Steinhäuser, Hermann - Weihnachtspredigt

Steinhäuser, Hermann - Weihnachtspredigt

Gelobt sei unser Herr, Jesus Christus!

Am ersten Weihnachtsfeiertage 1852.

In die gegenwärtige, äußerlich unfreundliche Zeit fällt das schöne, das Herz erfreuende Weihnachtsfest, das wir nun mit einander feiern. Wohin ist jetzt unser Blick gerichtet? In ein fernes Land und zurück in eine ferne Zeit. Wir sehen vor uns in äußerlich ärmlichen Verhältnissen, in eines Stalles niederm Raume ein schönes, freundliches Bild. Eine Mutter ist es, mit einem neugebornen Kinde in ihren Armen. Stille, selige Freude blickt aus ihrem Gesichte. Mit dem Ausdruck der zärtlichsten Liebe beugt sie sich zu ihm herab. Frommer, inniger Dank gegen Gott, der es gegeben, und nicht bloß gegeben, sondern zu großen Dingen bestimmt hatte, bewegt ihr Herz. Ein Dank- und Bittgebet steigt von ihren Lippen empor, heiße Segenswünsche für das Kind auf ihrem Schoß erheben sich zu Gottes Thron. Ein rührenderes und an das Göttliche in uns lebhafter erinnerndes Bild kann sich uns kaum darstellen, als das Bild einer liebenden Mutter mit ihrem Kinde in den Armen, mit ihrem Kinde, das sie mehr liebt, als sich selbst, für das sie alles zu geben und zu opfern bereit ist, für das sie, wenn es sein müßte, auch das Leben hingeben würde. Mit herzlicher Theilnahme weilt unser Blick auch auf dem Kinde, das in der Mutterarmen ruhet. Viel schöne Hoffnungen schlummern in ihm einem fröhlichen Erwachen entgegen. Indem wir ein Kind ansehn, eilen unsere Gedanken in die Zukunft hinaus, für die es heranwachsen, in der es wirken und glücklich sein soll. Mit einem Wohlwollen, das durch nichts beeinträchtigt wird, sind wir ihm zugethan. Es hat ja noch niemandem ein Leid zugefügt; es ist unschuldig und rein, und keine Sünde lastet auf seinem Gewissen; seine Hilflosigkeit selbst, in der es noch nicht einmal um Hilfe bitten kann, ist doch die eindringlichste und nicht vergeblich erhobene Bitte um Liebe und Pflege.

Darum ist das Weihnachtsfest neben seiner besondern und hohen Bedeutung zugleich ein Fest, das unsere Herzen den Kindern zuwendet, ein Fest, da Aeltern ihren Lieblingen gern eine Freude machen, an ihren fröhlichen Augen, an ihren dankbaren Mienen und Worten ein inniges Wohlgefallen haben. Auch einem Fremden, wenn er in solch einen glücklichen Familienkreis eintritt, wird es wohl in demselben; das Herz geht ihm auf; er wird wieder jung, da die Erinnerung an seine eigene selige Kindheit und ihre frohen Feste in diese glücklichste Zeit seines Lebens ihn zurückversetzt. Und wer möchte es verkennen, daß diese die Fröhlichkeit der Kinder mitfühlende Freude, dieses Herabneigen zu den Kleinen und dieses Zurückversetzen in die eigene Kindheit einen veredelnden Einfluß auf uns ausübt, einen Einfluß, der ganz geeignet ist, dieses gegenwärtige Fest seiner hohen Bedeutung gemäß in würdiger Weise uns feiern zu lassen.

Es fehlte auch damals, als Maria das neugeborne Christuskind in ihren Armen hielt, nicht an der mitfühlenden Freude anderer. Eilend waren sie gekommen, das zu sehen, was der Herr ihnen kund gethan hatte. Durch die Verkündigung, die sie erhalten hatten, waren sie in eine nahe Beziehung zu dem Kinde getreten. Es war ihnen nicht ein fremdes mehr, wie tausend andere; nicht ein Kind, dessen Leben und zukünftiges Schicksal keine Bedeutung für sie gehabt hätte. Auch sie sollten Theilnehmen an der Verheißung, die auf diesem Kinde ruhete. „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids!“ so hatte die Stimme gelautet, die sie vernommen hatten. Auch euch ist die Zeit nahe herbeigekommen, die Gott seinem Volke bereitet hat, da sich nun erfüllen soll, was eurer Väter sehnsüchtiges Wünschen war; und dieses Kind ist es, durch das geschehen soll, was er über euch und alle Völker beschlossen hat.

Noch lag es verborgen in der Zukunft Schoß, wie das Heil, das nunmehr in der Geburt Jesu so nahe herzugekommen war, sich verwirklichen würde. Noch waren es nur unbestimmte frohe Gefühle, mit welchen diejenigen, die seiner Geburt sich freuen konnten, der sich entfaltenden Herrlichkeit des erschienenen Heilandes entgegensahen. Zwar würden auch wir, wenn wir unter denen hätten sein können, welche herzutraten, den Neugebornen und seine Mutter zu schauen, von lebhafter Freude, von Hoffnung und Dank erfüllt vor ihm gestanden und auf ihn geblickt haben. Aber doch sind wir nunmehr, wiewohl wir nicht Theil nehmen konnten an der Freude jener heiligen Stunde, hochbegnadigt vor jenen. Denn das, was damals noch unenthüllt war, ist vor uns offenbar geworden, und das, was jene erst noch als etwas Zukünftiges hofften, ist für uns wirklich herbeigekommen. Wir können den Segen seiner Geburt deutlicher erkennen, als sie, und mit dankbarer Freude ausrufen, gelobt sei unser Herr, Jesus Christus!

Text: Lucas 2, 1-14.
„Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzet würde. Und diese Schatzung war die allererste, und geschah zur Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land, zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, daß er von dem Hause und Geschlecht Davids war, auf daß er sich schätzen ließe, mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt, und in einer Krippe liegend. Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerschaaren, die lobten Gott, und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.

In der heiligen, geweiheten Nacht, da Jesus geboren wurde, war es nur eine kleine Anzahl von Menschen, denen dies größte unter allen Ereignissen bekannt worden war. Heute wird das Andenken daran weit umher durch die ganze Christenheit von Unzähligen mit dankbarer Freude begangen. Die Hirten, welche damals kamen, das Kind zu sehen, hatten nur eine unbestimmte Ahnung von dem Segen, den es bringen sollte. Wir haben mehr als eine Ahnung davon, wir haben ihn selbst, und vermögen es dankend zu preisen, wie hochbegnadigt wir in ihm sind. Wir blicken auf das, was er, der heute geboren wurde, war, und was er that, und was er wirkte, und rufen dankend aus:

Gelobt sei unser Herr, Jesus Christus!

Das sei der Ausdruck unserer Weihnachtsfreude, daß wir in dankbarer Erinnerung an die Herrlichkeit und den Segen unseres Heilandes sprechen: gelobt sei unser Herr, Jesus Christus! So zu danken und zu sprechen, treibt uns das Herz. Denn

  1. Er ist gekommen in seines Vaters Namen und nicht in seinem eigenen;
  2. Er wirkte in der Kraft dessen, der ihn gesandt hat;
  3. Er führt uns dorthin, von dannen er gekommen ist.

I.

„Ich bin gekommen in meines Vaters Namen,“ so sagte er selbst, und schmerzlich bewegt durch den Hinblick auf diejenigen, die ihn verwarfen, fügt er hinzu: „und ihr nehmet mich nicht an. So ein anderer wird in seinem eigenen Namen kommen, den werdet ihr annehmen.“ Sind auch wir unter denen, die ihn verwerfen? Nein, die ihn verwerfen, sind nicht hier unter uns. Dank sei Gott, daß wir einstimmen können in den Zuruf, mit dem ihn das Volk bei seinem Einzuge in Jerusalem begrüßte: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Im Namen des Herrn ist er gekommen, und nicht in seinem eigenen; im Namen des Herrn geschah einst seine Ankunft auf der Erde, da er als schwaches Kind geboren wurde. Ihm galten die Verheißungen, die schon längst aus dem Munde der Propheten ergangen und an die Väter des damals lebenden Geschlechtes gerichtet worden waren. Von Abraham an, dem verheißen worden war, daß durch seinen Samen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten, und von Moses an, der verkündet hatte: „einen Propheten wird euch Gott erwecken aus euren Brüdern, den sollt ihr hören,“ bis herab auf die Propheten, die immer deutlicher, immer bezeichnender auf ihn hinwiesen, geht durch die Zeit vor ihm eine fortschreitende Reihe von Verheißungen eines Heilandes, den Gott senden würde, sein Volk Israel zu erlösen, und durch dies sein Volk auch allen andern Völkern das Heil zu bringen.

So kam er von ihm gesendet, in seinem Namen und Auftrage, und was er brachte, das brachte er als eine Gabe von Gott und nicht als seine eigene. Würden wir wohl auch seine Ankunft auf Erden mit dankbarer Freude begrüßen können, wenn seine Geburt nichts anderes gewesen wäre, als die Geburt der unzähligen andern Kinder, die äußerlich ebenso, wie er, in das Leben eintreten? wenn er keinen Auftrag von oben gehabt hätte, das Wort der Wahrheit zu verkünden, keine Sendung von oben, aus der Knechtschaft der Sünde uns zu erlösen? wenn er sich selbst aus eigener Machtvollkommenheit diese Sendung an die Menschen angemaßt hätte? er, der da sagte, daß er vom Vater ausgehe in die Welt, nicht vom Vater ausgegangen wäre, sondern von sich selbst? Dann würde der heutige Tag nicht ein Tag hoher, festlicher Freude sein; ohne erhebende Feier, ohne Gesang und Gebet und feierlichen Ruf der Glocken würde er vorübergehen.

Was wollten wir auch festlich feiern? Die Geburt eines Kindes? Es werden tausend und Millionen Kinder geboren, und niemand denkt daran, den Tag ihrer Geburt durch öffentliche Feier auszuzeichnen. Die Geburt des Jesuskindes, das später hervortrat als Lehrer und Wohlthäter seines Volkes, aber im Kampf mit seinen Feinden unterlegen ist? Wenn er aber nicht von Gott gesendet war, was hilft uns dann seine Lehre und sein Leiden und Sterben? Welche Bürgschaft haben wir dann, daß wir unser Vertrauen darauf setzen und unsere seligsten Hoffnungen darauf gründen können? Wenn ein Mensch zu dem andern kommt in seinem eigenen Namen, so kommt zu dem schwachen, dem irrenden und sündhaften Menschen ein anderer, der eben dasselbe ist, der ebenso del menschlichen Schwachheit und dem Irrthum und der Sünde unterworfen ist; so kommt zu dem Zweifelnden einer, der selbst in Ungewißheit wandelt; zu dem nach Licht und heller Erkenntniß Verlangenden einer, der selbst kein anderes Licht leuchten lassen kann, als ein menschliches, das nicht in die Tiefe hinabdringt und nicht zur Höhe hinanreicht; zu dem der Erlösung Bedürftigen und nach ihr sich Sehnenden einer, der es selbst noch bedarf, erlöst zu werden und von der Gnade Gottes Vergebung für seine Sünden zu empfangen.

Wäre nun Christus ein solcher gewesen, so würde uns seine Ankunft auf Erden keinen Gewinn gebracht haben; so wären wir noch in unseren Sünden und in unserer Hoffnungslosigkeit; so stände er mitten unter und neben uns, aber nickt zugleich auch über uns; so wäre er uns gleich, aber nicht auch überlegen; so wäre er ein Bote an uns, aber nicht vom Himmel, sondern von sich selbst. Würden wir dann wohl um ihn, als um unser Haupt, uns freudig versammeln? würden wir uns dann nach seinem Namen nennen? würden wir dann in unserer Betrübniß und in unserer Freude, in unserer Hoffnung und in unserer Sorge zu ihm kommen und sein Wort suchen? würden in alter Zeit seine Jünger so fest an ihm gehangen haben, daß sie lieber in Leid, in Verbannung, in Gefangenschaft, in Armuth, in den Tod gegangen wären, als daß sie von ihm gelassen hätten? Wir würden kein Reich Gottes, wir würden keine Kirche Christi auf Erden haben, wir würden auch heute nicht versammelt sein und Gottes Gnade preisen, der uns diesen Tag gemacht hat, da mit der Geburt Jesu ein heller Strahl des himmlischen Lichtes und der göttlichen Offenbarung herein in unser Leben geleuchtet hat, da in ihm der geboren wurde, zu dem wir dankend und bewundernd, vertrauend und hoffend hinaufblicken, der uns gleich war in allen Dingen und doch von dem Apostel das Ebenbild des göttlichen Wesens genannt wird. Darum: gelobt sei unser Herr, Jesus Christus!

II.

Er kam von Gott; er wirkte nunmehr auch in der Kraft dessen, der ihn gesandt hat. Sein Eintritt in das Leben ist mit himmlischem Glanze umgeben. Die Stimmen, die vom Himmel ertönten, die Klarheit, welche in die dunkle Nacht hineinleuchtete, erfüllt unser Herz mit frohen Ahnungen. Ein noch höherer Glanz umgab ihn, als er später aus der Verborgenheit seines zurückgezogenen Lebens hervortrat, und in dem Namen dessen wirkte, der ihn gesendet hatte. Segnend war schon sein äußeres Kommen, das Berühren seiner Hand, das Wort aus seinem Munde. Wie mancher Leidende unserer Zeit mag schon im Stillen bei sich geseufzt haben, wenn doch jetzt der Herr unter uns wandelte, daß ich zu ihm eilen, daß ich ihn bitten könnte, sprich nur ein Wort, so werde ich, oder mein Sohn, meine Tochter gesund; lege deine Hand auf meine Augen, auf mein Herz; nimm mein Gebrechen hinweg, so will ich dich loben und preisen, dich und den, der dich gesendet hat. Ja, manch Helles Freudenlicht würde er anzünden in niederer Hütte und in hohem Palast, wenn er käme, wie sonst, heilend und segnend. Aber das war nur das Geringere in seiner Wirksamkeit.

Es ist ein noch schöneres und helleres Freudenlicht, das er . angezündet hat, und das noch leuchtet und erfreuet, in jedem Hause, in jedem Herzen, da man ihn voll Sehnsucht herbeiruft und willkommen heißt. Was er einst denen sagte, die Johannes der Täufer aus seinem Gefängnisse an ihn mit der Frage gesendet hatte: „bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten?“ das ist auch noch zu uns gesagt: „die Blinden sehen, und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein, und die Tauben hören, die Todten stehen auf, und den Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, der sich nicht an mir ärgert.“ Es gibt eine Blindheit, die beklagenswerther ist, als die der leiblichen Augen; und einen Tod, der trauriger ist, als der Tod unsers Leibes. Es gibt Gesunde an ihren Gliedern, und können nicht wandeln; die keiner ärztlichen Hilfe für ihr Ohr bedürfen, und doch nicht Hörens die reich sind an Gütern dieser Welt, und doch arm und bloß, die darben müssen und Mangel leiden an dem, was das Köstlichste ist. Denen nahet er als Arzt und Helfer. Daß doch alle ihn annehmen möchten, um von ihm sich helfen zu lassen. Doch, mögen viele es nicht thun, wir weisen ihn nicht zurück, sondern wir begrüßen mit Dank und Sehnsucht seine gnadenreiche Ankunft.

Licht ist das Wesen, das ihn umgibt, in dem er wandelt, und das er verbreitet. Gleichwie seine Ankunft in die Welt durch die Klarheit des Herrn bezeichnet war, so war es auch sein Leben in der Welt. Er selbst spricht: „ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolget, der wird nicht wandeln in Finsterniß.“ Und so ist er auch uns das Licht der Welt, in welchem wir wandeln, und so ist es seine Klarheit, in welcher wir das Herabwirken Gottes und unsere eigene Bestimmung erkennen. Jetzt blicken wir um uns, und die Welt ist uns nicht ein unerklärbares Durcheinanderwirken von bewußtlosen Kräften und zufälligen Entwickelungen, sondern es ist alles Ordnung und Plan und weise Leitung von oben. Jetzt schauen wir hinauf zum Himmel, und es ist uns nicht ein unendlicher und leerer Raum, da niemand fühlt und lebt und waltet; sondern er ist uns der Sitz der allerbarmenden Liebe, der Liebe dessen, der herniederschauet in der Menschen Herzen, ihren Kummer zu lindern und ihre Freude zu heiligen. Wir schauen auf den Pfad, den wir wandeln, und es ist nicht ein planlos angelegter Weg, den wir gehen, ohne zu wissen wohin, und auf dem wir uns bewegen, ohne zu wissen warum: sondern ein herrliches Ziel sehen wir aufgerichtet; wir vernehmen in uns ein heiliges Gesetz, das uns gebietet, diesen Weg zu wandeln und keinen andern, und vernehmen Stimmen von oben, die uns, da wir auf ihm wandeln, rufen und ermuntern, stärken und trösten. Werden wir matt, brennt die Sonne mit heißem Schein, ladet der Schatten zur Ruhe und die Früchte, die seitab stehen, den Weg zu verlassen: siehe, vor uns wandelt der Herr und spricht, folge mir nach, ich will dich erquicken und deine Kraft stärken. Wenn der Staub des Weges uns bedeckt, wenn wir niedergefallen sind, er richtet uns wieder auf und machet uns rein von aller Befleckung der Sünde. Wenn wir zagen, es möchte Abend werden, ehe wir das Ziel erreichen, und die Nacht uns überraschen, ehe wir zur sichern Herberge gelangen: er ruft uns zu, fürchte dich nicht auf deinem Wege, ich leite dich zur grünen Aue; die Ruhe, die du suchest, wirst du finden, den Frieden, nach dem du verlangst, will ich dir geben. Ich bin bei dir, du wohnest in mir, so wirst du, wenn du die irdische Behausung verlassen mußt, nicht ängstlich nach einer andern Wohnung fragen. Du wirst nichts mehr fürchten, denn überall, wo du bist, ist Gott bei dir, deine Fülle und dein Frieden und dein Reichthum.

III.

Darum auch, wenn wir in die Zukunft blicken, sprechen wir voll Dank und Freude, gelobet sei unser Herr, Jesus Christus! Denn er führet uns dorthin, von dannen er gekommen ist. Der Mensch bleibt nicht, auch wenn er es möchte. Und wenn jemand das ganze Jahr hindurch in seiner Wohnung bliebe, und nicht mit einem Schritte dieselbe verließe, er bleibt nicht wo er ist, er ist in fortwährender Bewegung und Veränderung, wie ein Wanderer auf seinem Wege. Er führet sich selbst und er wird geführt. Die Menschen führen ihn. Sie führen ihn zu Freude und Schmerz, und oft wissen sie selbst nicht, wohin. Die Aeltern sorgen für das Kind, wollen eine glückliche Zukunft ihm bereiten. Aber ob es ihnen gelingen werde, das wissen sie nicht. Die Freunde und Bekannten laden uns zu sich, an ihren frohen und an ihren traurigen Tagen Theil zu nehmen. Die Geschwister und Gatten wandeln mit einander auf dem Wege. Aber weder die Richtung, noch die Dauer, noch das Ende des Weges haben sie in ihrer Gewalt. Wir selbst führen uns. Wohin? Ost wandeln wir den rechten Weg, oft verfehlen wir ihn in unserer Kurzsichtigkeit und Verblendung. Das Leben selbst, die Zeit führet uns von dannen. Die Wege der Zukunft sind uns verborgen. Nur das eine ist uns klar und gewiß, an einer Grube, wenige Ellen tief in die Erde gegraben, wird unser Weg zuletzt ankommen und dort sein Ende finden. Ein Hügel wölbt sich über uns. Ob über denselben hinaus ein Weg in das Unsichtbare weiter führt, wer weiß es? Fleisch und Blut können es uns nicht sagen.

Preis und Dank sei Gott, daß wir noch einen andern Führer durch unser Leben haben; einen Begleiter, den viele nicht sehen, weil ihre Augen gehalten sind; der uns aber sichtbar ist, und dessen freundliches Angesicht wir erblicken, dessen Ruf wir hören, dessen Wink wir folgen, dessen Hand wir ergreifen und so sicher wandeln. Ein frommer Christ ist nie ohne seinen Herrn und Meister, seinen Führer durch dies Erdenleben, und getröstet vertraut er seiner Leitung, denn er weiß, wohin sie gerichtet ist. Er führt uns dorthin, von dannen er zu uns gekommen ist. Er kam zu uns, nicht bloß, wie ein schwaches Kind in die Welt kommt, aus seiner Mutter Schoß. Dann hätte er auch kein anderes Ende seines Weges, als ein irdisches, als der Erde Schoß, die unser aller Mutter ist. Er kam auch von oben, vom Himmel herab. Von dorther, wo die Unvollkommenheit der Erde nicht ist, wo keine Schmerzensthränen geweint werden, wo keine Sorge um des Leibes Nahrung und Nothdurft bekümmert; sondern wo der von Gott geborene Geist zu seiner Herrlichkeit sich entfaltet, wo neue und schönere Offenbarungen vor dem staunenden Blicke sich ausbreiten, wo die Sünde keinen Platz findet in den Herzen der Seligen und der Tod verschlungen ist in den Sieg: von dorther ist er gekommen, dort war seine Heimath, und dorthin sollen wir ihm nachfolgen, dorthin von ihm geleitet werden, auf daß wir die Herrlichkeit schauen, die ihm sein Vater gegeben hat.

Von dem Vater ist er ausgegangen in die Welt und nicht von sich selbst. Von dem Vater, der allenthalben ist, in uns und um uns, aber auch droben in der Höhe und jenseits in dem Reiche des Lichts und der Vollendung, ist er zu uns gekommen, zu uns, die wir des Vaters Kinder waren und wußten es nicht, auf daß wir erkenneten, wem wir angehören, und wessen Arme es sind, die uns liebreich empfangen werden. Er der Erstgeborene führt uns, seine Brüder und Schwestern, aus der Fremde ins Vaterhaus, in dem uns schon von Anbeginn eine Stätte bereitet ist. Wie freuen wir uns nunmehr seiner gnadenreichen Ankunft! Wir sind nicht mehr einsam und verlassen auf unserer irdischen Wallfahrt, nicht auf uns selbst allein, noch auf der schwachen Menschen Hilfe angewiesen. Sondern wir wandeln in der Kraft des Höchsten. Gläubig und verlangend richten wir unsere Blicke zum Himmel empor, denen nach, die uns vorausgegangen sind; und zagen nicht, wenn des Lebens Stürme uns heftig umbrausen, und klagen nicht, wenn des Lebens Sonne den Mittag überschritten hat, und tiefer und immer tiefer hinabsinkt. Denn aus der Tiefe führet der Weg aufwärts in die Höhe, und der Engel Gesang wird auch der unsere: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Amen.

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