Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 134.
(1) Ein Lied im höheren Chor. Siehe, lobt den Herrn, alle Knechte des Herrn, die ihr steht des Nachts im Hause des Herrn. (2) Hebt eure Hände auf im Heiligtum, und lobt den Herrn. (3) Der Herr segne dich aus Zion, der Himmel und Erde gemacht hat.
Der letzte der fünfzehn Psalmen, welche die Überschrift haben: „Ein Lied im höheren Chor“, und welche man gewöhnlich die Stufenpsalmen nennt und als Pilgerlieder betrachtet, die von den Wallfahrern zu den hohen Festen nach Jerusalem auf dem Hin- und Rückweg gesungen wurden. Manche Ausleger sehen deshalb diesen unsern 134. Psalm als einen Scheidegruß an, mit welchem zum Schluss der hohen Feste vom Tempel Abschied genommen wurde, so dass etwa die zwei ersten Verse im Namen der heimziehenden Gäste der Priesterschaft zu Jerusalem zugesungen, von dieser aber der letzte Vers den Scheidenden zum Segen mit auf den Weg gegeben worden wäre. Allerdings ein schöner Abschiedsgruß!
Andere glauben, und darauf deutet auch die Überschrift in unsern deutschen Bibeln, dieser kurze Psalm sei allnächtlich bei der Ablösung der Tempelwache von den Leviten gesungen worden, so dass die Levitenabteilung, welche zur Tempelwache aufzog, sich zu ihrem Dienst mit den zwei ersten Versen ermuntert, die abgelöste Mannschaft aber den dableibenden Brüdern den letzten Vers zugesungen hätte. Dreifach war nämlich das Geschäft der Leviten: Dienstleistung bei den heiligen Handlungen, insbesondere den Opfern, Gesang beim Gottesdienst und Tempelwache bei Tag und bei Nacht. Und in Wahrheit recht rührend und ergreifend muss es geklungen haben, wenn in stiller Mitternacht, während Jerusalem schlief, auf dem Berge Moriah solch ein heiliges Loblied durch die nächtlichen Hallen des Tempels scholl, zum Preise des treuen Hüters in Israel, der nicht schlummert noch schläft, und zum Segen über sein Volk, das auch schlafend in des Herrn Schutz und Hut befohlen sein sollte.
Wie dem auch sei, ob der Psalm allnächtlich im Tempel erklang bei der Ablösung der Levitenwache, oder ob er nur jährlich einmal oder ein paarmal gesungen wurde beim Abschied vom Tempel am Schluss der hohen Feste, jedenfalls ist er ein schönes Wächterlied für die Hüter des Heiligtums im geistlichen wie im leiblichen Sinn, im neuen wie im alten Bund. Wir werden darin gemahnt:
1) An die Pflichten,
2) an den Segen dieses Hüteramts.
1) An die geistlichen Hüterpflichten mahnt uns der Psalm:
V. 1 und 2: „Siehe, lobt den Herrn, alle Knechte des Herrn, die ihr steht des Nachts im Hause des Herrn. Hebt eure Hände auf zum Heiligtum und lobt den Herrn.“ Alle Knechte des Herrn werden hier aufgerufen, ihres Amtes zu warten. Wer sind diese Knechte? In verschiedenem Sinn, wie wir wissen, wird dieser schöne Titel vom Wort Gottes gebraucht. Zuerst und im höchsten Sinn ist der Knecht Gottes jener heilige Dulder, der gehorsam war bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, und welchem der Herr schon durch Prophetenmund das Zeugnis gibt (Jes. 42, 1): „Siehe, das ist mein Knecht, ich erhalte ihn, und mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat.“ Auf zweiter Stufe heißen Knechte Gottes die Engel, die himmlischen Boten des Herrn. Auf Erden sodann tragen diesen schönsten aller Titel zunächst die, welche in irgendeiner Weise vor andern zum geistlichen Amt, zum Dienste Gottes berufen sind; seien's Patriarchen wie Abraham, wenn er spricht: „Rede, Herr, dein Knecht hört“; seien's Propheten wie Mose, von dem der Herr selber sagt: „Nicht also mein Knecht Mose, der in meinem ganzen Hause treu ist“ (4. Mos. 12, 7); seien's Apostel, wie Paulus sich einen Knecht Gottes und Diener Jesu Christi nennt; oder seien's wie hier in unserem Psalm die Priester und Leviten, die zum Tempeldienst und Hüteramt im Hause Gottes besonders berufen und geweiht waren. Und so gilt's denn freilich auch in der Kirche des Neuen Testaments vor allem uns, den verordneten Dienern des göttlichen Worts: „Lobt den Herrn, alle Knechte des Herrn,“ die ihr ihm dienen dürft in seinem Haus und des heiligen Amtes warten auf der Kanzel und am Altar, am Taufstein und auf dem Gottesacker - pflegt eures Amtes fleißig zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Aber, meine Lieben, wenn es heißt: „Lobt den Herrn, alle Knechte des Herrn,“ alle Knechte, dürfen wir dann diesen Aufruf beschränken auf die Diener am göttlichen Wort? Zumal im Neuen Testament, wo nicht nur mehr ein Stamm Levi berufen ist zum heiligen Amt, wo es allen Gläubigen gilt: Ihr seid das heilige Volk, das auserwählte Geschlecht, das königliche Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der uns berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Zumal in unserer evangelischen Kirche, wo wir zwar von einem göttlich verordneten Predigtamt wissen, aber nichts von einem privilegierten Priesterstand, der die Vermittlung in der Hand hätte zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Menschen; wo vielmehr jeder Gläubige den freien Zutritt hat zu Gottes Wort und dem Gnadenstuhl Jesu Christi? Wenn es heißt: „Lobt den Herrn, alle Knechte des Herrn,“ ist da niemand hier unter uns außer mir, der Anspruch machte auf diesen schönen Titel? Werden nicht die lieben Brüder hier zu meiner Rechten sagen: Das geht auch uns an; wir sollen auch sein und wollen auch sein jeder in seinem Dienst und Beruf: Knechte des Herrn? Werden nicht die lieben Schwestern hier zu meiner Linken denken: Das geht auch uns an; siehe, ich bin des Herrn Magd? Dieses schöne Marienwort ist ja auch uns zum Vorbild gesprochen. Recht so, meine lieben Brüder und Schwestern, ja wir alle sind berufen zu Knechten und Mägden Gottes, jedes in seinem Amt und Stand; ja wir alle, soweit wir die Salbung des Geistes haben, soweit sollen wir auch Teil haben an dem allgemeinen Priesteramte der Gläubigen; so soll insbesondere jeder Hausvater ein Priester, jede Hausmutter eine Priesterin sein in ihrem Haus; soll priesterlich wandeln in Zucht und Ehrbarkeit, dem ganzen Hause zum Vorbild; soll priesterlich lehren und vermahnen Kind und Gesind; soll priesterlich beten für alle, die der Herr uns anbefohlen mit dem Wort: Weide meine Schafe, weide meine Lämmer; soll priesterlich wachen über dem Heiligtum des Herrn.
Darum auf ihr Knechte Gottes, bittet um Eliä Geist;
Wollt ihr euch nach Christus nennen,
So müsst ihr ihn frei bekennen,
Dass sein Name sei gepreist:
Darum auf ihr Knechte Gottes, bittet um Eliä Geist.
Denn heilige Pflichten bringt solch Hüteramt mit sich. Wir können diese Pflichten zusammenfassen in die Doppelpflicht, die unser Herr selber, der große Hohepriester, seinen Aposteln und Knechten ans Herz legt mit jener Mahnung in seiner Leidensnacht: Wacht und betet!
Wacht fürs erste! Zum leiblichen Wachen werden. ja auch hier die Hüter des Heiligtums ermahnt mit dem Zuruf: Lobt den Herrn, alle Knechte des Herrn, die ihr steht des Nachts im Hause des Herrn.“ Dass kein Unreiner sich einschleiche ins Heiligtum, dass kein Feuer auskomme im Zederngebälke des Tempels, dass das Haus des Herrn wohlbehütet und bewahret bleibe, darum mussten seine Tore nicht nur bei Tage gehütet werden, sondern auch des Nachts standen die Leviten auf der Tempelwacht; und damit ihre Augen nicht schläfrig und ihre Knie nicht matt würden, darum ermunterten sie sich selbst mit solch nächtlichen Psalmen, mit solch feierlichem Zuruf: „Lobt den Herrn, alle seine Knechte, die ihr steht des Nachts im Hause des Herrn!“
Aber diese Mahnung zur Wachsamkeit, meine Lieben, sie gilt im geistlichen Sinn auch den Knechten Gottes im Neuen Testament. Das Heiligtum Gottes, das Reich Jesu Christi ist ja von vielerlei Gefahren bedroht, von mancherlei Feinden bedrängt bei Tag und Nacht. Da gilt's auch: Wacht ihr Knechte, die ihr steht im Hause des Herrn. Steht wacker auf eurem Posten und legt euch nicht träge nieder zum geistlichen Schlummer. Steht aufrecht auch in finsterer Nacht der Anfechtung und lasst euch nicht mutlos zu Boden drücken. Steht und wacht! Schlummert nicht, träumt nicht, haltet die Augen offen nach allen Seiten, um zu rechter Zeit die Gefahr zu entdecken und dem Feinde zu begegnen. Nicht nur dem Kirchenregiment gilt es, dieses: Steht und wacht, dass die Kirche keinen Schaden leide, dass ihre Rechte gewahrt werden, ihr Bestand gesichert sei, ihre Ordnungen unangetastet bleiben von frechen Händen der Verstörer! Nicht nur den Geistlichen und Seelenhirten gilt es, dieses: Steht und wacht über euern Gemeinden, dass soviel an euch ist, kein Verführer und Verderber mit Wolfsgelüsten ungestraft sich einschleiche in die Herde, dass soviel an euch ist, keine Seele ungewarnt verloren gehe, dass soviel an euch ist, die Heiligtümer der Kirche, Wort und Sakrament unangetastet bleiben vom Mutwillen böser Buben! Auch dem Hausvater und der Hausmutter gilt's, dieses: Steht und wacht! Wacht über eurem Haus, wacht über euren Kindern, wacht über eurem Gesinde, dass keine Seele geärgert werde, dass kein böser Geist sich einniste im Haus, sondern der rechte Geist drin wohne, der Geist der Zucht und Ordnung, der Gottesfurcht und des Gehorsams, der Liebe und des Friedens, der Arbeitsamkeit und des Fleißes. Ja allen lebendigen Christen gilt's, dieses: Steht und wacht! Wacht vor allem über eure eigenen Seelen; wacht aber auch, soviel an euch ist, über dem Haus des Herrn, über dem Reich Gottes; habt acht auf die Zeichen der Zeit, seid auf der Hut vor den Verführungen der Welt, warnet und hütet, soviel an euch ist, auch andere um euch her:
Ruft getrost, ihr Wächterstimmen, rufet laut und schonet nicht!
Christus will ein Zeugnis haben,
Wenn's die Gläubigen begraben,
Ach das ist ein groß Gericht;
Ruft getrost, ihr Wächterstimmen, rufet laut und schonet nicht!
Wacht und betet! Das ist die andere Hüterpflicht. „Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen; wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.“ So haben wir erst neulich im 127. Psalm gehört, und: „Hebt eure Hände auf im Heiligtum und lobt den Herrn,“ so wird auch hier in unserem Psalm den Hütern zugerufen im Haus des Herrn.
„Hebt eure Hände auf!“ Im Morgenland und beim Volk des alten Bundes wurden die Hände zum Gebet nicht auf der Brust gefaltet wie bei uns, sondern ausgebreitet hoch emporgehoben gen Himmel. Darum dem Moses dort, als er während der heißen Amalekiterschlacht ohne Unterlass zu Gott betete, die müden Hände sinken wollten und die Arme gestützt werden mussten, und der Psalmist im 143. Psalm ruft: „Herr, ich rufe täglich und breite meine Hände aus zu dir; meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.“ Wenn ich eine Deutung wagen darf, so möchte ich sagen: Die Frommen des alten Bundes mit ihrem Händeaufheben und Ausbreiten wollten den fernen Gott gleichsam betend vom Himmel zu sich herabziehen; wir Kinder des Neuen Testaments mit unserem Händefalten wollen den nahen, den in Jesu Christo offenbaren Gott gleichsam recht innig fassen und an unser Herz drücken. Aber, ob mit gefalteten oder mit aufgehobenen Händen, die Hauptsache ist: Betet ihr Knechte Gottes, betet ihr Mägde Gottes, betet zum Heiligtum - so muss es nach dem Grundtext heißen statt im Heiligtum. Wie jene Leviten im alten Bund gegen das sichtbare Heiligtum, gegen die Bundeslade ihr Antlitz wendeten im Gebet, so lasst uns betend unser Angesicht wenden nach dem oberen Heiligtum und den treuen Menschenhüter bitten: Hüter in der Nacht, habe auf uns acht! Lass deine Augen offenstehen über deinem Hause Tag und Nacht; lass dir dein Volk befohlen sein mit all seinen Bedürfnissen; lass dir deine Kirche befohlen sein mit all ihren Schäden; lass dir unsere Gemeinde befohlen sein mit ihren Schafen und ihren Lämmern, mit Großen und Kleinen, mit Gläubigen und Ungläubigen; lass dir uns und die Unsrigen befohlen sein mit Leib und Seele, bei Tag und Nacht, auf Leben und Sterben. So, ihr Lieben, hebt eure Hände auf zum Heiligtum „und lobt den Herrn“. Es gibt ja gottlob nicht nur zu bitten, sondern auch zu danken, nicht nur zu klagen, sondern auch zu loben vor dem Herrn, von dem es bis heute heißt wie einst, da dieser Psalm gedichtet ward: Der Herr ist nun und nimmer nicht von seinem Volk geschieden.
Lobt den Herren, den mächtigen König der Ehren,
Stimme du Seele mit ein zu den himmlischen Chören!
Kommt zu Hauf, Psalter und Harfe wacht auf,
Lasst den Lobgesang hören.
Das führt uns noch aufs andere, auf den
2) Segen, der dem Hüteramt verheißen ist:
V. 3: „Der Herr segne dich aus Zion, der Himmel und Erde gemacht hat.“ So rief dort im Wechselgesang ein Sängerchor dem andern zu; mit der Hoffnung auf den Segen des Allmächtigen, der Himmel und Erde gemacht hat, stiegen seine Gläubigen wieder herab vom Heiligtum. Der Herr segne dich aus Zion, so rufen auch wir glückwünschend und heilverkündend allen seinen Knechten zu, die treulich auf der Wache stehen: Der Herr segne dich aus Zion! Aus seinem himmlischen Zion, aus dem oberen Heiligtum segne er dich, wo die Schatzkammer ist aller guten und vollkommenen Gaben und der Urquell alles Segens. Er ist's ja, der Himmel und Erde gemacht hat, der Himmel und Erde trägt in seiner allmächtigen Hand, der also auch segnen kann und will und wird alle, die auf ihn hoffen. Wen er segnet, der ist gesegnet; wer ihm vertraut, hat wohl gebaut. Drum fröhlich ihr Gerechten, der Herr hilft seinen Knechten. Nun denn, der Herr segne dich aus Zion, liebe Seele, und lasse dir und den Deinigen zur Antwort auf eure Bitten viel Trost und Frieden, viel Licht und Kraft zufließen aus seinem himmlischen Heiligtum. Der Herr segne dich aus Zion, liebe Gemeinde, und lasse auch die festlichen Tage, die dir bevorstehen, zu rechten Gnaden- und Segenstagen für dich werden. Der Herr segne aus Zion seine ganze Kirche und setze ihr allenthalben treue Hüter, die Tag und Nacht wachen und beten, ein jeglicher auf seinem Posten. Und er selber wolle als der rechte Hüter Israels über uns wachen bei Tag und Nacht.
Jauchz ihm, Menge heil‘ger Knechte! Rühmt, vollendete Gerechte,
Und du Schaar, die Palmen trägt!
Und ihr Märt'rer mit der Krone, und du Chor vor seinem Throne,
Der die Gottesharfen schlägt!
Ich auch auf den tiefsten Stufen, ich will glauben, reden, rufen,
Ob ich schon noch Pilger bin:
Jesus Christus herrscht als König! Alles sei ihm untertänig,
Ehret, liebt, lobt ihn!
Amen.