Schlatter, Adolf - Der Hebräerbrief - Kap. 9, 15-28. - Die Notwendigkeit des Todes Jesu zum Empfang der Verheißung.
Um uns den Vorzug und die Macht des Priestertums Jesu zu zeigen, hat uns der Brief Jesum zuerst nach seiner Erhabenheit und Herrlichkeit vorgehalten. Er richtete unseren Blick auf seine ewige Lebenskraft, auf seine Heiligkeit, auf seine Erhöhung ins himmlische Heiligtum zu Gottes Thron und auf den Reichtum seines Neuen Bundes. Allein wenn wir Jesum als unseren Priester erfassen wollen, so können wir nicht nur nach oben auf seine Herrlichkeit sehen, sondern müssen ihn auch in seiner Todesgestalt betrachten. Wir kommen hier nicht am sterbenden Christus vorbei. Denn mit seinem Tode hat Jesus sein Priestertum begonnen und begründet; deshalb wurde die Darstellung desselben im vorangehendem zum dankbaren Preise seines Bluts. Da zuckt aber das jüdische Herz zusammen und hat mit dem Ärgernis des Kreuzes viel Arbeit und Kampf. Darum redet unser Brief nicht von der Kraft des Blutes Jesu, ohne uns zu zeigen, wie Christi Tod keinen Verzicht auf die Verheißung mit sich bringt und uns vom Empfang des ewigen Erbes nicht ablenkt, vielmehr das rechte notwendige Mittel war, durch welches wir die Verheißung erlangen.
Die Unmutigen klagen ungeduldig: wir erwarteten, wenn Christus komme, so führe er uns in das verheißene Erbe ein. Die Verheißung war uns ja schon seit alters gegeben und das Erbe uns schon längst durch Gottes Berufung in Aussicht gestellt. Was uns Christus hätte bringen sollen, das wäre endlich der Besitz der Heilsgüter selbst. Statt dessen kam er und erlitt den Tod. Gewiss! antwortet V. 15, Jesus ist dazu gekommen, damit wir die Verheißung empfangen. Die Berufung, die Gott an uns gerichtet hat und die uns zu einem ewigen Erbe einlud, soll durch ihn an uns in Erfüllung gehen. Diesem Ziel und Zweck dient sein ganzes Werk. Allein dasselbe wird durch sein Sterben nicht verhindert, sondern umgekehrt vorbereitet und angebahnt. Wir können die Verheißung erst empfangen, nachdem sein Tod stattgefunden hat. Vergesst doch nicht, sagt der Brief den Unmutigen, dass uns Christus zuvörderst einen Neuen Bund mit Gott bringen musste. Der alte Bund führte euch nicht zum Empfang des Verheißenen. Denn unter dem Alten Bunde seid ihr zu Übertreten geworden und eure Übertretungen sind eine Mauer, die euch vom ewigen Erbe scheidet. Ihr musstet zuerst von denselben erlöst und in einen Neuen Bund mit Gott gebracht werden, und das Mittel eurer Erlösung und der Neuen Bundesstiftung war Jesu Tod.
Aber wie kann denn der Tod Christi der Erfüllung der Verheißung dienen? Er scheint ja deren vollständiges Gegenteil. Das könnt ihr euch, antwortet der Brief V. 16 u. 17, an einem Testament fasslich machen. Wird ein Testament dadurch vernichtet, dass derjenige stirbt, der es errichtet hat? Nein, gerade dadurch wird es gültig und fest. Es hat noch keine Gültigkeit, so lange sein Urheber lebt. In Christi Neuen Bund, der uns die Erlösung von unseren Übertretungen und den Anteil am ewigen Erbe verleiht, sind wir durch seinen Tod versetzt. Also ist derselbe sein Testament für uns, das er uns hinterlassen hat, und dies sein Testament fällt nicht dahin, kommt vielmehr zu Stand und Wesen, zur Kraft und Geltung dadurch, dass er starb.
Ja es hätte keine Gültigkeit und wäre für uns nicht vorhanden ohne seinen Tod.
Unser Brief lässt uns immer tiefer und vollständiger im Neuen Bunde Jesu Werk erkennen. Er nannte Jesus zuerst den Bürgen des Bundes, der uns denselben garantiert, 7, 22. Der Bund ist Gottes Stiftung; Jesus sichert dessen Ausführung. Dann hieß er Jesus den Mittler des Bundes, der Gott und uns zusammenführt und in sich selbst das Band herstellt zwischen ihm und uns, 8, 6. Gott stiftet durch Jesu Werk den Neuen Bund. Und hier heißt er den Bund das Testament Jesu, das Jesus selbst für uns errichtet hat. Der Bund ist Jesu eigene Stiftung uns zu gut, durch welche er uns seine Gaben und Güter hinterlassen hat. Hier hebt das spätere Wort das frühere nicht auf. Denn es wird damit von Gottes Werk nichts abgezogen, wenn Jesu Werk in unsere Erkenntnis tritt. Jesus ist auch in der Stiftung des Neuen Bunds völlig und ganz der Diener des göttlichen Willens und das Werkzeug des göttlichen Rats. Aber diesen Dienst richtet er mit seinem eignen Willen aus als seine eigene Tat. Und darauf macht uns unser Brief umso mehr aufmerksam, je mehr er unseren Blick an Jesu Tod festheftet. Jesu Kreuz macht es offenbar, dass er selbst den Neuen Bund für uns erworben hat durch sein eigenes Verdienst.
Es lag unserem Briefe nahe, Christi Bund als sein Testament an uns darzustellen, weil in der griechischen Rede ein und dasselbe Wort beides, den Bund und das Testament, zugleich bezeichnete. Auch hatte ja die Schrift das Verheißungsgut schon längst unser Erbe genannt. Die Anwartschaft an dieses Erbe erhalten wir durch Jesu Testament. Freilich besteht zwischen unseren Testamenten und Christi Testament ein wesentlicher Unterschied. Unsere Vergabungen1) beziehen sich auf irdische Güter, die nicht gleichzeitig zwei Besitzer haben können. Darum erhält unser Testament erst mit unserem Tode Kraft. Bei Christi Testament ist dagegen das Erbe, welches wir durch dasselbe erlangen, Gottes unerschöpflicher Lebensschatz. Da findet keine Enterbung Jesu statt, damit wir Erben werden; vielmehr ist der Empfang unseres Erbes gerade unsere Gemeinschaft mit ihm, der da reich bleibt, wenn er uns reich macht, und dessen Herrlichkeit nicht erbleicht, wenn er uns zu sich erhöht. Deshalb redet die Schrift sonst nicht von Gottes und Christi Testament, sondern von ihrem Bund mit uns, weil der Bund die Lebenden zu unauflöslicher Gemeinsamkeit verbindet. Aber diese Unähnlichkeit hebt die Ähnlichkeit zwischen Christi Stiftung und unseren Testamenten keineswegs völlig auf. Diese Vergleichung ist vielmehr vortrefflich geeignet, uns den gnädigen Willen Christi deutlich zu machen. Er will sein Eigentum auf uns übertragen und uns das zugänglich machen, worin er selbst seine Seligkeit und Herrlichkeit besitzt. Mit diesem Willen stirbt er, damit wir, nachdem er für uns gestorben ist, in den Besitz des ewigen Erbes gelangen. Und diese seine Vergabung an uns leidet durch seinen Tod keinen Schaden. Im Gegenteil, er konnte sie uns nur durch seinen Tod verschaffen; und wir erlangen sie nur deshalb, weil er für uns gestorben ist. So ist ja seine Gabe allerdings sein Testament und seine Hinterlassenschaft an uns.
Damit stellt sich uns die Notwendigkeit des Todes Jesu von einer neuen Seite dar. Weil der Tod unserem Leben Ziel und Ende setzt, gibt er unseren Handlungen Unwiderruflichkeit. Sie sind nun aller Abänderung und Umwandlung entzogen. Nachdem der Tod dazu getreten ist, bleiben sie für immer, wie sie sind. Er macht unser Testament zu unserem „letzten Willen“, der nun unantastbar ist. Solche befestigende Macht hat auch Christi Tod für sein Heilandswerk. Ehe seine Liebe für uns fruchtbar werden konnte, musste er den Tod über sich ergehen lassen. Sie stand nicht früher an ihrem Ziel und gewann nicht früher Kraft und Gültigkeit, als bis sie ihn zu diesem letzten äußersten Schritt getrieben hat. Das war nun aber in der Tat der letzte Schritt. Nun hat mit seinem Sterben seine Liebe ihr Maß ganz erfüllt; nun steht sie bewährt da, unantastbar und unwiderruflich. Der Tod gibt seinem Testament das Siegel unverletzlicher Gültigkeit. Er war noch nicht unser Erlöser, bis er starb. Nun aber, nachdem er gestorben ist, ist er's unabänderlich.
Darum sollen wir unseren Widerwillen gegen Christi Kreuz fahren lassen und dürfen keine Zweifelsgedanken an dasselbe hängen, als wäre die Verheißung dahingefallen durch seinen Tod, da er ja am Kreuz geendet hat, sondern wir sollen uns sagen: Christi Testament ist nicht schlechter als das meinige; verliert das meinige durch meinen Tod seine Gültigkeit nicht, so erhält das seinige noch viel mehr durch seinen Tod Kraft und Sicherheit. So wird uns Jesu Kreuz statt zum Anstoß vielmehr zum Grunde einer gewissen Hoffnung, weil wir erkennen, dass unsere Berufung durch Jesu Tod unwandelbar geworden ist.
Vom allgemeinen menschlichen Recht, das aus unseren natürlichen Lebensverhältnissen entspringt, geht unser Brief nun über zum göttlichen Gesetz, das Israel gegeben war, V. 18-23. Auch der alte Bund hat diese bestätigende abschließende Kraft des Todes sich zu Nutzen gemacht. Das Opfertier musste sterben, damit er fest und gültig sei. Er wurde am Sinai mit Opferblut geschlossen und alle seine Heiligtümer, die Gemeinde, das Gesetz, die Stiftshütte und ihre Geräte, wurden durch Blut rein und heilig gemacht, und keinem Sünder Vergebung gewährt, ohne dass das Blut seines Opfers für ihn am Altare ausgegossen ward. So wurde Israel durch das Blut des Opfers beständig daran erinnert, dass der Bund mit Gott das Leben in Anspruch nimmt. Er heiligt das Leben für Gott; auch das letzte, höchste, das Blut, ist sein und muss ihm gegeben werden. Und die Übertretung des Bundes kostet das Leben; nur der Tod ist Sühnung für sie. Diese Majestät eignet dem Neuen Bunde noch viel mehr. Darum ist auch Christi Lebenslauf unter das Gesetz gestellt, dass er mit seinem Blut den Neuen Bund herstelle. Er öffnet uns das höhere himmlische Heiligtum, und auch dieses wird wie sein Abbild durch das Blut eines Opfers gereinigt, nämlich durch Jesu eigene Aufopferung, V. 23.
Aber wie kann denn von einer Reinigung der himmlischen Dinge die Rede sein? Sie sind ja unbefleckt. Gewiss! Aber sie sollen unser Heiligtum werden, uns Sündern offen und zugänglich, so dass wir zu denselben Zutritt haben, jetzt mit unserem Hoffen und Bitten, einst mit unserem Schauen nach unserem ganzen Wesen. Da bedürfen sie freilich einer Reinigung, nicht wie sie das Unreine bedarf, damit es rein werde, sondern wie sie das Reine bedarf, damit es rein bleibe und vor Entweihung und Befleckung. gesichert sei, auch jetzt, wo die Trennung zwischen uns und den himmlischen Dingen fällt. Wie das Heiligtum des Gesetzes darum durch das Opfer gereinigt wurde, weil es unter einem sündigen Volke stand, so wird hier auch vom Himmel gesagt, dass er durch Christi Blut rein gemacht werde, weil er uns Sündern aufgeschlossen wird. Meint ihr, fragt unser Brief, ihr könnt nur ohne weiteres in den Himmel treten? So wenig, als es sich von selbst verstand, dass Israel einen Tempel Gottes besaß. Das Heilige kann nicht euer werden, so lange es als euer Eigentum in die Befleckung und, Verunreinigung hinabgezogen wäre. Nur in Christi Blut steht eure Würdigkeit für das Himmlische. Darum hat sich Christus für euch vor Gott bis in den Tod gebeugt, damit ihr erhöht werden könnet, ohne dass eure Erhöhung die Ordnung des Himmels stört. Nun nachdem er Gott sein Blut dahin gegeben hat, kann euch himmlisches Gut und Leben gegeben werden, ohne dass es dadurch entheiligt und erniedrigt ist. Christi Blut gibt der Gnade Gottes ihre heilige Weihe und ernste Majestät, auch wenn sie uns Sünder umfasst. Es bewirkt, dass zwischen dem Himmel und uns Gemeinschaft entstehen kann, ohne dass unsere Unreinheit dieselbe unrein macht, ohne dass die Schatten im Menschenherzen den Himmel trüben, und unser Unfriede seinen Frieden durchbricht und unser Widerstreben gegen Gott seinen Gottesdienst befleckt. So hat Christi Blut den Himmel auch dann, wenn wir in demselben stehen, rein gemacht.
Nun überschaut der Brief den ganzen Gang Christi, wie hier alles zu einem großen Ganzen zusammenstimmt, V. 24-28. Er erschien einmal unter uns am Ende der Zeiten, zur Vorbereitung jenes großen Wendepunkts der Zeit, wo das Ewige erscheint. Da kam er nicht, um zu herrschen, sondern um zu leiden. Von hier tritt er zuerst ins Heiligtum vor Gottes Angesicht; dorthin führt ihn sein Weg zunächst. Gott hat er sich geheiligt; so stellt er sich ihm dar als die lebendige Gabe, die ihm wohlgefällig sei. Hernach kehrt er zu uns zurück, damit auch wir ihn sehen. Da schließt sich eines eng und sicher ans andere an und führt uns der Erlösung zu. Christi erste Erscheinung legt den Grund- und Eckstein zu derselben; denn hier schafft er mit seinem Opfer die Sünde aus dem Wege. Nun entzieht ihn sein Gang allerdings unserem Blick und wir müssen auf ihn warten, gleichwie das Volk im Tempel auf den Hohenpriester wartete. Aber er bereitet auch damit unser Heil. Denn er wird für uns vor Gottes Angesicht offenbar. Der Blick des göttlichen Wohlgefallens, in dem er selber steht, umfasst in ihm auch uns. Dann aber kommt die Stunde, wo auch er wie der Hohepriester seinen priesterlichen Gang damit schließt, dass er zu seiner Gemeinde, die auf ihn wartet, wiederkehrt. Dann kommt er noch in höherem Sinn ohne Sünde, als dies schon von seiner irdischen Erscheinung gilt. Auch damals war er heilig und unbefleckt, jedoch von der Sünde versucht und bekämpft, und sein priesterlicher Dienst war ihr gewidmet. Ihretwegen kam er und ihretwegen opferte er sich zu ihrer Aufhebung. Kommt er von Gott zu uns zurück, so geschieht es nicht mehr unserer Sünden wegen. Sie hat er bei seinem ersten Kommen abgetan. Dann bricht unsere Erlösung an.
So entspricht sein Weg dem menschlichen Lebensgang und Bedürfnis. Es ist uns gesetzt, einmal zu sterben, hernach Gericht. In zwei Stufen ernten wir der Sünde Frucht. Sie führt uns zum Tode; aber damit sind wir unserer Verschuldung noch nicht entgangen. Wir werden hernach vor den Richter gestellt werden, der unser ewiges Geschick bestimmen wird. Dem entspricht Jesu doppelte Erscheinung. Er hat unser Sterben mit uns geteilt und das Gericht, dem wir entgegengehen, in seiner Hand. Er kommt das erste Mal zu uns, den Sterbenden, und macht durch seinen Tod, dass unser Tod für uns keine Strafe und kein Unglück ist, weil er die Sünde für uns aufgehoben hat. Er kommt zum zweiten Male zu uns, denen das Gericht geordnet ist, und wandelt uns das Gericht in den Empfang der Seligkeit. Das ist der leuchtende Abschluss seines priesterlichen Gangs zu Gott.