Spurgeon, Charles Haddon - Das zweimalige „Komm.“

Gehalten am Sonntag Morgen, den 31. December 1876

„Und der Geist und die Braut sprechen: Komm. Und wer es höret, der spreche: Komm. Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“
Offenbarung 22, 17

Unser Text steht am Ende des Buches, eben wie dieser Tag am Ende des Jahres steht, und er ist voll vom Evangelium wie wir unsere Schlußpredigt heute zu machen wünschen. Es scheint fast, als wenn der Heilige Geist ungern die Feder niederlegte, so lange noch so Viele trotz des Zeugnisses des von Gott eingegebenen Wortes ungläubig blieben, und deshalb, ehe er den Kanon der Heiligen Schrift schließt und ihn gegen alle Hinzufügung und Verstümmelung mit sehr feierlichen Worten verwahrt, giebt er noch einmal eine volle, freie, ernste, gnädige Einladung für dürstende Seelen, zu Christo zu kommen und zu trinken. So möchte ich auf diese letzte Seite des Jahres gern noch eine Einladung des Evangeliums schreiben, damit die, welche bisher unserer Predigt nicht geglaubt haben, jetzt noch, an diesem letzten Tage des Festes, ihr Ohr neigen und die Heilsbotschaft annehmen möchten. O, daß ihr, ehe noch die Mitternachtsglocke die Geburt eines neuen Jahres verkündet, neu aus Gott geboren würdet; jedenfalls soll noch einmal die Wahrheit, durch welche Menschen wiedergeboren werden euch in Liebe vor Augen gestellt werden. Ich ersuche diejenigen unter euch, die Gehör beim Herrn haben, eben jetzt die Bitte an ihn zu richten, daß, wenn die Pfeile an den vergangenen 52 Sonntagen ihr Ziel verfehlt haben, sie diesmal, geleitet vom göttlichen Geist, treffen möchten. Betet auch, daß, wenn Einige die Thür ihres Herzens fest vor dem Herrn Jesus bis jetzt verschlossen haben, er selber in der Predigt heute kommen möge und seine Hand „durch das Loch“ in der Thüre stecken, daß ihre Herzen für ihn erregt werden. Als Erhörung dieses Gebetes werden wir sicher einen Segen haben. Laßt uns ihn erwarten und in dieser Erwartung handeln, dann werden wir Menschen zu Jesu fliegen sehen wie eine Wolke und wie die Tauben zu ihren Fenstern.

Sind nicht die Worte unsers Textes die Worte des Herrn Jesus? Können sie als die Worte Johannis angesehen werden? Ich glaube nicht, denn sie folgen so unmittelbar auf die unzweifelhaften Worte Jesu im vorigen Verse. Die Stelle lautet so: „Ich, Jesus, habe gesandt meinen Engel, solches euch zu zeugen an die Gemeinden. Ich bin die Wurzel des Geschlechts David´s, ein heller Morgenstern. Und der Geist und die Braut sprechen: Komm.“ Wir können kaum, meine ich, den Abschnitt theilen, und müssen, scheint es mir, unsern Text als Worte des auferstandenen Jesus ansehen, des Morgensterns, dessen tröstliche Strahlen den herrlichen Tag verkünden. Der Liebhaber der Menschenseelen ist noch nicht ganz fertig mit dem Reden zu Sündern; es war ein wenig mehr zu sagen und hier sagt er es. Der göttliche Erlöser, sich vorüberlehnend auf seinem Throne, wo er sitzet zum Lohn seines vollbrachten Werkes, und sich über Sünder beugend mit derselben Liebe, die ihn dazu bewog, für sie zu sterben, sagt: „Und wer es höret, der spreche: Komm. Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“

Wenn wir so auf diese Worte blicken in dem goldnen Lichte, als von den theuren Lippen des Geliebten unserer Seele kommen, laßt uns zuerst bemerken den himmelwärts gerichteten Ruf des Gebetes: „Der Geist und die Braucht sprechen: Komm. Und wer es höret der spreche: Komm.“ Diese Stimmen gehen hinauf zu Christo. Dann, zweitens, laßt uns hören den erdwärts gerichteten Ruf der Einladung: „Wen dürstet, der komme. Und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Dieser Ruf geht nach außen und nach unten an bedürftige und bekümmerte Seelen. Dann, drittens, wollen wir etwas dabei verweilen, die Verbindung zwischen diesen beiden Rufen zu beachten; denn das Kommen Christi steht im Zusammenhang mit dem Kommen der Sünder; und dann wollen wir, so gut wir können, die Antwort auf beide Rufe beobachten und erwarten; bleibe, von ihm der in den Himmeln sitzet, und von Seelen, die hienieden dürsten. O, göttlicher Geist, segne du das Wort.

I.

Zuerst denn: unser Text beginnt mit dem himmelwärts gerichteten Ruf des Gebets. „Der Geist und die Braut sprechen: Komm. Und wer es höret, der spreche: Komm.“ Ich meine, es wird augenscheinlich sein, wenn ihr sorgfältig leset, daß dies nicht einzig als die Stimme des Geistes und der Braut an den Sünder gedeutet werden kann. Gewiß, der Sinn erfordert, daß wir diesen Ruf „Komm“ als an unseren Herrn Jesus gerichtet betrachten, der in einem vorhergehenden Verse gesprochen hatte: „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir.“ Wir mögen das zweite drin eingeschlossen sehen, aber es geht nimmer, das erste auszuschließen. Wir behandeln die Worte nicht redlich, wenn wir sie nicht zuerst als aufwärts zu unserem Herrn gesprochen ansehen, dessen Kommen unsere große Hoffnung ist.

Der Gegenstand dieses Rufes muß zuerst beachtet werden – es ist das Kommen Christi. „Der Geist und die Braut sprechen: Komm.“ Dies ist und ist immer gewesen der allgemeine Ruf der Kirche Jesu Christi. Es giebt keine einzige gemeinsame Lehre über die genaue Bedeutung dieses Kommens, aber es ist ein gemeinsames Verlangen darnach in der einen oder anderen Form. Einige von uns erwarten das leibliche Kommen, weil der Engel sagte, als die Wolke den aufsteigenden Christus verhüllte: „Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.“ Wir erwarten daher seine Herabkunft auf die Erde in Person, um buchstäblich hier unter uns zu sein. Einige hoffen, wenn er kommt, so werde es sein, um auf Erden zu herrschen, alle Dinge neu zu machen und seinem Volke eine herrliche Periode von Tausend Jahren zu bringen, in der eine beständige Sabbathruhe sein wird. Andere meinen, wenn er kommt, werde er kommen, die Welt zu richten und der Tag seiner Erscheinung sei eher als das Ende aller Dinge und der Schluß dieses Zeitalters zu betrachten, denn als der Anfang des goldenen Zeitalters. Es giebt Einige, die das ganze tausendjährige Reich für einen Traum halten und das Kommen Christi in Person für eine bloße Einbildung, aber sie glauben, daß er geistlich kommen werde und sie sehen einer Zeit entgegen, wo das Evangelium sehr wunderbar sich verbreiten wird und eine außerordentliche Macht mit der Verkündigung des Wortes sein wird, so daß die Völker zu ihm eilen und zu seiner Wahrheit bekehrt werden. Nun würde es sehr interessant sein, diese verschiedenen Behauptungen und Spekulationen zu erwägen, aber wir wollen dies nicht thun, weil doch am Ende, auf welche Weise die Menschen es auch betrachten, alle wahren Kinder Gottes das Kommen Christi wünschen, und wenn er nur nahe kommt, so sind sie zufrieden. Sie mögen mehr oder weniger Licht über die Art desselben haben, aber das Kommen Christi ist seit der Zeit, da er hinwegging, der große Wunsch und die Sehnsucht, ja, das ringende Gebet der Kirche Gottes gewesen. „Ja, komme bald Herr Jesu,“ ist der Ruf der ganzen Schaar der Auserwählten. Es ist wahr, daß Einige nicht immer dieses Kommen aus Gründen der lobenswerthesten Art gewünscht, und Viele werden eifriger denn je in diesem Gebet, wenn sie in einem Zustande der Enttäuschung und des Schmerzes sind, aber dennoch ist das, was sie wünschen, etwas Gutes und ein verheißener Segen, der zu seiner Zeit gegeben werden soll. Ich glaube die Feile des Schmerzes wird dem Wunsch nach dem Kommen Christi stets eine schärfere Schneide geben. Luther sagte bei einer Gelegenheit, als er sehr entmuthigt war: „Möge der Herr sogleich kommen! Laß ihn die ganze Sache mit dem jüngsten Tage zu Ende bringen; denn es steht keine Besserung zu hoffen.“ Wenn wir in diese Stimmung gerathen, so mag der Wunsch, obgleich dem Anschein nach recht, doch nicht ganz so rein sein, als wir es denken. Wünsche und Gebete, die aus Unglauben und Ungeduld hervorwachsen, können schwerlich von der besten Art sein. Vielleicht werden wir, wenn wir geduldiger warten und ruhiger hoffen, nicht ganz so fieberhaft ängstlich das baldige Kommen wünschen und doch mag unser Gemüthszustand nüchterner und wahrhaft wachsamer und annehmbarer vor Gott sein, als da wir scheinbar mehr Eifer zeigten. Warten muß Hand in Hand mit Wünschen gehen: Geduld muß sich mit Hoffnung einen. Des Herrn „bald“ mag nicht mein „bald“ sein; und wenn so, laß ihn thun, was ihm gefällt. Es mag doch zuletzt besser sein, wenn unser Herr noch ein wenig länger wartet, damit durch einen längeren Kampf er noch mehr die Geduld der Heiligen und die Macht des ewigen Geistes offenbar macht. Es mag sein, daß der Herr noch ein wenige länger zögert, und wenn das, wird die Kirche, ob sie seine baldige Zukunft auch wünscht, doch mit ihrem Meister nicht zanken, noch ihm vorschreiben, nicht einmal wünschen, Zeit und Stunde zu wissen. „Komm, Herr Jesus, komme bald,“ ist ihres Herzens innerster Wunsch, aber das Nähere seines Kommens läßt sie in seiner Hand.

Nachdem wir den Gegenstand des Rufes betrachtet haben, laßt uns zunächst die rufenden Personen beachten. Der Geist ist zuerst genannt - „der Geist und die Braut sprechen: Komm.“ Und warum wünscht der Heilige Geist das Kommen des Herrn Jesu? Gegenwärtig ist der Geist, so zu sagen, der Vice-Regent dieses Zeitalters auf Erden. Unser Herr Jesus ist in den Himmel gegangen, denn es war gut, daß er dahin ging, aber der Tröster, den der Vater in seinem Namen sandte, hat seinen Platz eingenommen als unser Lehrer und bleibt beständig auf der Erde als Zeuge der Wahrheit, und um in den Menschenseelen für diese zu wirken. Aber der Geist Gottes wird täglich betrübt während dieses Zeitlaufes der Langmuth und des Kampfes. Wie sehr er entrüstet wird überall in der Welt, das ist für uns nicht möglich, zu wissen! Die vierzig Jahre in der Wüste müssen wie Nichts geworden sein im Vergleich mit neunzehn Jahrhunderten aufrührerischer Geschlechter. Die Ungöttlichen erzürnen ihn, sie verwerfen kein Zeugniß und widerstehen seinem Wirken. Und, ach, die Heiligen betrüben ihn auch. Ihr und ich, wir haben ihn, fürchte ich, oft betrübt während des vergangenen Jahres; deshalb wünscht er das Ende dieses bösen Zustandes und spricht zu unserem Herrn Jesu: „Komm.“ Überdem ist des Geistes großes Ziel und Verlangen, Christum zu verklären, wie unser Herr sagte: „Er wird mich verklären, denn von dem Meinen wird er´s nehmen und euch verkündigen.“ Da n4n das Kommen Christi die volle Offenbarung seiner Herrlichkeit sein wird, wünscht der Geist, daß er kommen möge und seine große Macht an sich nehmen und regieren. Der Heilige Geist versiegelt uns „auf den Tag der Erlösung,“ er hat immer jenes große Ereigniß im Auge; sein Werk geht auf die Vollendung am Tage der Erscheinung der Kinder Gottes. Er ist das Pfand unseres Erbes bis zur Erlösung des erkaufen Eigenthums.“ (Epheser 1,14 Engl. Übersetzung) Deshalb nimmt der Geist Theil an dem Seufzen seiner Heiligen nach der herrlichen Erscheinung und hierin ganz besonders wird er beschrieben als der, welcher unserer Schwachheit aufhilft und uns vertritt mit unaussprechlichem Seufzen. In diesem Sinne sagt der Geist: „Komm!“ in der That, zu allen Rufen dieser Art in der Welt giebt er den Antrieb.

Unser Text sagt uns darauf, daß die Braucht spricht: „Komm.“ Wir wissen Alle, daß die Braut die Kirche ist, aber vielleicht haben wir das Besondere ihres Namens nicht beachtet. Es heißt nicht: „Der Geist und die Kirche sprechen: Komm,“ sondern, „der Geist und die Braut,“ denn sie spricht stets mit mehr Inbrunst „Komm,“ wenn sie ihr nahes und liebendes Verhältniß zum Herrn fühlt und alles, was dies einschließt. Eine Braut ist eine, deren Vermählung nahe ist, entweder so eben geschehen oder noch bevorstehend. Sie ist nach dem hier gebrauchten Ausdruck mehr als nur verlobt – sie ist entweder vermählt oder im Begriff, es zu werden, obwohl das Hochzeitsmahl noch nicht gegessen sein mag. So ist die Kirche der großen Stunde sehr nahe, wo es heißen wird: „Die Hochzeit des Lammes ist gekommen und sein Weib hat sich bereitet;“ und deshalb ist sie voller Freude bei der Aussicht, den Ruf zu hören: „Siehe, der Bräutigam kommt.“ Wer wundert sich, daß es so ist? Es würde unnatürlich sein, wenn von Seiten der Kirche kein Verlangen da wäre, ihren geliebten Herrn und ihr Haupt zu sehen. Ist es nicht recht, wenn die Braut spricht: „Komm?“

Ich wünsche, eure Aufmerksamkeit auf die Thatsachen zu lenken, daß, ob ich gleich Zwei aus den Personen gemacht habe, die im Text genannt sind, um in geeigneter Ordnung über sie zu reden, so sind sie doch nicht in der vorliegenden Stelle getheilt. Es heißt nicht: „der Geist spricht: Komm,“ und: „die Braut spricht: Komm,“ sondern „der Geist und die Braut sprechen: Komm.“ Das will sagen, der Geist Gottes spricht durch die Kirche, wenn er ruft: „Komm,“ und die Kirche ruft zu Christo um sein Kommen, weil sie vom Heiligen Geist dazu getrieben wird. Wahres Gebet ist immer ein vereintes Werk; der Heilige Geist in uns schreibt erhörliche Wünsche auf unsere Herzen und dann bringen wir sie dar. Der Heilige Geist fleht nicht, getrennt von unserem Wünschen und Glauben; wir müssen selbst wünschen und wollen und flehen und ringen, weil der Geist Gottes in uns dies Wollen und dies Vollbringen wirket. Wir flehen zu Gott, weil wir von seinem Heiligen Geist getrieben und geführt werden. Unser Flehen, das zum Himmel aufsteigt um das Kommen Jesu, ist das Rufen des Heiligen Geistes in den Herzen der mit Blut Erkauften. Die Kirche selber betet in der Heiligen Geist, inständig rufend Tag und Nacht nach der Erfüllung der größesten aller Bundesverheißungen.

„Komm, o Herr, du bist wahrhaftig,
Nicht im Geist mehr, komm leibhaftig,
Alle Bäume steh´n schon saftig.“

Der nächste Satz des Satzes zeigt an, daß jeder einzelne Gläubige denselben Wunsch seufzen solle: „Und wer es hört, der spreche: Komm.“ Brüder, dies wird das Kennzeichen eurer Zugehörigkeit zu der Braut sein, das Merkmal eures Antheils an dem Einen Geiste und der Vereinigung zu Einem Leibe, wenn ihn in Verbindung mit dem Geist und der Braut sprecht: „Komm.“ Denn kein Ungöttlicher wünscht wahrhaft das Kommen Christi; sondern wünscht im Gegentheil, von ihm hinwegzukommen und selbst sein Vorhandensein zu vergessen. Freude an dem Nahesein des Herrn Jesu Christo ist ein Beweis unserer Erwählung und Berufung; der Wunsch, ihn völliger zu erkennen und näher bei ihm zu sein, ist das Zeichen, daß wir Gott durch seinen Tod versöhnt sind und eine neue Natur uns eingepflanzt ist; die Sehnsucht, ihn in der Fülle seiner Herrlichkeit zu sehen, ist das Merkzeichen eines wahren Streiters des Kreuzes. Fühlt ihr diese? Wünscht ihr, besser mit dem Herrn Jesu bekannt zu sein? Ihr habt das Evangelium gehört; sagt ihr, wie die Kirche es thut: „Komm?“ Ach, für Viele wird der Tag des Herrn Finsterniß und nicht licht sein, und sie können ihn nicht herbeiwünschen, denn er wird ein Tag des Schreckens und der Verwirrung für sie sein; aber für die, welche an den theuern Namen des Sohnes Gottes geglaubt haben, wird er Freude sein und deshalb ist der Schrei ihres Herzens: „Ja, komm, Herr Jesu.“

Dieses Wort „Komm“ von dem, der da höret, ist das Zeichen seiner freudigen Beistimmung zu der Thatsache, daß Christus kommen soll. Es ist gut, mein Freund, daß du, wenn du hörst, daß Christus kommen wird, sprichst: „Laß ihn kommen.“ Wenn er zu herrschen kommt, laß ihn, denn gelobt sei sein Name, wer anders sollte herrschen, als er? Wenn er herabkommt, die Erde zu richten, laß ihn kommen, denn wir werden vor seinem Gericht gerechtfertigt werden. Sein Zweck und Ziel beim Kommen kann nur voll unendlicher Wohlthat für uns und die Ehre für unseren Gott sein, und deshalb möchten wir die Räder seines Wagens um keine Stunde aufhalten.

„Laß den Tag des Friedens kommen,
Daß dir jauchzen deine Frommen,
Weil das Reich du eingenommen!

Daß es schallt von Heer zu Heere,
Daß es hallt von Meer zu Meere:
Christus herrscht, geb´t ihm die Ehre!“

Das „Komm“ jedes wahren Gläubigen ist das Zeichen, daß sein Herz im Einklang mit der Lehre ist, die ihm verkündet wird. Wir haben es durch Offenbarung empfangen, daß Christus kommen wird und unsere Seele sagt: „Ja, komm, Herr Jesus; es ist unsere Seligkeit, daß du es thun willst.“

So haben wir die Personen genannt, von welchen dieser Ruf ausgeht, und nun laßt uns ein Wort hinzufügen über die Zeit, welche bei diesem Ausruf gebraucht ist. Es ist das Präsens. „Der Geist und die Braut sprechen: Komm. Und wer da höret, der spreche: Komm.“ Der Geist und die Braut verlangen, daß Christus sogleich kommen möchte, und der, welcher Christum kennt und ihn liebt, wünscht auch, daß er nicht zögern möchte. Seht, meine Brüder, ist es nicht Zeit, so weit unser schwaches Urtheil reicht, daß Christus käme? Seht, wie die Gottlosigkeit überhand nimmt! Seht nur unsere Straßen, wie verunreinigt sie sind von Sünden! Seht, wie die Irrthümer sich mehren; wimmelt es nicht selbst in der Kirche Gottes davon? Sind nicht Ketzereien hernieder gekommen wie die Raubvögel auf das Opfer, um sogar die Altäre des Höchsten zu schänden? Seht, wie zu dieser Zeit die Zweifler dem lebendigen Gott Trotz bieten, wie sie zwischen ihren Zähnen die Frage herauszischen: „Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibet es alles wie es von Anfang der Creatur gewesen ist?“ (2. Petri 3,4) Seht, wie euch der Antichrist stolz durch das Land schreitet. Der Aberglaube den eure Väter nicht ertragen konnten, wird wiederum unter euch aufgerichtet und die Bildnisse, Kreuze, Crucifixe und Sakramente, die vielen Göttern und Herren des alten Roms sind wieder nach England zurückgekehrt und werden in ihrer Nationalkirche verehrt. In England, wo Märtyrer ihr Blut vergossen, ist wiederum das Mahlzeichen des Thieres zu sehen an der Stirne Derer, die das Land besoldet, um das Volk zu lehren! Ist es nicht Zeit, daß der Herr käme? O, ihr altersgrauen Systeme des Aberglaubens, was anderes kann euch von euren Thronen stürzen? O, ihr Götter, die ihr so lange über abergläubische Gemüther geherrscht habt, wer anders kann euch zu den Maulwürfen und Fledermäusen schleudern? Ihr kennt ihn, der euch auf euren Thronen leben machte in jener Nacht, da er in Bethlehems Krippe geboren ward, und ihr mögt wohl zittern, denn wenn er kommt. So wird es mit einer eisernen Ruthe sein, um euch in Stücke zu zerschlagen. „Ja,“ rufen wir, „komm, Herr Jesus; komm bald. Amen.“

II.

Nun zweitens laßt uns den erdwärts gehenden Ruf der Einladung an die Menschen hören. Ich muß bekennen, ich kann euch nicht ganz sagen, wie es ist, daß der Sinn in meinem Text hinweg geleitet von dem Kommen Christi zu der Erde in das Kommen der Sünder zu Christo, aber er thut dies. Wie Farben, die in einander laufen oder Töne der Musik, die sich verschmelzen, so geht der erste Sinn in den zweiten über. Der beinahe unmerkliche Übergang scheint mir durch die Erinnerung daran verursacht, daß das Kommen Christi nicht für die ganze Menschheit erwünscht ist. Es giebt Ungläubige, die ihm nicht gehorcht haben und wenn sie den Geist und die Braut sprechen hören: „Komm,“ so beginnen sie sofort zu zittern und sagen zu sich selber: „Wie, wenn er käme! Ach, wir verwarfen ihn und sein Kommen wird unser Verderben sein.“ Ich meine, ich höre einige solcher Sünder weinen und heulen bei dem bloßen Gedanken an des Herrn Kommen, denn sie wissen, daß auch sie, die ihn durchstochen haben, ihn sehen und weinen müssen. Es scheint beinahe grausam von der Braut und dem Geiste, zu sagen: „Komm,“ wenn dies Kommen das Niederwerfen aller Gegner des Herrn bedeutet; und so scheint Jesus selber sanft das Gebet seines Volkes abzulenken, während er mit dem Bedürftigen redet. Er läßt das Gebet zu sich strömen, aber dann lenkt er den Strom auch nach den armen Sündern hin. Er selber scheint zu sagen: „Ihr heißt mich kommen, aber ich, als der Heiland der Menschen, blicke auf eure Brüder und Schwestern, die noch in der Ferne sind, die anderen Schafe, die nicht aus diesem Stalle sind, die ich auch herführen muß, und in Erwiederung an euren Ruf an mich, zu kommen, spreche ich zu diesen Verirrten und sage: „Wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Ist dies nicht die Art, wie der Sinn von seiner ersten Richtung abgeleitet?

Nun, von wem geht dieser Ruf aus?

Er kommt zuerst von Jesus. Er ist es, der spricht: „Wen dürstet, der komme.“ Die Stelle steht so, wie ich schon gesagt, daß wir nicht umhin können zu glauben, daß dieser Vers ein Wort dessen ist, der die Wurzel des Geschlechts David´s und ein heller Morgenstern ist. Er ruft aus dem Himmel zu den Unbekehrten zu: „Wen dürstet, der komme.“ Wollen sie ihm Nein sagen, der hier spricht? Soll Jesus selber sie einladen und sie doch taube Ohren haben?

Aber darnach ist es auch der Ruf des Geistes Gottes. Der Geist spricht: „Komm.“ Dieses Buch, welches er geschrieben hat, spricht auf jeder Seite zu den Menschen: „Kommt, kommt zu Jesus.“ Dies ist der Ruf des Geistes in der Predigt des Wortes. Was wollen Predigten und Reden anders sagen, als: „Komm, Sünder, komm?“ Und diese geheimen Machtwirkungen auf das gewissen, diese Zeiten wo das Herz ruhig wird, inmitten der Zerstreuung, und Nachdenken der Seele aufgezwungen wird, das sind die Regungen des Geistes Gottes, durch die er dem Menschen seine Gefahr zeigt und ihm seine Zuflucht enthüllt und so sagt: „Komm.“ Überall in der Welt, wo eine Bibel ist und ein Prediger, da spricht der Geist: „Komm.“ Und dies ist auch die Sprache der Kirche im Verein mit dem Geist, denn der Geist spricht mit der Braut und die Braut spricht durch den Geist. Die Kirche sagt beständig: „Komm.“ Dies ist in Wahrheit die Bedeutung ihrer Sonntagsversammlungen, ihres Zeugnisses auf der Kanzel, ihres Lehrens in der schule, ihrer Gebete und ihrer Ermahnungen. Überall, ihr armen verirrten Herzen, sagt die Kirche Gottes zu euch: „Komm!“ und wenn sie dies nicht thut, so handelt sie nicht als die wahre Braut Christi. Zu diesem Zwecke ist überhaupt die Kirche in der Welt; wenn dies nicht wäre, so könnte unser Herr die Stimme hinnehmen, sobald sie gläubig geworden, aber sie werden hier behalten, ein Same zu sein, der die Wahrheit lebendig in der Welt erhält und ihr täglicher, ernster Ruf an euch ist: „Kommt, kommt zu Jesus.“ „Der Geist und die Braut sprechen: Komm.“

Der Nächste, der die Einladung ergehen läßt, ist, „wer da höret.“ Wenn ihr ein Ohr zum Hören und das Evangelium zu eurer eignen Seligkeit vernommen habt, so ist das Nächste, was ihr zu thun habt, Denen um euch her zu sagen „Kommt.“ Geht und sprecht zu irgend Einem, der euch begegnet, zu Jedem, der euch begegnet, wie euch Veranlassung und Gelegenheit gegeben wird und sagt, was die ganze Kirche sagt, und was der Geist sagt – nämlich: „Komm.“ Gebt eures Meisters Einladung, breitet das Zeugniß aus von seinem Liebeswillen und heißt die armen Sünder zu Jesu kommen. Eure Kinder und eure Dienstboten, - heißt sie kommen; eure Nachbarn und Freunde, - heißt sie kommen; die Fremden und die weit Entfernten – heißt sie kommen; die Hure und den Dieb, - heißt diese kommen; die, welche an den Landstraßen und Zäunen sind, die, welche fern von Gott durch ihre verabscheuenswerthen Werke sind – sagt allen diesen: „Kommt.“ Weil ihr die Botschaft gehört und die Wahrheit erprobt, geht und ruft Andere hinein zu dem Fest der Liebe. O, wenn es mehr von diesen einzelnen Verkündern gäbe, welche Segnungen würden auf London herabkommen! Ich weiß nicht, wie viel Gläubige jetzt in diesem Hause sind, aber ich weiß, daß unserer Fünftausend in Kirchengemeinschaft verbunden sind in diesem Tabernakel; und wenn alle diese Fünftausend nur beginnen wollten, mit all´ ihrer Kraft von Christo zu zeugen, so würde in diesem Einem Hause Salz genug sein, ganz London zu würzen, wenn Gottes Segen auf unseren Bemühungen ruhte. Meine Brüder und Schwestern, laßt uns nicht träge sein, mit denen zu reden, an welche der Geist Gottes in uns, und die Stimme Jesu von Oben und der ruf der ganzen Kirche ergeht. Laßt jedes einzelne Mitglied in den Ton der Einladung einstimmen, bis der zitternde Sünder rund umher den ermuthigenden Ruf hört: „Komm.“

Nun, beachtet den merkwürdigen ermuthigenden Charakter dieses „Komm,“ welches von dem Geist und der Braut gesprochen wird. Ein Theil desselben ist an die Durstigen gerichtet: „Wen da dürstet, der komme.“ Unter dem Durst ist das Bedürfniß verstanden und ein Wunsch nach seiner Befriedigung. Fühlst du dich schuldig und wünschest du Vergebung? - Du bist ein Dürstender. Bist du bekümmert und mit Unruhe erfüllt, und sehnst du dich nach Frieden im Herzen? - Du bist ein Dürstender. Ist da ein Etwas, du weißt vielleicht nicht, was es ist, wonach du seufzest, weinest und schmachtest? - Du bist ein Dürstender und an dich ist die Einladung sehr bestimmt und deutlich gerichtet. „Wen dürstet der komme.“

Aber wie freue ich mich, daß die zweite Hälfte der Einladung nicht einmal eine scheinbare Beschränkung enthält, wie man es von diesem ersten Satze gemeint hat! Ich betrachte den hier erwähnten Durst durchaus nicht so, als wenn verlangt würde von Jemand, daß er eine Zeit des Schreckens um seiner Schuld willen durchgemacht haben müßte oder von Reue ganz überwältigt und zur Verzweiflung an der Seligkeit getrieben sei. Ich glaube, daß jeder Wunsch und jedes Sehnen unter die Bezeichnung „Durst“ fallen wird; aber da Einige sich daran gestoßen haben und wieder und wieder gesagt: „Ich fühle, ich dürste nicht genug,“ so seht, wie lieblich es im zweiten Satz ausgesprochen ist: „Wer immer will, laß ihn das Wasser des Lebens umsonst nehmen.“ (Engl. Übersetzung) Ob du durstig bist oder nicht, hast du den Willen, zu trinken? Hast du den Willen, selig zu werden? Den Willen, von der Sünde gereinigt zu werden? Den Willen, zu einer neuen Creatur in Christo Jesu gemacht zu werden? Willst du ewiges Leben haben? Dann spricht der Geist so zu dir: „Wer immer will, laß ihn das Wasser des Lebens umsonst nehmen.“

Nun, bemerkt drei weite Thüren, durch welche der größte Elephantensünder, der je die Erde unter dem Gewischt seiner Schuld beben machte, gehen kann. Hier sind die drei Thüren. „Wer immer“ - welcher Mensch wagt dann, die Unverschämtheit zu haben, zu sagen, daß er ausgeschlossen ist? Wenn du sagst, daß du nicht einbegriffen werden kannst unter dem „Wer immer,“ so frage ich dich, wie du wagen darfst, ein Wort zu verengen, daß an sich so weit, so unendlich ist. „Wer immer“ - daß muß jeder Mensch meinen, der je lebte oder je leben wird, so lange er noch hier ist und kommen will. Wohlan, dann das Wort „will.“ Da steht nicht von deinem frühern Charakter aber deinem jetzigen; nichts von Kenntniß oder Gefühl, noch irgend etwas anderem als Willen: „Wer immer will.“ Sprecht von der „angelehnten Thür!“ (In einem bekannten englischen Liede. A. d. Üb.) Dies sieht mir aus, wie ein Ausheben der ganzen Thür aus den Angeln und ein Wegtragen derselben. „Wer immer will.“ Da ist kein Hinderniß, was immer in deinem Weg. Und dann „umsonst.“ Gottes Gaben werden ohne irgend eine Erwartung oder Vergeltung oder irgend welche Aufforderungen oder Bedingungen gegeben - „Laßt ihn das Wasser des Lebens umsonst nehmen.“

Du hast nicht deine guten Gefühle oder guten Wünsche oder guten Werke zu bringen, sondern kommen, und nimm umsonst, was Gott dir um Nichts giebt. Du sollst nicht einmal Buße und Glauben bringen, um Gnade zu erlangen, sondern du sollst kommen und Buße und Glauben als Gottes Gaben und das Werk des Heiligen Geistes annehmen. Was für weite Thore der Barmherzigkeit sind dies! Wie breit der Eingang, welchen die Liebe für kommende Seelen bereitet hat! „Wer immer!“ „Will!“ „Umsonst!“

Beachtet, wie die Einladung das Werk aufzählt, das der Sünder thun soll. Zuerst wird er geheißen zu kommen. „Wer immer will, laß ihn kommen.“ Nun, zu Christo kommen, heißt einfach, die Seele soll ihm nahen, indem sie ihm vertraut. Du bist nicht aufgefordert, eine Ladung mit dir zu bringen oder für Christum zu wirken zu deiner Seligkeit, sondern gerade nur, zu ihm zu kommen. Nichts ist über die Art des Kommens gesagt, komme laufend oder kriechend, komme kühn oder schüchtern, denn wenn du nur zu Jesu kommst, will er dich nicht hinausstoßen. Ein einfaches Sich-Verlassen auf den Herrn Jesum ist das Eine Nothwendige zum ewigen Leben.

Dann ist die nächste Anweisung: das „nehmen.“ „Wer immer will, laß ihn nehmen.“ Das ist Alles. Das Wort „Nimm“ ist ein großartiges Wort, um das Evangelium darzustellen. Der Welt Evangelium ist „Bring´;“ Christi Evangelium ist „nimm.“ Das Evangelium der Natur ist: „thut;“ ändere den Buchstaben und du hast das Evangelium der Gnade: „ruh“ - und „nimm“. Da ist das Wasser, liebe Freunde, ihr habt keinen Brunnen zu graben, um es zu finden, ihr habt es nur zu nehmen. Da ist das Brod vom Himmel, ihr habt das Mehl nicht zu mahlen und das Brod nicht zu backen, ihr habt es nur zu nehmen. Da ist ein Gewand ungenähet, von oben an gewirket durch und durch; ihr habt keine Franse hinzuzuthun, ihr habt es nur zu nehmen. Der Weg zur Seligkeit kann zusammengefaßt werden in den vier Buchstaben des Wortes: „Nimm.“ Wünschest du Christum? Nimm ihn. Willst du Vergebung? Nimm sie. Hast du ein neues Herz nöthig? Nimm es. Begehrest du Frieden auf Erden? Nimm ihn. Willst du dereinst den Himmel? Nimm ihn – das ist alles. „Wer immer will, laß ihn das Wasser des Lebens umsonst nehmen.“

Und da ist ein anderes Wort, bei dem ich gerne verweile, und es kommt zweimal „laß ihn, der dürstet, kommen und wer da will, laß ihn nehmen.“ Es ist voller Gnade gesprochen: Laß ihn. Es scheint mir, als wenn der Herr Jesus Christus eine arme Seele dürstend stehen sehe an der fließenden Krystallquelle seiner Liebe, und der Teufel stände da und flüsterte ihr zu: „Du siehst den heiligen Strom, aber er fließt für Andere. Es ist, was dir Noth thut, aber du darfst es nicht haben, es ist nicht für dich.“ Horch, da ist eine Stimme von jenseits der Wolken, die laut ruft: „Laß ihn es nehmen.“ Tritt zurück, Teufel, laß den, der will, kommen! Er beugt seine Lippen nieder, um zu trinken, - er versteht es jetzt – aber da kommt auf ihn gestürzt ein Heer seiner frühern Sünden, gleich eben so vielen geflügelten Harpien, und sie schreien ihm zu: „Geh´ zurück, du darfst nicht nahen, diese Quelle ist nicht für dich; dieser reine krystallene Strom darf nicht von solchen aussätzigen Lippen, wie deine, verunreinigt werden.“ Wiederum kommt von dem Throne der Liebe dieser segensvolle Befehl: „Laß ihn kommen und laß ihn nehmen.“ Es ist, als wenn ein Mann im Gerichtssaal ist und aufgerufen wird, als Zeuge zu erscheinen. Er steht in der Menge und sein Name wird gerufen; was geschieht? Sobald er seinen Namen hört, beginnt er, sich durch den Haufen zu drängen, um seinen Platz zu erreichen. „Was wollen Sie?“ sagt der Eine. „Ich bin aufgerufen,“ erwiedert er. „Treten Sie zurück; warum drängen Sie so?“ sagt ein Anderer. „Der Richter hat mich gerufen,“ sagt er. Ein dicker Polizeidiener fragt: „Warum machen Sie solche Verwirrung im Saale?“ „Aber,“ sagt der Mann, „ich bin gerufen. Mein Name wart ausgerufen und ich muß kommen.“ Wenn er nicht kommen kann, wenn es unmöglich für ihn ist, durch die Menge zu kommen, so ruft einer von der Behörde aus: „Macht Raum für den Mann, er ist vorgeladen vom Gericht. Beamte, macht Bahn und laßt ihn kommen.“ Nun, der Herr Jesus ruft den Dürstenden und spricht: „Wer immer will, laß ihn kommen!“ Macht Raum, Sünden, macht Raum, Befürchtungen, macht Raum, ihr Teufel, macht Alle Raum, denn Jesus Christus, der große König und Richter Aller, hat gesagt: „Laßt ihn kommen!“ Wer will hindern, wenn Jesus erlaubt? Wer göttlich berufen ist, wird sicher zu Jesus kommen. Kommen wird er, wer auch in seinem Wege steht. Heute Morgen fühle ich, als wenn ich wieder auf´s Neue zu Jesu kommen könnte und ich will dies thun. Fühlt ich nicht dasselbe, meine geliebten Brüder? Wohlan, liebe Brüder und Schwestern, wenn ihr das gethan, so wendet euch und verkündet diese köstliche Einladung des Evangeliums Allen um euch her und sagt zu ihnen: „Kommt und nehmet das Wasser des Lebens umsonst.“

III.

Der dritte Punkt ist die Verbindung zwischen diesem doppelten Kommen. Ist irgend ein Zusammenhang zwischen dem Kommen Christi vom Himmel zur Erde und dem Kommen armer, sündiger Geschöpfe zu Christo und ihrem Vertrauen auf ihn?

Dieser Zusammenhang ist da, zuerst, sie sind beide in dieser Stelle gemeint, am Schlusse des Kanons der heiligen Schrift. Johannes ist im Begriff, zu schreiben auf Befehl des Herrn, daß Niemand zusetzen oder abthun soll von dem vollständigen Buch Gottes. Die Kirche sagt: „Wenn keine Propheten mehr da sind, den Willen Gottes zu verkünden, keine Apostel, um mit unfehlbarer Autorität zu schreiben, und keine Lehrer, um neue Offenbarungen mitzutheilen oder neue Verheißungen zu bringen, dann bleibt nur übrig, daß der Herr komme.“ „Dann,“ spricht sie, „Komm, Herr Jesus.“ Und hier stehen die Sünder rund umher und hören, daß kein anderes Evangelium zu erwarten ist, keine Offenbarungen mehr hinzugethan werden sollen zu denen, welche in diesem Buch stehen, es wird kein anderes Sühnopfer da sein, kein anderer Weg den Heils, deshalb ist es weise, wenn sie sogleich zu Jesu kommen. Weil das Buch im Begriff war, seine „finis“ zu erhalten, darum rufen der Geist und die Braut vereint den Sündern zu, sogleich zu kommen. Warum sollten sie länger zaudern? Kein neues Evangelium steht zu erwarten, darum laß sie sogleich kommen. Die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, kommt zu dem Abendmahl! Alles ist bereit, es ist nichts mehr zu thun oder zu offenbaren; das Ende der Zeiten ist auf uns gekommen. Das: „Es ist vollbracht!“ ist durch Erde und Himmel erklungen, deshalb

„Sei willkommen, Sünder, komm!“

Ich glaube, ich bemerke einen andern Zusammenhang, nämlich daß Die, welche in Wahrheit Christum genug leiben, und beständig zu ihm zu rufen um sein Kommen, auch sicher die Sünder lieben und auch ihnen sagen: „Komm.“ Nicht, als wenn es nicht Einige gäbe, die sehr viel vom Kommen Christi reden und doch nur wenig sorge für anderer Menschen Seelen an den Tag leben. Wohl, es ist Gerede; die Behauptung, nach der zweiten Zukunft auszusehen, ist nichts als Gerede, wenn dies nicht die Leute dahin bringt, den Menschen, die ins Verderben gehen, zuzurufen: „Kommt zu Christo.“ Wer Christum so liebt, wie er sollte, der liebt auch die Sünder; und der Mann, der Christum so ungemein liebt, daß er ganz in sich selber verloren ist, die sterbenden Millionen um sich her vergißt, und sternguckend da steht und gen Himmel schaut, in der Erwartung, eine plötzliche Herrlichkeit zu erblicken, die ihn selber hinwegrückt, versteht nicht, was er sagt; denn wenn er seinen Herrn lieb hätte, würde er anfangen, für ihn zu wirken, und zeigen, daß er des Königs Kommen erwarte, indem er sich bemühte, sein Reich auszubreiten.

Es ist auch dieser Zusammenhang da, daß ehe Christus kommt, eine gewisse Anzahl seiner Erwählten eingebracht sein muß. Er wird nicht kommen, bis eine bestimmte Zahl durch die Predigt des Wortes zum ewigen Leben gebracht ist. O, dann Brüder, ist es an uns, zu arbeiten, daß die Verirrten heimkehren möchten, denn so beschleunigen wir an unserm Theil die Zeit, wann der Geliebte unserer Seelen selber kommen wird.

Noch Eins, es giebt eine Art des Kommens Christi, welche, obgleich sie hier nicht zunächst gemeint ist, doch darin eingeschlossen ist, denn sie berührt das Innerste des Kommens der Sünder zu Christo. Brüder, wenn wir rufen: „Komm, Herr Jesus,“ und er uns antwortet, indem er uns seinen Geist völliger giebt, so daß er geistlich zu uns kommt, dann werden bußfertige Seelen sicher zu seinen Füßen gebracht werden. Wir wissen dies, daß wo immer der Herr selber in einer Versammlung ist, da werden sicherlich Herzen gebrochen und Buße thut sich kund. Wo immer Jesus Christus in seiner Macht ist, da muß eine Erweckung sein, denn todte Seelen müssen in ihm zum Leben kommen. Die große Sache die uns über Alles Noth thut, ist ein festes Ergreifen jener herrlichen Verheißung. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende,“ und so wie uns in diesem Sinne das Kommen des Herrn zu Theil wird, so werden wir Sünder kommen und das Wasser des Lebens nehmen sehen.

IV.

Wohlan nun, zuletzt, welches sind die Antworten? Wir sandten einen Ruf zum Himmel auf und sprachen: „Komm.“ Die Antwort ist: „Siehe, ich komme bald.“ Das ist im hohen Grade zufriedenstellend. Ihr mögt eine Weile zu warten haben, aber der Ruft ist gehört und wenn der Herr nicht bei eurer Lebenszeit kommen sollte, so wird dieselbe Bereitung des Herzens, die euch nach seinem Kommen ausblicken läßt, euch nützlich und segensreich sein, wenn er seinen Boten sendet, um euch durch den Tod heimzuholen. Dasselbe Warten und Wachen wird in beiden Fällen gut sein, so braucht ihr euch nicht zu ängsten, welcher von ihnen eintreten wird. Christus wird auf die Erde herabkommen, so gewiß er gen Himmel auffuhr, und wenn er kommt, so wird Sieg für die Gerechten und die Wahrhaftigen da sein, und seine Heiligen werden mit ihm regieren.

Und nun in Betreff dieses anderen Rufes: „Komm.“ Wir bitten Sünder, zu kommen. Wir haben sie mit vierfacher Stimme gebeten: Jesus, der Geist, die Braut und wer da höret, sie alle haben gesagt: „Komm.“ Werden sie kommen? Brüder und Schwestern, es ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Ihr müßt nicht mich fragen, denn ich weiß es nicht; ihr thut besser, die Leute selber zu fragen, sie sind alt genug, fragt sie. Sorgt dafür, daß ihr sie fragt, ehe sie heute Morgen aus dem Tabernakel herausgehen. Sie wissen es und deshalb können sie euch sagen, ob sie kommen wollen oder nicht. Dies will ich zu ihnen sagen: meine lieben Freunde, ich hoffe, dieser letzte Tag des Jahres möge euch ein Tag der Gnade sein. Die Juden hatten ein Fest des Einsammelns am Ende des Jahres und ich bete ernstlich, daß wir ein Einsammeln von unsterblichen Seelen zu Christo haben mögen, ehe das Jahr ganz zu Ende läuft: das würde ein herrlicher Beschluß dieses Jahres der Gnade sein und eine liebliche Ermuthigung für die Zukunft.

Aber gesetzt, ihr kommt nicht. Wohlan, ihr seid eingeladen. Wenn eine Weihnachtsfeier für die Armen bereitet ist und eine Anzahl Bettler draußen steht, frierend im Schnee und Frost und nicht herein kommen will, obgleich ernstlich gebeten, so sagen wir: „Wohl, ihr seid eingeladen worden; war wollt ihr mehr? Bedenkt auch, daß ihr sehr ernstlich eingeladen seid. Der Geist, die Braut, und wer da höret und Jesus selber – sie Alle haben zu euch gesagt: „Kommt.“ Ich bin wie der Mann, der da höret, und ich habe gesagt: „Kommt.“ Ich weiß nicht, wie ich es noch ernstlicher sagen soll, als ich gethan. O, wie würde meine Seele frohlocken, wenn ein Jeder hier in diesem Augenblick zu Christo käme! Ich würde außerhalb des Himmels keine größere Freude begehren, um dies Jahr damit zu krönen. Ihr seid eingeladen, und seid ernstlich eingeladen, was könnt ihr mehr wollen? Wenn ihr niemals kommt, so wird dieser Gedanke euch auf ewig verfolgen: „Ich ward eingeladen und wieder und wieder genöthigt, aber ich wollte nicht kommen.“

Ich möchte euch auch daran erinnern, daß ihr gerufen werdet, jetzt zu kommen. Sogleich. Euch mag nicht geheißen werden, morgen zu kommen, aus mehreren Gründen; ihr mögt vielleicht nicht am Leben sein, oder es mag kein ernstlicher Christ in eurer Nähe sein, euch einzuladen. Kann es einen besseren Tag geben, als den heutigen? Ihr habt immer gesagt: „Morgen,“ doch wie weit seid ihr nun? Nicht ein bischen weiter, eurer Einige, als ihr vor zehn Jahren wart. Erinnerst du dich an die Predigt, wo du so anfingst zu zittern und sagtest: „Mit Gottes Hülfe will ich aus diesem heraus und will sein Angesicht suchen,“ aber du schobst es auf und bist du jetzt weiter? Du erinnerst die Geschichte von dem Landmann, der nicht gerade jetzt über den Gluß gehen wollte, sonder niedersaß und sagte, er wolle warten bis alles Wasser abgelaufen sei. ER wartet lange vergeblich und hätte für immer warten können, denn Ströme fließen beständig, Du wartest auch, bis eine gelegenere Zeit kommt und alle Schwierigkeiten vorüber sind. Mach dich frei von dieser höchsten Thorheit. Schwierigkeiten werden immer sein, der Strom wird immer fließen. O Mann, sei weise, stürz´ dich hinein und schwimme hinüber. Jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils. O, daß du an Jesum Christum glauben wolltest! Möge sein Geist dich dahin führen, dies jetzt zu thun.

„Trau´ nur auf ihn! Trau´ nur auf ihn!
Trau´ nur auf ihn sogleich!
Er rettet dich! Er rettet dich!
Er rettet dich sogleich!“

Werft euch auf das Blut und Verdienst des Herrn Jesu und das große Werk ist gethan. Der Herr helfe euch, es zu thun. Amen.

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