Tauler, Johannes - Einundzwanzigster Brief.

Kurze, gute Ermahnungen

Meine Lieben in Christo Jesu! Die Zeit wird kommen, und ist nun, daß viel Fragens seyn wird, was mit dem Munde nicht verantwortet werden kann, sondern in dem Geiste und in der Wahrheit. Die lebenden, lauteren, Gott meinenden Menschen aber werden in allen Dingen weise nach Friede ihres Herzens sich beweisen und in rechter Liebe gefunden, in welcher ich auch euer Diener seyn will mit allem, was ich vor Gott leisten kann; denn ein getreuer Freund in Gott kann den andern nicht irre gehen lassen.

Saget unsern lieben Kindern, daß ich sie in die Schule der demüthigen Gelassenheit weise, daß sie da sich selbst sterben lernen in leiblichen und in geistlichen Dingen, und den Untugenden, und sich selbst nicht zu meinen in der Gnade Gottes und in allen seinen Gaben. Lernet ihr diese Kunst wohl, so werdet ihr lebendig in der reinen, wesentlichen Liebe, die Gott ist; und so ist euch nicht noth, daß ihr uns oder jemanden anders mehr fraget.

Saget unsern Kindern, daß ich sie bitte und mahne, daß sie aller Auswendigkeit ledig und einfach bleiben, und ihres Herzens und ihrer Werke wahrnehmen, mit reiner Bescheidenheit und in sanftmüthigem Frieden ihrer selbst wahrnehmen; denn darin wird der allerliebste Willen Gottes erkannt und vollbracht.

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