Redenbacher, Wilhelm - Von der Heiligkeit Gottes im Verein mit seiner Liebe.

Redenbacher, Wilhelm - Von der Heiligkeit Gottes im Verein mit seiner Liebe.

“Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.“
Jes. 6,3

In Christo Geliebte! Jesaia, der Prophet, hatte ein Gesicht. Er sah den Herrn sitzen auf einem hohen Stuhle. Seraphim umschwebten ihn, die einander zuriefen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll. Alles bebte von der Stimme ihres Rufes, und das himmlische Haus ward voll Rauch. Jesaia aber sprach: Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen rc. Da nahm der Seraphim Einer eine glühende Kohle vom Altar, und rührte damit des Propheten Mund und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen gerührt, dass deine Missetat von dir genommen werde, und deine Sünde versöhnt sei. - Der Ruf der Himmlischen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth - kann als ein allgemeines Lob Gottes verstanden werden, dass man mit andern Worten spräche: Groß und herrlich, über Alles erhaben ist Gott; überall sind Spuren und Proben seiner unendlichen Macht, Weisheit und Güte, seiner herrlichen Gottheit. Aber lasst uns, meine Zuhörer! das Wort „Heilige doch auch und jetzt vornehmlich in seiner näheren und besonderen Bedeutung fassen, da es von Gottes unbeflecktem Wesen, von seinem immer aufs Gute gerichteten Willen, von seiner lichten Reinheit gebraucht wird. Diese meinen die Engel gewiss und hauptsächlich mit.

Wir haben von der göttlichen Gnade gehandelt; aber wir dürfen auch das bei Gott nicht übersehen oder in den Hintergrund stellen, was aus dem Text dreimal nacheinander in unsre Ohren klingt, seine Heiligkeit. Beides ist in ihm genau und ewig verbunden. Das wird sich deutlicher zeigen, wenn wir sprechen

Von der Heiligkeit Gottes im Verein mit seiner Liebe.

„Gott ist die Liebe,“ sagt Johannes, und was wäre gotteswürdiger, als dies? Könnten wir uns eine schönere, edlere, höhere Eigenschaft in Gott denken, als die Liebe? Und wäre Gott ein Abba ohne diese? O wir glauben es gerne, dass Gott ein gütiges Wesen ist, dass er sich freut, wenn er erhalten, wohltun, segnen kann, dass er auch das Verlorene, die Sünderwelt wieder zu sich ziehen will. Aber es muss auch seine Heiligkeit bestehen; Gott ist ein Licht und ist in ihm keine Finsternis, - sagt der nämliche Apostel. Er ist ein helles, fleckenloses, von allem Bösen vollkommen freies Wesen. Und wie er selbst rein ist, so will er auch seine Kreaturen rein, will heilige Diener seiner Macht; und er kann das Unlautere an ihnen nicht leiden, ein gerechter Eifer, ein gerechter Zorn, ein verzehrendes Feuer geht von ihm wider alles Böse aus. Ist das nicht sehr begreiflich? Gott würde nicht mehr Gott sein, wenn es nicht also wäre; denkt euch ihn als den Allmächtigen, Allweisen, Barmherzigen, aber nicht als den Heiligen und Gerechten, und ihr habt keinen Gott mehr.

Darum redet aber die Schrift, die Gottes milde Güte unerschöpflich preist, auch an unzähligen Stellen von diesen ernsten und strengen Eigenschaften. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, rufen die Seraphim, und decken dabei mit zwei Flügeln ihr Antlitz vor dem hellen Glanz des majestätischen Gottes; und Jesaia spricht: Weh mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen, und habe den König, den Herrn Zebaoth gesehen. Josua spricht 24, 19: Er ist ein heiliger Gott, ein eifriger Gott, der eure Übertretungen und Sünden nicht schonen wird. Der Psalmist spricht 97, 2. 3: Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhles Festung, Feuer geht vor ihm her, und zündet an umher seine Feinde. Paulus Röm. 1, 18: Gottes Zorn vom Himmel wird geoffenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten. Herr, betet Mos. 2. B. 15, 11, wer ist dir gleich, der da so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig sei?

Teure Freunde! Fürwahr, Gott ist ein heiliger Richter über der Welt, und als solcher muss er die Sünde strafen. Er ist nicht ein schwacher Vater, dass ihn seine Kinder ungescheut verachten dürften, nicht ein schwacher Fürst, dessen Gebote seine Untertanen ungeahndet übertreten könnten. Nachdem einmal die Sünde an uns ist, ist das Gericht über uns. Heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, d.h. der Herr der himmlischen Heere, die bereit stehen, seine Befehle zu vollstrecken und die Sünder zu stürzen. So ist die Welt verloren, denn sie ist eitel Sünder.

Doch wie? Er ist ja auch gütig, gnädig, barmherzig, und will den Tod des Sünders nicht. Er hebt seine Gotteshand in die Wolken und schwört bei sich selbst: So wahr als ich lebe, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen. Ezech. 33, 11. Also will seine Liebe vergeben. Aber seine heilige Gerechtigkeit will strafen. Beide Eigenschaften dringen zugleich aus seinem ewigen Wesen hervor, und wollen sich kundmachen und betätigen. Was wird das werden? Sind sie nicht miteinander im Streit? Welche wird siegen, welche unterliegen?! Teure Freunde, keine darf unterliegen, beide müssen siegen, beide aus diesem scheinbaren Streit und Widerspruch glorreich und friedlich hervorgehen.

Zu seiner ernsten Heiligkeit und seiner brünstigen Liebe tritt seine göttliche Weisheit, und weiß ein wunderbar herrliches Mittel, dass beide befriedigt werden. Der ewige Vater spricht: ich will meinen eingebornen Sohn dahingeben, dass er, der Unschuldige und über den Himmel Erhabene, den Fluch auf sich nehme, den meine Gerechtigkeit über die Sünde verhängt; und der Sohn spricht: Ja, Vater, das ist's, was ich will, ich will die Menschen erlösen, ich will die Blitze des Gerichts auf mich gehen lassen, dass sie die Sünder nicht zerschmettern; und der Geist spricht: Amen! Amen! Das ist der Rat, den der Dreieinige bei sich beschloss im stillen Schoße der Ewigkeit, unbelauscht von den Kreaturen; das ist das gottselige Geheimnis, verborgen von der Welt her, den alten Propheten gelüftet in geweihten Stunden, zur erfüllten Zeit offenbart, welches auch die Engel gelüstet zu schauen. Der eingeborne Gottessohn wird Mensch, leidet und stirbt für die Menschen. O seliges Evangelium: Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt (2. Kor. 5, 21). Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gegeben hat für Alle zur Erlösung. (1. Tim. 2, 5). Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Friede hätten (Jes. 53, 5). Christus hat einmal für unsere Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, auf dass er uns Gott opferte. (1. Petr. 3, 18). So ist denn gestraft und begnadigt zugleich. Steht nun der sündige Mensch vor dem Könige, „mächtig, heilig, schrecklich,“ dem Herrn Zebaoth, und ruft das schuldbeladene Gewissen: Wehe mir, ich vergehe! so nimmt der Seraph eine glühende Kohle vom Altar der Versöhnung, und rührt die unreinen Lippen, die unreinen Hände, das unreine Herz, dass seine Missetat von ihm genommen werde, und seine Sünde versöhnt sei. Und so besteht denn Gottes Heiligkeit und seine Liebe im schönsten Verein; keine muss weichen, keine wird verdunkelt, beide werden verklärt, beide treten hellleuchtend hervor in diesem wunderbaren Erlösungswerk. Ja, Freunde, am Kreuz Christi da strahlt der Ernst und die Gnade Gottes, wie sonst nie und nirgends. Ach, denkt es doch, was das für eine Liebe sei, die des eignen Sohnes nicht verschont, sondern ihn für die abtrünnige Welt dahingibt, und wie heilig der Herr sein müsse, der eher das Gericht gegen sich selber kehrt, als dass er der fluchwürdigen Sünde ihr Recht nicht täte.

Es ist das Erlösungswerk freilich ein Wunder vor unsern Augen; aber die vom Geist erleuchteten Augen erkennen es mit Staunen und Anbetung. O wie sind nun erst alle Lande seiner Ehre voll, da die höchste Tat des großen Gottes, da das Wort von der Versöhnung über die Welt hin gepredigt wird! Engel und Menschen schauen Golgatha an, den Berg, von dem die heiligen Gnadenströme in alle Lande ausfließen, und rufen mächtig, dass die Pforten der Hölle erbeben, und lieblich, dass alle müden Herzen sich erquicken: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, herrlich in seiner ungetrübten Klarheit, in seiner unverletzten Gerechtigkeit, herrlich, heilig und hehr in seiner überschwänglichen, unergründlichen Liebe; alle Lande, Erde und Himmel, sind seiner Ehre voll!

Brüder und Schwestern! ihr werdet es erkennen, wie geeignet die heutige Betrachtung sei, uns auf das Christfest vorzubereiten. Sie führt uns bis zu Christo selbst hin. Dieser stehet da als die Zuflucht der sündigen Welt vor dem drohenden Ungewitter des göttlichen Zorns, als der Gnadenstuhl, zu dem wir arme, verlorene und verdammte Menschen mit Freudigkeit hinzutreten können, als der offene Zugang für Alle, für Alle, in Einem Kindesgeist zum Vater. Wer also Christum verschmäht, der kann sich der Gnade nicht getrösten, denn er verwirft den, in welchem sie gegeben ist, und außer welchem sie nicht ist. Möchten es doch Alle fassen und merken, was ein erleuchteter Mann unserer Tage so richtig gesagt hat: Nicht darin besteht Gottes Barmherzigkeit, dass er die Sünde für nichts achtet, sondern darin, dass er selbst seinen eigenen Sohn zu ihrer Versöhnung dahingibt.“ Zu dem Versöhner müsst ihr Euch halten, wenn die Strafe nicht euer eigenes Haupt treffen soll. Das ist je gewiss wahr! Euer eigenes Gewissen, wenn ihr zu dem Dreimalheiligen aufblickt, sagt: eine Versöhnung muss stattfinden! und die von Gott geordneten Opfer des Alten Bundes, wo immer Blut vergossen wurde zur Versöhnung, und ohne Blutvergießen keine Vergebung geschah (Hebr. 9, 22), sagen's auch. Und selber die blinde Heidenwelt bestätigt's; denn überall erblicken wir Opfer für die Sünde; und ist das eine dunkle, aber tiefe Ahnung von dem, was die ewige Gerechtigkeit über uns fordert. Aber alle solche Opfer sind nur Schatten und Vorbild, gelten selber nicht; Christus opfert ein Opfer für die Sünde, das ewig gilt. Hebr. 10, 12.

So komm, du Versöhner, Mittler, du Friedefürst! Komm herein, o Jesu! in unsere Welt, komm herein zu dem Volk von unreinen Lippen. Rühr uns an als der rechte Engel des Bundes mit der glühenden Kohle von deinem Opferherd; rühr unser Herz, dass alle seine Schuld und Sünde verzehrt werde; rühr unsern Mund, dass er heilig und feurig werde zu deinem Lob. Wir glauben an Dich, du Mensch gewordener und Gekreuzigter! wir wollen dich freudenreich und lobsingend empfangen. Wir strecken unsre Arme, unsre Seele nach dir aus. Nach dir, nach dir, den ich fasse und nicht lasse, ewig wähle, dürstet meine ganze Seele. O komm, du schöne Freudenkrone, du Himmelssonne und Seelenwonne! Ja komm, Herr Jesu! Amen.

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