Spurgeon, Charles Haddon - Wie wir mit Gott reden sollen

Gehalten am Sonntag, den 19. September 1875.

„Rufe mich, ich will dir antworten“
oder
„Ich will reden, antworte du mir.“
Hiob 13, 22.

Hiob hätte wohl zum Wahnsinn getrieben werden können durch seine leidigen Tröster; es ist wunderbar, daß er sich nicht mit viel mehr Bitterkeit äußerte, als er es tat. Gewiß, Satan hatte bessere Instrumente für sein Werk in diesen drei unedlen Freunden gefunden, als in den räuberischen Chaldäern oder dem erbarmungslosen Wirbelwind. Sie griffen Hiob mitleidlos an und schienen nicht mehr „Eingeweide der Barmherzigkeit“ zu haben, als Kieselsteine. Kein Wunder, daß er zu ihnen manches sagte, was ihm fast nicht in den Sinn gekommen wäre, zu äußern und einiges, darf ich wohl sagen, was ihm nachher leid tat. Vielleicht ist das Wort unseres Textes eine solche Stelle zu starker Rede. Der gequälte Patriarch tat, was Keiner als ein Mann von der höchsten Rechtschaffenheit so nachdrucksvoll wie er getan haben könnte. Er berief sich von dem falschen Urteil der Menschen auf das Gericht Gottes und wünschte, sogleich vor den Richterstuhl des Weltrichters gefordert zu werden, denn er war sicher, Gott würde ihn rechtfertigen. „Ob er mich auch tötete, so will ich doch auf ihn trauen: doch will ich meine eignen Wege vor ihm aufrecht halten. Er wird ja mein Heil sein, denn es kommt kein Heuchler vor ihn.“ (Hiob 13, 15. 16. engl. Ueb.) Er war bereit, vor dem Richterstuhle Gottes zu erscheinen, und seine Aufrichtigkeit und Lauterkeit da prüfen zu lassen. Er sagt: „Zweierlei tue mir nur nicht, so will ich mich nicht vor dir verbergen. Laß deine Hand ferne von mir sein und dein Schrecken erschrecke mich nicht.“ Er erbietet sich in den Worten unsers Textes, vor den gerechten Richter zu treten auf jede Art, die er bestimmt - entweder will er der Verteidiger sein und Gott der Kläger in der Sache: „Rufe mich, ich will dir antworten,“ oder er will die Stelle des Klägers einnehmen und der Herr soll Grund und Ursache zeigen, warum er so mit ihm handelt oder ihn von der Unwahrheit in seinen Behauptungen überführen: „ich will reden, antworte du mir.“ Er weiß so gewiß, daß er kein Heuchler gewesen ist, daß er dem Allsehenden da und dann ohne Furcht vor dem Resultat antworten will.

Nun, Brüder, wir sind weit davon entfernt, Hiob's Sprache zu tadeln, aber wir wollen eben so weit davon entfernt sein, sie nachzuahmen. Wenn wir die Umstände erwägen, in denen Hiob sich befand, wenn wir die schrecklichen Schmähungen erwägen, die gegen ihn vorgebracht wurden, wenn wir erwägen, wie tief es ihn verletzt haben muß, in einer solchen Zeit so ungerecht angeklagt zu werden, so wundern wir uns nicht, daß er so sprach. Doch mag es sein, daß seine Lippen unbedachtsam sprachen; jedenfalls ist es nicht unsre Sache, seine Sprache in demselben Sinne zu gebrauchen, oder in irgendwelchem Maße Selbstrechtfertigung vor Gott zu versuchen. Im Gegenteil laßt unser Gebet sein: „Gehe nicht in's Gericht mit deinem Knechte, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.“ Wie kann ein Mensch vor Gott gerecht sein? Wie können wir sein Gericht herausfordern, vor dem die Himmel nicht rein sind und der in „seinen Engeln Torheit findet?“ Es sei denn, daß es im evangelischen Sinne ist, wenn wir, bekleidet mit der Gerechtigkeit Christi im Glauben so kühn werden, daß wir ausrufen: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht? Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja, vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“

Ich will jetzt die Worte Hiob's in einem andern Sinne brauchen, als er, und werde sie auf die selige Gemeinschaft anwenden, die wir mit unserm Vater, Gott, haben. Wir können sie nicht in Bezug auf unser Erscheinen zum Verhör vor seinem Richterstuhl brauchen; aber sie passen ganz genau, wenn wir von jenem gesegneten Kommen zum Gnadenstuhl sprechen, wo wir uns zu Gott nahen, um durch heilige Gemeinschaft reicher an Gnade und geheiligter zu werden. Der Text spricht einen Gedanken aus, den ich euch nahe legen möchte: „Rufe mich, ich will dir antworten: oder ich will reden, antworte du mir.“ Möge der heilige Geist unsre Betrachtungen segnen.

Unsere drei Punkte sollen heute Morgen sein, zwei Arten geheimer Unterredung: „rufe mich, ich will dir antworten, oder ich will reden, antworte du mir;“ zweitens, die Art, diese beiden zu vereinigen, und hier wollen wir versuchen, zu zeigen, wie diese beiden Weisen der Unterredung in unserer Gemeinschaft mit Gott vereinigt sein sollten; und drittens, werden wir zeigen, wie diese zwei Arten der Gemeinschaft völlig verwirklicht sind in der Person unseres Herrn Jesu Christi, der unsere Antwort an Gott und Gottes Antwort an uns ist.

I.

Zuerst denn, hier sind zwei Arten heiliger Unterredung zwischen Gott und der Seele: zuweilen ruft der Herr uns und wir antworten, und zu andern Zeiten reden wir mit Gott und er läßt sich in Gnaden herab, uns zu antworten. Vor einigen Jahren gab ein Missionar, der von Südafrika zurückkehrte, eine Beschreibung dessen, was dort durch die Predigt des Evangeliums ausgerichtet war, und unter Anderem schilderte er uns einen kleinen Vorfall, von dem er ein Augenzeuge gewesen war. Er erzählte, daß er eines Morgens einen bekehrten Afrikanischen Häuptling unter einem Palmbaum sah, mit der aufgeschlagenen Bibel vor sich. Dann und wann richtete er sein Auge auf das Buch, las eine Stelle, dann hielt er inne, sah eine Weile in die Höhe und seine Lippen bewegten sich. So fuhr er fort, bald auf die Schrift niederzublicken, bald seine Augen gen Himmel zu richten. Der Missionar ging vorüber, ohne den guten Mann zu stören, aber nach einer Weile erwähnte er dessen, was er gesehen und fragte ihn, warum er zuweilen gelesen und zuweilen hinaufgeschaut hätte. Der Afrikaner erwiderte: – „Ich blicke auf das Buch nieder und Gott spricht zu mir, und dann schaue ich im Gebet empor und spreche zu dem Herrn und auf diese Weise halten wir eine heilige Unterredung mit einander.“ Ich möchte euch dieses Bild vor Augen stellen, als einen Spiegel und ein Muster des Verkehrs mit dem Himmel, – das Herz horcht auf die Stimme Gottes und antwortet mit Gebet und Preis.

Wir wollen mit der ersten Art der Gemeinschaft beginnen. Zuweilen ist es gut in unserm Umgang mit Gott, daß wir warten, bis unser himmlischer Vater gesprochen hat: „Rufe mich, ich will dir antworten.“ Auf diese Art verkehrte der Herr mit seinem Knechte Abraham. Wenn ihr auf jene heiligen Zusammenkünfte blickt, mit denen der Patriarch begnadigt ward, so werdet ihr finden, daß der Bericht anfängt: „Der Herr sprach zu Abraham.“ Nach einem oder zwei Worten hört ihr Abraham zum Herrn sprechen, dann kommt des Herrn Erwiderung und ein andres Wort von dem Patriarchen; aber der Herr selber begann gewöhnlich die Unterredung. So war es mit Moses. Während er seine Herde in der Wüste weidete, sah er einen Busch, der brannte und doch nicht verzehrt ward und als er hinging, um dies zu besehen, sprach der Herr zu ihm aus dem Busch. Der Herr rief zuerst und Moses antwortete. In merkwürdiger Weise war dies der Fall bei dem heiligen Kinde Samuel. Während er schlief, sprach der Herr zu ihm: „Samuel, Samuel,“ und er sprach: „Hier bin ich,“ und doch begann die Stimme Gottes ein zweites und drittes Mal den heiligen Verkehr. Ohne Zweifel hatte der Herr zu andern Zeiten die Stimme des Kindes im Gebet gehört, aber bei dieser denkwürdigen Gelegenheit rief der Herr zuerst den Samuel, und dann antwortete Samuel: „Rede, Herr, denn dein Knecht höret.“ So war es mit Elias. Es kam ein stilles, sanftes Sausen und der Herr sprach zum Propheten: „Was hast du hier zu tun, Elia?“ Darauf antwortete Elias: „Ich habe um den Herrn, den Gott Zebaoth, geeifert; denn die Kinder Israel haben deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert erwürget.“ Auf diese Klage gab sein großer Meister ihm eine tröstliche Antwort. Nun, wie es mit diesen Heiligen der alten Zeit war, so ist es mit uns gewesen: der Herr, unser Gott, hat durch seinen Geist zu uns gesprochen, und unser geistliches Ohr hat seinem Worte gelauscht, und so hat unser Verkehr mit dem Himmel begonnen. Wenn der Herr das erste Wort haben will in dem heiligen Gespräch, das er mit seinen Knechten zu halten beabsichtigt, so verhüte Gott, daß irgend eine Rede von unsrer Seite dazwischen träte. Warum wollten wir nicht schweigen, um Jehova sprechen zu hören?

Wie spricht denn Gott zu uns und wie will er, daß wir ihm antworten?

Er spricht zu uns in dem geschriebenen Wort. Dieses „feste prophetische Wort, darauf ihr wohl tut, zu achten, als auf ein Licht, das da scheinet an einem dunklen Orte.“ Er spricht auch zu uns in der Verkündigung seines Wortes, wenn Altes und Neues aus der heiligen Schrift von seinen gewählten Dienern hervorgebracht wird und durch den heiligen Geist kräftig auf unser Herz einwirkt.

Der Herr ist nicht stumm in der Mitte der Seinen, obgleich einige seiner Kinder sehr schwerhörig scheinen. Wenngleich das Licht und Recht nicht länger auf der Brust sterblicher Menschen gesehen wird, so schweigt doch die göttliche Stimme nicht. O, daß wir immer bereit wären, die liebevolle Stimme des Herrn zu hören.

Des Herrn Stimme hat viele Töne, alle gleich göttlich. Mitunter braucht er die erweckende Stimme und dann sollten wir ernstlich Acht geben. Wir sind tot und er macht uns lebendig. Wir sind träge und haben es nötig, aufgerüttelt zu werden, und der Herr ruft uns deshalb laut zu: „Erwache, der du schläfst.“ Wir zögern, uns ihm zu nahen und er spricht deshalb liebevoll zu uns: „Suchet mein Angesicht.“ Welche Gnade ist es, wenn unser Herz sogleich antwortet: „Ich will dein Angesicht suchen, Herr.“ Wenn er uns zur Pflicht antreibt, so ist wahre Gemeinschaft mit ihm in unsern Herzen, wenn wir sogleich antworten: „Hier bin ich, sende mich.“ Unser Innerstes sollte auf den Ruf des Herrn antworten, wie das Echo der Stimme antwortet. Ich fürchte, es ist manchmal gar anders und dann stellen wir die Geduld unsers liebenden Herrn auf die Probe. Gedenkt daran, wie er spricht: „Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe an,“ er klopft, weil er die Türe geschlossen findet, die weit offen sein sollte. Ach, selbst sein Klopfen ist eine Zeitlang vergeblich, denn wir haben uns auf das Lager Bequemlichkeit gestreckt und machen eitle Entschuldigungen, um da zu bleiben. - „Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“ Laßt uns ihn nicht länger in dieser unfreundlichen Weise behandeln, daß er nicht zornig wird und uns verläßt, denn wenn er weggeht, so werden wir ihn suchen, aber nicht finden, wir werden ihn rufen, aber er wird uns keine Antwort geben. Wenn wir bei seinem Rufe nicht aufstehen wollen, so mag's wohl sein, daß er uns wie die Faulen schlummern läßt, bis die Armut über uns kommt, wie ein Fußgänger und der Mangel wie ein gewaffneter Mann. Wenn unser Freund ruft: „Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her,“ so laßt uns keinen Augenblick säumen. Wenn er ruft: „Mache dich auf, mache dich auf, Zion, ziehe deine Stärke an,“ laßt uns aufstehen in der Kraft seines Rufes und den Staub von uns schütteln. Beim ersten Ton des himmlischen Hornes am Morgen laßt uns das Bett fleischlicher Bequemlichkeit verlassen und unserm Herr und König entgegengehen. Hierin ist Gemeinschaft, der Herr zieht uns und wir laufen, er weckt uns auf und wir erwachen, ihm zu dienen, er erquicket unsre Seele und unser Herz preiset ihn.

Oft sprich Gott zu unsrer Belehrung. Alle Schrift ist zu dem Zwecke geschrieben und unsre Aufgabe ist, ihren Lehren mit offenem Ohr und willigem Herzen zu lauschen. Wohlgesprochen war es von dem Psalmisten :„Ich will hören, was Gott der Herr sprechen wird, denn er wird seinem Volke Frieden zusagen.“ (Ps. 85, 9. engl. Ueb.) Gottes eignes Gnadengebot ist es : „Neiget eure Ohren her, und kommt her zu mir, höret, so wird eure Seele leben.“ Dies ist das Evangelium Gottes an die Ungläubigen, und es ist eine ebenso wichtige Botschaft an die, welche durch seine Gnade gläubig geworden sind, denn sie haben's auch nötig, seine Worte aufzunehmen. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein; sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes gehet.“ Darum rief einer der Heiligen aus: „deine Worte wurden gefunden und ich aß sie.“ (Jer. 15, 16) und ein Andrer sprach: „Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig.“ Gottes Wort ist der Seele Manna und der Seele Lebenswasser. Wie hoch sollten wir das Wort der göttlichen Lehre schätzen! Aber, liebe Brüder, meint ihr nicht, daß Viele Gottes belehrende Stimme vergessen? In der Bibel haben wir köstliche Lehren, köstliche Verheißungen, köstliche Vorschriften und vor Allem einen köstlichen Christus und wenn ein Mensch wirklich von all' diesem Herrlichen leben wollte, so könnte er mit unaussprechlicher Freude sich freuen und voll Rühmens sein. Aber wie oft bleibt die Bibel ungelesen! Und so wird Gott nicht gehört. Er ruft und wir geben nicht Acht. Das Predigen des Wortes, wenn der heilige Geist darin ist, ist „eine Kraft Gottes zur Seligkeit,“ und dem Herrn gefällt es, durch törichte Predigt selig zu machen, die daran glauben; aber alle Gläubigen hören die Stimme des Herrn durch seine Diener nicht so, wie sie es sollten. Da ist viel mäkelnde Kritik, viel Kälte des Herzens, viel Menschenverherrlichung und ein großer Mangel an Lernbegier und so wird das Wort von unserm Herzen ausgeschlossen. Der Herr wollte uns gern durch seine Diener lehren, aber unsre Ohren hören schwer. Kann man sich darüber wundern, daß einige, die sich Christen nennen, nicht beten können, wenn sie immerwährend murren, daß sie nicht hören können. Gott wird für uns taub sein, wenn wir für ihn taub sind. Wenn wir uns nicht lehren lassen, wird er nicht hören. Laßt uns nicht wie die Otter sein, die taub gegen des Beschwörers Stimme sind. Laßt uns willig, ja, eifrig sein, zu lernen. Sagte unser Herr Christus nicht: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir?“ Und ist nicht ein reicher Lohn dafür in seiner lieblichen Versicherung: „so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen?“ Forschet in der Schrift, damit kein Wort des Herrn aus Unachtsamkeit übersehen wird; höret das Wort aufmerksam und bewegt es in eurem Herzen und laßt es euer tägliches Brot sein: „Was ich nicht weiß, lehre du mich.“ „Öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.“ Laßt uns gegen Vorurteile ankämpfen und laßt uns niemals uns so weise dünken, daß wir nicht nötig hätten, mehr zu lernen. Jesus Christus will uns gelehrig, wie kleine Kinder haben und bereit, das Wort mit Sanftmut anzunehmen, das in unsere Seelen gepflanzet ist, welches unsere Seelen selig machen kann. Ihr werdet eine gesegnete Gemeinschaft mit eurem Herrn haben, wenn ihr zu seinen Füßen sitzen wollt und sein Wort aufnehmen. O, daß er selber uns lehrte! Rufe mich, o Herr, und ich will antworten.

Der Herr spricht auch zu seinen Knechten mit der Stimme des Gebotes. Diejenigen, die auf Christum trauen, müssen ihm auch gehorchen. Von dem Tage an, da wir des Herrn Kinder werden, stehen wir unter der Verpflichtung zu gehorchen. Sagt er nicht selber: „Bin ich nun Vater, wo ist meine Ehre?“ Liebe Freunde, wir müssen nie ein taubes Ohr für die Vorschriften haben. Ich kenne Einige, welche die Verheißungen einsaugen, wie Gideon's Fell den Tau, aber die Gebote, deren weigern sie sich, wie ein Mensch sich vom Wermut abkehrt. Aber das Gotteskind kann sagen: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Täglich rede ich davon. Und ich habe Lust an deinen Geboten und sie sind mir lieb.“ Der Wille Gottes ist seinen Kindern sehr süß; sie sehnen sich darnach, daß ihr eigner Wille demselben vollkommen gleichförmig werde. Wahre Christen picken und wählen sich nicht etwas aus Gottes Wort heraus; der Teil davon, der ihnen sagt, wie sie in der Kraft des Geistes Gottes leben sollen, ist ihnen eben so süß, wie der andere Teil, der ihnen sagt, wie sie durch das erlösende Opfer Jesu Christi errettet sind. Liebe Brüder, wenn wir unser Ohr dem verschließen, was Jesus uns sagt, so werden wir nie mächtige Beter sein, noch werden wir vertrauliche Gemeinschaft mit unserm Freunde genießen. „So ihr meine Gebote haltet, so bleibet ihr in meiner Liebe, gleichwie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.“ Wenn ihr Gott nicht hören wollt, könnt ihr nicht erwarten, daß er euch hört, und wenn ihr nicht tun wollt, was er euch heißt, könnt ihr nicht erwarten, daß er euch geben wird, was ihr von seiner Hand sucht. Ein gehorsames Herz ist notwendig, wenn ein seliger Verkehr zwischen Gott und der Seele stattfinden soll.

Der Herr spricht zuweilen zu seinen Knechten im Tone des Verweises, und laßt uns nie unter denen sein, die halsstarrig gegen ihn sind. Es ist kein angenehmes Ding, wenn man uns unsere Fehler vorhält, aber es ist ein höchst nützliches Ding. Brüder, wenn ihr geirrt habt, und euch mit Gott gut stehet, so wird er euch sanft tadeln: seine Stimme wird in eurem Gewissen sich hörbar machen: „Mein Kind, war dies recht? Mein Kind, war dies, wie es sein sollte? Geziemt dies Einem, der mit dem kostbaren Blute erlöst ist?“ Wenn ihr die Bibel aufschlagt, wird mancher Text euch gleich einem Spiegel euer Ich zeigen, und die Flecken auf eurem Antlitz und das Gewissen wird, wenn es darauf blickt, sagen: „Tue das nicht, mein Sohn, das ist nicht so, wie dein Herr es haben will.“ Gewiß, es ist recht, vor Gott zu sprechen: „Habe ich's nicht getroffen, so lehre du mich besser; habe ich unrecht gehandelt, ich will's nicht mehr tun.“ Wenn wir nicht auf Gottes verweisende Stimme in seinem Worte hören, so wird er wahrscheinlich in härterem Tone durch irgend ein zugeschicktes Leiden mit uns reden. Vielleicht wird er das Licht seines Angesichtes vor uns verbergen und uns die Tröstungen des Geistes versagen. Ehe dies geschieht, würde es weise sein, unsere Herzen zum Herrn zu kehren, oder wenn es schon dahin gekommen ist, laßt uns sprechen: „Laß mich wissen, warum du mit mir haderst. Laß mich meine Fehler erkennen, mein Vater, und hilf mir, von ihnen frei zu werden.“ Brüder, seid nicht wie die Rosse oder Maultiere, sondern betet, daß euer Herz weich werden möge. Laßt dies euer Gebet sein:

„Zart wie des Auges Apfel, Gott
Laß mein Gewissen sein,
Wach' auf, mein Herz, wenn Sünde droht,
Wach auf, und halt' dich rein.

Das Kleinste, wo gefehlt mein Sinn,
Bring' meiner Seele bittern Schmerz,
Und treib mich zu dem Blute hin,
Das heilet jedes wunde Herz.“

Laßt und Nathan ebenso freundlich anhören, wenn er uns straft, als wenn er uns eine Verheißung bringt, denn in beiden Fällen spricht der Prophet, seines Meisters eignes gewisses Wort. Laßt uns dem Herrn danken, daß er uns tadelt, und eifrig daran gehen, die Götzen zu zerstören, gegen welche sein Zorn entbrannt ist. Das sind wir dem Herrn schuldig, und es ist für uns selber der weiseste Weg, den wir gehen können.

Aber gelobet sei sein Name, der Herr wird nicht immer hadern, noch ewiglich Zorn halten. Sehr oft redet der Herr eine tröstliche Sprache mit uns. Wie voll ist die Bibel von Trost, wie sehr hat Gott seine eigene Vorschrift, die er dem Propheten gab, gehalten: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht unser Gott.“ Was hätte Gott noch mehr sagen können zum Trost für seine geliebten Kinder, als er getan? Seid nicht so langsam zum Hören, wenn Gott so schnell im Trösten ist. Ach, unser Unglaube hat manchmal selbst für den süßesten Ton der Liebe Jehova's ein taubes Ohr. Wir können nicht denken, daß uns Alles zum Besten dienen wird; wir können nicht glauben, daß die Schickung, die so böse ist, wirklich ein Segen in Verkleidung sein könnte. Blinder Unglaube irrt sicherlich, und er irrt hauptsächlich indem er sein Ohr verstopft, gegen jene süßen Töne der ewigen Liebe und Freundlichkeit, bei denen unser Herz vor Freuden hüpfen sollte. Geliebte, seid nicht unempfänglich für Trost, sondern, wenn Gott ruft, seid bereit, ihm zu antworten und zu sprechen: „Ich glaube dir, Herr, und freue mich deines Wortes und deshalb soll meine Seele ihre Trauer ablegen und sich mit Wonne gürten.“ Dies ist der Weg mit Gott in Gemeinschaft zu bleiben, seine Tröstungen zu hören und dafür dankbar zu sein.

Und zuletzt noch über diesen Punkt, Gott spricht zuweilen zu den Seinen in Tönen, die zur innerlichen Gemeinschaft einladen. Ich kann euch nicht sagen, wie sie lauten, euer Ohr muß sie selbst gehört haben, um zu wissen, was sie sind. Zuweilen ruft er seinen Geliebten, auf die Höhe Amana zu kommen, sich über die Welt und alle ihre Sorgen hinauf zu schwingen und auf den Berg der Verklärung zu kommen. „Da,“ spricht er, „will ich dir meine Liebe zeigen.“ Da scheint der Herr seinem Kinde sein Herz bloßzulegen, und ihm alle Höhen und Tiefen unerforschlicher Liebe kund zu tun und ihm das Verständnis zu öffnen für seine ewige Verbindung mit Christo und die Sicherheit, die daraus entspringt und den geheimnisvollen Bund mit allen seinen Schätzen; denn „das Geheimnis des Herrn ist unter denen, die ihn fürchten und seinen Bund läßt er sie wissen.“ Es ist ein trauriges Ding, wenn der Herr uns in das geheime Kämmerlein ruft, wohin Niemand sich nahen darf, als nur die „sehr Geliebten“ (Dan. 10, 19. engl. Ueb.), und wir nicht vorbereitet sind, einzutreten. Diese innerlichste von Herz-zu-Herz-Mittheilung wird nicht dem gegeben, der unrein ist. Gott sagt selbst zu Moses: „Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, worauf du stehest, ist heiliges Land.“ Jene außerordentliche Nähe Gottes, mit welcher er zuweilen seine Auserwählten begnadigt, kann nicht genossen werden, wenn die Füße nicht in dem ehernen Becken gewaschen sind und die Hände in Unschuld gereinigt. „Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Wer unschuldige Hände hat und reines Herzens ist, der wird auf des Herrn Berg gehen; und der allein, denn Gott will nicht die, welche ihrem Bekenntnis nicht nachleben, und die, welche die Sünde hätscheln, in nahe Gemeinschaft mit sich selber ziehen. „Reinigt euch, die ihr des Herrn Geräte traget,“ und ihr besonders seid rein, die ihr hoffet, an seiner heiligen Stätte zu stehen und sein Angesicht zu schauen, denn dies Antlitz kann nur in Gerechtigkeit geschaut werden.

Brüder, es ist klar, daß Gottes Stimme in verschiedenen Weisen zu uns spricht und an uns, als seinen Kindern, ist es, sogleich zu antworten, wenn er spricht. Dies ist Eine Art heiliger Gemeinschaft.

Die zweite und ebenso gewöhnliche Art ist, daß wir zu Gott sprechen und er nach seiner Gnade uns antwortet.

Wie sollten wir zu dem Allerhöchsten sprechen? Ich antworte, zuerst, wir sollten beständig zu ihm im Tone der Anbetung sprechen. Ich fürchte, wir erheben Gott nicht ehrfurchtsvoll genug und beten ihn nicht den hundertsten Teil so viel an, wie wir sollten. Die gewöhnliche Stimmung eines Christen sollte eine solche sein, daß, sobald sein Geist sich von den notwendigen Gedanken seines Berufes abwendet, er sogleich vor dem Throne stehen sollte und den Herrn preisen, wenn nicht in Worten, so doch im Herzen. Ich beobachtete neulich die Lilien, wie sie auf ihren hohen Stengeln mit so schönen und lieblichen Blumen standen; sie können nicht singen, aber es schien mir, sie brächten Gott beständig Loblieder dar durch ihr bloßes Dasein. Sie hatten sich so hoch zum Himmel erhoben, als sie konnten, sie wollten in der Tat nicht anfangen zu blühen, ehe sie so hoch über der Erde waren, wie ihre Natur es gestatten wollte, und dann standen sie still da in ihrer Schönheit und zeigten allen umher, was Gott tun kann und als sie schweigend ihren süßen Duft ausströmten, sagten sie durch ihr Beispiel: „Preiset ihr den Herrn, wie wir es tun, indem wir unsere innerste Seele in Süßigkeit ergießen.“ Nun, ihr mögt nicht im Stande sein, zu predigen, und es würde nicht möglich sein, immer zu singen, in mancher Gesellschaft besonders nicht; aber euer Leben, euer Herz, euer ganzes Wesen sollte eine immerwährende Predigt von der Freundlichkeit unseres Herrn sein, und euer Herz sollte, selbst wenn der Herr schwiege, in der Gemeinschaft mit ihm bleiben, indem es seinen heiligen Namen anbetet.

Verbunden mit der Anbetung, sollte der Herr stets die Stimme unserer Dankbarkeit hören. Einer unserer Brüder begann am letzten Montag Abend sein Gebet ungefähr so: „Herr, du segnest uns so fortwährend, daß wir fühlen, als könnten wir anfangen, dich zu loben und niemals wieder aufhören. Wir schämen uns halb, um noch mehr zu bitten, weil du immer so rasch und so reichlich gibst.“ In diesem Geiste laßt uns leben. Laßt uns ihm dankbar sein und seinen Namen loben und vor sein Angesicht mit Frohlocken kommen! Das ganze Leben des Christen sollte ein Psalm sein, dessen Inhalt in diese Worte zusammengefaßt werden könnte: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!“ Nun, Anbetung und Dank, dem Herrn mit aufrichtigem Herzen durch Jesum Christum dargebracht, wird Gott angenehm sein und wir werden eine Friedensantwort von ihm erhalten, so daß sich die zweite Hälfte des Textes an uns erfüllen wird: „ich will reden, antworte du mir.“

Doch, meine Brüder, es würde nicht genügen, vor Gott nur mit Anbetung zu kommen, denn wir müssen daran gedenken, was wir sind. Groß ist er und muß deshalb angebetet werden, aber sündig sind wir und wenn wir zu ihm kommen, muß deshalb immer das Bekenntnis der Sünde auf unsern Lippen sein. Ich erwarte nicht, jemals im Stande zu sein, ehe ich in den Himmel komme, mit dem Bekennen der Sünde aufzuhören, jeden Tag und jedes Mal, wenn ich vor Gott stehe. Wenn ich von Gott abirre, so mag ich eine Vorstellung haben, daß ich heilig bin, aber wenn ich mich ihm nahe, so fühle ich immer, wie Hiob, als er sprach: „Ich habe dich mit den Ohren gehöret und mein Auge siehet dich auch nun; darum schuldige ich mich und tue Buße in Staub und Asche.“ Wenn du willst, daß der Herr dich höre, so trage Sorge, in demütigem Tone zu sprechen. Du hast dich gegen ihn empört, du bist ein Sünder von Natur, und obgleich du Vergebung hast und angenommen bist, und deshalb von der Furcht des Zornes befreit, kannst du doch nie vergessen, daß du ein Empörer warst und noch immer sein würdest, wäre die freie Gnade nicht gewesen; deshalb sprich mit Beugung und Demut vor dem Herrn, wenn du eine Antwort erhalten willst.

Geliebte Freunde, wir sollten auch zu Gott reden mit der Stimme der Bitte; wir können nie aufhören, dies zu tun, denn wir bedürfen stets Vieles. „Unser täglich Brot gib uns heute,“ muß unser Gebet sein, so lange wir in dem Lande sind, wo tägliche Bedürfnisse tägliche Versorgung erheischen. Wir werden immer nötig haben, um Zeitliches und Geistliches zu bitten für uns selber und für Andere auch. Das Werk der Fürbitte darf niemals aufhören. Redet mit dem Herrn, ihr, die ihr sein Ohr habt; redet für uns, die seine Botschafter an die Menschen sind, redet auch für die Kirche, bittet für widerspenstige Sünder, und bittet, daß unzählige Segnungen von Oben gegeben werden möchten.

Wir sollten auch zuweilen zu ihm reden in der Sprache des Entschlusses. Wenn der verlorene Sohn Recht hatte, als er sprach: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen,“ so haben Christen Recht, wenn sie sagen: „Darum will ich mein Leben lang ihn anrufen,“ oder „Ich will meinen Gott loben, so lange ich bin.“ Manchmal, wenn euch eine Pflicht sehr klar vor Augen gestellt wird, die ihr eine Weile vergessen hattet, da ist es sehr lieblich, zum Herrn zu sagen: „Herr, dein Knecht will sich freuen, dies zu tun, nur hilf du mir.“ Zeichne das geheime Gelübde vor dem Herrn auf und erfülle es ehrenhaft.

Wir sollten oft die Sprache vertraulicher Gemeinschaft gebrauchen. „Welche Sprache ist das ?“ Es gibt Zeiten, wo wir dem hochgelobten Bräutigam unserer Seelen Liebesworte sagen, welche das unbeschnittene Ohr nicht hören darf. Wie, selbst das Wenige, das davon der Welt entschleiert ist in dem Hohenliede, hat Manchen zum Mäkeln veranlaßt, denn der fleischliche Sinn kann nicht solche geistliche Geheimnisse verstehen. Ihr wißt, wie die Kirche von ihrem Herrn ausruft: „Er küsse mich mit dem Kuß seines Mundes, denn seine Liebe ist lieblicher, denn Wein.“ Es gibt manche Liebesausdrücke und Liebesworte zwischen geheiligten Seelen und ihrem geliebten Herrn und Meister, die man in einer gemischten Versammlung nicht sagen kann, denn es wäre als wenn man Perlen vor die Säue würfe oder seine Liebesbriefe auf öffentlicher Straße läse. O, ihr Auserwählten, redet mit eurem Herrn, haltet nichts vor ihm zurück. Er hat gesprochen: „Wenn es nicht so wäre, so hätte ich es euch gesagt.“ (Joh. 14, 2. engl. Ueb.) Er hat euch Alles gesagt, was er bei seinem Vater gesehen hat, sagt ihm Alles, was in eurem Herzen ist, und wenn ihr mit heiliger, kindlicher Zuversicht sprecht, und ihm Alles sagt, werdet ihr finden, daß er euch mit vertraulicher Liebe antwortet und die so erzeugte Gemeinschaft wird süß sein.

So habe ich euch gezeigt, daß es zwei Arten des Verkehrs der Gläubigen mit Gott gibt.

II.

Laßt uns nun die Art der Verbindung beider betrachten. In Bezug hierauf möchte ich sagen, daß sie vereinigt sein müssen. Brüder, wir gehen zuweilen zum Gebet und wollen, daß Gott uns hört; aber wir haben nicht gehört, was Gott zu sagen hat. Dies ist verkehrt. Gesetzt, Jemand versäumte das Hören des Wortes, aber liebte das Gebet sehr, so bin ich gewiß, dein Gebet wird bald schwach, schal und nutzlos werden, weil keine Unterhaltung sehr lebhaft sein kann, die ganz von Einer Seite geführt wird. Der Mensch spricht, aber er läßt Gott nicht sprechen und deshalb wird er es bald schwer finden, das Gespräch im Gange zu erhalten. Wenn ihr es ernst mit dem regelmäßigen Gebet nehmt, aber nicht eben so regelmäßig die Schrift leset oder höret, so gibt eure Seele aus ohne einzunehmen und wird sehr leicht austrocknen. Nicht nur Gedanken und Wünsche werden erschlaffen, sondern selbst die Ausdrücke werden eintönig werden. Wenn ihr erwägt, wie es kommt, daß eurem Gebet Lebendigkeit und Frische fehlt, so ist die Ursache davon wahrscheinlich, daß ihr versucht, einen verstümmelten Verkehr aufrecht zu halten. Wenn die Unterhaltung ganz auf Einer Seite ist, wundert ihr euch, daß sie erlahmt? Wenn ich heute Abend einen Freund in meinem Hause habe und wir mit einander verkehren wollen, so muß ich nicht alles Reden allein tun, sondern warten, bis er mir antwortet oder neue Gegenstände des Gesprächs vorschlägt, wie es ihm gefällt; und wenn er weiser ist, als ich bin, so ist um so mehr Grund, warum ich die zweite Stelle in der Unterhaltung einnehmen muß und ihm die Leitung derselben sehr überlassen.

Es ist eine solche Herablassung von Seiten Gottes, mit uns zu sprechen, daß wir eifrig hören sollten, was er zu sagen hat. Laßt ihn nie klagen, daß wir unser Ohr von ihm wegwenden. Indes dürfen wir selber auch nicht schwiegen; denn die Schrift lesen und Predigten hören und niemals beten, das würde keine Gemeinschaft mit Gott bringen. Das würde ein lahmer Verkehr sein. Denkt daran, wie Abraham wieder und wieder mit Gott sprach, obgleich er fühlte, daß er Staub und Asche sei; wie Moses flehte; wie David vor dem Herrn niedersaß und dann sprach: vor Allem, denkt daran, wie Jesus mit seinem Vater redete ebensowohl wie er auf die Stimme vom Himmel hörte. Laßt beide Formen des Umgangs sich vereinen, dann wird alles gut stehen.

Wiederum wird es gut sein, manchmal die Ordnung zu verändern. Der liebe G. Müller, ein Mann, der in Gottes Nähe lebt, von dem jedes Wort einer Perle gleicht, sagte neulich: „Manchmal, wenn ich in mein Kämmerlein gehe, finde ich, daß ich nicht beten kann, wie ich möchte. Was tue ich dann? Nun, da ich nicht zu dem Herrn sprechen kann, bitte ich den Herrn, mit mir zu sprechen, und deshalb schlage ich die Schrift auf und lese meinen Abschnitt; und dann finde ich, daß der Herr mir Stoff zum Gebete gibt.“ Ist dies nicht ein gewichtiger Wink? Empfiehlt es sich nicht eurem geistlichen Urteil? Habt ihr nicht bemerkt, wenn Jemand kam, euch zu besuchen und ihr vielleicht nicht in der Stimmung wart, ein gutes Gespräch zu beginnen, wenn dann euer Freund das Gespräch leitete, so geriet eure Seele in Feuer und ihr fandet es nicht schwierig, ihm zu folgen. Häufig wird es das Beste sein, den Herrn zu bitten, das heilige Gespräch zu leiten oder zu warten, bis er es tut. Es ist ein seliges Ding, an den Pfosten seiner Türe zu warten im Vertrauen auf ein Wort der Liebe von seinem Thron. Es ist gewöhnlich besser, im Verkehr zu Gott damit zu beginnen, daß wir seine Stimme hören, weil es seiner heiligen Majestät gebührt, daß wir erst hören, was er uns zu sagen hat; und es wird besonders dann für uns am besten sein, so zu tun, wenn wir nicht in rechter Stimmung für die Gemeinschaft sind. Wenn das Fleisch in seiner Schwachheit den Geist hindert, dann laßt das Lesen der Bibel vor dem Gebet kommen, daß die Seele dadurch erweckt werde. Doch, es gibt Zeiten, wo es besser sein wird, sogleich zu eurem himmlischen Vater zu sprechen. Zum Beispiel, wenn ein Kind Unrecht getan hat, so ist es sehr wohl getan, geradenwegs zum Vater zu eilen, ehe der Vater ihm etwas gesagt und zu sprechen: „Vater, ich habe gesündigt.“ Der verlorene Sohn hatte das erste Wort und so sollte auch unsere Buße schnelles Gehör suchen und sich wie Wasser vor dem Herrn ergießen. Zuweilen auch, wenn unser Herz sehr voll Dankbarkeit ist, sollten wir dem Preis und Dank gestatten, sogleich hervorzubrechen. Wenn wir eine große Gnade erhalten haben, sollten wir nicht warten, bis der Geber zu uns spricht, sondern in dem Augenblick, da wir ihn sehen, sollten wir unsere Verpflichtung anerkennen. Wenn das Herz von Gebet oder Preis voll ist und die Gegenwart Jesu sich fühlbar macht durch die Kraft des heiligen Geistes, so beginnen wir, von ganzem Herzen mit dem Herrn zu reden. Der Herr hat gesprochen, und es ist an uns, sogleich zu antworten.

Wenn hingegen der Herr aus weisen Gründen sich schweigend gegen uns verhält, so ist es gut für uns, Worte mit uns zu nehmen und zu ihm zu kommen. Wenn ihr eure Bibel gelesen habt und keine Heimsuchung des heiligen Geistes gespürt habt, oder wenn ihr eine Predigt gehört habt und sie nicht vom Tau des Herrn begleitet gefunden, dann nehmt sogleich eure Zuflucht zum Gebet. Erzählt dem Herrn von eurem Zustande und bittet ihn, sich euch zu offenbaren. Betet zuerst und leset nachher, und ihr werdet finden, daß euer Sprechen mit Gott beantwortet werden wird durch sein Sprechen mit euch in seinem Worte. Nehmt diese zwei Arten, gesunder Menschenverstand und eure eigne Erfahrung wird euch leiten, und laßt zuweilen die eine vorangehen und zuweilen die andere.

Aber lasset Wahrheit in beiden sein. Bloßer Schein ist bei dieser Sache eine tödliche Sünde. Laßt Gottes Wort nicht wie eine Masse gedruckter Buchstaben vor euch sein, sondern laßt das Buch zu eurer Seele sprechen. Einige Leute lesen die Bibel durch in einer festgesetzten Zeit, und in großer Eile, und sie könnten eben so gut sie gar nicht ansehen. Kann Jemand ein Land verstehen lernen, wenn er im Eisenbahnschritt durch dasselbe eilt? Wenn er die Beschaffenheit des Bodens kennen lernen will und den Zustand des Volkes, so durchwandert er das Land mit Muße und prüft es sorgfältig. Beim Worte Gottes tut Graben nötig, sonst bleiben seine Schätze verborgen. Wir müssen unser Ohr an das Herz der Schrift legen und die lebendigen Schläge hören. Die Schrift flüstert oft mehr, als sie donnert, und das Ohr muß richtig eingeübt sein, um ihre Sprache zu fassen. Entschließe dich fest: „Ich will hören, was Gott der Herr spricht.“ Laß Gott zu dir sprechen, und damit er das tue, pausiere und denke nach, und gehe nicht weiter, ehe du die Bedeutung der Sprüche erfaßt hast, so weit der heilige Geist dich dazu in Stand setzt. Wenn du einige Stellen nicht verstehst, ließ sie wieder und wieder und bedenke, es ist gut, selbst solche Teile der Schrift zu lesen, die du nicht verstehst, so wie es gut für ein Kind ist, seines Vaters Stimme zu hören, ob es Alles versteht, was sein Vater sagt oder nicht. Auf jeden Fall ist es eine Glaubensübung, zu wissen, daß Gott nie vergeblich spricht, selbst wo er nicht verstanden wird. Hört das Wort, bis ihr es versteht. Während ihr darauf horcht, wird das Verständnis allmählich eurer Seele aufgehen, sorgt nur, daß ihr mit offenem Ohr und willigem Herzen höret. Wenn ihr mit Gott redet, so laßt es nicht in einer toten Form sein, denn das ist eine Beschimpfung für den Allerhöchsten. Wenn das Herz nicht dabei ist, so ist es eben so schlecht, ein Gebet zu sprechen, als gebetslos zu sein. Wenn Jemand eine Audienz bei Ihrer Majestät erhielte und dann eine Bittschrift verläse, an welcher er keinen Anteil nähme, die in Wirklichkeit eine bloße Zusammenstellung von Worten bildete, so würde das eine Beschimpfung der schlimmsten Art sein. Hütet euch, daß ihr der Majestät des Himmels nicht solchen Schimpf antut!

III.

Den letzten Gedanken will eben nur fallen lassen, daß ihr ihn nach eurer Muße weiter ausbilden könnt - die Verwirklichung dieser zwei Arten der Gemeinschaft in der Person Jesu Christi. „Rufe mir und ich will antworten.“ Unendliche Majestät Gottes, rufe mir und frage (Im Englischen „ask“, was sowohl „fragen“, wie „bitten“, „verlangen“ bedeutet. A.d.U.), verlange Alles, was du fragen, verlangen kannst, und ich preise dich, daß ich eine Antwort für dich habe. Verlange von deinem armen Knechte Alles, was du von ihm fordern kannst, und er wird fröhlich Antwort geben. Brüder, fragt ihr erstaunt: Wie könnten wir ihm antworten? Die Antwort ist klar: indem wir Jesum vor ihn bringen. Unser Herr Jesus Christus ist des Menschen vollkommene Antwort an Gott. Die göttliche Gerechtigkeit verlangt den Tod als Strafe der Sünde. - Seht, der Sohn Gottes wird vom Kreuz herabgenommen, weil er unzweifelhaft tot war, wird in die Grabgewänder gehüllt und in Joseph's Grab gelegt. Gottes Gerechtigkeit verlangt Leiden, verlangt, daß der Sünder von Gott verlassen sei. Seht jenes Kreuz und hört den Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Großer Gott, du hast in Jesu all' das Leiden, das du verlangen kannst, selbst bis zum Tode. Gottes Heiligkeit verlangt gerechterweise ein Leben des Gehorsams: der Mensch kann vor Gott nicht gerecht sein, wenn er nicht dem Gesetz vollkommenen Gehorsam leistet. Seht unsere Antwort, wir bringen den tätigen und leidenden Gehorsam eines vollkommenen Heilandes und legen ihn zu Jehova's Füßen nieder - was kann er mehr verlangen? Er fordert ein vollkommenes Herz, und eine untadelhafte Persönlichkeit und er kann nicht mit weniger als einer vollkommenen Menschheit zufrieden sein. Wir bringen dem Vater seinen Eingeborenen, den Menschensohn, unseren Bruder; und hier ist unsere Antwort: da ist der vollkommene Mensch, das ungefallene Haupt des Geschlechts. O, gib dem Herrn niemals irgend eine andere Antwort, als diese. Was er auch von dir verlangt, bringe ihm deinen Heiland, er kann nicht mehr verlangen. Du bringest das vor ihn, was ihn vollkommen zufrieden stellt, denn er selbst hat gesagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Laß deine Antwort auf die Gerechtigkeit Gottes denn Christus sein.

Aber ich sagte, daß Christus auch dem Zweiten entspräche. Er ist Gottes Antwort an uns. Was habt ihr heute Morgen von Gott zu bitten? Seid ihr so weit weg von ihm, daß ihr fragt: „Wie kann ich selig werden?“ Keine Antwort kommt herab „von der großen Herrlichkeit,“ (2. Petri 1,17) als Jesus am Kreuze, das ist Gottes Antwort: „glaube an ihn und lebe“ : durch jene Wunden, durch jenen blutigen Schweiß, durch jenen Opfertod mußt du gerettet werden; blicke dorthin! Sagst du zum Herrn: „ich habe auch Christum getraut, aber bin ich der Seligkeit nun gewiß?“ Keine Antwort kommt, als: Christus, auferstanden von den Toten, um nicht mehr zu sterben. Der Tod hat keine Macht mehr über ihn und er hat gesprochen: „ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Der auferstandene Christus ist des Herrn Versicherung, daß wir für alle Ewigkeit geborgen sind. Fragt ihr den Herrn: „Wie sehr liebst du mich?“ Du hast eine große Frage getan, aber da ist eine große Antwort für dich. Er gibt seinen Sohn, seht, welch eine Liebe er uns erzeiget! Fragt ihr: „Herr, was willst du mir geben?“ Sein Sohn ist die Antwort auch auf diese Frage. Sehet diese Zeilen auf seinen blutenden Leib geschrieben: „Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns Alle dahin gegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht Alles schenken?“ Wollt ihr mehr wissen? Sagt ihr: „Was zeigst du uns für ein Zeichen, daß du solches tun mögest?“ Er gibt dir Christum im Himmel. Ja, wenn du fragst: „Herr, was soll dein Knecht sein, wenn du dein Gnadenwerk an mir vollendet hast?“ so weist er dich auf Christum in der Herrlichkeit, denn du sollst ihm gleich sein. Wenn du fragst, was deine Bestimmung in der Zukunft sein wird, so zeigt er dir Christum, wie er zum andern Male erscheint, ohne ein Sündopfer, zur Seligkeit. Lieber Freund, du kannst nichts von deinem Gott bitten, worauf er dir nicht sogleich in Jesu eine Antwort gibt. O, was für ein seliges Gespräch ist es, wenn des Christen Herz Jesus sagt und des Christen Gott Jesus sagt, und wie süß ist es, wenn wir zu Jesu kommen und in ihm ruhen, und Gott in Jesus ist und ihn auf ewig zu seiner Ruhestätte macht. So ruhen die Gläubigen und ihr Gott zusammen in demselben Geliebten. Möge der Herr unserer Betrachtung seinen Segen geben und diese Art der Gemeinschaft zu einer häufigen unter uns machen um Jesu willen. Amen.

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