Spurgeon, Charles Haddon - Die zwei Säulen des Heils.

„Wir glauben an Den, der unsren Herrn Jesum auferweckt hat von den Toten, welcher ist um unsrer Sünden willen dahin gegeben, und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt.“
Röm. 4,24.25.

Paulus zeigt uns in diesem Kapitel, daß zwischen dem Glauben des Gläubigen heutzutage und dem Glauben Abrahams eine merkwürdige Ähnlichkeit besteht. Abrahams Glaube ging dahin, daß er glaubte, Gott sei im stande, selbst Tote zu erwecken, und das ist genau das, was auch wir glauben. Er glaubte, daß er selbst, da er über hundert Jahre alt und sein Weib ebenfalls im Alter weit vorgeschritten war, doch so durch die Kraft Gottes erweckt werden könnte, das sie die Eltern eines Samens werden könnte, den Gott verheißen hatte, und der Tag kam, da ihnen ein Sohn geboren wurde, der seiner Eltern Herzen mit Freude erfüllte. Ihr seht, Abraham glaubte, daß Gott Tote erwecken könne, da er selbst und sein Weib aller Möglichkeit nach zu tot waren, als daß ihnen nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur noch eine Erbe geboren werden könne.

Später versuchte Gott seinen Glauben wieder. Er gebot ihm, seinen einzigen Sohn, den er lieb hatte, als ein Opfer auf dem Berge Morija zu opfern. Abraham wünschte nur zu wissen, was Gott gebot, und er war prompt im Gehorchen. Es war nicht seine Sache, zu widersprechen; ihm geziemte es, zu gehorchen, und so machte er sich zu seiner dreitägigen Reise auf, und sein vielgeliebter Sohn trug das Holz zum Opfer. Sie gingen auf die Spitze des Berges, und Abraham zückte sein Messer, daß er seinen Sohn schlachte. Seine Hand wurde zur rechten Zeit zurückgehalten, und an Isaaks Statt wurde ein Widder geopfert. Ein Grund, aus welchem Abraham diesen Beweis des Gehorsams geben konnte, war, daß er sicher wußte, Gott könne seine Verheißung halten und, falls sein Sohn sterben müsse, ihn wieder von den Toten auferwecken. Dies scheint der Punkt gewesen zu sein, zu welchem sein Glaube stets kam: daß Gott Tote auferwecken und zustandebringen könne, was Menschen Unmöglichkeiten nennen.

Nun Geliebte, es ist ein Artikel unsres christlichen Glaubens, zu glauben, daß Gott Tote auferwecken kann. Wenn wir wahre Gläubige sind, so glauben wir, daß Gott ausgeführet hat von den Toten unsren Herrn Jesum, den großen Hirten der Schafe. Wir glauben, daß Jesus wirklich starb, daß Er im Grabe Josephs von Arimathia begraben ward und daß Er am dritten Tage wieder auferstand und das Grab verließ, um nie mehr zu sterben. Dies müssen wir fest glauben als eine Thatsache, nicht als eine Erdichtung, sondern als eine Thatsache gleich andren zuverlässigen Thatsachen der Geschichte, und wir nehmen sie ohne jeden Zweifel an. Wir glauben auch, daß auch wir, obgleich wir sterben mögen, wieder leben werden, und daß, obgleich Würmer diesen Leib verzehren mögen, wir doch in diesem unsrem Fleische Gott sehen werden. Beim Schall der Posaune des Erzengels werden die Toten in Christo auferstehen und alle Toten vom Lande oder vom Meer werden sich vor dem großen weißen Thron versammeln. Gleichviel, wie weit und in wie verschiedener Weise auch die Teilchen ihrer Leiber zerstreut sein mögen – der Leib, der in Schwachheit gesäet wurde, wird auferstehen in Kraft und was als ein verweslicher Leib gesäet wurde, wird unverweslich auferstehen. Dies glauben wir ohne Wanken und unser Glaube hält auch jetzt hinsichtlich der geistlichen Dinge fest daran, daß Er, obgleich wir von Natur für die göttlichen Dinge tot sind, die Toten auferwecken kann. Wenn wir uns schwerfällig und matt fühlen, glauben wir, daß Gott uns beleben kann, und obgleich wir viele kennen, welche heute kein geistliches Leben haben, und fern von Gott sind, predigen wir ihnen dennoch das ewige Evangelium in der völligen Überzeugung, daß Gott die Toten auferwecken kann, selbst die, welche tot sind in Sünden und Übertretungen. Wir glauben dies und freuen uns dessen.

So meine ich euch gezeigt zu haben, daß der Glaube Abrahams ein schönes Beispiel ist von dem Glauben aller Gläubigen und daß er insofern der Vater aller Gläubigen ist und alle Kinder haben eine Familienähnlichkeit. In jedem Falle glauben sie an Den, welcher die Toten auferwecken kann.

Nun laßt uns zu unsrem Text kommen, den ich kürzlich mit dem innigen Wunsche behandeln möchte, daß, wenn jemand den Weg des Heils zu finden wünscht, er ihn heute abend finde. Der wahre Glaube trägt diesen Charakter: „Wir glauben an Den, der unsren Herrn Jesum auferweckt hat von den Toten, welcher ist um unsrer Sünde willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket.“

I.

Erstens, unser Glaube blickt in Sachen des Heils auf Gott den Vater. Wir blicken nicht nur auf Jesum Christum, wie manche von uns sagen; sondern „wir glauben an Den, der unsren Herrn Jesum von den Toten auferwecket hat,“ nicht auf „unsren Herrn Jesum“ allein. Wir glauben an Ihn, aber wir glauben ebenso an Gott, der unsren Herrn auferweckt hat.

Hinsichtlich dieses Punktes existiert nach zwei Seiten hin ein irriger Glaube, und man ist betrübt, diesen Irrtum in irgendwelcher Form zu sehen, weil er die Schönheit der göttlichen Wahrheit entstellt. Etliche übersehen den Vater. Sie reden von Jesu, als ob wir Ihm, und Ihm allein unser Heil zu verdanken hätten. Gelobt sei sein Name, wir verdanken Ihm unermeßlich viel. Aber Jesus thut nichts ohne den Vater, oder getrennt von Ihm, oder gegen den Willen des Vaters. Ich liebe den Ausdruck, der im ersten Buche Mose auf Abraham und seine Sohn angewandt wird, als sie auf den Berg des Opfers stiegen; es heißt: „Und gingen die beiden miteinander,“ und hinsichtlich des großen Opfers, das für der Menschen Sünden gebracht wurde, möchte ich von dem göttlichen Vater und seinem gleich göttlichen Sohne sagen: „Und gingen die beiden miteinander.“ Hinsichtlich unsrer Erlösung bestand zwischen dem Vater und dem Sohn eine verborgene Übereinstimmung und ein seliges Zusammenwirken, und der Vater erhält ebensowohl unsre Liebe und Dankbarkeit, wie der Sohn. Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins.“ In einem gewissen Sinne möchte ich sagen, daß es Gott der Vater war, der für uns litt, denn Er gab seinen geliebten Sohn, daß Er an unsrer Statt leide; Er gab den Liebling seines Herzens dahin, und in der Person seines Sohnes wurde Er unser Heiland. Es ist sowohl „Gott unser Heiland“ als „Jesus Christus unser Heiland.“ Löset in dem Werke der Erlösung nie den Vater von dem Sohne los; Jesus kam nicht in die Welt, zu sterben, um seinen Vater gnädig zu stimmen. Der Vater ist zu preisen, denn Er gab seinen Sohn dahin und auferweckte seinen Sohn von den Toten, und wir dürfen nie die Gnade vergessen, die Er in dieser Weise zu unsrem Heil geoffenbart hat. Darum laßt uns nie in den Irrtum derer verfallen, welche des Vaters Teil in unsrer Erlösung übersehen.

Es ist ein ebenso verderblicher Irrtum, wenn wir den Sohn übersehen. O, wie viele beten zu Gott und sprechen von Gottes Barmherzigkeit! Aber was haben sie mit Gott zu thun, wenn sie seinen Sohn ignorieren und verachten? Gott wird deine Gebete nicht erhören, wenn du nicht durch Jesum Christum zu Ihm kommst. Es gibt nur einen Weg zum Vater, nämlich durch seinen Sohn Jesum Christum, und du kannst dich Gott nicht nähern ohne den einen Mittler zwischen Gott und Menschen. Warum verordnete Er einen Mittler und warum vergoß dieser Mittler sein Blut, wenn ihr und ich ohne sein Versöhnungsopfer zu Gott kommen können? Nein, Geliebte, wir glauben sowohl an Jesum Christum wie an den Vater. Es ist nicht der Vater ohne den Sohn, welcher selig macht, noch der Sohn ohne den Vater, noch diese zwei ohne den göttlichen und hochgelobten Heiligen Geist. Es bedarf der ganzen Dreieinigkeit, um einen Christen zu machen, und die ganze Dreieinigkeit, die in göttlicher Einheit zusammen wirkt, muß für unser Heil gepriesen und angebetet werden.

Aber was sagt nun der Text, wenn er uns auffordert, in unsrer Errettung Gott dem Vater zu vertrauen? Nun, er sagt zunächst, daß Er seinen Sohn dahingegeben habe. Von Jesu lesen wir hier: „Welcher ist um unsrer Sünde willen dahingegeben.“ Wir wissen, wer Ihn dahingegeben hat, denn wir lesen in demselben Briefe: „Welcher auch seines eignen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat Ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte Er uns mit Ihm nicht alles schenken?“ Es war der Vater, welcher seinen Sohn dahingab, in menschliches Fleisch gekleidet zu werden, von Menschen verachtet und verworfen zu werden; es war der Vater, welcher seinen Sohn dahin gab, von dem Verräter geküßt, von den römischen Kriegsknechten grausam behandelt zu werden; es war der Vater, welcher seinen Sohn der Geißel und dann dem Kreuz und der Bitterkeit des Todes selbst hingab. Der Vater gab seinen Sohn dahin, für Sünder zu sterben. Dies war der erhabenste Beweis der Liebe des Vaters zu uns.

Und dann wird uns gesagt, daß es der Vater war, der zur Zeit Jesum von den Toten auferweckt hat. Von der Auferstehung Christi wird in der Schrift in verschiedener Weise gesprochen, aber unter andren Erklärungen wird ausdrücklich gesagt, daß sie durch die Kraft des Vaters geschah. So haben wir Ihm denn für einen lebenden, für einen auferstandenen Christus zu danken. Es war der Vater, welcher in den toten Leib das Leben wieder einhauchte und unsren Erlöser zum Leben zurückbrachte; es war der Vater, welcher den Engeln gebot, den Stein vom Grabe wegzurollen, als der Auferstehungsmorgen dämmerte.

Und beachtet, daß, wie die beiden Stücke, die Dahingabe Christi und die Auferweckung Christi von den Toten, dem Vater zugeschrieben werden, so auch die zwei Früchte, die uns daraus erwachsen, von dem Vater kommen. Die erste Frucht ist die Vergebung der Sünden: Welcher um unsrer Sünden willen dahingegeben ist.“ Die zweite Frucht ist Rechtfertigung: „Und um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket ist.“ Beides ist das Werk des Vaters; es ist der Vater, welcher vergibt, und es ist der Vater, welcher rechtfertigt. „Gott ist hier, der da gerecht macht,“ sagte Paulus, als er gleichsam von göttlicher Ekstase hingerissen wurde. So können wir denn nicht Christo, getrennt vom Vater, wahrhaft vertrauen, denn dies ist der wahre biblische Glaube: „Wir glauben an Den, der unsren Herrn Jesum auferweckt hat von den Toten, welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket.“ Nun, Seele, wenn du gerettet werden willst, so ist vor allen Dingen notwendig, daß du deine Seele den Händen Gottes, des treuen Schöpfers anvertraust, wie sie stets verbunden sind mit jenen Händen des Herrn Jesu Christi, Gott und Mensch, welcher gestorben und wieder auferstanden ist, deine Sünden wegzunehmen. Solch ein Glaube wird dich sogleich retten und wird dich auf ewig retten.

II.

Nun gehe ich einen Schritt weiter und komme zum zweiten Teil: Der Glaube, welcher die Seele rettet, hat es mit Jesu Christo als unsrem Herrn zu thun. Achte hierauf: der wahre Glaube blickt auf nichts, das unser eigen ist. Wenn er ins eigne Innere blickt, sieht er nicht, das des Habens wert ist und nichts, das wert ist, demselben zum Seligwerden zu vertrauen. Darum lehnt er sich gegen die eigne Gerechtigkeit auf, die aus dem Gesetz kommt und wünscht sie nur als schmutzige Lumpen zu betrachten. Auf Jesum blickt er jedoch als auf seinen wirklichen Schatz.

Beachtet ihr, daß das Wort „unser“ dreimal im Text vorkommt? Der wahre Glaube nimmt Jesum Christum als „unsren“ Herrn Jesum auf, nicht nur als einen Heiland, sondern als unsren Heiland, und da Er sowohl Herr als Heiland ist, anerkennen wir Ihn als unsren Herrn Jesum und nehmen Ihn, daß Er unser Herr sei. So drückt Er es selbst aus: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir,“ und dies wünschen wir zu thun. Dies ist also der wahre, aufrichtige Glaube, welcher die Seele rettet, der Glaube, welcher uns Christum als unsren Heiland und als unsren Herrn aneignet.

Und die nächste Aneignung ist, daß der wahre Glaube Christum ansieht als für „unsre“ Sünden dahingegeben: „Welcher um unsrer Sünden willen dahingegeben ist.“ Das meint „unsre Sünden.“ O, meine teuren Zuhörer, es hat wenig Nutzen, an Jesum Christum zu glauben als dahingegeben für die Sünden derer, welche in früheren Zeiten gelebt haben; wir müssen glauben, daß Er für unsre Sünden dahingegeben ist. Es wird uns nicht retten, zu glauben, daß Jesus Christus für die Sünden weit entfernter Völker gestorben ist; nein, wir müssen glauben, daß Er um unsrer Sünden willen dahingegeben worden ist. Dies ist der Glaube, welcher sagt: „Jesus Christus trug meine Sünden an seinem Leibe auf dem Holz.“ Ergreife den Heiland als deinen Sündenträger. Blicke so in diesem Augenblick zu Ihm auf, und in dem Augenblick, da du blickst, wirst du gerettet. Vertraue Ihm als deinem Heiland, und du wirst errettet von all deinen Übertretungen, denn wahrer Glaube nimmt an, daß Er „um unsrer Sünden willen dahingegeben ist.

Und dann eignet uns der wahre seligmachende Glaube Christum an als Den, der um „unsrer“ Gerechtigkeit willen auferwecket ist. Es ist eine biblische Lehre, daß wir durch den Tod Christi gerechtfertigt werden; aber wir dürfen sie nicht als eine bloße Lehre stehen lassen; ihr müßt sie durch den Glauben nehmen und sie zur Erfahrungssache machen, wie der Text sagt: „Welcher um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket ist.“ Um welcher Rechtfertigung willen? Um eurer, lieben Freunde, und meiner Rechtfertigung willen. Zuweilen gefällt mir das Wort „unsrer“ besser, als das Wort „mein“. Wenn ich ganz allein bin, bete ich zuweilen: „Mein Vater im Himmel.“ Doch ich bin dankbar dafür, daß der Herr das Mustergebet, das Er seinen Jüngern gab, so gesetzt hat: „Unser Vater;“ das meint, euer und mein und aller Vater, welche seinen teuren Namen lieben und seinem lieben Sohn vertrauen. Ja, Jesus ist um meiner Rechtfertigung willen auferweckt worden; ich preise Ihn für diese herrliche Thatsache. Jeden Morgen, wenn ich mich wasche, lese ich vor mir die Stelle: „Der mich geliebet und sich selbst für mich dargegeben hat,“ und ich danke dem Herrn dafür, daß das wahr ist; aber ich liebe auch dieses Wort „unsrer“ in unsrem Text: „Welcher um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket ist.“ Mein „unsre Gerechtigkeit“ eure Rechtfertigung sowohl als meine? Wer will mit mir in diesem doppelsitzigen Wagen dieses köstlichen Fürworts „unsrer“ fahren und sagen: „Er ist um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket!“?

So habe ich euch zwei Lehren gegeben, die erste, daß unser Glaube in unsrem Heil auf Gott den Vater blickt, und zweitens, daß unser Glaube es mit Christo als unsrem Herrn zu thun hat.

III.

Nun drittens, unser Glaube zur Seligkeit verläßt sich auf Christi Tod und Auferstehung: „Welcher um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt ist.“

Achtet denn darauf, daß ein Glaube, welcher es nur mit der historischen Erzählung von Christi Leben zu thun hat, euch nicht selig machen wird. Wenn ihr glaubt, daß es eine Person wie Jesus Christus gegeben hat; wenn ihr wirklich glaubt, daß Er Gott und Mensch war; wenn ihr alles glaubt, was die Evangelisten geschrieben haben und auch alles, was in den Briefen steht; wenn ihr das alles nur in dem Sinne glaubt, daß es historisch wahr ist – so habt ihr den seligmachenden Glauben nicht erlangt; ihr müßt darüber hinausgehen, wenn ihr den Glauben haben wollt, der in unsrem Text erwähnt ist.

Beachtet sodann, daß der Glaube an die Schönheit des Lebens Christi euch nicht retten wird. Jüngst ist eine Klasse von Ungläubigen von hervorragendem Charakter aufgestanden, welche das Leben Christi geschrieben und viel Lob über den wundervollen Charakter des Menschen Christus Jesus ausgebracht haben. Ich denke, Christo gefällt ihr Lob nicht besser als die Lästerungen derer, die vor ihnen da waren, weil, wenn Jesus von Nazareth nicht der Sohn Gottes war, Er auch in Wirklichkeit kein guter Mensch sein konnte. Sein moralischer Charakter, obgleich in manchen Beziehungen wunderbar, mußte befleckt werden durch die Tatsache, daß Er sich anbeten ließ, und da Er voraussah und als solcher Mensch voraussehen mußte, daß dies das Resultat seiner Lehre sein werde, so war Er ein großer Betrüger, wenn Er nicht wahrer Gott vom wahren Gott war.

Es gibt etliche, welche nicht wahrhaft glauben, obgleich sie Glauben an die Genauigkeit der Lehren Christi haben. „Ja,“ sagen sie; „Er ist ein wundervoller Lehrer, und was Er lehrte, ist wahr,“ aber dann glauben sie es nicht praktisch. Es ist nur die Lehre, die sie nehmen, und nicht der Gott, der Christus, welcher die Lehre gab. Sie vertrauen Gott nicht, welcher Christum von den Toten auferweckt hat. In Wirklichkeit bauen sie nicht auf die zwei Hauptgrundsteine des seligmachenden Glaubens, nämlich auf den Tod und auf die Auferstehung unsres Herrn Jesu Christi.

Ich wage auch zu sagen, daß ihr den richtigsten Glauben an Christi Gottheit haben und an Jesum als den Herrn glauben könnt; aber wenn das alles ist, was ihr glaubt, so habt ihr das Heil nicht erlangt. Der Glaube, welcher selig macht, hat sein Zentrum in Ihm, „welcher um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket ist.“ Wenn du gerettet werden willst, so richte deine Augen fest auf die Leiden des Sohnes Gottes. Du mußt Ihn sehen, wie Er der Sünde beschuldigt wird, obgleich Er ohne Sünde war. Du muß Ihn sehen, wie Er als dein Stellvertreter für dich zur Sünde gemacht ist, wie Er an deiner Stelle steht und an deiner Statt leidet. Wenn du dies sehen kannst, dann hast du dein Auge auf das gerichtet, was dich retten wird, denn da liegt deine Hoffnung. Wenn du Jesum nicht als deinen Stellvertreter haben willst, so weiß ich kein Heil für dich; aber wenn du Ihn nehmen willst, wie Gott Ihn dahingibt, nicht um deiner Gerechtigkeit, sondern um deiner Sünden willen, für dich zu tragen, was du tragen müßtest und für dich zu bezahlen, was du nie bezahlen konntest, dann hast du Christum in der rechten Weise genommen.

Aber du mußt auch an Ihn glauben als den von den Toten Auferstandenen. Er auferstand und lebt immerdar, um für uns zu beten, und nur unter diesem Gesichtspunkt bist du gerechtfertigt, gereinigt durch einen sterbenden Heiland und bekleidet durch einen auferstandenen Heiland, gewaschen von deinen Sünden durch sein teures Blut und angenommen bei dem Vater durch sein ewiges Leben, da Er von den Toten auferstand und das Gefängnis gefangen führte und Gaben für die Menschen empfing.

Siehe denn die beiden massiven Säulen, Joachin und Boas, die den Tempel unsres Heils tragen. Zwischen diesen zwei großen Wahrheiten, Christi Tod und Auferstehung für uns, liegt des Königs Hochstraße zum ewigen Leben, und einen andren Weg zur Seligkeit gibt es nicht.

IV.

So schließe ich mit dem vierten Punkt. Unser Glaube sollte es lernen, die bestimmte Beziehung jedes Werkes Christi zu seinem Zwecke zu sehen. Anfangs ist es für einen Sünder genug, daß er Christo vertraut und nicht mehr thut; aber es gereicht zu unsrem Trost und zu unsrer Erbauung, die Segnungen, die aus gewissen göttlichen Quellen fließen, unterscheiden zu lernen.

Zuerst denn, lieben Freunde, unsre Vergebung kommt von dem Tode Christi: „Welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben.“ Anders gibt es keine Vergebung der Sünden. Kürzlich hörte ich, daß selbst christliche Prediger gegen die Fundamentallehren des Wortes Gottes angehen, und daß selbst manche gewagt haben, zu sagen, daß die Stellvertretung Christi sein Leiden an unsrer Statt, nicht gerecht war, und daß Gott auch die Sünde ohne irgend welches Sühnopfer vergeben; aber wenn ersteres nicht gerecht ist, was sollen wir denn zu dem andren sagen? Wenn Gott beständig Sünde vergibt, ohne für seine moralische Herrschaft Sorge zu tragen, wenn es keine Rechtfertigung seiner Gerechtigkeit gibt, wie kann der Richter der ganzen Erde recht thun? Verlaßt euch darauf, was auch die moderne Philosophie sagen mag: „Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung der Sünden,“ d.h. Ohne ein Sühnopfer und ein Sühnopfer, welches in der Hingabe eines Lebens von unendlichem Wert besteht, gibt es kein Umgehen der menschlichen Übertretung.

Aber wie geht es zu, daß der Tod des Herrn Jesu Christi für die Vergebung der Sünde ausreicht? Ich antworte zunächst, daß es zum Teil an der Majestät seiner Person liegt. Da Er als Gott unsre Natur an sich nahm und so Gott und Mensch ward, hatte Er eine unbeschreibliche Majestät, und sein Tod war eine größere Verherrlichung der ernsten Gerechtigkeit Gottes, als wenn die ganze Menge rebellischer Menschen in die Hölle geworfen worden wäre. In dem ans Kreuz genagelten Christus war eine solche Rechtfertigung der göttlichen Gerechtigkeit, daß es nicht denkbar ist, daß etwas andres jemals die Grundlage der Moral und Gerechtigkeit so festigen konnte. O, Christus ist unendlich viel besser, als wir alle zusammengenommen! Als der Sohn Gottes und als Gott der Sohn ist Er größer als alle Menschen durch alle Zeiten und größer, als alle heiligen Engel dazu, und wenn Er leiden und sterben mußte, wenn die Sünde Ihm zugerechnet wurde, die wirklich nicht sein eigen war, dann ist Gott wahrlich gerecht, wenn Er Rache nimmt an seinem eingebornen Sohn, indem derselbe an der Sünder Statt dasteht.

Der nächste Grund, aus welchem Christi Tod für uns so wirksam war, findet sich in der Freiwilligkeit seiner Übergabe. Als Gott war Er nicht verpflichtet, unter das Gesetz zu kommen. Ich könnte kein Sühnopfer für euch bringen, weil, was ich auch für Gott thun könnte, ich Ihm alles schulde. Aber unser Herr schuldete dem Gesetz Gottes nichts, und darum war alles, was Er that, gleichsam ein Überfluß, welchen Er den schuldigen Menschen zurechnete, deren Stellvertreter Er wurde.

Die Vortrefflichkeit seines Sühnopfers lag auch in der absoluten Vollkommenheit seines Charakters. Er war das Lamm Gottes, ohne Fleck und Tadel. Sein Charakter berechtigte Ihn, zu sagen, daß Er nicht für sich leide, als Er kam, um zu leiden. Er legte sein Leben dar, aber nicht für sich, sondern für die Schuldigen.

Aber ich finde dann, daß wir durch seine Auferstehung gerechtfertigt sind: „Welcher um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket ist.“ Was meint das?

Zuweilen sage ich euch, daß Jesus Christus als eine Geisel für uns in das Gefängnis des Grabes gelegt ward. Er hatte unsre Schuld bezahlt, aber Er mußte im Grabe warten, bis das Certifikat, daß unsre Schuld bezahlt worden, im Himmel unterzeichnet worden sei. Nachdem dies geschehen und Er drei Tage und Nächte – wenn auch nur kurze Teile derselben – geharrt hatte, eilten die leuchtenden Boten vom Himmel herab und brachten den Bescheid, daß der Bürge freigelassen werden müsse, weil die Schuld voll und ganz bezahlt sei. Dann wurde der Stein weggewälzt, und als der Engel das gethan hatte, was that er da? Er setzte sich darauf. Es scheint mir immer, daß, als der Engel sich da setzte, er zu sagen schien: „Nun, Tod und Hölle, wälzet den Stein wieder zurück, wenn ihr könnt;“ aber sie konnten nicht. Die Hüter flohen davon, und Jesus Christus selbst kam zu einem neuen Leben heraus, und nun sind der Sünder und sein Stellvertreter gereinigt, denn Er hat alles bezahlt, das die unendliche Gerechtigkeit fordern konnte und hat eine vollgültige Quittung erlangt. So kommt Er hervor aus der Haft, durch seines Vaters Hand von den Toten auferweckt. Diese Auferstehung ist eure Rechtfertigung.

Nun blickt auf eine Minute in einer andren Weise auf diese Sache. Nehmt an, daß Jesus Christus nie auferstanden wäre und ich euch zu sagen hätte, daß Er ein vollständiges Sühnopfer gebracht und für unsre Sünden gestorben wäre, aber daß Er noch tot in jenem Grabe wäre; wenn ihr auch die Botschaft glaubtet, so würdet ihr doch stets beunruhigt werden. Ihr könntet kein Vertrauen zu einem toten Christus fühlen; ihr würdet sagen: „Er sieht die Verwesung, aber der wahre Christus sollte die Verwesung nicht sehen. Er ist tot, und was kann ein toter Christus für uns thun?“ Geliebte, der sterbende Christus hat unsre Rechtfertigung für uns erkauft; aber der auferstandene Christus wird darauf sehen, daß sie uns werde. Der auferstandene Christus ist gekommen, sie uns zu bringen, und hier ist unsre Ruhe.

O, daß ihr euch alle auf das vollendete Werk Jesu am Kreuz verlassen möchtet, das euch durch seine Auferstehung von den Toten in seiner ganzen Herrlichkeit dargestellt wird! Stellt die beiden Teile unsres Textes zusammen: „Welcher um unsrer Sünde willen dahingegeben,“ „und um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket ist.“ Ihr habt beide nötig; vertraut beiden; vertraut dem Heiland, welcher am Kreuze starb, und vertraut dem Christus, welcher wieder auferstand und nun der lebendige Christus ist; vertraut dem Christus, welcher sich dem Johannes auf Patmos offenbarte: „Ich bin der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich lebe von Ewigkeit zu Ewigkeit, und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.“ Herr Jesus, als solchem vertrauen wir Dir, als solchem vertrauen wir Dir jetzt, und wir sind gerettet!

„Jauchzet Gott in allen Landen!
Jauchze, du erlöste Schar!
Denn der Herr ist auferstanden,
Der für uns getötet war.
Jesus hat durch seine Macht
Das Erlösungs-Werk vollbracht,
Das Er ganz auf sich genommen,
Da Er in das Fleisch gekommen.

Sünde, was kannst du noch schaden?
Mir erweckst du keine Not;
Alle Schuld, die mich beladen,
Ist bezahlt durch Christi Tod.
Das Gesetz hat Er erfüllt,
Für mich Fluch und Zorn gestillt
Und mir durch sein Wiederleben
Die Gerechtigkeit gegeben.“

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