Spurgeon, Charles Haddon - Das Vorbild der heilsamen Worte

„Halt an dem Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, vom Glauben und von der Liebe in Christo Jesu.“
2. Tim. 1,13

Geliebte in Christo Jesu!

Meine unablässige Sorge für euch ist, daß ich euch die göttliche Wahrheit verkündige und daß ihr festhaltet an dem Vorbild der heilsamen Worte, damit ihr unter allen Versuchungen zur Irrlehre fest und unbeweglich steht wie ein Fels und beharrt in dem Glauben, der einmal den Heiligen übergeben worden ist, von dem ihr gehört habt und den wir euch verkündigt haben. Wenn das Evangelium hörenswert ist, und wenn es ein wahres Evangelium ist, dann ist es auch bewahrenswert. Darum ist meine Sorge dahin gerichtet, daß ihr im Glauben so gegründet werdet, daß ihr festhaltet an dem Bekenntnis eures Glaubens, ohne zu wanken - denn er ist treu, der die Verheißung gegeben hat.

Wenn Paulus an seinen geliebten Timotheus schreibt: „Halt an dem Vorbild der heilsamen Worte“, so will er ihm nicht gerade ein Verzeichnis von Lehren oder einen kurzen Auszug der Gottesgelehrsamkeit oder eine Summe von kirchlichen Glaubensartikeln, die er nur unterschreiben sollte, mitteilen, sondern er will ihm sagen: „Mein lieber Timotheus, als ich euch predigte, so habt ihr gewisse, große Umrisse der Wahrheit vernommen; ihr habt von mir das große Glaubenssystem von Jesus Christus gehört; in meinen Schriften und öffentlichen Reden habt ihr mich beständig auf ein gewisses Vorbild oder Form des Glaubens dringen gehört. Dieses Vorbild halte fest.“

Ich will nun zeigen:

  1. was das Vorbild der heilsamen Worte sei -
  2. wie nötig es sei, dieses Vorbild festzuhalten -
  3. will ich euch warnen vor den Gefahren, denen ihr ausgesetzt seid, dieses Vorbild zu verlassen -
  4. werde ich reden von den zwei großen Ringen, Glaube und Liebe in Jesu Christu, welche dazu dienen, „das Vorbild der heilsamen Worte festzuhalten.“.

1) Was ist das Vorbild der heilsamen Worte?

Tausend Menschen werden über diesen Punkt streiten. Der eine wird sagen: „Mein Glaube ist das Vorbild der heilsamen Worte“; ein anderer wird seinen Glauben für heilsam, wenn nicht gar für unfehlbar erklären. Wir wollen uns aber in die kleinen Unterschiede der einzelnen Glaubensformen nicht einlassen, sondern wir sagen einfach, daß nur das ein Vorbild der heilsamen Worte sein kann, was vollkommen schriftgemäß ist. Wir nehmen die Lehren der Menschen als solcher nicht an; und was sich als göttlich geltend machen will, muß vom heiligen Geist und von Gott eingegeben sein, sonst erlangt es bei uns keine Geltung. Auch Überlieferungen der Menschen gelten bei uns nichts, wenn sie nicht aus der Schrift bewiesen werden; die Schrift ist der einzige Grund, den wir anerkennen.

Ein Vorbild heilsamer Worte muß Gott ehren und den Menschen erniedrigen. Eine Lehre, die nicht die Krone auf Jesu Haupt setzt und die nicht den Allmächtigen erhöht, ist keine heilsame. Wenn wir bemerken, daß eine Lehre die Kreatur erhöht, so fragen wir nichts nach den Beweisgründen, welche zu ihrer Begründung angeführt werden; wir wissen, daß dieselbe eine Lüge ist, wenn sie die Kreatur nicht in den Staub legt und den Schöpfer erhöht. Wenn dies nicht geschieht, so ist sie nur eine verfaulte Lehre des menschlichen Stolzes und kann so wenig wahres und gesundes Licht in die Seele ausgießen, als die schimmernden Dünste, welche aus Morästen aufsteigen, Gesundheit verleihen können.

Eine heilsame Lehre erkennt man ferner an ihrer Richtung oder ihrem Ziel. Wir können es unmöglich für eine heilsame Lehre halten, wenn wir deutlich erkennen, daß sie die Richtung hat, im Menschen Sünde zu erzeugen. Wenn es nicht eine Lehre zur Gottseligkeit ist, so können wir es nicht für eine göttliche Lehre halten. Derjenige, der sie festhält, muß sich der Gottseligkeit ernstlich befleißigen; sie muß in ihm Liebe zur Wahrheit und ein Streben nach Heiligkeit fördern - sonst ist all der Glanz und Schimmer von Neuheit umsonst; sie ist eine zügellose Lehre, die wir von uns werfen.

Wenn man fragt, was wir denn als Vorbild der heilsamen Lehre betrachten, welche Lehren der Schrift gemäß, für den Geist heilsam und zur Erhöhung Gottes förderlich seien, so antworten wir: Wir glauben, daß ein Vorbild der heilsamen Lehre vor allem enthalten müsse die Lehre von dem göttlichen Wesen und dessen Natur, wir müssen die Dreieinigkeit in der Einheit und die Einheit in der Dreiheit haben. Jede Lehre, welche nicht den Vater, den Sohn und den heiligen Geist hat, halten wir für unheilsam, weil sie gewiß der Ehre Gottes nachteilig sein muß. Wer entweder den Vater oder den Sohn oder den heiligen Geist verachtet, den verachten wir mit seinen Lehren, und wir können ihm nicht einmal sagen: „Ich wünsche dir Glück!“

Die heilsame Lehre muß richtig von Gott und richtig vom Menschen lehren. Sie muß lehren, daß der Mensch ganz gefallen und sündig ist, daß er wegen seiner Sünde verdammt und in sich selbst ganz hoffnungslos ist in Beziehung auf sein Heil. Wenn sie den Menschen erhebt, ihm einen unwahren Charakter gibt und ihn mit einem falschen Kleid der Gerechtigkeit bekleidet, das von seinen eigenen Fingern gewoben ist, so verwerfen wir sie entschieden.

Ferner muß ein Vorbild der heilsamen Lehre die rechte Ansicht vom Heil des Menschen haben, das allein vom Herrn kommt. Wenn wir nicht in diesem Vorbild die ewige, unwandelbare Liebe Gottes finden, welche das Heil wirkt für ein Volk, „das nicht sein Volk war“, sondern zum Volk durch besondere Gnade gemacht worden ist - wenn wir das nicht finden, so halten wir es nicht für ein Vorbild der heilsamen Lehre. Paulus sagt: „Gott ist es, der uns errettet und berufen hat mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und Gnade, welche uns gegeben ist in Christo Jesu vor Anbeginn der Welt.“ Das ist ein Vorbild der heilsamen Lehre.

2) Davon will ich nun weiter reden, indem ich euch zeige, wie nötig es ist, dasselbe festzuhalten und zu bewahren um euer selbst, um der Kirche und um der Welt willen.

Geliebte, haltet fest das Vorbild der heilsamen Lehre, denn dadurch werdet ihr unzählige Segnungen erlangen; ihr werdet den Frieden in eurem Gewissen empfangen. Ich bezeuge vor Gott, daß, so oft ich an den großen Dingen, die ich von Gott empfange, zweifle, ich sogleich eine schmerzhafte Leere fühle, welche die Welt nicht ausfüllt und welche nie ausgefüllt werden kann, bis ich jene Lehre wieder annehme und sie von ganzem Herzen glaube. So oft ich traurig und niedergeschlagen bin, finde ich immer Trost im Lesen solcher Bücher, welche die Lehre von dem Glauben des Evangeliums stark treiben, welche die Liebe Gottes gegen sein Volk kräftig hervorheben und welche die großen und köstlichen Verheißungen des Bundeshauptes gegen seine Auserwählten ins Licht setzen. Das stärkt meinen Glauben und meine Seele, mit erhobenen Flügeln, schwingt sich zu ihrem Gott empor. Wer es noch nie geschmeckt hat, Geliebte, der kann nicht sagen, wie süß der Friede ist, welcher die Lehre von der Gnade der Seele verleiht. Sie ist der göttliche Hauptanker, welcher unser schwaches Fahrzeug mitten in den Stürmen des Weltmeeres hält. Da ist „der Friede, welcher höher ist denn alle Vernunft“, den der starke Glaube erfahren darf, der aber die neuerfundenen Lehren der jetzigen Zeit uns nicht geben können. Diese ziehen uns allerdings an wegen ihrer Neuheit; wir verwundern uns über ihre übersinnliche Geistigkeit, aber es steht nicht lange an, so müssen wir sagen: õO weh! O weh! Ich habe Sodoms Äpfel in die Hand genommen; sie gewährten einen schönen Anblick, aber sie wurden mir Asche im Mund.„ Wenn ihr Frieden haben wollt, so haltet fest an der Wahrheit, haltet an dem Vorbild der heilsamen Worte, so wird „euer Friede sein wie ein Strom, und eure Gerechtigkeit wie die Meereswellen.“

Ich sage abermals: „Haltet fest an dem Vorbild der heilsamen Lehre“, denn dies wird sehr viel zu eurem Wachstum beitragen. Wer die Wahrheit festhält, wird schneller wachsen als der, welcher von einer Lehre zur anderen abspringt. Wie viele geistliche Wetterfahnen gibt es jetzt in der Welt. Manche Leute hören eines Morgens einen Prediger und sagen: „O, es ist herrlich gewesen!“ Abends hören sie wieder einen anderen: „O, das ist eben so gut“; obwohl einer dem anderen widerspricht. Die viel gerühmte Liebe unserer Zeit ist von der Art, daß man glaubt, Lügen und Wahrheit seien gleich gut; daher Lügen und Wahrheit einander sich begegnen und küssen; daher der, welcher Wahrheit redet, für einen blinden Eiferer gehalten wird, und die Wahrheit aufgehört hat, ehrenwert zu sein in der Welt. Eine solche schrankenlose Liebe aber ist eine falsche. Darum haltet fest an dem Vorbild der heilsamen Lehre, durch welche allein wir wachsen können im geistlichen Leben. Veränderliche, unbeständige Leute können nicht wachsen. Gesetzt, du hast in deinem Garten einen Baum, den du heute an diesen Ort pflanzt und morgen an einen anderen Ort, um wie viel dicker wird er in 6 Monaten sein? Er wird wahrscheinlich ganz tot, oder wenigstens nicht viel gewachsen, sondern verkümmert sein. So ist es mit den Christen, die sich bald hier, bald dorthin pflanzen, die von einer Partei zur anderen umspringen und nicht sagen können, was sie sind.

Im Grund glauben solche Leute nichts recht, sie sind so gut als nichts, und jeder mag sie haben, wenn er will. Wir halten nicht viel auf die Leute, welche keine festen Grundsätze haben und „nicht festhalten das Vorbild der heilsamen Lehre“, ohne welche man nicht wachsen kann. Wie könnte ich in 10 Jahren viel von meinem Glauben wissen, wenn ich ihn in 10 Jahren 10mal veränderte. Ich würde nur ein Halbwisser in allem, und in einem nichts Gründliches verstehen. Aber wie stark muß in seinem Glauben derjenige werden, der nur einen Glauben hat, von dem er überzeugt ist, daß es ein göttlicher Glaube ist, den er festzuhalten hat! Ein solcher Glaube wird dann auch im Sturm und Wetter nur fester gemacht werden. Darum um eures Friedens und um eures Wachstums willen „haltet an dem Vorbild der heilsamen Lehre“. Erinnert euch an die üblen Folgen, welche euch treffen müssen, wenn ihr von diesem Vorbild abweichen würdet. Jede Abweichung von der Wahrheit ist Sünde. Es ist nicht bloß eine Sünde, wenn ich etwas Sündliches begehe, es ist auch Sünde, eine falsche Lehre zu glauben.

Ein Mensch ist sowohl für seinen Glauben als auch für seine Handlungen verantwortlich. Gott hat Gewalt über unsere Gedanken und Urteile wie über unsere Hände, Füße, Augen und Lippen, denn der ganze Mensch ist verpflichtet, dem Herrn zu dienen. Wenn Gott mir Urteilskraft gegeben hat, so soll ich sie auch in seinem Dienst anwenden. Wenn nun mein Urteil Unwahrheit aufnimmt, so hat es gestohlene Güter empfangen, und ich habe gesündigt, gerade wie wenn ich meine Hand ausgestreckt hätte nach den Gütern meines Nachbarn. Irrtum in der Lehre ist also Sünde, so gut wie Irrtum im Wandel. Wir sind verpflichtet, in allen Dingen unserem Gott mit aller Macht zu dienen und die Kräfte des Urteilens und des Glaubens nach seinem Willen zu gebrauchen. Es ist daher jedesmal Sünde, wenn wir etwas tun, was uns im Glauben an Jesus Christus wankend macht. Bedenkt auch, daß Irrtum in der Lehre auch eine solche Sünde ist, die, wie überhaupt alle Sünden, einen starken Trieb hat, sich zu vermehren. Wenn ein Mensch einmal in seinem Leben etwas Falsches glaubt, so glaubt er schnell auch etwas anderes, das falsch ist. Öffne einmal der falschen Lehre Tür und Tor, so wird Satan das wenige Falsche in dein Herz treiben wie das schmale Ende eines Keiles. Die verderblichsten Irrlehrer, welche je den Glauben Gottes verkehrt haben, haben zuerst kleine Irrtümer vorgebracht, aber zuletzt sich ganz von der Wahrheit entfernt. Deswegen, meine Geliebten, nehmt euch wohl in Acht! Wenn ihr einem Irrtum Raum gebt, so könnt ihr nicht sagen, wie weit ihr gehen werdet.

„Haltet an dem Vorbild der heilsamen Lehre“, denn der Irrtum in der Lehre führt zum Irrtum im Wandel. Wer etwas Falsches glaubt, wird auch bald falsch handeln. Der Glaube hat einen großen Einfluß auf unser Verhalten. Wie der Glaube eines Menschen ist, so ist er selbst.

Aber nicht nur um euer selbst Willen haltet fest an der heilsamen Lehre, sondern auch um der Kirche willen. Wollt ihr das Wohlergehen und den Frieden der Kirche Christi, so haltet fest an der gesunden Lehre.

Was ist die Ursache der Trennungen, der Streitigkeiten in der Kirche? Der Fehler liegt nicht in der Wahrheit, sondern im Irrtum. Wäre immer völlige und beständige Reinheit in der Kirche gewesen, so wäre auch völliger und beständiger Friede in ihr gewesen. Wenn in einem Sturm die Anker losreißen, so stoßen die Schiffe gegeneinander und tun einander großen Schaden. Eben also haben die verschiedenen Abteilungen der Kirche einander großen Schaden getan, weil ihre Anker nicht fest gewesen sind. Wären sie bei der Wahrheit geblieben, so wären keine unnützen Streitigkeiten entstanden; denn Streitigkeiten entstehen aus Irrtümern. Haltet also fest an der Wahrheit, so werdet ihr die Uneinigkeiten in der Kirche verhindern und die Stärke derselben fördern.

Ferner sage ich, haltet an der gesunden Lehre „um der Welt willen“. Der Lauf des Evangeliums ist gewaltig gehemmt worden durch die Irrtümer seiner Verkündiger. Ich wundere mich nicht, wenn ich sehe, daß ein Jude nicht an das Christentum glauben will, weil der Jude selten das Christentum in seiner Schönheit und Reinheit erblicken kann. Was hat der Jude Jahrhunderte lang vom Christentum denken müssen? Antwort: Es sei reine Abgötterei. Er hat die Römischen vor Holz und Stein niederknien sehen; er hat sie gesehen, wie sie vor Maria und allen Heiligen sich niederwerfen. Der Jude sagte, dies ist meine Losung: „Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist unser Gott; ich kann kein Christ werden, denn die Verehrung eines Gottes ist ein wesentlicher Teil meiner Religion.“ Und so haben auch die Heiden sich an den Christen geärgert und sich geweigert, die christliche Lehre anzunehmen. Deswegen, wenn ihr wollt, daß Sünder sich bekehren, daß die Auserwählten Gottes eingesammelt werden, „so haltet fest an dem Vorbild der heilsamen Lehre, im Glauben und Liebe gegen Jesus Christus.“

3) Und nun drittens laßt mich euch warnen vor zwei Gefahren:

Eine Gefahr ist die, daß ihr oft werdet versucht werden, das Vorbild der heilsamen Lehre aufzugeben wegen des Widerstandes, den ihr finden werdet. Zwar will ich euch nicht gerade leibliche Verfolgung prophezeien, obwohl manche hier sind, welche von ungöttlichen Ehegatten usw. zu leiden haben. Aber von der Verfolgung mit der Zunge wird keiner von euch verschont werden, wenn ihr an der Wahrheit festhaltet. Man wird euch auslachen; man wird eure Lehre als ein Zerrbild darstellen, und bisweilen werdet ihr versucht werden, zu sagen: „Nein, ich glaube das nicht“, obwohl ihr es doch glaubt. Oder wenn ihr das auch nicht gerade aussprecht, so werdet ihr doch zu Zeiten verleitet werden, euch ein wenig auf die Seite zu wenden, weil ihr das Gelächter nicht ertragen könnt und das Gespött des Weltlich-Weisen euch zu hart ist. O, Geliebte, laßt mich euch warnen vor der Gefahr, auf die falsche Seite gezogen zu werden. „Haltet fest an dem Vorbild der heilsamen Lehre“ inmitten alles Gespötts.

Aber die größte Gefahr droht euch von der List und Schlauheit, womit die Feinde versuchen, euch zu dem Glauben zu verleiten, daß eure Lehre ganz dieselbe sei mit einer Lehre, welche den geraden Gegensatz bildet. Der Feind sucht euch zu überreden, daß seine Lehre ganz unschädlich sei, obwohl sie mit der eurigen im Gegensatz steht. Er wird euch sagen: „Ihr habt nicht nötig, diese Dinge vorzubringen, welche nur Streit verursachen; es gibt einen Weg, eure Ansichten mit den Meinigen zu vereinigen.“ Und ihr wißt, wir alle wünschen, für freisinnig gehalten zu werden; der größte Stolz in der Welt ist jetzt, für freisinnig in den Ansichten zu gelten; und manche würden eher 100 Meilen weit davonlaufen, als sich einen bigotten Menschen nennen zu lassen. Ich bitte, laßt euch nicht verführen von denen, welche euren Glauben so gerne umkehren möchten, nicht durch offenen Angriff, sondern durch listige Untergrabung jeder Lehre, indem sie sagen, das hat nichts zu bedeuten, jenes hat nichts zu bedeuten, während sie fortwährend darauf aus sind, jene Festung, womit Gott seine Wahrheit und Kirche verwahrt hat, niederzureißen.

4) Und nun viertens werde ich von den zwei großen Ringen reden, an denen ihr die Wahrheit des Evangeliums festhalten sollt.

Wenn ihr die Wahrheit festhalten wollt, so müßt ihr vor allem suchen, dieselbe zu verstehen. Man kann keine Sache fest halten, von der man kein rechtes Verständnis hat. Ich wünschte nicht, daß ihr einen Glauben hättet wie jener Kohlengräber, der auf die Frage, was er denn glaube, antwortete: „Ich glaube, was die Kirche glaubt.“ „Gut; aber was glaubt denn die Kirche?“ Er antwortete: „Die Kirche glaubt, was ich glaube, und ich glaube, was die Kirche glaubt.“; und so redete er im Kreis herum. Dies ist ein närrischer glaube. Wir wünschen aber, daß ihr die Sachen verstehen, daß ihr eine wahre Kenntnis davon erlangen möchtet. Die Ursache, warum der Mensch die Wahrheit gegen Lüge umtauscht, ist die, daß er die Wahrheit nicht wesentlich versteht. In 9 Fällen unter 10 versteht er die Wahrheit nicht mit einem erleuchteten Verstand. Deswegen ermahne ich besonders euch Eltern, daß ihr euren Kindern einen gesunden Unterricht in den großen Heilswahrheiten des Evangeliums gebt. Ihr müßt es selbst tun, und nicht allein den Lehrern überlassen, welche nur eure Gehilfen, aber nicht eure Ersatzmänner sein sollen. Daher kommt so viel Glaubensschwäche unter euch, weil ihr in eurer Jugend in den Hauptwahrheiten des Evangeliums nicht recht unterrichtet worden seid. Wäre dies geschehen , so würdet ihr so fest gegründet und fest im Glauben geworden sein, daß niemand auf irgend eine Weise euch hätte wegbewegen können. Ich bitte euch daher, lernt die Wahrheit gründlich verstehen, dann werdet ihr auch gewisser an ihr festhalten unter den Anfechtungen.

Ferner: Wollt ihr die Wahrheit festhalten, so müßt ihr euch recht in dieselbe hineinbeten.

Der Weg, um eine Wahrheit inne zu bekommen, ist das Beten, bis man sie inne hat. Ein alter Gottesgelehrter sagt: „Ich habe vieles verloren, was ich im Hause Gottes gelernt habe, aber ich habe nie etwas verloren, was ich im Betkämmerlein gelernt hatte.“ Was ein Mensch auf seinen Knien lernt mit offener Bibel, das wird er nie vergessen. Habt ihr je eure Knie gebeugt und gebetet: „Herr, öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder in deinem Gesetz?“ Wenn ihr diese Wunder gesehen habt, so werdet ihr sie nie vergessen. Wer sich in eine Wahrheit hineingebeten hat, wird sich von niemandem, auch vom Teufel selbst nicht, abbringen lassen, und käme er auch im Gewande eines Lichtengels.

Aber die zwei Hauptringe sind: Glaube und Liebe, wie Paulus in unserem Text sagt. Wenn wir die Wahrheit festhalten wollen, so müssen wir Glauben und brünstige Liebe zu dem Herrn Jesu haben.

Glaube du die Wahrheit gründlich und meine es nicht nur, daß du sie glaubst. Wer sie wirklich glaubt, uns seinen Glauben auf den ganzen Christus gründet, der wird sie nicht leicht wieder fahren lassen. Manche geben nur vor, daß sie glauben, aber sie glauben nicht von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus allen Kräften, sie glauben nicht mit dem Glauben, welcher in Christus ist. Wenn sie das täten, so möchten Stürme, Anfechtungen oder Verfolgungen kommen, sie würden nicht zurückweichen, sondern fest bleiben am bösen Tag, weil ihr Glauben auf einen Felsen gegründet ist.

Der zweite Ring ist die Liebe. Liebet Christus und seine Wahrheit, weil es Christi Wahrheit ist und um seinetwillen, so wird euch die Wahrheit nicht von sich lassen. Es hält sehr schwer, einen Menschen von der Wahrheit abzuwenden, die er lieb hat. „O,“ sagt einer, „ich kann nicht mit ihnen über die Wahrheit streiten, aber ich kann sie auch nicht aufgeben; ich liebe sie und kann nicht ohne sie leben; sie ist ein Teil meines Wesens, sie ist mit meiner Natur verwoben, und ob auch mein Gegner sagt, Brot sei nicht Brot, und ich diese Behauptung nicht verneinen kann, so gehe ich doch und esse es; ich liebe es, und es stillt meinen Hunger. Mein Gegner sagt mir, dieser Strom hier sei kein lauterer Strom; ich kann es nicht verneinen, aber ich gehe und trinke davon und finde, daß es ein Strom von Lebenswasser für meine Seele ist. Mein Gegner sagt mir, mein Evangelium sei nicht das wahre, und doch tröstet und erhält es mich in meinen Versuchungen, es hilft mir, die Sünde zu überwinden und meine Leidenschaften zu bezwingen und bringt mich näher zu Gott; wenn mein Evangelium nicht das wahre ist, so wundere ich mich, was denn das echte Evangelium sein soll; ich kann nicht denken, daß ein wahres Evangelium bessere Wirkungen haben würde.“

Mit diesen zwei Ringen, nämlich mit Glaube und Liebe zu Christus, halte die Wahrheit fest, dann wird kein Feind sie dir entreißen können. Der große Fehler in unserer Zeit ist der, daß, indem wir versuchen, liberal oder freisinnig zu sein, wir die Wahrheit nicht fest genug halten. Vor einiger Zeit predigte ein Geistlicher über die Worte: „Prüfet alles!“. In der Kirche war ein junger Mensch, der offen an die Wahrheit des Evangeliums glaubte, aber da der Prediger den Gegenstand auf eine unentschiedene Weise behandelte, so ging der junge Mann heim, kaufte sich einige ungläubige Bücher und wurde völlig von der Wahrheit abtrünnig, so daß er auch das verließ, was er einst für wahr gehalten hatte. Ich bitte euch daher, laßt euren Anker tief in den Grund der Wahrheit eindringen, damit ihr fest steht bei allem, was kommen mag, und während ihr alles prüft, werft das nicht weg, was gut ist. Haltet fest das Vorbild der heilsamen Lehre, welches ihr jetzt gehört habt vom Glauben und von der Liebe in Christus Jesus. Amen.

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