Hofacker, Wilhelm -Am Feste der heiligen Dreieinigkeit. (Zweite Predigt.)

Hofacker, Wilhelm -Am Feste der heiligen Dreieinigkeit. (Zweite Predigt.)

Text: Tit. 3, 4-8.
Es erschien die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unseres Heilandes, nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir getan hatten; sondern nach seiner Barmherzigkeit machte er uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes, welchen Er ausgegossen hat über uns reichlich durch Jesum Christum, unsern Heiland, auf dass wir durch desselbigen Gnade gerecht und Erben seien des ewigen Lebens nach der Hoffnung; das ist je gewisslich wahr!

„Ich preise dich, Vater und HErr Himmels und der Erde, dass du Solches den Klugen und Weisen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart“ (Matth. 11, 25.) Dies ist eines der wenigen Gebete, die uns aus dem Munde Christi aufbehalten sind. Er-sprach diese Worte aus mit Beziehung auf jenes unerforschliche Geheimnis, dass der Vater ihm Alles übergeben habe, und dass Niemand den Sohn kenne, außer der Vater, und Niemand den Vater, außer der Sohn, und wem es der Sohn wolle offenbaren, und es reißt ihn zu einem Lobe und Preise Gottes hin, dass dieses Geheimnis dem Verstand der Verständigen verschlossen, dem Unmündigen entschleiert sei, welche mit Verzichtleistung auf die Eingebungen und Trugschlüsse ihrer natürlichen Vernunft sich in die Schule des Geistes begeben, der, weil Er auch die Tiefen der Gottheit erforscht, seine Zöglinge in alle Wahrheit zu leiten, und ihnen die Geheimnisse des Reichs Gottes zu dolmetschen vermag. An welchem Tage aber, meine Lieben! ziemt es sich mit größerem Recht, dieser denkwürdigen Worte sich zu erinnern, als an dem heutigen, wo wir in der Reihe unserer kirchlichen Feste bei dem unerforschlichen Geheimnis der göttlichen Dreieinigkeit angelangt sind? Vergeblich hat sich von Alters her der Scharfsinn edler und tiefer Denker zerarbeitet, um seine Rätsel zu lösen, und die Schleier, die darüber hergebreitet sind, zu lüften; aber immer noch steht unser Geist, wenn er den Gott begreifen will, der Einer und doch ein dreifacher ist vor einer Tiefe in die er nur schwindelnd hinabschauen kann; immer noch tut sich hier vor uns ein Abgrund auf, in welchem auch der unermüdetste Forschungstrieb auf keinen festen Grund und Boden kommt, und wenn irgendwo so muss hier unser Verstand anerkennen, dass unser Wissen und Verstehen Stückwerk ist, und dass wir einer andern Welt harren müssen, wo das Stückwerk aufhören, wo die vollkommene Erkenntnis uns aufgehen, und der ewige dreieinige Gott vor uns und in uns sich verklären wird von einer Klarheit zur andern. Jedoch auch schon hienieden ist den Unmündigen Manches offenbart, was dem Verstande der Klugen und Weisen verborgen ist; ja manche Wahrheit, in welcher die natürliche Vernunft nur Ärgernis und Torheit findet, wird dem Glauben nicht nur zu göttlicher Kraft, sondern auch zu göttlicher Weisheit. So ists dem Verfasser unseres vorhin gesungenen Lieds mit dem Geheimnis der göttlichen Dreieinigkeit gegangen. Zwar erforscht, ergründet und ausgeschöpft hat er die Tiefe und den Reichtum dieser Erkenntnis nicht; aber doch hat er die kostbaren Schätze genannt, die darin verborgen liegen, in dem er zu singen anhebt:

Vater, du hast mir erzeigt
Lauter Gnad und Gütigkeit;
Und du hast zu mir geneiget,
Jesu deine Freundlichkeit;
Und durch dich, o Geist der Gnaden!
Werd' ich stets noch eingeladen.
Tausend, tausendmal sei dir,
Großer König! Dank dafür!

Wahrlich - eine solche Erkenntnis der göttlichen Dreieinigkeit ist nichts Totes und Leeres und Trockenes, sondern Leben, Kraft und Fülle; und diese Erkenntnis steht auch dem Unmündigen offen; ja auch Kindern am Verständnis kann sie beigebracht werden, dass sie die Wahrheit jenes Wortes Christi erfahren: das ist das ewige Leben, dass sie den, der allein der wahrhaftige Gott ist, und den Er gesandt hat, Jesum Christum erkennen (Joh. 17, 3.). In eine solche lebensvolle und segensreiche Erkenntnis der Unerforschlichkeit Gottes wollen wir uns denn heute unter der Leitung des Geistes von oben einleiten lassen, indem wir betrachten:

Wie dem Glauben die Rätsel in der Erkenntnis des unerforschlichen Gottes in Klarheit sich lösen.

1) Dem Glauben ist Gott aus einem verborgenen ein offenbarer,
2) Dem Glauben ist Gott aus einem unnahbaren ein leutseliger,
3) Dem Glauben ist Gott aus einem richtenden und vernichtenden ein erneuernder und lebendig machender geworden.

I.

1) Es ist erschienen die Leutseligkeit und Freundlichkeit Gottes, unseres Heilandes: so beginnt der Apostel in unserer heutigen Abendlektion. Er erweist sich hiermit als einen Herold des neuen Bundes und als einen Boten des holdseligen Evangeliums. Wenn die Propheten des alten Bundes ausrufen mussten: wahrlich du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels (Jes. 45, 15.), wenn sie klagen mussten: dein Fußtritt ist wie in tiefen Wassern, da die Spur uns vergeht und die Fährte uns zerrinnt, ja wenn sie mit Sehnsucht gen Himmel blickten und in die Worte ausbrachen: Ach dass die Wolken rissen und die Himmel sich zerteilten und der HErr herabführe und sich offenbarte; so hören wir dagegen die Boten des neuen Bundes ausrufen: Das Leben ist erschienen, der Aufgang aus der Höhe ist angebrochen, der verborgene Gott ist offenbar geworden; wir sehen seine Herrlichkeit als die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater voll Gnade und Wahrheit. Denn es war ja Der erschienen, der sagen konnte : Wer mich sieht, sieht den Vater. So konnte der Heiland sprechen, in welchem der schweigende Gott ein redender, der unsichtbare ein sichtbarer, der verborgene ein offenbarer und zugänglicher geworden ist, sintemal Er der Abglanz der göttlichen Herrlichkeit und das Ebenbild seiner Klarheit ist. Hören wir Christum reden, so vernehmen wir Gottes Stimme; sehen wir Christum handeln, so erblicken wir Gottes Taten; mit Einem Worte: In Christo haben wir einen offenbaren Gott. Gehet hin zu den Heiden und fraget nach ihrem Gott! sie wandeln hin zu den stummen Götzen, die kein Ohr haben zu hören, kein Auge zu sehen, keinen Arm zu helfen, keinen Mund zu reden; sie dienen in der Blindheit ihres Sinnes einem unbekannten und verborgenen Gott. Gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel und fraget nach ihrem Gott! Es ist der Gewaltige, der über den Cherubim thront; es ist der Herrliche, dessen Stuhl im Himmel ist; es ist der Unsichtbare, der Himmel und Erde erfüllt. Aber noch hängt die Decke Moses vor ihren Augen, dass sie nicht sehen die Klarheit Gottes im Angesicht Jesu Christi, und darum dienen sie einem verborgenen Gott, der doch schon seit 1800 Jahren in Christo offenbar geworden ist. Gehet aber auch hin zu so Vielen in den Bereichen unserer Grenze unserer gegenwärtigen Christenheit und fragt nach ihrem Gott! Fraget nach dem Gott unserer ersten Philosophen und weltbekannten Dichter! fraget nach dem Gott so mancher Politiker und Zeitungsschreiber! fraget nach dem Gott so mancher aufgeklärter Herren und Damen, nach dem Modegott unserer Tage; ist es der in Christo Erschienene, durch Christum Redende? Nein, es ist ein totes Unding; höchstens bringt man da es zu einem Schicksal, das Alles regiert, oder zu einem Zufall, der in den Weltbegebenheiten spielt, oder zu einem Himmel, der zürnt oder gnädig ist, oder wenn es am höchsten kommt, zu einer Vorsehung, auf die man sich als letzten Notanker verlässt; aber keine Rede ist von einer göttlichen Rede und Offenbarung an uns, keine Rede ist von einem Umgang Gottes im Gebet mit uns, keine Rede ist von einer Gnadenwirkung Gottes auf und in uns. Das Alles ist Fabelei, Unsinn, Selbstbetrug und Schwärmerei; der Modegott unserer Lage ist wie der Götze Baal auf dem Berge Carmel, bei welchem keine Stimme noch Antwort noch Aufmerken auf das Rufen seiner Verehrer war; es ist ein Gott, der nicht mit ihnen redet und mit dem sie nicht reden; es ist ein Gott, der nicht auf sie merkt und auf den sie nicht merken; es ist ein Gott, der sie nicht labt und den sie nicht laben, mit Einem Worte: ein verborgener, unbekannter Gott. Arme Christenheit, wie lange willst du doch dich noch gängeln lassen von der falschberühmten Kunst? wie lange dich noch äffen lassen vom Fürsten der Finsternis, der die Sinne der Ungläubigen verblendet, dass sie nicht sehen das helle Licht von der Klarheit Gottes im Angesicht Jesu Christi? In ihm liegen verborgen alle Schätze der Erkenntnis und Weisheit; in ihm ist Gnade um Gnade offenbar geworden, und wer ihn annimmt, der versiegelt es, dass Gott wahrhaftig und Christi Wort gewiss ist: Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh. 8, 12; 12, 46.).

2) Im Grunde genommen darf es uns nicht wundern, dass Gott den Meisten ein verborgener und unbekannter Gott ist. Denn durch die Sünde sind wir Alle aus seiner Gemeinschaft und eben damit auch aus seiner Erkenntnis herausgewiesen und der Finsternis anheimgefallen, und wenn Er auch, wie Paulus sagt, nicht ferne ist von einem Jeglichen von uns, ja wir sogar in ihm leben und weben und sind (Apostelgesch. 17, 27. 28.), so fehlen uns doch die Gefühlsorgane für ihn, das Auge um ihn zu sehen, das Ohr um ihn zu hören, der Sinn, um ihn zu fassen und zu verstehen; und ehe deswegen der HErr sein Hephata über uns ausspricht, bleiben wir auch in Finsternis und in Todesschatten. Was hilft's dem Blinden, wenn er in der bezauberndsten Gegend steht, die alle Herrlichkeit vor ihm entfaltet hat? was hilfts dem Geruchlosen, wenn er unter dem herrlichsten Blumenflor wandelt, der seine Düfte zu ihm emporsendet? Soll deswegen der verborgene Gott uns ein offenbarer, der unbekannte ein bekannter werden, so kann dies nur geschehen durch Erleuchtung von oben und durch eine Offenbarung des Heiligen Geistes. Deswegen sagt auch der Heiland zu einem Petrus, als ihm das Geheimnis seiner Person aufgeschlossen wurde: Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel (Matth. 16, 17.); deswegen bekennt auch Paulus von sich selbst: es gefiel Gott wohl, seinen Sohn in mir zu offenbaren (Gal. 1, 15.). Gott muss in uns offenbart werden in Christo durch den Heiligen Geist; dann schwinden die Nebel und die Sonne geht auf; dann zerstreut sich die Finsternis und der Tag bricht an; dann lösen sich die Rätsel und des HErrn Wahrheit behält den Sieg. O wie geht dann ein Licht nach dem andern in der Seele auf: was man für Torheit achtete, das schätzt und erkennt man als Weisheit, und was man als ungereimt und unbegreiflich verwarf, das hält man nun teuer und hoch; man wird eingeführt in die Geheimnisse des inneren Lebens, man versteht, was es heißt: wenn du mich klein machst, machst du mich groß; oder: wer weise werden will, werde ein Narr (vgl. 1 Kor. 3, 18.); oder: wenn ich schwach bin, so bin ich stark (2 Kor. 12, 10.); oder: wer nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht (Röm. 4, 5.); oder: die Nichts inne haben und doch Alles haben (2 Kor. 6, 10.); lauter Dinge, die man vorher für unbegreiflich gehalten hat, in denen man aber nun Frieden und Leben und volle Genüge findet. Ja man wird auch eingeführt in die Geheimnisse seiner äußeren Führung. Wie dunkel und rätselhaft liegt vor dem Unwiedergeborenen und Unerleuchteten sein eigenes Leben! Er versteht, er begreift die Absichten Gottes nicht; darum auch, sobald Etwas gegen seinen Sinn geht, die immer wiederkehrende Frage: Warum aber mir das? wo habe ich das verdient? der Wiedergeborene frägt nicht mehr so; er hat die Salbung und weiß Alles; er weiß warum der HErr dieses und jenes Gut ihm versagt, er weiß, warum der HErr dieses und jenes Opfer ihm auferlegt, er weiß, warum der HErr diese oder jene Demütigung über sein Haus, über seine Familie oder über sein eigenes Leben gehen lässt; und wenn er auch nicht Alles erkundet hat, so weiß er doch, dass es muss licht in seiner Seele werden und das Wort Christi auch an ihm erfüllt werden wird: was ich tue, das weißt du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren (Joh. 13, 7.). Ja man kann noch einen Schritt weiter gehen: wein Gott in Christo offenbart ist, der bekommt auch einen Blick in die sichtbare Schöpfung; vorher war sie ihm ein reizendes, anmutiges, leuchtendes Angesicht, dem aber, wie der Marmorbildsäule, das lebendige Auge fehlte; jetzt aber sieht ihn auch aus ihrem Gebilde das Sonnenauge Christus an: in der aufgehenden Sonne sieht er Christum, den Anbruch eines neuen Tages, in ihrem blutroten Untergang den Niedergang Christi auf Golgatha, in den Gartenbeeten, die die fleißige Gärtnershand reinigt und begießt und bepflanzt, erblickt er den Garten der Kirche Christi, in welchem er, der Himmelsgärtner, waltet und wirkt; und in den Bächen und Wässerlein, die durch die Fluren rieseln, sieht er nun die Ströme des ewigen Lebens, die vom Leibe Christi flossen. Kurz überall begegnet ihm das Bild des allmächtig Wirkenden, des allweise Lenkenden, des gnadenreich Segnenden, der in Christo aus der Verborgenheit hervorgetreten und offenbar geworden ist; der verborgene und unbekannte Gott ist ihm zu einem offenbaren und bekannten geworden. O meine Lieben! sucht auch ihr ihn zu erkennen!

II.

1) Jedoch nicht bloß, aus einem verborgenen wird dem Glauben Gott ein offenbarer, sondern auch aus einem unnahbaren ein leutseliger.

Derselbe Apostel, der im Brief an den Timotheus sagt: Gott der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und HErr aller HErren, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, da Niemand zukommen kann, welchen kein Mensch gesehen hat, noch sehen kann (1 Tim. 6, 15.), derselbe Apostel sagt in unserer Abendlektion: es ist erschienen die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unseres Heilandes. In Christo` also ist der unnahbare Gott ein leutseliger, der majestätische HErr und König des Weltalls ein freundlich naher, der in unzugänglicher Herrlichkeit Thronende ein herablassender und huldreicher Freund unserer Seelen geworden. Es gehört zu den Wundern, die kein Verstand begreifen, zu den Rätseln, die kein Scharfsinn lösen kann, dass der Unnahbare uns so nahe geworden, der Heilige und Gerechte in solcher Gnade und Barmherzigkeit sich uns offenbart, und der Hohe und Erhabene so tief sich zu uns erniedrigt hat. Und doch ist es so: dort, wo Er in der Krippe liegt als ein schwaches hilfsbedürftiges Kind, gehüllt in unser armes Fleisch und Blut, von Niemand erkannt, von Niemand aufgenommen, dort erscheint Etwas von der Leutseligkeit unseres Gottes; dort, wo Er umher wandelt und nicht müde wird Gutes zu tun, und den Kranken Gesundheit, den Gebrechlichen Heilung, den Bekümmerten Trost zu bringen; dort, wo Er bei einem Zachäus einkehrt und mit den Sündern isst, und einer Magdalena vergibt, und einen Schächer tröstet, - dort offenbart sich Etwas von der Leutseligkeit unseres Gottes. Dort, wo Er auf seinen Knien liegt, um unsern Fluch zu tragen, dort, wo Er auf Gabbatha steht, um in unsere Schmach sich zu kleiden, dort, wo Er am Kreuze hängt, um unsere Missetat zu tilgen, dort offenbart sich Etwas von der Freundlichkeit des Gottes, der aus einem unnahbaren ein leutseliger geworden ist. Ja endlich dort nach der Auferstehung, wo Er die trauernde Freundin mit Namen Maria“ ruft, oder zu den versammelten Jüngern spricht: „Friede sei mit euch!“ oder am See Genezareth fragt: „Kindlein, habt ihr Nichts zu essen?“ dort offenbart Er die Freundlichkeit des Gottes, der aus einem unnahbaren ein leutseliger geworden ist. Ja wenn man eine Überschrift suchen wollte über die ganze evangelische Geschichte, - man würde keine passendere, keine schlagendere finden, als das Wort unseres Textes: Es ist erschienen die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unseres Heilandes.

Und wie notwendig war es, dass Er, der große Gott, alle Herrlichkeit ablegte, allen Glanz von sich entfernte, seine Klarheit verhüllte und in Knechtsgebärden uns entgegentrat, wie notwendig war es, wenn unsere verschüchterten Gemüter Mut fassen, wenn unsere blöden Gewissen sich ermannen, wenn unsere zaghaften Herzen mit Freudigkeit hinzutreten sollten. Denn was ist das Grundgefühl unseres Herzens, wenn wir dem großen majestätischen Gott gegenüberstehen? was ergreift uns, wenn wir seine Heiligkeit ermessen, kraft deren Er selbst in seinen Engeln noch Torheit erkennt, wenn wir seine Gerechtigkeit erwägen, kraft deren Er ein Gott ist, dem das gottlose Wesen nicht gefällt, und, wer böse ist, nicht vor ihm bleiben kann? was durchschüttert uns, wenn wir an den denken, vor dem die Erde ist wie ein Tropfen am Eimer, und die Welt wie das Scherklein, das in der Wage bleibt? O gewiss nichts Anderes, als Furcht und Bangigkeit, nichts Anderes als Schrecken und Betrübnis; denn es ist uns ins Herz geschrieben, dass Er die Sünden heimsucht bis ins dritte und vierte Glied, und dass sein Zorn offenbart wird vom Himmel wider alle Ungerechtigkeit und das Feuer seiner Heiligkeit hinunterbrennt bis in die unterste Hölle. Aber in Christo ist Er uns ein leutseliger, ein freundlicher, ein barmherziger Heiland geworden, von dem man rühmen und preisen kann:

Barmherzig, gnädig, geduldig sein,
Uns täglich reichlich die Schuld verzeihn,
Heilen, stillen, trösten, erfreu'n und segnen,
Und unserer Seele als Freund begegnen,
Ist deine Lust.

In Christo hat Er sich zu uns genaht und dadurch uns den Weg gebahnt, dass wir zu ihm nahen können; in Christo lässt Er sein Vaterangesicht über uns leuchten, und der Glaube darf sprechen: nun wir sind denn gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HErrn Jesum Christ (Röm. 5, 1.); ja er darf noch weiter sprechen: So ist denn nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist (Röm. 8, 1.), ja er darf noch eine Sprosse weiter hinansteigen: Ich bins gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum noch Gewalt, weder Zukünftiges noch Gegenwärtiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur mag mich scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesu Christo ist, unserem HErrn (Röm. 8, 38.39.). So ist der Unnahbare in Christo ein leutseliger und freundlicher geworden. 2) Dem Glauben soll der große Gott nicht bloß aus der Verborgenheit hervor, sondern auch in seiner Leutseligkeit näher treten. Erst dann wissen wir, was wir an ihm haben; erst dann sind wir zu einer wahren und lebendigen Erkenntnis hindurchgedrungen.

Manchem ist Etwas von Gott und seinen heiligen Gnadenabsichten offenbar geworden; Manche wissen Etwas zu sagen von der Kraft und dem Trost, der im Namen Jesu Christi liegt, Manche haben auch schon erfahren und geschmeckt, wie freundlich der HErr ist, und wie eitel Güte und Barmherzigkeit seine Wege sind. Aber doch will sich der Umgang mit ihm zu keinem stetigen und ersprießlichen gestalten; dennoch sind sie noch weit entfernt von der Erfahrung jenes Liedes:

Vor Jesu Augen schweben
Ist wahre Seligkeit.

Die Leutseligkeit und Freundlichkeit ihres Gottes und Heilandes ist doch noch nicht die beständige Begleiterin auf ihrem Lebenswege.

Woher dies? die Gründe können verschieden sein. Meistens stehen sich die Seelen selber im Licht; bei dem Einen ist eine gewisse Flatterhaftigkeit des Geistes daran Schuld, die sie zu keinem steten und geordneten Gange kommen lässt, indem sie, statt ihre Sinne zu bewahren in Christo Jesu, abschweifen, im Gebet lässig und träge und in der Wachsamkeit weichlich und saumselig sind. Bei Andern ist ein geheimes Welt- und Sündenleben, das sie noch nicht überwunden haben, ein gewisses kreatürliches Leben, das noch nicht in den Mörser der Verleugnung geworfen und darin zerstampft wurde; sie können Dies und Jenes nicht opfern und darangeben. Bei noch Anderen ist es der unevangelische Wahn, als ob das Maß ihrer Besserung und Heiligung auch das Maß für die Erweisungen der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit wäre; sie können sich der Freundlichkeit Gottes nicht getrösten, so lange sie noch diese oder jene Flecken an sich entdecken, diese oder jene Unart in ihrer Seele aufschießen sehen, während doch Paulus mit so großem Nachdruck ausruft: Es erschien die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unseres Heilandes; nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit machte Er uns selig. Kurz es verkümmern sich viele bald auf diese bald auf jene Weise jenes Leben und Schweben vor dem Angesicht des leutseligen Gottes und Heilandes; sie verbittern sich durch eigene Schuld das Wandeln vor seinen Augen, ohne seine Süßigkeit zu schmecken und seine Kraft zu kosten. Und doch ist ja erschienen die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unseres Heilandes, dass wir sie genießen und erfahren, und mit jenem gläubigen Jünger ausrufen:

Ach, mein HErr Jesu, dein Nahesein
Bringt großen Frieden ins Herz hinein,
Und dein Gnadenanblick macht mich so selig,
Dass auchs Gebeine darüber fröhlich
Und dankbar wird.

III.

Aber noch Eines ist zurück: der verborgene Gott soll uns ein offenbarer, der unnahbare soll uns ein leutseliger, aber endlich auch der richtende und vernichtende Gott soll uns ein erneuernder und lebendig machender werden.

„Er macht uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes,“ - so spricht der Apostel, indem er den letzten Endzweck aller Offenbarungen und aller Gnadenerweisungen im Großen und Kleinen zusammenfasst. Auf Erneuerung zielen alle seine Wege, auf Erneuerung des Sinnes, auf Erneuerung des Herzens, auf Erneuerung der Menschheit, auf Erneuerung des Himmels und der Erde. Er, der bei der einzelnen Seele spricht: Wache auf und werde lebendig! Er, der dem einzelnen wiedergeborenen Geist das Zeugnis gibt: so Jemand in Christo ist, der ist eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen; siehe es ist Alles neu worden (2 Kor. 5, 17.): Er will auch der Menschheit zurufen und über die ganze sichtbare Schöpfung den Vollendungsruf ergehen lassen: Siehe ich mache Alles neu (Offenb. Joh. 21, 5.)

Aber, meine Lieben! Wo erneuert werden soll, da muss das Alte zuvor abgetan werden. So sagte Jesus mit Beziehung auf sich selbst: es sei denn dass das Weizenkorn in die Erde falle und verwese, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, da bringt es viele Frucht (Joh. 12, 24); so musste Er selbst leiden und sterben, ehe Er zur Herrlichkeit bereitet war. Und hiermit sprach Er zugleich ein allgemeines Grundgesetz aus, das nicht bloß im Reich der Natur gilt, sondern auch in seinem Königreich, ein Gesetz für diese ganze Erde, welche in den Schmelztiegel des Feuers wird geworfen werden, ein Gesetz für unsern Leib, welcher der Verwesung preisgegeben wird, damit ihn Gott umschaffen könne, ein Gesetz vor allem auch für den inwendigen Menschen, indem da, wo ein neuer Mensch erstehen soll, erst der alte mit allen seinen Lüsten, mit seinem ganzen eigenen Willen und Wesen in den Tod muss dahingegeben werden. Darum wird auch von Gott, der also waltet, im Alten Testament (1 Sam. 2, 6.) das große Wort ausgesprochen: Er tötet und macht lebendig, führet in die Hölle und wieder heraus.

Erst in dieser Erkenntnis, dass der HErr, der richtet und vernichtet, zugleich der belebende und erneuernde ist, geht dem Glauben vollends das erhebende Licht auf, vor welchem auch die tiefsten Rätsel sich lösen und die drohendsten Schrecknisse zurückweichen. Er kann sein belebendes Angesicht eine Weile vor dir verbergen und dich in Angst und Trostlosigkeit schmachten lassen, damit der alte Mensch in dir gerichtet und abgetan werde: aber es soll ihm dies nur dazu dienen, dass Er wirklich auch dich erneuere und den Heiligen Geist reichlich durch Christum Jesum über dir ausgießen könne. Du magst schaudern vor dem Tod, dem Sold der Sünde, dem auch dein Leib anheimfällt: aber auch diesen Leib will Gott erwecken, wie Er seinen Sohn erweckt hat, ja auch an ihm soll einst noch die Klarheit des Sohnes Gottes sich abspiegeln. Und auch diese Erde soll im vernichtenden Feuer nicht untergehen, sondern sie soll gereinigt werden zum Wohnsitz des Volkes Gottes, das Ihn dann ohne Hülle schauen darf. Das ist das Ziel seiner geheimnisvollen Wege, die neue Erde und die erneuerte Menschheit, davon die himmlische Stimme ankündigt (Offenb. Joh. 21, 3.): Siehe da eine Hütte Gottes bei den Menschen; Er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein, und Er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.

Amen.

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