Spurgeon, Charles Haddon - Der Weg des Heils

Und ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir selig werden.
Apg. 4,12

Es ist ein glücklicher Umstand, wenn die Knechte Gottes die Gabe haben, alles ihrer Wirksamkeit dienstbar zu machen. So war der Apostel Petrus vor die Priester und Sadduzäer , die Obersten seines Volkes, gefordert, um sich wegen der Heilung eines Menschen zu verantworten, der von Mutterleibe an lahm gewesen war. Während nun der Apostel Petrus über diese Heilung, oder, wenn ich so sagen darf, über diese zeitliche Erlösung Rechenschaft ablegte, ward ihm der Gedanke eingegeben: „Während ich mich über die Heilung dieses Lahmen rechtfertige, habe ich eine prächtige Gelegenheit, diesen Leuten, die sonst nimmer auf uns hören würden, den Weg des Heils für ihre Seelen zu verkündigen.“ So schreitet er vom Geringeren zum Größeren fort, von der leiblichen Erlösung zur geistlichen Erlösung des Menschen; und nachdem er ihnen einmal gezeigt hat, daß allein in dem Namen Jesu Christi dieser kranke Mensch gesund gemacht worden war, verkündet er nun, daß die Erlösung - die große Erlösung auf gleiche Weise vollbracht werden muß: „Denn es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.“

Was für ein großes Wort ist das Wort „Heil“! Es umfaßt die Reinigung unseres Gewissens von aller vergangenen Schuld, die Losmachung unserer Seele von allen jenen Neigungen zum Bösen, die in uns so mächtig vorherrschen; es schließt in der Tat das Ungeschehenmachen von all dem ein, was Adam verschuldet hat. Das Heil ist die gänzliche Erneuerung des Menschen aus seinem gefallenen Zustand; und doch ist es noch mehr als das, denn das Heil Gottes sichert uns einen viel gewisseren Stand zu, als wir vor dem Sündenfall hatten. Es findet uns zerschmettert von der Sünde unserer ersten Eltern, befleckt, geschändet, verflucht; es heilt unsere Wunden, entfernt unsere Krankheit, tut hinweg den Fluch, der auf uns liegt, und stellt unsere Füße auf den Grund Jesus Christus, und wenn er das getan hat, erhebt er unsere Häupter hoch über alle Herrschaften und Gewalten, um auf ewig gekrönt zu werden mit Jesus Christus, dem König des Himmels. Viele, die das Wort „Heil, Erlösung“ gebrauchen, verstehen darunter nichts weiter als Befreiung von der Hölle und Eingang in den Himmel. Nun, das ist nicht das Heil: Diese beiden Dinge sind die Wirkungen des Heils. Wir werden von der Hölle errettet, weil wir erlöst sind, und wir gehen ein zum Himmel, weil wir vorher erlöst sind. Unser ewiger Zustand ist die Wirkung des Heils in diesem Leben. Das Heil schließt zwar das alles ein, weil die Erlösung dies alles erzeugt und in sich birgt; aber wir würden sehr unrecht haben, wenn wir meinten, dies sei die ganze Bedeutung des Wortes. Das Heil beginnt bei uns wie bei irrenden Schafen; es folgt uns auf allen unseren Verirrungen; es legt uns auf die Schultern des guten Hirten; es bringt uns zur Herde; es ruft alle Freunde und Nachbarn zusammen; es freut sich über uns; es bewahrt uns lebenslang, damit wir allezeit bei der Herde bleiben; und zuletzt führt es uns auf die grünen Auen des Himmels und leitet uns zu den stillen Wassern der ewigen Wonne, wo wir immerdar ruhen, zu den Füßen des großen Hirten, und wir werden niemals betrübt.

Es sagt aber unser Text, daß es nur einen Weg des Heils gibt: „Und ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.“ Ich will zuallererst auseinandersetzen, daß hier eine Wahrheit gekehrt wird, die etwas bestreitet, die nämlich zeigt, wie außer Christus kein Heil zu finden ist; und zweitens nachweisen, daß darin eine Wahrheit eingeschlossen ist, die etwas zusagt, nämlich, wie in Jesus Christus das Heil ist, durch das wir selig werden sollen.

I.

Zuerst also eine Bestreitung. „Und ist in keinem anderen Heil.“ Habt ihr je die Unduldsamkeit der göttlichen Religion bemerkt? Vor alters achteten die Heiden, die vielerlei Götter verehrten, die Götter ihrer Nachbarvölker. Der König von Ägypten z.B. zeugte, daß die Götter Ninives wahre und wirkliche Götter seien; aber Jehova, der Gott Israels, stellt als eines seiner ersten Gebote auf: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“; und er wollte nicht dulden, daß man den Götzen anderer Völker die geringste Achtung zolle: „Ihre Altäre sollt ihr umstürzen, und ihre Götzen zerbrechen und ihre Haine ausrotten.“ Alle anderen Völker waren duldsam gegen einander, aber die Juden durften es nicht sein. Es war ein Teil ihrer Religion, wenn es hieß: „Höre, Israel, der Herr dein Gott ist ein einiger Gott.“ Und weil sie glaubten, daß es nur einen Gott gebe, und daß dieser eine Gott Jehova sei, so fühlten sie sich verpflichtet, alle Götzen zu verspotten, anzuspeien und mit Schimpf und Schande zu überschütten.

Und ihr seht nun, daß die christliche Religion ebenso unduldsam ist. Wenn man einen Brahmanen auffordert, den Weg des Heils kennenzulernen, so wird er sehr wahrscheinlich sofort erwidern, daß alle, die ihren ernstgemeinten religiösen Überzeugungen treu bleiben, ohne Zweifel selig werden. „Da sind die Muslim,“ sagt er, „wenn sie Mohammeds Lehre befolgen und ernsthaft glauben, was er ihnen verkündigt hat, so wird Allah sie zuletzt ins Paradies aufnehmen.“ Und der Brahmane wendet sich gegen den Christen-Missionar und sagt: „Was nützt es, daß ihr euer Christentum zu uns herüberbringt, um uns zu beunruhigen? Ich sage euch, unsere Religion ist vollkommen hinreichend, um uns in den Himmel zu bringen, wenn wir gläubig daran festhalten!“ Nun hört das Wort Gottes! Wie unduldsam ist die christliche Religion: „Es ist in keinem andern Heil!“ Der Brahmane kann zugeben, daß man in fünfzig anderen Religionen neben der seinigen selig werden können; wir aber geben nichts der Art zu. Es gibt außer Jesus Christus kein wahres Heil. Die Götter der Heiden mögen uns mit ihrer falschen Liebe nahen und uns vorgeben, jeder Mensch könne nach seiner eigenen Überzeugung glauben und nach seiner eigenen Fasson selig werden. Wir antworten: Nichts der Art; es ist in keinem anderen Heil, denn „es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.“

Was glaubt ihr nun, daß der Grund dieser Unduldsamkeit sei - wenn ich noch einmal dieses Wort gebrauchen darf? Ich glaube, es ist das, daß sowohl bei den Juden als auch bei den Christen die Wahrheit ist. Tausend Irrtümer können friedlich nebeneinander leben, aber Wahrheit ist ein Hammer, der sie alle zerschmettert. Hundert Lügenreligionen können friedlich in einem Bett schlafen, aber wo die christliche Religion als die Wahrheit hinzukommt, ist sie gleich einem Feuerbrand und verschont nichts, was nicht besser ist als das Holz, Heu und Stoppeln des fleischlichen Irrtums. Alle Herrlichkeit der Heiden und alle anderen Religionen sind aus der Hölle geboren, und weil sie eines Vaters Kinder sind, so wäre es verkehrt, wenn sie gegeneinander ausziehen, einander vertreiben und miteinander kämpfen wollten; aber die Religion Jesu Christi ist aus Gott - ihr Stammbaum ist von oben, und wenn sie daher einmal mitten unter ein ungöttliches und feindseliges Geschlecht gestellt wird, so hat sie weder Frieden noch Vertrag noch Gemeinschaft mit ihnen, denn sie ist Wahrheit und verträgt sich nicht mit dem Irrtum; sie besteht auf ihren Rechten und gibt dem Irrtum, was ihm gehört; sie erklärt, daß der Irrtum kein Heil aufweisen kann, sondern daß in der Wahrheit und nur in der Wahrheit allein das Heil zu finden ist. Ferner sagen wir: Weil Gott seine Bestätigung dazu gibt. Es würde einem Menschen, der ein eigenes Glaubensbekenntnis aufstellen wollte, nicht wohl anstehen, zu behaupten, daß alle, die es nicht glauben, verdammt werden sollen; es wäre eine übermütige Strenge und falsche Heiligkeit, über die wir lächeln dürften; weil aber diese Religion Christi vom Himmel herab geoffenbart ist, so hat Gott, der Urheber aller Wahrheit, ein Recht, dieser Wahrheit die furchtbare Drohung beizufügen, daß, wer sie verwirft, ohne Gnade umkommen soll; und zu verkündigen, daß ohne Christus kein Mensch selig werden kann. Wir sind in Wahrheit nicht selber unduldsam, denn unsere Rede ist nur ein Widerhall des Wortes dessen, der vom Himmel her redet und verkündigt; Verflucht ist der Mensch, der die Religion Jesu Christi verwirft, während er sieht, daß außer ihm keine Rettung ist. „Es ist in keinem andern Heil; und ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.“

Nun höre ich etliche sagen: „Meinst du denn, daß niemand ohne Christus selig wird?“ Ich erwidere: ich meine es nicht, sondern hier ist das Schriftwort, welches so klar lehrt. „Nun ja,“ spricht einer, „wie steht es denn mit dem Abscheiden der Kinder? Sterben die Kinder denn nicht frei von Tatsünden? Werden sie selig? Und wenn, dann wie?“ Ich antworte: sie werden ohne Zweifel selig; alle Kinder, die im zarten Alter sterben, werden hinweggenommen, um im dritten Himmel der ewigen Wonne ewig zu leben. Aber habt wohl Acht - nie ist ein Kind anders selig geworden als durch den Tod Jesu Christi. Der Herr Jesus Christus hat mit seinem Blut alle die erkauft, die im Kindesalter sterben; sie werden alle wiedergeboren, nicht durch die Besprengung zur Buße, sondern es geht, wahrscheinlich im Augenblick des Todes, eine wunderbare Veränderung mit ihnen vor durch den Hauch des Heiligen Geistes, sie werden besprengt mit dem Blut des Herrn Jesu und werden gewaschen von allem ursprünglichen Verderben, das sie ererbt haben von ihren Eltern, und so abgewaschen und gereinigt gehen sie ein zum Himmelreich. Denn sonst, Geliebte, könnten die Kinder nicht in den ewigen Lobgesang mit einstimmen: „Ihm, der uns geliebet hat und uns gewaschen von unseren Sünden in seinem Blut.“ Wenn die Kinder nicht gewaschen würden im Blut Jesu Christi, so könnten sie nicht in jenes große Loblied mit einstimmen, das ohne Aufhören den Thron Gottes umwogt. Wir glauben, daß sie alle selig werden - alle ohne Ausnahme - aber nicht ohne das eine große Sühnopfer des Herrn Jesu Christi. Ein anderer sagt: „Wie steht es aber mit den Heiden? Sie kennen Christus nicht; werden etliche aus den Heiden selig? Siehe, die heilige Schrift sagt gar wenig von der Errettung der Heiden. Es gibt viele Worte in der Schrift, aus welchen wir schließen könnten, daß alle Heiden verloren gehen; aber es gibt manch anderes Wort darin, das uns auf der anderen Seite wieder veranlaßt, zu glauben, daß etliche aus den Heiden unter der verborgenen Leitung des Geistes Gottes im Dunkel nach ihm forschen und danach trachten, etwas aufzufinden, was sie in der Natur nicht zu finden vermögen; und es kann sein, daß es dem Gott der unendlichen Barmherzigkeit, der seine Geschöpfe lieb hat, gefällt, ihnen solche Offenbarungen ins Herz zu geben - dunkle und geheimnisvolle Offenbarungen über himmlische Dinge - so daß auch schon sie des Blutes Jesu Christi teilhaftig werden, ohne eine so offenbare Anschauung zu besitzen, wie wir sie empfingen; ohne das Kreuz sichtbar erhöht zu sehen; ohne Christum, den Gekreuzigten, vor Augen zu haben. Man hat in vielen heidnischen Ländern die Beobachtung gemacht, daß, bevor die Missionare dorthin gekommen waren, dort eine tiefe Sehnsucht nach der Religion Christi sich vorfand. Auf den Sandwich-Inseln war vor der Ankunft unserer Missionare eine merkwürdige Bewegung unter den Gemütern jener armen Wilden; sie wußten nicht, was es war, aber sie waren alle auf einmal unbefriedigt von ihrem Götzendienst und hatten ein sehnliches Verlangen nach etwas Höherem, Besserem und Reinerem, als was sie bisher besessen und gefunden hatten; und kaum ward ihnen Jesus Christus verkündigt, so verließen sie gerne ihre Abgöttereien und vertrauten auf ihn, damit er ihre Macht und ihre Erlösung sei. Wir glauben aber, daß es das Werk des Geistes Gottes war, der im Verborgenen diese armen Geschöpfe geneigt machte, ihm nachzuforschen; und wir können wohl annehmen, daß in einigen abgeschlossenen Gegenden, wo wir nie geglaubt hätten, etwas von einer Verkündigung des Evangeliums zu vernehmen, vielleicht ein einziges christliches Schriftchen, ein Kapitel aus der Bibel, ein einzelner auswendig gelernter Vers der Heiligen Schrift hinreichen mag, die blinden Augen zu öffnen und arme, umnachtete Herzen zum Fuße des Kreuzes Christi zu leiten. Aber auch dann bleibt es wahr: kein Heide, wie sittlich rein er auch sein möchte, konnte oder durfte je - ob in den Tagen ihrer alten Weltweisheit oder in den gegenwärtigen Zeiten ihrer Unwissenheit - ins Himmelreich eingehen ohne durch den Namen Jesu Christi. „Es ist in keinem Anderen Heil.“ Wenn ein Mensch auf seine eigene Weise danach forschen und darauf hinarbeiten will, so findet er es unmöglich, denn „es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.“

Aber, teure Freunde, wir tun sehr viel besser, wenn wir bei der Betrachtung dieser Gegenstände nicht über verborgenen Dingen grübeln, sondern bei unserer eigenen Person Einkehr halten. Und nun lege ich euch die Frage vor: Habt ihr je an euch selbst die Wahrheit dieser bestreitenden Tatsache erfahren, daß in keinem Andern Heil ist? Ich rede, was ich weiß, und bezeuge, was ich gesehen habe, wenn ich in euer aller Gegenwart feierlich erkläre, daß es sich so verhält. Es gab einmal eine Zeit, wo ich meinte, das Heil findet man in guten Werken, und ich mühte mich schwer ab und strebte fleißig danach, mich in Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit zu bewahren; aber als der Geist Gottes in meinem Herzen Wohnung machte, „da auferstand die Sünde, und ich starb;“, was ich als etwas Gutes angesehen hatte, erwies sich als Böses; worin ich heilig zu sein glaubte, erwies sich als unheilig. Ich entdeckte, daß meine besten Handlungen voller Sünde waren, so daß ich über meine eigenen Tränen weinen und selbst für meine Gebete die göttliche Vergebung anflehen mußte. Ich entdeckte, daß ich das Heil in den Werken des Gesetzes suchte, daß alle meine guten Werke aus selbstsüchtigen Beweggründen hervorgingen, nämlich mich selber selig zu machen; und darum waren sie Gott nicht angenehm. Ich erkannte, daß ich aus zwei Gründen nicht durch gute Werke selig werden konnte: erstens, weil ich es zu keinen gebracht hatte; und zweitens, weil, wenn ich auch welche aufzuweisen gehabt hätte, sie mich nicht selig machen könnten. Später meinte ich, man müßte teils durch Besserung, teils durch Vertrauen auf Christus sicher die Seligkeit erlangen; abermals mühte ich mich schwer ab, und meinte, wenn ich hier und da einige Gebete, einige Tränen der Reue und einige Gelübde der Besserung hinzubrächte, so wäre alles gut. Aber als ich mich viele heiße Tage hindurch abgearbeitet hatte wie ein armes blindes Pferd, das im endlosen Kreis den Mühlstein antreibt, da fand ich, daß ich nicht weiter gekommen sei, denn noch immer hing der Fluch Gottes über mir: „Verflucht sei Jedermann, der nicht bleibet in alle dem, das geschrieben stehet in dem Buch des Gesetzes, daß er es tue!“ und immer noch blieb eine peinliche Leere in meinem Herzen, die die ganze Welt nie auszufüllen vermochte - eine Leere der Traurigkeit und nagenden Kummers, denn ich war von Herzen betrübt, daß ich nicht zur Ruhe eingehen konnte, nach der meine Seele verlangte. Habt ihr auf diesen beiden Wegen schon versucht, in den Himmel zu kommen? Wenn ihr es versucht habt, so glaube ich fest, daß Gott der Heilige Geist sie euch recht zum Überdruß hat werden lassen, denn ihr könnt niemals durch die rechte Türe ins Himmelreich eingehen, bis ihr vor allem zu dem Bekenntnis kommt, daß alle anderen Türen für euch verrammelt sind. Noch nie ist ein Mensch je auf dem engen und schmalen Pfad zu Gott gekommen, bis er alle anderen Wege versucht hatte; und wenn wir so recht zerschlagen und gedemütigt und vernichtet sind, dann begeben wir uns, von der Notwendigkeit dazu gedrungen, zu dem einen offenen Born, und waschen uns in ihm und werden gereinigt.

Vielleicht sind heute einige hier, die das Heil in der Befolgung der gottesdienstlichen Vorschriften zu erlangen suchen. Ihr seid in eurer Kindheit getauft worden; ihr habt regelmäßig das heilige Abendmahl genossen; ihr besucht fleißig die Kirche; und wenn ihr irgend noch andere gottesdienstliche Einrichtungen kennen würdet, so würdet ihr sie alle befolgen. Ach, meine teuren Freunde, alle diese Dinge sind für euer Heil wie Spreu vor dem Winde; sie helfen euch auch nicht eine einzige Stufe hinauf zur Annahme in der Person Jesu Christi. Ihr könntet euch ebensogut abmühen, euch aus Wasser ein Haus zu bauen mit solchen armseligen Dingen. Die sind erst dann gut für euch, wenn ihr errettet seid; aber wenn ihr in ihnen das Heil sucht, so sind sie für eure Seelen wir Brunnen ohne Wasser, wie Wolken ohne Regen, wie dürre Bäume, zweifach tot, ausgerissen mit den Wurzeln. Welches auch euer Heilsweg sei - denn die Menschen suchen durch tausenderlei Erfindungen selig zu werden - welches er auch sei, hört ihr nicht sein Grabgeläute, das aus diesem Vers zu euch herüberschallt: „Und ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.“

II.

Hier nun komme ich auf die Zusage, die unser Text einschließt, nämlich: daß das Heil in Jesus Christus ist. Wahrlich, wenn ich diese einfache Zusage ausspreche, so möchte ich laut aufjubeln und mit dem Lobgesang der Engel frohlocken: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Frieden auf Erden, und an den Menschen ein Wohlgefallen.“ Es sind tausend Gnadengeschenke, wie in einem Bündlein zusammengebunden, in der süßen, süßen Gewißheit: das Heil ist in Christus Jesus. Ich will mich nun allein bestreben, mit irgend einer hier anwesenden Seele zu reden, die noch über ihre eigene Erlösung in Jesus Christus einen Zweifel hegt; ich will besonders mit ihr reden und mich liebevoll und ernsthaft an sie wenden und ihr zu zeigen versuchen, daß sie doch selig werden kann und daß in Jesus Christus ihr das Heil bereitet ist.

Ich kenne dich, armer Sünder! Du hast lange versucht, die Straße, die gen Himmel führt, zu finden, und du hast sie verfehlt. Bisher haben dich tausend blendende Irrtümer betrogen, und noch nie hast du einen festen Grund des Trostes gefunden für deinen müden, wankenden Fuß; und nun darfst du, von deinen Sünden umringt, nicht einmal aufschauen. Sünde liegt wie eine schwere Bürde auf deinem Nacken, und du legst deinen Finder auf deinen Mund, denn du magst nicht einmal um Barmherzigkeit flehen; du fürchtest dich sogar vor deiner Stimme, denn deine eigenen Lippen könnten dich verdammen. Der Satan flüstert dir ins Ohr: „Es ist alles vorbei mit dir; es gibt keine Gnade mehr für deinesgleichen; du bist verdammt, und verdammt wirst du bleiben; Christus vermag viele zu retten, dich zu retten aber vermag er nicht.“ Arme Seele! Was soll ich dir anderes sagen, als: Komme mit mir zum Kreuz Christi; dort sollst du etwas sehen, was deinen Unglauben zunichte machen kann. Siehst du den Mann, der an jenes Holz geheftet ist? Kennst du sein Gemüt und seine Würde? Er ist ohne Flecken oder Tadel oder so etwas; er war nicht ein Dieb, daß er den Tod des Übeltäters sterben sollte; er war kein Mörder und kein Aufrührer, daß er zwischen zwei Bösewichten gekreuzigt werden sollte. Nein; seine Abkunft war rein, ohne Sünde; und sein Leben war heilig, ohne Makel. Aus seinem Munde gingen nur Worte des Segens; seine Hände waren voller guter Werke, und seine Füße waren behende zu Taten der Barmherzigkeit; sein Herz war schneeweiße Heiligkeit. Da war nichts in ihm, was Menschen tadeln könnten; und selbst wenn seine Hasser ihn zu verklagen versuchten, so fanden sie wohl falsche Zeugen, aber „ihr Zeugnis stimmte nicht überein.“ Siehst du ihn sterben? O Sünder, es muß ein zurechnendes Verdienst in dem Tod eines solchen Menschen liegen wie dieses Menschen; denn, selbst sündlos, konnte er nur für anderer Menschen Sünden Schmerzen erdulden. Gott würde ihn nicht betrüben und quälen, wenn keine Ursache des Todes an ihm wäre. Gott ist ja kein Tyrann, der ungerecht den Schuldlosen erwürgt; er ist nicht unheilig, daß er den Gerechten strafen sollte. Darum litt dieser für die Sünden der Anderen.

„Der Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt;
Der Böse lebt, der wider Gott mißhandelt.
Die Schuld bezahlt der Herr und der Gerechte
Für seine Knechte.“

Denke an die Unschuld Christi und sieh dann, ob kein Heil in ihm zu finden ist. Komm nun, schwarz wie du bist, und schau seine leuchtende Klarheit an; komm mit deiner Befleckung und betrachte ihn in seiner Reinheit; und wenn du siehst, wie er - gleich der Lilie - rein ist, und wenn du siehst, wie der Purpur seines Blutes das Weiß überströmt, so laß dein Ohr der Stimme lauschen, die dir zuflüstert: Er ist es, der dich erlösen kann, Sünder, weil er, obwohl er „versucht allenthalben, gleichwie wir“ doch „ohne Sünde“ ist; darum muß das Verdienst seines Blutes groß sein. Gott helfe dir, daß du an ihn glaubst!

Das ist aber nicht das Große, was ihn dir anpreisen sollte. Denke, er, der am Kreuze starb, war nichts Geringeres als der ewige Sohn Gottes. Siehst du ihn dort? Komm, wende deine Augen noch einmal zu ihm. Siehst du, wie seine Hände und Füße mit Strömen geronnenen Blutes triefen? Dieser Mann ist Gott, der Allmächtige. Diese Hände, die ans Holz geheftet sind, sind Hände, die die Welt erschüttern könnten; diese durchbohrten Füße haben eine Macht und Kraft in sich, daß wenn er nur wollte, die Berge unter seinem Fußtritt zerschmölzen; dieses Haupt, nun gebeugt von Angst und Mattigkeit, birgt in sich die Weisheit Gottes, und mit seinem Nicken könnte es das Weltall zertrümmern. Der am Kreuz dort hängt, ist der, durch den alles gemacht ist, was gemacht ist; in ihm haben alle Dinge das Wesen und sind geschaffen. Urheber, Schöpfer, Erhalter, Gott der Vorsehung und Gott der Gnade, der für dich starb, ist Gott über Alles, gelobt in Ewigkeit. Und nun, o Sünder, ist Macht, selig zu machen, in solch einem Heiland? Wenn er nichts als ein Mensch wäre, ein Socianischer Christ oder ein Arianischer Christ, so wollte ich dich nicht ermahnen, auf ihn zu vertrauen; weil er aber nichts anderes ist als Gott selbst, geboren ins Fleisch, so beschwöre ich dich, klammere dich an ihn. Er will immer, und er kanns; zweifle nimmer. „Er kann selig machen aufs Völligste, die durch ihn zu Gott kommen.“

Erinnert euch ferner, daß Gott der Vater das Opfer Jesu Christi angenommen hat, und das sei euch ein weiterer Trost für euren Glauben, daß ihr auf ihn vertrauen mögt. Es ist der Zorn des Vaters, vor dem ihr zu erschrecken Ursache habt. Der Vater ist über euch erzürnt, weil ihr gesündigt habt, und er hat geschworen, daß er euch strafen will für eure Übertretungen. Nun wurde der Herr Jesus wegen uns und anstelle jeden Sünders gestraft, der je Buße getan hat oder je Buße tun wird. Jesus Christus ist dagestanden als sein Stellvertreter und Bürge. Gott der Vater hat Christus angenommen anstelle der Sünder. Sollte dich dies nicht dazu bewegen, ihn anzunehmen? Wenn der Richter das Opfer angenommen hat, so darfst du es gewiß und sicher auch annehmen; und wenn er mit der Genugtuung zufrieden ist, so kannst du wahrlich auch zufrieden sein. Wenn der Gläubiger eine volle und freie Quittung gegeben hat, so darfst du, der Schuldner, dich freuen und glauben, daß die Quittung für dich Gültigkeit hat, weil Gott sie als gültig anerkennt. Fragst du mich aber, woher ich wisse, daß Gott das Sühnopfer Christi angenommen habe, so sage ich dir, daß Christus wieder vom Tod erstanden ist. Christus wurde, nachdem er starb, in das Gefängnis des Grabes erlegt, und dort wartete er, bis Gott sein Sühnopfer angenommen hatte.

„Und sieh', er hat es angenommen,
Denn Jesus ist dem Tod entronnen.“

Christus würde noch bis auf den heutigen Tag im Grab liegen, wenn Gott nicht sein Sühnopfer zu unserer Rechtfertigung angenommen hätte. Aber der Herr sah vom Himmel hernieder, und überwachte das Werk Christi, und sprach bei sich selbst: „Es ist sehr gut, es ist genug.“ Und zu einem Engel gewendet, sagte er: „Mein Sohn ist ins Gefängnis gelegt als Geisel für meine Auserwählten; er hat den Loskaufpreis bezahlt; ich weiß, er wird nicht aus eigener macht das Gefängnis zerbrechen; gehe und wälze den Stein hinweg von des Grabes Tür und gib ihm die Freiheit.“ Hernieder flog der Engel und wälzte den schweren Stein hinweg, und auf stund aus dem Schatten des Todes der Heiland und lebte. „Er ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt.“ Nun siehst du, arme Seele, daß Gott Christus angenommen hat. Du magst wahrlich ihn annehmen und an ihn glauben!

Ein anderer Grund, der vielleicht noch näher an dein Herz herantritt, ist folgender: Viele sind selig geworden, die doch so schlecht waren wie du, und darum ist hier auch Heil für dich. „Nein,“ sagst du, „Keiner ist so schlecht wie ich!“ Es ist Gnade, daß du so denkst, aber dennoch ist es ganz wahr, daß andere selig geworden sind, die ebenso befleckt waren wie du. Bist du ein Verfolger gewesen? „Ja,“ sagst du. Ja, aber du bist nicht blutdürstiger gewesen als Saulus. Und dennoch ist dieser vornehmste unter den Sündern der vornehmste unter den Heiligen geworden. Bist du ein Flucher gewesen? Hast du den Allmächtigen ins Angesicht verflucht? Ja. Und solche waren Etliche von uns, die wir jetzt unsere Stimme im Gebet erheben und dem Gnadenthron nahen im Wohlgefallen Gottes an uns. Bist du ein Säufer gewesen? Ja. Und solche sind viele aus Gottes Volk gewesen, viele Tage und viele Jahre lang; aber sie haben ihre Befleckung verlassen und haben sich zum Herrn bekehrt von ganzem Herzen. Wie groß auch deine Sünde sein mag, ich sage dir, Mensch, es sind Etliche selig geworden, die so tief in Sünden versunken waren wie du. Und wenn auch keine selig geworden sind, die ebenso große Sünder waren wie du, so hat Gott um so mehr Grund, dich zu erretten, auf daß er alles übertreffe, das er je getan hat. Der Herr tut jederzeit gerne Wunder; und wenn du dastehst als der vornehmste der Sünder, vor allen übrigen, so glaube ich, daß er dich mit Freuden erretten wird, damit die Wunder seiner Liebe und Gnade um so herrlicher offenbar werden. Sagst du noch, daß du der vornehmste unter den Sündern seiest? Ich sage dir, ich glaube es nicht. Der vornehmste unter den Sündern wurde vor Jahren schon selig; das war der Apostel Paulus; und wenn du ihn auch überbötest, so geht das Wörtlein „aufs Völligste“ auch über dich hinaus. „Er kann selig machen aufs Völligste, die durch ihn zu Gott kommen.“ Bedenke, Sünder, wenn du nicht Heil findest in Christus, so ist es deshalb, weil du es nicht suchst, denn sicher ist es vorhanden. Wenn du verloren gehst, ohne durch das Blut Jesu Christi errettet zu werden, so geschieht es nicht aus Mangel an Macht in diesem Blut, dich zu retten, sondern einzig aus Mangel an Willen von deiner Seite, eben weil du nicht an ihn glauben willst, sondern übermütig und eigensinnig sein Blut zu deinem eigenen Verderben verwirfst. Nimm dich in Acht, denn so gewiß in keinem Andern Heil ist, so gewiß ist das Heil in ihm.

Ich könnte mich dir gegenüberstellen und sagen, daß für dich Heil sein muß in Christus, weil ich in Christus Heil für mich selbst gefunden habe. Ich habe oft gesagt, ich will nie mehr an der Seligkeit irgend eines andern zweifeln, so lange ich nur weiß, daß Christus mich angenommen hat. O wie dunkel war die Nacht meiner Verzweiflung, als ich zuerst den Thron der Gnade suchte! Ich dachte damals, wenn Gott mit der ganzen Welt Erbarmen hätte, so könnte er doch niemals mit mir Erbarmen haben.. Die Sünden meiner Kindheit und meiner Jugend drückten mich schwer. Ich meinte, ich könnte sie nach und nach aufgeben, aber ich war wie mit ehernen netzen böser Gewohnheiten umstrickt und ich konnte sie nicht überwinden; und wenn ich auch meine Sünde hätte aufgeben können, so hätte die Schuld doch noch an meinem Gewand geklebt; ich konnte mich nicht selbst rein waschen. Ich betete drei lange Jahre hindurch, ich beugte vergebens meine Knie, und suchte Gnade, aber fand sie nicht. Aber am Ende - sein Name sei gelobt! - da ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte und glaubte, daß sein Zorn mich eilends verderben müßte und daß der Abgrund seinen Schlund öffnen und mich verschlingen werde, da, in der Stunde meiner äußersten Not, offenbarte er sich mir und lehrte mich, mich einzig und ganz an ihn zu klammern. So wird es dir ergehen, vertraue ihm nur, denn in ihm ist Heil - darauf verlasse dich!

Um aber deinen Eifer anzuspornen, will ich mit der Bemerkung schließen: Wenn du nicht in Christus Jesus Heil findest, so bedenke wohl, daß du es sonst nirgends finden kannst. Wie schrecklich müßte es für dich sein, wenn du die Seligkeit verlieren solltest, die Christus dir erworben hat! Denn wie wollen wir entfliehen, wenn wir eine solche Seligkeit nicht achten? Heute spreche ich wahrscheinlich nicht zu vielen der ärgsten Sünder, aber doch weiß ich, daß ich gerade einige von dieser Art vor mir habe. Aber ob wir arge Sünder sind oder nicht, wie fürchterlich wäre es, wenn wir sterben sollten, ohne vorher Teil zu haben am Heiland! Sünder, das sollte dich anspornen, vor den Gnadenthron zu treten: der Gedanke, daß, wenn du nicht Gnade findest zu den Füßen Jesu, du nirgends sonst Gnade finden kannst! Wenn die Tore des Himmels sich dir nie öffnen, so bedenke, daß es keine andere Türe mehr gibt, die sich für deine Seligkeit je öffnen kann. Wenn Christus dich verwirft, so bist du verworfen; wenn du nicht mit seinem Blut besprengt wirst, so bist du wahrlich verloren.. Wenn er dich eine kurze Zeit warten läßt, so fahre fort im Beten; es ist des Wartens wert, nämlich, daß kein anderer da ist, kein anderer Weg, keine andere Hoffnung, kein anderer Grund des Glaubens, keine andere Zuflucht. Dort sehe ich die Himmelspforte, und wenn ich hinein will, so muß ich auf Händen und Füßen kriechen, denn es ist eine niedrige Pforte. Ich sehe sie dort, sie ist eng und schmal, ich muß meine Sünden dahinten lassen und meine stolze Gerechtigkeit, und ich muß hineinkriechen durch jene Türe. Komm, Sünder, was sagst du dazu? Willst du durch diese schmale und enge Pforte gehen? Oder willst du das ewige Leben verachten und die ewige Wonne verscherzen? Oder willst du dich demütig anschicken, hindurchzukriechen, in der demütigen Hoffnung, daß er, der sich für dich dahingegeben hat, dich in seinem Namen annehmen will und dich jetzt erlösen und ewig selig machen mag?

Möchten diese wenigen Worte Kraft haben, Einige zu Christus zu ziehen, so bin ich zufrieden. „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du selig.“ „Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.“ Amen.

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