Dammann, Julius - Am Sterbebett, oder Geistesleben beim Leibessterben
Vorwort.
Nur auf mehrfaches dringendes Bitten habe ich mich entschlossen, diesen Vortrag, der von mir zuletzt am 23. Januar d. J. in Kassel gehalten wurde, in den Druck zu geben. Ob er es verdient das Urteil darüber muss ich mir gefallen lassen. Ein Vortrag, der sich, besonders wenn er wie dieser frei gehalten wurde, ganz gut anhörte und auch einen entschiedenen Eindruck auf Herz und Gemüt gemacht hat, was ich selbstverständlich von diesem nicht behaupten will, nimmt sich ganz anders aus, wenn er auf dem Papier steht und gelesen wird. Da tritt Herz und Gemüt mehr in den Hintergrund und räumt dem kritischen Denken den Platz ein. Item, die Vortragsweise des Redners tut auch das ihrige, besonders bei solchem Thema. Ich bitte jedoch in gütige Berücksichtigung ziehen zu wollen, dass der Vortrag nicht für die oberen Zehntausend bestimmt gewesen. Von den Zehntausenden, so viel haben ihr mindestens angehört, gehörten weitaus die meisten der arbeitenden Bevölkerung in Rheinland-Westfalen an. Nur in Kassel waren auch „Herren und Damen“ zahlreich vertreten. Dass man vor einfachen Leuten alle philosophischen, psychologischen und physiologischen Deduktionen beiseite zu lassen hat und mit Effulgurationen1), Metaphysik, psychischen Rapport, visionären Vorgängen, psychisch-physikalische Wirkungen, partieller Ekstase u. dergl. nicht kommen darf, liegt auf der Hand. Dass es aber nicht leicht ist, ein solches Thema durchaus populär für Hans und Grete zu behandeln, wird gewiss auch zugegeben werden.
Als Christian von Braunschweig – es war im 30 jährigen Kriege - nach Paderborn kam, nahm er von dem Altar der dortigen Domkirche die silbernen Bildsäulen der Apostel weg und sagte dabei: Ihr seid dazu bestimmt, in alle Welt zu ziehen, nicht aber hier müßig zu stehen.“ Er schickte sie in die Münze und ließ Taler daraus prägen.
Es hat jeder Pastor in seiner Bibliothek silberne Bildsäulen stehen. Warum prägt er sie nicht zu kleinen Münzen um, damit sie von Hand zu Hand gehen? Ein genialer Baumeister kann nicht jeder sein und originelle Pläne zu Papier bringen. Auch Handlanger-Arbeit ist bei jedem Bau unerlässlich nötig. Beim Bau des Reiches Gottes auch. Und mehr sollte und soll diese kleine Arbeit auch nicht sein. Ich besitze schon seit Jahr und Tag das Buch von Pastor Franz Splittgerber: „Schlaf und Tod.“ Zwei Bände. Halle bei Julius Fricke. 1881. 9 Mark. Das Buch ist höchst interessant, bedeutsam und lesenswert. Aber es steht wohl nur in Bibliotheken der Gelehrten und Gebildeten. Ich hielt es für zeitgemäß und wichtig, von dem 2. Band dieses Buches etwas in kleine Münze umzusetzen. Manche Beispiele und durch „„ bezeichnete Stellen sind daraus entnommen. Auch hierher gehörige Schriften habe ich für diesen Zweck durchgelesen. Leider habe ich mich in meinen Ausführungen sehr beschränken müssen. Der Stoff ist eigentlich zu umfangreich für einen ½ stündigen Vortrag.
Die Gläubigen zu stärken, den Zweifelnden zu helfen, die Ungläubigen zum Nachdenken zu bringen dazu habe ich geredet und nun auch geschrieben. Und dazu segne der Herr diese Blätter.
Auch die stärksten Panzerplatten werden durchgeschlagen von den Geschossen der Kruppschen Riesenkanonen. Die Panzerplatte des Todes, an der alle Weisheit und Aufklärung dieser Welt zu Schanden wird, durchdringt sicher und siegreich der einfach-kindliche lebendige Glaube an Christus, den Fürsten des Lebens. Er allein ist und bleibt die Leuchte für das schreckhaft-dunkle Todestal.
Essen a. d. Ruhr,
Donnerstag nach Estomihi 1888.
Dammann, Pastor.
Dass unser Thema sehr interessant ist, beweist die überaus zahlreiche Versammlung, die sich eingefunden. Aber nicht nur interessant. Pastor O. Funcke hat vor Jahresfrist in einer Stadt Süddeutschlands über die Frage geredet: „Wozu ist der Mensch in der Welt?“ und meinte, sein Thema habe jedenfalls den Vorzug, dass es nichts zu schaffen habe mit all dem Streit und den Kämpfen der kirchlichen, politischen und sozialen Parteien. Nun, diesen Vorzug kann ich für mein Thema auch gelten lassen. Der Tod selbst und was damit zusammenhängt nimmt den, der ihn erleidet und die Umstehenden so völlig in Anspruch, dass alle kirchlichen, politischen und sozialen Fragen in den Hintergrund treten. Jedes Sterbezimmer ist Beweis dafür. Wie ist es denn nun im Tode? welche Veränderungen erleiden da Leib und Seele? auf wie weit erstreckt sich die Gewalt des Todes? Schwindet mit dem Leibe auch die Seele dahin und löst sich in nichts auf? Das sind Fragen, die müssen jeden denkenden Menschen interessieren, „ob er ein Katholik oder Protestant ist, Ketzer oder Orthodoxer, Fortschrittler oder Reaktionär, Semit oder Antisemit.“
Auf die Frage: wozu lebt der Mensch in der Welt? hat einer geantwortet: um das Sterben zu lernen. Diese Antwort klingt zwar etwas schaurig, aber es ist sehr viel Wahrheit darin. Wer völlig ausgesöhnt mit seinem Gott, ruhig und friedlich in siegesgewisser freudiger Hoffnung sterben kann, der hat den Zweck seines irdischen Lebens erfüllt. Um aber das Sterben zu lernen, muss man sich auch mit dem Sterben beschäftigen. Dazu soll unser Thema auch Handreichung tun. Es ist traurig, wenn man unter den täglichen Arbeiten, Mühen, Nöten, Sorgen, Quälen, Rennen, Laufen, für solche Dinge stumpfsinnig geworden. Noch trauriger, wenn man aus Furcht vor dem Tode vom Tode nichts hören will. Am allertraurigsten, wenn man nach dem Grundsatz lebt: Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Mit dem Tode müssen wir uns alle über kurz oder lang abfinden. Es ist eine bedauernswerte Torheit, dem Tode aus dem Wege zu gehen, der uns jeden Tag näher kommt. Wollen wir nicht bei Zeiten ihm ins Angesicht sehen und uns darauf rüsten?
Im Generalstabsamt zu Berlin, habe ich mal gelesen, ist alles für den Fall eines Krieges bis auf das kleinste vorhergesehen. Da liegen von unserem eigenen Lande und den Nachbarländern Karten ausgestapelt, auf denen jeder bemerkenswerte Baum und Strauch verzeichnet steht. Für den möglichen Krieg mit Russland und Frankreich - Gott bewahre uns davor - ist alles Mögliche in Berechnung gezogen. Im Juliusturm bei Spandau sind so und so viel Millionen hinter Schloss und Riegel lediglich für den Fall eines Krieges aufbewahrt. Wenn nun auf dem elektrischen Drahte die Mobilmachungs-Order von Garnison zu Garnison fliegt, so steht nach ein paar Tagen das gewaltige deutsche Heer schlacht- und schlagfertig da. Wie gut ist das für uns. Derweilen können wir ruhig schlafen oder auch singen: Lieb Vaterland kannst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein! Sonderbar, warum rüsten wir uns nicht so für den Feind, mit dem wir uns alle Mann für Mann und Frau für Frau zu messen haben? Ich meine den Tod. Die Ewigkeit ist eine ausgewickelte Zeit und diese Zeit eine eingewickelte Ewigkeit. lautet der Spruch eines Gottesmannes.
Wie bedeutsam ist dann der Tod, wie furchtbar ernst dieses Leben!
Fällt mir ein Gleichnis ein, das ich irgendwo gelesen oder gehört. Auf einer Insel im Stillen Ozean wohnt ein kleines Völkchen. Dieses Völkchen wählt sich jedes Jahr einen andern König auf merkwürdige Weise. Nämlich jedes Jahr an einem bestimmten Tage landet ein Schiffbrüchiger an der Insel an. Die Insulaner aber stehen am Ufer und holen den armen nackten und bloßen Fremdling mit großem Jubel in ihre Hauptstadt. Sie setzen ihn auf den Thron und machen ihn zu ihrem König. So weit gut; nur sagen sie dabei: Du bist nun unser König, aber merke dir, nur auf ein Jahr. Dann wirst du ohne Gnade nackt und bloß, wie du gekommen, auf einem Schiffe nach einer fernen, wüsten Insel transportiert. Welche schreckliche Aussicht! Die meisten dachten: ein Jahr ist lang und richteten ihr Leben ein nach dem bekannten Worte Jeromes, weiland Königs von Westfalen, „immer lustick!“ Das Jahr ging dahin. Ihre Herrlichkeit war zu Ende. Es geschah ihnen, wie vorausgesagt. Andere waren vorsichtiger. Sie glaubten, wenn wir unsere Pflicht tun, ein gerechtes, mildes Regiment führen, viel gutes wirken, werden die Insulaner nicht an uns handeln, wie sie in Aussicht gestellt. Sie hatten sich arg verrechnet. Als das Jahr dahin, ging es ihnen wie den andern. Ohne Gnade wurden sie nackt und bloß an der öden Insel ausgesetzt. Die dankbaren Insulaner errichteten ihnen freilich herrliche Denkmäler. Nur einer fing die Sache anders an. Ein Jahr ist eine kurze Zeit, sprach er bei sich selbst, ich will sie richtig ausnützen. Und alsbald fing er an, ein großes Schiff mit allerlei Getreide und Werkzeug zu beladen, mit Bauherren, Handwerkern und Tagelöhnern zu bemannen. Fort gings nach jener öden Insel. Schiff auf Schiff folgte.. Nun wurde gebaut, geschafft, gepflügt, gesät vom frühen Morgen bis in den späten Abend tagaus, tagein. Der verhängnisvolle Tag kam. Auch er wurde seiner königlichen Kraft und Macht beraubt und von der Insel verstoßen. Was schadete es ihm? An der fernen Insel angekommen, holte man ihn im Triumph ein. Dort blieb er König immer und ewiglich. Das Gleichnis hinkt; ich weiß es wohl. Trotz alledem bietet es eine herrliche Nutzanwendung, die ich Ihnen nicht klarzulegen brauche. Doch zu unserm Thema.
Vom Tode selbst und was darauf folgt wollte ich nicht reden, sondern von dem Zustande, in dem sich der Mensch kurz vor dem Tode nach Leib und Seele befindet. Diesen Zustand können wir genau beobachten. Ich meine, er ist auch im höchsten Grade beobachtungswert. Über das Leben der Menschen, ihre Taten und Meinungen wird geredet und geschrieben in unerschöpflicher Weise und ganz besonders, wenn es sich um Menschenkinder handelt, die eine bedeutsame Rolle spielen. Das Sterben des Menschen ist, die Wehmut und Traurigkeit abgerechnet, nicht minder interessant. Was wir da wahrnehmen, ist wohl geeignet, bedeutsame Schlüsse zu ziehen.
Ich stehe, um das voraus zu sagen, nach der Schrift auf der Dreiteilung des Menschen nach Leib, Seele und Geist. Die Seele ist, um mich so auszudrücken, das Bindeglied zwischen Leib und Geist. Durch die Seele nehmen wir die Außenwelt wahr. Es werden durch sie die Eindrücke in das innere Geistesleben übergeführt. Kraft des Geistes hat der Mensch Selbstbewusstsein, ein Ich leben, das in Erkenntnis-, Willens- und Gefühls-Vermögen sich äußert. Das Tier ist ein beseeltes Wesen. Es nimmt die Außenwelt auch wahr und lässt sich durch das Wahrgenommene in seinen Bewegungen und Regungen beeinflussen. Aber ein geistiges Wesen ist das Tier nicht. Ein auf dem Selbstbewusstsein ruhendes Erkenntnis-, Gefühls- und Willens-Vermögen besitzt es nicht. Dem herkömmlichen Sprachgebrauch gemäß werde ich für Geist das Wort Seele gebrauchen.
Geistesleben beim Leibessterben. Schon mein Thema macht auf das entschiedenste Front gegen diejenigen, für die der Tod ein Ende ist nach Leib und Seele, ich meine gegen die materialistische Welt- und Lebensanschauung. Gott sei es geklagt, sie findet mehr Anhänger in heutiger Zeit, als man glaubt. Wäre jeder tief davon durchdrungen, dass der Tod nur eine Trennung ist der Seele von diesem Leibe, den wir tragen, dass das Leben nach dem Tode im Zusammenhange steht mit dem Leben vor dem Tode, dann würden wir in und unter anderen Verhältnissen leben. Dann würde auch die Feindschaft gegen das positive Christentum, gegen das Evangelium von Christo dem Gekreuzigten, nicht so weit verbreitet, nicht so stark und tief sein.
Denn nichts steht so sehr im krassen Widerspruch gegen den Materialismus, als das Evangelium. Es ist ja die frohe Botschaft von einem ewigen Leben, das wir in Christo haben. Sie finden sich unter hoch und niedrig, arm und reich, gebildet und ungebildet, die nur eine Seele kennen in unlöslicher Verbindung mit dem Leibe. Nach dieser furchtbaren Anschauung, deren grauenhafte Konsequenzen man gar nicht ausdenken kann, löst sich der Leib auf in seine Bestandteile und geht nach den Gesetzen der Chemie den Weg des Fleisches, die Seele aber zerflattert und zerfliegt in nichts. Das auf und in dem Selbstbewusstsein ruhende Erkenntnis-, Gefühls- und Willensvermögen ist nur eine Eigenschaft des Stoffs und das Resultat des Zusammenwirkens von Blut, Nerven, Gehirn und der darin liegenden Stoffe. Es gibt also nach dieser Lehre keinen Geist, keine Seele ohne Materie. Wenn der Leib zerfällt, hört der Mensch auf zu sein. Seine Ichheit schwindet dahin, sie verlöscht wie ein Lampenlicht, dem's an Öl gebricht.
Ja diese Leute gehen soweit, dass sie alle geistigen Erscheinungen, wie Liebe, Hass, Habsucht und dergleichen als das notwendige Ergebnis der Verschiedenheit der Stoffmischung betrachten. z. B. der Dieb muss stehlen, er kann nicht anders, in Folge der jeweiligen Beschaffenheit seines Gehirns und der Blutmischung. Somit gehören die Verbrecher eigentlich nicht in die Zuchthäuser, sondern in Irren- oder Krankenhäuser. Es existiert eben nur das, was man sieht, hört, fühlt, riecht, schmeckt. Das alles ist bei der Seele nicht der Fall, also existiert sie nicht.
Mir däucht es anmaßend zu sein, wenn man behauptet, dass nur das wirklich da sei, was ich durch meine Sinne wahrnehme. Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Weltweisheit sich träumen lässt, sagt Shakespeare, der große britische Dramatiker.
Aber wiederum, wo eine Wirkung, eine geistige Lebensäußerung ist, da muss auch eine Ursache sein, wenn ich sie auch nicht schmecken, hören, sehen, fühlen, riechen kann.
Viele von Ihnen werden das Wort eines Professors der Medizin kennen, das er zu seinen Studenten geredet: Ich habe den ganzen Menschenleib durchforscht und untersucht, aber ein Ding, was man Seele nennt, habe ich nicht gefunden. Das klingt nach was, ist aber höchst lächerlich. Das Suchen des Professors mit seiner Pinzette nach der Seele ist gerade so unsinnig wie das Unternehmen des Astronomen La Place, mit seinem Fernrohre im Himmelsraume Gott zu finden.
Wer unter Ihnen wollte gewissenlos sein? Und doch hat noch keiner das Gewissen des andern gesehen. Freuen wir uns, dass dieser Professor mit seiner Pinzette noch keine Seele gefunden hat. Dann wäre es vorbei mit dem ewigen Leben nach dem tiefsinnigen Wort des Apostel Paulus: Was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
Wir wollen nun versuchen, uns heute Abend zu überzeugen, dass die Seele in ihrem innersten Wesen unabhängig ist von dem Leibe, dass sie, so innig sie auch mit dem Leibe verbunden, dennoch ein für sich bestehendes Leben führt. Und zwar wollen wir diese Beweise am Sterbebette holen und wollen sehen, dass das Geistesleben sich auch dann noch in ungeschwächter Kraft zeigt, wenn die Leibesmaschine im Begriff ist, ihre Funktionen einzustellen und aus den Fugen zu gehen. Ich meine so: ist die Seele ein Produkt des Leibes, ein Ausfluss seiner Stoffe, so muss bei dem kläglichen Zusammenbrechen des Leibes auch das Geistesleben denselben kläglichen Eindruck gewähren und zwar ohne Ausnahme in allen Fällen. Wenn die Maschinerie eines Uhrwerks ins Stocken gerät, so teilt sich das sofort den Zeigern mit. Die Zeiger können eben nicht funktionieren ohne das Uhrwerk. Wäre wirklich die Seele ganz und gar und ausschließlich abhängig vom Leibe, so würde das Sterben des Leibes auch das Sterben der Seele darstellen. Dass dem nicht so ist, davon wollen wir uns überzeugen an der Hand sicherer und unumstößlicher Erfahrungen und Erlebnisse. Der berühmte römische Staatsmann, Redner und Schriftsteller Cicero (gest. 43 vor Christi Geburt) ein Heide, hat in einer seiner Schriften den schönen Ausspruch getan: Wenn der Tod sich nähert, ist die Seele um vieles göttlicher2)). Der Heide hat ganz recht. Ihm steht die unverwüstliche Lebenskraft und die göttlichartige Natur der Seele über allem Zweifel fest. Fürwahr, diese alten Heiden sind ein edleres Geschlecht als die modernen Heiden in der Christenheit, die das Tier neben den Menschen stellen und den Menschen bestialisieren.
Die Göttlichkeit der Seele, ihre Erhabenheit über die Materie, über den Leib, zeigt sich dann besonders, wenn der Leib, ihr treuer mit ihr so innig verbundener Gefährte nach allen Seiten zusammenbricht und wenn seine Organe aufhören zu arbeiten.
Wir stehen kurz vor dem Tode. Das Atmen wird erschwert; der Kreislauf des Blutes fängt an zu stocken; der Puls setzt aus; die Sinne beginnen nacheinander zu schwinden.
Zuerst das Gesicht, dann das Gehör. „Der Sterbende vernimmt noch eine Weile die Stimme der Weinenden um sein Bett her, deren Gestalt er nicht mehr sieht und versteht noch die Worte, welche die Liebe der Zurückbleibenden oder die Fürsorge des um sein Seelenheil bemühten Seelsorgers ihm zuruft.“ Und während so die Sinne ihre Dienste einstellen, das Auge bereits im Brechen und das Gehör erstorben ist, offenbart die Seele, „die im Begriff ist, in die verborgenen Tiefen ihres Wesens sich zurückzuziehen, um auf eine geheimnisvolle Weise hinüber zu gehen in die jenseitige Welt,“ wunderbare Lebenskräfte. Es gibt davon merkwürdige und bedeutsame Beispiele, die schlechterdings nicht mit der Annahme zu vereinigen sind, dass das Geistesleben mit der Leibeskraft allmählich erlösche.
„Ich besuchte unlängst einen sterbenden Jüngling, erzählt Splittgerber in dem angeführten Buche, den ich einige Jahre zuvor eingesegnet hatte, und der als Seefahrer durch ganz besondere Umstände zum neuen geistlichen Leben erweckt worden war. Während des Winters in der Heimat verweilend, war er an einer Gehirnentzündung so schwer erkrankt, dass er kein Wort sprechen, ja nicht einmal irgendein Zeichen von sich geben konnte darüber, ob er das zu ihm gesprochene auch wirklich höre. Als ich nun während des eigentlichen Todeskampfes in das Zimmer trat, erzählte mir die Mutter unter vielen Tränen, dass sie sich umsonst bemüht habe, sich ihm verständlich zu machen; er höre und wisse offenbar von nichts mehr. Da legte ich ihm die Hand aufs Haupt und rief ihm mit starker Stimme und eindringlichem Ton die herrliche Verheißung zu: „Ich bin die Auferstehung und das Leben!“ Fritz, hörst Du das und glaubst Du das?“ Da leuchtete plötzlich das fast erstorbene Auge auf, die schon gelähmte Zunge stammelte Laute der Zustimmung. Dann atmete er tief auf und war entschlafen.“ Das hellste Sonnenlicht hatte hier keine Wirkung mehr auf das brechende Auge. Bei den Worten der Mutter blieb er gefühllos. Aber das Wort des Glaubens, das durch das verschwindende Gehör soeben noch in die Seele hineingelangte, machte das brechende Auge mit wunderbarem Glanze aufleuchten. Diese plötzliche Verklärung des brechenden Augenlichtes beim Nahen des Todes ist eine häufig wiederkehrende Tatsache, die gewiss manche von Ihnen schon beobachtet haben. Vor einigen Jahren starb mir in S. ein liebliches Töchterlein von 3 1/2 Jahren an den Folgen einer Gehirnentzündung. Sie hatte die letzten Tage vor ihrem Tode teilnahmslos da gelegen, ein wehmütiger Anblick für die Eltern, die große Freude an dem muntern Kinde gehabt hatten. Da in der Nacht vor ihrem Tode, als wir ihr Bett umstanden, kam mit einem Mal dieser wunderbare Glanz in ihre Augen. Sie schaute einen nach dem andern an, als wenn sie Abschied nehmen wollte. Dann schloss sie die Augen, um sie nicht wieder aufzutun. Ich stand in demselben Jahre am Sterbebette eines siebenjährigen Mägdleins in einem befreundeten Hause. In Folge der schrecklichen Diphtheritis, die vollständig gehoben war, trat eine Herzlähmung ein. Der Pulsschlag wurde immer langsamer. Wir zählten wenige Stunden vor ihrem Tode nur 25 Pulsschläge in der Stunde. Sie lag da dem Leibe nach wie ein Licht kurz vor dem Erlöschen. Aber der Geist war rege und lebendig bis zum letzten Augenblick. Sie sprach die ganze Nacht mit ihren Eltern, nahm Abschied von allen und bei klarem, vollen Bewusstsein schlief sie ein.
Wer unter Ihnen wüsste sich solcher Fälle nicht zu erinnern? Sie sind ein Beweis, dass das Geistesleben sich noch in voller Klarheit zeigt, wenn die Organe des Lebens ihre Tätigkeit fast eingestellt haben. Splittgerber berichtet von Fällen, wo sterbende Krieger, die von einer tödlichen Verwundung zu Boden geschmettert wurden, sich mit heldenmütigem Eifer wieder von der Erde erhoben, mit ihren Kameraden noch einmal auf den Feind einstürmten oder den erstrittenen Sieg mit Freudengeschrei begrüßten und dann tot niedersanken.
Wäre das Denken, das Selbstbewusstsein, überhaupt das geistige Leben nur an die Materien geknüpft, so müsste, wenn Lunge, Herz, Nieren im abarbeiten begriffen sind, das geistige Leben, das Denken und damit auch das Sprechen, denn das Sprechen ist Wiedergabe der Gedanken, zuerst dahin schwinden und absterben. Es ist aber konstatiert worden, dass das Sterben des Leibes eintritt längere Zeit vor dem Schwinden klarer Besinnung. Füße, Beine, Hände, Arme werden kalt und empfindungslos infolge trägen Blutumlaufes. „Das über den ganzen Leib ausgespannte Nervennetz wird untätig und versagt seine gewöhnlichen Telegraphen-Dienste. Ja hin und wieder stellen sich lange vor dem eigentlichen Tode Fäulnis-Erscheinungen ein. Bei alledem denkt der langsam Sterbende noch richtig und klar, zeigt lebhaftes Interesse an der Umgebung, spricht deutlich und bestimmt, trifft Verfügungen der verständigsten Art, zeigt festen Willen. Plötzlich ist es damit aus und die schon bestandene Verwesung beginnt sofort in größerem Maße.“ Wie wäre das alles möglich, wenn das Geistesleben nur eine ausschließliche Folge der stofflichen Vorgänge in den Leibesorganen wäre. Der allmählichen Abnahme der Leibeskräfte würde dann in allen Fällen eine Abnahme des Geisteslebens entsprechen müssen. Dass das nicht der Fall ist, beweisen viele Sterbebetten. Als Schleiermacher, der Erneuerer der deutschen Theologie, auf dem Sterbebette lag, rief er einmal aus: „In meinem Innern erlebe ich die göttlichsten Momente; ich muss die tiefsten philosophischen Gedanken denken und sie sind mir völlig eins mit den innigsten religiösen Empfindungen.“ Dr. med. E. Hornemann, Oberarzt am Königl. Krankenhause, Professor an der Universität zu Kopenhagen, hat einen Vortrag gehalten und drucken lassen unter dem Titel: Vom Zustande des Menschen kurz vor dem Tode.
Dieser Hornemann gehört nicht zu der weitverbreiteten Klasse atheistischer und materialistischer Professoren und Mediziner. Wer das Büchlein, das bereits in 5ter Auflage erschienen ist, liest, wird eine Bestätigung für die Wahrheit der oben erwähnten Worte von Cicero daraus entnehmen: Wenn der Tod sich nähert, wird die Seele um vieles göttlicher. In der langen Reihe der Jahre, in denen ich praktizierte, sagt er da, stand ich an vielen Sterbebetten und wo ich konnte, sprach ich mit dem Sterbenden von dem nahe bevorstehenden Tode und fragte sie über ihren Zustand aus. Hornemann ist also ein entschiedener Gegner der Ansicht, der so viele, bei weitaus die meisten Ärzte huldigen, dass man dem Sterbenden die Hoffnung des irdischen Lebens bis zum letzten Augenblicke lassen müsse. Wie sehr dadurch dem Geistlichen sein Amt als Seelsorger erschwert wird, liegt auf der Hand. Ich traf einmal einen Arzt am Sterbebette, der die Sterbende mit den Worten tröstete: Ich werde Ihnen noch eine Medizin verschreiben, nach der wird es besser. Dann tat er, als wenn er ein Rezept verschrieb und sagte beim Herausgehen leise zum Manne der Sterbenden: „Sie kann keine Stunde mehr leben.“ Und er hatte recht. Warum angesichts des Todes solche Schwindeleien? Warum nicht wenigstens Hindeutungen auf den Ernst der Lage?
Diese persönlich empfangenen vielfachen Eindrücke haben dazu gedient, sagt Hornemann, mich von ängstlicher Todesfurcht frei zu machen. Gewiss, nur nicht allein, wie denn auch der Professor und Doktor Hornemann seinen interessanten Vortrag mit dem schönen Gebete schließt:
O Jesu, Licht aus Gott,
Leucht uns bei jedem Schritt,
Geh' bis zum Grabe mit,
Gib einen sel'gen Tod.
Auch Hornemann hat es in vielen Fällen erfahren, dass die Seele über den zusammenbrechenden Leib triumphiert. Das könnte schwerlich der Fall sein, wenn die Seele das selbstbewusste, persönliche, denkende und vernunftbegabte Ich mit dem Leibe zu Grunde ginge. Der Tod ist an und für sich für den denkenden, selbstbewussten Menschen etwas so furchtbares, schreckenerregendes, ja widernatürliches, dass das Geistesleben beim Sterben einen ebenso kläglichen, weh- und demütigen Anblick gewähren müsste, als der sterbende Leib. Das ist aber lange nicht immer der Fall, wie wir uns an Sterbebetten überzeugen wollen.
Freilich in sehr vielen Fällen ist das Bewusstsein längere oder kürzere Zeit, ehe der Tod eintritt, geschwunden. Aber wir können es ja nicht wahrnehmen, was in der Tiefe der Seele vorgeht. In vielen andern Fällen stirbt der Mensch, nachdem er bis zum letzten Augenblicke sich an die Hoffnung geklammert, dass er nicht sterben werde. Mancher Schwindsüchtige ist noch 5 Minuten vor seinem Tode der Ansicht, dass es gut mit ihm stehe und er auf Besserung sei. Diese geistige Kraft der Hoffnung in dem Augenblicke, wo die Maschinerie des Leibes im Stillstand begriffen ist, beweist mindestens, dass Geistesleben und Leibessterben nicht parallel läuft. In andern Fällen bemerken wir eine schreckliche Todesangst. „Herr Doktor ich will nicht sterben. Sie müssen doch noch ein Mittel haben, mich zu retten“ sagte eine junge vornehme Frau wenige Minuten vor ihrem Tode. Durch solche Angst klingt das Wort der Schrift: Es ist schrecklich in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Wenn vor dem Tode die Kräfte des Leibes bis auf ein Minimum dahin geschwunden sind, wie kommt es, dass die geistige Kraft, die sich in solcher Furcht zeigt, bis zum letzten Augenblicke ungeschwächt bleibt?
In fast allen Fällen tritt nach der Behauptung und Beobachtung Hornemanns kurz vor dem Tode Schmerzlosigkeit ein. Diese Schmerzlosigkeit betrifft den Leib, aber nicht immer die Seele. Dem Sterbenden tut zwar keine Ader mehr weh, aber in vielen Fällen geht die Seele unter einem furchtbaren Drucke hinüber. Wir wollen dem Dr. Hornemann zustimmen, wenn er sagt, dass viele in ihren letzten Augenblicken sehen, was sie bis dahin nicht gesehen haben. „Denn die Hülle des Irdischen reißt, so dass der Blick auf die Dinge der andern Welt nicht mehr behindert wird.“ Wir wollen auch dankend von seiner Behauptung Kenntnis nehmen, dass kein einziger von den Zweiflern und Freidenkern, die er habe sterbend gesehen, bis zuletzt den Zweifel und die Leugnung eines anderen Lebens festgehalten habe. Aber er scheint zu meinen, dass alle Freidenker, auch solche, die im Leben des Glaubens spotteten, noch zuletzt anderen Sinnes würden und kurz vor dem Tode auf die Stimme Gottes, die durch das Gewissen zu ihnen redete, hörten, und sie schließlich auch versöhnt mit ihrem Gott hinüber gingen. Wer wollte das nicht wünschen? Der Wahrheit jedoch wird es schwerlich entsprechen. Möglich ist es, wie es denn auch dagewesen, dass auf dem Sterbebette, kurz vor dem Tode, ein bis dahin ungläubiger Mensch zum vollen lebendigen Glauben kommt. Auch dadurch zeigt sich die Kraft des Geisteslebens beim Leibessterben. Es ist ein widernatürlicher Gedanke, dass der selbstbewusste Geist in demselben Augenblicke, wo er bei völliger Klarheit seine gläubige Richtung auf Gott und seinen Heiland genommen, der Vernichtung anheimfällt. Und welche Kraft des Geisteslebens beim Leibessterben offenbart eine solche Wandlung!
Ich kann mir nicht versagen, aus Hornemanns Vortrage ein Beispiel mitzuteilen, welches das angeführte Wort des Cicero erhärtet: „Wenn der Tod sich nähert, wird die Seele um vieles göttlicher.“
Einst behandelte ich erzählt Hornemann. jemanden in einer weit fortgeschrittenen Lungenentzündung, einen verheirateten Mann mittlerer Jahre. Er hatte im Leben viel Glück gehabt, hatte großes Vermögen, genoss Ansehen und stand in ausgedehnter Wirksamkeit, sowie auch ein freundlicher Familienkreis sich um ihn bewegte; aber dabei war er von Kämpfen und schweren Anfechtungen heimgesucht worden. Wie ich ihm versprochen hatte, sagte ich es ihm, als seine Krankheit sich lebensgefährlich gestaltete. Er verstand meine Andeutung sehr wohl und nahm die Ankündigung mit vollkommener Ergebung in Gottes Willen auf. Er bat, ihn es wissen zu lassen, wenn der Tod nahe sei. Und sein Zustand nahm diese Wendung schneller, als ich selbst erwartet hatte. Bei meinem letzten Besuche traf ich ihn im Anfang der Agonie. Anscheinend war er abwesend, redete unzusammenhängend bei sich selbst und in einer fremden Sprache. Ich versuchte mit lauter Stimme ihn zu wecken und fragte, ob er leide, was er verneinte. Darauf fragte ich ihn, ob er wisse, dass er jetzt sterben sollte. Da öffnete er die halbgebrochenen Augen und sagte mit fester Stimme: „Ja ich weiß, ich soll sterben und ich tue es mit Freuden. Ich weiß, dass ich ein großer Sünder bin; aber ich hoffe zu Gott, dass er mir vergibt um Jesu Christi willen.“ Dies waren seine Worte und kurz darauf starb er, von seinen Kindern umgeben und in den Armen seiner Gattin. Dies nenne ich einen seligen Tod, schließt Hornemann und niemals habe ich einen deutlicheren Beweis dafür gesehen, wie kurz vor dem Tode der Blick sich gänzlich abwendet von allem irdischen Glück, welches man mit Freuden fahren lässt in Hoffnung eines bessern Lebens.“
Das ist der Triumph des Geistes über den zusammenbrechenden Leib. Sollten das nur Täuschungen sein, nichtige Phantasien eines sich auslösenden Geisteslebens? Unmöglich. Wer an den Sterbebetten gestanden hat und hat sie gehört, diese Siegesworte sterbender Gotteskinder, der musste gestärkt werden in der Überzeugung, dass der letzte Schlag des brechenden Herzens unmöglich ein Geistesleben vernichten kann, das in solcher selbstbewussten Kraft zutage tritt, in den Augenblicken, in denen der Leibesorganismus zusammenbricht.
Splittgerber erzählt, dass einmal ein Stabsarzt zu ihm gekommen und sein Aufgebot bestellt habe und dabei geäußert, er lege ganz besonderes Gewicht darauf, dass in der Kirche für ihn und seine Brant gebetet werde. Als Spl. seine Verwunderung darüber aussprach, dass ein Arzt das wünsche, sagte der Stabsarzt: Herr Pastor, an den Sterbebetten der Gläubigen habe ich den Glauben meiner Kindheit wiedergefunden, denn ich habe mir gesagt, dass solche Kraft des Glaubens, die sich gerade im Tode zeigt keine Einbildung sein könne, sondern auf Wahrheit beruhen müsse. Und wir müssen dem Stabsarzt recht geben.
Weit entfernt also, dass die Leuchte unseres gottverwandten, geistigen Lebens mit dem Ersterben des Leibes zugleich allmählig erlösche und demzufolge endlich in Nacht und Graus untergehe, weisen uns bestimmte Erfahrungen gerade auf das Gegenteil hin. Mitten durch die Todesumnachtung hindurch, sagt ein berühmter Theologe der heutigen Zeit, zucken nicht selten die mächtigsten Regungen des Geistes, in dem der Geist mitten im Sterben des Leibes gerade seine ganze Macht zusammennimmt, um sich der Vergewaltigung des Todes zu erwehren und mit erhabenem Fluge sich darüber hinwegzusetzen. „Es bleibt eine vielfach erprobte Tatsache, dass es zu allen Zeiten Menschen gab, welche an den Grenzen des Leibes, wenn die Seele ihre Anker lichtet nach der neuen Welt, sich in heiliger Begeisterung erhoben über die irdischen Dinge, vergangenes und zukünftiges mit ihrem inneren Lichte überschauten und in verschiedener Weise etwas von den Kräften eines jenseitigen Lebens an sich erfuhren.“
Freilich so ist's nicht immer. Das Sterben verläuft sehr häufig anders. Bei hitzigen Krankheiten, Nervenfiebern, Lungenentzündung und dergleichen merkt man nichts von solcher Kraft des Geisteslebens vor dem Tode. Im Gegenteil, da scheint die Zerrüttung des Leibes mit der Zerrüttung des Geistes gleichen Schritt zu halten.
Aber wenn der also Sterbende auch keine Äußerungen geistigen Lebens von sich gibt, so ist das noch kein Beweis, dass das Geistesleben selbst geschwunden, wenn auch ein Beweis von dem wunderbar innigem Zusammenhang zwischen Leib und Seele. Wir haben eben keinen Weg und Steg, dem Geist in seine Tiefen, dahin er sich zurückgezogen, zu folgen. Ich habe von einem zerlumpten Bettler gelesen, in dessen Taschen man eine sehr große Summe Geldes fand. Dem Manne sah es niemand an, dass er Tausende bei sich trug. Und so mag in solchen Fällen das Bettlergewand des sterbenden Fleisches das Kleinod des Geistes vor unseren Augen verbergen. Genug, dass Erscheinungen nicht wegzuleugnen sind, in denen das Geistesleben machtvoll durch das Leibessterben hindurch dringt. Als ich vor einigen Jahren in der Schweiz mit vielen andern Touristen am Abend auf dem Rigi stand, hätten wir auch gern das erhabene Schauspiel genossen, die Königin des Tages hinter den schneebedeckten Firnen im goldigen Glanze verschwinden zu sehen. Aber wir sahen nichts als Wolken, dunkle Wolken. Doch siehe, am folgenden Morgen sahen wir dasselbe Gestirn hinter den Alpenspitzen emportauchen, die Bergeskuppeln mit goldigem Rot übergießend. So geht im Sterben das Geistesleben sehr häufig hinter schweren dunklen Wolken unter, um mit majestätischer Klarheit aufzugehen in einer andern Welt.
Eilen wir zu einer andern, sehr bemerkenswerten Erscheinung.
Den Wahnsinn nennen wir eine Geisteskrankheit. Auch der Wahnsinnige, Irrsinnige hat Selbstbewusstsein, Erkenntnis-, Gefühls- und Willens-Vermögen. Nur geht der Wahnsinnige von irrigen Voraussetzungen aus und führt ein eigentümliches Traumleben. Da hält sich so ein Wahnsinniger z. B. für einen König und verknüpft sein ganzes Ichleben mit erstaunlicher Konsequenz und Hartnäckigkeit an diese Vorstellung und Voraussetzung. Nach herkömmlicher Meinung ist der Wahnsinn eine Folge der erkrankten Gehirnmasse. Jedoch ist's nur eine Meinung, die Akten darüber sind noch lange nicht geschlossen. Tatsache ist, dass schwere Gehirnkrankheiten noch lange nicht alle mit Wahnsinn verknüpft sind.
Das Denken selbst mag schwer fallen, aber es bewegt sich in richtigen Bahnen. Ja selbst, wenn bei argen Verletzungen der Schädeldecke mitunter ein erheblicher Teil der grauen Gehirnsubstanz herausquillt, der nicht wieder zurückgebracht werden kann und entfernt werden muss, so zeigt sich nach der Heilung keine Abnahme der geistigen Befähigung, ja man will sogar in einzelnen Fällen eine Zunahme der Lebhaftigkeit bei so Geheilten wahrgenommen haben. Tatsache ist, dass Wahnsinnige in sehr vielen Fällen sich vollkommener leiblicher Gesundheit erfreuen. Also, während das Leibesleben des Menschen sich in normalem Zustande befindet und Herz und Lunge und alle Sinne richtig funktionieren, besteht der Wahnsinn fort. Und nun die merkwürdige Erscheinung. Jede Art des Wahnsinnes schwindet kurz vor dem Tode in vielen Fällen. Ob in allen Fällen ganz dicht vor dem Tode, wie auch behauptet wird, will ich dahin gestellt sein lassen. Kurz vor dem Tode fangen sehr viele Wahnsinnige an, richtig zu denken. Der geheimnisvolle Schleier vor dem Geiste zerreißt und bei klarem Verstande schließt der, der 20 und 30 Jahre wahnsinnig gewesen, sein Leben. Der Wahnsinn besteht also bei völliger Leibeskraft und wenn die körperlichen Kräfte bis auf Null geschwunden sind, wenn die ganze Leibesmaschine wegen Zerrüttung oder Verschleißung aus den Fugen gehen will, dann hört der Wahnsinn auf. Die Krankheit des Geistes schwindet in dem Augenblick, in dem die Krankheit des Leibes ihren Höhepunkt erreicht und im Tode verläuft. Was folgt daraus? Ich meine das, dass der Geist frei wird in dem Augenblick, wo das Leibesleben seine Tätigkeit einstellt. Wäre Leib und Seele eins und risse der Leib die Seele mit in die Vernichtung, so würde die Tatsache schwerlich zu erklären sein, dass kurz vor dem Tode der Wahnsinn schwindet. Und auch das ist unmöglich zu denken, dass der Geist in demselben Augenblicke vernichtet wird, in welchem er sich aus den Fesseln des Wahnsinnes befreit.
Fürwahr, hier sehen wir es, dass die Seele dann recht gesundet, wenn sie sich aus den schwerfälligen Banden des Leibes losreißt.
Als Sokrates, der große Weise Griechenlands, der ungefähr 400 Jahre vor Christi Geburt lebte, den Giftbecher getrunken, wozu er, dem 30 Jahre lang nichts mehr am Herzen gelegen, als seine Mitbürger tugendhaft und glücklich zu machen, von ungerechten Richtern verurteilt ward, sprach er kurz vor dem Tode mit ersterbender Stimme: „Freunde, ich bin dem Äskulap noch einen Hahn schuldig, opfert ihn doch ja.“ Darin liegt eine tiefe Wahrheit. Dieser sterbende Heide beschämt durch dieses Wort viele sogenannte Christen, die mit allen Fasern sich anklammern an dieses Leibes-Leben. Wenn nämlich der heidnische Grieche von einer Krankheit genas, so opferte er dem Äskulap, dem Gott der Heilkunde, aus Dankbarkeit einen Hahn. Sokrates betrachtet also das Leben als eine Krankheit, von welcher man erst vor dem Tode wahrhaft genese.
Jedoch die Beweise dafür, dass gerade in der Nähe des Todes das Geistesleben mit ganz besonderer Macht aufleuchtet und die Seele Kräfte entwickelt, die im gewöhnlichen Leibesleben nie zum Vorschein kommen und Eigenschaften zeigt, die sonst unter der Hülle des Leibes verborgen schlummern, sind noch aus manchen Beobachtungen zu entnehmen. Der ganze II. Teil des genannten Buches von Splittgerber „Schlaf und Tod“ berichtet eine solche Fülle von merkwürdigen, bedeutsamen, zum Teil wunderbaren und unbegreiflichen Tatsachen und Vorgängen auf diesem Gebiete, dass jeder Leser die Überzeugung gewinnen muss, dass die Seele auch losgelöst vom Leibe existiert, ja, in ihrem innersten Wesen unabhängig ist vom Leibesleben. Ich gebe zu, dass manche der angeführten Geschichten nicht gehörig bezeugt ist, manche auf Sinnestäuschungen und wieder andere auf Zufälligkeiten beruhen. Aber die Menge ist so erdrückend, und viele sind so gut bezeugt, dass nur eigensinniges Nichtglaubenwollen solchen Tatsachen das Gehör verschließen kann. Viele sind kurzer Hand damit fertig, indem sie sagen: So etwas kann nicht passieren, darum ist es nicht passiert.
Die Seele, wenn sie vom Körper getrennt ist, sagt ein tiefsinniger Theosoph des 17. Jahrhunderts, bedient sich nicht mehr des Gedächtnisses, noch der Schluss folge der Erinnerung, noch Raum- und Zeitverhältnisse, sondern ein einziges Hier und Jetzt umfasst für sie alle Dinge. Die Seele steht dann in dem Anschauen der nackten Wahrheit ohne Aufhören, Ermüdung und Abnahme und ohne des Gedächtnisses zu bedürfen. Das sagt sich freilich leichter, als sich's begreifen lässt. Aber anschaulich wird's Ihnen vielleicht, wenn ich Ihnen nach Splittgerber eine Tatsache mitteile, die zu bezweifeln gar keine Veranlassung vorliegt. Der englische Admiral Beaufort fiel in den ersten Jahren seines Seedienstes einmal durch Unvorsichtigkeit in das Meer. Als er nun im Ertrinken war, trat plötzlich, so erzählt er selbst in einem brieflichen Bericht, an Stelle der bisherigen stürmischen Empfindungen des Ertrinkenden und der Angst ein Gefühl vollkommener Ruhe ein. Seine Sinne waren abgestorben, aber sein Geist entwickelte eine wunderbare Tätigkeit, indem er sein ganzes bisheriges Leben nach rückwärts durchreiste und die Vergangenheit mit den kleinsten Zügen und Nebenumständen innerlich durchlebte. Ein Gedanke jagte dabei den andern mit einer Schnelligkeit, welche nicht nur unbeschreiblich, sondern auch für jeden, der noch nicht in einer ähnlichen Lage gewesen, unbegreiflich ist. Selbst das längst Vergessene und sogar die unbedeutendsten Ereignisse traten mit der größten Lebhaftigkeit vor ihn wie ein jüngst Vergangenes. Und das Alles war begleitet vom Gefühl des Rechts und Unrechts nach Ursache und Folgen. Die ganze Dauer dieser für sein inneres Bewusstsein höchst reichhaltigen Begebenheit dauerte kaum zwei Minuten, weil er rasch aus dem Wasser gezogen wurde. Ich glaube auch, dass solche Zustände häufiger sind, als wir meinen. Es redet eben nicht jeder davon oder es dringt nicht in die Öffentlichkeit abgesehen davon, dass unzählig viele mit solchen innerlichen Erlebnissen in die Ewigkeit gehen. Aber höchst bedeutsam ist doch dieser Vorgang. Er macht es uns fast unmöglich, uns vorzustellen, dass ein Geistesleben, das kurz vor dem Zusammenbruch der leiblichen Organe in solcher Klarheit, Lebendigkeit und Kraft sich äußert, gleich darauf vernichtet werde. Zugleich ersehen wir, dass die geistige Persönlichkeit, das Ichleben des Menschen ein in sich und für sich abgeschlossenes Ganzes darstellt, wie endlich, dass das geistige Eigentum, die geistigen Eindrücke wie auch die geistigen Irrungen des Gesamtlebens nicht verloren gehen. Die Ewigkeit wird eben, wie schon gesagt, eine ausgewickelte Zeit sein und was der Mensch sät, das wird, das muss er ernten. Wenn die Seele ihre Fesseln abgestreift hat und der Mensch, wie das schöne, wahre, aber auch sehr ernste Wort sagt, verewigt ist, werden wir es auch erleben und verstehen, dass das Wort der Schrift keine Übertreibung enthält: Wir müssen Rechenschaft ablegen von einem jeden unnützen Wort, das wir geredet haben. Wir brauchen uns mit mühsamen Erinnerungen nicht mehr abzuquälen. Es wird alles aufgedeckt vor uns liegen. Sehr schön sagt Schubert hierüber in seiner „Geschichte der Seele“: Die betrachtende Seele überblickt alsdann, gleich dem schwebenden Vogel, zugleich und mit einem Mal die ganze Aufeinanderfolge der Empfindungen und Handlungen, welche sie im gewöhnlichen, wachen Zustande langsam und allmählig erfährt. Wenn dann die Seele im Hellsehen diesen Flug genommen, so vermag ihren Spuren der gewöhnliche Gang der Erinnerung ebenso wenig zu folgen, als ein vierfüßiges Tier dem Fluge des Vogels. Denn die Aufeinanderfolge und Verkettung des Gesehenen und Gesprochenen ist hier eine ganz andere als dort.“ Wie wahr das Wort des Cicero von der Göttlichkeit der Seele beim Herannahen des Todes! Wie ahnungs- und verheißungsvoll das Wort der Schrift: Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden! Wie tief empfunden der verlangende Seufzer:
Nach Dir sehnt sich meine Seele
In der Höhle,
Bis sie sich von hinnen schwingt!
Oft genug beschäftigen sich Sterbende oder Schwerkranke in ihren Phantasien mit einzelnen Erlebnissen ihres früheren Lebens, an die sie in gesunden Tagen lange nicht mehr gedacht. Ja, stumpfe abgelebte Greise, bei denen die Kraft des Gedächtnisses erloschen zu sein schien, erhielten zum Öfteren unmittelbar vor ihrem Ende nicht allein dieses besondere Vermögen zurück, sondern gelangten überhaupt wieder zur völligen geistigen Frische. Mögen dem gegenüber auch Fälle dastehen, wo im sehr hohen Alter das Geistesleben zusammenschrumpft, um mich so auszudrücken, ich denke hierbei an kindisch gewordene Greise, oder wo im völligen geistigen Stumpfsinn der Mensch dahin stirbt - so wollen wir den innig-engen Zusammenhang hierin erkennen, in welchem Leib und Seele stehen und wie unter Verhältnissen, die wir nicht kennen, das Geistesleben eingeengt und erstarrt sein kann. Aber dass das nicht immer der Fall zu sein braucht, und dass die Kraft des Geistes durch die sterbensnahe Schwachheit des Leibes hindurchbricht, das eben beweisen viele Sterbebetten.
Vorübergehend will ich die prophetische Kraft des Geistes in der Nähe des Todes erwähnen. Auch davon bringt Splittgerber aus alter und neuer Zeit eine Fülle von Beispielen. Merkwürdig ist es, dass schon Dichter und Philosophen des Altertums die Ansicht ausgesprochen, Sterbende besäßen im hohen Maße die Gabe der Weissagung. So Socrates, Plato, Aristoteles, Cicero u. A. Plutarch, ein griechischer Schriftsteller, der auch davon schreibt, dass Sterbende diesen wunderbaren Fernblick in die Zukunft hätten, meint, es sei nicht wahrscheinlich, dass beim Sterben die Seele eine neue Fähigkeit erlange, die sie vorher nicht schon gehabt habe. Daher sei es viel wahrscheinlicher, dass der Geist diese Fähigkeit immer besitze, allein verfinstert und durch den Leib gehindert. Die Seele vermöge sie daher erst dann zu üben, wenn die Auflösung des Körpers begonnen habe. Wie kämen die Alten dazu, so etwas zu schreiben, wenn ihnen nicht zahlreiche Fälle vorgelegen hätten, in denen das Geistesleben diese Kraft beim Leibessterben geäußert hätte. Und fürwahr, der prophetische Blick des Sterbenden ist eine häufig wahrgenommene Tatsache. Wo große Männer bei klarem Bewusstsein sterben, tritt dieser Fernblick oft in die Erscheinung. Die Weltgeschichte wie die Kirchengeschichte erzählt manche Beispiele. Ich entnehme hierzu aus Splittgerber folgendes: Als der ebenso fromme wie tapfere Major von Jena in der letzten Parallele vor den Düppeler Schanzen tödlich verwundet war und im Feldlazarett im Sterben lag (am 17. April 1864, Morgens gegen 10 Uhr) war es, als sähe er in einem schnell vorübergehenden Phantasiegebilde den Sturm auf die Schanzen vorher, und rief dabei plötzlich aus: Graf Schulenburg und vier Unteroffiziere voran! Wirklich fiel der bezeichnete tapfere Offizier mit 4 Unteroffizieren seiner Kompagnie beim Sturm auf den Brückenkopf von Sonderburg und lag mit ihnen vorne an, in der ersten Reihe der dicht gesäten Toten.
Ich gehe gewiss nicht irre bei der Annahme, dass manch einer von Ihnen am Sterbebette des Vaters oder der Mutter, des Mannes oder Weibes solche in die Zukunft gehende Äußerungen vernommen, die die Folgezeit nicht Lügen gestraft hat. Ein mir bekannter Amtsbruder nahm auf dem Sterbebette Abschied von den Seinigen. Als ihm sein jüngstes Kindlein dargereicht wurde, sprach er: „Du liebes Kind bist das erste, das mir folgt.“ Und so war es auch.
Es kann die Seligkeit der verklärten Geister nur erhören, mit dieser Kraft des Fernblicks in die Ewigkeit der Ewigkeiten ausgestattet zu sein. Denn wie fern sie auch blicken, sie sehen nichts als immer größere Wonnen, immer neue unergründliche Tiefen göttlicher Gnaden- und Liebeserweisungen. Aber dass uns hier in diesem Leibesleben, für dieses Leben voll Anfechtungen, Kämpfe, Versuchungen, Leiden und Trübsale dieser Fernblick für gewöhnlich versagt bleibt, ist eine gnädige Einrichtung des Schöpfers. Ex ungue leonem - aus der Klaue erkennt man den Löwen und aus solchen Geistesblitzen mögen wir erkennen das Leben, das Wesen und die Eigenschaften des in uns wohnenden göttlichen Geistes, wenn er die Fesseln abgestreift, von denen er in sündhaftem Leibesleben gebunden ist.
Ich komme an das Kapitel der Geistererscheinungen, an jene Fälle, wo Sterbende oder in Todesgefahr Schwebende sich Verwandten oder Freunden auf weite Entfernungen kund geben, indem man entweder ihre Stimme hörte oder ihre Gestalt in schattenhafter, aber deutlich wahrnehmbarer Weise vorüberzog. Wer über diesen Punkt Splittgerbers „Schlaf und Tod“ und andere darauf bezügliche Schriften3) nachliest, der kann diesen Gegenstand nicht abfertigen mit den Worten: An Gespenster glaubt heutzutage kein vernünftiger Mensch. Damit macht man es sich doch zu bequem. Ich bin wiederum überzeugt, dass unter den hier zahlreich Versammelten sich manche befinden, die über diesen Gegenstand merkwürdige Erlebnisse und Begebnisse mitzuteilen hätten. Es kommt auch von diesen Dingen lange nicht alles in die Öffentlichkeit, spricht sich nur so weiter unter der Hand und erbt in Familientraditionen fort. Zugegeben, dass ein Teil solcher Geschichten schwach beglaubigt ist, ein anderer auf Täuschungen erhitzter Phantasie beruht, so bleibt noch ein großer Rest übrig, der den schärfsten Waffen der Kritik mit Erfolg Trotz bietet.
Diese Erscheinungen sind überaus bedeutsam. Sie beweisen unwiderleglich, dass die Seele auch losgelöst vom Leibe sich auf meilenweite Entfernungen wahrnehmbar kundgeben kann. Und das beweist wiederum unwiderleglich, dass die Seele auch ohne diesen Leib existiert, existieren kann, wirkt und wirken kann, nämlich gerade dann, wenn der Leib vom nahenden Tode erfasst wird und im Begriff steht, seine Funktionen einzustellen. Der scharfsinnige, nüchterne und klar denkende Apostel Paulus schreibt bei Erwähnung jenes wundersamen Ereignisses, als er entzückt war in das Paradies und unaussprechliche Worte hörte: Bin ich in dem Leibe gewesen, so weiß ich es nicht, oder bin ich außer dem Leibe gewesen, so weiß ich es auch nicht, Gott weiß es. Aber dass bei jenen Ereignissen, mit denen wir es hier zu tun haben, die betreffenden Menschen außer dem Leibe gewesen, ist klar und unwiderleglich. Was für Ereignisse? Ich will aufs Geratewohl einige herausgreifen und dieser oder jener unter Ihnen mag dabei an solche denken, von denen er gehört. Im Jahre 1820, erzählt der selige Pfarrer Renaud aus seinen eigenen Lebenserfahrungen, wohnte zu Bern ein gewisser Daniel Kieffer, der an Lungenschwindsucht litt. Ich besuchte ihn öfter. Einmal konnte ich ihn während einiger Tage nicht sehen. Da weckte mich eine Stimme auf, wie die seinige und forderte mich auf, zu ihm zu kommen. Ich stand auf und machte Licht, aber da es mir lächerlich vor kam, um Mitternacht einen Besuch zu machen, legte ich mich nieder. Einige Stunden darauf wiederholte sich dieselbe Sache. Ich schlief wieder ein. Um 2 Uhr hörte ich die nämliche Stimme, aber dringend und vorwurfsvoll. Nun ging ich zu dem Kranken. Als ich leise an die Tür klopfte, rief er: „Kommen Sie nur, ich rufe Sie seit zwei Stunden.“ Sein Wärter hatte ihn verlassen und er durstete grausam.
Es war im Jahre 1823, so erzählt ein anderer noch lebender Pastor, da befand sich mein ältester Bruder Emil zum Behufe seiner höheren Ausbildung im Fache der Typographie in Heidelberg. Er stand im 24. Lebensjahr und zeichnete sich durch gediegene Verstandes- und Herzensbildung wie durch ein ernstes, sittliches Streben aus. Unsere Mutter war damals so krank, dass die Ärzte sie aufgegeben hatten. Mein Bruder lag eines Morgens völlig wach im Bett, als es an seine Türe klopfte. Er meinte, es sei der Aufwärter und wunderte sich, dass derselbe anklopft, während er sonst ganz still eintrat, um sich die Kleider zur Reinigung zu holen. Er rief: Herein! Da öffnete sich die Tür und unsere Mutter trat herein und ging auf das Bett zu. Mein Bruder richtete sich höchlichst erstaunt auf und rief: Ach, liebe Mutter, bist Du es denn? In demselben Moment war die Erscheinung verschwunden. Er meldete uns sofort dies Erlebnis mit der Befürchtung, dass etwas Trauriges mit der Mutter geschehen sei. Wir konnten ihm darauf mitteilen, dass die schwer kranke Mutter in jener Nacht in der Krisis gelegen, von da aber die Krankheit sich zur Genesung gewendet habe. Die volle Wahrheit dieses Vorganges kann ich entschieden verbürgen, bezeugt Pastor Gehring zu Teichel in Thüringen.
Durch einen sehr ehrenwerten Berichterstatter, Herrn Kammerrat K. zu Michelstadt ist folgendes verbürgt: Am 17. April 1880 starb nach langem Leiden der ledige Wilhelm G. zu Michelstadt (in der Nähe des Taunus), ein gläubiger Mann. Wenige Tage vor seinem mit christlicher Ergebung erwarteten Ende sagte er zu seiner Mutter, dass er keinen Feind zurücklasse. Nur bedaure er, dass sein Bruder sich in der letzten Zeit wenig um ihn bekümmert habe und dessen Frau nicht einmal gekommen sei, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Der Tod des Wilhelm G. trat Morgens um 7 Uhr ein. In derselben Zeit ging in der entfernten Wohnung des Bruders die Tür auf und Wilhelm G. kam herein, um nach dem Bett des noch schlafenden Bruders zu gehen. Dessen Frau machte ihrem zur Schule sich rüstenden Töchterchen gerade das Haar; da sah sie den Schwager und rief entsetzt aus: „Da ist ja der Wilhelm“. In demselben Augenblick erwachte der Bruder und der Sterbende verschwand.
Hiermit im Zusammenhang stehen jene merkwürdigen, sehr häufig beobachteten Erscheinungen, die mit dem Augenblick in offenbar nicht wegzuleugnender Verbindung stehen, in dem die Seele sich losreißt von der sterblichen Leibeshülle z. B. das Zerspringen der Gläser, Läuten der Glocken, Stillestehen der Uhren usw. Es geht auch hier nicht an, das alles durch zufälliges Zusammentreffen erklären zu wollen. Auf irgendeine Weise geht hier vom Geiste allein und nicht vom Leibe des Sterbenden eine Wirkung aus.
So lange die Seele eingeengt ist vom Leibe und gebunden an demselben, ist sie zugleich eingeengt und gebunden von Zeit und Raum. In dem Maße sie sich aber loswindet aus den Umarmungen der Materie, des Leibes, lässt sie in vielen Fällen etwas erkennen von ihrer Erhabenheit über Zeit und Raum. Sie wird, wie Cicero sagt, um vieles göttlicher. Vergangenheit und Zukunft liegen vor ihr aufgedeckt, sie ist da, wo sie sein will und durchfliegt mit größerer Schnelligkeit als der elektrische Funke meilenweite Entfernungen.
Ich möchte zum Schluss noch dafür Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, dass in der Nähe des Todes das Gewissen mit besonderer Kraft rege wird. Es hat vielleicht Jahre lang geschlafen, oder der Mensch hat seine Stimme überhört. Aber kurz vor dem Tode wacht es je und dann auf und erfüllt die Seele mit unheimlicher Angst. An wie vielen Sterbebetten ist das beobachtet worden und wie oft ist's dagewesen, dass Sterbende nicht in die Ewigkeit gehen wollten und konnten, bis durch das Bekenntnis irgendeiner Sünde, eines Verbrechens der furchtbare Druck von ihrer Seele genommen war.
Gewiss sterben sehr viele ganz apathisch dahin, sie sterben, ohne es zu wissen, dass sie sterben müssen. Man redet ihnen bis zum letzten Augenblick ein, dass es mit ihnen keine Gefahr habe. Oder sie haben so viel mit ihrer Krankheit zu tun, dass sie keine Zeit, keine Ruhe und innere Sammlung haben, an das Sterben zu denken. Oder sie gehen in Fieberphantasien und völliger Geistesumnachtung hinüber, ohne dass sie in den letzten Tagen vor ihrem Tode nur einmal zum klaren Selbstbewusstsein gekommen wären. Der Tod ist eben nicht allein für den Leib sondern auch für die Seele wegen ihrer engen Verbindung mit dem Leibe, etwas überwältigendes grausiges und widernatürliches und bestätigt damit das Wort der Schrift, dass er eine Folge der Sünde sei. Auch ein Apostel Paulus wollte lieber überkleidet als entkleidet sein.
Wäre es für das Geistesleben etwas natürliches, sterben zu müssen, warum diese Todesangst, diese Todesfurcht, wogegen kein Arzt eine Mixtur verschreiben kann.
Diese Mixtur bietet der lebendige Glaube an den lebendigen Christus, der gekommen ist, damit wir nicht mehr Knechte seien in der Furcht des Todes. Durch die gläubige Verbindung mit Christus strömt ein wunderbarer Friede in die Seele. Denn Christus ist die Vergebung unserer Sünden und lässt, uns völlig ausgesöhnt mit Gott in die Ewigkeit gehen. Und nicht nur das. Christus ist die Auferstehung und das Leben. Wo er ergriffen wird, ergreift die Seele eine über alle Zweifel erhabene und gewisse siegesfrohe Hoffnung des ewigen Lebens. Auch der gläubige Christ kann in Geistesumnachtung und mit zurückgetretenem und getrübtem Selbstbewusstsein dahin sterben. Aber bei klarem Selbstbewusstsein wird sein Sterbebett jedes Mal den Siegesruf erneuern: Tod wo ist dein Stachel? Hölle wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum!
Es war einst ein gefürchtetes Vorgebirge die äußerste Grenzlinie der Seefahrer. Von denen, welche der Sturm oder der Strom des Meeres dorthin getrieben hatte, kehrte, sagte man, kein einziger mehr zurück. Dieses Vorgebirge war der Schrecken der Seefahrer, man nannte es das Kap der Stürme. Einer, ein kühner Seeheld, Bartholomäus Diaz (1468), wagte es, das gefürchtete Kap zu umsegeln. Er hat den Seeweg nach Ostindien entdeckt und seinem Lande die Schätze eines andern Weltteils aufgeschlossen. Als die Kunde zu seinem König kam, rief der König aus: Nun soll es nicht mehr das Kap der Stürme heißen, sondern das Vorgebirge der guten Hoffnung!
Auf der Fahrt nach der seligen Ewigkeit, auf der wir uns alle noch befinden, ist auch ein gefürchtetes Vorgebirge zu umsegeln, der Tod, der König der Schrecken. Seitdem Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung Leben und Unsterblichkeit an das Licht gebracht, hat der Tod für Jesu Jünger und Jüngerinnen seinen schrecklichen Namen verloren - er ist das Vorgebirge der guten Hoffnung, der Eingang in das Leben, das uns mehr bietet, als alle Schätze Indiens bieten können. Die Sterbebetten gläubiger Christen sind überaus liebliche und schwerwiegende Beweise nicht allein für die Wahrheit des Evangeliums, das himmlische Lebenskräfte hineinströmen lässt in das sterbliche Gebein, sondern auch dafür, dass ein Geistesleben, das beim Leibessterben in solcher Glorie sich zeigt, unmöglich im Tode vernichtet werden kann.
„Nun fahre ich hin ins Paradies!“ rief Jakob Böhm aus im Augenblick seines Todes. Wenige Stunden vor seinem Tode war es ihm, als ob himmlische Töne zu ihm drängen. Dann nahm er plötzlich Abschied von Weib und Kindern, murmelte noch einige unverständliche Worte, erhob sich und rief mit lauter Stimme: Nun fahre ich hin ins Paradies! rief es, wandte sich um und verschied mit fröhlicher Miene, sanft und selig. Schauerlicher Gedanke: es war nur eine fromme Täuschung, war ein Wahngebilde einer überspannten Seele. Nicht ins Paradies ist dieser gottinnige Theosoph gefahren, sondern ins Nichts.
Als Johann Knox, der große schottische Reformator im Sterben lag, sagte er: „Jetzt zum letzten Male befehle ich mich mit Seele, Geist und Leib in deine Hände, o Herr!“ Dann stieß er einen Seufzer aus und sagte: Nun ist es so weit! Da die Anwesenden wahrnahmen, dass er die Sprache verloren hatte, rief einer ihm zu: „Wenn Ihr nicht mehr sprechen könnt, so gebt uns ein Zeichen, dass Ihr euch der tröstlichen Verheißungen erfreut, die Ihr uns so oft verkündigt habt.“ Da hob Knox eine seiner Hände empor, seufzte zweimal und hauchte sein Leben ohne Kampf aus.
Johann Welch, der treffliche Schwiegersohn von Knox, war während seiner letzten Krankheit von dem Gefühle der Gegenwart Gottes so erfüllt und überwältigt, dass man ihn ausrufen hörte: „Herr! halt Deine Hand zurück, es ist genug; Dein Knecht ist ja nur ein irdenes Gefäß und kann nicht mehr aufnehmen!“
Philipp Matthäus Hahn (gest. den 2. Mai 1790) sagte am Abend vor seinem Tode zu seinen ihn umstehenden Brüdern: „Ich empfinde nun das Auflösen meiner äußeren Hülle, zugleich aber umso stärkere Regungen des inneren Lebens.“
Den trefflichen Bischof Weeks (gest. den 24. März 1857) fragte man wenige Stunden vor seinem Hinscheiden, da schon die Schatten des Todes ihn umlagerten, ob Jesus seiner Seele fühlbar nahe sei. „Kostbar!“ stammelte er langsam und Buchstabe für Buchstabe, während ein sanftes Lächeln seine sterbenden Züge verklärte. „Sehr!“ fügte er nach einer Pause bei.
K. F. Steinkopf, deutscher Prediger an der Savoykirche in London und Mitbegründer der britischen und ausländischen Bibelgesellschaft, entschlief den 29. Mai 1859 sanft und ohne schweren Kampf, wie er gewünscht hatte, mit den Worten: „Herrlichkeit, Herrlichkeit! eine ganz neue Schöpfung!“ Als man zu dem seligen Schubert, da er im Sterben lag, sagte: „Bald wirst Du Deinen Heiland sehen!“ antwortete er leise: „Ich sehe Ihn schon.“
Diese Beispiele sind, um auffallend zu sein, viel zu gewöhnlich; wer je an Sterbebetten gläubiger Christen gestanden, der hat sie auch erlebt.
Der Tod wird seine Rätsel behalten. Es ist der letzte Feind, der aufgehoben wird. Seien wir zufrieden, dass hin und wieder der Schleier gelüftet wird, um das wunderbare Geistesleben beim Leibessterben zu zeigen. Wir könnten zuviel davon auch gar nicht vertragen. Wir leben hier im Glauben und nicht im Schauen. Wir können als Christen gestützt auf die Zeugnisse der Schrift, wie auf so viele kostbare Erfahrungen, dem Tode getrost ins Auge schauen, wenn wir nur den rechten Führer bei uns haben.
Es ist so, und wenn es nicht so wäre, wäre der Mensch das elendeste unter allen Geschöpfen - wäre das Leben nicht des Lebens wert, hätte das Leben in Kirche und Staat keinen Grund und Boden unter den Füßen, bräche auch der Glaube an einen lebendigen, persönlichen heiligen und gerechten Gott in nichts zusammen - es ist so der Geist des Menschen ist ein für sich Bestehendes, im höchsten Maße innerliches, lebendiges Wesen, das im Tode wohl eine furchtbare Erschütterung, aber keinen Untergang erleidet, sondern in neuer ungeahnter Weise sich entfalten wird, wenn die Fesseln des schweren, materiellen Leibes zersprengt sind, aber auch ein Wesen, das auf Sittlichkeit und Heiligkeit angelegt ist. Es ist so, dieses Leben ist eine Vorschule für die Ewigkeit. Die Weltgeschichte ist auch ein Weltgericht, aber das Weltgericht ist sie nicht. Der Thron des Weltgerichtes steht jenseits des Grabes.
Es gibt ein Fortleben des persönlichen Menschengeistes, es gibt einen Himmel, es gibt eine Hölle. Jesus Christus aber ist gekommen, die Sünder selig zu machen und wer an Ihn glaubt, hat das ewige Leben.