Tauler, Johannes - Dreiundzwanzigster Brief.

Wie man ein Himmels-, Engels- und göttlicher Mensch werde.

In Christo Jesu! Liebes Kind, willst du wissen, was dazu gehöre, daß der Mensch ein Himmels-, Engels- und göttlicher Mensch werde, so merke auf Folgendes: Der Mensch soll sich so halten, daß allezeit sein Eingang sey ein ganz wahrer und gründlicher Ausgang und Verläugnung seiner selbst und aller Dinge in der Wahrheit, und dann hinwieder, daß all seine Ausgänge seyen ein wahrer, lauterer Eingang in Gott. Diesen Menschen erfolgt, wenn er so sich verhält, die allerhöchste Vollkommenheit, und er ist so arm an allem Eigenthum, daß er so viel Raum nicht hat, daß er ein Almosen darin empfangen könnte; denn er nimmt sich keines Dinges an, und nähme sich an, daß es etwas wäre, so wäre das der schädlichste Fall und ein sorglicher Raum. Aber in dieser Armuth könnte er wohl ein ganzes Reich haben, und so wenig er sich des Guten in dem Eingange annimmt, so wenig nimmt er sich alles dessen an, was von außen ist, und wären auch alle Dinge sein freies Eigenthum. Woran soll man nun diese lieben Menschen erkennen? Daran, daß ihnen alles wohl genügt, was ihnen Gott zufügt. Darin geht ihr Himmelreich hier an und währet ewig; denn sie haben in allen Dingen ganzen, wahren Frieden, sie haben hier angefangen, was sie ewig in Gott gebrauchen sollen. Diese Leute lassen Gott das Seine, und sie behalten das Ihre, das ist Nichtigkeit ihrer selbst; darum nimmt ihnen Gott das Ihre, und gibt ihnen das Seine, das ist Allmächtigkeit in Ihm; denn sie werden Gottes also gewaltig, daß er außer ihnen nichts thut, und er ist auch ihrer so gewaltig, daß sie außer ihm kein Ding thun. Diese Leute kann man nicht aus ihrer Vernunft erkennen, oder aus großen, ungewöhnlichen Uebungen, oder an ihrem Scheine, oder an Kleidern, mögen sie tragen, was sie tragen, sie seyen in Klöstern oder nicht, sie seyen reich oder arm; sie sind nicht ausgerufen durch großen Geist. Man kann sie allein an einem wahren, göttlichen Wesen erkennen, da findet man sie in der Wahrheit; und wenn große Widerwärtigkeit und Leiden auf sie fällt, so findet man sie willig, sie sind in dem Wesen, und sinken desto tiefer in den Grund, und sehen in ihrem eigenen nichts und lassen sich dem, dessen sie sind. Ach, liebes Kind! nun hilf mir klagen in dem süßen Namen Jesus, vor dem himmlischen Vater, über euch und über mich und über alle, die diesem Wege entblieben sind, und laß uns nimmer aufhören, bis daß die lebendige Kraft der köstlichen Weisheit Oberhand gewinnt, so daß in uns vollbracht werde, dem wir entblieben sind; denn Gott gibt kein Ding lieber, noch ist ihm irgend ein Ding werther, oder uns nützlicher und besser. Dazu helfe uns Gott. Amen.

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