Tholuck, August - Die Kreuzigung Jesu.
1. Die Verurteilung zum Kreuz.
2. Die Abführung zum Kreuz.
3. Das Kreuz.
4. Die sieben Worte am Kreuz.
5. Der Tod am Kreuz.
1. Die Verurteilung zum Kreuz.
Dass der Erlöser diesen Tod gestorben - menschlich angesehen war es das Würfelspiel des Zufalls, welches darüber entschied. Der hohe Rat hatte allerdings das: „er ist des Todes schuldig“ dekretiert, dazu hatte er das Recht, nur nicht zur Vollstreckung eines Todesurteils ohne die Genehmigung des römischen Landpflegers. Das Todesurteil war vom Synedrium über ihn ausgesprochen als Gotteslästerer, weil er zum Sohne Gottes, dem Messias sich aufgeworfen (Matth. 26, 63). Auch vor Pilatus bringen sie diesen Anklagegrund, wie Luk. 23, 2. 3 zeigt. Nun bot derselbe eine zwiefache Seite, eine religiöse und eine bürgerliche. Nach der letzteren hieß es so viel, als dass er sich zum Kronprätendenten und Aufwiegler des Volks gegen den römischen Herrscher aufgeworfen: diese Anklage heben sie bei Lukas hervor, und auch in Joh. 18, 30 liegt sie, denn „Übeltäter“ ist soviel, als bürgerlicher Verbrecher (1 Petr. 2, 12. 14). Darüber inquiriert nun auch Pilatus selbst als bürgerlicher Richter, aber Jesu Antworten und seine Erscheinung machen ihn gewiss, dass er es nur mit einem religiösen Schwärmer zu tun habe, der ihm „aus Neid der Oberen“ überliefert worden sei (Matth. 27, 18). Daher erklärt er, keine Schuld an Jesu zu finden. Er marktet mit seinem richterlichen Gewissen, will teilweise durch die Geißelung ihrer Leidenschaft Befriedigung gewähren, dann aber ihn loslassen. Da sie dieses sehen, kehren sie die religiöse Seite der Anklage hervor, sie haben nach ihrem Gesetze erkannt, dass er des Todes schuldig sei (Joh. 19, 7), in ihren religiösen Angelegenheiten hatten sie das Privilegium, selbst das Urteil zu sprechen (Josephus Altertümer 16, 2, 3, vom jüdischen Kriege 6, 6, 2. Apostelgesch. 8, 14). Dies steigert bei Pilatus seine Gewissensfurcht (Joh. 18,8), aber von Jesu an die Gewissensschuld eines ungerechten Todesurteils erinnert (11. 12), wird der Römer noch geneigter zur Loslassung. Die Juden sehen sein Schwanken und kommen nun auf die politische Seite der Anklage zurück: einen solchen Aufrührer frei lassen zu wollen, mache ihn zu einem Feinde des Kaisers. Wer Gott nicht fürchtet, unterliegt dem Fluche, Menschen fürchten zu müssen: so überliefert er Jesum den Juden zur Kreuzigung (Joh. 19, 16.) nicht als ob sie selbst dieselbe hätten beschließen oder vollziehen können, sondern in dem Sinne von Luk. 23, 24: „Er willfahrte ihnen und spricht das Todesurteil.“
Wie verhängnisvoll dieses Zurückkehren zur bürgerlichen Anklage! So sind es die Heiden, denen das Volk der Erwählung ihren Heiland zur Todessentenz überliefert (Matth. 20, 18. Joh. 18, 35. 19, 11). So ist aber auch die bürgerliche Strafe nicht die vom jüdischen Gesetz über das religiöse Vergehen der Gotteslästerung verhängte - nicht die Steinigung, sondern das Kreuz! Ihr Schwanken über den Grund der Anklage war zugleich das Schwanken über Jesu Todesart. Als sie ihn dem Pilatus als einen Missetäter überliefern, fordert er sie höhnend auf, wenn sie sofort auf Grund ihrer eigenen Inquisition vor dem geistlichen Gerichte den Tod verlangten, so sollten sie ihn auch selbst vollstrecken; als sie aber bekennen müssen, dazu das Recht nicht zu besitzen, entscheiden sie damit, dass von dem Römer das Todesurteil über ihn als bürgerlichen Missetäter gesprochen werde und daher Joh. 18, 32.
So hat sich denn auch hier gezeigt, dass wie auch das Würfelspiel menschlicher Beratungen und Beschlüsse die Würfel nach Zufall wirft, es dennoch eine höhere Hand gibt, unter deren Regiment auch der Zufall steht. Der Zufall unter göttlichem Regiment hat das Vorbild erfüllt, welches Moses in der Wüste aufgerichtet (Joh. 3, 14), und die Weissagung Christi von sich und seinen Jüngern als Kreuzträgern wahr gemacht (Matth. 20, 19. 10, 38). Er hat der Christenheit statt eines gesteinigten einen am Kreuz erhöhten Erlöser gegeben. -
Welcher Kontrast zwischen beiden Todesarten! Dort das Unterliegen unter einer rohen Gewalt, hier der Sieg im Unterliegen; dort das bei dem Eindringen der tödlichen Steinwürfe von außen verhüllte Antlitz, hier das offene Antlitz des dornengekrönten Hauptes mit dem kämpfenden Ausdruck des Leidens und der Majestät, des Schmerzes und des Friedens - eine Aufgabe der Kunst, welche die Meister aller Zeiten zu wetteifernden Produktionen begeistert, die mit unauslöschlichen Zügen das Christusbild in die Herzen der gläubigen Gemeinde hineingesenkt hat als das Bild des Göttlichen in Knechtsgestalt, des Sieges im Unterliegen. Das Kruzifix, diese wortlose Predigt, was hat es fort und fort in den Zellen und auf Altären, im Betkämmerlein und im Tempel der Natur, in den heiligsten Augenblicken des Lebens für Buß- und Trostpredigten gehalten!
2. Die Abführung zum Kreuz.
Nachdem die Geißelung vollzogen, wird, wie auch ein griechischer Schriftsteller berichtet, von den Verurteilten selbst das Marterwerkzeug ihres Todes nach der Richtstätte getragen. Auch dieser Demütigung unterwirft sich der, welcher obwohl selbst noch in dieser tiefen Erniedrigung zwölf Legionen Engel zu seinen Diensten standen (Matth. 26, 53) - gehorsam sein wollte bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz. Zugleich mit der tiefsten Leidenserschöpfung muss ein Schimmer göttlicher Majestät sich auch auf diesem Gange über sein Antlitz ausgebreitet haben: die Frauen Jerusalems, an solche Schauspiele wohl gewöhnt, vergießen nicht über die Mitverurteilten Tränen, aber über ihn. Mit welchen Gedanken Jesu Seele damals beschäftigt gewesen, dürfen wir es nicht aus seinem Zurufe schließen: „Ihr Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben, wo man zu den Bergen sagen wird: fallt über uns, und zu den Hügeln: deckt uns“ (Luk. 23, 28)? Dieses volle Bewusstsein der Größe der Schuld Jerusalems, welches die Zeit auch dieser seiner letzten Heimsuchung nicht erkennt - wie es schon damals bei seinem letzten Einzuge in die Stadt vor seiner Seele stand, auch sonst erfüllt es ihn. Es sind die Tränen der Buße, die er statt der Tränen des Mitleids begehrt - welches Thema für eine Karfreitagspredigt! Zwei sinnreiche Legenden haben an diesen Zug der Geschichte sich angeschlossen: die vom ewigen Juden und von Veronikas Schweißtuch. Ermattet lehnt sich Jesus auf diesem Gange an einen Türpfosten, der Besitzer des Hauses, ein jüdischer Schuster, wies ihn zurück, worauf Jesus ihn starr ansehend spricht: „Ich will allhier stehen und ruhen, aber du sollst gehen bis auf den Jüngsten Tag.“ Jene Veronika aber reichte ihm ihr Schweißtuch zum Abtrocknen: er nimmt es an und lässt ihr auf dem Tuche den Abdruck seines Angesichts.
Was der grobe physische Organismus der Mitverurteilten erträgt, dem erliegt durch eine durchwachte Nacht, die blutende Geißelung, noch mehr durch den Seelenschmerz erschöpft die Kraft Jesu. Es war dem römischen Militär gestattet, zu öffentlichem Dienste die Leute beliebig zu requirieren: so dingen sie den Simon von Kyrene, der von der Feldarbeit kommt; da er der Vater des Rufus genannt wird und Röm. 16, 13 einen Christen Rufus erwähnt, so wurde angenommen, dass dieser Simon einer von den Anhängern Jesu gewesen.
3. Das Kreuz.
Die Zeit des Urteilsspruchs ist nach Johannes ungefähr 6 Uhr, die der Kreuzigung nach Markus ungefähr 3 Uhr. Es war die Frage, wie zwischen beiden Handlungen 9 Stunden mitten inne liegen könnten. Die Schwierigkeit löst sich bei der Annahme, dass die drei ersten Evangelisten nach jüdischer Stundenzählung von Sonnenaufgang an zählen, so dass die dritte Stunde bei Markus die neunte Morgenstunde, Johannes aber nach römischer Zählung von Mitternacht an. Drei Stunden konnten wohl vergeben von dem Urteilsspruch bis zur Aufrichtung des Kreuzes. Einige Zeit wurde ausgefüllt mit der Geißelung Jesu und der anderen Missetäter, eine Stunde konnte vergehen auf dem Zuge vom Richthause nach der Nichtstätte, denn der Umfang von Jerusalem betrug damals nach Josephus 11/2 Stunde, und die Richtstätte war vor dem Tore.
Das Kreuz, eigentlich ein Spitzpfahl, woran ein Querbalken, welcher oft kaum darüber hinausragte, so dass es dann die Gestalt eines T erhielt. Nicht unter dem Fuße, wie es abgebildet wird, befand sich ein Brett, wohl aber in der Mitte ein Pflock, um die Schwere des Körpers zu tragen. Nachdem der Delinquent bis auf einen Lendenschurz seiner Kleider beraubt, welche den Vollstreckern des Urteils anheimfielen, wurde er an Seilen an das vorher aufgerichtete Kreuz hinaufgezogen und mit zwei Nägeln die Hände, mit einem die Füße angeheftet. Über dem Kreuz war der Titulus mit Angabe des Verbrechens angeschlagen. Eigentlich war diese Strafe bei den Römern nur Strafe für Sklaven und schwere Verbrecher, wie Straßenräuber und Aufrührer, nie aber für den römischen Bürger. Als römische Kriminalstrafe wurde sie auch auf die Provinzen und auf Palästina übertragen, wo sie vorher unbekannt. Sie galt als eine der qualvollsten, wie sie auch Cicero nennt. Zwar ruhte der Leib auf dem Pflocke, dennoch mussten die Handwunden weiter reißen, die zarteren Blutgefäße zerrissen durch die Spannung, das Blut drang nach dem Haupte, die Mittagshitze und der Luftzug an den offenen Wunden vergrößerte die Schmerzen. Der Tod erfolgte unter schrecklichen Martern nur langsam - über zwölf Stunden lebten die Gekreuzigten gewöhnlich, zuweilen bis auf den folgenden Tag oder Abend, ja selbst bis an den dritten Tag. Nur durch ein allmählig bis zu den inneren Teilen sich verbreitendes Erstarren der Muskeln, Adern und Nerven wurde das Ende herbeigeführt. Nach dem Hinscheiden blieben die Leichname am Pfahle hängen bis zur Verwesung.
Nicht also bloß den Tod ist der Erlöser gestorben, nicht auf einem Krankenbett hat er sein Leben ausgehaucht: einen blutigen Tod ist er gestorben, „er ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz.“ Er ist den Missetätertod gestorben als der vornehmste Missetäter, daher in der Mitte der zwei anderen gekreuzigt, ein Fluch d. i. verurteilt ist er, der Schuldlose, worden, damit er uns von dem Fluche d. i. von dem Verdammungsurteile erlöste, welchen das Gesetz über jeden Übertreter ausspricht (Gal. 3, 13). Wie muss es sein Innerstes durchschauert haben, als er so da hing, er, dem der Vater alles in die Hand gegeben, zwischen Himmel und Erde, nackend und bloß mit der Dornenkrone - als er so da hing, der, welcher keine Sünde getan hatte, von seinem Volke gerichtet, den einen Missetäter zur Rechten, den anderen zur Linken! Und die Schauer dieses Momentes hat er schon voraus empfunden, als er sprach: „Es muss auch das noch an mir erfüllt werden, was geschrieben steht: er ist unter die Übeltäter gerechnet“ (Luk. 22, 37. Jes. 53, 12). Aber er weiß es, dass in dem Allen sich nur der göttliche Ratschluss der Weisheit und Erbarmung erfüllt: der Mund der Weissagung hat es ja vorher verkündigt: „denn was von mir geschrieben steht, setzt er hinzu, muss seine Erfüllung haben.“ Was der Geist Gottes durch den Mund der Propheten vorausgesagt, das ist auch in den Ratschluss Gottes aufgenommen (Apostelgesch. 4, 27. 28), und was Gott in diesen aufgenommen, hat er nur aufgenommen, insofern er der Herr der Weltgeschichte, dem der Böse mit seinem Werke ebenso dienen muss, wie der Gute. Daher gerade in der Leidensgeschichte das öftere Zurückweisen des Herrn auf das, was geschrieben steht. Davon, wie der Böse mit seinen Absichten die Absichten des Heiligen erfüllen muss, stellt sich auch noch im Besonderen in der Geschichte dieser Kreuzigung ein Beweis dar, nämlich in der Überschrift des Kreuzes. In den damaligen drei Weltsprachen lässt der Römer darüber setzen: nicht „dieser ist der sogenannte Judenkönig“, sondern der römische Landpfleger wird zum Missionsprediger und verkündigt der ganzen Welt, wer hier am Kreuze hängt: „Der König der Juden.“
4. Die sieben Worte am Kreuz.
Da das Kreuz nicht über Manneshöhe, so konnten in nächster Umgebung desselben die Mutter und Johannes und andere teilnehmende Freunde sich versammeln, konnten im Angesichte des Sterbenden lesen, was in seiner Seele vorging und Worte mit ihm wechseln. Die Qual des Mutterherzens, welches sechs Stunden in das schmerzvolle Antlitz des Sohnes blicken musste, schildert das stabat mater dolorosa.
Sieben Worte des sterbenden Erlösers werden uns berichtet, drei, die sich auf Andere, vier, die sich auf ihn selbst beziehen - jedes mit dem Gepräge der Seelengröße, welches nur seine Worte an sich tragen. Der Bericht der Evangelisten hat sich in dieselben geteilt.
1) „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Luk. 23, 34).
Dass dieses Wort das erste und unmittelbar nach seiner Erhöhung am Kreuz ausgesprochene, darauf lässt das Präsens schließen „sie wissen nicht, was sie tun.“ Er kann nicht an die römischen Kriegsknechte denken, denn sie tun nichts als ihre Pflicht, und wie Jesus auch noch während seiner Leiden mit hoher Ruhe das Maß der Schuld seiner Beleidiger misst, zeigt die ruhevolle Antwort, welche er dem Diener des Hohenpriesters, welcher aus Eifer für seinen Herrn gefehlt, auf dessen rohe Misshandlung gibt (Joh. 18, 23), und wie er seinem heidnischen Richter (Joh. 19, 11) eine geringere Schuld als die seines eigenen Volkes heilegt. Die eigentlichen Urheber seines Todesurteils sind die jüdischen Oberen, doch macht das verblendete Volk ihre Schuld zu der seinigen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Matth. 27, 25). Auf sie muss also auch diese Bitte um Vergebung gehen. Sind sie indes solche, die nicht wussten, was sie taten? Allerdings liegt dies auch in 1. Kor. 2, 8. Apostelgesch. 3, 15. Dass sie auf falsches Zeugnis das Urteil im Synedrium über ihn ausgesprochen, mit falschen Anklagen ihn dem heidnischen Richter überliefert hatten, das wussten sie; dass sie wider besseres Wissen seine Wunder für Satanswerk erklärten (Matth. 12, 25. 26), dass sie nach V. 23 sich auf dem Wege zu der Sünde befanden, welche unvergeblich ist, hält Christus ihnen selbst vor. Den Betrüger (Matth. 27, 63), den übermütigen Schwärmer meinen sie in ihm gerichtet zu haben, dass es aber „der Fürst des Lebens, der Herr der Herrlichkeit“ ist, das wissen sie nicht. So haben sie denn auch erlitten, was ihre bewusste Sünde wert war, während Jesu Bitte ihre unbewusste Sünde von ihnen genommen. So wenig dort bei Lukas Kap. 19 die Verkündigung des wohlverdienten Strafgerichts über die, welche auch noch den letzten Tag der Gnadenheimsuchung Gottes über sie verkannten, Jesum verhindert, Tränen des Mitleids über die so tief Verblendeten zu weinen, so wenig hier bei dem Blick in die grauenvolle Tiefe ihrer wissentlichen Schuld, für das um Vergebung zu bitten, wofür es noch eine göttliche Vergebung gab. „Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein trautes Kind, darum bricht mir mein Herz gegen ihn, dass ich mich sein erbarmen muss“ (Jer. 30, 20).
2) Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein
Als das zweite Wort wird das an den Schächer (Luk. 23, 39) angesehen, da, wie man meint, der zur Linken mit dem Ausbruch seiner rohen Gesinnung nicht lange zurückgehalten haben werde. Welch ein Schauspiel, das sich hier eröffnet! Der tief Erniedrigte zeigt in seiner tiefsten Schmach noch das Bewusstsein, dass in seiner durchgrabenen Hand die Schlüssel des Paradieses liegen! Wir sehen die zwei Welthälften zur Seite Jesu, die unbußfertige und die bußfertige. Die zwei Schächer pflegen wir jene Übeltäter zu nennen von dem Worte Schach d. i. Wald, also die Strauchdiebe. Straßenräuber nennt sie unser Text - möglich, dass der zur Rechten auch nur wie Barrabas wegen eines im Aufruhr verübten Mordes (Luk. 23, 19) dem Gericht verfallen war. So könnte es also eine bloße Aufwallung der Leidenschaft gewesen sein, die ihn hingerissen. Von den Alten wird uns berichtet - was auch in neuerer Zeit sich wahrnehmen lässt - wie die rohesten unter den Verbrechern unter ihrer öffentlichen Strafe in Lästerworte gegen die Obrigkeit und gegen die Vorübergehenden ausbrachen. So hier der zur Linken. Welch unglaubliche Szene aber bei dem zur Rechten! Die zwei Stücke, welche wir zur Bekehrung verlangen, sie erscheinen vollständig bei ihm. „Wir leiden, was unsere Taten wert sind,“ dies das Gefühl, welches jedwede von der Obrigkeit über die Vergehung verhängte Strafe wecken sollte. Auch lebt noch im Volke das Bewusstsein, dass in Gesetz und Strafe der Obrigkeit sich eine göttliche Ordnung der Dinge offenbart, und wehe der Obrigkeit, welche aus Aufklärungsgelüst dieses Bewusstsein nicht zu nähren oder gar zu untergraben suchte: sie würde die tiefste Wurzel abschneiden, auf welcher ihre Autorität im Herzen des Volkes ruht. Die Einsicht, welche selbst unter unseren „ Rechtschaffenen“ so vielen so schwer eingeht, dass Strafe gerechte Vergeltung und dass in obrigkeitlicher Strafe sich eine göttliche Ordnung der Vergeltung offenbart - dieser Missetäter ist zu dieser Einsicht gelangt und damit zu dem Seelenzustande, in welchem das Wort Absolution für den Menschen nicht mehr ein Schlaf- sondern ein Lebenstrunk wird. Nicht nach Entbindung von der verdienten Strafe, nicht nach Pardon von dem bürgerlichen Gerichte - nach einer Vergebung Gottes verlangt er: „Herr, gedenke mein, wenn du in dein Reiche kommst.“ Und was ist es, das gerade in diesem Augenblicke, wo alle Welt von dem gekreuzigten Könige der Juden sich losgesagt hat, diesen Glauben dem Menschen in sein Herz gegeben? Was ließ ihn in der Dornenkrone das Königsdiadem erblicken? War er vielleicht schon vorher, schon in Pilatus Palast, wenigstens dessen gewiss geworden, dass dieser Verurteilte „nichts Ungeschicktes gehandelt?“ Und sah sein Auge nun in dem erbleichenden Antlitz des Mannes neben ihm die Züge eines Himmelskönigs? Jetzt wird nun der Pfahl der Schande zum Throne der Majestät, von welchem aus der Gekreuzigte die Himmelstür dem bußfertigen Sünder öffnet und Leben und Seligkeit austeilt. „Herr, spricht er, gedenke mein, wenn du in deinem Reiche kommst“ (so muss es heißen statt in dein Reich). Auf eine Zukunft hatte er gehofft, wo der verkannte König sein Inkognito abwerfen und in seiner Herrlichkeit erscheinen würde. Auf die Gegenwart weist ihn Jesus hin: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein,“ d. i. in dem Zustande der Wonne und Seligkeit (2 Kor. 12, 4). Welcher Kontrast dessen, was menschliche Augen sehen, mit dem, was in der verborgenen Welt der menschlichen Brust vorgeht bei beiden, bei Jesus und dem Verbrecher! Der hilflose Mann der Schmach mit den angenagelten Händen - in seinem Innern das Bewusstsein, dass Leben und Tod in seine Hand gegeben ist! und der von jenen Hohenpriestern und seinem Volke Ausgestoßene - wohnt der Erbe der Seligkeit in der Gemeinschaft mit dem Sohne Gottes und allen Heiligen!
3) Das Testamentswort an die Mutter und an Johannes (Joh. 19, 26. 27).
Da das Testamentswort das letzte bei dem Menschen zu sein pflegt, so möchte man auch dieses Wort als das letzte denken, aber die Vergleichung mit dem Ev. Matth. ergibt, dass wir dieses Wort als früher gesprochen zu denken haben. -
Die Szene hat etwas so Rührendes. Auch hier lässt aber der Evangelist, ohne ein eigenes Wörtlein dazu zu tun, das Gemälde, welches er gibt, durch sich selbst würfen. Der Blick der Mutter hatte wohl kummerschwer ohne Unterbrechung sich zum Kreuze hinaufgerichtet. Der, welcher als Gott soeben noch über die Schätze einer jenseitigen Welt gebot, trägt als Mensch für dasjenige Sorge, was das Mutterherz noch von der Erde bedarf. Dürfen wir aber bloß sagen: „was es von der Erde bedarf?“ Man meint, zur Sorge für Nahrung, Kleidung, Wohnung habe der Sterbende die Mutter an den Jünger, den er lieb hatte, gewiesen. Man macht geltend, dass er nach einigen Andeutungen wohlhabend gewesen sein müsse: das eigene Haus in Jerusalem, auf welches man aus den letzten Worten von V. 27 schließt, die Söldner, welche sein Vater im Dienst hat (Mark. 1, 20), die Bekanntschaft mit dem Hohenpriester (18, 15). Haben aber die Jünger nicht das, was sie an Eigentum besaßen, aufgegeben, als sie dem Herrn nachfolgten? Sollten die Brüder und Schwestern Jesu, welche bisher für die Mutter gesorgt, und die wir nach der Auferstehung als Bekehrte in der Gemeinschaft der Apostel finden (Apostelgesch. 1, 14), nicht auch ferner diese Sorge übernommen haben? Vielmehr ist dieser jungfräuliche Jünger am meisten fähig gewesen, geistlich die zarte weibliche Seele mit ihren Bedürfnissen zu verstehen, und dies die Ursache, warum gerade ihm diese teure Sorge aufgetragen wird, welcher er auch, wie die Überlieferung berichtet, in Jerusalem obgelegen bis zum Abscheiden der Auserkorenen in Israel. „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder? Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, derselbige ist meine Mutter, Schwester und Bruder,“ hat er einst gesprochen, und auf den Ausruf einer jüdischen Mutter: „Selig der Mutterschoß, der dich getragen, und die Brüste, die du gesogen hast!“ einst geantwortet: „Vielmehr selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ Das fleischliche Band hat ihm unter dem geistlichen gestanden, aber doch hat er es nicht als ein wertloses angesehen, um so viel weniger, als hier auch das zarteste geistliche hinzugekommen.
Ein längeres Schweigen folgt bis zur zwölften Stunde, während dessen die Leiden höher und höher steigen. Da wird die leblose Natur zur Dolmetscherin seiner Leiden. Nicht eine Sonnenfinsternis, wie es leicht verstanden werden könnte, tritt ein, denn zu der Zeit des Vollmondes, in welche das Passah fiel, konnte diese nicht eintreten. Aber eine atmosphärische Verdunklung tritt ein, wie sie auch in unseren Zeiten noch das Erdbeben anzukündigen pflegen, und ein solches erschüttert hier beim Verscheiden Jesu die Erde, dass der oben und unten befestigte Vorhang des Tempels in zwei Stücke zerreißt, und währt drei Stunden lang bis zur dritten Stunde nach unserer Rechnung. In diesem Dunkel öffnet sich abermals der Mund des heiligen Dulders, und er ruft die Worte des vierten Ausspruchs.
4) Der Ruf der Gottverlassenheit (Matth. 27, 46).
Es sind die ersten Worte des 22sten Psalms, in denen Jesus seine Klage aushaucht. Rätselhafte Worte, in denen der Unglaube das Geständnis einer verlorenen Sache, der Glaube der Kirche ein heiliges Mysterium gefunden hat. Von dem Wolfenbüttler Fragmentisten wurde nämlich in diesen Worten der Ausdruck des Schmerzes Jesu gesehen, seine politischen Messiasbestrebungen nicht durchführen zu können, und auch noch ein Schleiermacher fand in einer früheren Periode hierin nur die Klage des Herrn, in der Blüte seines Lebens seinem Werk entrissen zu werden. Ratlose Auskünfte wurden schon von manchem Kirchenvater darüber ausgesprochen. Nach einem Athanasius soll Christus die Worte zum Schein ausgerufen haben, um den Satan zu täuschen. Ein Ambrosius ruft, ohne den Vorwurf der Häresie zu scheuen: „Ich schäme mich nicht zu bekennen, was Christus sich nicht scheute, mit lauter Stimme auszusprechen, dass eine Trennung der Gottheit von dem menschlichen Leibe Statt gefunden,“ aber dass Gottheit und Menschheit unzertrennlich in Einer Persönlichkeit und Einem gottmenschlichen Selbstbewusstsein verbunden gewesen, ist das Bekenntnis der rechtgläubigen Kirche. Näher der Wahrheit kam der Kirchenvater Irenäus, nach welchem die Gottheit Christi in einen Zustand der Quiescenz versetzt worden, so dass sie aufgehört, auf die menschliche Natur zu wirken. Protestantische und katholische Ausleger der älteren Kirche vereinigen sich darin, dass nicht von einer Abwesenheit des göttlichen Wesens der Ausdruck verstanden werden könne, sondern nur des göttlichen Beistandes. Und wovon anders ist die Rede in jenem Psalmworte Davids, des von Gott gesalbten, von den Menschen jedoch verachteten und verfolgten, nachher aber von Gott verherrlichten und von seinem Volke erkannten königlichen Ahnherrn Jesu? Wir erinnern uns ja, wie der Herr in seinen Leidenstagen auf dies Vorbild seiner Erniedrigung auch in anderen Stellen hinweist (Joh. 13, 18. Ps. 41, 10), wie er auch noch in Davids Worten seine Seele in die Hand des Vaters übergibt (P. 31, 6); und hat der Heiland David als Vorbild seiner Erniedrigung vor der Seele, wie sollte er auch nicht auf ihn als Vorbild seiner Erhöhung hingeblickt haben in jenem Siegesrufe der Schlussworte des Psalms V. 26-32: „Der Herr hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht geborgen; da er zu ihm schrie, hörte er ihn. Es werde gedacht an der Welt Ende, dass sie sich zum Herrn bekehren und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden. Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird, dass er es tut.“ In diesem Augenblicke drückt der Herr jedoch seine Gefühle nur in den Anfangsworten aus. Nun heißt: „Gott hat mich verlassen,“ im Psalm allerdings nichts anderes, als was die gleich folgenden Worte aussprechen („er ist mir fern mit seiner Hilfe und mit seinem Beistande“): „ich heule, aber meine Hilfe ist fern“ (Ps. 27, 38. Ebr. 13, 15); auch ist jenes bange Warum? nicht eine zweifelnde Frage an das Schicksal: zweimal nennt er ja diesen Gott seinen Gott, der auf den Lobgesängen seiner Gemeinde thront: nicht eigentlich eine Frage, sondern ein Ausruf ist dieses Warum, das die Größe seiner Verlassenheit ausdrückt (Ps. 10, 1. 2 Mos. 32, 11. 12). So hoch jedoch als überhaupt das Urbild über dem Vorbilde steht, steht auch hier der Schmerz und die Gottverlassenheit in der Jesusklage über der seines Vorbildes. Der Trost, der dem göttlichen Dulder am Kreuze fehlt, ist nicht bloß der Beistand von außen, sondern der Beistand von innen, die Erquickung von der Freundlichkeit des Angesichtes seines Gottes. Freudigkeit ist die Grundstimmung seiner Seele in seinem ganzen Leben, die Freudigkeit, zu deren Genossen er auch die Seinigen machen will (Joh. 15, 11). War nun auch der Friede in seinem Herzen geblieben, der so lange in einer gläubigen Seele bleibt, als sie noch an dem Anker festhält, der hinter den Vorhang geht, war auch die innere Sonne, welche sein ganzes Leben hindurch mit aufgeschlagenem Auge über seinen inneren Gemütsbewegungen stand, nicht untergegangen, bekennt er auch in der Größe seines Jammers noch zu wissen, dass Gott sein Gott ist - erwärmende Strahlen wirft diese Sonne aber nicht mehr in seinen Geist. Das dunkle Gewölk seines Leidens hat ihre wärmende Einwirkung isoliert. Wie manchmal sehen wir das abgehärmte und vom Schmerz zerwühlte Angesicht des christlichen Dulders auf dem Sterbebette, durch welches dennoch der Strahl des Seelenfriedens hindurchblickt, wie das Mondlicht durch das dunkle Gewölk. Das Gewölk aber, welches die Seele dieses göttlichen Dulders umnachtet, es war zuerst das seines physischen Leidenschmerzes. Wahrhaft und ebenso sehr, ja noch mehr, als jeder andere Dulder, fühlte er den physischen Schmerz, ebenso wahrhaft, als die Ermattung unter der Kreuzeslast, als Hunger und Durst. Denn, wenn es heißt: „Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleiden haben mit unserer Schwachheit, sondern der versucht ist allenthalben, gleich wie wir, doch ohne Sünde,“ so sind diese Schwachheiten eben seine leidensfähigen Zustände, die er mit über sich genommen, als er unser von den Folgen der Sünde krankes Fleisch und Blut an sich genommen. Leiden ist Hemmung, und da Hemmungen zur ursprünglichen menschlichen Natur nicht gehören, so ist der Wunsch, sie abzuwehren, auch kein sündlicher, sondern ein berechtigter, der erst sündlich wird, wo wir uns des Leidens als eines von Gott verhängten bewusst werden und uns dennoch dessen weigern. Dieser seiner physischen Leidenszustände konnte er sich aber nicht bewusst werden, ohne dass auch der Gedanke an deren Urheber vor seine Seele trat. Wir haben gesehen, wie auf seinem Kreuzesgange die Schuld seines Volkes und ihre unfehlbare Vergeltung als Last auf seiner Seele lag: diese Last hat er auch auf das Kreuz mit hinaufgenommen. Als er im Geiste zurückblickte auf den Verrat des einen Jüngers, auf die Verleugnung des anderen, als er die schäumende Wut der Einen und den kalten Hohn der Andern unter seinem Kreuze erblickte: von welchen Gefühlen muss dieses liebende heilige Herz durchwallt worden sein! Aber noch mehr: Er blickt in den Tod hinein, er, der Fürst des Lebens, in den Tod, der der Sünde Sold ist, und den er mit über sich genommen, als er das Fleisch und Blut einer gefallenen Menschheit an sich genommen. Wenn vor dem Tode jedes menschliche Leben schaudert, wie viel mehr das Leben dessen, der keine Sünde getan, und nur durch die liebende Gemeinschaft, in welche er mit den Sündern einging, auch diese Folge der Sünde mitzukosten hatte. Alle Folge der Sünde ist aber Vergeltung, alle Vergeltung Ausfluss des Zornes Gottes gegen die Sünde, welcher die tätige Reaktion ist gegen Sünde und Übertretung. Eingehend mit seinem liebevollen Herzen in die Schuld derer, deren Fleisch und Blut er angenommen und in die Folgen ihrer Sünde, bat er also auch den Zorn Gottes getragen und vor diesem Gefühle ist die Beseligungskraft seiner Gemeinschaft mit Gott gewichen.
5) Der Ruf nach Labung (Joh. 19, 28).
Bereits naht sich sein Ende, da ruft er: „Mich dürstet.“ Von einem geistigen Durst nach den Seelen haben manche es verstehen wollen, aber vollkommen erklärt sich dieser Ausruf als Ausruf des physischen Verlangens. „Ich werde von diesem Gewächse des Weinstocks nicht mehr trinken,“ hatte er Matth. 26, 29 gesprochen. Seit dem Abendmahle hatte er seinen Durst nicht mehr gelöscht. Der Blutverlust, die unbewegliche Lage am Kreuz und die Mittagssonne hatten ihn gesteigert; den bitteren Trank, welchen man mit betäubendem Gewürz gemischt den Gekreuzigten zu reichen pflegte, hatte er ausgeschlagen: er wollte mit vollem Selbstbewusstsein den Leidenskelch trinken. Nun aber, „als Jesus wusste, dass alles vollbracht war, was zur Erfüllung der Schrift gehört,“ spricht er: „Mich dürstet“ (Joh. 19, 28). So war denn auch dieses Maß des Leidens ein von Gott gemessenes, welches er als solches erfüllen musste, und erst als es erfüllt ist, gönnt er sich diese Labung eint Fingerzeig darauf, dass die Höhe dieses Leidens des Herrn erforderlich war, um eine Stellvertretung zu sein für die sündige Menschheit.
6) „Es ist vollbracht“ (Joh. 19, 30).
Was ist vollbracht? Ist es das Maß der Leidensaufgabe, von welcher wir so eben gesprochen, oder ist es das Maß der Leiden des Erdenlebens? Denn nicht erst mit dem letzten Leidenstage hat sein Erdenleiden begonnen: gelitten hat er, so lange er lebte. So lange er lebte, liebte er, und so lange er liebte, musste er auch mitleiden, die Schuld der Sünde und die Erbietungen einer sündlichen Welt gegen ihn. Selten nur bricht dieses Leidensgefühl aus ihm hervor, wie in den Worten: „O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange muss ich bei euch sein!“ (Mark. 9, 19.) Sein Erdenleben ist eine festgehaltene Sehnsucht, in des Vaters Schoß zurückzukehren, zu der Klarheit, die er bei ihm hatte, ehe denn die Welt war (Joh. 17, 5). So möchte man denn immerhin auch in diesem Worte den Ausdruck sehen des von der Erdenlast befreiten Herzens, des Erniedrigten, der nur eine Stufe noch vor sich hat von dem Kreuze zum Thron der Herrlichkeit.
7) „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Luk. 23, 46).
Es ist abermals ein Wort Davids, mit welchem er seine Seele dem Vater übergibt (Ps. 31, 6). Auf dreifache Weise drückt sich in diesem Worte die Hoheit feines Bewusstseins aus. Einmal, indem noch dieses letzte Wort ein Ausdruck der Gottbezogenheit seines Lebens ist, von der sein ganzes Leben getragen war. Sodann, indem sein Sterben nicht als ein passives Leiden erscheint, sondern als eine Tat. Der Tod ist überwunden, noch ehe er ihn erduldet hat. Daher ist es endlich der Ausdruck tiefster Beruhigung der Seele: der Erde Leiden und Schmerzen liegen hinter ihm.
5. Der Tod am Kreuz.
„Da,“ heißt es bei Matthäus, „reißt der Vorhang des Tempels in zwei Stücke.“ Eine Nachricht in einem alten, von Judenchristen geschriebenen Evangelium berichtet, der Oberbalken, an welchem nach oben und nach unten der Vorhang des Allerheiligsten befestigt war, sei geborsten: in Folge dessen zerreißt nun auch der Vorhang, und jenes vor allen profanen Augen, außer dem des Hohenpriesters am Versöhnungstage, verborgene Heiligtum wurde allem Volke offenbar. Von da an, wo das Versöhnungswerk auf Erden vollbracht ist, ist auch das Allerheiligste der Religion der Menschheit aufgetan und nicht mehr das Vorrecht einer bevorzugten Klasse, sondern das Gemeingut der gläubigen Gemeinde. In der freudigen Zuversicht ruft der Brief an die Hebräer Kap. 10, 19: „So wir denn nun haben, lieben Brüder, die Freudigkeit zum Eingang in das Allerheiligste durch das Blut Jesu, welchen er uns zubereitet hat zum neuen und lebendigen Wege durch den Vorhang, das ist durch sein Fleisch, und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, so lasst uns herzugehen mit wahrhaftigem Herzen, im völligen Glauben, besprengt an unserem Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser.“
Nach dem jüdischen Gesetze musste der Verurteilte noch an demselben Tage bestattet werden - hier umso mehr, da es Rüsttag auf den Sabbat war (vgl. Joh. 19, 31. 42. Mark. 14, 42). Bei den Gekreuzigten, welche vor ihrem Tode abgenommen wurden, wurde der Schenkelbruch vollzogen - nicht sowohl, um sie zu töten, denn die edleren Teile blieben dabei unverletzt, sondern damit an ihrem Strafleiden nichts verkürzt würde. Als die Soldaten, um diese grausame Handlung zu vollziehen, an Jesum herantreten, finden sie ihn schon verschieden. Da, wie oben bemerkt wurde, die Gekreuzigten in Ausnahmefällen wohl noch bis zum dritten Tage am Leben blieben, so war der Tod Jesu ein ungewöhnlich früher, worüber auch Pilatus seine Verwunderung ausdrückt (Mark. 15, 45). Wie die Ermattung bei dem Kreuztragen, so lässt auch dieser frühe Tod teils auf die Größe gerade seines Leidens, teils auf den zarteren Organismus schließen. Obwohl die römischen Soldaten überzeugt sind, dass er schon gestorben sei, so führen sie doch den Lanzenstich an ihm aus, um, wenn ja der Tod noch nicht erfolgt wäre, ihn herbeizuführen. Die Beispiele bei den Alten und in der Märtyrergeschichte zeigen, dass dieser Stich bei Gekreuzigten auch zur Tötung angewendet wurde. Auch ist die ihm beigebrachte Wunde handbreit (Joh. 20, 25). Es läuft Wasser und Blut heraus - eine Erscheinung, welche sich physiologisch vollkommen begreifen lässt, denn in den zwei Brustfellsäcken an der linken und rechten Lunge findet sich Wasser, welches sich im Tode noch mehrt. Wurde der Stoß mit der rechten Hand nach der linken Seite geführt, so wurde wahrscheinlich der linke Lungenflügel getroffen. Man hat gefragt, welches Interesse Johannes dabei hatte (Joh. 19, 35), so feierlich dieses Faktum zu beteuern: „Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und derselbige weiß, dass er die Wahrheit sagt, auf dass auch ihr glaubt.“ Aber wenn der Evangelist V. 36 fortfährt: „Denn solches ist geschehen, dass die Schrift erfüllt wurde: ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen. Und abermals spricht eine andere Schriftstelle: „sie werden sehen, in welchen sie gestochen haben,“ so lässt sich nicht bezweifeln, dass sein nachdrückliches Zeugnis sich darauf bezieht, dass Jesus mit dem Beinbruch verschont worden, und er dadurch recht eigentlich als das Gegenbild des Passah, des Verschonungsopfers, dargestellt wurde, welchem kein Bein zerbrochen werden durfte.
Er war in allen Stücken uns gleich geworden nicht mit Ausnahme des Todes, sondern mit Ausnahme der Sünde. „ Nachdem die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er es gleichermaßen teilhaftig worden, auf dass er durch den Tod die Macht nähme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist der Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten“ (Hebr. 2, 14). Der Tod ist der Sünde Sold, und wer ein Mensch ist, kennt das Grauen vor dem Tode. Wir grauen uns schon vor der Larve des Todes, wenn wir den Menschen unter den letzten Todeskrämpfen dahinscheiden sehen. Schrecklicher aber noch ist die schwarze Gestalt des Todes, die hinter dieser Maske steht, als diese Maske selbst. Es gibt einen Stachel des Todes, der noch furchtbarer peinigt, als jener letzte Todeskrampf; dieser Stachel ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist nach Paulus das Gesetz (1 Kor. 15, 56). Das Gesetz Gottes ist es, welches auf die Übertretung nicht bloß den zeitlichen, sondern den ewigen Tod gesetzt hat. Darum sind Knechte unter der Furcht des Todes ihr ganzes Leben lang alle, die Christum nicht haben und doch das Gesetz als die Kraft der Sünde fühlen, denn sie wissen, dass ihrer das Leben nicht warten kann nach diesem Leben, sondern nur das Gericht des ewigen Todes. Christus nun hat die Seinigen erlöst von dem Tode - nicht von der Notwendigkeit zu sterben, denn es heißt: „Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe“ (Joh. 11, 25). Aber den Fluch hat er aufgehoben, der auf der Übertretung des Gesetzes steht und hat damit „dem Tode die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen an das Licht gebracht“ (2 Tim. 1, 10). Der Tod ist verschlungen in den Sieg, denn er ist nun der Übers gang geworden zur vollen Entfaltung des wahren Lebens des Geistes, welches Christus in uns gepflanzt hat: „Das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“ (Joh. 4, 14). Hier war es ein kleines unsichtbares Bächlein, welches der Herr durch den Geist, den er in uns gepflanzt, in uns hervorbrechen ließ, dort wird es sich entfalten und zum Strome werden. Hat er aber also dem Tode die Macht genommen und ihn verschlungen in den Sieg, so hat er auch dem die Macht genommen, der des Todes Gewalt hatte, dem Menschenmörder von Anfang an, durch den die Sünde und mit der Sünde der Tod in die Welt gekommen (Joh. 8, 44. Weish. 2, 24). Wie für den Verzog der Seligkeit das Kreuz nur die Stufe zum Throne seiner Herrlichkeit geworden ist, so auch für seine vielen Kinder, welche der, um des willen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, durch ihn hat zur Herrlichkeit führen wollen (Hebr. 2, 10).