Thomasius, Gottfried - XXIII. Am V. Sonntag nach Trinitatis.
Das christliche Gebet und das christliche Leben.
Herr unser Gott! du hast verheißen, Gebet zu erhören, darum kommt alles Fleisch zu dir. O tue nach deiner Verheißung auch an uns, die wir heute vor dein Angesicht treten, um den Geist der Kindschaft und des Gebetes uns zu erbitten; heilige unsere Lippen, deinen Namen zu preisen; öffne unseren Mund, dein Lob zu verkündigen; lass unser ganzes Leben in Worten und Werken ein lautes Dankgebet zu deiner Ehre werden. Segne auch deinen Knecht, der da redet, mit freudigem Auftun seines Mundes und lass sein Wort einen guten Boden in der Gemeinde finden! Amen.
Phil. 4, 6. 9.
“Sorgt nichts; sondern in allen Dingen lasst eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Und der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.“
Wie diese Worte lauten, so sind sie eine Ermahnung zum Gebet; es scheint, sie wollen das Gebet als eine Pflicht gebieten, wie es ja allerdings eine hohe, heilige Christenpflicht ist. Und diese Pflicht gehört ins zweite Gebot; denn durchs Gebet wird Gottes Name geehrt und geheiligt, welchen zu preisen die eigentliche Bestimmung aller Kreaturen ist; Himmel und Erde mit ihrem Heere sind geschaffen, die Herrlichkeit des Schöpfers zu verkündigen; die ganze Natur mit ihrer wunderbaren Schönheit und Lieblichkeit ist ein stiller und doch vernehmbarer Lobgesang auf die Ehre des Herrn, ein harmonisches Loblied, darinnen jedes Wesen gleichsam ein Laut, ein Name ist. Und in diesen großen Chor von Lobsängern soll der Mensch auch einstimmen mit seinem armen Gebete. „Könige auf Erden, sagt der Psalmist, Fürsten und Richter und alle Leute, Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen sollen loben den Namen des Herrn; denn sein Name allein ist hoch und seine Herrlichkeit geht über Himmel und Erde.“ „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn; Halleluja.“ Insofern ist Gebet eine heilige Pflicht. Indessen ist das doch, näher angesehen, die Meinung unserer Textesworte nicht. Sie wollen nicht sowohl dem Christen das Gebet wie eine Pflicht gebieten, als vielmehr ihn ermuntern, von dem Kindesrechte, das er hat, von dem Recht, zu beten, Gebrauch zu machen; sie sind eine Aufforderung an ihn, sich dieser gnadenreichen Vollmacht zu bedienen. Und nach dieser Seite lasst sie uns betrachten. Denn, nachdem wir in unserer letzten Predigt die Grundbedingungen des Gebetes kennen gelernt, wollen wir auch heute den Zusammenhang des christlichen Gebetes mit dem christlichen Leben zeigen. Unter dem christlichen Leben aber verstehe ich hier nicht das äußere, sondern das innere Leben des Christen, die Gesinnung des Glaubens und der Liebe, die in ihm lebt; unter dem christlichen Gebete das Gebet dessen, der in Christo Gott zum Vater hat, das Gebet des Gläubigen.
Der Zusammenhang des christlichen Gebetes und des christlichen Lebens
ist nun aber ein zweifacher:
1. das christliche Gebet ist der natürliche Ausdruck,
2. das kräftigste Förderungsmittel des christlichen Lebens.
I.
Wenn ich sage, das Gebet sei der natürliche Ausdruck des christlichen Lebens, so meine ich, es sei eine Äußerung, eine Betätigung desselben, die man nicht erst zu gebieten braucht, sondern die aus dem inneren freien Drange desselben kommt. Wie es der Sonne natürlich ist, auf die Erde zu scheinen, oder vielmehr, wie es den Blumen der Erde natürlich ist, dass sie der Sonne sich zuwenden und ihren Strahlen sich erschließen, ebenso natürlich ist es dem Christen, betend zu Gott zu treten. Denn das Leben, das er in sich trägt, ist aus Gott geboren; darum hat es einen Zug nach seinem Urquell hin; es kann nur dadurch bestehen und gedeihen, dass es stets im Zusammenhange mit ihm bleibt und immer neue Kräfte aus ihm schöpft. Im Gebete aber findet dieser Zug seinen Ausdruck, sein Wort. Darum sage ich, es ist ihm natürlich; und dies gilt gleichermaßen von den beiden Arten des Gebetes, deren unser Text gedenkt, vom Bittgebet, wie vom Lob- und Dankgebet.
Vom Bittgebet zuerst. „Sorgt nichts,“ beginnt der Apostel; denn er ist ein großer Kenner des menschlichen Herzens; er weiß, dass dieses Herz, weil es von Natur ein verzagtes Ding ist, auch nichts lieber tut, als sorgen. „Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden,“ ist seine tägliche Frage; und wenn einer auch in Verhältnissen sich befindet, da ihm ums tägliche Brot nicht bange zu werden braucht, so sorgt er doch auf die ferne Zukunft hinaus und macht sich aus tausend erdenklichen Möglichkeiten eine Last von Bekümmernissen, darunter er sich quält. Sorgt nun auch der Christ, welchem die Heilige Schrift die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes zu Exempeln der göttlichen Vorsehung hingestellt hat sorgt der Christ auch nicht sehr ängstlich um diese Dinge, so ist er deshalb doch nicht ohne Sorgen, ja man kann sagen, er hat größere und schwerere Sorgen, als andere Menschen, weil er mehr als sie empfangen und darum auch mehr zu verlieren hat. Er hat empfangen einen Reichtum edler unvergänglicher Güter, einen Glauben, von dem seine Seligkeit abhängt, ein geistliches in Gott verborgenes Leben, auf dessen Bewahrung sein ewiges Heil beruht, ein unbeflecktes, unverwelkliches Erbteil, das ihm als Preis eines großen Kampfs im Himmel aufbewahrt wird. Das Alles aber kann der Christ auch noch verlieren, ob er es wohl schon im Glauben besitzt; denn er hat neben diesen Gütern ebenso viele und gewaltige Feinde: inwendig ein Herz voll Schwachheit und Wankelmut, außen die Welt mit ihrer Lust und Angst, dazu die List und Macht des Argen, der umhergeht und sucht, welchen er verschlinge. Wie viele Ursache also zur Furcht und Sorge: Furcht vor der Sünde, die ihm immerdar anklebt und träge macht, Furcht vor dem Reiche der Finsternis, das ihn umgibt, Sorge um die teuer erlöste Seele und um die Seligkeit der Seele; Sorge für Weib und Kind, die von den nämlichen Gefahren umringt sind, für die Brüder, die in denselben Versuchungen gehen, für das Reich Gottes, mit dessen Geschick seine eigene Wohlfahrt so eng verflochten ist; überdies um alle die Dinge des irdischen Lebens, die er mit allen Anderen gemein hat Haussorgen, Nahrungssorgen, heimliche Sorgen; welch ein Meer von Sorgen, welch eine Last von Bekümmernissen, die auf dem Christen liegen! Aber er hat ja einen Gott im Himmel, dessen Auge über ihn wacht, und dessen Wohlgefallen auf ihn gerichtet ist; darum tut er wie ein Kind, das bei jedem Anliegen an das Herz der Eltern eilt: er lässt sein Gebet in Bitte und Flehen vor Gott kund werden. Sein kindlicher Geist treibt ihn von selbst dahin; denn er weiß ja nicht nur von diesem Gott, er kennt aus Erfahrung sein Herz voll heiliger Liebe und zarten Mitgefühls. In Christo Jesu hat sich ihm diese Liebe aufgeschlossen, im Heiligen Geist hat sie ihn zu sich gezogen, und ruft nun unablässig aus ihm heraus: Abba, lieber Vater! Wohin anders sollte er also mit seinen vielen Sorgen und Bekümmernissen fliehen, wo anders diese Bürde niederlegen, als an dem treuen Herzen des Vaters, an dem man so sicher ruht, wo anders Trost und Hilfe suchen, als bei ihm? Der Christ geht deshalb nicht erst vor viele andere Türen, kommt nicht erst, nachdem er lange vergeblich bei Menschen Rat und Hilfe gesucht. hat, sondern er wendet sich vor allen Dingen und in allen Dingen an seinen Gott.
„In allen Dingen,“ sagt mit Absicht der Apostel; zunächst in den hohen Angelegenheiten des Reiches Gottes und des ewigen Lebens, aber nicht minder in den kleinen Angelegenheiten des täglichen Lebens, in den geringsten, oft unscheinbaren Vorkommnissen und Ereignissen, in Allem, was ihn bewegt und bekümmert; denn da ist nichts so klein oder gering im Leben eines Christen, das nicht Gegenstand liebreicher Fürsorge Gottes wäre; sind doch selbst die Haare auf unserem Haupte gezählt; darum lässt in allen Dingen der Christ sein Gebet vor Gott kund werden, und zwar in Bitte und Flehen; es ist ihm nicht genug, sein Herz vor ihm auszuschütten, er betet wider alles Übel, das ihn bedrängt, und um alle guten Gaben von Oben, die er bedarf; er bittet an jedem Morgen um Licht und Gnade, an jedem Abend um Vergebung der Sünden, ruft in der Anfechtung: Herr stärke meinen Glauben, schreit aus der Tiefe um Trost und Errettung, in der Not um geistliche Erquickung und um tägliches Brot; denn er hat die Erlaubnis sich das Alles zu erbitten, und die Verheißung in dem Allen erhört zu werden. Es ist seinem Gebete keine Grenze gesetzt; es spricht der Sohn: „Was ihr immer bitten werdet in meinem Namen, das wird euch werden;“ der Christ aber glaubt der Verheißung des Sohnes, dass sie Ja und Amen ist. Darum lässt er sein Gebet in lauten Bitten kund werden vor Gott, und wenn er auch lange rufen und scheinbar ohne Erhörung bitten muss, wird er doch nicht alsogleich verdrossen und lässig, sondern er verlegt sich aufs Anhalten und Flehen, wie unser Text es ausdrückt; weiß er doch, dass der Vater oft eine Weile das Angesicht vor seinen Kindern verbirgt, oft an den heißesten Bitten seiner Beter vorübergeht, als sähe und hörte er sie nicht, wie dort der Herr an dem Seufzen des kananäischen Weibes, damit unter solcher zeitweiliger Versagung die Sehnsucht wachse und der Glaube zu göttlicher Kraft erstarke; aber er hat zum trostreichen Vorbild den Vater Israels, der auch die Nacht hindurch betend gerungen, in dem Gebete: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,“ mit dem Engel Gottes gerungen hat, danach aber, als die Morgenröte aufging, den Segen von Gott empfing; er hat zum Zeichen der Erhörung die Frage seines Heilandes: „Sollte Gott nicht erretten seine Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm rufen,“ und auf die Frage das Ja des Heiligen Geistes in seinem Herzen; darum lässt er sich nicht sogleich durch jeden Verzug abschrecken, sondern klopft mit anhaltendem Ernst an die Tür seines Gottes an, betet um Geduld, um Ausdauer, um Glauben und lässt nicht ab mit Bitten und Flehen im Geiste gewiss, dass die Erhörung nicht fehlen könne, und sollte er sie auch mit leiblichen Augen nicht mehr sehen, sollte er sie auch in den kurzen Tagen dieser irdischen Wallfahrt nicht mehr erleben.
Aber so tut er mit Danksagung, wie der Apostel hinzusetzt; und auch das ist dem Christen natürlich. Denn was ist sein Leben, als ein redendes Denkmal der Güte seines himmlischen Vaters, eine ununterbrochene Reihe göttlicher Wohltaten, von den hohen geistlichen Gütern an, bis herab zu dem Bissen Brot, den er täglich aus Gottes Händen nimmt; die Leiden mit eingerechnet, die ihm ja auch zum Heile dienen müssen. Alles Gabe Gottes, Alles unverdiente freie Gnade! Wie sollte ihm da nicht das Herz zum Danke aufgehen, und sein Mund überfließen vom Preise dessen, der so Großes an ihm tut, wie sollte er nicht bei jedem Bittgebet für die Gaben danken, die er bereits auf sein Gebet empfangen hat, und für die Erhörung danken, die seine Bitte künftig finden wird, weil er deren kraft der Verheißung gewiss ist. Hat er im Glauben sein Vater Unser gebetet, so kann er mit Jesu am Grabe Lazari sagen: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast; denn es sind alle sieben Bitten erhört, auch wenn er die Erfüllung noch keiner einzigen sähe. Im Amen liegt die Bürgschaft dafür. Indessen der Christ bleibt dabei nicht stehen; die Gaben sind ihm nur ein Zug zum Geber; das Dankgebet ist ihm die Leiter, auf der er emporsteigt zu seinem Gott. So ist er angekommen an der Quelle, aus der diese Ströme fließen, an der Sonne, die dieses Strahlenmeer von Wohltaten um sich her verbreitet, in dessen Glanze er sich freut; in diese Sonne versenkt er sich mit seinem Glauben, vor diesen stillen Tiefen der Weisheit und der Liebe bleibt er bewundernd, anbetend stehen, und was sich aus ihnen in sein betendes Herz ergoss, das geht über in ein lautes Lob. Lobgebet ist die höchste Stufe des Gebetes, denn da begehrt der Beter nichts für sich, sondern ist selig im Preise der Gnade; Lobgebet ist darum auch die schönste Offenbarung des christlichen Lebens, welches selbst nichts anderes als Zeugnis und Spiegel dieser Gnade ist. O seht hinein in die Heilige Schrift; wie fließen die Psalmen vom Lobe Gottes über: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen; lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Ich will dich erhöhen, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewig; ich will dich täglich loben, und deinen Namen rühmen immer und ewig; „ wie voll sind die Briefe der Apostel vom dankbaren Lobe; wie klingt es überall mitten durch ihre Bitten und Ermahnungen hindurch: „Gelobt sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern, durch Christum“ - und der Gebetsgeist, der in den Liedern unserer evangelischen Kirche weht, ist er nicht recht vorzugsweise ein Geist des allerfröhlichsten Lobes, will er nicht gleichsam Allem, was ihn umgibt, sich mitteilen, alle Kreatur in den Höhen und Tiefen mit fortreißen, mit emporheben zum fröhlichen Preise des Schöpfers:
Ihr grünen Blätter in den Wäldern,
Bewegt und regt euch doch mit mir!
Ihr schlanken Gräser in den Feldern,
Ihr Blumen, lasst doch eure Zier
Zu Gottes Ruhm belebet sein
Und stimmet lieblich mit mir ein!
Ach Alles, Alles, was ein Leben
Und einen Odem in sich hat,
Soll sich mit zum Gehilfen geben;
Denn mein Vermögen ist zu matt,
Die großen Wunder zu erhöh'n,
Die allenthalben um mich steh'n!
Man fühlt, es liegt in solchem Lobe ein Vorspiel jener künftigen Seligkeit, da wir vor Gottes Thron versammelt, ihn mit allen Engeln und Auserwählten preisen werden. Das christliche Leben aber, weil es aus diesem Quelle stammt, hat auch seinen natürlichen Zug dahin; es kann nicht sein ohne Gebet.
Ist nun dem also, so kann Jedermann am Gebete den Stand seines christlichen Lebens ermessen. So viel Gebet, so viel Heiliger Geist im Herzen, so wenig Gebet, so wenig Glaube und Liebe. Ich will darum jetzt gar nicht nach euren Lobgebeten fragen, die ohnehin so selten sind, auch nicht nach euren Bitten, wozu wohl Manchen die Not wie von selber treibt; nur nach eurem Dank will ich fragen; ob ihr Christen täglich Gott für die Wunder seiner Gnade in Christo Jesu, für die Weltversöhnung und Vergebung dankt, und für das irdische Brot, das ihr täglich um Christi willen von ihm empfangt? Ach, wenn sich das nicht einmal bei euch fände, ich fürchte aber, dass des Dankes unter uns sehr wenig sei: dann habt ihr daran ein sicheres Zeugnis, wie sehr es noch an allem wahren Christentum fehlt. Denn das Gebet ist der natürliche Ausdruck des christlichen Lebens, und
II.
das kräftigste Förderungsmittel des christlichen Lebens. Das müsste das Gebet schon insofern sein, als es Gespräch und Umgang mit Gott ist, noch ganz abgesehen von seiner Erhörung. Denn wenn selbst der Umgang mit guten Menschen immer einen heilsamen Einfluss auf uns hat, wie sollte nicht der Gebetsumgang mit Gott den Christen adeln und heiligen; wie sollten nicht im täglichen Verkehr mit ihm, dem Heiligen, die Herzen reiner, die Gewissen zarter, die Ehrfurcht tiefer werden und jene ernste Stimmung des Gemütes sich befestigen, da man als vor Gottes Angesicht wandelt. Gewiss ist auch das schon ein großer Gewinn. Gerade von diesem Gesichtspunkt aus pflegt man heutzutage den Segen des Gebetes zu rühmen, wie in vielen neuen Andachtsbüchern mit schönen Worten zu lesen ist. Allein ich fürchte, es verbirgt sich hinter diesen schönen Worten der schlimme Sinn, dass das Gebet eben nur insofern Förderungsmittel des christlichen Lebens sei, als da der Mensch sich selber zu Gott nahe, selber zu ihm sich erhebe und tiefer in seine Gemeinschaft sich hineinlebe, oder vielmehr hineinrede; denn, das sage ich euch, meinen Brüdern, wenn es im Gebete nur der Mensch ist, der Gott seine Opfer darbringt, nicht aber Gott, der das leere Menschenherz mit seiner Gnade füllt, dann wird auch die Frucht keine andere als Frucht der Lippen sein. Und welchem aufrichtigen Menschen wäre damit gedient? Nein, das christliche Gebet ist in einem viel wahreren und wirklicheren Sinne Förderungsmittel des christlichen Lebens, es ist das deshalb, weil es Erhörung und Antwort hat, weil es die Hand ist, mit der man gute und vollkommene Gaben aus der Fülle der ewigen Liebe nimmt, die ausgestreckte Glaubenshand, in die der Herr seinen Segen hineinlegt. Unser Text nun nennt diesen Segen mit Einem Worte: „Und der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle Vernunft, bewahre, oder wie es eigentlich heißt, wird bewahren eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.“ Das soll die Frucht des Gebetes sein. Wie aber, meine Brüder, verkümmert uns denn nicht damit der Apostel den reichen Segen? Wir sagten doch oben, dass der Christ wider alle Übel Leibes und der Seele, um alle guten Gaben Gottes beten dürfe und hier wird uns nur der Friede genannt. Soll denn die Not, aus der heraus wir seufzen, und das Leid, das uns bedrängt, nicht vor Allem hinweggetan werden auf unser Gebet? In unserem Texte steht nichts davon; und dass ich's offen sage, man hat Exempel von frommen Christen, die ihr Leben lang betend gewandelt haben und doch von der Last des Kreuzes nicht frei geworden sind. Aber Frieden haben sie im Gebet gefunden, die Sorgen, mit denen sie sich quälten, die Unruhe, die sie verzehrte, hat ihnen der liebe Gott abgenommen; o Freunde, und brächte das Gebet auch nichts weiter ein, als das, ich meine, es wäre schon deshalb das dankenswerteste Gnadenmittel; denn die Sorge, die nebenhergeht, macht jede Not und Anfechtung zur zweifachen Last. Ziehet Frieden in das Herz hinein, dann wird es stille und fröhlich mitten im Sturm. Aber merket wohl, Andächtige, der Apostel sagt: der Friede Gottes, und verheißt damit dem Gebete noch unendlich mehr; denn was ist der Friede Gottes? Gottes Friede ist Versöhnung mit Gott, ist Gewissheit der Versöhnung, Trost der Gnade und Vergebung, der Friede, von dem es heißt: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christ, durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darinnen wir stehen,“ also Glaubensfriede, Glaubenszuversicht. Wenn aber das die Frucht des Gebetes ist, dann ist es sicherlich das kräftigste Förderungsmittel des christlichen Lebens; denn dieser Glaubensfriede ist höher als alle Vernunft, er überwindet die zweifelnden Gedanken des Verstandes, der nur auf das Gegenwärtige und Sichtbare sieht und Gott nur so weit zu trauen wagt, als er seine Hilfe gleichsam mit Händen greifen kann; er führt den Glauben, dass ich so sage, über den Zusammenhang der natürlichen und erscheinenden Dinge hinaus in die ewige, göttliche Welt hinein, er gründet ihn auf Gottes Wort und Verheißung; er macht das Menschenherz fest in der Gnade des himmlischen Vaters, fröhlich in seiner Liebe. Und gibt nicht eben diese friedensvolle Gewissheit die Kraft zum Lauf und Kampf nach dem Ziele, die ausdauernde Geduld in der Anfechtung, den stillen, himmlischen Sinn, da man als Fremdling auf Erden wandelt, weil man eine Heimat im Himmel hat? Und eben darin besteht ja das Wesen des christlichen Lebens. Aber Gottes Friede ist noch mehr. Mit Menschen kann man vielleicht Frieden haben, ohne sie gerade zu lieben; Friede mit Gott ist Erfahrung seiner Liebe, Ausgießung seiner Liebe ins Herz: und die kann sich nicht in das unsrige ergießen, ohne darin den Funken der Gegenliebe zu wecken, oder, wo der Funke schon da ist, ihn zur heiligen Flamme anzufachen. Ist aber das die Frucht des Gebetes, dann ist es sicherlich das wichtigste Förderungsmittel des christlichen Lebens; denn das Wesen dieses Lebens ist Liebe, Liebe im Glauben; und diese Liebe ist die reinigende, heiligende Macht, welche das falsche Feuer der Selbstsucht verzehrt, den alten Menschen überwindet, des Fleischs Geschäfte tötet, und den neuen wachsend und fruchtbar macht, wie der Tau vom Himmel das Gewächs des Feldes. So viel du Liebe in dir trägst, so viel hast du Gemeinschaft mit Gott. Wie groß ist also der Segen des Gebetes, wenn es Frieden Gottes, und im Frieden Glaube und Liebe gewährt. Aber er wird noch größer. Denn der Apostel sagt von diesem Frieden, „dass er Herzen und Sinne bewahre in Christo Jesu.“ Herz und Sinne sind der ganze Mensch in seinem Leben nach Innen und Außen; und so wird sich auch die göttliche Bewahrung nach diesen beiden Seiten erstrecken; nach außen hin wider die Welt und den Satan, nach innen hin wider die Versuchungen des Fleischs; wie eine Mauer wird sich Gottes Macht und Liebe um den Beter herlegen, dass ihm kein Feind an seiner Seele schaden kann, wie eine Feuersäule wird sie vor ihm her ziehen und die Hindernisse zerstreuen, die ihn aufhalten wollen im Laufe nach dem himmlischen Vaterland, sie wird seinen Weg bereiten, seine Füße stärken, und wo er matt und müde wird, wird sie ihn auf ihre Arme nehmen, ihn tragen, ihn erhalten und bewahren in der seligen Gemeinschaft mit Jesu Christo. Alles um des Gebetes willen. Sind also nicht die sieben Bitten des Vater Unsers in dieser Einen Frucht des göttlichen Friedens zusammengeschlossen? und braucht ein Christenmensch sonst noch etwas zum christlichen Leben und Wandel? O dankt Gott, meine Brüder, dass ihr an eurem Gebete die Macht und das Mittel besitzt, all diese edlen Gaben zu erlangen, und brauchet, wenn euch euer Heil lieb ist, die Erlaubnis dazu, die ihr als Christen habt, betet mit anhaltendem Ernst, betet ohne Unterlass, lasst in allen Dingen eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden, so wird der Friede Gottes eure Herzen und Sinne bewahren in Christo Jesu.
Ich könnte nun noch Vieles hinzusetzen; ich könnte von der vierten Bitte unsers Vater Unsers reden, welche der Apostel gleichfalls im Auge hat, von dem Segen des Gebetes für das häusliche und öffentliche Leben, für den irdischen Beruf, usw., aber ich wollte ja heute bloß vom geistlichen Leben reden, und füge darum nur noch Eins hinzu: Der Apostel sagt: Euer Gebet, euer Flehen, und denkt also nicht bloß an das Gebet eines jeden für sich, sondern an das gemeinsame Gebet, da einer mit dem Anderen und für den Anderen betet. Und so ist ja auch das Vater Unser eingerichtet, dass es vom Anfang an bis zum Ende Fürbitte ist. Die aber hat zweifache Verheißung: „Wahrlich, ich sage euch: Wo zwei oder drei unter euch mit einander eins werden auf Erden, was sie bitten wollen, es wird ihnen werden“; wie erst, wenn viele Gläubige mit einander eins werden, was sie bitten wollen, wenn die ganze Gemeinde wie Ein Mann ihr Gebet in Bitte und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden lässt? O, liebe Freunde, könnte ich nur das Eine mit meiner heutigen Predigt erreichen, dass wir hinfort unser Gemeindegebet, unser Kirchengebet, mit rechtem Ernst beteten, dass wir allesamt aus Herzensgrund einstimmten, wenn da der Prediger anhebt, der doch nur gleichsam der Mund für die Fürbitte der Gemeinde ist, dass wir da Alle für und mit einander zu Gott riefen: es würde bald der Friede Gottes stromweis über uns sich ergießen, es würde sein Segen unsere Herzen und Häuser erquicken, es würden die dürren Äcker unserer Kirche wieder fröhlich blühen und stehen, wie die Saaten Gottes draußen vom Tau und Regen des Himmels; was noch schwach und hinfällig unter uns ist, würde wieder erstarken, was hinsterben will, sich neu beleben, Glaube, Liebe in Aller Herzen wachsen, und auch wir Diener des Herrn, würden mehr Frucht unter euch schaffen, wenn ihr, wie der Apostel begehrt, fleißiger in eurem Gebete unser gedächtet, dass uns gegeben werde das Wort zu reden mit freudigem Auftun unseres Mundes. Und so lasst uns denn allesamt vereint Hände und Herzen zu Gott erheben und zu dem Vater unsers Herrn Jesu Christi also beten:
Allmächtiger, ewiger, barmherziger Gott und Vater unsers Herrn Jesu Christi, Du Herr Himmels und der Erden, wir bitten Dich herzlich, Du wollest Deine heilige Kirche mit ihren Dienern, Wächtern und Hirten durch Deinen Heiligen Geist regieren, auf dass sie bei der rechtschaffenen Weide Deines allmächtigen, ewigen Wortes erhalten, der Glaube an Dich dadurch gestärkt werde und die Liebe gegen alle Menschen in uns erwachse und zunehme. Wollest auch der weltlichen Obrigkeit, wollest insonderheit unserem Könige mit seinem ganzen königlichem Hause verleihen langes Leben, beständige Gesundheit, zeitliche und ewige Wohlfahrt, allen seinen Räten und Amtleuten aber Gnade und Einigkeit, das Land nach Deinem göttlichen Willen und Wohlgefallen zu regieren, auf dass die Gerechtigkeit gefördert, die Bosheit verhindert und gestraft werde, damit wir in stiller Ruhe und gutem Frieden, wie Christen gebührt, unser Leben vollenden mögen.
Lass Deine Gnade walten über unsere Universität, und über Alle, die an ihr lehren und lernen, dass Dein Reich unter uns gebaut werde!
Alle die in Trübsal, Armut, Krankheit, Todesnöten und anderen Anfechtungen sind, auch die um Deines heiligen Namens und der Wahrheit willen Trübsal und Verfolgung leiden, tröste sie, Gott, mit Deinem Heiligen Geiste, dass sie solches alles als Deinen väterlichen Willen aufnehmen und erkennen.
Und ob wir zwar mit unseren Sünden Deinen gerechten Zorn und allerlei Strafen wohl verdient haben, so bitten wir doch, o treuer, barmherziger Vater, von Grund unserer Herzen, dass Du nicht gedenken wollest der Sünden unserer Jugend, noch aller unserer Übertretung, sondern vielmehr eingedenk bleiben Deiner grundlosen Güte, Gnade und Barmherzigkeit und uns mit allerlei schweren Plagen Leibes und der Seele verschonen. Behüte uns gnädig vor verderblicher Lehre, vor Krieg und Blutvergießen, vor Pestilenz und teurer Zeit, vor Feuers- und Wassersnot, vor Hagel und Ungewitter, vor allem Herzeleid und sonderlich vor unleidlicher, hoher Anfechtung der Seelen und einem bösen schnellen Tod. Hilf allenthalben aus aller Not und sei ein Heiland aller Menschen, sonderlich Deiner Gläubigen!
Wollst uns auch die Früchte der Erde, zur leiblichen Notdurft gehörig, mit fruchtbarem Wachstum geraten und gedeihen lassen; auch christliche Kinderzucht, alle ehrliche Nahrung und Hantierung, alle edlen Künste und Wissenschaften mit Deinem göttlichen Segen krönen.
Endlich um alles, darum Du, ewiger Gott, gebeten sein willst, bitten wir mit der ganzen heiligen Kirche auf Erden und mit allen Deinen Auserwählten im Himmel. Vernimm, Du Herr Himmels und der Erden, das einmütige Gebet aller der Deinigen hier und dort. Lass bald erfüllt werden die Zahl Deiner Auserwählten und das Maß unserer Leiden. Lass bald zu Ende gehen die Tage, da wir mit allen in Dir Entschlafenen auf die selige Freiheit der Kinder Gottes und unsers Leibes Erlösung sehnlich warten, und vereinige in Deiner Zukunft alle Deine Kinder von der Welt her vor Deinem Angesicht.
Solches alles wollest Du uns gnädig verleihen durch das bittere Leiden und Sterben Jesu Christi, Deines einigen Sohnes, unsers geliebten Herrn und Heilandes, welcher mit Dir und dem Heiligen Geiste lebt und herrschet, gleicher Gott, hochgelobt in Ewigkeit! Amen.