Tauler, Johannes - Zwanzigster Brief.

Durch das Leiden Christi kommen wir zu feuriger Liebe.

Den Mägden Christi sendet ihr Diener zu einem Gruße denjenigen, den sie ihr Heil, ihre Freude und Begierde zu seyn bekennen, daß sie ihn aus dem Innersten aller ihrer Kräfte inbrünstig lieb haben, der da ist ein Meister alles Heiles, und daß sie seinen Geboten und Räthen getreulich Gehorsam leisten, und daß sie sich seinem Leben und seinen heiligen Beispielen gänzlich einfügen und demüthig darin gleich machen. O ihr Mägde Christi, was kann ich euch noch mehr schreiben? denn in diesen dreien Stücken wird die Geistlichkeit aller Heiligen begriffen und die Uebungen eines jeglichen Menschen, und wer dieses mehr hat, der wird Gottes näher befunden. Was kann dem gebrechen, der Christum wahrhaft lieb hat, da denjenigen nichts gebricht, die ihn fürchten? und was heischt er mehr von uns, denn daß wir seinen Geboten und seinen Rathen uns ganz ergeben, und seinem Leben und Leiden nachfolgen?

Auf daß nun diese Dinge leicht in uns und durch uns geschehen können, und daß die Beispiele und das Leiden Christi endlich und löblich in uns vollbracht werden, so sollen wir unser Angesicht aufheben mit einem stetigen Danke, mit getreuen Wiederdenkungen seines Leidens in der beschlossenen Kammer unsers Herzens und in Ausgeschlossenheit aller widerwärtigen Unledigkeit in der innersten Herberge unsers Gemüthes und in dem obersten Häuslein unsers Grundes und Geistes. Die Seele, die Christus also führt, wird wie eine Apotheke des allersüßesten Geruches, der alleredelsten Gewürze der Tugenden Christi, und die müssen zusammengetragen werden in der Buße unsers Gemüthes. Glaubt Gott und denjenigen, die es empfunden haben; denn hier geht die Stimme der liebenden Seele auf, nicht allein die Stimme, sondern auch in einem inwendigen Jagen der herzlichen Seufzer wird mit einem ungeduldigen Begehren gerufen: O meine einzige Liebe! O sichere Zuflucht der Arbeitenden und Ermüdeten! O heilsame Arznei her gehalten Seele! O goldener Trost und Ziel der nach dir Verlangenden! O allersüßeste edle Speise der Hungrigen und allersüßester Trank derer, die nach dir dursten! O blühende Kammer der in dir Rastenden und unbefleckter Spiegel der in dich Schauenden! O meine einzige und allerhöchste Genügsamheit, trahe me post te, ziehe mich nach dir, außer mich und außer alle Creaturen, wahrhaftig, hitzig, süß und lauter; so werden wir süß und unermüdlich in dem allersüßesten Geruch deiner Salben laufen und nicht ablassen, bis wir denselben edlen Geruch, der Christus ist, in der lieblichen Apotheke des väterlichen Herzens mit gesammten Kräften in der Innigkeit unseres Geistes frei genießen und kosten.

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