Tauler, Johannes - Vierzehnter Brief.

Wie wir Gott entgegenlaufen und unsere Sünden vertilgen sollen.

In Christo Jesu, in seiner Gegenwärtigkeit und unaussprechlichen Liebe, die stets uns mit ihren allerfröhlichsten, reichen, mannigfaltigen Gaben zuläuft: dieß sey ein geistlicher Gruß vorangeschickt. O Blumen der Rosen der bescheidenen Uebungen, in wahrer Marter, zu Gleichheit der Pein Christi, und Lilien der Thäler der demüthigen Lauterkeit! eilet und laufet unserem Gotte entgegen zu dem Innersten des väterlichen Herzens, denn das Reich Gottes ist in euch, und alle Ehre der Töchter des Königs ist von innen. Dort werdet ihr mannigfaltige, unaussprechliche, unschätzbare und die allertheuersten Kleinode und Gaben finden, treulich gesandt in euern Entgegenlauf von dem allerbegehrlichsien Bräutigam Christo.

Wenn auch vielleicht dann euere Sünden entgegenlaufen, die vergangenen oder die gegenwärtigen, so sollt ihr euch nicht fürchten, denn das ist eine Gabe Gottes. Darum sollt ihr in diesem Falle Gott entgegenlaufen mit einem demüthigen Geiste und mit einem zerbrochenen Herzen, urtheilend euch selbst nach der Gerechtigkeit Gottes, wartend seiner unaussprechlichen Barmherzigkeit. Dann sollt ihr aber nicht von euern Uebungen gehen, bis alle euere Sünden in der endlosen Barmherzigkeit und Gnade Gottes versinken werden. Dieselbe Weise haltet auch in dem Anlaufe aller Versuchungen: Härte, Schlaffheit oder Kälte eueres Herzens, oder auch Trägheit oder Krankheit zu allen guten Uebungen, denn keine Verdammniß ist diesen, die da sind in Christo Jesu, nach des heiligen Paulus Worten. Wenn euch auch Freude des Gemüthes und brennende Begierde entgegenläuft, und alle zeitliche und geistliche Güter, das opfert Gott zu Lob und zu Ehren, in der Hut eures Herzens, und begehrt nur dem Willen Gottes wohlzugefallen, heimsuchend die Menschheit Christi mit allen ihren Werken und Leiden. Was euch dann am besten schmeckt, daran übt euch und erweckt euch mit flammenden Gedanken, und laßt nicht ab, bis ihr umgriffen werdet in der unaussprechlichen, göttlichen Finsterniß des gelehrten Schweigens, und da werdet Ein Geist mit Gott; denn hier ist wahrhaftig Gott. Die ewige Weisheit richte alle euere innerlichen und äußerlichen Uebungen in der wohlgefallenden Liebe Christi.

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