Disselhoff, Julius - Ruth, die Ährenleserin aus Moab - Zweiter Abschnitt. Nur treu! oder Die Stunde der Entscheidung.
„Da machte sich Naemi auf mit ihren zwei Schnüren1), und zog wieder aus der Moabiter Lande, denn sie hatte erfahren im Moabiter Lande, dass der Herr sein Volk hatte heimgesucht und ihnen Brot gegeben. Und ging aus von dem Ort, da sie gewesen war, und ihre beiden Schnüre mit ihr. Und da sie ging auf dem Wege, dass sie wieder käme in das Land Juda, sprach sie zu ihren beiden Schnüren: Geht hin und kehrt um, eine jegliche zu ihrer Mutter Haus; der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jegliche in ihres Mannes Hause; und küsste sie. Da huben sie ihre Stimme auf, und weinten, und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volke gehen. Aber Naemi sprach: Kehrt um, meine Töchter, warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich in Zukunft Kinder in meinem Leibe haben, die eure Männer sein möchten? Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, dass ich einen Mann nehme. Und wenn ich spräche: es ist zu hoffen, dass ich diese Nacht einen Mann nehme, und Kinder gebäre; wie könnt ihr doch harren, bis sie groß würden? Wie wollt ihr verziehen, dass ihr nicht Männer solltet nehmen? Nicht, meine Töchter; denn mich jammert euer sehr, denn des Herrn Hand ist über mich ausgegangen. Da huben sie ihre Stimme auf und weinten noch mehr. Und Arpa küsste ihre Schwieger; Ruth aber blieb bei ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgewandt zu ihrem Volke und zu ihrem Gott; kehre du auch um, deiner Schwägerin nach. Ruth antwortete: Rede mir nicht darein, dass ich dich verlassen sollte, und von dir umkehren. Wo du hingehest, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch; da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, der Tod muss mich und dich scheiden. Als sie nun sah, dass sie fest im Sinne war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, mit ihr davon zu reden. Also gingen die beiden miteinander, bis sie gen Bethlehem kamen.“
(Ruth 1, 6-19.)
1. Gottes Macht und Menschen-Freiheit.
Wunderbar ist uns Kindern der Zeit das Wesen des ewigen Gottes. Wie kann es anders sein, als dass auch alle seine Werke uns wunderbar erscheinen? Gott mit dem Menschengeist fassen wollen, heißt nichts anders, als Gott zum Menschen, oder den Menschen zu Gott machen. Nur der Gleiche begreift den Gleichen, darum auch der, in welchem alle Fülle wohnt, sagt: „Niemand kennet den Sohn, denn nur der Vater, und Niemand kennet den Vater, denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren.“
So viel wir vom Leben Gottes in uns aufgenommen haben, nur so viel verstehen wir von Gott. Weil aber nun einmal Gott immerdar Gott, und Mensch immerdar Mensch bleibt, muss auch immerdar das Wort feste stehen: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr; sondern so viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher, denn eure Wege, und meine Gedanken, denn eure Gedanken!“ (Jes. 55, 8. 9.)
Darum, wenn Gott dir etwas begegnen lässt, es sei Großes oder Kleines, was nicht nach deinen Gedanken ist und wodurch du deine Wege durchkreuzt siehst, wenn Dunkelheit dich überfällt und Wehe an deiner Türe pocht; dann verhülle dein Antlitz und beuge dich und stammle: Der Herr ist nahe!
Gewiss, liebe Mutter, der Herr steht alsdann vor der Tür, sein Liebeswerk an uns zu beginnen oder fortzuführen. Da gilt es, stille zu sein, damit man die Stimme vernehme, mit der er aus seinen Taten zu uns reden will, und das Auge wacker zu halten, damit man durch die Hülle seinen ausgereckten Finger sehe und den Weg, auf den er hindeutet, auf dass wir durch Unverstand oder Mutwillen seinen Rat nicht stören, sein Werk nicht hindern, sondern uns zu willigen Rüstzeugen seiner Hand ergeben. Denn der Mensch, weil er Mensch ist, kann selbst seinem Gott gegenüber sagen: „Ich will nicht!“ Er kann freilich Gott nicht aufhalten, noch seinen Heilsplan hindern, denn Alles, was Gott will, das tut er im Himmel und auf Erden, im Meer und in allen Tiefen, und was er sich vorgenommen, und was er haben will, dass muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel. Aber er kann sich selbst vom Heilswerke Gottes ausschließen; er kann sich selbst verwerflich und untüchtig machen, ein Rüstzeug Gottes zu sein. Auch sein Widerstreben muss den Rat Gottes fördern, aber zu seiner Strafe, zu seinem Untergang, wie wir an Pharao, an Judas, dem Verräter, am ganzen Volk Israel, an allen Widersachern Gottes genugsam sehen können.
Da drängt sich dem Gewissen die Frage auf: Wenn nun Gott im Dunkeln, oder gar im Sturm und Wetter sein Werk, das wunderbare, anfängt, was muss dann von mir geschehen, damit dasselbe zu meinem Heile seinen ungestörten Fortgang habe und ein herrliches Ende gewinne?
Darauf antwortet der Abschnitt aus der Geschichte Ruths, welcher an der Spitze dieser Betrachtung steht: Nur treu! und wenn wir tiefer in ihre Einzelheiten eingehen, ruft sie uns ins Herz: Halbe Treue, schlechte Treue; ganze Treue, echte Treue!
2. Halbe Treue, schlechte Treue.
Wir sehen zunächst auf Arpa. Sie erscheint in ihrer Stellung keineswegs als treulos. Vielmehr hatte sie offenbar einen vielversprechenden Anfang in der Treue gemacht. Das nahe Verhältnis, in welches Gott sie durch die Verheiratung mit einem Sohne Naemis zu dieser gebracht hatte, fesselte sie an dieselbe. Sie hatte an Naemis Sohne und nach dessen Tode an Naemi selbst fortwährend Barmherzigkeit getan. Als Naemi ins Land ihrer Väter zurückkehrte, wich auch sie nicht von der Seite der Mutter. Sie musste aus Naemis Wesen und Worten etwas vom Wesen und Walten des lebendigen Gottes und dem Berufe seines Volkes empfunden haben, was sie zu demselben hinlockte und an Naemis Gegenwart festband, sodass sie mit Ruth sagte: „Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen!“
Arpa also, - das ist keine Frage, - war ein empfängliches Gemüt, das nicht weit vom Reiche Gottes in seiner alttestamentlichen Form entfernt war Angeleuchtet vom Lichte Gottes sehnte sie sich nach mehr Licht, was sie durch Naemi und deren Volk mit Recht zu erhalten hoffte.
Da trat die Stunde der Versuchung an sie heran, wo es sich entscheiden sollte, ob ihre Treue ganze Treue, ob sie halbe Treue oder keine Treue sei. Denn da sie der Grenze des Landes näher kamen, sprach Naemi zu ihren beiden Schnüren: „Geht hin, und kehrt um, eine Jegliche zu ihrer Mutter Haus. Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine Jegliche in ihres Mannes Hause!“ Und küsste sie.
Man kann fragen, warum Naemi also handelte, warum sie die schwachen Heidinnen in ihrem aufkeimenden Verlangen nach dem lebendigen Gott nicht vielmehr beschützt und gestärkt habe, anstatt sie geradezu in Versuchung zu führen, von ihrer Sehnsucht nach dem Volke Gottes sie abzuziehen und sie zu dem finsteren Heidenlande zurückzuweisen? Kannte sie schon etwas von dem Grundgesetze in Reiche Gottes, welches je mehr dieses sich entfaltet, desto uneingeschränkter herrschen muss, dass nämlich in den Dienst des Königs aller Könige nur Freiwillige treten können? Mir ist's, als wollte sie ihren Töchtern sagen, was später Paulus mit klaren Worten seinen geistlichen Kindern schrieb; dem Philemon: „Ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, auf dass dein Gutes nicht wäre genötigt, sondern freiwillig!“ (Philem. 14.) und den Korinthern: „Ein jeglicher gebe nach seinem Willkür, nicht mit Unwillen, oder aus Zwang, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ (2 Kor. 9, 7.) Alle Dankopfer so hatte schon Moses im Gesetz geordnet, - sollten ohne zwingendes Gebot freiwillig gebracht werden, darum auch David das als die Lichtzeit des Reiches Gottes weissagt, da alles Volk seinem Gotte willige Opfer bringt im heiligen Schmuck.
Solche oder ähnliche Gedanken vom Wesen der Bürger in Gottes Reiche mochte auch Naemi haben.
Jedenfalls hat Gott selbst durch jene Worte Naemis die beiden Witwen aus Moab nach jahrelanger Vorbereitung in einen Lebenswendepunkt hineingeführt, wo endlich, was in ihnen war, zu einer großen und maßgebenden Entscheidung kommen sollte. - Aus dem Feuer der ersten Versuchung ging Arpas Treue unverletzt hervor. Denn da sie und Ruth Naemis Worte hörten, huben sie ihre Stimme auf und weinten und sprachen zu ihr: „Wir wollen mit dir zu deinem Volke gehen!“
Das ist eine Entscheidung kurz und fest, rund und rein. Hat Naemi nicht freier aufgeatmet bei diesen Worten, ihre Töchter voll Dank in die Arme geschlossen und rasch und freudig eingewilligt, dass sie weiter mit ihr pilgerten? „Kehrt um, sprach Naemi, kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen?“ und noch einmal: „Kehrt um, meine Töchter und geht hin!“
Warum bei der Mutter dieses verschlossene Herz, da sich die Herzen der Töchter geöffnet hatten, wie die Blumen am Mittag? Warum bei so vieler Wärme so große Kälte?
Der Entschluss der Heidinnen, fortan mit Naemi dem Volke Gottes anzugehören, ist einfach und bündig ausgesprochen. Die Israelitin scheint alle Kraft und Kunst der Rede zu erschöpfen, sie vom Vorwärtsschreiten zurückzuschrecken und zur Umkehr ins dunkle Heidenland zu bewegen. Sie wollen Glieder des Gottes-Volkes werden; und Naemi spricht nur von Männer-Heirat. „Wie kann ich, sagt sie, förder Kinder in meinem Leib haben, die eure Männer sein möchten? Wie wollt ihr verziehen, dass ihr nicht Männer nehmen solltet? Männer aus Moab?“
Wie erklären wir uns solches Tun und Dichten einer Naemi? Der Schlüssel liegt nicht fern. Wenn die Krieger freiwillig sich stellen, dann ist's des Feldherrn Sache, die Gefahr nicht zu verhüllen. Die Liebe erfordert es und die Wahrheit, offen und ehrlich die ganze Schwere der Sache zu nennen. Denn echte Freiwilligkeit kann nur da sein, wo man voll und ganz die Aufgabe kennt, zu deren Übernahme man sich erbietet. Darum redet Naemi mit ihren Schnüren, wie wir‘s vernommen haben. Sie zeigt ihnen ungeschminkt die ganze Not, der sie entgegenzugehen entschlossen waren, gesteht ihnen, dass sie in Israel irdisches Wohl ihnen nicht zu bieten habe, was doch in Moab ihrer warte. „Mich jammert eure sehr, schließt sie, denn des Herrn Hand ist über mich ausgegangen!“ Wenn ihr, will sie sagen, nicht von meiner Seite weicht, so wird die scharfe Zuchtrute, die Gottes Hand über mich geschwungen hat, auch euch treffen. In Israel müsst ihr mein Elend teilen. In Moab könnt ihr wohl und wonnig gehen.
Nun erst war die Sachlage ganz klar; nun erst konnte auch die eigentliche und letzte Entscheidung eintreten.
Da huben sie ihre Stimmen auf und weinten noch mehr. Und Arpa küsste ihre Schwieger und wendete um zu ihrem Volk und zu ihrem Gott! Zum Volk der Heiden, dass in Finsternis saß, zu den Götzen, die doch kein Nütze, sondern eitel Trügerei und Verderben sind.
Zu denen kehrte sie um und war doch angeschienen gewesen vom ewigen Lichte, und hatte eine Zeitlang ihr Antlitz gewendet, zu wandeln gen Jerusalem, und die ersten Anfechtungen siegreich überwunden.
Halbe Treue schlechte Treue,
halbe Treue keine Treue!
Sie weinte, da sie umkehrte, aber sie kehrte um. Sie ging mit schwerem Herzen, aber sie ging. Sie konnte sich sagen: Ich gehe nicht freiwillig, sondern genötigt von Naemi. Sie hatte Tränen in Menge und Entschuldigungen genug vor sich selbst. Aber trotz Tränen und Entschuldigung, an denen beiden halbe Treue stets Überfluss haben wird, blieb sie, verloren in der Finsternis der Heidenwelt, stets fern von den Testamenten Israels und der Bürgerschaft Gottes.
Das ist halbe Treue! An ihr hat es niemals gefehlt und fehlt es auch heute nicht. Sie ist so zahlreich, wie die Blüten des Frühlings, welche ein Regen oder Windstoß in den Staub begräbt, - eine verlorene Hoffnung.
Nicht von der offenbaren Untreue will ich hier sprechen, noch von der Heucheltreue. Dazu bietet mir Arpa keine Gelegenheit. Aber sie bietet uns ein lehrreiches Exempel von jenen weichen, empfänglichen, leicht erregten halbtreuen Seelen, welche Christus mit dem steinigen Ackerlande vergleicht, dass an der Oberfläche eine dünne Schicht Erde zeigt, aber drunter Gestein und Felsgerölle birgt. Die nehmen das Wort bald auf mit Freuden und lassen es rasch aufgehen.
Aber sie haben nicht Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch. Eine Zeitlang glauben sie; aber zur Zeit der Anfechtung fallen sie ab.
Eine Weile mag der Gärtner die junge Pflanze vorsichtig zudecken. Aber soll sie erstarken, und die gewünschte Frucht bringen, dann muss die freie, frische Himmelsluft sie umwehen, muss die Glut des Tages auf sie brennen und Wind und Wetter sie schütteln. Also lässt auch Gott, der große Gärtner, über die Pflanzungen seiner Hand zur rechten Zeit die Hitze der Anfechtung kommen. Er führt den jungen Glauben in die Wendepunkte des Lebens, wo die große Entscheidung für oder wider, vorwärts oder rückwärts, treu oder untreu eintreten muss.
Wenn man einen jungen Christen, der anfangs so fein und fröhlich lief, in solchen entscheidenden Momenten abfallen und umkommen sieht, so ist das natürliche Gefühl stets geneigt, das Eintreten solcher Prüfungs- und Entscheidungsstunden zu bedauern. Aber wer etwas vom Wesen des Geistes und der Ordnung Gottes versteht, weiß auch, dass die Sichtungs- und Läuterungszeit kommen muss. Oder warum hat Gottes Weisheit und Liebe den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen nicht mit Dornen und Spießen umzäunt oder mit Werkstücken vermauert? Hätte er nicht dadurch den armen Menschen vor der Sünde und allem Elend gerettet?
Törichte Menschenweisheit! Will denn Gott über Maschinen und Puppen Gott sein und über Sklaven? Oder sucht er freien Gehorsam der Liebe, freie Hingabe an Ihn, freies Bleiben und Leben in Ihm? Und wo soll Treue sich zeigen, wenn die Prüfung unmöglich ist!
„Wer blöde und verzagt ist, kehre um!“ musste auf des Herrn Geheiß Gideon vor den Ohren des Volkes ausschreien lassen, das mit ihm in den heiligen Gottesstreit ziehen wollte. Da kehrte des Volkes um zweiundzwanzig Tausend, dass nur zehntausend überblieben. Nach der ersten Sichtung musste die zweite kommen. „Ich will sie dir prüfen!“ sagte der Herr, und die halb Treuen flogen davon, wie Spreu vor dem Winde, dass nur dreihundert Treue überblieben. (Richt. 7, 1 ff.) „Ich will sie prüfen!“ das Gotteswort schallt durch die ganze Geschichte. Der Herr erlaubt nicht bloß dem Satanas, seinen Knecht Hiob zu prüfen. Er selbst führt durch den Geist seinen Sohn, an dem er Wohlgefallen hat, in die Wüste, damit er vom Teufel versucht werde.
„Siehe nicht hinter dich!“ ruft Gott vom Anfang der Tage bis zum letzten allen eilenden Pilgern zu, welche aus der sodomitischen und Gomorra gleichen Welt auf die Berge der Ewigkeit sich retten wollen. - Aber er macht Niemanden den Hals oder die Augen steif, so dass das Umschauen unmöglich wäre. „Siehe nicht hinter dich!“
„Aber wer blöde und verzagt ist, der kehre um!“ Auch dies Gottesgebot zieht sich durch alle Zeiten hin, und wird auch durch den Gnadenbund des Neuen Testamentes nicht aufgehoben. Viel ernster und unverhüllter noch, als Naemi ihrer Arpa, zeigt Christus seinen Freiwilligen, was ihrer wartet, wenn sie ihm nachfolgen. „Meister, ich will dir folgen, wo du hingehst!“ sagt frisch und feurig und voll guten Mutes und Eifers ein Jüngling, der auch nicht weit vom Reiche Gottes war. Kein Wort der Freude kommt aus des Meisters Munde. „Die Füchse, sagt er, haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege!“ Und als ein andermal viel Volks mit ihm ging, wandte er sich und sprach zu ihnen: „So Jemand zu mir kommt, und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Bruder, Schwestern, auch dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein!“ (Luk. 14, 26. 27.) Kann man die Trübsal unverhüllter aufdecken? Kann man schärfer, lauter rufen: „Wer blöde und verzagt ist, der kehre um!“
Wir wollen uns freuen, wenn wir Christentreue aufkeimen sehen; wir wollen uns zwiefach freuen, wenn sie die erste Anfechtung siegreich besteht. Wir dürfen aber den jungen Christenseelen, die uns anvertraut sind, nicht verhehlen, dass neue und größere Proben ihrer warten, dass noch Lebenswendepunkte kommen werden, wo Alles ihnen zuflüstert: „Kehre um! kehre um!“ und unter dem Gewirre dieser Stimmen die Mahnung verhallt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes!“ (Luk. 9, 62.)
Die Geschichte Arpas hat sich auch vor unsern Augen leider mehr als einmal ereignet. Wir haben manche Pilgerin gesehen, die ihr Antlitz gewendet hatte, zu wandeln gen Jerusalem zum Volke Gottes, zum Thron der Majestät und der Gnade. Mitten im schönen Laufe lauschte sie andern Tönen, die sie rückwärts riefen, oder seitwärts. Sie hatte, wie Arpa, von ihrem eignen Gewissen Entschuldigungsgründe genug zur Umkehr; sie weinte auch, wie Arpa, bittere Tränen, und versicherte, dass ihr das Herze schwer sei, sehr schwer; aber sie wandte doch um zu den verlassenen Götzen und ihren Anbetern. Sind sie Alle zur Salzsäule erstarrt? sind sie umgekommen in den Flammen Sodoms und in der Finsternis Gomorras? oder was ist aus ihnen geworden? Wir wissen es nicht. Der Tag der Offenbarung wird es aufdecken.
Darum, so wir eine junge Arpa wandeln sehen gen Zion, wollen wir nicht müde werden, zu flehen und zu mahnen: „Nur treu! nur treu!“ und wollen keine ausnehmen, gedenkend an des Herrn Wort: „Was ich aber sage das sage ich Allen: Wacht!“ Sollten wir aber einen Mitpilger erblicken, der seine Treue völlig erprobt wähnt, da wollen wir doppelt bitten und rufen: „Gedenke an Lots Weib!“
Und eben dasselbe rufe der Geist des Herrn wie mit Posaunenton in unser Gewissen. „Halbe Treue keine Treue!.
„Sei getreu bis in den Tod!“
Die Stunden der Sichtung und Prüfung sind noch nicht vorüber. Sie müssen noch schwerer werden, ja also gewaltig, wie wir wissen, dass, wo es möglich wäre, auch die Auserwählten verführt würden.
„Wer aber weichen wird, spricht der Herr, an dem wird meine Seele keinen Gefallen haben!“ (Hebr. 10, 38)
Herr, hilf uns, dass wir in deiner Kraft stammeln dürfen: „Wir sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die da glauben und die Seele erretten!“ (Hebr. 10, 39.)
Nun, so will ich denn mein Leben
Völlig meinem Gott ergeben!
Nun wohlan, es soll geschehn!
Sünd, ich will von dir nichts hören,
Welt, ich will mich von dir kehren
Ohne je zurück zu sehn!
Hab ich sonst mein Herz geteilt,
Hab ich hie und da verweilet,
Endlich sei der Schluss gemacht,
Meinen Willen ganz zu geben,
Meinem Gott allein zu leben,
Ihm zu dienen Tag und Nacht.
3. Ganze Treue echte Treue!
Zwiefach gestaltet sich die volle Treue. Treu soll das Herz die Gottesgaben hinnehmen, die ihm geboten werden, treu dann wiedergeben, was es empfangen hat. Beides lehren uns, wenn auch in verschiedener Weise, Naemi und Ruth.
Treulich hatte Naemi, wir haben uns daran schon früher erquickt, die Züchtigungen von der Hand des Allerhöchsten hingenommen, und sich also demütigen lassen, dass sie aus einer Naemi zur Mara geworden war. Alle hochflatternde Meinung hatten Gottes Schläge ihr gründlich ausgetrieben. Sie war in der Tat und Wahrheit zerbrochen und sehr klein geworden in ihren Augen.
Zerriebene Kräuter, sagt das Sprichwort, riechen wohl. Darum hat auch Naemi, die zerstoßene, einen guten Geruch von sich gegeben im fremden Lande, und ihre Narde duften lassen unter den Ungläubigen. Siehe da! Wer treu die Trübsal als ein Gottesgeschenk hinnimmt, der streut um sich her auch treulich aus die edlen Segnungen der Trübsal.
Es wird uns nicht erzählt, wie Naemi den guten Tränensamen in ihrem Kreise ausgesät, wie sie zu ihren zwei Schnüren vom Gott Israels und seinen großen Taten, wie vom Volke der Verheißung und dem Offenbarungslichte in seiner Mitte geredet habe. Aber auf einmal sehen wir in Ruth den ausgestreuten Samen fröhlich aufsprossen. Beginnender Glaube und warme Liebe zu Gott und seinem Volke leuchtet zart und hell aus ihrem Wesen und ihren Worten.
Naemi muss also gezeugt haben von dem Lichte. Das verkündet der Erfolg. Am lautesten, so scheint mir, hat sie geredet durch ihren Wandel ohne Wort, durch die Darstellung einer echten Tochter Israels in der Trübsal. So ward sie ein geistiges Salz für ihre moabitischen Töchter, ein Licht in der heidnischen Dunkelheit. Das ist allezeit die Art eines geheiligten Weibes: sie wirkt, wo sie erscheint, und waltet durch ihr Sein. Sie säet lebendige Samenkörner. Wohl liegen diese oft lange verborgen in einer Brust, wie des Landmanns Weizen im Acker. Aber zu seiner Zeit, wenn sie genug geschlummert haben, wagen sie sich ans Licht.
Was Naemi treulich ausgesät hatte, das war von Ruth mit Treue aufgenommen, mit Treue festgehalten. Ob es viel war oder wenig, was sie von Naemi empfing, wir wissen es nicht. Aber was sie empfing, das nahm sie auf, wie das durstende Land einen gnädigen Regen, wie der junge Baum das edle Pfropfreis, wie die Brust die frische Himmelslust. Zu Anfang unterschied sich die neue Lebensregung und Geistesbewegung Ruths nach ihrer äußeren Erscheinung in keiner Weise von der Arpas. Beide Frauen taten Barmherzigkeit an ihren Männern und nach deren Tode an Naemi, der Witwe. Beide geleiteten die Mutter; beide suchten den Gott Israels und das Bürgertum in seinem Volk. Beide weinten, als Naemi sie ins heidnische Volkswesen umzukehren hieß, beide überwanden die erste Versuchung. Bis dahin hätte keines Menschen Auge die ganze und echte Treue von der halben und schlechten Treue und diese von jener zu unterscheiden vermocht. So sehr glichen sie einander, wie es immer zu sein pflegt. Aber als nun nach der zweiten und größeren Probe Arpa wankte, umwandte und Naemi für immer verließ, da blieb, heißt, es, Ruth bei ihr. „Siehe, hub Naemi abermals an, deine Schwägerin ist umgewandt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre du auch um deiner Schwägerin nach!“ Das war die dritte Versuchung, die entscheidende.
Wenn die Sonne höher steigt und ihre Glut heißer brennt, dann verdorrt hier eine Pflanze, aber daneben kommt eine andere zur Blüte. So ist es hier. Dieselbe Hitze der Anfechtung, in welcher Arpas Treue hinwelkte, trieb die Treue Ruths zur vollen Entwicklung. „Rede, sprach sie zu Naemi, rede mir nicht darein, dass ich dich verlassen sollte, und von dir umkehren; wo du hingehest, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott! Wo du stirbst da sterbe ich auch; da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, der Tod muss mich und dich scheiden!“
Die eine Knospe entfaltet sich still und unmerklich in langsamen Übergängen. Man sieht ihre Blätter sich dehnen, ihre Farbe sich klären und ahnt in dem aufdämmernden Schimmer die volle Schönheit. Eine andre entwickelt sich anders. Sie hält sich lange verschlossen und lässt, nur die äußere Hülle zeigend, keinen Blick in ihren Schoß dringen, in welchem verborgene, aber echte Pracht sich vorbereitet. Da plötzlich tut sie sich auf, sich völlig auf, die Wunderzier des Gartens, und lässt das überraschte Auge ihr Inneres schauen bis auf den Grund. Dieser Blume gleicht Ruth. Lange sah man an ihr nichts sonderlich Unterscheidendes. Aber wie öffnet sie so plötzlich in jenen Worten ihr volles, tiefes Seelen- und Geistesleben. Da lernt man, was ganze und echte Treue sei. Immer möchte man sich wieder in jene Worte versenken. Denn da ist die entschiedene Festigkeit des Entschlusses, der man es abfühlt, dass Wellen und Wind sie nicht zum Wanken bringen. „Rede mir nicht darein, dass ich dich verlassen sollte!“ Da ist bei der Festigkeit die tiefe, zarte Lindigkeit der Liebe, die an den geliebten Gegenstand sich anschmiegt, wie ein Küchlein an die Henne. „Wo du hingehest, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch; wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden!“
Da ist vor allen Dingen die reiche, edle, tiefgegründete Wurzel, die Gottestreue, welcher die köstliche Blüte der Menschentreue entsprosst ist. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!“
Tief im Grunde des Sees wächst die Wurzel, und auf seinem stillen Spiegel wiegt sich die Krone der Wasserlilie. Das ich auch ein Bild der Treue Ruths.
O du ewige Gottesherrlichkeit, wie kannst du ein arm, sündig Menschenkind verschönen und verklären, wenn es treulich nur einen Strahl deines Glanzes in sich aufnimmt!
Ich wüsste unter allen Worten der Bibel kaum ein anderes, in welchem uns, wie in der Rede Ruths, das Bild der echten Treue in seiner ganzen Einfalt und Lieblichkeit so greifbar und ergreifend vor die Augen gemalt wäre. Darum strahlt unter allen Gottesfrauen die Witwe aus Moab in einem Lichte, das dem Menschenauge besonders wohltut, denn
Der Mensch hat nichts so eigen,
So wohl steht ihm nichts an,
Als dass er Treu erzeigen
Und Freundschaft halten kann!
Nichts ist süßer als zwei Treue
Die dem ewigen Verein
Sich, ob Sturm und Wetter dräue,
Oder Sonne glänze, weihn! -
„Als Naemi nun sah, dass Ruth fest im Sinn war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, mit ihr davon zu reden. Also gingen die beiden miteinander, bis sie gen Bethlehem kamen.“ Gen Bethlehem, in das Land Gottes, in die Stadt Davids. Das ist der erste Sieg der Treue und ihr erster Segen!
Nur treu! nur treu!
Wie das Weltmeer ohn Aufhören braust und rauscht, so lasse Gott die Wellen und Wogen des Lebensmeeres uns, liebe Mutter, fort und fort das Wörtlein zurauschen: Nur treu! nur treu!
Gott ist getreu. Er lehre uns, mit Treue nehmen und halten, was auch immer seine Treue uns schenkt, und darnach mit Treue ausstreuen, was wir empfangen haben.
Ein einziges Samenkorn kann ein ganzes Feld besamen. An einem Lichte zünden sich tausend Lichter an und wieder tausend. Ein einzig Wort aus dem Munde Gottes, wenn es mit ganzer Treue ergriffen und in einem feinen, guten Herzen festgehalten wird, bringt alle Früchte des Geistes hervor, bringt eine ewige, unaufhörliche Freudenernte. So lebenskräftig ist das Wort des ewig Lebendigen! Ein einzig Sprüchlein aus der Offenbarung des Herrn, mit echter Treue als Licht auf dem dunkeln Lebenswege gehegt und gepflegt, macht die Knechte der Finsternis zu Kindern des Lichtes, dass sie leuchten wie Lichter in der Welt, wie Sterne aber und Sonnen in der Ewigkeit.
Siehe, so viel Licht lebt im Lichte Gottes! So unendliche Zinsen zieht die echte Treue von so kleinem Kapitale.
Und was für ein Kapital haben wir in der Bibel empfangen, nicht ein Wörtlein bloß oder ein Sprüchlein, ein Weizenkörnchen oder ein Fünkchen, nein, die Fülle des Himmelssamens, ein Meer von Licht. Wenn wir in jedem entscheidenden Augenblick, wo ein Luftzug ein Flämmlein auslöschen, ein loser Vogel ein Samenkorn forthaschen möchte, mit ganzer Treue zu halten verständen, was wir haben, wie würden die gottgegebenen Geistesschätze so wunderbar sich mehren, wie jene fünf Brote, damit der ewig Treue fünftausend Mann speiste!
Hat Naemis Stammeln vom Gotte Israels eine Frucht gereift, wie sie aus Ruth leuchtet, was müsste die volle Offenbarung der Geheimnisse Gottes, die jetzt in der Schrift zu uns redet, für Leute aus uns machen, wenn wir mit der Treue Ruths die Worte Gottes zu unserem Eigentum machten!
Doch nicht das Wort allein und die Werke Gottes, - die wir verstehen, auch sein unbegriffenes Walten, seine verhüllten Wege sind eine gute Gabe. Echte Treue nimmt mit Willigkeit alle Geschenke aus der Hand Gottes, auch Last und Leiden, Kreuz und Rute. Ein so großer Ernst es Gott ist, sie gründlich zu demütigen, ein eben so großer Ernst ist es ihr, sich gründlich demütigen zu lassen. Sie weiß, dass die Augusthitze gut ist für den Weinstock und die Schmelzglut für das Silber und Gold, und weinet und singt:
Nur treu! Nur treu! Nur wer in Feuerproben,
Beherzt besteht, ist erst mit Recht zu loben.
Wär keine Prob, wie würde offenbar,
Wer schwach, wer stark, wer treu, wer untreu war?
An diesem Punkte, liebe Mutter, wollen wir es uns abermals sagen: Gott, der uns ängstet, hat etwas mit uns vor. Treu, treu, meine Seele, auch im Leiden, völlig treu, auf dass du das gute Werk Gottes nicht störst!
Aber auch den Unsern wollen wir es bezeugen: Treu im Leiden! Wie jedes vorzeitige und eigenwillige Fortlaufen oder Fortschleichen aus der Schule Gottes, jedes treulose Verlassen des gottgegebenen Postens das Herz feiger und feiger und darum auch unseliger macht: also wächst mit jeder willigen Hinnahme eines Tages, der uns nicht gefällt, mit jedem treuen Ausharren unter einer Last, die man lieber heute als morgen von seiner Schulter werfen möchte, die Festigkeit und Klarheit des Willens, die Lindigkeit und Leutseligkeit des Gemütes, die Lust und der Mut am sauren Schweiß der Arbeit und des Kampfes.
Die Treue im Leiden macht treu in der Wahrheit gegen sich selbst und gegen Gott. Die Flucht vor der Bitterkeit ist Flucht vor der Selbsterkenntnis. Das Auge, welches auf die Zuchtrute Gottes mit Ernst hinschaut, schaut auch in die verdeckten Tiefen des Herzens. Da geht dem Menschen das Auge auf. Er sieht sich selber, und er erschrickt vor sich selber. Er steht ganz durchsichtig vor seinen eigenen Augen da, und blickt sich bis auf den Grund der Seele. War es nicht also beim verlorenen Sohne? Als er die Säue hütete und mit ihren Träbern sich den Bauch zu füllen begehrte, da schlug er das Auge in sich, und sah sich und schauderte zusammen vor seiner eigenen Gestalt. „Ich habe gesündigt, rief er, im Himmel und vor dir! Ich bin nicht wert, dass ich dein Sohn heiße!“
Mein Herz, wenn das gnädige Gericht Gottes wie ein Blitzstrahl dich durchzuckt, und du bei seinem Leuchten Flecken um Flecken in dir gewahrst, dann nur treu in der Wahrheit gegen dich selbst, ohne Lug und Trug, ohne Heuchelei und Schmeichelei vor deiner eitlen Empfindlichkeit! Das ist der Weg, - du siehst es an jenem Sohne, zur Wahrheit in der Erkenntnis des Gottesherzens, zum Glauben!
Treu im Glauben! Und ist der Glaube, wie bei Ruth, nur wie ein Senfkörnlein: das Senfkorn wird
zum Baume wachsen! oder wie ein glimmendes Döchtlein, das Döchtlein wird zur Flamme werden. Und wär der Glaube geringer noch und schwächer als beides, nur treu in dem Glauben, der da ist, wenn in entscheidender Stunde, - und jeder Moment kann die Entscheidung mit sich bringen, - der Helfer dir nahe tritt.
Lass dir nicht graun im schweren Traum,
Umklammre seine Hände.
Und kannst du's nicht, fass nur den Saum
Von seinem Kleid behände!
Den halte fest und lass ihn nicht,
Bis er hinauf dich zieht ins Licht,
Da, wo man jauchzt ohn Ende.
„Habe ich dir nicht gesagt, spricht der Herr, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen?“
Treu in der Hoffnung! Was du im Glauben gesehen hast von Gottes Herrlichkeit, und gefühlt von seiner Seligkeit, und wärs ein Schimmer nur, ein leises Ahnen von den zukünftigen Dingen, das halte treulich fest. Die Sehnsucht wächst. Das Ziel der Hoffnung rückt näher, es strahlt klarer, es zieht mächtiger, es lockt süßer. Es lehrt singen:
Ich bin zufrieden, dass ich die Stadt gesehn,
Und ohn Ermüden will ich ihr näher gehn,
Und ihre hellen goldnen Gassen
Nie aus den Augen mir schwinden lassen!
Dann treu in der Liebe! Hast du, mein Herz, was du bist und was du hast, einmal deinem Gott gegeben, dessen Herrlichkeit du im Glauben geschaut, dessen Seligkeit du in der Hoffnung geschmeckt hast, dann lasse für ewig deinem Gotte, was du ihm geschenkt hast. Sei nicht wie die Kinder, die heute wieder fortnehmen, was sie gestern geschenkt haben, und heute aufs Neue etwas anbieten, um es morgen mit Schreien zurückzufordern.
Hat die Liebe zu Gott die Liebe zu den Seinen geboren, dann treu auch in der Liebe zu den Menschen. Sie führt wieder tiefer in die Liebe Gottes hinein, wie die moabitische Witwe uns schon gezeigt hat, aber in greifbarerer Weise noch zeigen wird.
Darum treu im Ausstreuen dessen, was dein Gott dir in den Schoß hat fallen lassen. Nur kein Geiz mit geistlichen Gütern; auch dieser Geiz ist eine Wurzel alles Übels. „Ich meine aber das: Wer da kärglich säet, der wird auch kärglich ernten; und wer da säet im Segen, der wird auch ernten im Segen!“ (2 Kor. 9, 6.)
Und hast du wenig, wie du denn, meine arme Seele, wenig hast, - so säe das Wenige aus mit Treue. Vergrabe es nicht im Schweißtuche. Du wähnest wohl, es sei Treue, wenn du das Vergrabene deinem Herrn wiederbringen und zu ihm sagen kannst: „Da hast du das Deine!“ Er aber wird sagen: „Du Schalk und fauler Knecht!“
Fürchtet sich auch der Ackersmann, den letzten Samen, den er hat, in die Furchen zu werfen? Gebärdet er sich also, als habe er die Körner verloren, die er aus der Hand gestreut hat, weil er sie nicht mehr sieht? Warum willst du denn ausspeichern, was du hast, und es verderben lassen? Ist nicht geben seliger, denn nehmen? Hat es der Witwe zu Zarpath und ihrem Sohne geschadet, dass sie den letzten Bissen mit Elia teilten? Ist Paulus ärmer geworden, weil er alle seine Liebe und was er sonst an himmlischen Gütern besaß, mit vollen Händen austeilte von einem Ende der Erde bis an das andere?
Darum nur treu im Nehmen, wie im Geben, im Sammeln und im Ausstreuen.
Nur treu in der Entscheidungsstunde! Halbe Treue, schlechte Treue! Ganze Treue, echte Treue!