Albrecht, Ludwig - Die ersten fünfzehn Jahre der christlichen Kirche - VI. Kapitel. Saul von Tarsus.

Albrecht, Ludwig - Die ersten fünfzehn Jahre der christlichen Kirche - VI. Kapitel. Saul von Tarsus.

Unsere Erzählung ist bei einem Wendepunkte angelangt. Bisher hatte die Gemeinde zu Jerusalem, abgesehen von einigen Anfechtungen durch die sadduzäische Partei, ihre Tage in Ruhe und Frieden zugebracht. Wegen ihrer Anhänglichkeit an das Gesetz und den Tempeldienst, wegen ihres reinen, gottseligen Wandels stand sie bei allen frommen Israeliten in Achtung und Gunst; sogar die pharisäische Richtung scheint die Bekenner Jesu mit einem besonderen Wohlwollen betrachtet zu haben. In der nun folgenden Zeit aber trat in dieser Stimmung des Volkes ein durchgreifender Umschwung ein. Nicht nur Widerspruch und Hass, sondern eine furchtbare Verfolgung erhob sich bald gegen die Jünger Jesu, und die junge Gemeinde wurde mit völliger Vernichtung bedroht. Als den grimmigsten Feind der Gläubigen des Herrn werden wir einen Jüngling kennen lernen, welcher nachher durch ein wunderbares Wirken der göttlichen Gnade der treueste Zeuge und der gesegnetste Arbeiter im Dienste des Heilandes geworden ist. Dieser Jüngling, die wichtigste und anziehendste Persönlichkeit in der ganzen Kirchengeschichte, ist Saul, gebürtig aus Tarsus in Cilicien.

Cilicien war eine Küstenlandschaft im südlichen Kleinasien, durchzogen von dem hohen Taurusgebirge, reich an Naturerzeugnissen aller Art, besonders an vorzüglichem Safran. In den ältesten Zeiten von phönizischen Völkerschaften bewohnt, wurde Cilicien später durch die Assyrer erobert; in den folgenden Jahrhunderten kam es dann nach einander unter die Herrschaft der babylonischen, medischen und persischen Weltmacht. Nach dem Tode Alexanders des Großen, welcher das Perserreich zertrümmert hatte, wurde der ganze östliche Teil Ciliciens zunächst der seleucidischen, darauf der armenischen Botmäßigkeit unterworfen, bis das Land endlich im Jahre 63 v. Chr. nach Besiegung des Königs Tigranes von Armenien zu einer römischen Provinz gemacht wurde. Während der westliche Teil, das sogenannte „raue Cilicien“, erst später mehr bebaut ward, hatte das östliche ebene Land seit ältester Zeit Kultur und bedeutende Städte. Die wichtigste derselben, die alte Hauptstadt Ciliciens, war Tarsus, das schon um 700 v. Chr. von dem assyrischen Könige Sanherib gegründet sein soll.

Tarsus lag in einer schönen, fruchtbaren Ebene, im Westen, Norden und Osten von den romantischen Gebirgszügen des Taurus begrenzt, im Süden nur etwa vier Stunden vom mittelländischen Meere entfernt, durchströmt von dem Flusse Cydnus, dessen eiskalte Fluten sich von den schneeigen Gipfeln des Gebirges in vielen schäumenden Wasserfällen zum Meere wälzten. Wegen seiner vorzüglichen, zum Weltverkehr geeigneten Lage blühte Tarsus schnell zu einer belebten, reichen Handelsstadt empor. Im Norden boten die cilicischen Engpässe den Kaufleuten, die mit der römischen Welt in Verbindung treten wollten, einen Weg durch das Taurusgebirge, gegen Osten wurde die Stadt durch breite Straßen mit den Marktplätzen Syriens verbunden, während der schiffbare Cydnus das im Taurus gefällte Holz und die Reichtümer des Morgenlandes, die in der Stadt zusammenströmten, bequem zum Meere hinführte.

Unter der römischen Herrschaft erlangte Tarsus wichtige Vergünstigungen. Antonius erklärte es zu einer Freistadt; die Bewohner brauchten keine Steuern zu entrichten und hatten das Recht der eigenen Verwaltung, nur mussten sie die Oberhoheit des römischen Reiches anerkennen und im Kriegsfall Hilfstruppen stellen. Diese Vorrechte und Freiheiten wurden später von dem Kaiser Augustus bestätigt und erweitert1). Nur einmal, nach der Ermordung Cäsars, kamen schwere Tage über die Stadt. Weil sie für Antonius Partei ergriffen hatte, legte ihr Crassus einen so drückenden Tribut auf, dass eine Anzahl Einwohner als Sklaven verkauft werden mussten, damit die hohe Summe aufgebracht werden konnte2).

Unter Alexander dem Großen hatte sich Tarsus der griechischen Bildung geöffnet. Ja, es schien, als sollte die griechische Wissenschaft und Literatur hier noch einen Nachsommer ihrer Blüte erleben. Am Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts hatte die Stadt in geistiger Hinsicht einen solchen Aufschwung genommen, dass sie mit ihren höheren Schulen und wissenschaftlichen Anstalten den ersten Platz einnahm und sogar Athen und Alexandria überragte3). Erstaunlich ist die Zahl der berühmten Lehrer, die damals in Tarsus wirkten und fast alle daselbst geboren waren; ihr Ruhm war so groß, dass die angesehenen Familien Roms und selbst die Kaiser ihre Söhne durch sie unterrichten ließen4).

Aber Reichtum und weltliche Bildung verleihen noch keinen sittlichen Halt. Dies zeigte sich auch in Tarsus. Die dortigen Lehrer und Philosophen befleckten sich mit niedrigen Leidenschaften; sie bekämpften sich gegenseitig in gemeiner, schamloser Weise; manchmal kam es unter ihnen selbst zu Tätlichkeiten, und der Wortstreit nahm dann einen blutigen Ausgang. Solch abstoßendes Bild bot damals die viel gerühmte Weisheit dieser Welt!

Mit Kreta und Kappadocien teilte sich Cilicien zu jener Zeit in den traurigen Ruhm, die anderen Völker an Sittenverderbnis zu übertreffen. Auch Tarsus, die Hauptstadt der Provinz, war bekannt durch ihre Laster und Ausschweifungen. Als Schutzgott der Stadt, dem zu Ehren wollüstige Orgien gehalten wurden, verehrte man den Sardanapal, jenen weibischen König von Assyrien, der sich bei einer gegen ihn ausgebrochenen Empörung mit allen seinen Weibern und Schätzen auf einem Scheiterhaufen verbrannte.

In Tarsus lebten viele Juden. Doch sie hielten sich fern von dem leichtfertigen Treiben der Bevölkerung. Ihre Söhne besuchten wohl nur selten die öffentlichen Schulen der Gelehrsamkeit. Die jüdischen Kinder wurden zu Hause von ihren Eltern unterrichtet. Von frühester Jugend an wurden sie auf das Wort Gottes hingewiesen. Sobald sie sprechen konnten, lernten sie das alteilige Morgen- und Abendgebet: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allem Vermögen“5). Abends am häuslichen Herd hörte das Kind von den erwachsenen Familienmitgliedern die herrlichen Psalmen singen und, sobald es dazu fähig war, stimmte es ein in die köstlichen Lobgesänge zum Preise des Gottes Israels. Vom sechsten oder siebenten Jahre ab pflegten die jüdischen Knaben eine Schule zu besuchen; hier wurden sie fast ausschließlich im Gesetze unterrichtet.

Unter den sechsjährigen Knaben der Judenschule zu Tarsus befand sich um das Jahr 15 unserer Zeitrechnung einer mit Namen Saul. Er entstammte einer Familie aus dem Geschlechte Benjamin6). Sein Vater, welcher das römische Bürgerrecht besaß7), war ein „Hebräer“8), also ein Jude, der mit dem hellenistischen Wesen nichts zu schaffen haben wollte; er gehörte der pharisäischen Richtung an9) und war deshalb ein Eiferer für das Gesetz und die väterlichen Überlieferungen. Außer dem Knaben hatte er noch eine Tochter, deren Sohn sich später in Jerusalem aufhielt10). Die Eltern gaben dem Knaben, was damals bei den Juden nicht selten geschah11), einen doppelten Namen, einen hebräischen: Saul und einen gebräuchlichen römischen: Paulus, denn ihr Sohn war ja durch seine Geburt ein römischer Bürger. Saul heißt der Erbetene; lässt dieser Name nicht vermuten, dass den Eltern durch die Geburt dieses Sohnes ein lang gehegter Wunsch erfüllt ward, den sie oft im Gebet vor Gott ausgesprochen hatten? Den Namen Saul trug auch der Sohn des Kis, der erste König Israels, welcher gleichfalls dem Stamme Benjamin angehörte. Wie dieser alles Volk an leiblicher Größe übertraf12), so war der junge Saul in Tarsus dazu ausersehen, an geistlicher Größe und Kraft unter allen seinen Volksgenossen hervorzuragen. Er war derjenige Nachkomme Benjamins, an welchem die Weissagung des sterbenden Jakob über seinen jüngsten Sohn am wunderbarsten in Erfüllung gegangen ist: „Benjamin ist ein reißender Wolf, am Morgen wird er Raub fressen und am Abend wird er Beute austeilen“13). So hat Saul am Morgen seines Lebens auch wie ein Wolf die Herde Christi zerstreut, aber am Abend seines Lebens hat er mehr Beute für den Herrn errungen als alle anderen Apostel.

Von seinem gesetzesstrengen Vater ward Saul seit frühester Kindheit in der peinlichsten Beobachtung jüdischer Sitte und Satzungen erzogen. Alle dem gläubigen Judentum widerstreitenden Einflüsse wurden sorgfältig von ihm ferngehalten. Er besuchte keine der griechischen Schulen in Tarsus, die klassische Wissenschaft und Literatur blieb ihm fremd. Dies schließen wir aus der pharisäischen Richtung seines Vaters, der als eifriger Hebräer alles heidnische Wesen verabscheute; dies bezeugen auch die Briefe, die Saul später als Apostel geschrieben hat. Seine Ausdrucksweise müsste eine ganz andere sein, wenn er sich wirklich mit griechischer Grammatik und Rhetorik beschäftigt hätte. Er kann sich zwar mit Leichtigkeit in der griechischen Sprache ausdrücken; aber sein Griechisch ist das der hellenischen Juden, es lässt sowohl in Form und Bedeutung der Worte als auch im Satzbau die aramäische Landessprache Palästinas deutlich hervortreten. Seine korinthischen Gegner nannten seine Rede „verachtet“14); aber auch Paulus selbst wusste wohl, dass ihm die schulgerechte griechische Beredsamkeit mangelte15). Zwar finden wir, dass er dreimal Stellen aus griechischen Dichtern, die wir mit Namen bezeichnen können, in seine Worte einflicht16). Jedoch hieraus schließen zu wollen, dass Paulus die betreffenden Werke dieser Dichter und noch andere dazu gelesen habe, wäre sehr voreilig. Es handelt sich bei den fraglichen Stellen um geflügelte, sprichwortähnliche Redensarten, die im Volke von Mund zu Mund gingen, ohne dass man immer ihre eigentliche Herkunft kannte. Ähnlich ist es ja auch mit Aussprüchen unserer Dichter. Wie manche derselben werden von Leuten gebraucht, die mit deutscher Literatur sich nicht im geringsten beschäftigt haben.

Die ganze Bildung des Paulus ist durch und durch jüdisch, nicht griechisch. Sein Vater wünschte, er solle ein Schriftgelehrter, ein Rabbi werden. Das war ja das Höchste, wozu ein eifriger Pharisäer seinen Sohn bestimmen konnte. Aber der damaligen Sitte gemäß lernte der junge Saul auch ein Handwerk. Er wählte eines, das in Tarsus besonders beliebt war und das auch heute noch in Cilicien nicht selten ist. Die Ziegenherden des Taurus lieferten ein vorzügliches Haar, aus welchem das Tuch gewoben wurde, womit Hirten, Reisende und Soldaten die Gestelle ihrer Zelte zu bekleiden pflegten. Ein solcher Zelttuchwirker wurde auch Saul17).

In seiner Vaterstadt konnte er sich nicht zum Rabbi ausbilden. Der eigentliche Sitz der Schriftgelehrsamkeit war Jerusalem. Dorthin ward Saul (wir wissen nicht, in welchem Lebensjahre) von seinen Eltern geschickt18). Möglich ist, dass seine Schwester in Jerusalem verheiratet war19); trifft dies zu, dann wird er jedenfalls in ihrem Hause gewohnt haben. Unter den Schriftgelehrten jener Zeit war der bedeutendste Rabbi Gamaliel der Ältere, „der Glanz des Gesetzes“, ein Enkel des hochberühmten Hillel. Ihn wählte der junge Saul zu seinem Lehrer20). Gamaliel gehörte der pharisäischen Richtung an; aber er war vorsichtig und duldsam, wie wir schon bei der Verhandlung des Hohenrats gegen die Apostel gesehen haben. Frei von der Engherzigkeit seiner Parteigenossen beschäftigte er sich nicht nur mit den Erzeugnissen der griechischen Weisheit, sondern mied auch die kleinlichen Spitzfindigkeiten in der Auslegung des väterlichen Gesetzes. Keine unfruchtbaren Regeln, vielmehr beredte Predigt wollte er aus den heiligen Urkunden schöpfen. Seine liebste Arbeit war die Erklärung der Psalmen und Propheten. In seinem milden, menschenfreundlichen Sinn gedachte er sogar der Heiden; auch ihre Armen sollten das Recht haben, auf den Feldern Nachlese zu halten21), ihren Kranken sollte Hilfe, ihren Toten das übliche Begräbnis zuteilwerden.

Zu den Füßen eines solchen Lehrers saß der junge Saul. Er wurde unterrichtet „nach der Strenge des väterlichen Gesetzes“22); wie Sirach es für den Schriftgelehrten vorschreibt, erforschte er die Weisheit aller Alten und studierte in den Weissagungen; die Erzählungen berühmter Männer behielt er und in die Windungen der Gleichnisse drang er ein; das Verborgene der Sprichwörter spürte er auf und beschäftigte sich mit dem Rätsel der Parabeln“23). Aber bei seinem Studium lernte Saul nichts von der Milde und Mäßigung seines Meisters. Der Jüngling mit der feurigen, kraftvollen Seele ward ein Pharisäer der schroffsten Richtung. Weit mehr als viele seiner Altersgenossen eiferte er für die väterlichen Überlieferungen24). Mit der heftigsten Entschiedenheit bekämpfte er alles, was mit seiner Überzeugung in Widerspruch stand. Jesum lernte er nicht kennen25); es scheint, dass er während der Lehrtätigkeit des Herrn nicht in Jerusalem anwesend war26); vielleicht befand er sich in dieser Zeit nach der Weise mancher Schriftgelehrten, die „Meer und Land durchzogen“, um Proselyten zu machen27), auf einer Reise außerhalb Palästinas, um in seinem pharisäischen Bekehrungseifer Anhänger für das Judentum zu gewinnen28). Bei seiner Rückkehr in die heilige Stadt war die christliche Gemeinde schon ansehnlich gewachsen. Aber Saul erkannte in ihr keine Gefahr für das Gesetz, solange sie dem Muster jüdischer Frömmigkeit folgte. Was aber ist von dem fanatischen Jüngling zu erwarten, wenn die Verkündigung des Evangeliums gegen das pharisäische Judentum auftritt? Wird sich dann nicht seine ganze Kraft, ja sein voller Hass und Ingrimm gegen die Bekenner des Nazareners richten? Dies Drama wird sich jetzt vor unsern Augen abspielen. Stephanus, der glaubensmutige Zeuge Jesu, und Saul, der wütende Christenfeind diese beiden Gestalten werden uns entgegentreten in dem gewaltigen Kampfe, der jetzt entbrennen wird.

1)
App. de bel. civ. 5,7; Plin. hist. nat. 5, 22; Dio Chrysost. II p. 36 ed. Reisk.
2)
App. de bel. civ. 4,64.
3)
Strabo XIV, 5, 10.
4)
Sueton Claudius IV; Strabo XIV, 5.
5)
5 Mos. 6, 4. 5.
6)
Phil. 3, 5.
7)
Apostelgesch. 22, 28.
8)
Phil. 3,5; 2 Kor. 11, 22.
9)
Apostelgesch. 23, 6.
10) , 19)
Apostelgesch. 23, 16.
11)
vgl. Apostelgesch. 1,23; 12, 12.
12)
1 Sam. 10, 23.
13)
1 Mos. 49, 27.
14)
2 Kor. 10, 10.
15)
2 Kor. 11,6.
16)
Apostelgesch. 17, 28 stammt das Zitat τοῦ γὰρ καὶ γένος ἐσμέν aus einem Lehrgedicht des cilicischen Dichters Aratus, der im 3. Jahrh. v. Chr. lebte; ähnlich lautet auch eine Stelle aus einem Hymnus auf Zeus, den der Stoiker Cleanthes um 260 v. Chr. dichtete.
1 Kor. 15, 33: φθείρουσιν ἤθη χρηστὰ ὁμιλίαι κακαί findet sich in der Thais des Komödiendichters Menander, der in der 2. Hälfte des 4. Jahrh. v. Chr. lebte.
Tit. 1, 12 endlich: Κρῆτες ἀεὶ ψεῦσται, κακὰ θηρία, γαστέρες ἀργαί ist ein Hexameter aus einem Gedicht des Kretensers Epimenides aus dem 6. Jahrh. v. Chr.
17)
Apostelgesch. 18, 3: σκνηνοποιός.
18)
Dass Saul schon in jungen Jahren nach Jerusalem gekommen ist, scheint aus Apostelgesch. 22, 3; 26, 4 hervorzugehen.
20) , 22)
Apostelgesch. 22, 3.
21)
5 Mos. 24, 19.
23)
Sirach 39,1—3.
24)
Gal. 1,14.
25)
2 Kor. 5, 16 beweist nicht das Gegenteil: denn εἰδέναι κατὰσάρκα Χριστόν heißt keineswegs: Christum persönlich kennen, sondern vielmehr: seine Kenntnis von Christo nur durch die menschliche Individualität, die irdische Erscheinung Christi bestimmen lassen.
26)
Die Stellen Apostelgesch. 22,3; 26, legen diese Vermutung nahe.
27)
Matth. 23, 15.
28)
Dies ist die Meinung von Fouard: St. Pierre p. 135.
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