Spurgeon, Charles Haddon - Welche sind erwählt?

„Und der Herr sprach: Auf und salbe ihn, denn er ist es.“
1. Sam. 16, 12.

Samuel war nach Bethlehem gesandt, um den von Gott Erwählten aufzusuchen. Dies wäre eine sehr schwierige Aufgabe gewesen, wenn der Gott, der ihn sandte, ihn nicht begleitet und mit der sicheren Stimme der Inspiration zu ihm gesprochen hätte, sobald der Erwählte vor ihm stand. Brüder, es ist weder eure Aufgabe, noch die meine, zu erraten, wer die Erwählten Gottes sind, abgesehen von Merkmalen und Zeugnissen. Was in den Ratschlägen der Ewigkeit getan ward, ehe die Welt geschaffen war, ist in dem Geiste Gottes verborgen, und wir dürfen nicht neugierig uns eindrängen, wo die Hand der Weisheit die Tür verschlossen hat. Doch wird durch die Predigt des Wortes die verborgene Wahl Gottes enthüllt. Wir predigen das Evangelium aller Kreatur unter dem Himmel; wir verkünden Gottes Drohungen und Verheißungen jedem Sünder, und wir rufen: „Blickt auf Jesum, so werdet ihr errettet, alle Enden der Erde.“ Dies Evangelium ist es, durch Gott den Heiligen Geist, welches die Erwählten Gottes herausfindet, indem sie seine lebendigmachende Kraft fühlen und von den geistlich Toten erweckt werden. Das Evangelium ist eine Worfschaufel, die, während sie die Spreu hinwegtreibt, den Weizen auf der Flur läßt. Das Evangelium ist wie das Feuer des Goldschmiedes und wie die Seife der Wäscher, es nimmt alles Fremdartige und Wertlose hinweg, aber es enthüllt das Kostbare und das Reine. Wir haben keinen andern Weg, um als Prediger die Heiligen Gottes zu erkennen und die Guten von den Schlechten zu sondern, als den, treu die Wahrheit, wie sie in Jesu ist, zu predigen und ihre Wirkungen zu beobachten. Was uns selbst betrifft; so können wir unsern eignen Beruf und Erwählung erkennen und fest machen. Paulus sagte von den Thessalonichern, er wisse, daß sie von Gott auserwählet seien; und wir können die Erwählung andrer bis zu einem hohen Grade der Wahrscheinlichkeit erkennen an ihrem Wandel und Betragen; und unsrer eignen Erwählung gewiß sein, sogar bis zur Unfehlbarkeit, durch das Zeugnis des Geistes in unserm Innern, daß wir von Gott geboren sind. Wenn unser Herz durch den Heiligen Geist erneuert ist, wenn wir zu neuen Kreaturen in Christo Jesu gemacht sind, wenn wir mit Gott versöhnt und von toten Werken erlöst sind, so können wir wissen, daß unsre Namen in dem Lebensbuche des Lammes geschrieben waren, ehe denn der Welt Grund gelegt ward.

Heute morgen will ich von der Weise reden, in der wir die Erwählten erkennen können, und die Erwählung Davids dabei in einigem Maße zum Leitstern machen.

I.

Ich möchte gleich am Anfang eure Aufmerksamkeit auf die Überraschung aller lenken, als sie fanden, daß David, der Geringste in seines Vaters Hause, der von Gott Erwählte, ein König über Israel sei.

Beachtet, daß seine Brüder keine Idee davon hatten, daß David erwählt werden würde; ein solcher Gedanke war nie in ihren Kopf gekommen. Wenn die Frage unter ihnen aufgeworfen worden wäre: „Wer unter euch wird je das Königreich erlangen?“ so hätten sie einen von den andern sieben erwählt, aber sicherlich ihren Bruder David übergangen. Er scheint von seinen Brüdern gänzlich verachtet worden zu sein. Eliah redet ihn in höhnischem Tone an, als er in den Eichgrund kommt: „Ich kenne deine Vermessenheit wohl und deines Herzens Bosheit, denn du bist herabgekommen, daß du den Streit sähest.“ Diese Redeweise war wahrscheinlich die, deren er sich gewöhnlich gegen den jungen Mann bediente. Ich nehme an, daß David viel für sich allein war. Die Vergnügungen der Sieben waren oft so, daß er nicht daran teilnehmen konnte. Er war kein Gefährte für sie. Wenn sie irgend eine ungerechte oder unerlaubte Tat getan; wenn sie, wie es von einer Schar von sieben jungen Männern wahrscheinlich ist, kühn auf den Wegen sündiger Lust wandelten, so folgte David dem Beispiel Josephs und rügte sie dafür und fiel deshalb in Verachtung bei ihnen. Er war mit seiner Herde am Bergesabhang, wenn sie bei ihren Bechern lustig waren; sein Buch und seine Harfe waren sein Trost, Betrachtung war seine große Wonne und sein Gott seine beste Gesellschaft, während seine Brüder kein Vergnügen an göttlichen Dingen fanden. Er konnte gleich unserm Herrn sagen: „Um deinetwillen trage ich Schmach, mein Angesicht ist voller Schande. Ich bin fremd geworden meinen Brüdern und unbekannt meiner Mutter Kinder.“ (Ps. 69, 7. 8.) Wie Joseph war er „der Träumer“ der Familie nach dem Urteil der übrigen. Sie hielten ihn für mondsüchtig, wenn er die Himmel betrachtete und nannten ihn wahnwitzig, wenn er Tag und Nacht über Gottes Gesetz nachdachte. Nun, du lieber Freund, den ich jetzt anrede, magst einer von denen sein, die Gott mit dem Blick der Liebe angesehen hat, ehe denn der Welt Grund gelegt war, und doch magst du in der Familie, zu der du gehörst, übersehen und vergessen sein. Deine eignen Brüder haben sich eine sehr geringe Meinung von deinen Fähigkeiten gebildet und empfinden vollkommene Verachtung für die Eigentümlichkeit deines Charakters. Du bist wie ein gesprenkelter Vogel unter deinen eignen Verwandten; du kannst dich nicht an dem erfreuen, woran sie sich erfreuen; deine Neigung und deine Sehnsucht laufen in einer ganz andern Richtung als die ihrigen. Laß ihre Verachtung nicht dein Herz brechen. Gedenke daran, daß David einst in derselben Lage war, und es war noch ein andrer da in jener alten Zeit, auf dessen Scheitel die Segnungen von den ewigen Bergen herabkamen, obgleich er von seinen Brüdern ausgesondert war; und ebenso mag des Himmels segenbringendes Lächeln noch auf dir ruhen, denn der Herr „sieht nicht, wie ein Mensch sieht.“ Die, welche von den Menschen verworfen werden, sind oft die von Gott Geliebten.

Es ist noch schmerzlicher, zu bemerken, daß Davids Vater keine Idee von Davids Vortrefflichkeit hatte. Ein Vater hat von Natur mehr Liebe zu seinem Kinde, als ein Bruder für seinen Bruder, und häufig ist das jüngste Kind der Liebling; aber David scheint nicht der Günstling des Vaters gewesen zu sein. Isai nennt ihn den Kleinsten, und wenn ich das Wort verstehe, das er im Hebräischen braucht, so liegt darin etwas mehr, als daß er der Jüngste war; er war der Geringste in der Meinung des falsch urteilenden Vaters. Es ist seltsam, daß er ihn wegließ, als die übrigen zu dem Feste aufgefordert wurden, und ich kann Isai nicht von einem Fehler freisprechen, daß er es unterlassen hat, seinen jüngsten Sohn herbei zu rufen, da das Fest eine besondere religiöse Feier war. Bei einem Opfer sollten alle gegenwärtig sein; wenn der Prophet kommt, sollte keiner fehlen, und doch ward es nicht der Mühe wert gehalten, David zu rufen, obgleich man denken sollte, daß ein Knecht die Schafe hätte hüten und die ganze Familie sich bei einer so feierlichen Gelegenheit versammeln können. Dennoch ward kein Sohn auf dem Felde gelassen außer David; alle andern waren versammelt. Es geschieht zuweilen (aber, o wie unrecht ist es!) daß einer in der Familie übersehen wird, sogar von seinem Vater in seinen Hoffnungen und Gebeten. Der Vater scheint zu denken: „Es mag Gott gefallen, Wilhelm zu bekehren; er mag Maria berufen; ich hoffe, wir werden Johannes aufwachsen und uns Freude machen sehen; aber Richard oder Sara! nun, ich weiß nicht, was aus denen werden wird.“ Wie oft werden Eltern zu bekennen haben, daß sie falsch geurteilt, und daß der, auf den sie das schwarze Merkzeichen gesetzt, doch noch die Freude und der Trost ihres Lebens geworden und ihnen mehr Befriedigung gewährt, als alle andern zusammengenommen. Bist du ein solcher, junger Mann? Bist du dir schmerzlich bewußt, daß du nur einen schmalen Anteil an deines Vaters Herzen hast? Sei nicht niedergeschlagen und unglücklich darüber und laß dein Herz nicht brechen. Es geht dir, wie es David vor dir ging, und wenn er, der bevorzugte Knecht Gottes, der Mann nach dem Herzen Gottes, sich seine Stellung gefallen lassen konnte, so sei du nicht zu stolz, darin zu verharren, denn wenn dein Vater und deine Mutter dich verlassen und der Herr dich aufnimmt, so wird Er dir besser sein, als die besten Eltern.

Es ist auch klar, daß Samuel, Gottes Diener, zuerst keine Vorstellung von Davids Erwählung hatte. Die Brüder gingen einer nach dem andern vorüber, und Samuel, der sein menschliches Urteil gebrauchte, war bereit, jeden andern eher zu wählen als David. Der Diener Gottes hat, wenn er wirklich berufen und gesandt ist, eine Sehnsucht in seiner Seele, Gottes Erwählte aus ihrer Verborgenheit herauszubringen. Sein Auge ist rasch, die ersten Zeichen der Gnade in einer neuerweckten Seele wahrzunehmen. Aber zuweilen täuscht der christliche Prediger sich. Er berät sich mit Fleisch und Blut und wählt den Eliah aus, den Mann mit einem schönen Äußern'. dessen edles Antlitz etwas über das gewöhnliche Maß hinaus verrät, dessen ganze Gestalt so trefflich gebildet ist, daß man ihn mit Wohlgefallen anblickt. Wie wahr ist es, daß der Herr keinen Gefallen hat an jemandes Beinen. Die Gaben der persönlichen Erscheinung werden oft Schlingen anstatt Segnungen; „lieblich und schön sein ist nichts.“ Der Herr hat nicht Eliah erwählt. Dann wird auch der Rang dem Prediger vor Augen kommen, und wenn er jemand von hohem Stande freudig dem Evangelium zuhören sieht, so ist er sehr geneigt, zu denken: „Gewiß, der Herr hat ihn erwählt.“ Aber wie oft sind diese nur Zugvögel in unsern Versammlungen, die niemals lange genug weilen, um ein Nest in unserm Heiligtum zu bauen. Bloße Neugierde bringt sie, und eine andre Neugierde führt sie anderswo hin. Gewiß, der Herr hat nicht oft diese Abinadabs erwählt. Wiederum sind andre so sehr gebildet, daß sie, wenn das Wort gepredigt wird, den Stil, in dem es vorgetragen, zu würdigen wissen, und ihre Bemerkungen darüber sind so vernünftig und umsichtig, daß der Prediger leicht sagt: „Gewiß, der Herr hat diese erwählt!“ Und wie häufig sind doch die Gebildeten zu stolz, die einfachen Dinge Christi zu glauben, und die geistig Bedeutenden wenden dem Evangelium den Rücken, weil es kaum fein genug für ihren Geschmack ist. Zuzeiten fühlen wir uns sicher, jetzt den rechten Mann getroffen zu haben, denn wir sind eingenommen von unseres Hörers liebenswürdigem Gemüte und freuen uns seiner Weichheit und der Empfänglichkeit seiner Seele für religiöse Eindrücke; und doch haben wir uns getäuscht. Viele liebliche Blüten werden niemals Früchte, und hoffnungsvolle Schößlinge erweisen sich nicht als Pflanzen, welche die rechte Hand des Herrn gepflanzt hat und werden ausgerottet. Zuzeiten hören wir auch solche schöne Unterredung über Religion, daß wir den Schluß ziehen: „Nun haben wir die Erwählten des Herrn gefunden.“ Wir haben in Gesellschaft andrer gesessen und haben junge Männer fromme Ausdrücke brauchen hören, die keine gewöhnliche Tiefe der Schriftkenntnis andeuteten; wir haben sie beten hören und ihre großen Gaben im Gebet bewundert; sie haben in religiösen Versammlungen geredet und mit großer Geläufigkeit gesprochen und unser Herz hat gesagt: „Gewiß, der Herr hat diese erwählt!“ und doch werden meine Brüder im Predigtamt auch sagen, daß von den vielen Hoffnungsvollen, die an ihnen vorübergehen, sie viele gefunden, die fast ihr Herz brachen und wenige, die ihnen betreffs ihrer Bekehrung zu Gott wirkliche Befriedigung gaben. Mittlerweile war gerade der, den wir übersahen, der Kleinste, der David es, auf den der Segen Gottes fiel. O, einige von euch haben unsern Worten diese zehn Jahre lang und mehr zugehört, und es hat wieder und wieder Eindruck auf euch gemacht. Wir dachten oft, ihr müßtet die Erwählten Gottes sein, wenn wir eure Tränen und eure ersichtliche Bewegung sahen, aber bis jetzt seid ihr noch ohne irgend ein Zeugnis von eurer Erwählung. Andrerseits ist ein Trunkenbold an diesen Ort geraten und eine Hure hat sich in jene Gänge hinein verirrt, und die mächtige Gnade Gottes hat sie bekehrt, und sie freuen sich nun der vollen Vergebung ihrer Sünden, während ihr noch „voll bitterer Galle und verknüpft mit Ungerechtigkeit“ seid. Wie wahr ist das Wort: „Die Zöllner und Huren mögen wohl eher ins Himmelreich kommen, denn ihr.“ Wie unvergleichlich ist die Machtvollkommenheit Gottes! „Wie unerforschlich sind seine Wege!“ Die Ärmsten, die Ungelehrtesten, die Geringsten und Niedrigsten, die Narren, die Kindlein, das Verachtete, ja „,das da nichts ist“ erwählt Er, um zunichte zu machen, was etwas ist „,auf daß sich kein Fleisch vor Ihm rühme.“ Ich glaube, als David gesalbt wurde, war einer da, der noch erstaunter war als sogar seine Brüder, sein Vater und der Prophet - und das war er selbst. Er war vielen ein Wunder, aber am meisten sich selber. Er hatte unter den schattigen Bäumen mit Gott Gemeinschaft gehabt; er hatte das Lob Jehovahs in der Wüste gesungen, wo er seine Herden weidete, am Ufer des Wassers hatte er seine Harfe gestimmt und die Felsen von den lieblichen Melodien seiner dankbaren Seele widerhallen lassen; aber er träumte nie davon, ein König zu sein. Wenn ein Prophet zu ihm gesagt hätte: „Der Herr wird dich von dem Hüten der Schafe wegnehmen, um Herrscher über sein Volk Israel zu sein, und Er wird mit dir sein, wohin du gehst und deine Feinde vor dir vertilgen und dir einen Namen machen gleich dem Namen der Großen, die auf Erden sind,“ so würde er ausgerufen haben: „Wer bin ich, Herr, Herr, und was ist mein Haus, daß Du mich bis hierher gebracht hast? Ist das die Weise der Menschen, Herr, Herr?“ So, lieber Freund, magst du wahrhaft ein Kind Gottes sein, aber du magst bis jetzt noch keine klare Ansicht des hohen und edlen Berufes haben, zu dem Gott dich verordnet hat. Dein zitternder Glaube hat seine Hand auf Jesu Haupt gelegt, und du hoffst, daß dir vergeben ist; aber bis jetzt kennst du noch nicht die Größe und Würde, zu welcher der Glaube jeden Himmelserben erhebt. Nun, laß mich dir ein Wort ins Ohr flüstern über deine gegenwärtige Größe und die Herrlichkeit, welche noch an dir soll offenbart werden. „Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, daß wir Ihm gleich sein werden; denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist.“ Du bist durch den Glauben gerechtfertigt und hast Frieden mit Gott und weißt nicht, daß: „Welche Er aber gerecht gemacht, die hat Er auch herrlich gemacht?“ Du sollst sicherlich herrlich gemacht werden. Weißt du den Grund hiervon? Es ist, weil du erwählt bist „nach der Verheißung Gottes, durch die Heiligung des Geistes und Glauben an die Wahrheit.“ Ja, du armer Zitternder, die Gedanken Gottes waren auf dich gerichtet, ehe die Sterne begannen ihre Strahlen durch die dichte Finsternis zu schießen; Jehovah, Jesus schrieb deinen Namen auf sein Herz und grub ihn in seine Hände ein, ehe die Himmel ausgebreitet wurden. Sei guten Muts, es ist ein Königreich für dich da! „Die gewissen Gnaden Davids“ haben dich verordnet zu überwinden und mit Jesu auf dem Throne zu sitzen, eben wie Er überwunden hat und mit seinem Vater auf dem Throne gesessen ist. Sei deshalb froh, denn es ist des Vaters Wohlgefallen, dir das Reich zu geben. Mich dünkt, ich sehe dich ganz überrascht, und du sagst: „Wie kann das sein? Ich! von Gott erwählt! Meine vielen Sünden, meine großen Schwachheiten, meine Zweifel, meine Unfruchtbarkeit im Dienste Gottes, die Kälte meines Herzens, dieses macht mich trauern. Kann es sein, daß Er mich doch zu einem Königreich verordnet hat?“ Es ist so. Laß deinen Glauben diese Wahrheit ergreifen und gehe fröhlich deines Weges..

Gedenke daran, lieber Freund, daß es nichts ausmacht, was deine Beschäftigung ist, du kannst doch das Vorrecht des Königtums haben. David war nur ein Hirte, und doch ward er auf den Thron erhoben, und das soll jeder Gläubige auch werden. Du magst gering und unbekannt sein, in deines Vaters Hause der Kleinste, und doch magst du in dem göttlichen Herzen einen Kindesanteil haben. Du magst unter denen sein, die nie genannt werden, außer bei einer allgemeinen Volkszählung als bloße Individuen, ohne Talente, ohne Stellung; du magst fast denken, du seiest weniger als der, der nur ein Pfund hatte; du magst dich für einen Wurm und keinen Menschen halten, und wie David magst du sprechen: „Ich war wie ein Tier vor Dir;“ und dennoch denke daran, daß die wunderbare Erwählung Gottes vom höchsten Thron der Herrlichkeit sich niederbeugen kann, um den Bettler vom Dunghaufen zu erheben. und ihn unter die Fürsten zu setzen.

II.

Wir wollen nun unsre Gedanken auf das Zeichen der Erwählung richten, das geheime Merkzeichen, das der Herr zu seiner Zeit auf die Erwählten setzt. Zu seiner Zeit empfängt jeder Erwählte das Siegel der Gnade. Dieser Stempel ist ein neues Herz und ein gewisser Geist. Mögen alle Menschen es verstehen, daß ein neues Herz das Geheimsiegel Gottes ist, der breite Pfeil des Königs. aller Könige. Die Menschen sehen die äußere Erscheinung als das Merkmal der Gunst an, aber Gott sieht auf das Herz als das Zeichen seiner Wahl. Wir dürfen nicht annehmen, daß David zur Seligkeit erwählt war wegen der natürlichen Güte seines Herzens, denn er selber sagt uns, daß er „aus sündlichem Samen gezeugt und in Sünden empfangen sei;“ obwohl wir willig sind, zuzugeben, daß, als Gott sein Herz durch die unumschränkte Gnade erneuert hatte, die Güte seines Herzens eine Befähigung zum Königstum war, eben wie die Gnade zur Herrlichkeit tauglich macht, aber die Gerechtigkeit des Herzens war selbst die Gabe der unumschränkten Gnade, und war die Wirkung und nicht die Ursache der ursprünglichen und ewigen Erwählung Davids. Wir beabsichtigen nicht, über den Grund der Erwählung Gottes zu reden - laßt uns nicht mißverstanden werden - darüber wissen wir nichts; wir glauben, daß Gott weislich wählt, aber Er wählt aus Gründen, die den Menschen unbekannt sind, wahrscheinlich Gründe, die wir nicht verstehen könnten. Alles, was wir wissen, ist: „Ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor Dir.“ Wir reden jetzt von der Weise, in welcher Gott seine Erwählten versiegelt und seine Auserkorenen auszeichnet, nachdem seine Gnade an ihnen gewirkt hat. Sie sind dadurch ausgezeichnet, daß sie ein Herz haben, welches von dem andrer Menschen verschieden ist. Mögen wir fähig sein, daran wahrzunehmen, ob wir unter ihnen sind oder nicht!

Was für eine Art von Herz hatte David? Wir finden es in seinen Psalmen. Wir können nicht sagen, zu welcher Zeit mehrere Psalmen geschrieben wurden, aber wenn irgend welche in seiner Jugend geschrieben sind, so war der 23. sicherlich einer davon. Dies schöne Hirtengedicht tut ein Fenster in Davids Herzen auf; wenn wir da durchschauen, so werden wir bald bemerken, daß er ein gläubiges Herz hatte. Wie lieblich lautet das Wort: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Glücklicher David! Er hatte alle seine Bedürfnisse und Sorgen zusammengefaßt; er wußte, daß er Vergebung für die Sünde und Gnade wollte, ihn vor dem Bösen zu bewahren; Weisheit, ihn auf den gefährlichen Pfaden der Jugend zu leiten; Kraft, ihm beizustehen in den Kämpfen, die vor ihm waren; aber statt auf sich und seine Freunde zu blicken, wendet er sich hinweg von allem geschaffenen Guten zu Gott, und spricht im Glauben: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Hier ist ein großes Zeichen der göttlichen Erwählung. Lieber Freund, verläßt du dich in allem auf Gott? Hat dein Herz alles Vertrauen auf dich selbst aufgegeben? „Wer sich auf sein Herz verläßt, ist ein Narr.“ Hat dein Herz alles Vertrauen auf deine Nebenmenschen aufgegeben? denn „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt und hält Fleisch für seinen Arm.“ Hast du die Leere deines eignen Tuns und Wollens, Seins und Wünschens gesehen, und hast du den Herrn, wie Er sich in den Blättern der Heiligen Schrift offenbart - Vater, Sohn und Geist - als dein alles angenommen? Wenn du so vertraust, dann hast du für deine Erwählung nichts zu fürchten, denn, wenn Gott in dein Herz sieht, so sieht Er in deinem Glauben das Sinnbild und Zeichen seiner unumschränkten Gnade; denn es gab nie einen einfachen Glauben an Ihn, wo seine Hand nicht gewirkt und sein Herz nicht zum ewigen Leben verordnet hätte. Wir bemerken, wenn wir den Psalm lesen, daß Davids Herz auch ein nach sinnen des war. Beachtet die Worte: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Er schreibt anderswo: „Mein Nachsinnen über Ihn soll lieblich sein.“ (Ps. 104, 34 n. d. engl. Übers.) Das ganze Buch der Psalmen, welches in poetischer Schrift das Leben Davids enthält, beweist, daß er sich dem Nachsinnen über himmlische Dinge gern überließ. Allein dort oben auf den Bergen, unten bei den rieselnden Bächen, wo immer er seine Herde hinzuführen hatte, da richtete er seinem Gott einen Altar auf und machte sich eine Betkapelle. Viel lieblicher Verkehr fand zwischen David und seinem Gott statt, wovon Eliah nichts wußte und auf den Abinadad nicht eingehen konnte. Er sann über das Gesetz seines Gottes Tag und Nacht nach. Lieber Freund, tust du das auch? Wenn deine Gedanken frei sind, fliegen sie dann immer wie die Taube zu ihrem Taubenschlag - geradewegs auf zu Gott? Kannst du mit David sagen, daß seine Worte deinem Munde süß sind? Ist der bloße Name Gottes dir teuer? Freust du dich in Ihm? Sinnst du viel über die Person Jesu Christi nach? Erinnere dich, daß du nach deinen Gedanken deinen Zustand beurteilen kannst, und wenn dein Herz nicht über Gottes Gesetze nachsinnt, so fehlt dir sicherlich eins der Zeichen der göttlichen Erwählung; denn erwählte Seelen werden seiner Zeit dahin geführt, eine Freude an den Wegen und Worten Gottes zu finden.

Geht weiter fort in dem Psalm, so wird euch, denke ich, das demütige Herz des David auffallen, denn den ganzen Psalm hindurch preist er nicht sich selbst. „Er führet mich zum frischen Wasser; Er erquickt meine Seele.“ Seht, er hat keine Krone für sein eignes Haupt; die Krone ist ganz für den Mächtigen, der sein Hirte war. Seine Seele war in seiner Feder, als er schrieb: „Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib Ehre.“ David war keiner von euren umherstolzierenden Pfauen, die nicht zufrieden sein können, wenn nicht aller Augen auf sie gerichtet sind; er sang das Lob Gottes, wie die Nachtigall im Dunkeln singt, wenn kein menschliches Ohr zuhört und kein Auge bewundert. Er war zufrieden damit, ungesehen zu blühen, und wußte, daß der liebliche Duft eines erneuerten Herzens niemals an der Wüstenluft verschwendet wird. Er war zufrieden mit Gott allein als seinem Zuhörer, und er begehrte nicht die hohe Meinung von Menschen. Wo hoch erhob er sich vor seinem Gott und wie niedrig beugte er sich doch! Wie tief fühlte er, wieviel er Ihm schuldete, der ihm alles gab, und wie eifrig schrieb er sein Heil, seine Ehre und seine Kraft Ihm zu, der vom Anfang bis zum Ende sein Helfer gewesen! Er würde sich gefreut haben über den Vers, in dem Assaph auf seinen niedrigen Stand hindeutet: „Er erwählte seinen Knecht David und nahm ihn von den Schafställen, von den säugenden Schafen holte er ihn, daß er sein Volk Jakob weiden sollte und sein Erbe Israel.“ O, daß wir ein Herz hätten, das von allem Hochmut frei wäre!

Unsre Schilderung Davids würde ganz verfehlt sein, wenn wir andre Eigenschaften ausließen. Sein Herz war ein heilig es. Bemerkt in demselben Psalm: „Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“ David hatte keine Freude am Bösen. „Die Lügner gedeihen nicht bei mir,“ sagt er. Er liebt das Volk Gottes; er nennt sie „die Herrlichen auf Erden; an denen habe ich alles mein Gefallen.“ Die Heiligkeit, welche dem Hause Gottes geziemt, war eine Freude für Davids Seele. Er liebte die Gebote Gottes um ihrer Heiligkeit willen. „Dein Wort ist sehr rein, deshalb hat Dein Knecht es lieb.“ Ps. 119, 140. Ich gebe zu, daß er einmal in schwere Sünde fiel, aber das war eine Ausnahme von seiner frommen Regel. Seine Regel war Heiligkeit. Die besten der Menschen sind im besten Fall nur Menschen, und deshalb können sie gleiten, aber o! wie bitterlich betrauerte David bis zu seinem Todestage das Böse, in das er fiel. „Er war ein Mann nach dem Herzen Gottes und sein Weg war nach der Heiligkeit geordnet.“

Beachtet, was für ein tapferes Herz in seiner Brust schlug. Wo wollt ihr einen Tapfereren finden, als David es war? „Dein Knecht hat geschlagen beide, den Löwen und den Bären. So soll nun dieser Philister, der Unbeschnittene, sein gleichwie deren einer.“ Es ist dieser David, der als das knechtische Heer Israels vor dem Kampfe flieht, in die Schranke tritt gegen den prahlerischen Philister und Israel Befreiung bringt. Hört des Jünglings mutige Stimme: „Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth, des Gottes des Zeuges Israels, den du gehöhnt hast.“ Wie kühn war David in den meisten Fällen! Es gab Zeiten, wo er gleich den Kindern Ephraims den Rücken wandte am Tage der Schlacht; z. B. als er den Narren spielte vor Achis; aber in andern Fällen hatte er seine Seele wider des Herrn Feinde gesetzt und ob sich auch ein Heer wider ihn lagerte, fürchtete er sich doch nicht; obgleich Krieg gegen ihn geführt wurde, war er doch zuversichtlich, denn er trug den Panzer unerschrockenen Mutes. Der Psalm spricht es sehr tapfer aus: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Laßt mich euch daran erinnern, daß er ein sehr zufriedenes und dankbares Herz hatte. Ich weiß kein besseres Bild von David in seinen früheren Tagen, als das, was Bunyan uns von dem Hirten gibt, der im Tal der Demütigung singt:

„Wer drunten ist, der fürchtet keinen Fall,
Wer niedrig ist, dem bangt vor Hochmut nicht,
Wer Demut übt, der wird sich überall
Geleitet seh'n von Gottes Angesicht.“

Hier ist Davids Ausdruck derselben Empfindung: „Du bereitest vor mir einen Tisch gegen meine Feinde, Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“ Er hatte alles, was sein Herz wünschen konnte. Ich hoffe, liebe Freunde, einige von uns können demütig behaupten, ein solches Herz zu besitzen, und o, möchte meine Zunge imstande sein, ohne Trug zu sagen: „Ja, Herr, meine Seele ist zufrieden mit dem, was Du verordnest, was immer Dein Wille ist, das soll mein Wille sein.“

Ihr solltet ferner die Beständigkeit Davids beachten. Er sagt: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Er war nicht einer von jenen Biegsamen, die ausgehen und umkehren beim ersten Sumpf, in den sie geraten; er war kein Demas, bereit, sein Bekenntnis aufzugeben, um diese gegenwärtige, böse Welt zu gewinnen; sondern sein Leben lang hielt er sich enge an den Weg des Herrn und blieb als ein Knecht in Gottes Hause.

An solchen Merkmalen können wir unsre Erwählung erkennen. Ich wollte zu Gott, daß die, welche so zuversichtlich betreffs ihrer Erwählung sind, zuweilen sich herabließen, nach biblischen Merkmalen und Beweisen sich zu prüfen. Gewisse Theologen sagen uns, daß wir niemals an unsrer Sicherheit zweifeln sollten. Geliebte, wir sollten niemals an Gott zweifeln, aber ich bin geneigt, zu denken, daß kein Mensch, der eine heilige Wachsamkeit über sich selbst ausübt und mit heiligem Ernst wünscht, am Ende angenommen zu werden, zu allen Zeiten ohne Zweifel an seinem Anteil an Christo sein kann. Ich bin überzeugt, daß das Lied:

„Bin ich sein? bin ich es nicht?
Lieb' ich Jesum oder nicht?“

mehr oder weniger die Erfahrung jedes Gotteskindes ist, und daß es Zeiten gibt, wo es das beste Lied ist, was ein Mensch singen kann. Es geschieht selten, daß ich meinen Anteil an Christo Jesu in Zweifel ziehe, aber sehr oft frage ich mich: „Ist diese Zuversicht wohl begründet?“ Und wenn ich es fürchtete, mich zu befragen, wenn ich es fürchtete, auf die Grundlage zurückzugehen und mich gründlich zu erforschen, wenn ich immer blind vertrauend vorwärts ginge und mich nie prüfte, ob ich im Glauben stünde, so dünkt mich, würde das ein Anzeichen sein, daß ich einem kräftigen Irrtum dahingegeben wäre und einer Lüge glaubte. Ich habe mich bemüht, vor euch das Vorrecht eines starken Glaubens zu rühmen; ich habe euch angetrieben, eine volle Glaubensgewißheit zu erstreben; aber mögen diese Lippen niemals ein Wort oder eine Silbe gegen jene heilige Sorgfalt sagen, welche einen weiten Unterschied zwischen Vermessenheit und Gewißheit macht. Verlaßt euch darauf, wenn das Vorrecht stets gepredigt wird ohne die Vorschrift, so wird das Überfüllung und Schlafsucht in den Kindern Gottes erzeugen: was uns zu gewissen Zeiten nötig ist, ist nicht eine Verheißung, sondern ein scharfes, brennendes Wort der Selbstprüfung, das unserm Gaumen vielleicht nicht behagt, das aber in unsern Seelen Gutes wirkt von einer dauernden Art, als süße Tröstungen uns bringen würden. Prüft euch also, liebe Freunde, hieran. Ich frage nicht, ob eure Herzen vollkommen sind - sie sind es nicht; ich frage nicht, ob eure Herzen niemals irre gehen, denn sie sind geneigt zum Irregehen; aber ich frage euch: baut euer Herz auf Jesum Christum? Ist es ein gläubiges Herz? Sinnt euer Herz über göttliche Dinge nach? Findet es seinen besten Trost da? Ist euer Herz ein demütiges Herz? Seid ihr genötigt, alles der unumschränkten Gnade zuzuschreiben? Ist euer Herz ein heiliges Herz? Wünscht ihr Heiligkeit? Findet ihr eure Freude darin? Ist euer Herz kühn für Gott? Lobsingt euer Herz Gott? Ist es ein dankbares Herz? und ist es ein Herz, das ganz allein auf Gott gerichtet ist und wünscht, niemals von Ihm weg zu gehen? Wenn das, so habt ihr die Zeichen der Erwählung.

Forscht nach diesen und fügt zu all eurem Forschen dies Gebet: „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich, und erfahre, wie ich es meine. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“ Laßt mich euch beschwören, Gott zu bitten, euren Trost in Stücke zu reißen, wenn es ein falscher Trost ist. Ich habe meinen Gott oft auf den Knien beschworen, mich das Schlimmste über meinen Zustand wissen zu lassen, und wenn ich getäuscht und betrogen worden sein konnte, oder andre betrügen sollte, so bitte ich Ihn, daß Er mir die Binde von meinen Augen reißen und jeden Balsam von meinem verwundeten Herzen nehmen möchte außer dem Balsam Gileads und mich niemals ruhen lassen, bis ich fest gegründet bin auf Christum Jesum und nirgends anders. Stellt euch ganz sicher in dieser Sache. Wenn ihr „Aber und „Wenn“ und „Vielleicht“ haben müßt, so habt sie betreffs eurer Besitzungen und eures Vermögens, aber nicht betreffs eurer Seele. Möge der Heilige Geist euch helfen, oft den Schmelztiegel zu gebrauchen, um zu sehen, ob euer Bekenntnis echtes Gold ist oder nicht.

III.

Der dritte Punkt ist ein sehr interessanter; er ist die Kundmachung oder die Art, auf welche die Erwählung Gottes uns und andern sichtbar wird. Wir können nicht die Herzen unsrer Mitmenschen sehen, und deshalb kann das Herz nie für uns das Mittel sein, die Erwählten Gottes zu unterscheiden, ausgenommen soweit, wie es in Taten und Worten gesehen wird. Nun, das erste Zeichen, wodurch diese Wahl dem David und einigen andern, die wahrscheinlich nicht viel davon wußten, bekannt gemacht ward, war seine Salbung. Samuel nahm ein Ölhorn und goß es über ihn aus. Ich denke nicht, daß Isai die volle Bedeutung davon erkannte. Ich bin gewiß, daß die sieben Brüder es nicht taten, denn sonst würde der eine oder der andre es Saul erzählt haben. Meister Trapp sagt, sieben können nur ein Geheimnis bewahren, wenn sechs nichts davon wissen. Ich bin geneigt zu glauben, daß sie, obwohl sie ihn mit Öl salben sahen, sich doch nicht dahin bringen konnten, zu denken, daß ein so Verachteter wie David wirklich zum Königreich gesalbt wurde. Sie sahen das Sinnbild, verstanden jedoch wahrscheinlich nicht die innerliche Gnade. Aber David tat es; David wußte, daß er jetzt ein König sein sollte, und obgleich er nie eine Hand ausstreckte oder einen Finger aufhob, um diesen Thron für sich zu erlangen, obgleich er oft seines Feindes Saul schonte, wenn er, dadurch daß er ihn tötete, rasch hätte zur Krone gelangen können, so wußte er doch, daß er eines Tages über Israel herrschen würde. Geliebte, es gibt einen Zeitpunkt, wo Gott die Seinen salbt. Sie haben geglaubt, aber es mag ein kleiner Zeitraum sein zwischen dem Gläubig-werden und der Salbung; indes plötzlich, wenn der Herr ihre Herzen erleuchtet hat, so daß sie göttliche Dinge klar wissen und verstehen, kommt der Geist Gottes mit einer versiegelnden Kraft über sie, und von dem Tage an freuen sie sich zu wissen, daß der Geist in ihnen wohnt und daß sie für Gott ausgesondert sind. Ich bete, daß einige von euch, die kürzlich bekehrt worden sind, von diesem Tage an ihr Siegel empfangen mögen. Wenn ihr es empfangt, so werdet ihr verschieden sein von dem, was ihr vorher waret. Schon errettet durch die Gnade, werdet ihr dann beginnen, jene Kraft und Macht und Stärke zu fühlen, die den Mann des Glaubens zum Herrn der Welt macht. Wenn ihr gesalbt seid, werdet ihr das königliche Blut in euren Adern fühlen. Bis jetzt kennt ihr noch nicht eure Königswürde, aber wenn der Geist Gottes in reichlichem Maße auf euch herabkommen wird, so werdet ihr eure Würde erkennen und werdet wie Könige handeln, über angeborene Sünden herrschen, und suchen, so viel an euch ist, das königliche Priestertum auszuüben, welches der Meister euch verliehen hat. Dieses innerliche Siegel mag unter den Heiligen erkannt werden; einige wenige mögen fähig sein, es in euch zu sehen, erwartet nicht, daß viele es werden, denn nur ihr selber seid es, für die es das unfehlbare Zeugnis wird, daß ihr von Gott erwählt seid.

Die Kundmachung geschah indes auch auf andre Art. Nach der Salbung scheint es, daß David ein Mann wurde, der sich durch die Tapferkeit seiner Taten auszeichnete. Sauls Knabe sagt, als er ihn empfiehlt, daß er „ein rüstiger Mann und streitbar“ sei. Eure Erwählung wird daran wahrgenommen werden, daß ihr tut, was andre nicht tun können. Ein Erwählter kann, wenn der Geist Gottes auf ihm ist, die Frage beantworten: Was tut ihr mehr denn andre? nicht stolz, aber doch gelassen kann er sagen: „Es gibt viele Dinge, die andre nicht tun und nicht tun können, die für mich leicht sind durch Christum, der mich stärkte.“ Ihr werdet jetzt imstande sein, liebe Freunde, die Netze der Gewohnheit zu durchbrechen; mit dem Löwen der Weltlichkeit zu ringen; Geduld unter Leiden zu zeigen; eurem schlimmsten Feinde ohne Schwierigkeit zu vergeben, Gott in Glaubenstaten zu dienen, euren guten Namen zu wagen, zufrieden, ihn in den Graben getrampelt zu sehen, wenn ihr Christum erhöhen könnt; kurz, durch den Heiligen Geist werdet ihr handeln und wagen, wo andre träge Feiglinge sind; ihr werdet euch vorwärts in den Kampf stürzen und den Sieg erwarten, weil Gott mit euch ist, oder ihr werdet willig sein zu leiden, weil der Herr euch stark gemacht hat, alles um seinetwillen zu tragen. Eure Erwählung wird euren Mitmenschen am besten durch eure tapferen Taten bekannt werden.

Es scheint auch, daß er sehr verständig war. Derselbe Zeuge sagt, er sei „verständig in Sachen.“ Das werdet ihr auch sein, wenn der Geist der Weisheit auf euch als den Erwählten Gottes ruht. Ihr werdet nicht hastig sein, ihr habt nichts zu gewinnen; ihr werdet nicht erschreckt sein, ihr habt nichts zu verlieren; ihr habt Gott, und deshalb habt ihr alles; ihr könnt euren Gott nicht verlieren und deshalb könnt ihr nichts verlieren; und da ihr keine Hast habt, so habt ihr Zeit zu urteilen und die Sachen zu erwägen. „Wer glaubet, der wird keine Eile haben.“ Euer Leben wird kein verworrenes Rennen und Haschen sein. Ihr werdet nicht aus einem Irrtum in den andern geraten, weil ihr die Angelegenheiten im Gebet vor Gott bringen werdet; ihr werdet die Schrift befragen und euer Herz wird vom Herrn geleitet werden. Ihr werdet, wenn ihr in Gottes Nähe lebt, wissen, welchen Weg ihr einzuschlagen habt, wenn ihr zu einem schwierigen Punkte kommt; ihr werdet eine Stimme hören, die da spricht: „Dies ist der Weg, wandelt ihr darinnen.“ Ihr werdet wissen, wenn ihr zu einer Schwierigkeit kommt, wo menschliche Weisheit gänzlich wertlos ist, auf euer Antlitz niederzufallen und zu warten, bis der starke Arm kommt, euch zu befreien. Ihr werdet in göttlichen Dingen gelehrt sein und kühn, auch andre zu lehren, und so wird täglich eure Erwählung euren Mitmenschen kund werden.

Merke dir wohl: eine der Weisen, durch die deine Erwählung dem ganzen Volke Gottes klar und sicher werden wird, ist diese: wenn du zum Könige gesalbt bist, wie David es vor dir war, so wirst du in Streit geraten. Es kann nicht möglich sein, daß die Erwählten Gottes auf immer in Frieden mit den Erben der Hölle leben. Er, der Feindschaft setzte zwischen dem Weibessamen und dem Schlangensamen, sorgt dafür, daß die alte Feindschaft nie ausstirbt. Die zwei ersten Menschen, die vom Weibe geboren wurden, waren aus dieser Ursache Feinde, und bis Christus kommen wird, wird diese Feindschaft fortdauern. Saul mag dich eine kurze Zeit lang gern haben, wenn du gut auf einem Instrument spielen und seine Melancholie vertreiben kannst, aber wenn er dich erkennt und entdeckt, daß du der gesalbte König bist, so wird er seinen Wurfspieß nach dir schleudern. Die Welt ist sehr zufrieden mit einigen Predigern und mit einigen Christen, weil sie ihr sehr gleichen; aber sobald die Welt herausfindet: „Dies ist ein Mann, der von uns abgesondert ist, von einer andern Natur und einem andern Lande,“ so kann sie den Mann nur hassen - sie muß dies tun. Erwartest du gute Worte von der Welt? Dann gehe deines Weges und schmeichle ihr und bücke dich vor ihr und krieche und sei ihr Diener, so wirst du deinen Lohn in ewiger Verachtung haben; aber bist du willig, deinen Platz außen vor dem Lager mit Jesu zu nehmen und anerkannt zu werden als einer, der nicht von dieser Welt ist, weil Er dich aus der Welt erwählt hat, dann erwarte, daß du schlecht behandelt, mißverstanden, falsch dargestellt und verachtet werden wirst, denn dein Lohn soll dir werden, wenn Er kommt, und dieser Lohn soll alles überwiegen, was du hier erduldet hast.

Ich denke, David ward, mit Ausnahme seines Endes, niemals klarer als Gottes Erwählter erkannt, als da er e in Geächteter war. Er scheint nie größer, als wenn er auf dem Pfade der Gemsen von Engedi ist; nie größer, als wenn er durch die Wüste geht, während Saul ihn verfolgt oder um Mitternacht über dem schlafenden Feinde steht und spricht: „Ich will nicht meine Hand an ihn legen, denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ Wir lesen da nicht von vielen Fehlern und Versehen und Irrtümern. Der geächtete David ist ganz sicherlich vor dem gesamten Israel bezeugt als der Erwählte Gottes, weil der von Menschen Erwählte ihn nicht leiden kann. Die glücklichsten und besten Tage für das Volk Gottes sind, glaube ich, die, wenn sie am meisten von Menschen geächtet sind, wenn sie aus der Synagoge gestoßen werden und wenn der, welcher sie tötet, meint, daß er Gott einen Dienst damit tue. Die glänzendsten Tage für die christliche Frömmigkeit waren die Tage des Märtyrertums und der Verfolgung. Schottland hat viele Heilige, aber es hatte nie so reiche Heilige, wie die, welche zu den Zeiten der Covenanters lebten; England hat viele bedeutende Gottesgelehrte, die das Wort gelehrt haben, aber das Puritanische Zeitalter war das goldne Zeitalter der christlichen Literatur Englands. Verlaß dich darauf, du wirst es so in deinem eignen Leben finden: Du magst viele Tage des Himmels auf Erden haben, aber der Ort der Verfolgung und der Verwerfung wird der Platz sein, wo Jesus sich dir am meisten offenbart.

Bist du entschlossen, dich dieser Welt nicht gleich zu stellen? Bist du willig, mit Christo des Kampfes Hitze zu tragen und wie ein lebendiger Fisch gegen den Strom zu schwimmen? Bist du bereit, wie die heiligen drei Männer in den Tagen Nebukadnezars fest zu stehen und wie die Apostel in den Tagen der Hohenpriester zu sprechen: „Richtet ihr selbst, ob es vor Gott recht sei, daß wir euch mehr gehorchen denn Gott?“ Habt ihr die Menschenfurcht abgeworfen? Habt ihr das Kreuz auf euch genommen, um es als euren besten und größten Schmuck und Schatz zu tragen? Wenn das, so liefert ihr den besten Beweis davon, daß ihr aus der Welt auserwählt seid, weil ihr nicht von der Welt seid. Gedenkt zum Schluß daran, daß David, nachdem alle Kämpfe vorüber waren, gekrönt ward. Das ganze Israel und das ganze Juda ließen David holen und machten ihn zum König; unter dem Blasen der Hörner und der Huldigung und den Gesängen und der Freude des Volkes wurde David öffentlich anerkannt; die Krone ward auf sein Haupt gesetzt, der königliche Mantel schmückte seine Person, er unterzeichnete die Verordnungen, und sein Wort war Gesetz von Dan bis Berseba. Der Tag kommt, wo das Gleiche wahr sein wird von den geringsten und verachtetsten der Erwählten Gottes. Mit Wahrheit sprach der Apostel: „Es ist noch nicht erschienen;“ wir können es nicht sehen, nur der Glaube kann es wahrnehmen, aber es soll erscheinen - es kommt - das Erscheinen naht. Unser Haupt soll noch die Krone tragen, denn wir sollen mit Christo Jesu herrschen. Mich dünkt, selbst diese Erde, die uns verachtet hat, soll uns noch als Könige kennen, wenn wir mit Ihm herrschen werden. Wir sollen noch den königlichen Purpur tragen; von „dem Wasser bis zu den Enden der Erde,“ sollen die Heiligen das Reich besitzen; und wenn Jesus kommt, das Volk zu richten, so sollen wir Engel richten, mit Ihm als Beisitzer unser Urteil abgeben und unser „Amen“ zu all seinen Urteilssprüchen sprechen. Nein, sogar im Himmel werden die Engel unsre Diener sein; sie sollen dienstbare Geister für die Erben der Seligkeit sein, und wir sollen auf Thronen sitzen. O! Christ, du kennst die Pracht nicht, die dich noch umgeben soll! Du hast einen dämmernden Gedanken an des Heilandes Herrlichkeit und des Heilandes Würde gehabt, aber hast du nicht vergessen, daß all dieses dein ist? - denn wir werden Ihm gleich sein, wenn wir Ihn sehen, wie Er ist. „Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die Du mir gegeben hast.“ Derselbe Platz für euch, wie für den Heiland, und ihr sollt seine Herrlichkeit sehen und ihr sollt daran teilnehmen. Warum solltet ihr denn euch fürchten? Warum solltet ihr niedergeschlagen und entmutigt werden durch die Leiden auf dem Wege? Kommt; faßt Mut! Eine Stunde mit deinem Gott wird für alles entschädigen. Ein Blick auf Ihn, und Verfolgung wird keine Verfolgung sein. Du bist mit häßlichen Namen benannt worden, und bist mit Schmähungen überhäuft, aber was werden die sein, wenn du Ihn sagen hörst: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ Wie! Der Welt Donner ist wie ein Flüstern unter dem glorreicheren Rollen des Beifalls der Engel, und das Zischen der Feindschaft ist ganz vergessen bei dem Kuß der Liebe, den der Heiland all seinen Treuen gibt. Ermuntert durch den Lohn, bitte ich euch, eilt vorwärts! Größere Reichtümer als alle Schätze Ägyptens sollt ihr haben, die ihr alles um Christi willen aufgeben könnt! „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Gott gebe, daß wir alle unter denen gefunden werden, die von der Gnade erwählt sind, und keiner von uns verworfen werde, so soll Ihm das Lob dafür gegeben werden von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

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