüttelt bis in die Tiefen deiner Seele hinein? Wozu denn das? Nun, damit du erkennest, wo du hingehörst. Damit du dich in dieser Unruhe nach der rechten Ruhe sehnen lernest. Und wo ist die rechte Ruhe? An der Gnadentafel des Herrn, wo eine Ruhe vorhanden ist dem Volke Gottes. Der Herr zieht jetzt die falschen Schleier von den Gesichtern. Er tut an uns die große Gnade und Barmherzigkeit, dass er uns die Welt erkennen lehrt, wie sie ist. Sie heuchelt jetzt nicht mehr, sie ist mündig geworden in der Sünde. Sie heuchelt nicht mehr im Unglauben. Die Zeiten sind vorbei, wo sie so tat, als ob sie auch von Jesu Christo hoch halte. Sie ist mündig geworden im Ungehorsam gegen Gottes Gesetz. Die Zeiten sind vorbei, wo sie so tat, als ob es ihr hochstehe, als ob es ihres Herzens Zaum und Riegel sei. Kannst ihr klar ins Gesicht sehen, sie hat ihre Schminke heruntergewischt. Soll dich das nicht herausstoßen aus ihr? Und wenn es dich herausstößt, wo willst du hin? Es bleibt Nichts übrig. Du musst zu Jesu Christo, an seine Gnadentafel. Sieh, so ladet Gott. Selbst die Sünde der Welt muss ihm nach seiner Weisheit eine Einladungsstimme an dich werden. Und wie er mit Kreuz geladen hat und noch ladet, brauche ich dir in diesen Tagen wahrlich nicht erst zu sagen. Soll er mehr tun, als er getan hat? Kann er mehr tun? Er müsste dich denn noch mehr stäupen sollen, sonst bleibt ihm Nichts mehr übrig. - Darum fasse dir ein Herz zu ihm, eile hin zu seiner Gnadentafel.

III. Lass die alten Entschuldigungen.

Von alter Zeit her hatte Israel die Einladung angenommen; man hatte sich gefreut auf die messianische Gnadenzeit wie auf ein neues Paradies. Und da sie kam, da Er in sein Eigentum kam, nahmen ihn die Seinen nicht auf. Ja, sie haben ihren Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt. Da du das erstemal geladen wurdest, hast du durch deine Bürgen und Fürsprecher sagen lassen: „Ja, ich will kommen.“ Du hast es zu anderer Zeit auch selbst gesagt. Nun ist die zweite Ladung geschehen. O wie lange schon, o wie oft schon! Wie gar ernstlich bist du geladen worden! Nun wollen wir prüfen, wie wir zu der Einladung stehen. Wenn dich ein weltlicher Großer zu seiner Tafel ladet, da braucht er nur einen Boten zu schicken. Es müssten harte Hindernisse da sein, wenn du ablehnen und dich entschuldigen solltest. Zur rechten Zeit legst du dein Staatskleid an, zur rechten Zeit pochst du an seine Tür und sprichst: „Sie haben befohlen, und ich gehorche.“ Und er hat nicht einmal befohlen, er hat bloß gebeten. Hast du auf die erneute Ladung deines Gottes gleich geantwortet: „Ja, ich komme,“ und dann eilig das weiße Bußkleid angelegt und angepocht und gerufen: „Herr Jesu, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Ich will das Abendmahl mit dir halten, wie du mich geladen hast!?“ Nein, Jahrtausende sind wohl vergangen seit Christus unser Gleichnis sprach, und Völker und Staaten haben andere Weise und Gestalt angenommen, aber das Menschenherz ist dasselbe geblieben, und die alten Entschuldigungen sind auch dieselben geblieben.

Der Erste sprach: „Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen, ihn zu besehen. Ich bitte dich, entschuldige mich.“ Und ihr, die ihr hier versammelt seid, wenn man euch fragt: Warum macht ihr so wenig Ernst mit eurem Christentum, warum dienen wir dem Herrn so wenig mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Gemüt? so heißt zumeist die Antwort: „Das verträgt sich nicht mit meinem Beruf. Da kann ich mich so genau an das Wort Gottes nicht halten. Ich kann nicht überall mit der vollen Wahrheit herausgehen. Ich kann den Tag des Herrn nicht heiligen, wie es die Schrift befohlen hat. Ich muss auch im Umgang bleiben mit gewissen Leuten, die dem Christentum feind sind.“ Da geschieht es denn, dass du um deines äußeren Berufes willen den Beruf versäumst, darinnen dich der Herr berufen hat. Da geschieht es denn, dass du, um den äußern Acker rein zu halten, den Herzensacker mit Dornen und Disteln bewachsen lässt. Da geschieht es denn, dass dir die Wissenschaft, anstatt ein Führer zu Christo, ein Schwert wird, in das sich dein innerer Mensch stürzt, wie Saul in das seine auf dem Gebirge Gilboa. „Ich bitte dich, entschuldige mich,“ heißt es am Ende. Wer soll dich entschuldigen? Der Knecht, den der Herr gesandt hat dich zu laden? Er ist zum Einladen und nicht zum Entschuldigen gesandt. Wenn er sein Wort an dich gebracht hat, ist er fertig. Dir aber gilt dann das Wort: „Der Knecht, der seines Herrn Willen weiß und nicht tut, wird doppelte Streiche leiden müssen.“ -

Der Zweite spricht: „Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, ich gehe jetzt hin, sie zu besehen, ich bitte dich, entschuldige mich.“ Auch diese Entschuldigung fällt in das Gebiet des gewöhnlichen Berufs. Sie schließt sich nahe an an die vorige. Wir wollen darum von ihr abstehen und lieber gleich zur dritten übergehen. -

Der Dritte sprach: „Ich habe ein Weib genommen, darum kann ich nicht kommen.“ Er spricht nicht einmal: „Ich bitte dich, entschuldige mich.“ Er glaubt, er sei damit entschuldigt genug. Wer in Israel ein Haus baute, oder einen Weinberg anlegte, oder eben ein Weib genommen hatte, war für dies Jahr frei vom Kriegsdienst. Wer hat dir aber gesagt, dass du darum frei sein sollst vom Dienst im Heer Jesu Christi? Und doch ist vielen Tausenden der andere Teil, Weib oder Mann, ein Rückhalt, ein Hemmschuh auf dem Wege des Heils geworden. Viele Männer, viele Frauen sind von dem Tag ihrer Verheiratung an gleichgültiger und kälter gegen das Reich Gottes geworden. In der Sorge um den Hausstand glauben sie eine Entschuldigung für ihre Lauheit zu haben. Die Morgenfrische ist hin, mit der natürlichen Liebe ist die geistliche Liebe erkaltet. Es sollte aber umgekehrt sein. Der Apostel ruft der Gemeinde zu Rom zu: „Lass dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Mit Geduld und Bitte, mit einem aufrichtigen frommen Wandel, mit einem freudigen Bekenntnis des Wortes Gottes wirst du den anderen Teil überwinden. Unser Glaube ist ja der Sieg, der die Welt überwindet. Aber die Welt soll den Glauben nicht überwinden; du sollst deinen Mann, dein Weib mitführen zum Abendmahl des Herrn, und sollst dich nicht von ihm zurückhalten lassen. Du aber, Jüngling oder Jungfrau, wenn dir die Wahl noch offen steht, wähle Keine und Keinen, der dich von dem Herrn abhalte. Denn was hilft dir ein Bund, der leichtlich deinen heiligsten, deinen ewigen Bund mit Christo zerreißen könnte! Gib um natürliche Liebe den nicht daran, der dich geliebt hat bis in den Tod. Wer will dich entschuldigen? du hast die Gefahr gekannt. -

Wenn wir heute Vielen ins Herz schauen und den Grund sehen könnten, warum sie nicht kommen wollen, so ist es der: sie müssen sich bekümmern um der Welt Lauf, um die Neuigkeiten des Tages, um den Markt der Welt. Die Zeitungen werden mehr gelesen, als Gottes Wort. Zwei Reihen in der Zeitung, die zu einer Volksversammlung einladen, haben mehr Gewicht und Klang, als die gesamten Glocken der Stadt, die zur Kirche rufen, ja, als das ganze Wort Gottes, das zum Abendmahl seines Sohnes einladet. Es wird mehr gefragt: „Was gibt es Neues in der Welt?“ als: „Was muss ich tun, dass ich selig werde?“ Das schnelle Getreibe in den Ländern auf und ab lässt die Leute nicht dazu kommen, in das Getreibe ihres Herzens zu sehen. Die Sorge um die Zukunft in der Zeit lockt uns weg von der Sorge für unsere Ewigkeit. So sollte es aber nicht sein. Gott hat dir diese Zeiten gesandt, dass sie dich von dem lustigen oder bangen Mahl der Welt wegtreiben sollen an seine Gnadentafel. Willst du seine Einladung verkehren, dass sie deine Seele verstricke und verderbe, da er sie doch gegeben hat, deine Seele zu retten? -

Einem alten Einsiedler erschien im Traum ein Gesicht. Er sah einen Holzhauer, der sich eine Last Holz gehauen hatte. Er wollte sie aufheben und tragen, vermochte es aber nicht. Anstatt nun davon wegzuwerfen, hieb er immer noch mehr dazu. Ferner sah er zwei Reiter, die einen Balken führten und zur Quer damit in die Kirche wollten. Endlich sah er einen Mann, der mit dem Sieb Wasser in ein unreines Gefäß schöpfte. Er erkannte darin der Welt Lauf. Obschon du deine Last und Bürde nicht tragen kannst, machst du dir doch dieselbe alle Tage schwerer. Mit einem Herzen voll Welt willst du in das Reich Gottes hinein. Und das Wenige, was du vom Evangelium zu Herzen nimmst, schöpfst du mit leichtem, durchlöchertem Gedächtnis in das unreine Gefäß des Herzens. Dahin kommt es mit unseren Entschuldigungen. Aber es kommt noch weiter. Sehet

IV. Die Frucht dieser Entschuldigungen.

Ich sage euch aber, dass von denen, die geladen sind, keiner mein Abendmahl schmecken wird. Da der Herr hörte die Entschuldigungen, sandte er seine Knechte aus auf die Straßen und Gassen der Stadt und ließ einladen die Armen und Lahmen und Krüppel und Blinden. Da die Klugen in Israel nicht kommen wollten, da die Gesetzkundigen die Einladung verachteten, lud er die armen Fischer am See Genezareth, und was arm, elend und krank war im Lande hin und her. O wenn doch die Verachtung des Evangeliums durch die, so sich in der Welt klug dünken, bei uns auch so ausschlüge! Wenn doch für Jeden, der vor aller Klugheit blind wird, dass er den Heilsweg nicht finden kann, zehn und hundert Arme, Mühselige und Beladene geladen würden nach dem Wort: „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr.“ Arm sein und fromm sein war in den Zeiten Christi und des alten Bundes gar nahe mit einander verbunden. Wenn doch die Tage wiederkämen, und die Armut nicht in so vielen Herzen Gottvergessenheit erzeugte! -

Und noch einmal sendet er aus, da das Haus nicht voll war, auf die Landstraßen und an die Zäune. Da meint der Herr die Heidenvölker, die hin und her nach allen vier Enden in der Welt wohnen. Auch sie sollen kommen, es ist noch Raum da. Da Israel das Wort verachtete, ward es diesen gepredigt. Und noch geht die Predigt unter ihnen fort, ja, sie hat erst wieder recht begonnen. -

Du nun, der du den Ruf Gottes für deine Seele verachtest, meinest du, dass du dich damit trösten könnest: „Es haben ihn doch Andere angenommen, und weil ich ihn verachtet habe, ist er gerade an Andere gekommen?“ Das ist ein armer Trost. So wenig wie ein Durstiger damit erquickt wird, dass er Andere hat trinken sehen, so wenig wirst du erquickt dadurch, dass sich Andere in Jesu Christo letzen. Es war Wasser genug in dem Strome des Lebens. Sie hätten Alle trinken können. Es gibt eine Zeit, wo für dich kein Bote mehr kommt. - So nimm es denn zu Herzen: Nie wird dir ein lieblicher Mahl geboten werden, als das Gnadenmahl Jesu Christi. Eingeladen bist du genugsam. Verachte es nicht um die armen Güter und Freuden dieser Welt. Es kommen sonst Andere, die deinen Platz an der Gnadentafel einnehmen, und du Kind des Reiches wirst ausgestoßen. Davor wolle Gott dich in Gnaden bewahren. Amen.

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autoren/a/ahlfeld_friedrich/ahlfeld_2_nach_trinitatis.txt · Zuletzt geändert: von aj