Spurgeon, Charles Haddon - Wie wir die Lehre von der Erwählung aufnehmen sollen.

„Er antwortete aber, und sprach: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt. Sie kam aber und fiel vor Ihm nieder, und sprach: Herr, hilf mir.“
Mt. 15, 24.25.

Ihr, die ihr das liebevolle Herz des Herrn Jesus kennt, seid ganz gewiß, daß Er nie unnötigerweise eine Seele, die zu Ihm kommt, entmutigt. Dennoch antwortete Er ,ihr kein Wort.„ in dem vorliegenden Falle. Ist Jesus stumm, wenn das Elend ein Wort von Ihm erwartet? Der Freund der Menschen zieht gewöhnlich ein, ermutigt, freudig begrüßt, und doch schreit das eifrige Weib vergebens nach Ihm um Hilfe für ihre gequälte Tochter! Wir sind hierüber nicht beunruhigt. Wir kennen unseren Herrn zu gut, um Ihn in Verdacht eines Mangels an Liebe zu haben. Er spielt nicht mit einem verwundeten Vogel. Er hat keine Anwandlungen von Bitterkeit. Er würde nicht einmal den Schein auf sich laden, ein Herz, das in einem menschlichen Busen schlägt, zu entmutigen, wenn nicht irgendeine große Notwendigkeit dafür gewesen, irgendein gnadenvoller Zweck damit erreicht wäre. Niemand wird die Unverschämtheit haben, unseren göttlichen Herrn ungehöriger Härte gegen eine Seele, die seine Hilfe suchte, zu beschuldigen. Die Welt mag einige ihrer Prediger im Verdacht haben, daß sie hart und kalt sind wie jene Marmorkanzeln, die in diesen fröstelnden Zeiten unter den Leuten aufgerichtet sind. Man mag einige von uns mehr für empfindlich, als für empfindend halten, denn sind nicht einige von uns große, steinerne Geschöpfe, fast ohne Gefühl und unzugänglich? Die Leute mögen argwöhnen, daß wir wenig Liebe haben oder daß es uns an Ernst fehlt; sie mögen selbst andeuten, daß wir zu große Eiferer für Orthodoxie oder so mißtrauisch gegen unsere Mitmenschen sind, daß wir gern in harter und verbietender Weise mit ihnen reden, um sie uns wenigstens hundert Schritte fern zu halten. Ich weiß, sie halten uns für schlechte Väter, die eher zur Rute greifen als tröstende Teilnahme zu zeigen; und in diesem Punkt haben sie nur zu oft recht. Ich wollte, es wäre nicht so. Ihr mögt harte Dinge von uns, die seine Diener sind, voraussetzen; die Voraussetzung mag wahr sein, sie mag verleumderisch sein; aber ihr könnt nichts derartiges bei dem Herrn Jesus finden; Er ist so offenkundig liebevoll, gnädig, herzlich, daß ihr nicht den Mut haben könntet, Ihn zu beargwöhnen. Wenn Jesus euch je angenommen hat, so habt ihr dadurch einen unzweifelhaften Beweis seiner Zärtlichkeit empfangen, und nun vertraut ihr auf sein Mitleid. Ihr seid gewiß, daß Er das zerstoßene Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird, denn Er hat euch nicht zerbrochen und nicht ausgelöscht. Dennoch entmutigte Er dieses Weib. Nicht nur die Jünger taten es, sondern auch der Meister selber. Deshalb sage ich, daß eine verborgene Notwendigkeit dafür da gewesen sein muß. Es muß zu ihrem Besten gewesen sein, daß der sanfte Herr ihr mit so harten Worten und so entmutigenden Reden antwortete..

Ich glaube, daß wir, liebe Freunde, die geringen Nachfolger des Herrn Jesu Christi, verpflichtet sind, alle zu ermutigen, in denen etwas Hoffnungsvolles ist. Wenn immer wir eine irrende Seele finden, die ihr Antlitz heimwärts kehrt, sollten wir bereit sein, ihr die Hand zu bieten, um ihre schwankenden Tritte zu leiten. Doch wenn wir unserem Herrn nachahmen, können wir dahin geführt werden, schmerzende Dinge zu sagen, die gleich den Wunden von treuer Freundeshand ebenso scharf wie heilsam sind. Die Lippen der Liebe triefen nicht immer von Honig. Die Schmeichelei entzückt mit ihren süßen Worten, aber eine weise Liebe gebraucht oft einen sehr harten und schneidenden Ton. Es ist ein Hang unter gewissen gutmütigen Leuten, zu viel zu trösten und wichtige Wahrheiten zurückzuhalten aus Furcht, sie würden mißverstanden werden. Glorreiche Lehren, die unsere Väter stark machten, werden zurückgestellt aus Furcht, daß sie unbefestigten Gemütern zu Steinen des Anstoßes werden könnten. Wir kommen dahin, daß wir fast zu viel Kindernahrung haben; man siebt das Mehl durch so viele Siebe, daß keine Unze von dem knochenbildenden Stoff übrig bleibt. Wenn es immer weise wäre, zu trösten und zu ermutigen, so würde der Meister immer dabei geblieben sein; und da Er es nicht tat, so nehme ich an - und ich denke, niemand wird wagen, mir zu widersprechen - daß die Menschen noch etwas anderes nötig haben als Ermutigung. Lesen wir nicht, daß „alle Schrift, von Gott eingegeben, nütze ist zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit; daß ein Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“ Es gibt Wahrheiten, die nicht deshalb. zurückgehalten werden sollten, weil sie nicht ermutigen, denn ihr Zweck ist, zu strafen und zu bessern. Es gibt Wahrheiten, die zu gewissen Zeiten gesagt werden sollten, auch wenn sie zeitweilig den Eifer dämpfen oder die Hoffnung des Sünders, der zu Christus kommt, niederschlagen.

Wie unser Herr, so müssen auch wir stets die Errettung der Sünder wünschen, aber, wie Er, müssen wir weise dabei zu Werke gehen. Wir müssen große väterliche Zärtlichkeit gegen Sünder zeigen und sehr sanft sein wie ein Hirte mit den Lämmern ist; aber dennoch wird gerade diese Liebe, diese Zärtlichkeit den wohlunterrichteten Lehrer dahin leiten, vieles zu sagen, was der Schüler lieber nicht hörte. Unser Hirtenamt hat es nicht nur mit grünen Weiden zu tun, sondern auch mit dem Ort, wo die Schafe gewaschen und geschoren werden. Wir haben nicht nur zu trösten, sondern zu bessern; unsere Aufgabe ist die Erbauung, die häufig verfallene Stücke der Mauer niederreißt zur Sicherheit des ganzen Gebäudes; daher scheinen wir zuweilen Zerstörer zu sein, wenn wir in Wirklichkeit mit Gott zusammen erbauen. Unser Herr wußte, daß deutliche Rede über eine gewisse Wahrheit viele seiner Jüngern vertreiben würde. Bewahrte Er deshalb ein vorsichtiges Schweigen? Nein. Zu seiner Zeit sprach Er sich darüber aus, und wir lesen: ,Von dem Zeitpunkt an verließen viele seiner Jünger ihn und wandelten hinfort nicht mehr mit Ihm.“

Gehen wir jetzt daran, zu untersuchen, warum der Heiland zu diesem Weibe in dieser Weise sprach. Warum kündigte Er ihr etwas an, was durchaus nicht ihren Glauben fördern oder stärken konnte? Wir können im Weitergehen die Antwort lernen.

Unser Herr entmutigte das kananäische Weib durch die Lehre von der Erwählung. Ich gebe auch zu, daß ein Unterschied zwischen der Erwählung des Volkes Israel und der Erwählung einzelner ist; aber darauf gehen wir heute nicht ein. Der Punkt, auf den es ankommt, ist dieser: es war die Lehre von der Erwählung, die der Heiland diesem armen Weibe in den Weg warf. Er sprach zu ihr: ,Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt.„ Das war sicherlich genug, ihren Mut zu dämpfen, und doch stellte der Heiland diese Lehre vor sie hin.

Warum? Ich denke, Er tat es zuerst, zu dieser Zeit, damit die Lehre von Ihm und nicht von den Jüngern käme. Wenn ihr es nötig findet, daß jemand scharf getadelt wird, so beschließt ihr, es selbst zu tun. Ihr sagt zu euch selber: Wenn ich die Botschaft durch meinen besten Freund sende, so wird er etwas daran ändern; er wird sie schneidender machen, als ich beabsichtige, und doch die Hauptsache verfehlen; wird größeren Schmerz hervorrufen, als ich wollte, darum will ich die unangenehme Angelegenheit selbst abmachen.“ Und habt ihr nicht oft empfunden, daß das, was ihr zu sagen hattet, am besten von euch den Betreffenden mitgeteilt wird, ehe sie die Nachricht von anderer Seite her vernehmen. Ja, ihr, die ihr für Geist und Herz zu sorgen habt, wißt, daß es Zeiten gibt, in welchen ihr am liebsten alles Reden allein tun und jedes andere Telefon in der Welt verstopfen möchtet. Ihr kennt den Mann und die Wirkung, die eure Worte wahrscheinlich auf ihn haben werden, und deshalb möchtet ihr gern sein Ohr auf eine Zeitlang ganz allein haben.. Der Heiland wußte, daß diese Frau später hören würde, daß Christus nur zu Israel gesandt sei; und sie hätte es auf eine Art erfahren können, die ihren Geist weit mehr niedergedrückt hätte, als wenn Er selbst persönlich es ihr sagte. Darum sprach Er zu ihr: ,Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt.„ Das heißt, Christus, als Prophet hatte, so lange Er hier im Fleische war, nur einen Auftrag an Israel; und auf Israel beschränkte Er meist seine Arbeiten während seiner Lebenszeit. Ich vermute, daß Er ihr das selbst sagte, damit sie es nicht von anderswo her hören sollte. Es wird weise sein, wenn wir bei den armen Seelen, die hoffnungsvoll zu Christus kommen, Verstand und Weisheit gebrauchen und sie in die tieferen Wahrheiten unserer Theologie einführen; weil sie auf die eine oder andere Weise doch davon hören werden, und es besser ist, daß sie es zuerst durch liebevolle, zartfühlende Christen erfahren, als von harten, sorglosen, lieblosen Geistern, die ihre Freude an bloßen Worten und Phrasen haben. Ihr könnt diese jungen Leute nicht in einem Treibhaus einschließen; warum solltet ihr das auch wünschen? Es ist armselige Politik, die Wahrheit verbergen zu wollen. Es ist etwas Jesuitisches darin. Warum sollte diese besondere Wahrheit verborgen werden? Schämen wir uns ihrer? Wenn das so ist, so laßt uns unser Glaubensbekenntnis revidieren, aber im Namen allgemeiner Ehrlichkeit laßt uns nichts verbergen, was wir glauben. Je mehr Licht, desto besser. Je völliger die Wahrheit bekannt gemacht wird, desto sicherer wird Gutes danach kommen. Ich für meinen Teil danke Gott, daß ich die Lehren von der Gnade von Jugend auf kenne; sie sind der Stab meiner Mannesjahre gewesen, und ich glaube, sie werden der Ruhm meines Alters sein. Weit entfernt, mich der Gnadenwahl zu schämen, sie erweckt vielmehr die Begeisterung meiner ganzen Seele.

Ferner denke ich, daß Er ihr diese Wahrheit gerade zu der Zeit vor Augen stellte, weil sie sonst davon hätte hören können zu einer Zeit, in der sie in einer schlechteren Gemütsverfassung für ihre Aufnahme gewesen wäre. Jetzt war ihr ganzes Gemüt darauf gerichtet, eine Segnung von Christus zu empfangen. Ihr ganzes Herz war wach; ihre Seele war voll Feuer; ihr ganzes Wesen sehnte sich nach dem gewünschten Gut. Wenn sie zu irgendeiner Zeit eine solche abweisende Antwort ertragen konnte, so war es gerade jetzt. ,Wie weißt du das?“ fragt ihr. Ich weiß es durch eine Art von Instinkt. Diese Erzählung öffnet mir ein Fenster in die Seele des Weibes. Ich bin überzeugt, daß der Herr ihr nichts gesagt haben würde, was wie eine entmutigende Wahrheit aussah, wenn Er nicht wahrgenommen hätte, daß sie durchaus fähig ist, sie zu ertragen, und vielleicht besser fähig zu der Zeit als zu irgendeiner anderen. Ich meine, es ist große Weisheit darin, den Leuten zu einer geeigneten Zeit die Wahrheit mitzuteilen. Sprach nicht der Herr selber: ,Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.„ Gerade zu der Zeit waren die Jünger unfähig, diese vielen Wahrheiten zu tragen; deshalb war der Mund der Liebe für eine Weile stumm. Zu einer anderen Zeit teilte ihnen der Heiland, wie Er das auch bei uns tut, viel Weisheit und Verständnis mit und machte ihnen das Geheimnis seines Willens in vollerem Maße kund. Der Herr lehrt uns nicht alle Wahrheit auf einmal, sondern läßt uns allmählich in seine verborgenen Schatzkammern ein.

Ihr wißt, wie der Arzt, wenn er ein erblindetes Auge operiert hat, zum Patienten sagt: ,Ihr Sehvermögen ist vollständig hergestellt, aber während der nächsten Tage muß ich Sie bitten, in einem dunklen Zimmer zu sitzen. Ich werde Sie bitten, das Licht langsam aufzunehmen, damit Sie es sicher behalten.“ Unendlich ist die Weisheit des Heiligen Geistes in der allmählichen Erleuchtung der Seelen. Der Herr läßt nicht sogleich den Sünder den vollen Umfang seiner Sünde erkennen und gibt ihm keine volle Vorstellung von der ihm gebührenden Strafe; ebensowenig, denke ich, gibt Er ihm am Anfang schon alle Kenntnis von der vollständigen Vergebung seiner Sünde und den zahllosen Freuden, welche den begnadigten Sündern durch ihren Heiland Jesus Christus zuteil werden, sondern nach und nach, wie wir neugeborene Kinder füttern müssen, nicht mit Fleisch, sondern mit Milch; nach und nach, wie ihr die jüngeren Schüler in der Schule lehrt: ,Gebot auf Gebot, Gebot auf Gebot; Regel auf Regel, Regel auf Regel; hier ein wenig und da ein wenig„ (Jes. 28, 13). Seine Sendung zu dem Hause Israel war eine der Wahrheiten, welche, wie der Heiland sah, dies arme kananäische Weib zu lernen haben würde, und deshalb teilte Er ihr die Kunde davon mit, als sie Glauben genug hatte, über alle Entmutigung hinweg zu kommen und die Segnung zu erlangen, nach der ihr Herz begehrte.

Diese zwei Dinge sollten sich als lehrreich erweisen. Nun gehe ich weiter, um mit Seelen zu verhandeln, die so ziemlich in demselben Falle sind wie dieses Weib. Ich werde zuerst das entmutigende Wort betrachten, dann werde ich sie bitten, die lobenswerte Handlung dieses Weibes nachzuahmen. Denn, obgleich sie abgewiesen zu sein schien, so kam sie doch, ,fiel vor Ihm nieder, und sprach: Herr, hilf mir!“ Ehe ich schließe, möchte ich noch einige Gründe nennen, die denen, die durch diese wichtige Lehre, die ich soeben besprochen habe, beunruhigt sein sollten, nützlich sein werden. Komm, heiliger Tröster, und erfülle unsere Herzen mit himmlischer Freude in dieser frohen Stunde..

I.

Zuerst also das entmutigende Wort, das diesem Weibe gesagt wurde. Es war, wie schon gesagt, eine gewisse Form der Lehre von der Erwählung; die unzweifelhafte Wahrheit, daß Gott beschlossen hatte, den Samen Israels zu segnen durch die persönlichen Arbeiten und Zeugnisse seines Sohnes Jesus, und daß diese Segnungen zu der Zeit nicht zu dem Volke von Tyrus und Sidon gesandt waren.

Die Lehre von der Erwählung ist zu einem großen Schreckbild gemacht worden durch skrupellose Gegner und unverständige Freunde derselben. Ich habe viele ganz wunderbare Predigten gegen diese Lehre gelesen. In diesen fiel mir vor allem auf, daß der Redner mit dem Gegenstand seiner Rede nicht vertraut war. Ein wenig Kenntnis hätte den Verfasser schwankend und nachdenkend gemacht, und deshalb war sie wie Sauls Rüstung für David; er wollte lieber in seiner nackten Torheit vorwärts gehen. Die gewöhnliche Weise, eine Predigt gegen die Lehre von der Gnade zu verfertigen, ist diese: zuerst die Lehre übertreiben und falsch darstellen und dann dagegen argumentieren. Wenn ihr die erhabene Wahrheit darstellt, wie sie in der Bibel gefunden wird, nun, dann könnt ihr nicht viel dagegen sagen; aber wenn ihr eine Anzahl alberner Aussprüche von hitzigen Parteigängern sammelt und diese tadelt, dann wird eure Aufgabe leichter sein. Kleidet die Lehre an wie einen Popanz, und dann verbrennt ihn! Wie wunderbar viel ist von Menschen getan worden im Verbrennen von Figuren, die sie selbst ausgestopft hatten! Niemand glaubte je die Lehre von der Erwählung so, wie ich sie von Arminianischen Gegnern derselben habe darstellen hören. Ich wage zu sagen, daß niemand außerhalb des Irrenhauses je das geglaubt hat, was uns unterstellt wird. Ist es merkwürdig, daß wir ebenso eifrig die uns zugeschriebenen Dogmen tadeln, wie unsere Gegner es nur tun können? Warum geben sie sich alle Mühe, das zu bestreiten, was niemand verteidigt? Sie könnten sich sehr wohl die Mühe sparen. Unsere Freunde verabscheuen die Lehre, so wie sie selbst sie darstellen, und wir sind derselben Ansicht; obwohl die Lehre selbst, wie wir sie darstellen, uns teuer wie das Leben ist. Sie nehmen an, daß wir nie den Sündern ein freies Evangelium predigen können, während wir nie verfehlen, ihnen ein so freies und zugängliches zu predigen, wie es nur sein kann. Können sie uns sagen, wie wir die Predigt des Evangeliums verbessern können? Wir würden uns freuen, es zu lernen. Sie sagen, wenn wir ein freies Evangelium predigen, seien wir inkonsequent. Auf diese Beschuldigung können wir ohne Mühe antworten. Solange wir glauben, daß wir mit der Bibel übereinstimmen, kommt es uns nie in den Sinn, mit uns selber übereinstimmen zu wollen. An aller geoffenbarten Wahrheit festzuhalten, ist unser Wunsch, aber sie alle in ein symmetrisches Glaubensbekenntnis zusammenzupressen, geht über unser Vermögen hinaus. Wir sind solch arme, fehlbare Geschöpfe, daß wir, wenn wir einmal ein vollständig logisches System fabriziert hätten, sicher sein könnten, daß wir Stücke von Theorien und Massen von bloßen Vermutungen in das sonderbarste Machwerk hineingebracht hätten. In der Theologie leben wir durch den Glauben, nicht durch die Logik.

Wir glauben und sind sicher; aber in dem Augenblick, wo wir zu spekulieren beginnen, sind wir wie Petrus, der in den Wellen sank. Wenn wir uns einfach an das halten wollen, was das Wort Gottes sagt, so werden wir darin Wahrheiten finden, die sich scheinbar widerstreiten, aber doch immer miteinander übereinstimmen. Bei jedem Gegenstand ist eine Wahrheit, die einer anderen Wahrheit gegenüber steht: die eine ist so wahr wie die andere; die eine nimmt nichts von der anderen hinweg und stellt die andere nicht in Frage; aber die eine sollte sowohl ausgesprochen werden wie die andere und beide nebeneinander gestellt ihren Platz finden. Die zwei Wahrheiten bilden die große Straße der praktischen Wahrheit, auf welcher unser Herr geht, um die Menschenkinder zu segnen. Manche lieben es, auf einer Schiene zu fahren. Ich bekenne eine Parteilichkeit für zwei und würde nicht gern morgen einen Ausflug auf einer Eisenbahn machen, von der die eine Schiene abgenommen wäre.

Es muß mit Schmerzen zugegeben werden, daß die Lehre von der Erwählung viele entmutigt hat, die den Heiland suchten, aber die Wahrheit ist, daß es nicht so sein sollte. Richtig angesehen, ist sie ein in Seide und Gold gekleideter königlicher Herold, der den Unwürdigen frei verkündet, daß der König nach dem Wohlgefallen seines Willens Sünder annimmt. Wie hat sie einige von uns ermutigt! Was für ,Mark und Fett„ ist sie jetzt für uns, da wir nun den Herrn gefunden haben! Wir nähren uns davon wie von einer göttlichen Speise, welche die Seele erhält, kräftigt und befriedigt. Als ich zuerst zu Christus kam, war ich vollkommen zufrieden, wie einer der Hunde unter dem Tische zu sein, aber ich würde jetzt nicht damit zufrieden sein, da der Herr mich zu einem höheren Platze berufen hat. Nun, da ich eins seiner Kinder wurde, bin ich wie Lazarus, von dem wir lesen: ,Lazarus aber war einer von denen, die mit Ihm zu Tische saßen.“ Die gesegnete Lehre von der Erwählung ist für meine Seele wie ,Wein, in dem keine Hefen sind.„ Es ist eine bessere, tiefere und herrlichere Tat der göttlichen Liebe, als ich sie je zu erfahren hoffte. ,Milch gab sie, da er Wasser forderte, und Butter brachte sie dar in einer herrlichen Schale.“ Wir baten um Vergebung, aber Er gab uns Rechtfertigung; wir baten um ein wenig Barmherzigkeit, aber der Herr gab uns grenzenlose Gnade, ja, Gnade auf Gnade, und spricht: ,Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.„ Wenn ein Sünder die Lehre von der Gnadenwahl wirklich kennen würde, so würde er nicht vor ihr weglaufen, sondern geneigt sein, ihr in die Arme zu laufen. Dennoch scheint sie vielen jener dunklen Seite der Wolke zu gleichen, die der Herr den Ägyptern zuwandte; und deshalb will ich jetzt die Entmutigung betrachten, wie Christus sie diesem Weibe vor Augen stellte. Er sprach zuerst zu ihr: ,Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt.“ ,Ich bin gesandt,„ schien Er zu sagen, ,zu den Juden. Ich bin zum Hause Israels gesandt, aber ich bin nicht zu euch gesandt.“ Jene große Wahrheit hätte sie sicher früher oder später ausfindig gemacht, und wenn sie es später getan hätte, so hätte sie fürchten können, daß die Heilung ihrer Tochter ihr wieder genommen werden würde, weil sie mit der Sendung des Messias im Widerspruch stand.

Jesus läßt sie diese harte Wahrheit sofort wissen, damit dieselbe sie nachher nicht beunruhigen möge. Als sie die Heilung ihrer Tochter erhielt, sollte sie wissen, daß ihr diese in rechter und gerader Weise verliehen wurde und nicht aus einem Versehen des Mitleids oder des Mißgriffs der Barmherzigkeit. Sie sollte ein für allemal gewiß sein, daß der Herr Jesus sich nicht vergessen hatte, - daß Er genau die Beschränkung seiner Sendung während seines irdischen Lebens kannte, und daß Er wußte, was Er tat, als Er sie überschritt, und sich nicht durch das Ungestüm seines Geistes zu weit hatte treiben lassen.

Nun, es gibt eine Wahl Gottes. Der Herr hat ein Volk, das aus den Menschen erlöst ist. Der Herr Jesus hat ein Volk, von dem Er gesprochen hat: ,Sie waren Dein, und Du hast sie mir gegeben.„ Einige sind zum ewigen Leben verordnet und glauben deshalb an den Herrn Jesus Christus. Entmutigt dich dies? Ich sehe nicht ein, warum es das sollte. Warum solltest du nicht unter den Erwählten sein? ,Aber angenommen, ich wäre es nicht?“ sagt einer. Warum setzt du nicht voraus, daß du es bist? Du weißt nichts davon: warum deshalb überhaupt etwas voraussetzen? Das Voraussetzen aufzugeben würde etwas viel Vernünftigeres sein, als dir einen tödlichen Trank der Verzweiflung aus den wertlosen Hülsen bloßer Voraussetzung zurecht zu brauen. Ich habe genug zu tun, mich unter Tatsachen aufrecht zu halten, ohne mich mit Vermutungen zu überladen. Was Gott nicht geoffenbart hat, sind wir nicht verpflichtet, zu wissen. In der Tat, es scheint besser, daß wir in Unwissenheit bleiben, wo der Herr keine Belehrung gewährt. Der Herr hat ein Volk erwählt, das errettet werden soll, und ich freue mich, zu denken, daß Er dies getan hat, denn niemand kann beweisen, daß ich nicht zu der Zahl gehöre. Wenn es solche gibt, die der Herr retten will, so weiß ich auch, wer sie sind, denn Er sagt mir, daß es die sind, welche die Sünde bereuen, sie bekennen, sie aufgeben und an den Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben glauben. Dies wünscht meine Seele zu tun, und wenn ich es tue, so weiß ich, daß ich einer aus der erwählten Zahl bin und errettet werden soll. Was ist an dieser Lehre, das eine Seele entmutigen könnte? Doch entmutigt es einige. Wenn Leute im Dunkeln sind, so fürchten sie sich vor allem und jedem, vor einem Nichts! ,Da fürchteten sie sehr, wo nichts zu fürchten war.„ Wenn einmal jemand in niedergeschlagenem und nervösem Zustand ist, so bedeutet das Fallen eines Blattes eine Lawine, der geringste Schatten einer Wolke verkündigt das Auslöschen der Sonne, und ein Tropfen Regen ist der Anfang des Weltenbrandes! ,Sonderbare Behauptungen,“ sagt ihr. Doch nicht so sonderbar und unvernünftig, wie viele der Schlüsse, die die völlige Verzagtheit zieht. Ach, diese Beunruhigten, die fühlen, daß sie nicht errettet werden können, weil es ein Israel gibt, das Gott dazu erwählt hat, errettet zu werden!

Unser Herr stellte diesem Weibe etwas Schlimmeres vor, als die positive Tatsache der Erwählung Israels, nämlich die negative Seite der heiligen Wahl. Er sprach: ,Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt.„ Wir Prediger des Evangeliums haben sehr wenig über das zu predigen, wozu Christus nicht gesandt ist. Hier, fürchte ich, haben mit erbarmungsloser Logik bewaffnete Geister, die nicht durch Christus erneuert wurden, schwer gegen die Liebe Gottes gesündigt. Schriftgemäß behandelte Wahrheit ist eine heilige Arznei, aber schulgemäß behandelt kann sie zu einem tödlichen Gift werden. Arme, bußfertige Herzen, es ist nichts in dem göttlichen Ratschluß, was eines von euch von der Hoffnung ausschließen sollte. ,Ich habe nicht in das Verborgene geredet, im finsteren Ort der Erde. Ich habe nicht zum Samen Jakobs vergeblich gesagt: Sucht mich.“ Ungeachtet dessen kehrte der Heiland bestimmt die dunkelste Seite der Lehre dem Weibe zu, und sprach: ,Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt.„ Das Schlimmste bei ihrem Falle war: sie wußte, daß diese Erwählung, soweit Christus sie ausgesprochen hat, sie ausschließen mußte; denn Er sagte ihr, daß Er nur zu dem Hause Israel gesandt war, und sie wußte wohl, daß sie nicht zu diesem Hause gehörte. Sie war ein kananäisches Weib aus der Gegend von Tyrus und Sidon und deshalb bestimmt ausgeschlossen; und Jesus selbst hatte ihr das gesagt. Die Worte müssen wie eine Totenglocke in ihr Ohr geklungen haben. Wenn die Diener uns so etwas sagen, so können wir es vergessen, aber wenn der Herr sagt: ,Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt,“ dann muß die Sache in schierer Verzweiflung enden. Das arme kananäische Weib hätte ganz logisch mit Bitten aufhören und sagen können: ,Was mehr kann man tun? Ich kann nichts gegen sein eigenes Wort unternehmen.„ Doch sagte sie das nicht, sondern wie eine wahre Heldin drang sie mit ihrer Bitte vorwärts bis zu dem fröhlichen Ende. Ihr seht, sie hatte viel mehr Ursache zur Entmutigung, als ihr je haben könnt, denn ihr wißt nicht, daß ihr ausgeschlossen seid; es ist nichts in eurer Abstammung oder eurem Wohnort, was euch ausschließt. Ich denke nicht, daß irgendein Prediger euch das je gesagt hat; und wenn ihr je aus den Worten irgendeines Predigers zu dem Schluß gekommen sein solltet, daß für euch keine Hoffnung vorhanden wäre, so habt ihr kein Recht dazu gehabt. Ich habe niemals die Entmutigung einer einzigen Seele unter euch gewünscht. Weit lieber möchte ich sterben, damit ihr lebt. Aber wenn ihr bittere Worte im Herzen bewahrt und jämmerliche Schlüsse daraus gezogen habt, dann möchte ich euch antreiben, so vernünftig und tapfer zu sein, wie diese Frau war, die, als sie nicht von Dienern, sondern vom Herrn selber gehört hat, daß Er nicht zu solchen wie sie gesandt wäre, doch beharrlich vorwärts drang, zu Ihm kam, vor Ihm niederfiel, und sprach: ,Herr, hilf mir.“

Manche mögen heute zu mir sagen: ,Warum überhaupt von dieser Schwierigkeit reden?„ Ich rede davon, weil sie existiert. Sie quält und verwirrt viele Gemüter. Viele sind unruhig, und die Diener Gottes müssen über diese Unruhe mit ihnen sprechen. Gern wollte ich diese Befürchtungen in Ruhe lassen, wenn sie meine Hörer in Ruhe lassen wollten. Die ernste Tatsache der Vorherbestimmung tritt den meisten Menschen hier oder da entgegen; selbst auf den Pfaden der Philosophie kann man ihr nicht entrinnen; und wenn sie über wirklich fromme Seelen mit ihrem Dunkel kommt, so liegt ein großer Teil ihrer Macht, Schaden zu tun, in der Unwissenheit der Angegriffenen. Wenn wir besser unterrichtet wären, würden wir wahrscheinlich kein Geheimnis finden, wo jetzt alles Geheimnis ist. Die Menschen vergessen, daß die Vorherbestimmung Gottes sich auf alles bezieht; nicht bloß auf die geistliche, sondern ebenso gewiß auf die natürliche Welt. Doch lassen sie dies niemals ihrer Arbeit ums Brot, ihrem Streben nach Reichtum, ihrem Ringen nach Ruhm schaden. Warum wollen sie die Sache der Errettung ablösen von den zehntausend Sachen, die in demselben Ring mit einbegriffen sind? Warum wollen sie in anderen Dingen der gesunden Vernunft gemäß handeln, und in dieser Sache Maulwurfshügel in Berge verwandeln? Sie bilden sich ein, daß der Wille Gottes ein oder zwei Dinge festsetzt und alles übrige lose läßt; sie vermuten, daß Er freien Willen und Verantwortlichkeit wegnimmt und die Menschen zu Maschinen macht. Sie können nicht den göttlichen Plan verstehen, der den Willen des Menschen nicht einschränkt und doch den göttlichen Willen sichert; und sie können nicht sehen, wie alles nach dem freien Willen der Geschöpfe geht, als wenn kein Gott da wäre und Gott doch alles lenkt. Ich wünsche, daß dieser Gegenstand die Menschen nicht so quälte, aber es ist umsonst, solches zu wünschen. Er hat sie gequält von Anfang und wird sie quälen bis ans Ende.

Da wir Tatsachen nicht ändern können, müssen wir uns damit auseinandersetzen. Liebe unruhige Seelen, Jesus will, daß ihr ohne Furcht zu Ihm kommen sollt. Er fordert euch auf, Ihm zu vertrauen; ja, mehr, Er befiehlt euch, an seinen Namen zu glauben. Nichts, was Er gedacht oder verordnet oder bezweckt oder vorherbestimmt hat, zielt darauf ab, euch von Ihm zu treiben. Was immer die Vorherbestimmung sein oder nicht sein mag, dies eine ist gewiß: ,Christus Jesus kam in die Welt, die Sünder selig zu machen.“ Alles winkt zu seinem Kreuze und zu Ihm selber hin. Kommt und laßt euch durch nichts hindern, und wäre es auch nur für eine einzige Stunde.

II.

Nun beachtet die lobenswerte Handlung dieses Weibes. Wenn wir betrachten, was sie tat, kommen wir zu dem praktischen Teil des Gegenstandes. Und ich bemerke, daß sie keinen Augenblick versuchte, das zu leugnen, was Jesus gesagt hatte. Er sprach: ,Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt,„ und sie antwortete nicht: ,Herr, das ist nicht wahr.“ Sie stellte nichts in Frage, was Jesus behauptete, denn das wäre große Vermessenheit von ihrer Seite gewesen. Sie mäkelte nicht, wendete nichts ein und erhob keinen Widerspruch. Sie nahm das, was Jesus sagte, ohne weitere Erörterung an. Sie versuchte nicht zu sagen, es sei ungerecht, daß der Christus Gottes nur zum Hause Israel gekommen sei. Sie behauptete nicht, wie einige das schamlos getan, daß Gott mit dem einen wie mit dem anderen handeln müsse, sonst wäre bei Ihm Ansehen der Person. Alles derartige, was wir so oft gehört haben, lag ihrer Seele fern. Sie war still und unterwürfig in Hinsicht auf die Worte des Heilandes. Sie brachte nicht einmal vor, daß es ihr in diesem einzigen Falle erlaubt sein könnte, die Regel zu durchbrechen. Sie argumentierte gar nicht. Sie ließ die Wahrheit, die für sie so dunkel war, in der Hand Dessen, dessen Name Licht ist. Sie sieht die schwarze Wolke, aber sie geht hindurch und fühlt, daß es nichts weiter sein kann, als eine Wolke, und so fällt sie zu des Heilandes Füßen, und ruft: ,Herr, hilf mir. Ich verstehe dies nicht. Ich bin ganz im Dunkeln und in Verwirrung. Herr, hilf mir. Herr, ich bitte nicht um Verständnis, aber ich rufe um Hilfe. Setze mich in den Stand, zu glauben und die Segnung zu empfangen, laß die dunkle Wahrheit sagen, was sie will.„

Viele Leute haben ein so schwaches Urteil, daß sie, wenn sie mit einer Schwierigkeit zu kämpfen hätten, ehe sie errettet werden könnten, in dem Versuch umkommen würden. O, armes Herz, kämpfe überhaupt nicht mit der Schwierigkeit! Laß sie in Ruhe. Wenn es eine große Wahrheit für Männer ist, und du nur ein Kindlein bist und kaum das, so ersticke nicht an der Speise der Männer. Wenn ein großes Geheimnis dich beunruhigt, so fliehe zu Jesus Christus mit diesem Gebet im Munde: ,Herr, hilf mir. Ich habe eine Schwierigkeit vor mir, hilf meinem Verstande; ich bin verzagt, hilf meinem Herzen; aber vor allem, ich bin voller Sünde, hilf mir Armen und Betrübten und tue für mich, was ich nicht selbst für mich tun kann. Errette meine Seele und befreie mich.“

Nun, wir haben gesehen, was sie nicht tat, und darin ist sie bewundernswert; laßt uns nun sehen, was sie wirklich tat. Sie kam zu Jesus. Lest die Worte: ,Sie kam aber und fiel vor Ihm nieder.„

Zuerst, sie kam zu Jesus und machte keinen Umweg. Sie kam nicht zu Petrus oder zu Jakobus oder zu Johannes, sondern sie kam zu Jesus. Sie stand nicht still und schrie, wie sie es vorhin aus der Entfernung getan hatte, sondern sie kam zu Jesus, kam Ihm nahe und, ich zweifle nicht daran, erfaßte Ihn, als sie zu seinen Füßen niederfiel, als ob sie Ihn halten wollte. Sie kam zu Jesus. Nun, von allem weg, was unter dem Himmel ist, arme Seele, fliehe zu dem lebendigen, persönlichen Christus. Er lebt, Jesus Christus, der Heiland der Sünder, dessen Freude es ist, die Krankheiten, Schwächen und Gebrechen der Menschen zu heilen. Bleibt nicht stehen, ich bitte euch, bei den Lehren und Vorschriften oder Predigern oder Gottesdiensten; sondern kommt geradewegs zu Christus, dem lebendigen, persönlichen Heiland, der vom Herrn gesalbt ist. In Ihm liegt eure Hoffnung. ,Welchen Weg soll ich gehen?“ sagst du. Wenn es eine Sache des leiblichen Kommens wäre, so weiß ich, daß du, wenn die Straße auch lang und öde wäre, dich heute abend ohne Verzug auf den Weg machen würdest. Aber es ist ein geistiges Kommen. Du sollst zu Christus kommen, nicht mit den Füßen und Beinen, sondern mit dem Geist und dem Herzen. Denke daran, daß es eine solche Person gibt. Betrachte Ihn. Denke an Ihn. Glaube Ihm. Ehre Ihn, denn Er ist der Sohn des Höchsten. Traue Ihm, denn Er ist ,mächtig zu erretten.„ Dies heißt zu Ihm kommen. Da Er ein Heiland ist, laß Ihn sein Amt an dir erfüllen. Du hast sehr nötig, errettet zu werden, gib Ihm die Gelegenheit, zu zeigen, was Er tun kann. Sage zu deiner Seele: ,Ich bin der größte Sünder; verloren und verderbt. Siehe, ich komme zu Ihm. Wenn ich umkommen soll, so will ich umkommen, während ich Ihm vertraue.“ Es kann nicht sein, daß eine Seele stirbt, die sich auf Jesus verläßt; eher wird Himmel und Erde vergehen, als daß Jesus es unterläßt, die Seele zu retten, die Ihm vertraut.

Das Weib kam sofort zu Jesus, nachdem Er dies entmutigende Wort gesprochen hatte. Wir lesen im Text: ,Da kam sie.„ ,Da kam sie und betete Ihn an.“ Was, da? Als Er sie fortzutreiben schien? Da? Er hatte ihr ja gerade gesagt, daß Er nicht zu ihr gesandt sei. ,Da kam sie.„ Er hatte gerade eine sehr geheimnisvolle und entmutigende Wahrheit ausgesprochen, aber ,da kam sie.“ Die Art Glauben, die nur zu Christus kommt an einem Sommertage unter den Lilien des Feldes, ist nicht viel wert. Blumen und Schmetterlinge und alle Dinge, die von der Ruhe und dem Glanze kommen, sind bald dahin; wir brauchen eine Hoffnung, der der Frost nicht schaden kann. Das ist der Glaube, der zu Jesus kommt in der Mitte des Winters, wenn die Kälte schneidend ist und der Sturm die Schneeflocken umherwirbelt. Das ist der Glaube, der die Seele errettet - der Glaube, der sich trotz aller Unwetter zu dem Heiland wagt. Der errettende Glaube lernt Widersprüche glauben, über Unmöglichkeiten lachen und zu sagen: ,Es kann nicht sein, aber es wird doch sein.„ Unsere arme Freundin, die von unseres Herrn Wort zurückgewiesen wurde, wurde doch im Verborgenen durch seinen Anblick aufrecht gehalten. Was kann ein Wort sein im Vergleich mit einer Person - im Vergleich mit der Person Jesu, des Sünderfreundes? Sie glaubt Ihm eher als seiner Redeweise. Er sagt, daß Er nicht gesandt sei, aber Er ist da; Er sagt, daß Er nur zu den verlorenen Schafen vom Hause Israels gesandt sei, aber Er ist da. Er ist hierher gekommen, wo vom Hause Israel keine sind. Sie scheint zu sich zu sagen: ,Ob Er gesandt war oder nicht, hier ist Er. Er ist unter Tyrer und Sidoner gekommen, und ich bin zu Ihm gekommen, daher ist Er durch seinen Auftrag nicht von mir zurückgehalten. Ich verstehe seine Sprache nicht, aber ich verstehe den Blick seines Angesichtes, ich verstehe sein Benehmen. Ich verstehe das Gewinnende seiner gesegneten Erscheinung. Ich kann sehen, daß Mitleid in dem Sohne Davids wohnt. Ich bin gewiß, daß Ihm die Macht gegeben ist, meine Tochter zu heilen; und hier ist Er. Ich weiß, was seinen Auftrag anbetrifft, nichts, aber ich kenne Ihn selber und will Ihn doch noch anflehen. So kam sie zu Jesus, und warum solltet ihr das nicht auch tun? Nun, Seele, ist dies die schwärzeste Nacht, die je über dir hing? Komm jetzt zu Jesus. Bist du ganz gewiß, daß dein Fall ein hoffnungsloser ist? Ganz gewiß, daß dein Schicksal besiegelt ist? Hast du dein eignes Todesurteil geschrieben? Hast du einen Bund mit dem Tode und ein Bündnis mit der Hölle gemacht? Bist du gewiß, daß du verdammt sein wirst, ehe das Morgenlicht auf dich strahlt? Dann komm jetzt zu Jesus! ,Da kam sie.“ Das ist die Sache - zu Jesus zu kommen, wenn Er ein gezogenes Schwert in der Hand hat, wie Bunyan es ausdrückt - zu Christus kommen, wenn Er finster blickt - zu Christus kommen, wenn alles sagt: ,Bleibe zurück.„ ,Da kam sie.“ Tapferes Weib! Ich will das Gleiche tun.

Aber nun beachtet, wie sie kam. ,Da kam sie und betete Ihn an.„ Mein Herz ist sehr froh. Ich wünschte, ich könnte die Szene malen. Sie hielt nicht inne, um die schwierige Frage zu lösen, mit der Er sie prüfte; sondern sie blickte Ihn an und sie kam zu Ihm, und als sie Ihm nahe kam, tat sie das Beste, was sie tun konnte - sie betete Ihn an. Auf ihr Angesicht fiel sie nieder vor Ihm, und als sie aufblickte, war es mit einem Blick tiefer Ehrfurcht und kindlichen Vertrauens. Gelobt sei sein Name: wenn wir Ihn nicht verstehen können, so können wir Ihn doch anbeten.

Nun, ihr habt über euch selbst nachgedacht, und je mehr ihr dies tut, desto mehr werdet ihr verzagen und verzweifeln. Unmöglich könnt ihr auf diesem Wege Trost finden. Wäre ich an eurer Stelle, so gäbe ich dieses Nachdenken auf und begänne nun an Jesus, den Sohn Gottes, den Heiland der Menschen, zu denken. ,O, aber ich bin ein solcher Sünder!“ ,Ja, und Er ist ein solcher Heiland!„ ,Ich bin so schwarz!“ Aber Er kann uns weißer denn Schnee machen. ,Ach, ich verdiene sehr seinen Fluch!„ Ja, aber Er wurde für uns zum Fluch gemacht, denn es steht geschrieben: ,Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt“. Durch seinen Tod hat der Herr diesen Fluch weggenommen. Schaut Ihn denn, wie Er am Kreuze die menschliche Sünde austilgt, und sieh', ob du nicht das Beispiel des Weibes nachahmen kannst: ,da kam sie und betete Ihn an.„ Nun, versuche es, arme, furchtsame Seele, versuche es und bete Ihn an. Dies ist eine Huldigung, die ein demütiges Herz in annehmbarer Weise darbringen kann. Ein dünkelhaftes Herz will alles eher tun als anbeten. Stolz und Selbstsucht und Empörung können nicht anbeten; aber demütige Herzen fühlen sich glücklich dabei. O, daß du dich jetzt mit mir vor dem Lamme Gottes beugen wolltest! Bete Ihn jetzt an! ,Hochgelobter Sohn Gottes! Hochgelobter Sohn Gottes! Daß Du je ein Mensch für Menschen wurdest und anstelle der Sünder starbst! O, Deine Liebe! Deine wunderbare Liebe! Und Du bist jetzt zur Herrlichkeit eingegangen. Nun sitzt Du zur Rechten Gottes, und da bete ich Dich an als meinen Herrn und Gott. Wenn ich Dich nicht meinen Heiland nennen darf, so sollst Du doch mein Gott sein. Wenn ich mich nicht in Dir freuen darf, so will ich Dich wenigstens anbeten.“ Dies ist heilige Rede. Es ist ein Wohlgeruch dabei, den der Herr liebt. Auf diese Weise wird euch der Glaube zuteil werden und Leben, Friede und Ruhe zu euch kommen. Dieses zitternde kananäische Weib ,kam zu Ihm und betete Ihn an.„ Folgt ihr nach und nehmt teil an ihrer Seligkeit.

Dann beachtet ihr Gebet. Jemand hat die treffende Bemerkung gemacht, daß, wenn man auf einem unsicheren Stück Eis wäre und nicht ans Ufer kommen könnte oder fürchtete, es nicht zu können, so würde eins der besten Mittel sein, auf allen Vieren so behutsam wie nur möglich weiter zu kriechen, um vom Eis wegzukommen und irgendwie das Ufer zu erreichen. Dieses Weib verfährt so. Sie fällt platt auf jene furchtbare Wahrheit nieder, die sie nicht verstehen kann. Sie betet Ihn an und verehrt Ihn, der so sprach, und legt sich so mit ihrer ganzen Schwäche auf jedem nur möglichen Ruheplatz nieder, und kommt sicher ans Ufer. ,Herr,“ so sagt sie, ,hilf mir. O, weise mich nicht zurück, sondern hilf mir. Herr, verlaß mich nicht, sondern hilf mir. Was immer Du mir zu sagen hast, sage es, und ich will Dich verehren, während Du es sagst

„Und wolltest Du mich, Herr, auch töten,
So will ich dennoch Dir vertrau'n;
Du hilfst mir doch aus allen Nöten,
Drum soll mein Aug' auf Dich nur schau'n.“

Aber, Herr, hilf mir.„ Mein lieber Zuhörer, tue das und tue es jetzt. Keine Lehre wird dich lange beunruhigen; sicherlich nicht. Im Gegenteil, du wirst fragen, weshalb du dich je durch sie beunruhigen ließest. Läßt du dich je durch die Vorherbestimmung in Sachen deines täglichen Geschäfts beunruhigen? Morgen hoffst du ein paar Mark in deinem täglichen Berufe zu verdienen, aber es mag sein, daß du es nicht tun wirst, du magst sie verlieren. Warum sagst du nicht zu dir selber: ,Es mag sein, daß die Vorsehung Gottes es so angeordnet hat, daß ich morgen nichts verdienen werde; deshalb werde ich zu Hause bleiben und nichts tun.“ Nun, du bist kein solcher Tor. Du wirst deinen Laden öffnen, deine Waren ausbreiten und dein Bestes zu tun versuchen; oder du wirst in deinem Berufe ausgehen und deinen gewöhnlichen Lohn erwarten. Laß die Vorsehung Gottes tun, was sie will, deine Sache ist, zu tun, was du kannst. So ist es mit einer armen, suchenden Seele; dieser Seele Sache ist es, den Herrn tun zu lassen, was Er will, aber mittlerweile zu schreien: ,Herr, hilf mir.„ Ganz unterwürfig, aber von Herzen anbetend, liege zu Jesu Füßen, und glaube, daß dieser göttliche Heiland jede Seele, die an Ihm hängt, erretten muß und will. Dies ist der Weg der Weisheit, folge ihm. Gott helfe dir, es zu tun, und es sogleich zu tun. Ich denke nicht, daß ich mehr zu sagen brauche, um euch zu trösten, denn dies mag wohl genügen, wenn der Herr euer Herz geneigt machen wird, sogleich sein Angesicht zu suchen. Denkt aber daran, daß es nie eine Seele gab, die zu Christus kam und von Ihm verstoßen wurde. Denkt auch daran, daß es niemals eine solche Seele geben kann, denn Er hat gesagt: ,Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Denkt auch daran, daß jede Seele, die jemals zu Christus kam, deshalb kam, weil der Vater sie gezogen hatte, und daß jede Seele, die kam, nachher fand, daß es eine Gnadenwahl gebe, in der sie mit einbegriffen sei. Sogar dieses arme Weib erwies sich als eine, für die Christus gesandt war, um sie zu segnen.

Obwohl Er, allgemein gesprochen, während seiner Lebenszeit zu dem Samen Israels kam, gerade wie die Propheten zu Israel kamen, so war es doch kein Wunder, daß Ausnahmen bei Ihm stattfanden, da auch bei den Propheten einige Ausnahmen stattfanden. Es waren viele Witwen in Israel zur Zeit des Elias, aber zu keiner von ihnen wurde der Prophet gesandt, ausgenommen zu einer in Sarepta, derselben Stadt, aus welcher dies Weib kam. Viele Aussätzige waren in Israel in den Tagen des Elisa; doch wurde keiner geheilt außer Naeman, der Syrer. Naeman gehörte gar nicht zu dem bevorzugten Volke, sondern war ein Fremder aus weiter Ferne, und doch erhielt er den Segen der Heilung von dem Gott Israels. Die Wahl Gottes in Bezug auf diese zeitlichen Dinge schien alle, außer dem Samen Israels, auszuschließen, aber es schien nur so; es waren stets einige Fremde in der erwählten Linie; und deshalb bewirkte diese besondere Form der Erwählung, die darin bestand, daß unseres Herrn persönliches Predigtamt nur für die Juden war, doch nicht den Ausschluß dieses armen, gläubigen Weibes. Zu ihr war Jesus Christus offenbar gekommen in der erwählten Linie, denn Er war da! Er war außerhalb seiner eignen Grenze! Er war zu ihr gekommen! Nun, in diesem Augenblick, was ihr auch von dieser oder jener Lehre denken mögt, ist Jesus Christus zu euch gekommen. Ich habe euch seine Wahrheit gepredigt, und ihr habt sie gehört. Ja, und ihr habt etwas von ihrer Kraft gefühlt. Gebt ihr nach, ich bitte euch. Wenn ihr nachgebt, und zu Ihm kommt und Ihm vertraut, dann freut euch, daß das Seil der erwählenden Liebe um euch herum gezogen wird. Ihr seid sein. Ihr könntet nicht und würdet nicht zu Ihm im Gebet und einfachen Glauben gekommen sein, wenn es nicht so gewesen wäre. Euer Kommen zu Ihm beweist, daß seine ewige Liebe von alters schon euch zugewandt war. Geh' heim, o Weib mit traurigem Gemüt, und sei nicht mehr betrübt. Der Herr segne euch, um Christi willen. Amen.

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