Wichern, Johann Hinrich - Rede auf dem Wittenberger Kirchentag

Die Bedingung meiner Teilnahme an der Einladung war, daß als große Kirchenfrage mit vorangestellt werde die kirchliche Praxis, der Satz, daß die Kirche als Kirche in Beziehung auf die Praxis eine große Schuld zu tilgen und ein Neues zu beginnen habe. Ein gründliches kirchengeschichtliches Eingehen, wie es die Wissenschaft noch nicht getan, und es auch ihr obliegt, wird klarmachen, was für eine Kirchenschuld in dieser Beziehung das Jahr 1848 offenbar gemacht hat. Der Wendepunkt der Weltgeschichte, in welchem wir uns gegenwärtig befinden, muß auch ein Wendepunkt in der Geschichte der christlichen und speziell der deutsch-evangelischen Kirche werden, sofern dieselbe in eine neue Stellung zum Volk eintreten muß. Diese Gedanken, diese Wünsche und Hoffnungen zirkulieren seit länger in unsrer Kirche und im letzten Jahrzehnt in immer lebendigeren Strömungen in den Kreisen derer, welchen das Heil des Volkes unabweislich am Herzen liegt. Die Schwierigkeiten und Hemmungen, welche sich der Verwirklichung dieser Hoffnungen entgegenstellten, schienen aber ebenso mannigfaltig wie unüberwindlich. Da kam der Februar dieses Jahres mit seinen Schrecknissen. bei unsren westlichen Nachbarn, und ihm folgte der März mit seinen verhängnisvollen Ereignissen in unsrem Vaterlande. So tief aber auch das Herz blutete und noch blutet im Schmerz über die Schmach und das Elend und die Macht der Sünde, die ans Licht getreten, so lag doch für das Auge des Glaubens hinter all diesem der Anbruch eines Tages der Verheißung für die Verjüngung des gläubigen rettenden Wirkens der Kirche verborgen, ein Tag, dessen Nähe wir nun in lebendiger Hoffnung nur mit Jubel begrüßen konnten. Ein Tag Gottes als ein Tag des Heils für unsre Kirche in unserm teuren Vaterlande ist mit jenen Ereignissen über unsren Häuptern aufgegangen. Es muß und wird zum Bewußtsein kommen, daß unsre evangelische Kirche eine Volkskirche werden muß und kann, indem sie das Volk durchs Evangelium in neuer Weise und Kraft zu erneuen und mit neuem Lebensodem aus Gott zu durchdringen hat. Die tatsächlichen Anfänge dazu, so unbekannt sie vielen sein mögen, liegen vor. Und ich begrüße den heutigen Kirchentag als einen großen, längst erflehten Fortschritt auf dem Wege zur Bildung unsrer evangelischen Kirche zur wahren Volkskirche trotz allem Anschein, daß die Kirche von ihrem Gebiete verlieren werde. Sollen aber die Verhandlungen zu diesem Resultate führen, soll die Verwirklichung nicht aufgeschoben und die Hoffnung sehr vieler Kirchenglieder erfüllt werden, die praktischen Fragen gründlich, klar und tief durchzuarbeiten in ihrem bedeutungsvollen Zusammenhange mit den Fragen dieses Morgens, soll geschehen, was Hunderte und Tausende von dem Kirchentage in Wittenberg zu erwarten haben, dann muß die praktische Frage in dem später zu entwickelnden Sinn und Umfang, und zwar auch der Zeit nach mit in den Vordergrund treten. Morgen früh, wenn der Ausschuß ernannt wird, möge die praktische Frage als wesentlich dem Kirchenbund angehörig mit aufgenommen werden.

Dieser Gegenstand sei ihm seit lange und genau bekannt; es werde wenige Stellen in Deutschland geben, die irgendeine bedeutende Tätigkeit der Art entwickelt, und nur wenige Persönlichkeiten, die Eigentliches und Neues auf diesem Gebiete geleistet, von denen ihm nicht infolge mannigfacher günstiger Verhältnisse eine Kunde zuteil geworden wäre. Die Männer, welche gemeint seien als solche, die ein lebendiges Interesse für die Sache haben, bekleideten zum Teil hohe Ämter in Kirche und Staat, oder wollten doch den Gegenstand mit umfassenderem, staatsmännischem Blick behandelt wissen. Es sei von ihm mancher Kampf im stillen und sonst gekämpft, weil man die Arbeit der inneren Mission ansehe als eine solche, die der Kirche entgegenarbeite, sie gar zu untergraben strebe. Männer der Kirche, besonders auch solche, die frei und offen und herrlich den Glauben bekennen, hätten aus diesem Grunde sogar geradezu vor den Arbeiten der inneren Mission gewarnt; man wundere sich deswegen über die Behauptung, der Kirchenbund müsse in ein Verhältnis zu diesen Tätigkeiten treten. „Allein meine Überzeugung über das Verhältnis der Kirche zur inneren Mission ist nie eine andere als die heutige gewesen, und von jeher steht mir die hier ausgesprochene Überzeugung fest, daß die Kirche die innere Mission in die Hand nehmen muß. Jetzt wird sie zum Teil mit betrübtem Herzen betrieben, weil man von seiten derer, welche die Kirche vertreten, die Tätigkeit als nicht berechtigt anerkennt. Es ist ein Mißtrauen gegen sie eingetreten, welches auch mit dem aufrichtigsten Bekenntnis: Die innere Mission will nur der Kirche und dem Staat als der anderen göttlichen Stiftung dienen, nicht hat entfernt werden können. Wenn nun diese Versammlung es ausspräche, daß der Kirchenbund Förderung und Schutz dieser Tätigkeit zukommen lasse, daß er die innere Mission in sich aufnehmen wolle, unbeschadet der notwendigen Freiheit derselben: so würde dieser Arbeit ein Stempel aufgedrückt, wovon ein Gottessegen ausgehen müßte. Es ist dies aber durchaus notwendig, wenn die innere Mission ihre Tätigkeit überall entfalten soll. Sie kann vielfach keinen organischen Anknüpfungspunkt finden, wenn der Kirchenbund nicht die Erklärung ausgehen läßt, für sie einen geistigen Mittelpunkt abgeben zu wollen. Außerdem scheint es mir innerlich ganz notwendig, daß der Kirchenbund die Sache als die seine bekenne, wenn die Kirche der Quell alles christlichen Lebens im Volk sein will. Aus diesen Gründen stimme ich für den Antrag, daß die innere Mission in das Programm mit aufgenommen werde, und behalte mir vor, zu einer anderen Stunde ausführlicher über die innere Mission zu sprechen.“

Die Versammlung spricht aber den Wunsch aus, daß der Redner dies sofort tun möge. Der ganze Vortrag des Redners war improvisiert. Die Lebendigkeit der Rede, die viele einzelne Tatsachen, Zahlen und Namen enthielt, machte es um so schwieriger, sie im Protokoll in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederzugeben. Herr Wiehern ist von anderer Seite 'ersucht, den Gegenstand in einer besonderen kleinen Schrift zu behandeln, und hat versprochen, diesem Wunsche nachzukommen. Er fährt fort:

Bei Bestimmung des Gebietes der inneren Mission sei es zunächst ein großer Irrtum, wenn man meine, daß es bei ihr nur auf Rettung der Armen und Ungebildeten ankomme; es gelte ebenso sehr der Rettung der Reichen und Höchstgebildeten. Die Grenze des Gebietes der inneren Mission werde beschrieben durch die Taufe, deren vollste Dignität von der inneren Mission anerkannt werde. „Ich erkenne die Taufe in lutherischem Sinne; schon durch diese Bemerkung werden die, welche meinten, die Taufe werde von der inneren Mission verleugnet, ihr Bedenken aufzugeben oder aufs neue zu erwägen veranlaßt sein. Es kommt darauf an, ob es inmitten der Christenheit eine Gesinnung und Lebensgestaltung gibt, welche dem Heidnischen sich nähert. Der Beweis dafür ist zu führen. Noch vor einem Jahre ist auf einer großen deutschen Predigerkonferenz dem widersprochen und folgerichtig über die innere Mission der Stab gebrochen. Viele der damals Widersprechenden haben es jetzt schon bezeugt, daß sie sich damals über den Stand der Dinge getäuscht. Den Beweis für die Berechtigung und Notwendigkeit der inneren Mission hat inzwischen die ausgebrochene Revolution geführt, unsre deutsche mehr als die französische.

Es kann eine innere Mission inmitten der einzelnen und vereinzelten Gemeinde geübt werden. Hier ist sie zunächst Sache der praktischen Geistlichen und verbindet sich vielfach mit der kirchlichen Armenpflege, welche für sich allein freilich die Aufgabe nicht lösen kann. Die innere Mission erstreckt sich über die Einzelgemeinden hinaus. Wir Deutschen sind nicht bloß ein ansässiges, sondern zu Hunderttausenden noch ein Nomadenvolk. Man erinnere sich an die reisenden Handwerksburschen, deren eine zahllose Menge jährlich durch unser Vaterland wandern; sie haben als wandernde Gesellen keine andere Heimat als die Herberge und bis in die neueste Zeit keine andere Gesellschaft als die Zunftgenossen.

Wie es in den Herbergen zugeht, habe ich schriftlich dargestellt. Es geschehen da Dinge, die man im Sinne des Apostels unsägliche nennen muß, höchstens im engeren Kreise vertrautester Männer ließe sich darüber reden. Wer die Orgien des Heidentums kennt, kennt noch nicht, was da geschehen ist und geschieht. Seit Karl V. existieren Gesetze dagegen, und die polizeilichen Institutionen kämpfen bis heute gegen dieses Übel. Sie werden es nicht überwinden. Hier ist das Wesen unsrer modernen revolutionären Klubs im geheimen vorgebildet gewesen. Hier hat es sich vorbereitet durch einen Weg, der Jahrhunderte beschreibt. Wie soll den Hunderttausenden begegnet werden zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse? Wer hat Beruf und Pflicht, sich ihrer anzunehmen? Wer hat hier mit Gottes Wort gearbeitet? Welcher Kirche und Gemeinde gehören diese Scharen an? Bis dahin hat sich erweislich niemand um sie bekümmert.

Hierzu kommt ein zweites, verwandtes Gebiet der inneren Mission: die Deutschen außerhalb Deutschlands, zunächst in Europa. (Die Auswanderung nach Nordamerika ist ein Gebiet für sich.) Diese deutsche Diaspora in Europa besteht wieder vorzugsweise aus Handwerksburschen und ist in den großen europäischen Hauptstädten, besonders in Paris, Marseille, Lyon, London, Petersburg usw. zu suchen. Was geschieht für all diese von der evangelischen Kirche des Vaterlandes aus? Vor noch zwei Jahren mußten die, die mit Ernst von den Gefahren des Kommunismus unter den Deutschen, z. B. in Paris und London, sprachen, besorgt sein, daß sie belächelt oder kurz abgewiesen würden. Die Zeitumstände haben es anders gelehrt. Diejenigen, welche wußten, wie die Sachen standen, sahen das drohende Ungeheuer heraufziehen, und jetzt hat sich das Ungewitter der kommunistischen Revolution entladen. Mehr als man bis jetzt auch von seiten der Nüchternsten hat anerkennen wollen, haben dabei Handwerksgesellen mitgewirkt, von denen viele unmittelbar in Paris zu solchem Treiben der Barbarei systematisch vorbereitet worden. Die Polizei hat viele dieser Verhältnisse längst gekannt, aber nicht geglaubt, von ihnen öffentlich reden zu dürfen, und gemeint, die Gefahr mit ihren Mitteln überwinden zu können. Von der Klugheit, dem Takte, womit diese Handwerkerbearbeitungen geschehen sind, haben die Unkundigen schwerlich einen Begriff. Eine der unmittelbarsten Vorschulen hat die radikal-atheistische und kommunistische Partei in der französischen Schweiz aufgerichtet gehabt. Das freilich oft verdeckt gehaltene Hauptmittel zur Erreichung ihrer Zwecke ist der Atheismus gewesen. In einem vor etwa zwei Jahren erschienenen berüchtigten Buche (welches nicht verboten und deswegen leider auch nicht gelesen worden) gibt der Verfasser, W. Marr, als Verräter an seiner Partei, detailliert sein und der Gleichgesinnten Verfahren an. 'Die Menschen', das spricht er als seinen Grundsatz aus, 'müssen zu persönlichen Feinden Gottes gemacht werden'. Er rühmt sich, Tausende deutscher Handwerksgesellen von Stufe zu Stufe für den Bund vorbereitet zu haben. Zur Aufnahme in die Verbindung gehörte ein entscheidendes Nein auf die Frage: Glauben Sie an einen Gott? Marr gab 1845 den Impuls zum Anzünden des Holzstoßes auf dem Signal bei Lausanne, dessen auflodernde Flamme das Zeichen zum Ausbruch der Revolution im ganzen Kanton wurde. Sein Freund Druey hieß ihn dann, um sich seiner zu entledigen, die Propaganda weiter fortsetzen in Deutschland. Er besuchte dann v. Itzstein, Hecker, R. Blum u. a. und versuchte an allen Orten Propaganda zu stiften. Dann erschien jenes Buch unter dem Titel 'Das junge Deutschland'. Der Sitz aller neueren Revolutionsbestrebungen mit ihren fluchwürdigen satanischen Wühlereien sind die Handwerkerklubs, deren geheime Tendenzen die wenigsten, selbst unter den Vorstandsmitgliedern gekannt haben. Sie traten unscheinbar auf, oft unterstützt von vielen Rechtlichgesinnten im Volk, die sich aber geduldig, oft trotz der geschehenen Warnung, düpieren ließen. Diese Gesellschaften stehen gewöhnlich unter unsichtbaren Leitern und versuchen alle anderen Handwerkerverbindungen, die irgendwie eine Energie offenbaren, zu sprengen. Als Zeichen des Geistes, der vielfach unter den Arbeitern herrscht, möge eine Strophe eines Liedes gelten, das noch vor kurzem in einer Versammlung von kleinen Handwerkern in Hamburg gesungen worden. in demselben heißt es nach dem über die Könige und über die Reichen ausgesprochenen Fluche:

Fluch dem Gotte, dem blinden, dem tauben,
Zu dem wir vergebens gebetet im Glauben,
Auf den wir vergeblich gehofft und geharrt,
Er hat uns gefoppt und hat uns genarrt.

Trotz alledem kenne ich als Lutheraner auch solche und einen Marr mit seinen Genossen nur als getaufte Christen, also als Objekte der inneren Mission, und diese erfordert und hat den Mut, das Satanswerk mit Gottes allmächtigem Worte anzugreifen.“

Der Redner ging dann auf noch andere Gebiete über, z. B. auf das der Eisenbahnarbeiter, die zu Tausenden in Nomadenhütten zu leben pflegen. Wer hat sich um ihre Not gekümmert, oder wer hat die einzelnen spurlos verschollenen Rufe nach Hilfe für sie vernommen? Niemand denkt daran, ihre religiösen Bedürfnisse zu befriedigen. Was an ganz einzelnen Stellen, z. B. in der Nähe Magdeburgs, zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Bahnwärter versucht, könne hier nicht in Betracht kommen.

Alles aber werde überboten von dem furchtbaren Zustand des Proletariats in den großen Städten des Vaterlandes; auch auf dem platten Lande begegnen uns große Strecken voll kirchlicher Verwilderung. Aber diese alle gehören uns darum nicht minder an; alle, die in der Kirche sind, sind Glieder an dem einen Leibe. Das hier zu Sagende paßt vielleicht nicht auf dies oder jenes einzelne Dorf, oder auf diese oder jene kleine, oder vielleicht die eine und die andere günstiger gestellte größere Stadt.

Gestern erhob sich Widerspruch gegen meinen Freund Kuntze, als er von den 99/100 sprach. So unbedingt, wie man das Wort in der Versammlung aufgefaßt, war es nicht gemeint. Er hatte seine eigene Gemeinde oder derselben ähnliche vor Augen: Kuntze ist Prediger im Voigtlande in Berlin. Diese Parochie und ähnliche, z. B. in Hamburg die Matrosenvorstadt St. Pauli, ein St. Antoine, St. Martin und St. Denis in Paris, gewisse Distrikte in fast allen großen Städten Deutschlands sind so beschaffen, daß jenes Wort vielfach auf sie passen mag. Eine Erfahrung von 15-16 Jahren in fast ausschließlicher Beschäftigung mit diesem Gegenstande, eine durch literarische Arbeiten, durch die persönlich vernommenen Stimmen von Hunderten, oft durch eigene persönliche Untersuchungen in verschiedenen Gegenden des Vaterlandes gewonnene Überzeugung kann es aussprechen, daß viel Wahres an jenem Worte (von Kuntze) liegt. Es gibt Reviere in den Städten, wo es physisch unmöglich ist, daß die Geistlichen ihre Aufgaben lösen. Sie können sich nicht um alle bekümmern, die in völliger Isoliertheit von der Kirche hinleben. Diese bleiben daher ohne kirchliche Pflege, ihre Kinder werden getauft, und sie selbst sind vielleicht getraut, das ist ihr ganzer Zusammenhang mit der Kirche.

Was die neueste Entwicklung der Philosophie in Feuerbach usw. ans Tageslicht gebracht mit dem sittlichen Anhang, das hat unser unterster Pöbel seit vielen Jahren gehabt und ausgeübt. Daraus erklärt sich die Revolution. Diese kommunistischen, diese allen gesunden politischen und sittlichen geschweige christlichen Grundsätzen zuwiderlaufenden Ansichten hängen sich an jene von den sogenannten Volksführern adoptierte Afterphilosophie; und schnell sind sie als Motiv zur Revolution verstanden worden von jenen Massen, die sich erhoben haben. Die schwerlich durch ein Gegenmittel zu überholende, in alle Winde mit Paß und unter obrigkeitlichem Schutz ausgehende Propaganda der wandernden Handwerksburschen, der scharfe Verstand und das organisierende Talent in diesen Kreisen machte in Verbindung mit manch anderen Verhältnissen und namentlich der seit lange gereiften Entchristlichung des Volkes in allen seinen Ständen einen Zustand erklärlich, woraus die revolutionären Ereignisse wie aus lang bereitetem Boden rasch hervorwachsen konnten. Man hat sich nur darüber zu wundern und Gottes Gnade zu preisen, daß ein so in seinen tiefsten Wurzeln vergiftetes und unterminiertes Volk so lange hat standhalten können; zumal diese verderblichen Grundsätze nicht im Proletariat geblieben, sondern zu den Höhen der Intelligenz und oft auch der Macht hinaufgestiegen sind.„

Was sei zu tun? Während sich dieser Zustand über ganz Europa wie ein großes Netz verbreitete und zu den Heiden die Sendboten in immer größerer Zahl hinausgezogen seien, habe der Gedanke wohl nahe genug gelegen, im eignen Hause, in der Heimat Missionstätigkeit zu üben. So sei der Name der inneren Mission entstanden im Kreise solcher, welche die äußere Mission gleichmäßig betrieben. Aber die in diesem Wirken zu leistende Hilfe sei und bleibe unvollkommen, wenn sich bei demselben der Blick nicht erweitere ins staatliche und politische Leben. Der Staat erfordere diese Arbeit ebenso sehr wie die Kirche. Die tiefsten sittlichen Grundlagen, auf denen das staatliche Leben beruhe, seien erschüttert, sie schienen zum Teil bereits ins Bodenlose versunken. Daher die Revolution und die drohende Anarchie. Hierher gehöre auch das Gebiet der Verbrechen. „Im Kreise der Kirchlichgesinnten ist leider nur wenig bekannt, was zur Besserung des Zustandes der Verbrechen und der Gefängnisse in neuester Zeit gewollt, getan und angestrebt, oder doch unabweislich notwendig geworden ist. Die Macht des in der Christenheit verbliebenen Heidentums hat, seit Konstantin die Kirche mit dem Staate verband, auf diesem Gebiete einen Einfluß behalten, der erst seit dem letzten halben Jahrhundert beginnt gebrochen zu werden. Man höre die Klagen aus dem Munde so vieler Gefängnisgeistlicher und Vorsteher!“

Es wurden vom Redner mehrere Fälle aufgeführt und unter anderen auch beispielsweise nach Glückstadt gewiesen. Daselbst seien fortwährend an 800 Gefangene; das Bedürfnis einzelner Gefangenen nach Hilfe bei Gott sei so groß, daß zwei schwere, aber heilsbedürftige Verbrecher einen Freundschaftsbund schlossen, um sich einen Trost zu schaffen, da sie sich im Innersten verlassen und verloren fanden. „Sie fühlten bald, es müsse eine Hilfe über den Menschen geben; aber Gott kannten sie nicht. Da machten sie sich ein überirdisches Wesen zurecht, einen Engel oder Geist, mit dem sie sprachen, zu dem sie beteten. So entsteht purer Götzendienst inmitten der Christenheit. Diese Zustände sind vorhanden. Die Gefängnisse entlassen jährlich Hunderte von Verbrechern, welche schlimmer sind als sie hergekommen. Die Entlassenen suchen ihre Zuflucht in der freien Welt und werden wieder Verbrecher. Carsten Hinz hatte im Gefängnis gelernt, zum Teufel zu beten, und beging einen zweifachen Mord und legte dann vor seiner Enthauptung jene denkwürdigen Bekenntnisse eines Bekehrten ab. Ich habe an meinem Tisch mit solchen entlassenen hilfesuchenden Verbrechern gegessen - und kenne ihre Not und weiß, wie wenig Erbarmen für sie auf Erden wohnt. Tausende von ihnen werden wiederum eine Pest für das Vaterland, gegen das sie sich in letzter Zeit vielfach gewaffnet haben.“

Den Beruf, in diesen und allen verwandten Fällen zu helfen, habe unstreitig die christliche Kirche, und zwar wesentlich durch Entfaltung der Tätigkeit der inneren Mission. „Wie diese sich gestaltet, das hängt von der Verschiedenheit des Bedürfnisses ab. Vor allem muß aber dieser erkannt und anerkannt werden: „Die Liebe hat das scharfe Auge, alles zu sehen.“ Es sei beklagenswert, wie wenig im allgemeinen auch nur gewußt werde, was schon jetzt allein in Deutschland inmitten unsrer Kirche in dieser Beziehung geschehe. Durch unser ganzes Vaterland habe sich ein großes Netz von Arbeitern ausgebreitet für die Rettung des Verlorenen. „Vor allen sind es mit die Frauen, die an dem großen Werke der Rettung arbeiten. Sie sahen einst zuerst den Herrn von den Toten erstanden, und sie waren es, die, nachdem ein neuer Tag des Glaubens in der Liebe in unserer evangelischen Kirche angebrochen, an das Werk der inneren Mission kräftig mit Hand anlegten. In unsrem Vaterlande ist diese Liebe in ihren Herzen im Schoße der Befreiungskriege unter Blut und Schmerzen geboren und bis heute in vielfachen freien Vereinen fortgesetzt. Und wie in Deutschland, so in allen Ländern des evangelischen Europas. Wir haben christliche Frauen unter uns auf diesem Gebiete wirken sehen, wie sie die christliche Kirche in der Art vielleicht noch nie gehabt hat. Eine Elisabeth Fry und Amalie Sieveking sind hier zu nennen. In nicht zu berechnendem Maße hat sich der Lebensquell in diesen und verwandten Frauenseelen geöffnet. Elisabeth Fry hat in New York eine neue Weit begonnen unter Gefangenen, zu welchen, obwohl sie gefesselt waren, der Schließer sich nicht ohne Waffen wagte, Ein neues Ostern der Liebe für die Gefangenen ist von ihr ausgezogen und hat Frankreich, die Schweiz, Italien und Rußland durchzogen und auch Deutschland seinen Segen erfahren lassen. Amalie Sievekings christliche Armen- und Krankenpflege datiert in größerer Öffentlichkeit von dem ersten Cholerajahre Hamburgs 1830 her. Sie hat, was sie im stillen begann, mit aufopfernder Hingabe gehegt und gepflegt und, ohne daß sie es gesucht, Nachahmung gefunden in allen großen Städten; bis nach Dänemark, Schweden, Rußland, Holland, Frankreich und der Schweiz verzweigen sich diese Arbeiten mit ihren Früchten. An anderen Orten ist die Sache von armen Dienstmägden unternommen worden, die so den Grund zu umfangreichen Organismen gelegt. So in Nürnberg. In derselben Weise wird an der Jugend gearbeitet mit Rettungshäusern. Seit Johannes Falk, Graf von der Recke, Zeller schreitet das Rettungswerk der Jugend weithin über unser Vaterland; und nicht nur in Deutschland, sondern weit über unsere Grenzen hin dehnt es sich aus. Und überall tritt diese Arbeit auf in christlichem Geist; christlicher Glauben ist ihr Fundament und sein Bekenntnis ihre göttliche Zierde. Alle arbeiten mit gleichem Eifer und mit aufrichtiger Treue gegen die Kirche, der sie sich angehörig wissen. Hierzu kommen dann noch die Versuche zur Bekämpfung volkstümlich gewordener Laster, z. B. der Trunkenheit, und zur Regeneration ganzer Stände, z. B. der wandernden Handwerksgesellen, zur Verbreitung vieler anderer Mittel, die alle zu dem einen Zwecke, namentlich zur Hebung des Reiches Gottes unter denen, welchen dasselbe fremd geworden, mitwirken sollten, z. B. Volksschriften und ähnliche Gesellschaften.“ Der vereinzelten Bestrebungen, der kirchlichen Not der Auswanderer und der Ausgewanderten, namentlich in Nordamerika, abzuhelfen, werde hier nur vorübergehend gedacht. (Die Rede teilt einige Bilder des dortigen Notstandes mit und erwähnt, wie sich an den Grenzen der Vereinigten Staaten wieder deutsches Blut mit heidnischem mische.) „Es sind also (fuhr er im Hinblick auf das, was bereits getan wird zur Abhilfe der Not, fort) reiche unsichtbare, von Himmel herabgeholte Kapitalien der Liebe aus Glauben in unserer Kirche niedergelegt, auf dem eine Hoffnung gebaut ist, die nicht zu Schanden werden soll.“

Und doch sei das alles zusammengefaßt nur ein Senfkorn. Es sei verhältnismäßig, an das Bedürfnis gehalten, wie ein Nichts. Schon der Erfolg der revolutionären Bestrebungen zeige, wie alle die bisherige Arbeit noch nichts gewirkt habe für das Ganze. Hätte man schon früher auf alle diese Gedanken eingehen wollen, hätte die protestantische Kirche als Volkskirche sich ausgeboren nach ihrer ethischen Seite, so wäre gegen den gewaltsamen Umsturz eine unüberwindliche Macht aufgerichtet gewesen. Man blicke nach London! Lord Ashley habe bei dem diesjährigen Jahresfeste der großen City-Mission im Mai d. J. ausgesprochen, daß nach seiner festen Überzeugung diese Londoner Stadtmission sowie andere Vereine derselben Art wesentlich dazu beigetragen, die Gefahren und Verirrungen der Revolution, die damals kurz zuvor hereinzubrechen gedroht, abzuwenden und die Ruhe der Hauptstadt zu erhalten. Von England sei aber auch zu lernen, was mehr sei als ein Senfkorn. „In London sieht man auf dem Postturm im Umkreis einer Meile am Sonntag einen Haufen von vielen Tausend verlorner und verlassener Kinder in Sonntagsschulen gesammelt. Es liegt an dieser Stelle nicht daran, die Not dieser Kinder, sondern die Fülle der freien wirksamen Liebe, diese Ausgeburt des evangelischen Prinzips, auf den Leuchter zu stellen. An 100 000 Männer und Frauen aus allen Ständen der Gesellschaft dienen diesen Kindern jeden Sonntag mit dem Worte des Lebens.“ Noch einige andere Beispiele aus London seien daneben zu nennen. Nach den trefflichen Mitteilungen des Herrn C. R. v. Gerlach seien innerhalb 10-11 Jahren in dem einen Londoner Kirchspiel Bethnal-Green auf Anregung des Bischofs von London 50 Kirchen, jede für 7000 Pfd. Sterl. gebaut und bei jeder die nötigen Pfarr- und Schulstellen begründet - und das alles fast nur aus Privatmitteln. Das Maß des sittlichen Verderbens und des damit zusammenhängenden Elends sei freilich in jener Weltstadt für uns fast unfaßbar. Merkwürdige Zeugnisse hätten in dieser Beziehung englische Bischöfe auf jenen großen Meetings abgelegt, die auf Veranlassung jener Schulfrage daselbst im vorigen Jahre so reichlich abgehalten worden. Die Bischöfe selbst bezeugten damals, daß vielfach ein vollkommenes Heidentum in den untersten Ständen der Hauptstadt herrsche. Allein solche Wahrnehmungen dienen in England nur um so mehr zur Erweckung und reichsten Entfaltung der christlich-rettenden, frei wirkenden Liebeskräfte. Angestellte Untersuchungen ergaben, daß allein in London mehr als 100 000 Kinder ohne Pflege der Schule und Kirche aufwachsen; allein in drei Distrikten Londons schweiften 56 000 solche Kinder umher. Dem Notstande gegenüber entstanden nun seit 1844 die Lumpigen-Schulen (Ragged Schools), in welchen schon im dritten Jahre ihres Bestehens täglich nahe an 5000 unglückliche Kinder von 450 Lehrern unterrichtet werden, und von diesen 450 Lehrern sind ihrer 400 freiwillige - und nur 50 besoldet. Lord Ashley, welcher diesen Schulen präsidiert, sagte bei der vorigen Jahresfeier, er würde es sich zur Ehre rechnen, unter seinem Namen den Titel „Präsident der Schulen für Betteljungen“ führen zu dürfen, wenn er in diesem Augenblicke die beiden so schmeichelhaften und einflußreichen Buchstaben M. P. (Member of Parliament) verlieren sollte. Eins der größten Werke der christlichen Liebe ist in England und besonders in London die seit 12 Jahren wirkende Stadtmission. Lords und Geistliche haben sich in ihr mit den verschiedensten Helfern zusammengetan, Geistliche haben ihre Ämter niedergelegt, um dieser Mission an der Themse alle ihre Kräfte zu widmen. Im vorigen Jahre waren 200 Missionare in London tätig, welche jahraus jahrein in die Schlupfwinkel des Verderbens mit dem Worte Gottes eindringen und große Siege des Herrn feiern.

Es möge genügen, der deutsch-evangelischen Kirche diesen Spiegel vorgehalten zu haben. Gleiche Gestalten des verjüngten Lebens der aus Christo geborenen Liebe, im Geiste denen in England völlig ebenbürtig, würden der Versammlung aus Holland, Frankreich, der Schweiz und anderen Ländern vorgeführt werden können; allein das alles darf nur angedeutet werden, gleichwie der innere, unverkennbare Fortschritt dieser Arbeiten, der sich darin kundgibt, daß auf stillen, von der Geschichte noch nicht gemeldeten Wegen die verschiedenen Nationen, noch unbewußt über das, was in dieser Beziehung in ihrem Schoße geboren wird, beginnen, voneinander zu lernen und zu nehmen, um den Bau des völkerrettenden Werkes der inneren Mission, immer vielseitiger und immer tiefer ins Volksleben eindringend, in - wer weiß welcher! - Zukunft seiner größeren Vollendung entgegenzuführen. Wir kehren in unsre eigene Heimat, die deutsch-evangelische Kirche zurück! Die ganze und volle Entfaltung der inneren Mission tut in derselben zur Rettung des Volkes not. Sie muß im Bunde mit dem, was die evangelische Kirche bis heute an Wahrheit bewahrt und gewonnen hat, die Macht unsrer Kirche werden; sie ist unsrer Kirche eingeboren, um jetzt von ihr ausgeboren zu werden.

Im Prinzip der evangelischen Kirche lag von Anfang an die Liebe zu den Elenden und Verlorenen; aber diese Liebe in ihrem vollen Reichtum zu wecken, gehörte einem späteren - vielleicht dem gegenwärtigen Stadium der Entfaltung des Geistes unsrer Kirche an. Zwei ihrer gottbegabtesten Männer, so scheint es, wirkten vornehmlich auf das, was kommen sollte, hin: Spener und A. H. Franke - jener durch Verkündigung des allgemeinen Priestertums, dieser durch das bekannte Werk der Barmherzigkeit in Halle. Aber ein Unglück war es, daß damals und bis in die neueste Zeit die Tätigkeit der rettenden Liebe vorzugsweise auf die Jugend und die Armen geworfen worden ist. Es soll an diese aber nicht einseitig gedacht und zugleich der ganze Ernst der kirchlichen Gedanken auf die Erwachsenen, die Familien, die Hausstände, alle Stände des ganzen öffentlichen Wesens, auf arm und reich, auf niedrig und hoch gerichtet werden. Es bedarf einer Reformation oder vielmehr Regeneration aller unsrer innersten Zustände. Durch neue und erneute Taten und Offenbarungen des Glaubens und der Liebe auf diese Neugeburt hinzuwirken, ist die Kirche berufen.“ Unstreitbar, aufgedeckt vor aller Augen, liege die Tatsache, daß Sünde und Ungerechtigkeit seuchenartig das Volksleben nach allen Seiten ergriffen und durchdrungen habe und in den verschiedensten Gestaltungen der staatlichen, rein kirchlichen und sozialen Verhältnisse hervorbreche. Diesem massenhaften Verderben gegenüber habe sich die Kirche, mit Gottes Kraft und Vollmacht ausgerüstet, in dem Werk der inneren Mission zu erheben, welche als geschlossener, wohlgestalteter Organismus der rettenden, frei gesammelten, mit der Kirche wesentlich geeinten, echt volkstümlichen persönlichen Kräfte jenem Verderben und all jenen Gestaltungen der Sünde ins Angesicht zu sehen und mit ihnen den siegreichen Kampf zu beginnen oder, wo er schon begonnen, fortzusetzen habe. - Der Redner deutete kurz auf die Aufgaben und Taten der inneren Mission in Beziehung auf jene drei vorher bezeichneten Seiten hin. In betreff der staatlichen Verhältnisse äußerte er unter anderem: „Die innere Mission hat es jetzt schlechterdings mit der Politik zu tun, und arbeitet sie nicht in diesem Sinne, so wird die Kirche mit dem Staate untergehen. Zwar ist nicht ihre Aufgabe, über Staatsformen zu urteilen und zwischen politischen Parteiungen als solche zu entscheiden, aber daß die Staatsbürger mit dem christlichen Geiste erfüllt werden, gleichviel unter welcher Staatsform, das muß eine ihrer ernstesten' Sorgen sein von heute an.“

In Beziehung auf die sozialen Fragen mehr nur andeutend unter anderem. Was Thiers neulich in der französischen Nationalversammlung über das soziale Problem unserer Tage geäußert, sei trefflich, jedoch nur mehr negativ; denn der Staat für sich allein sei nicht befähigt, direkt die ganze Lösung des Problems heraufzuführen, wiewohl er jetzt auf indirektem Wege die Lösung um so viel mehr angebahnt in der Gewährung des großen Rechts der freien Vergesellschaftung. Wenn in bezug auf diesen Punkt die Kirche sich ihres hohen volkstümlichen Berufs bewußt werde und von diesem Recht im vollsten Umfang für sich Gebrauch mache, es also auch für sich anerkennen, lieben und pflegen wolle, um es mit dem christlichen Geiste zu erfüllen und in der Richtung der inneren Mission also zur Stellung des Volkes sich entfalten zu lassen, so werde sie als Retterin des ganzen Gemeinwesens gesegnet werden; denn in Verfolgung dieses Weges stünde ihr der Weg offen zum Herzen des ganzen Volkes und zu allen Ordnungen und Ständen des öffentlichen und Privatlebens von der Familie an bis zur Gemeinde, von der Wiege bis zur Bahre; die Anfänge und Keime des, was die Kirche in sich neu zu gestalten habe, lägen in den vielen, bis jetzt isolierten Bestrebungen der inneren Mission, namentlich in den zahlreichen christlichen Vereinen vor. Als Beispiel, was für Aufgaben in dieser Beziehung zu lösen seien, führte Wichern die Zustände in einem Teile Oberschlesiens an, von wo er soeben komme und wo er die Not von fast 4000 Waisen und eines großen Teils der Bevölkerung genau kennenzulernen Gelegenheit gehabt habe.

Allein, was auch geschehe und wie es auch ausgeführt werde, das eine müsse in allem zur Erscheinung kommen-. das Volk wieder mit dem göttlichen Worte und dessen Geist des neuen Lebens zu erfüllen. Darum habe die Kirche auch diejenige Seite der inneren Mission, welche am unmittelbarsten dazu mitwirke, scharf ins Auge zu fassen, diejenige Seite nämlich, welche den eigentlichsten, rein kirchlichen Notstand ins Auge fasse. Da trete vor allem die Tatsache entgegen, daß Hunderttausende, namentlich in den größeren und größten Städten dahinlebten, ohne je das Wort Gottes zu hören. „Durch die innere Mission muß die Kirche sich die Aufgabe setzen, nicht zu ruhen, bis wieder alle die Verkündigung von dem Sohne des lebendigen Gottes vernehmen.“ Als einer der Hauptgrundsätze müsse voranstehen der Satz: kommen die Leute nicht in die Kirche, so muß die Kirche zu den Leuten kommen. So habe es auch der Herr Christus gemacht, der zu uns gekommen und nicht gewartet, bis wir zu ihm gekommen. Schwerlich werde dies Ziel anders als durch die freie Assoziation zu erlangen sein, die möglich mache, was auf dem bisherigen Wege unmöglich geblieben. „Wir müssen Straßenprediger haben, vornehmlich in großen Städten. Die Straßenecken müssen Kanzeln werden, und das Evangelium wird wieder zum Volke dringen.“ England gehe uns auch in diesem Stücke voran. Diese neue Institution lasse sich noch mannigfach modifizieren und brauche nicht bloß in englischer Weise, sondern müsse in echt germanischer Weise unter uns erstehen und werde gedeihen. Die ersten Folgen des Unternehmens seien nicht zu scheuen, aber desto mehr seien die heilsamen Folgen für unser dem Worte Gottes entfremdetes Volk demütig und mutig ins Auge zu fassen und ins Gebet zu schließen.

Dem schließe sich die Forderung an, alle bis jetzt bestehenden Unternehmungen der Art als einzelne Zweige der inneren Mission mit neuem Eifer anzugreifen. Es bedürfe an manchen Stellen minder des Neuschaffens als des Fortbauens und des Organisierens, noch einer neuen weitgreifenden kirchlichen Idee. Das werde um so eher möglich werden, je mehr man aufhöre, diese Bestrebungen als Dilettantenarbeiten und als bloß philanthropische Unternehmungen zu betrachten; „sie müssen als heilige Aufgaben der evangelischen Kirche erfaßt und als solche mit neuem Ernste in das Volksleben eingeführt werden. Auf den Kanzeln soll man sie fortan verkündigen hören.“ Als Beispiel dessen, was und wie neu zu beleben sei, wurden die Bibelgesellschaften genannt. „Der Geist der Bibel muß über die Bibelgesellschaften kommen.“ Es solle in Deutschland nur Feldner genannt werden, der in diesem Geiste die Arbeit der Bibelgesellschaft aufgefaßt; doch stünde derselbe in dieser Beziehung keineswegs allein. Ein reiches, in solcher Art einziges Vorbild leuchte auch in dieser Rücksicht von England herüber. Es wurde berichtet, was in Liverpool und Manchester zuerst durch Badegäste angeregt worden, und in welcher Zahl von Fabrikarbeitern und Sonntagschulschülern unter ihresgleichen Bibeln verbreitet worden, zunächst ohne alle Mitwirkung der Geistlichen, die sich nachher angeschlossen. Ähnliche Erfahrungen seien in denselben Gegenden unter Handwerksgesellen gemacht, und durch geeignete und tapfere Verkünder des göttlichen Wortes sei eine nicht geringe Zahl kommunistischer Handwerkerklubs in christliche Lokale verwandelt worden, worin jetzt das Evangelium geliebt und gepflegt werde. „Alle diese und die ihnen verwandten Arbeiten lebendigen Glaubens liegen uns noch als Aufgabe vor: in ihrer Zukunft liegt mit die Zukunft unserer evangelischen Kirche, die durch solche Offenbarung und Ausstrahlung des Herzens Gottes sich selbst als wahre Volkskirche vollendet und dann auch das ihr angehörende Volk in ein Gottesvolk verklärt sehen wird.

Ich habe mit frischem und fröhlichem Mute diese Versammlung in Wittenberg begrüßt und eine große Hoffnung für unser Volk und Vaterland an sie geknüpft. Es steht in Gottes Hand, ob sie erfüllt werden soll.

Meine Freunde! es tut eines not, daß die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit anerkenne: die Arbeit der inneren Mission ist mein! daß sie ein großes Siegel auf die Summe dieser Arbeit setze: die Liebe gehört mir wie der Glaube. Die rettende Liebe muß ihr das große Werkzeug, womit sie die Tatsache des Glaubens erweist, werden. Diese Liebe muß in der Kirche als die helle Gottesfackel flammen, die kundmacht, daß Christus eine Gestalt in seinem Volke gewonnen hat. Wie der ganze Christus im lebendigen Gottesworte sich offenbart, so muß er auch in den Gottestaten sich predigen, und die höchste, reinste, kirchlichste dieser Taten ist die rettende Liebe. Wird in diesem Sinne das Wort der inneren Mission aufgenommen, so bricht in unsrer Kirche jener Tag ihrer neuen Zukunft an. Die evangelischen Prediger zuerst müssen sich mit ihren Brüdern im Amte sammeln und in bezug auf das in diesem Gebiet Versäumte Buße tun und durch ihre Buße die Gesamtheit der Gemeinde zur Buße bewegen. Oder wer könnte und dürfte sich solcher Buße entziehen? Demütigen wir uns alle vor dem Herrn! Es ist hier eine gehäufte Schuld nicht der einzelnen, sondern der Gesamtheit, eine Schuld nicht bloß dieses Geschlechts, sondern eine ererbte und eine von Jahrhundert zu Jahrhundert vererbte Schuld; eine Schuld, die jetzt im neuanbrechenden Zeitalter der Welt gesühnt werden soll. Diese Buße würde der Grenzstein zwischen der alten und neuen Zeit in unsrer Kirche sein, und die neue Zeit und ihre Früchte würden herrlicher werden als die alte mit ihrem Ende. Denn die aus der Buße hervorgehen, werden im Glauben auferstehen zum großen Werk der Errettung des Volkes aus der Sünde und Elend durch Christi Kraft und Herrlichkeit. Die Gesamtheit der Kirche erkenne solches Tun an; alsdann wird der Kern und Schatz der evangelischen Kirche, das allgemeine Priestertum, das uns minder als ein Recht, denn als eine Pflicht galt, das seinen Mittelpunkt und Schutz hat in dem von Gott verordneten Amte, es wahr machen, daß je mehr und mehr das Senfkorn der inneren Mission wächst und als ein alles überschattender Baum die rettende Macht des Herrn an unser ganzes Volk verkündet. So betrachte ich die innere Mission, so begründe ich meinen Antrag, der im allgemeinen dahin geht, daß unter die Gegenstände, mit denen die konföderierte Kirche zu tun haben wird, die innere Mission aufgenommen werde. Nähere Anträge dürfen noch vorbehalten bleiben.“

autoren/w/wichern/wichern-rede_auf_dem_wittenberger_kirchentag.txt · Zuletzt geändert: von aj