Tauler, Johannes - Dreizehnter Brief.

Wie man das Kind Jesu umfangen und mit sich vereinigen soll.

Christo Jesu, in seiner neugebornen Kleinheit und in der Liebe aller seiner Heiligen sey ein Gruß vorangesandt. O meine allerliebsten Kinder und Schwestern des Ordens! Da in dieser fließenden Zeit viele Irrwege und Abgänge sind, die uns mit mannigfaltiger Finsterniß von der unbeweglichen Wahrheit des obersten Gutes abführen, so dünkt mir kein Ding besser noch sicherer zu seyn, als zu fliehen alle Mannigfaltigkeit, die eitel ist, und alle Worte, Werke und Wandelungen, deren wahre Ursache nicht Gott ist, und daß man zurücklaufe in des Esels Einfalt, und mit dem Ochsen der starken Begehrungen zu dem Kripplein der allerdemüthigsten Ruhe, und daß die Seele sich da verschließe mit ihren mannigfaltigen Gebrechen, und das mit einem erhabenen Wiederkäuen des Heues der tätlichen Bewegungen deiner Bosheit. Hier wird Christus geboren gefunden, nicht allein aus dem mütterlichen Leibe, sondern auch aus dem väterlichen Herzen der göttlichen, unaussprechlichen Vereinigung, mit unbegreiflichem und unaussprechlichem Ueberfließen in all deinen Grund und deine Kräfte, und mit Gnaden zu allen reinen Herzen, die mit dieser Weise durch unzählige Uebungen bereitet werden.

Der Mensch hat Gott lieb, der wegen seiner alle Dinge leiden kann. Der allergöttlichste Glaube ist, der all seine Zuversicht in Gott setzen und mit Stetigkeit Gott erwarten kann. Der liebt Gott, der dieser Zeit sterben und der Ewigkeit leben kann, der Gott weiß, und um alle andere Dinge nichts. Der liebt Gott, dem Gott ist göttlich, dem alle himmlische Dinge schmackhaft und alle zeitliche Dinge verdrießlich sind, und der seine äußerlichen Sinne kann schließen und seine innwendigen Sinne kann befreien, und alle seine Kräfte zu Gott fügen, dem Gottes Süßigkeit alle Dinge bitter und abgeschmackt gemacht hat, in Christo Jesu.

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