Spurgeon, Charles Haddon - Weihe für Gott — vorgebildet durch Abrahams Beschneidung.

„Als nun Abraham neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der Herr, und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm. Und ich will meinen Bund zwischen mir und dir machen; und ich will dich fast sehr mehren.„
1 Mose 17, 1. 2.

Wir begannen unsre Auslegung von Abrahams Leben mit seiner Berufung, als er aus Ur in Chaldäa geführt und für den Herrn in Kanaan ausgesondert ward. Wir gingen dann weiter zu seiner Rechtfertigung, als er Gott glaubte, und ihm das zur Gerechtigkeit gerechnet ward; und nun werdet ihr Nachsicht mit mir haben, wenn wir denselben Gegenstand noch eine Stufe weiter verfolgen und es versuchen, die vollere Entwickelung der lebendigen Gottseligkeit Abrahams in der offenen und klaren Darlegung seiner Weihe für Gott zu beschreiben. In dem uns vorliegenden Kapitel sehen wir, wie er dem Herrn geheiligt, zu seinem Dienste ordiniert und als ein für den Gebrauch des Meisters geeignetes Gefäß gereinigt wird. Alle Berufenen werden gerechtfertigt, und alle Gerechtfertigten werden durch ein Werk des Heiligen Geistes geheiligt, und tüchtig gemacht, hernach mit Christo verherrlicht zu werden.

Laßt mich euch an die Ordnung erinnern, in der diese Segnungen kommen. Von Heiligung oder Weihe sollten wir nicht sprechen, wie wenn sie das Erste wäre, sondern wie von einer Höhe, die nur durch die vorhergehenden Staffeln zu erreichen ist. Vergeblich behaupten Menschen, Gott geweiht zu sein, ehe sie von Gottes Geist berufen sind; solche haben noch erst zu lernen, daß keine Kraft der Natur hinreichen kann, dem Herrn in rechter Weise zu dienen. Sie müssen lernen, was es bedeutet: „Ihr müsset von neuem geboren werden,“ denn, gewiß, ehe die Menschen durch die wirksame Berufung des Heiligen Geistes zum geistlichen Leben gebracht sind, kann man all ihr Reden vom Dienste Gottes mit den Worten Josuas beantworten: „Ihr könnet dem Herrn nicht dienen.„ Ich spreche von Weihe, aber nicht, als wenn sie das Erste oder auch nur das Zweite wäre, der Mensch muß gerechtfertigt sein durch den Glauben, der in Christo Jesu ist, sonst kann er nicht die Gnade besitzen, welche die Wurzel aller wahren Heiligkeit ist; denn die Heiligkeit erwächst aus dem Glauben an Jesum Christum. Gedenkt daran, Heiligkeit ist eine Blume, nicht eine Wurzel; es ist nicht die Heiligung, welche errettet, sondern die Errettung, welche heiligt. Ein Mensch wird nicht durch seine Heiligkeit errettet, aber er wird heilig, weil er schon errettet ist. Weil er gerechtfertigt ist durch den Glauben und Friede mit Gott hat, wandelt er nicht mehr nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste, und in der Kraft des Segens, den er durch Gnade empfangen hat, widmet er sich dem Dienste seines gnädigen Gottes. Beachtet also die richtige Ordnung der himmlischen Gaben, die Weihe folgt der Berufung und der Rechtfertigung.

Indem ich eure Gedanken auf Abrahams Geschichte zurücklenke, laßt mich euch daran erinnern, daß dreizehn Jahre verflossen waren seit der Zeit, wo Gott gesagt hatte, daß sein Glaube ihm zur Gerechtigkeit gerechnet sei, und diese dreizehn Jahre waren, so weit wir aus der Schrift entnehmen können, durchaus nicht so voll von kühnem Glauben und edlen Thaten, wie wir es hätten erwarten mögen. Wie gewiß ist jene Wahrheit, daß die besten Menschen im besten Falle nur Menschen sind, denn derselbe Mann, der Gottes Verheißung angenommen und nicht durch Unglauben daran gezweifelt hatte, bekam wenige Monate oder vielleicht wenige Tage nachher einen Anfall von Unglauben, und brauchte auf Anstiften seines Weibes Mittel, die nicht zu rechtfertigen waren, um den verheißenen Erben zu erlangen. Er nahm seine Zuflucht zu Mitteln, die für ihn nicht so lasterhaft gewesen sein mögen, als sie es für Männer neuerer Zeit wären, die aber doch durch ungläubige Klugheit eingegeben und voll von Übel waren. Er nahm Hagar zum Weibe. Er konnte es nicht Gott überlassen, ihm den verheißenen Samen zu geben; er konnte es nicht Gott überlassen, seine Verheißung zu seiner Zeit zu erfüllen, sondern hielt es für angemessen, sich vom schmalen Pfad des Glaubens abzuwenden, um durch zweifelhafte Methoden das auszuführen, was Gott selber verheißen und auszuführen unternommen hatte.

Wie alles Glanzes beraubt steht Abraham da, wenn wir von ihm lesen: „Abraham gehorchte der Stimme Sarais!“ Diese Sache mit Hagar gereicht dem Patriarchen zum großen Mißkredit und macht ihm und seinem Glauben durchaus keine Ehre. Seht auf die Folgen seines ungläubigen Verfahrens. Elend folgte rasch. Hagar verachtet ihre Herrin; Sarai wirft alle Schuld auf ihren Mann; die arme Magd wird so hart behandelt, daß sie flieht. Wieviel wirkliche Grausamkeit unter dem Ausdruck „hart behandeln„ (engl. Üb.) zu verstehen ist, kann ich nicht sagen, aber man staunt, daß ein Mann wie Abraham es gestattete, daß eine, die in ein solches Verhältnis zu ihm gebracht war, rücksichtslos aus dem Hanse gejagt wurde, während sie in einem Zustande war, der Sorge und Freundlichkeit erheischte. Wir bewundern die Wahrhaftigkeit des Heiligen Geistes, daß es Ihm gefallen hat, die Fehler der Heiligen zu berichten, ohne sie zu beschönigen. Die Lebensbeschreibungen der Frommen sind in der Schrift mit strengster Lauterkeit geschrieben, ihr Böses wird ebensowohl berichtet, wie ihr Gutes. Diese Fehler sind nicht geschrieben, damit wir sagen möchten: „Abraham that dies und das, deshalb dürfen wir es thun.“ Nein, Brüder, das Leben dieser frommen Männer ist ebensowohl eine Warnung für uns wie ein Beispiel, und wir müssen sie beurteilen, wie wir uns selbst beurteilen sollten, nach den Gesetzen voll Recht und Unrecht. Abraham that Unrecht, sowohl darin, daß er Hagar zum Weibe nahm, als darin, daß er gestattete, daß sie schlecht behandelt ward.

In späteren Jahren spottete das Kind der Magd über das Kind der Freien, und die Austreibung beider, Mutter und Kind, war notwendig. Es war tiefer Schmerz in Abrahams Herzen, unaussprechlich tiefer Schmerz. Vielweiberei, obgleich unter dem alten Bunde geduldet, wurde nie gebilligt; sie wurde nur ertragen um der Herzenshärtigkeit der Menschen willen. Sie ist böse, nur böse, und das beständig. In Familienverhältnissen kann für die Menschenkinder keine reichere und fruchtbarere Quelle des Elends eröffnet werden, als Mangel an Keuschheit in dem mit einem Weibe geschlossenen Ehebunde, verberge man diese Unkeuschheit, unter welchem Namen man wolle. Alle diese dreizehn Jahre lang hatte Abraham, so weit die Schrift uns Kunde gibt, keinen einzigen Besuch von seinem Gott. Wir finden keinen Bericht davon, daß er irgend etwas Denkwürdiges gethan oder auch nur eine Unterredung mit dem Höchsten gehabt habe. Lernt hieraus, daß wir, wenn wir einmal die Spur des einfachen Glaubens verlassen, einmal aufhören, nach der Reinheit zu wandeln, welche der Glaube verlangt, unsren Pfad mit Dornen bestreuen, Gott veranlassen, uns das Licht seines Antlitzes zu entziehen und unsre Herzen mit viel Schmerzen durchbohren.

Aber beachtet, Geliebte, die außerordentliche Gnade Gottes. Das Mittel, ihn von seinem Rückfall wieder zurecht zu bringen, war eine Erscheinung des Herrn, deshalb lesen wir in unsrem Text, daß Abraham, als er neunundneunzig Jahre alt war, mit einer neuen Offenbarung des Höchsten begnadigt ward. Dies erinnert mich an die Worte in der Offb. Joh. über die Gemeinde zu Laodicea: „Du bist weder kalt noch warm: Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch wann, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde„ — eine sehr ernste Erklärung, aber was folgt? „Siehe, ich stehe vor der Thür, und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Thür aufthun, zu dem werde ich eingehen, und das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir,“ was eben dieses bedeutet, daß es kein Mittel zur Wiederherstellung aus dem schrecklichen Zustande der Schlaffheit und Lauheit gibt, als das Kommen Jesu Christi zu der Seele in naher und vertraulicher Gemeinschaft. Wahrlich, es war so bei Abraham. Der Herr wollte ihn aus seinem Zustand des Mißtrauens und der Entfernung von Ihm in einen von hoher Würde und Heiligkeit bringen, und Er that dies, indem Er sich ihm offenbarte, denn Er redete mit Abraham.

„In dunkler Nacht, seh' ich den Herrn,
So bricht der Tag mir an;
Er ist der Seele Morgenstern,
Der Sonne Aufgang mir.„

Seufzt ein Gebet hinauf, meine Brüder und Schwestern: „Herr, offenbare Dich meiner armen, rückfälligen, matten Seele, Belebe mich, o Herr, denn ein Lächeln von Dir kann meine Wüste blühend machen wie die Rose.“

Bei dieser gnadenvollen Offenbarung gefiel es Gott, für Abraham das zu thun, was, meine ich, für uns ein bewundernswertes und lehrreiches Bild ist von der völligen Weihe unsrer erlösten Seele zu seinem Dienste. Ich werde heute morgen mit Gottes Hilfe euch zuerst dahin führen, das Muster des geweihten Lebens zu betrachten; zweitens, die Natur des höheren Lebens; und drittens, seine Resultate.

I.

Zuerst also, laßt uns in den Worten Gottes an Abraham das Muster des geheiligten oder geweihten Lebens betrachten. Hier ist es: „Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei vollkommen.„ (Engl. Üb.) Wenn ein Mensch völlig für des Meisters Dienst geheiligt werden soll, so muß er zuerst die Allmacht, Allgenugsamkeit und Herrlichkeit Gottes in ihrer ganzen Stärke empfinden. Brüder, der Gott, dem wir dienen, erfüllet alles und hat alle Gewalt und alle Reichtümer. Wenn wir klein von Ihm denken, so werden wir Ihm wenig Vertrauen darbringen, und folglich wenig Gehorsam, aber wenn wir große Begriffe von der Herrlichkeit Gottes haben, so werden wir lernen, Ihm gründlich zu vertrauen, so werden wir reiche Gnaden von Ihm empfangen und Ihm mit großer Beständigkeit dienen. Die Sünde hat sehr oft ihren tiefsten Ursprung in niedrigen Gedanken von Gott. Nehmt Abrahams Sünde; er konnte nicht einsehen, wie Gott ihn zum Vater vieler Völker machen könnte, wenn Sarai alt und unfruchtbar war. Daher sein Irrtum mit Hagar. Aber wäre er dessen eingedenk gewesen, was Gott ihm jetzt in Erinnerung bringt, daß Gott El Shaddai, der Allgenugsame ist, so würde er gesagt haben: „Nein, ich will Sarai treu bleiben, denn Gott kann seine Zwecke ausführen, ohne daß ich krumme Wege einschlage, um sie zu erfüllen. Er ist allgenugsam in sich selbst und nicht von der Kraft des Geschöpfes abhängig. Ich will geduldig hoffen und ruhig warten, bis ich die Erfüllung der Verheißungen des Herrn sehe.“ Nun, wie mit Abraham, so mit euch, meine Brüder und Schwestern. Wenn ein Mann Schwierigkeiten im Geschäft hat und glaubt, daß Gott allgenugsam ist, ihm über dieselben hinweg zu helfen, so wird er keinen von den gewöhnlichen Handelskniffen brauchen und nicht zu der Verschmitztheit herabsinken, die so häufig unter Kaufleuten sich findet. Wenn ein Mann, der arm ist, glaubt, daß Gott ein genügsames Teil für ihn ist, so wird er die Reichen nicht beneiden und mit seiner Lage nicht unzufrieden werden. Der Mann, der fühlt, daß Gott ein allgenugsames Teil für seine Seele ist, wird nicht Vergnügen in den Bestrebungen der Eitelkeit finden, er wird nicht der leichtsinnigen Menge zu ihrer eitlen Lust folgen. „Nein,„ sagt er, „Gott ist mir erschienen als ein Gott, der allgenugsam für meinen Trost und meine Freude ist. Ich bin zufrieden, so lange Gott mein ist. Mögen andre aus löchrichten Brunnen trinken, wenn sie wollen, ich wohne bei der überströmenden Quelle und bin vollkommen zufrieden.“ O Geliebte, was für herrliche Namen führt unser Herr und mit welchem Recht! Bei welchem seiner Namen ihr auch einen Augenblick verweilt, was für eine Tiefe von Reichtum und Bedeutung erschließt er euch! Hier ist der Name „El Shaddai;“ „El,„ das heißt der „Starke,“ denn unendliche Macht wohnt in Jehovah. Wie schnell können wir, die wir schwach sind, mächtig werden, wenn wir von Ihm nehmen! Und dann „Shaddai,„ das heißt „der Unwandelbare, der Unbesiegbare.“ Was für einen Gott haben wir also, der keine Veränderung kennt, nicht den Schatten eines Wechsels, gegen den niemand stehen kann! „El„ stark; „Shaddai,“ unveränderlich in seiner Stärke; daher immer stark, zu jeder Zeit der Not bereit, sein Volk zu verteidigen, und im stande, es vor all seinen Feinden zu bewahren. Komm, Christ, mit einem solchen Gott wie diesen, warum brauchst du dich zu erniedrigen, um das gute Wort des Gottlosen zu gewinnen? Warum schwärmst du umher, irdische Freuden zu finden, wo die Rosen stets mit Dornen gemengt sind? Warum brauchst du deine Zuversicht auf Gold und Silber zu sehen oder auf die Stärke deines Körpers, oder auf irgend etwas unter dem Monde? Du hast El Shaddai, der dein ist. Deine Kraft zur Heiligkeit wird zum großen Teil davon abhängen, daß du mit aller Energie deines Glaubens die ermutigende Wahrheit ergreifst, daß dieser Gott dein Gott auf ewig ist, dein tägliches Teil, dein allgenugsamer Trost. Du darfst nicht, kannst nicht, willst nicht auf die Wege der Sünde dich verirren, wenn du weißt, daß solch ein Gott dein Hirte und dein Führer ist.

Wenn wir weiter dies Bild des geweihten Lebens verfolgen, so sehen wir als die nächsten Worte: „wandle vor mir.„ Dies ist dasjenige Leben, welches wahre Heiligkeit kennzeichnet; es ist ein Wandeln vor Gott! Ah! Brüder, Abraham hatte vor Sarai gewandelt; er hatte ungebührliche Rücksicht auf ihre Ansichten und Wünsche genommen; er hatte auch vor seinen eignen Augen und den Neigungen seines eignen Herzens gewandelt, als er sich mit Hagar verband; aber jetzt rügt ihn der Herr sanft mit der Ermahnung: „Wandle vor mir.“ Es ist bemerkenswert, daß bei der früheren göttlichen Erscheinung (die wir letzten Sonntag auszulegen versuchten) des Herrn Wort war: „Fürchte dich nicht.„ Er war damals noch, sozusagen, ein Kind in geistlichen Dingen, und der Herr gab ihm Trost, denn er hatte ihn nötig. Er ist jetzt zum Manne erwachsen, und die Ermahnung ist praktisch und voll Energie: „wandle.“ Der christliche Mann soll die Kraft und Gnade, welche er empfangen hat, brauchen und anwenden. Der Kern der Ermahnung liegt in den letzten Worten: „Wandle vor mir,„ worunter ich ein beständiges Gefühl der Gegenwart Gottes verstehe, oder ein Thun des Rechten und eine Scheu vor dem Unrechten aus Ehrfurcht vor dem Willen Gottes; eine Rücksichtnahme auf Gott in allen öffentlichen wie Privathandlungen. Brüder, ich bedaure es tief, wenn ich christliche Männer, sogar in religiösen Gesellschaften, bei ihren Berechnungen den größten Posten in der ganzen Berechnung auslassen sehe — nämlich das göttliche Element, die göttliche Macht und Treue. Von den meisten Menschen kann ich, ohne tadelsüchtig zu sein, sagen, daß, wenn es keinen Gott gäbe, ihre Handlungsweise nicht anders sein würde, als sie jetzt ist, denn sie werden weder zurückgehalten noch angetrieben durch ein Gefühl der göttlichen Gegenwart. „Es ist von Grund meines Herzens von der Gottlosen Wesen gesprochen, daß keine Gottesfurcht bei ihnen ist.“ Aber dies ist das Kennzeichen des wahrhaft geheiligten Gottesmenschen, daß er an jedem Orte lebt, als wenn er im Audienzzimmer der göttlichen Majestät stände; er handelt in dem Bewußtsein, daß das Auge, welches nimmer schläft, stets auf ihn geheftet ist. Seines Herzens Wunsch ist, niemals aus Rücksicht auf weltliche Größe Unrecht zu thun, und niemals das Rechte zu vergessen, weil er in böser Gesellschaft ist, sondern stets daran zu gedenken, daß er, da Gott überall ist, beständig in einer Gesellschaft sich befindet, wo es unverschämte Empörung sein würde, zu sündigen. Der Heilige fühlt, daß er nicht übertreten muß und darf, weil er immer vor dem Angesichte Gottes ist. Das ist das Bild eines geheiligten Charakters, der Mensch hat ein tiefes Gefühl von dem, was der Herr ist, und handelt wie in der unmittelbaren Gegenwart eines heiligen und eifrigen Gottes.

Die nächsten Worte sind: „und sei vollkommen.„ Brüder, ist hiermit absolute Vollkommenheit gemeint? Ich will nicht den Glauben einiger bestreiten, daß wir absolut vollkommen auf Erden sein mögen. Willig gebe ich zu, daß das Vorbild der Heiligung Vollkommenheit ist. Es wäre mit Gottes Wesen nicht übereinstimmend, wenn Er uns etwas andres, als ein vollkommenes Gebot und einen vollkommenen Maßstab gäbe. Kein Gesetz als das absoluter Vollkommenheit konnte von einem vollkommenen Gut kommen; uns ein Muster aufstellen, das nicht absolut vollkommen wäre, hieße, uns überreichliche Unvollkommenheiten sichern und uns eine Entschuldigung dafür geben. Gott gibt seinen Knechten keine Regel von dieser Art: „Seid so gut, als ihr könnt,“ sondern diese: „Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.„ Hat je ein Mensch dieses erreicht? Gewiß, wir haben es nicht, aber dennoch strebt jeder Christ danach. Ich wollte viel lieber, mein Kind hätte eine vollkommene Vorschrift, obwohl es ihr nie gleich schreiben mag, als daß es eine unvollkommene vor sich hätte, denn dann würde es überhaupt nie eine gute Hand schreiben lernen. Unser himmlischer Vater hat uns das vollkommene Bild Christi als unser Beispiel gegeben, sein vollkommenes Gesetz zu unsrer Regel, und es ist an uns, in der Kraft des Heiligen Geistes nach dieser Vollkommenheit zu streben, und wie Abraham auf unser Angesicht zu fallen in Scham und Verwirrung, wenn wir uns erinnern, wie weit wir dahinter zurückgeblieben sind. Vollkommenheit ist das, was wir wünschen, wonach wir schmachten und was wir zuletzt erhalten sollen. Wir wollen nicht das Gesetz zu unsrer Schwachheit herabgestimmt haben. Gelobt sei Gott, wir haben Freude an der Vollkommenheit dieses Gesetzes. Wir sagen mit Paulus: „Das Gesetz ist heilig, recht und gut, aber ich bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.“ Der Wille Gottes ist das, mit dem wir in Übereinstimmung sein möchten; und wenn wir nur einen Wunsch hätten, und dieser uns sofort gewährt werden könnte, so sollte es dieser sein, daß Gott uns fertig mache in allem guten Werk, zu thun seinen Willen, und in uns zu schaffen, was vor Ihm gefällig ist. Indes, das Wort „vollkommen,„ wie ich schon gesagt, hat gewöhnlich die Bedeutung von „aufrecht“ oder „aufrichtig„ — „wandle vor mir und sei aufrichtig.“ Keine Doppelzüngigkeit darf bei dem Christen sein, keine Betrügereien gegen Gott und Menschen: keine heuchlerischen Bekenntnisse oder falschen Grundsätze. Er muß so durchsichtig wie Glas sein; ein Mann, in dem kein Falsch ist, ein Mann, der Betrug in jeder Form von sich geworfen hat, der ihn haßt und verabscheut, und vor Gott wandelt, ein Mann, der alles mit Aufrichtigkeit ansieht und ernstlich wünscht, in allen Dingen, großen und kleinen, gewissenhaft wie vor dem Angesicht des Höchsten zu handeln.

Brüder, hier ist das Muster des geweihten Lebens. Sehnt ihr euch nicht, es zu erreichen? Ich bin gewiß, jede Seele, in der Gottes Gnade wirksam ist, wird es thun. Aber wenn eure Empfindung dabei dieselbe ist, wie die meine, so wird es gerade die Abrahams in dem Text sein: „Da fiel Abraham auf sein Angesicht.„ Nein, o, wie wenig haben wir dies noch erreicht! Wir haben nicht immer an Gott als allgenugsam gedacht; wir sind ungläubig gewesen. Wir haben hier an Ihm gezweifelt und dort an Ihm gezweifelt. Wir sind nicht in dieser Welt zu Werk gegangen, als wenn wir die Verheißung glaubten: „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.“ Wir sind es nicht zufrieden gewesen, zu leiden oder arm zu sein; wir haben uns nicht daran genügen lassen, seinen Willen zu thun, ohne Fragen zu stellen. Uns hätte oft der Verweis treffen können: „Ist denn die Hand des Herrn verkürzt? Ist sein Arm zu kurz geworden? Sind seine Ohren dick geworden, daß Er nicht hören kann?„ Brüder, wir haben nicht immer vor dem Herrn gewandelt. Wenn einer für die übrigen sprechen darf, wir fühlen nicht immer die Gegenwart Gottes als eine Schranke für uns. Es sind vielleicht zornige Worte bei Tische; es ist Unrechtthun im Geschäft; es ist Sorglosigkeit, Weltlichkeit, Stolz, und ich weiß nicht, was noch für Böses mehr, was die Arbeit des Tages verunstaltet hat; und wenn wir abends zu Hause kommen, haben wir zu bekennen: „Ich bin irre gegangen wie ein verlornes Schaf, ich habe meines Hirten Gegenwart vergessen. Ich habe nicht immer gesprochen und gehandelt, als wenn ich fühlte, daß Du beständig auf mich blicktest.“ So ist es geschehen, daß wir nicht vollkommen gewesen sind. Ich fühle mich geneigt zu lachen, nicht mit dem Lachen Abrahams, sondern mit dem des gründlichen Spottes, wenn ich Leute davon reden höre, daß sie absolut vollkommen seien. Sie müssen von ganz andrem Fleisch und Blut sein, wie wir, oder vielmehr, sie müssen große Thoren sein, voller Dünkel und gänzlich ohne Selbstkenntnis; denn wenn sie nur eine einzige Handlung ansähen, so würden sie Flecken darin finden; und wenn sie nur einen einzigen Tag prüften, so würden sie etwas bemerken, worin sie zu kurz kamen, falls nichts da war, worin sie übertraten. Ihr seht euer Vorbild, Brüder, studiert es in dem Leben Christi, und dann jaget ihm nach mit dem Eifer des Apostels, der da sprach: „Nicht, daß ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich voll Christo Jesu ergriffen bin.„ Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, daß ich es ergriffen habe. Eins aber sage ich: „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu.“

II.

Zweitens, die Natur dieser Weihe, wie sie in diesem Kapitel dargestellt wird. Über jeden Punkt kurz.

Echte geistliche Weihe beginnt mit Gemeinschaft mit Gott. Beachtet den dritten Vers: „Da fiel Abraham auf sein Angesicht, und Gott redete weiter mit ihm.„ Dadurch, daß wir auf Christum Jesum blicken, wird sein Bild auf unsrer Seele photographiert, und wir werden umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, (2 Kor. 3, 18), wie durch die Gegenwart des Herrn. Entfernung von Gottes Gegenwart bedeutet immer Sünde: heilige Vertrautheit mit Gott erzeugt Heiligkeit. Je mehr ihr an Gott denkt, je mehr ihr über seine Werke nachsinnt, je mehr ihr Ihn preiset, je mehr ihr zu Ihm betet, je beständiger ihr mit Ihm redet, und Er mit euch durch den Heiligen Geist, desto sicherer seid ihr auf dem Wege zu einer völligen Weihe für seine Sache.

Der nächste Punkt bei der Weihe ist dieser, daß sie durch weitere Einblicke in den Gnadenbund gefördert wird. Leset weiter: „Siehe, ich bin's und habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden.“ Dies ist gesagt, um Abraham zu helfen, vor Gott zu wandeln und vollkommen zu sein, woraus wir schließen, daß der Mensch, um in der Heiligkeit zu wachsen, in Erkenntnis zunehmen muß und in der Festigkeit des Glaubens, womit er den Bund ergreift, den Gott mit Christo für sein Volk gemacht hat, der „ewig und wohl geordnet„ ist. (2 Sam. 23,5.) Die offene Bibel vor euch, bemerkt wohl, wie Abrahams eigner persönlicher Anteil an dem Bunde ihm wiederum frisch vor die Seele gestellt ward. Beachtet, wie das Fürwort der zweiten Person wiederholt wird: „Siehe, ich bin's und habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden.“ Nehmt den sechsten Vers: „Und will dich fast sehr fruchtbar machen, und will von dir Völker machen; und sollen auch Könige von dir kommen. Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir, und deinem Samen nach dir, … daß ich dein Gott sei, und deines Samens nach dir.„ So wird der Bund Abraham nahe gebracht; er fühlt, daß er Teil und Anteil daran hat. Wenn ihr je für den Dienst Gottes geheiligt werden sollt, so müßt ihr eine volle Versicherung eures Anteils an allen Bundesgütern haben. Zweifel sind wie die wilden Eber des Waldes, welche die Blumen der Heiligung in dem Garten eures Herzens aufwühlen; aber wenn ihr in eurer Seele eine Gott gegebene Versicherung eures Anteils an dem kostbaren Blute Jesu Christi habt, dann sollen die Füchse, welche die Weinberge verderben, zu Tode gejagt werden und eure zarten Trauben sollen süßen Geruch geben. Ruft zu Gott, geliebte Brüder und Schwestern, um einen starken Glauben, „euer Anrecht an die Wohnungen im Himmel klar zu lesen.“1) Eine große Heiligkeit muß aus großem Glauben entspringen. Der Glaube ist die Wurzel, Gehorsam der Zweig, und wenn die Wurzel verfault, kann der Zweig nicht grünen. Bittet um die Gewißheit, daß Christus euer ist und daß ihr sein seid; denn hier werdet ihr eine Quelle finden, die eure Weihe feuchtet und macht, daß sie Frucht für Christi Dienst trägt. Einige Christen handeln, als wenn es nicht so wäre. Sie pflegen ihre Zweifel und Befürchtungen, um die Heiligkeit zu vervollkommnen. Ich habe Christen gekannt, die, wenn sie sich bewußt werden, daß sie nicht gelebt haben, wie sie es hätten sollen, gleich beginnen, ihren Anteil an Christus zu bezweifeln, und, wie sie sagen, sich demütigen, um völligere Heiligung des Lebens zu erlangen. Das heißt, sie hungern, um kräftig zu werden; sie werfen ihr Gold aus dem Fenster, um reich zu werden; sie reißen den Grundstein ihres Hauses heraus, um es sicher stehen zu machen. Lieber Gläubiger, Sünder, der du bist, Rückfälliger, der du bist, glaube immer noch an Jesum, laß kein Gefühl der Sünde deinen Glauben an Ihn schwächen. „Er starb für Sünder, Christus ist für uns Gottlose gestorben.„ Klammere dich an das Kreuz an: je wütender der Sturm, desto mehr thut die Schwimmboje not — laß sie nie los, sondern halte sie um so fester. Vertraue allein auf die Kraft jenes kostbaren Blutes, denn so allein wirst du deine Sünden töten, und in der Heiligkeit fortschreiten. Wenn du in deinem Herzen sprichst: Jesus kann nicht einen solchen, wie ich bin, erretten; wenn ich Zeichen und Zeugnisse hätte, daß ich Gottes Kind sei, dann könnte ich auf Jesum hoffen, so hast du dein Vertrauen, welches eine große Belohnung hat, weggeworfen, du hast deinen Schild von dir geschleudert, und die Pfeile des Versuchers werden dich furchtbar verwunden. Klammere dich an Jesum, selbst wenn es die Frage ist, ob du ein Körnchen Gnade in deinem Herzen hast. Glaubt, daß Er für euch starb, nicht, weil ihr geweiht oder geheiligt seid, sondern daß Er für euch als Sünder starb und euch als Sünder errettete. Verliert nie euer einfaches Vertrauen auf den Gekreuzigten, denn nur durch das Blut des Lammes könnt ihr die Sünde überwinden und zum Werk des Herrn geschickt werden.

Beachtet beim Lesen dieser Stelle, wie dieser Bund dein Abraham ganz besonders als ein Werk göttlicher Macht offenbart wird. Merkt darauf, wie es heißt: „ich will meinen Bund zwischen mir und dir machen.“ „Ich will dich fast sehr mehren.„ „Ich will aufrichten meinen Bund.“ „Ich will dir geben.„ „Ich will ihr Gott sein,“ u. s. w. O, dieses herrliche „will„ und „soll.“ Brüder, ihr könnt dem Herrn nicht mit einem vollkommenen Herzen dienen, bis euer Glaube mit fester Hand dies göttliche „will„ und „soll“ erfaßt. Wenn mein Heil auf meinem kleinen, winzigen Arm, auf meinen Entschlüssen, meiner Lauterkeit und meiner Treue beruht, so leidet es Schiffbruch auf immer; aber wenn mein ewiges Heil auf dem großen Arm ruht, der das Weltall trägt, wenn meiner Seele Sicherheit ganz und gar in jener Hand liegt, welche die Sterne in ihren Kreisen dreht, dann, gelobt sei sein Name, ist sie sicher und geborgen; und null will ich aus Liebe zu einem solchen Heiland Ihm von ganzem Herzen dienen. Ich will „gern darlegen und dargelegt werden„ (2 Kor. 12, 15) für Ihn, der sich so für mich dahingegeben. Merkt dies, Brüder, seid sehr klar darüber, und bittet, daß das göttliche Werk eurer Seele sichtbar werde, denn das wird euch helfen, Gott geweiht zu sein.

Ferner, Abraham erhielt einen Einblick in die Ewigkeit des Bundes. Ich erinnere mich nicht, daß das Wort „ewig“ früher in bezug auf diesen Bund gebraucht war, aber in diesem Kapitel haben wir es mehrmals. „Ich will meinen Bund aufrichten, daß es ein ewiger Bund sei.„ Hier ist eine jener großen Wahrheiten, welche viele Kindlein in der Gnade noch nicht gelernt haben, nämlich, daß die Segnungen der Gnade nicht solche sind, die heute gegeben und morgen zurückgenommen werden, sondern ewige Segnungen. Das Heil, das in Christo Jesu ist, ist kein Heil, das uns auf wenige Stunden zugehört, so lange wir treu sind, und dann von uns genommen wird, so daß wir dem Verderben überlassen bleiben. Gott verhüte, „Gott ist nicht ein Mensch, daß Er lüge, noch ein Menschenkind, daß Ihn etwas gereue.“ „Ich bin der Herr,„ sagt Er, „der nicht lüget. Und es soll mit euch Kindern Jakobs nicht gar aus sein.“ Wenn wir uns in die Hände Christi geben, so setzen wir nicht unsre Zuversicht auf einen Heiland, der uns vielleicht verderben läßt, sondern wir bauen auf einen, der gesagt hat: „Ich gebe meinen Schafen das ewige Leben; und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen.„ Anstalt, daß die Lehre von der Sicherheit der Heiligen zur Nachlässigkeit im Leben führt, werdet ihr finden, daß sie im Gegenteil, wo sie durch die Kraft des Heiligen Geistes völlig in das Herz aufgenommen ist, ein so heiliges Vertrauen auf Gott, eine so flammende Dankbarkeit gegen Ihn erzeugt, daß sie einer der besten Antriebe zur Weihe ist. Behaltet diese Gedanken in eurem Gedächtnis, lieben Brüder, und wenn ihr in Gnade und in der Ähnlichkeit mit Christo wachsen wollt, so bemüht euch, euren persönlichen Anteil an dem Bunde, die göttliche Macht, welche seine Erfüllung verbürgt, und die ewige Dauer desselben zu erkennen.

Bei der Betrachtung der Art dieser Weihe möchte ich ferner bemerken, daß die, welche Gott geweiht sind, als neue Menschen angesehen werden. Der neue Mensch wird bezeichnet durch die Veränderung des Namens, er heißt nicht mehr Abram, sondern Abraham, und sein Weib ist nicht mehr Sarai, sondern Sara. Ihr, Geliebte, seid neue Kreaturen in Christo Jesu. Die Wurzel und Quelle aller Weihe für Gott liegt in der Wiedergeburt. Wir sind „wiederum geboren,“ ein neuer und unvergänglicher Same ist in uns gelegt, der „da lebet und bleibet ewiglich.„ Der Name Christi ist über uns genannt worden: wir heißen nicht mehr Sünder und Ungerechte, sondern wir werden die Kinder Gottes durch den Glauben, der in Christo Jesu ist.

Beachtet weiter, daß die Natur dieser Weihe dem Abraham durch den Ritus der Beschneidung abgebildet ward. Es würde durchaus nicht geziemend für uns sein, in irgend eine Einzelheit bei diesem geheimnisvollen Ritus einzugehen, es wird genügen, zu sagen, daß er „das Abthun des Unflats am Fleisch“ bedeutete. Wir haben des Apostel Paulus eigne Deutung in den Versen, die wir vor der Predigt in seiner Epistel an die Kolosser lasen. Die Beschneidung deutete dem Samen Abrahams an, daß eine Unreinigkeit des Fleisches im Menschen sei, die immer hinweg genommen werden müsse, sonst würde er unrein und außerhalb des Bundes mit Gott bleiben. Nun, Geliebte, um durch Christum geheiligt zu werden, müssen wir Dinge, die uns so lieb sind, wie unser rechtes Auge und unsre rechte Hand, aufgeben, mit Schmerzen darauf verzichten. Das Fleisch mit seinen Lüsten und Begierden muß verleugnet werden. Wir müssen unsre Glieder töten. Es muß Selbstverleugnung da sein, wenn wir in den Dienst Gottes treten wollen. Der Heilige Geist muß das Urteil des Todes uuo des Abschneidens über die Leidenschaften und Neigungen der verdorbenen menschlichen Natur sprechen. Vieles muß fort, was die Natur behalten möchte, aber sterben muß es, weil die Gnade es verabscheut.

Beachtet auch, daß die Beschneidung unbedingt geboten war für alles, was männlich war in dem Geschlechte Abrahams, und wo sie unterlassen ward, folgte der Tod. So ist das Aufgeben der Sünde, das Aufgeben „des sündlichen Leibes im Fleisch„ notwendig für jeden Gläubigen. Ohne Heiligung soll niemand den Herrn sehen. Selbst das Kindlein in Christo soll ebensosehr den Tod geschrieben sehen ans dem sündlichen Leib im Fleisch, wie ein Mann, der gleich Abraham ein vorgerücktes Alter erreicht hat und zur Reife in geistlichen Dingen gekommen ist. Es ist hier kein Unterschied zwischen dem einen und dem andren. „Ohne Heiligung soll niemand den Herrn sehen;“ und wo vermeintliche Gnade nicht die Liebe zur Sünde hinwegnimmt, da ist es überhaupt nicht die Gnade Gottes, sondern der anmaßende Dünkel unsrer eignen eitlen Natur.

Es wird oft gesagt, daß der Ritus der Taufe dem der Beschneidung analog sei. Ich will über diesen Punkt nicht streiten, obwohl die Behauptung in Frage gestellt werden kann. Aber gesetzt, es sei so, laßt mich bei jedem Gläubigen hier darauf dringen, daß er in seiner eignen Seele die geistliche Bedeutung sowohl der Beschneidung als der Taufe fühle, und dann die äußeren Riten betrachte; denn das Bezeichnete ist ungemein viel wichtiger, als das Zeichen. Die Taufe bildet weit mehr ab als die Beschneidung. Diese ist das Abthun des Unflats am Fleisch, aber die Taufe ist das gänzliche Begraben des Fleisches. Die Taufe spricht nicht: „Hier ist etwas, was hinweggenommen werden muß,„ sondern alles ist tot, und muß mit Christo in seinem Grabe begraben werden, und der Mensch muß von neuem mit Christo auferstehen. Die Taufe lehrt uns, daß wir durch den Tod in das neue Leben übergehen. Wie Noahs Arche durch den Tod der alten Welt hindurchging, und dann in einer neuen Welt auftauchte, so stellt die Taufe in einem ähnlichen Bilde unsre Errettung durch die Auferstehung Christi dar; eine Taufe, von der Petrus sagt, sie ist „nicht das Abthun des Unflats am Fleisch, sondern der Bund eines guten Gewissens mit Gott.“ In der Taufe erkennt der Mensch es vor sich selbst und vor andren an, daß er durch den Tod in das neue Leben kommt, nach den Worten des Heiligen Geistes: „daß ihr mit Ihm begraben seid durch die Taufe, in welchem ihr auch seid auferstanden durch den Glauben, den Gott wirket, welcher Ihn auferwecket hat von den Toten.„ Das, was am meisten Wert dabei hat, ist die geistliche Bedeutung, und durch diese erfahren wir, was es heißt, für die Welt tot sein, tot und begraben mit Christo, und dann mit Ihm auferstehen. Dennoch, Brüder, ward es Abraham nicht verstattet, zu sagen: „Wenn ich das habe, was er im Geistlichen bedeutet, so kann ich den äußern Ritus entbehren.“ Er hätte tausend Gründe dagegen vorbringen können, sehr viel stärkere, als die, welche von Zaudernden gegen die Taufe geltend gemacht sind, aber er nahm den Ritus an, sowohl wie das, was durch denselben bedeutet wurde, und ward sofort beschnitten; und so ermahne ich euch, Männer und Brüder, der Vorschrift über die Taufe zu gehorchen, ebensowohl als auf die Wahrheit zu merken, welche durch sie abgebildet wird. Wenn ihr in der That mit Christo begraben und auferstanden seid, so verachtet nicht das äußere und lehrreiche Zeichen, wodurch dies dargestellt wird. „Wohl,„ sagt der eine, „hier entsteht eine Schwierigkeit betreffs eurer Ansichten,“ denn aus diesem Kapitel wird oft der Beweis geführt, „daß, so wie Abraham all seinen Samen beschneiden mußte, wir all unsre Kinder taufen müssen.„ Nun, beachtet den Ritus, und legt ihn nicht nach dem Vorurteil aus, sondern nach der Schrift. In dem Vorbild wird der Same Abrahams beschnitten; ihr zieht den Schluß, daß alle, die durch den Samen Abrahams vorgebildet sind, getauft werden sollen, und ich mäkle an dem Schlusse nicht; aber ich frage euch, wer ist der wahre Same Abrahams? Paulus antwortet Röm. 9, 8: „Nicht sind das Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind, sondern die Kinder der Verheißung werden für Samen gerechnet,“ alle, die an den Herrn Jesum Christum glauben, ob sie Juden oder Heiden sind, sind Abrahams Same. Ob acht Tage alt in der Gnade, oder mehr oder weniger, ein jeder von dem Samen Abrahams hat ein Recht auf die Taufe. Aber ich gebe nicht zu, daß die Unwiedergebornen, ob Kinder oder Erwachsene, vom geistlichen Samen Abrahams sind. Der Herr wird, hoffen wir, viele von ihnen durch seine Gnade berufen, aber bis jetzt sind sie noch „Kinder des Zorns, gleichwie auch die andren.„ Dann, wenn der Geist Gottes den guten Samen in ihre Herzen säen wird, sind sie Abrahams gläubiger Samen, aber nicht, so lange sie in Ungöttlichkeit und Unglauben leben, oder noch unfähig zum Glauben und zur Buße sind. Derjenige, welcher dem Typus des Samen Abrahams entspricht, ist, wie jedermann einräumt, der Gläubige; und der Gläubige sollte, da er mit Christo geistlich begraben ist, diese Thatsache durch seine öffentliche Taufe im Wasser, nach des Heilands Vorschrift und Beispiel, anerkennen. „Also,“ sprach Christus, „gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen,„ als Er zum Flusse Jordan hinabging. Ward Er am Jordan besprengt? Warum an einen Fluß gehen, um besprengt zu werden? „Uns.“ Meinte Er Kindlein? War Er ein Kindlein? Sprach Er nicht, als Er „uns„ sagte, von den Gläubigen, welche in Ihm sind? „Also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen,“ d. h. allen seinen Heiligen. Aber wie erfüllt die Taufe alle Gerechtigkeit? Sinnbildlich so: Es ist das Bild des ganzen Werkes Christi. Hier ist sein Untertauchen ins Leiden; sein Tod und sein Begräbnis; sein Heraufsteigen aus dem Wasser stellt seine Auferstehung dar; sein Hinaufgehen am Ufer des Jordans stellt seine Himmelfahrt dar. Es ist eine sinnbildliche Darstellung davon, wie Er alle Gerechtigkeit erfüllte, und wie die Heiligen sie in Ihm erfüllten. Aber, Brüder, ich beabsichtigte nicht, so weit in das äußere Zeichen hineinzugehen, weil meiner Seele tiefster Wunsch dieser ist, daß, wie Abraham durch das äußere Zeichen gelehrt wurde, daß es ein Abthun des Unflats am Fleisch gab, das stattfinden mußte, wenn nicht der Tod folgen sollte, so wir durch die Taufe gelehrt werden mögen, daß es einen wirklichen Tod für die Welt und eine Auferstehung mit Christo gibt, die bei jedem Gläubigen stattfinden müssen, wie alt oder wie jung er auch sei, sonst hat er keinen Teil oder Anteil an der Weihe für Gott, oder in Wahrheit, an dem Heile selbst.

III.

Ich habe einen dritten Teil, aber meine Zeit ist abgelaufen, und deshalb nur noch diese Winke Die Resultate solcher Weihe.

Unmittelbar nachdem Gott dein Abraham erschienen war, ward seine Weihe ersichtlich, zuerst in seinem Gebet für seine Familie. „Ach, daß Ismael leben sollte vor Dir!„ Männer Gottes, wenn ihr in der That des Herrn seid, und fühlt, daß ihr sein seid, beginnt jetzt, für alle zu beten, die euch angehören. Seid niemals zufrieden, bis auch sie errettet sind; und wenn ihr einen Sohn habt, einen Ismael, betreffs dessen ihr viele Furcht und viel Angst habt, so gewiß ihr selbst errettet seid, hört nie auf, den Ruf hinaufzuseufzen: „O, daß Ismael leben sollte vor Dir!“

Das nächste Resultat der Weihe Abrahams war, daß er sehr gastfrei gegen seine Mitmenschen ward. Seht das nächste Kapitel an. Er sitzt vor der Zeltthür und drei Männer kommen zu ihm. Der Christ ist der beste Diener der Menschheit in einem geistlichen Sinne. Ich meine, daß er um seines Herrn willen versucht, den Menschenkindern Gutes zu thun. Er ist von allen Menschen der erste, der die Hungrigen speiset und die Nackenden kleidet, und so weit es an ihm liegt, Gutes thut an jedermaun, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Das dritte Resultat war, Abraham bewirtete den Herrn selber, denn unter jenen drei Engeln, die zu seinem Hause kamen, war der König der Könige, der Unendliche. Jeder Gläubige, der seinem Gott dient, gibt, sozusagen, dem göttlichen Geiste Erquickung. Ich meine dies: Gott hatte große Freude an dem Werk seines lieben Sohnes. Er sagte „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe,„ und Er hat auch Freude an der Heiligkeit seines ganzen Volkes. Jesus sieht etwas von dem, wofür seine Seele gearbeitet hat, und hat Lust all den Werken der Gläubigen; und ihr, Brüder, wie Abraham dem Herrn etwas zur Bewirtung brachte, so bringt ihr dem Herrn Jesu eure Geduld und euren Glauben, mit eurer Liebe und eurem Eifer, wenn ihr Ihm völlig geweiht seid.

Noch eins. Abraham wurde der große Fürsprecher für andre. Das nächste Kapitel ist voll von seinen Bitten für Sodom. Er war vorher nicht fähig gewesen, so zu bitten, aber nach der Beschneidung, nach der Weihe wird er des Königs Erinnerer (2 Sam. 8, 16 nach dem Engl.), er wird in das Amt eines Priesters eingesetzt und steht da, rufend: „Willst Du nicht die Stadt retten? Willst Du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen?“ O, Geliebte, wenn wir nur Gott geweiht werden, völlig geweiht werden, wie ich den schwachen Versuch gemacht habe, es zu beschreiben, so werden wir mächtig bei Gott in unsren Fürbitten sein. Ich glaube, ein heiliger Mann ist ein größerer Segen für die Welt, als ein ganzes Regiment Soldaten. Fürchtete man nicht mehr die Gebete von John Knox, als die Waffen von zehntausend Mann? Ein Mann, der beständig in Gottes Nähe lebt, ist wie eine große Wolke, von der immer fruchtbarer Regen herabtröpfelt. Dies ist der Mann, der sagen kann: „Das Land zittert, und alle, die darinnen wohnen; aber ich halte seine Säulen fest.„ Frankreich hätte nie eine so blutige Revolution gesehen, wären Männer des Gebets da gewesen, um es zu schützen. England wird unter den Bewegungen2), die es hin- und herschütteln, doch festgehalten, weil das Gebet der Gläubigen unaufhörlich empor steigt. Die Flagge des alten Englands ist an seinen Mast genagelt, nicht von den Händen seiner Seeleute, sondern von den Gebeten der Kinder Gottes. Diese, die Tag und Nacht Fürbitte thun, und umhergehen, geistliche Hilfe zu spenden, diese sind es, um deretwillen Gott Völker verschont, um deretwillen Er die Erde noch bestehen läßt; und wenn ihre Zeit vorüber ist, und sie hinweggenommen sind, und damit das Salz von der Erde genommen, dann werden die Elemente zerschmelzen vor Hitze, und die Erde und die Werke, die darinnen sind, werden verbrennen; aber nicht eher, als bis die Heiligen hingerückt sind, dem Herrn entgegen in der Luft, soll diese Welt vergehen. Er will sie schonen um der Gerechten willen. Strebt nach dem höchsten Grad der Heiligkeit, meine lieben Brüder und Schwestern, sucht Ihn, mühet euch um Ihn; und während ihr auf den Glauben allein eure Rechtfertigung baut, seid nicht träge im Wachstum in der Gnade, trachtet nach dem Höchsten, was erreicht werden kann, und Gott gebe es euch, um seines Sohnes willen. Amen.

1)
Aus einem englischen Gesänge.
2)
Die Predigt ist aus dem Jahre 1868.
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