Jäger, Gottfried Heinrich - Dein Reich komme!
Beichtrede über Matth. 6, 10
von G. Jäger, Pfarrer in Leipzig-Eutritzsch.
„Dein Reich komme!“ Geliebte in dem Herrn! Habt ihr's heute auch gebetet in eurem Vaterunser? Ihr wisst, Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet, und niemand kann es aufhalten, wenn es dem Senfkorn gleich zum mächtigen Baume weiterwächst, wenn es als ein heilsamer Sauerteig von innen heraus alles durchdringt. Habt ihr darum so recht von Herzen gebetet: „Zu uns komme dein Reich!“? Habt ihr mit solchem Morgensegen euch selbst, euer Herz und Haus, segnen wollen, dass im Laufe der Tagesarbeit euch das Höchste, das Beste nicht verloren gehe, dass an diesem besonderen Tage, eurem Beicht- und Kommunionstage, das Himmelreich euch besonders nahe komme? Ja, es will nicht nur euch nahe kommen, es will in euch eingehen. Wir meinen immer, wenn wir von einem Reiche Gottes hören, wir müssten in dasselbe eingehen, und gewiss, auch so redet die Heilige Schrift zu uns von dieser wichtigsten Angelegenheit, die es für uns gibt. Wenn aber daneben der Herr umgekehrt von einem Kommen des Reiches Gottes zu uns spricht und in dieser Weise uns bitten heißt, so will er uns daran erinnern, wie es zugeht schon im Reiche der Schöpfung nach den Worten des weltlichen Dichters: „Aber zum Himmel kommst du nicht; zu dir muss der Himmel kommen: er kommt hernieder in Sonnenlicht und Wolkenströmen geschwommen,“ und wie es zugegangen ist mit dem Reiche der Gnade nach den Worten des geistlichen Dichters: „Er hat sich unser angenommen, ihn jammert unser gar zu sehr; weil wir zu ihm nicht konnten kommen, kam er zu uns von oben her; es war die wundervollste Lieb', die ihn zu uns ins Elend trieb.“ Und da ist's auch schon ausgesprochen, wie es zu uns kommt: das Königreich Gottes nicht ohne den König, nicht anders als durch den König des Reichs, in ihm und mit ihm. Der Herr Jesus Christus, der mit dem Vater ewiglich herrscht, hat das Himmelreich einst auf Erden gebracht, und nicht nur es verkündigt. Und aus seiner himmlischen Herrlichkeit hernieder, in die er eingegangen ist, tönt sein Zuruf an dich, so oft sein Wort dir ans Ohr dringt, und insbesondere, wenn du Abendmahlsgast an seinem Gnadentische zu sein begehrst, sein Zuruf: „Siehe, ich stehe vor deiner Tür und klopfe an!“ In seinem Heiligen Geiste will er dir ebenso nahe sein, wie wenn du ihn mit Augen sähest und fühltest den Druck seiner Hand; im Geiste will er kommen und Wohnung machen in deinem Herzen. Da bringt er sein Reich mit und richtet es auf in dir. Ach, es kommt nicht mit äußerlichen Gebärden, wären es auch fromme Gebärden, wären sie auch nicht bewusste Heuchelei, sondern gut gemeint, aber Selbstbetrug. Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, wäre es selbst das Essen und Trinken beim heiligen Mahle, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist; die danach hungern und dürsten, die sollen satt und selig werden.
Nun, meine Lieben, wenn ihr heute auf dem Wege zum Altare gebetet habt: Vater unser im Himmel, zu uns komme dein Reich! so bedenkt es wohl: an seinem Kommen fehlt's nicht, nur an eurem Aufnehmen könnte es fehlen! Dem Könige eurer Herzen sollt ihr den rechten Empfang bereiten. Und die an ihn gerichtete Frage: „Wie soll ich dich empfangen, und wie begegn' ich dir?“ wird zur Frage der Selbstprüfung, zur Beichtfrage an euch selber. Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Wenn der König des Himmelreichs zu dir kommen will, so musst du deine Wohnung, das heißt dein Herz, reinigen und aufräumen. Im Schmutz der Sünde kann er sein Zelt nicht ausschlagen. Schon eure Hoffart vor allem ist ihm ein Gräuel. Und nicht erkennen wollen, wie armselig auch im besten Falle diese deine Wohnung für ihn ist, also dass das Schmücken derselben ihm selber ganz und gar überlassen bleiben muss, nicht eingestehen wollen, dass du überall nur schadhafte Stellen hast, die durchs Verdecken nicht besser werden, all' solche Überhebung versperrt ihm den Weg. O, tue Buße, gründlich und ehrlich: das Reich Gottes will dir auch im heiligen Abendmahl Vergebung deiner Sünden bringen und Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Und weiter: wenn der König der Ehren einziehen soll, tue die Tür deines Herzens weit auf nicht nur in offenem Beichtbekenntnis, sondern auch in ehrlich verlangendem und hoffendem Glauben. Traue deinem Herrn und Heilande recht viel zu und lauter Gutes. Hoffe auf sein Vergeben und auf sein Geben, auf seine lossprechende und innerlich befreiende, rettende, heilende, erneuernde Gnade. Das Reich Gottes will dir Frieden mit Gott schenken und neues Leben! Und endlich sei bereit, die dargereichte Kraft treulich zu benutzen! Zu Buße und Glauben hierzu bringe deinem Könige auch ein Gelübde entgegen, das, welches dem Untertanen geziemt: das Gelübde des Gehorsams, nun nach seines Reichs Gesetzen zu leben. Und seine Gebote sind nicht mehr eine Last für den, der ihn liebt und andere so liebt, wie er uns geliebt hat. Das Reich Gottes will dir Freude im Heiligen Geist und Freudigkeit geben, die in Seligkeit sich vollenden. O, König ohnegleichen, diese Herzen wollen sich dir auftun: dein Reich komme! Amen.