Spurgeon, Charles Haddon - Das Verlassen der ersten Liebe

„Aber ich habe wider dich, daß du deine erste Liebe verlassen hast.“
Offenb. 2,4.

Es ist etwas Großes, wenn im Urtheil über uns das gesagt werden kann, was von der Gemeinde zu Ephesus konnte gesagt werden. Leset nur, was da sagt, „der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben güldenen Leuchtern: Ich weiß deine Werke, und deine Arbeit, und deine Geduld, und daß du die Bösen nicht tragen kannst; und hast versucht, die von sich sagen, sie seien Apostel, und sind es nicht, und hast sie Lügner erfunden; und hast Geduld, und erträgst um meines Namens willen, und bist nicht müde worden“ (Offenb. 2,1-3.). O, meine theuren Brüder und Schwestern, welch' tiefes Dankgefühl muß uns durchdringen, wenn wir in Demuth, aber in Aufrichtigkeit sagen können, daß dieser Ausspruch uns gilt. Selig ist der Mann, deß Werke Christus kennt und annimmt. Er ist kein leerer Christ, er hat sich der Gottseligkeit beflissen; er sucht in Werken der Frömmigkeit dem ganzen Gesetz Gottes zu genügen, in Werken der Barmherzigkeit seine Liebe zu seinen Mitgenossen zu bezeugen, und in Werken der Selbstverläugnung seine Anhänglichkeit an die Sache seines Herrn zu offenbaren. „Ich weiß deine Werke.“ Ach! Manche unter euch können das nicht für sich in Anspruch nehmen. Der Herr Jesus Christus, der treue Zeuge, kann kein Zeugniß für eure Werke ablegen, denn ihr habt keine vollbracht. Ihr seid wohl Christen nach dem Bekenntniß, aber in eurem Wandel seid ihr's nicht. Ich sage abermals: Selig ist der Mann, zu welchem Christus sagen kann: „Ich weiß deine Werke.“ Solch' Zeugniß wiegt eine ganze Welt auf. Aber weiter. Christus sagte: „Und deine Arbeit.“ Das heißt noch mehr. Viele Christen haben Werke, aber nur wenige Christen haben Arbeit. In den Tagen Whitfields gab es viele Prediger, welche Werke hatten, aber Whitfield selber hatte Arbeit. Er rang unter Mühe und Anstrengung um Seelen. Er war ein Mann, der „mehr gearbeitet“ hatte (2 Kor. 11, 23.). Es gab ihrer Viele zu der Apostel Zeit, welche um Christi willen Werke thaten; aber in ganz besonderer Weise arbeitete der Apostel Paulus um der Seelen willen. Es ist nicht ein gewöhnliches Wirken; es ist ein angelegentliches Wirken; es ist ein Aufraffen der ganzen Kraft, ein Anspannen der anstrengendsten Thätigkeit um Christi willen. Könnte wohl der Herr Jesus von euch auch sagen: „Ich weiß deine Arbeit?“ Nein. Aber wohl könnte er sagen: „Ich weiß deine Saumseligkeit, deine Läßigkeit; ich weiß deine Arbeitsscheu; ich weiß dein Aufblähen, wenn du was Geringes vollbracht hast; ich weiß deinen Ehrgeiz, daß du gern für etwas gehalten wärest, da du doch nichts bist.“ Aber ach, theure Freunde, es ist mehr, als was die Meisten unter uns aus dem Munde Christi erwarten dürfen: „Ich weiß deine Arbeit.“

Aber weiter. Christus spricht: „Ich weiß deine Geduld.“ Nun gibt es Etliche, welche arbeiten, und sie thun wohl daran. Aber was hält sie auf? Sie arbeiten nur eine kurze Zeit, und dann hören sie auf zu wirken, und wollen ermatten. Aber jene Gemeinde hatte Jahre lang gearbeitet; sie hatte ihre ganze Kraft aufgeboten - nicht in schnell ermattendem Anlauf, sondern in unabläßigem Streben und ungeschwächtem Eifer für die Ehre Gottes. „Ich weiß deine Geduld.“ Ich sage wieder, Geliebte, es erschreckt mich, wenn ich daran denke, wie Wenige von dieser Versammlung ein solches Lob erringen mögen: „Ich weiß deine Werke, und deine Arbeit, und deine Geduld, und daß du die Bösen nicht tragen kannst.“ Der volle Abscheu, welchen die Gemeine vor falscher Lehre, vor bösen Werken hat, und dagegen wieder ihre inbrünstige Liebe zur reinen Lehre und zum heiligen Wandel - mag wohl auch in Einigen von uns sich wieder finden. „Und hast versucht, die von sich sagen, sie seien Apostel, und sind es nicht, und hast sie Lügner erfunden.“ Auch darin, hoffe ich, stehen Etliche unter uns rein da. Ich kenne den Unterschied zwischen Wahrheit und Irrthum. Nie kann Menschensatzung und Menschenlehre uns gefallen. Mit Hülsen, Schalen und Spreu können wir uns nicht sättigen. Und wenn wir solche hören, die ein anderes Evangelium predigen, so entbrennt ein heiliger Zorn in uns; denn wir haben lieb die Wahrheit, die in Christo Jesu ist, und nichts anderes kann uns genügen. „Und hast Geduld, und erträgst um meines Namens willen, und bist nicht müde worden.“ Sie hatten Verfolgung, Widerwärtigkeit, Trübsal, Noth und Mühe über sich ergehen lassen, und waren doch nie ermattet, sondern allezeit in Treue fortgefahren. Wer unter uns dürfte auf solches Lob Anspruch machen? Ist ein Lehrer der Armen und Verkommenen hier, der sagen könnte: „Ich habe gearbeitet, und habe getragen, und habe Geduld gehabt, und bin nicht müde geworden?“ O, meine theuren Freunde, wenn ihr das sagen könnt, so ist's mehr, als ich vermag. Oft war ich drauf und dran, in des Herrn Arbeit zu ermatten, und ob ich schon glaube, ihrer nicht überdrüssig geworden zu sein, so erfaßte mich doch zuweilen ein Verlangen, meiner Arbeit Ende zu sehen, und vom Dienste Gottes wegzugehen, bevor ich mein Tagewerk vollendet hatte, gleichwie ein Tagelöhner harret, daß seine Arbeit aus sei (Hiob 7, 2.). Ich fürchte, wir haben nicht so viel Geduld, so viel Arbeit, noch so viel guter Werke, daß solches auch von uns möchte gesagt werden. Aber es steht etwas im Text, wovor mir bange ist, daß es auf uns insgesammt passen möchte: „Aber ich habe wider dich, daß du deine erste Liebe verlassen hast.“ Es ist vielleicht ein Prediger unter dieser Versammlung. Hat man je einen Prediger seine eigene Grabrede halten hören? Welche Anstrengung müßte es wohl gekostet haben, zu fühlen, daß er zum Tode verurtheilt sei und gegen sich selbst zu predigen und sich zu verdammen? Hier stehe ich nicht gerade in dieser Lage, aber doch in einer ähnlichen. Ich fühle, daß ich mich heute in meiner eigenen Predigt selbst mit verurtheilen muß; und es war mein ernstliches Gebet, ehe ich diese Kanzel betrat, daß ich furchtlos meine Pflicht erfüllen und aufrichtig mit meinem eigenen Herzen umgehen und also predigen möchte, daß ich mich als den Hauptschuldner erkenne, und Jedes von euch in seinem Theil sich gleicherweise schuldig fühle, jedoch ihr nicht so sehr wie ich. Ich flehe zu Gott, dem h. Geist, er wolle durch seine erneuernde Macht das Wort wirken lassen, nicht nur an euren Herzen, sondern auch an meinem, auf daß ich zur ersten Liebe zurückkomme, und ihr mit mir.

Zuerst nun lasset uns fragen, worin unsre erste Liebe bestand? Zweitens, wie wir sie verloren? Und drittens wollen wir der Ermahnung Gehör geben, wie wir sie wieder erlangen sollen.

I.

Was war unsre erste Liebe?

O schauen wir rückwärts - bei Vielen unter uns ist's noch nicht so lange her. Wir sind nur Neulinge in Gottes Wegen, und bei Keinem von euch wird's schon so lange sein, daß ihr nicht noch zurückrechnen könntet. Und wenn ihr wahre Christen seid, so waren es damals so glückselige Tage, daß euer Gedächtniß sie nie verlieren wird, und darum wird's euch nicht schwer, jenen Glanzpunkt eurer Lebensgeschichte wieder aufzufinden. Ach, welch' eine Liebe hatte ich zu meinem Heiland in der ersten Zeit meiner Sündenvergebung. Ich denke daran. Ihr Alle denkt daran, ich darf's wohl sagen, wie der Herr euch zum ersten Mal erschien, am Kreuze blutend, und zu euren Seelen gleichsam sprach: „Ich bin deine Erlösung; ich tilge deine Uebertretungen wie eine Wolke, und deine Sünden wie einen Nebel“ (Jes. 44, 22.). O glückselig-sel'ge Stunde! Wie hatte ich ihn so lieb! Weit über alle Liebe, nur die seine ausgenommen, war die Liebe, die ich damals für ihn empfand. Wäre vor dem Eingang des Ortes, wo er mir begegnete, ein flammender Scheiterhaufen aufgerichtet gewesen, so wäre ich freiwillig, ohne Fesseln, darauf gestanden, und hätte mit Freuden hingegeben Fleisch und Blut und Bein, daß sie zu Asche versengen sollen zu einem Zeugniß meiner Liebe zu ihm. Hätte er damals von mir verlangt, ich solle alle meine Habe den Armen geben, so hätte ich Alles hingegeben und hätte mich unendlich reich geschätzt, daß ich mich um seines Namens willen hätte zum Bettler machen dürfen. Hätte er mir damals befohlen, mitten unter seinen Feinden zu predigen, so würde ich gesprochen haben:

„Die Liebe bricht durch Stahl und Stein,
Sie faßt die Allmacht in sich ein;
Wer will sie übermeistern?
Wer sich an ihn alleine hält.
Der trotzet kühn der ganzen Welt
Sammt allen Höllengeistern.“

Ich hätte damals das Wort Rutherfords wahr machen können, als er einst, im Kerker zu Aberdeen, voll von der Liebe Christi, sprach: „O mein Herr, wäre auch ein breites Todesthal zwischen dir und mir, und ich könnte nicht anders zu dir gelangen, als wenn ich sein Feuermeer durchwandelte, so wollte ich mich nicht zweimal bedenken, sondern wollte mich unverzüglich hineinstürzen, ob ich dich gewinnen, und in deine Arme fliehen, und dich mein nennen möchte.“

Diese erste Liebe haben wir - ich fürchte nur zu sehr, daß wir's gestehen müssen - gewissermaßen wieder verloren. Prüfen wir also ernstlich, ob wir noch in derselben stehen. Als wir anfingen, den Heiland zu lieben, wie ernst meinten wir's da! nicht Eines war in der Bibel, was uns nicht köstlich dünkte; nicht eines seiner Worte gab's, wovon wir nicht dachten, es sei wie feines Gold und köstlicher denn Silber. Nie standen des Gotteshauses Pforten offen, ohne daß man uns dort traf; zu welcher Tageszeit auch eine Gebetsstunde gehalten ward, so waren wir dabei. Manche warfen uns vor, wir seien allzu ungeduldig, wir möchten des Guten fast zu viel thun und Gesundheit und Leben gefährden - wir aber achteten Alles nicht. „Thue dir kein Leides,“ flüsterte man uns in's Ohr; aber wir hätten damals Alles dran gegeben. Warum sind jetzt so Viele, denen der Weg zum Gotteshaus so weit vorkommt, daß die Entfernung sie manchmal zurückhält? Sie hätten doch im Anfang ihrer Bekehrung den doppelten Weg nie gescheut. Warum finden so Viele aus Ueberladung an Arbeit nicht mehr Zeit zum Besuch der Gebetsversammlung, und gleich nach eurer Erweckung fehltet ihr doch nie in der Gemeinschaft der Heiligen? Das Verlassen der ersten Liebe macht's, daß ihr die Nutze des Leibes dem Heil eurer Seelen vorzieht. Zu Jungen und Alten, die der Gemeine des Herrn sich anschlossen, habe ich gesagt: „Habt ihr euch schon für einen Kirchensitz gemeldet?“ „Nein.“ „Ja, was gedenkt ihr aber zu thun? Habt ihr wenigstens dafür gesorgt, daß ihr einen guten Stehplatz bekommt?“ „O nein, ich konnte nicht; aber es macht mir auch nichts, eine oder zwei Stunden unter dem großen Haufen vor der Thüre zu warten. Ich gehe lieber schon um fünf Uhr hin, damit ich sicher Platz bekomme. Manchmal freilich komme ich doch nicht hinein, aber auch dann freue ich mich, daß ich wenigstens mein Möglichstes versuchte.“ „Wohl,“ erwiederte ich, „aber ihr wohnt anderthalb Stunden entfernt, und täglich zweimal herkommen und wieder heimgehen, das könnt ihr nicht.“ „O doch, das kann ich schon; ich erfahre den Segen des Sonntags in so reichem Maaße, und fühle mich so selig in der Gegenwart des Herrn.“ Damals mußte ich über die guten Seelen lächeln; ich begriff sie, aber ich fand es nicht für nothwendig, sie zu warnen - und jetzt ist ihre Liebe ziemlich abgekühlt. Jene erste Liebe hat nicht halb so lange Bestand, als wir gerne möchten. Manche sind hier, die mir Recht geben müssen; ihr besitzt jene überschwängliche, jene brennende, oder wie die Welt wohl denken mag, jene lächerliche Liebe nicht, die eben am Ende doch am meisten gesucht und gepflegt werden sollte. Nein, in dieser Begehung habt ihr die erste Liebe verlassen. Und o, wie waret ihr so gehorsam. Wenn ihr ein Gebot kanntet - das war schon genug, ihr erfülltet es. Aber jetzt sehet ihr wohl ein Gebot, aber dort lockt euch ein Gewinn, und ihr liebäugelt mit dem Gewinn und erwählt die Versuchung, statt einem unbefleckten Gehorsam Christi nachzujagen.

Und o, wie waret ihr einst so selig in den Wegen Gottes. Eure Liebe machte euch so überglücklich, daß ihr hättet mögen den ganzen Tag jauchzen und singen; jetzt aber hat eure Gottesliebe den Glanz verloren und das Gold ist matt geworden; ihr wißt, daß ihr oft ohne rechte Freudigkeit zum Tische des Herrn nahet. Es gab eine Zeit, wo euch alles Bittere süß schien; wenn ihr nur Gottes Wort hören konntet, so war es euch köstlich. Nun könnt ihr euch über den Prediger beklagen. Ach, freilich hat der Prediger viele Fehler; aber darum handelt sich's nicht, sondern darum, ob nicht in euch selber eine größere Veränderung vor sich gegangen sei, als in ihm. Viele sind hier, sie sagen: „Ich höre den Herrn so und so nicht mehr so gern wie früher“ - wenn ihre eigenen Ohren daran Schuld sind. Ach, liebe Brüder, wenn wir Christum lieb haben und in der ersten Liebe stehen, da ist's zum Erstaunen, wie wenig es braucht, damit ein Prediger uns befriedige. Ja, ich gestehe es, ich hörte einmal einen armen, ungebildeten Methodisten-Reiseprediger das Wort Gottes verkündigen, und ich hätte vor Freuden jauchzen und springen können, so lang ich ihm zuhörte, und doch brachte er keinen neuen Gedanken, keinen gewählten Ausdruck, kein Bild, dessen ich mich noch erinnern könnte; aber er erzählte von dem Herrn Jesus; und auch die allbekannten Sätze, die er brachte, kamen meinem hungrigen Geiste vor wie die köstlichste Speise. Und ich muß bekennen, und vielleicht müßt ihr dasselbe sagen, daß ich schon Predigten gehört habe, aus denen ich Vieles hätte lernen können, aber ich achtete nur auf die Vortragsweise und auf die Feinheit der Sprache. Während ich in und mit der Predigt hätte der Gemeinschaft mit meinem Heilande pflegen können, bin ich statt dessen mit meinen Gedanken umhergeschweift bis an das Ende der Erde. Und was war der Grund? Ich habe meine erste Liebe verlassen.

Noch eins: Als wir noch in der ersten Liebe standen, was hätten wir da für Christum nicht Alles gethan? Und wie wenig thun wir jetzt? Wenn wir zurückblicken auf Manches, was wir als junge, neubekehrte Christen thaten, so kommt es uns fast abentheuerlich und mährchenhaft vor. Erinnert euch, wie ihr vielleicht einen einzigen Thaler in der Tasche hattet; da trafet ihr mit einem armen unbekannten Kind Gottes zusammen, und gabet ihn gleich her, wenn's schon Alles war, was ihr besaßet. Es machte euch nichts, ihn wegzugeben; das Einzige that euch leid, daß ihr nicht mehr besaßet, denn ihr hättet Alles weggeschenkt. Oder ihr erinnertet euch, daß für das Reich Gottes etwas erforderlich war. O! da hätten wir Alles weggeben können, da wir noch in der ersten Liebe standen. Wenn in einem zwei Stunden weit entfernten Ort eine Abendversammlung gehalten werden sollte, und wir dem Stundenhalter mit unsrer Begleitung bei finstrer Nacht angenehm sein konnten, so fehlten wir gewiß nicht. Gab's eine Sonntagsschule in frühster Morgenstunde, so waren wir früh munter, um ja nicht zu spät zu kommen. Unerhörte Anstrengungen wurden uns damals leicht und zur Lust, und wir sehen mit Erstaunen und Verwunderung darauf zurück. Warum vermögen wir jetzt solches nicht mehr? Ihr wißt, es gibt Leute, die immer von dem zehren, was sie einst gewesen sind. Ich rede jetzt ganz offen. Es ist ein Bruder hier in dieser Versammlung, der's zu Herzen nehmen kann; ich hoffe, er thut's auch. Vor noch nicht sehr vielen Jahren sagte er zu mir auf meine Frage, ob er nicht auch etwas thun wolle: „Ich habe das Meinige schon gethan; ich habe Jahre lang immer meinen regelmäßigen Beitrag gegeben; mein Beitrag war so und so viel.“ Ach, möge der Herr ihn und uns Alle frei machen von dem, daß wir immer auf das „Habe gethan“ pochen! Es thut's nicht, daß wir sagen, wir haben etwas gethan. Setzt einen Augenblick voraus, das Wort Gottes würde sprechen: „Ich bin umhergegangen, ich will stille stehen.“ Das Meer sage: „Ich habe die Wogen meiner Ebbe und Fluth fortgewälzt, dem Monde nach, siehe, schon viel Jahre her; ich will nun ruhen.“ Die Sonne sage: „Ich habe geschienen, und bin auf- und untergegangen Tag für Tag, Jahrtausende lang; ich habe dessen genug vollbracht, um mir einen guten Namen zu machen; ich will nun aufhören;“ der Mond hülle sich in die dunkeln Schleier dichter Finsterniß und sage: „Ich habe nun viele Nächte erleuchtet und manchem müden Wanderer in öder Heide den Pfad gezeigt; ich will meine Lampe auslöschen und nun ewig dunkel bleiben.“ Brüder, wenn ihr und ich zu arbeiten aufhören, dann soll's auch unsres Lebens Ende sein. Gott hat nicht die Absicht, daß wir ein müssiges Leben sollen leben. Aber beachtet wohl, wenn wir unsre ersten Werke verlassen, so unterliegt es keinem Zweifel, daß wir die erste Liebe verlassen haben; das ist sicher. Wenn keine Kraft mehr vorhanden ist, wenn Leib und Seele matt sind beim Ende unserer Christenarbeit, dann gibt es nur eine Antwort auf die Frage eines aufrichtigen Gewissens nach dem Grunde solcher Schwachheit: „Du hast deine erste Liebe verlassen, und darum bist du von deinen ersten Werken gewichen.“ Ach! wir waren Alle gar zu schnell bereit mit unsern Ausflüchten und Entschuldigungen. Mancher Prediger hat sich schon lange von seinem Amte zurückgezogen, ehe er es nöthig gehabt hätte. Er hat eine reiche Frau genommen. Ein Anderer hat sich was Ordentliches erspart, und kann nun aus den Zinsen leben. Wieder ein Anderer wurde matt in der Arbeit für Gottes Sache, sonst hätte er gesprochen: „Den Leib leg ich mit meinem Amte nieder, Mit meiner Arbeit hört mein Athem auf.“ Und nun soll ein jeder Anwesende, der einst an einer Sonntagsschule mitarbeitete, und wegblieb, der christliche Schriften verbreitete, und es aufgab, der in einem göttlichen Amt stand, und nun müßig ist, jeder von diesen soll heute vor dem Richterstuhl seines Gewissens stehen und sagen, ob er nicht schuldig sei der Anklage, die ich wider ihn erhebe, daß er seine erste Liebe verlassen hat!

Ich darf nicht anstehen, auch noch zu sagen, daß sich dies so gut im einsamen Kämmerlein zeigt, wie im täglichen Verkehr; denn wenn die erste Liebe verloren ist, dann fehlt's an jener Gebetsfülle, die wir haben sollten. Ich gedenke des Tages, da ich in die Gemeinschaft der christlichen Gemeinde aufgenommen ward. Schon um drei Uhr Morgens war ich auf. Bis um sechs Uhr rang ich im Gebet mit Gott. Dann mußte ich beinahe drei Stunden weit gehen; ich machte mich auf und wanderte dem Ziel meiner Sehnsucht entgegen. O, wie war damals mein Herz so selig im Gebet. Damals nahm mich meine Berufsarbeit von fünf Uhr Morgens bis Nachts um zehn Uhr so völlig in Anspruch, daß mir unter Tages auch kein einziger Augenblick zu stiller Sammlung übrig blieb; aber da stand ich schon früh um vier Uhr auf und schüttete mein Herz im Gebet aus; und dennoch fühle ich mich jetziger Zeit gar matt und fühle wohl, daß ich nicht so früh aufstehen könnte zum Gebet; damals war's nicht so, als ich noch in der ersten Liebe stand. Mochte es auch kosten, was es wollte, mir fehlte es damals nie an Zeit dazu. Fand ich sie nicht am frühen Morgen, so fand ich sie spät in der Nacht. Es nöthigte mich, Zeit zum Gebet mit Gott zu nehmen; und welch' ein Beten war's! Ich durfte damals nicht darüber seufzen, daß ich nicht beten konnte; aus inbrünstiger Liebe nahte ich in lieblich kühner Freiheit zum Throne Gottes. Wenn aber die erste Liebe schwindet, so fangen wir an zu meinen, zehn Minuten seien eigentlich genug zum Beten, statt einer Stunde, und wir lesen vor Beginn unsres Tagewerkes nur noch ein oder zwei Verse, während wir sonst ein Kapitel lasen, und nie in's Getreibe der Weltgeschäfte gingen, ohne uns mit dem Mark und Fett geistlicher Opfer gestärkt zu haben. Freilich, die Geschäfte haben sich so sehr gehäuft, daß wir, wenn wir heim kommen, die höchste Zeit haben, zu Bette zu gehen; zum Beten haben wir nicht Zeit. Und beim Mittagessen hatten wir sonst ein wenig Zeit zur innern Sammlung; mit dem ist's vorbei. Und am Sonntag war's sonst unsre Gewohnheit, nach dem Besuch des Gotteshauses uns in unsrem Gott auch daheim noch zu erquicken und auch nur fünf Minuten lang vor dem Essen das Gehörte im Herzen zu bewegen; das ist auch dahin und zerronnen. Und euer Etliche, die hier gegenwärtig sind, pflegten beim Nachhausekommen die Stille zu suchen, um zu beten; eure Frauen haben's ausgebracht; die Diakonen haben's von ihnen vernommen, wenn sie bei euch Besuche machten und die Hausmutter fragten: „Wie geht's eurem Mann?“ „O!“ antworteten sie, „er ist ein gottesfürchtiger Mann; er kann nicht zum Abendessen heimkommen, ohne daß er in die Kammer hinausgeht in die Stille. Ich weiß, was er dann thut - er betet. Und wenn er dann zu Tische sitzt, so sagt er oft: Marie, 's ist mir heut was Unangenehmes begegnet, wir wollen doch ein paar Augenblicke mit einander beten.“ Und Mancher von euch konnte ungebetet keinen Schritt aus dem Hause thun; ihr hinget so sehr am Gebet, daß es euch nie zu viel war. Wie steht's aber nun? Ihr habt tiefere Erkenntniß gewonnen; ihr habt mehr Erfahrungen gemacht; ihr seid vielleicht geistlich reicher geworden. In mancher Hinsicht seid ihr weiser geworden; aber gern würdet ihr all' das wieder hingeben, wenn ihr wieder zurück könntet zu jenen

„Selig-sel‘gen Augenblicken,
Die euch beim Rückblick noch entzücken.“

Ach, was gäbet ihr darum, wenn ihr
„Die öde Leere könntet füllen.
Die alles Wissen nicht kann stillen,“

welche aber nichts Anderes als jene eure erste Liebe zu befriedigen vermag.

II.

Und nun, meine Theuren, wo haben wir unsre erste Liebe verlassen, wenn wir heute nicht mehr in derselben stehen? Das wolle sich ein Jedes jetzt beantworten, oder vielmehr, ich will's für euch Alle thun.

Haben nicht Etliche von euch ihre erste Liebe in der Welt verlassen und verloren? Ihr hattet sonst ein kleines Geschäft, das euch nicht viel Unruhe machte; doch lebtet ihr davon und konntet etwas Weniges zurücklegen. Aber siehe, euer Geschäft nahm einen neuen Aufschwung; ihr vergrößertet es, und es trägt reichlichere Zinsen. Ist's nicht wunderbar, daß mit dem Wachsthum eures Reichthums und mit der Ausbreitung eures Geschäfts eure Liebe um so ärmer ward und zusammenschrumpfte?

O, meine theuren Freunde, es ist etwas Ernstes um das Reichwerden. Von allen Versuchungen, welchen die Kinder Gottes ausgesetzt sind, ist dies die schlimmste, weil es eine Versuchung ist, welche sie nicht fürchten, und weil sie gerade deßhalb um so gefährlicher wird. Wenn Einer auf die Wanderschaft geht, so pflegt er einen Stock mitzunehmen, damit er sich darauf stützen kann; denkt nun, er sei ein Geizhals und sage: „Ich möchte gern hundert solcher Stöcke haben;“ was würde ihn denn das am Ende nützen; er hätte nur eine Last mitzuschleppen, welche seine Schritte hemmt, statt ihn zu fördern. Aber es kommt mir fast vor, als gebe es viele Christen, die einst vor Gott wandelten, als sie wöchentlich mit fünf Thalern sich behelfen mußten; jetzt würden sie wohl gerne ihre Jahreseinkünfte mit Freuden dahingehen, wenn sie dafür jene Freude, jenen Seelenfrieden, jenen kindlichen Zugang zu Gott haben könnten, die sie einst in ihrer Dürftigkeit hatten. Ach, wie gar Manches in der Welt ist so gar verderblich für den Menschen. Ich frage mit ganzem Ernst, ob ein Mensch sich nicht manchmal besinnen und sagen sollte: „Halt, hier wäre gute Gelegenheit, dein Geschäft zu erweitern; aber es würde meine ganze Zeit in Anspruch nehmen, und ich müßte meine bestimmte Stunde, die ich dem Gebet gewidmet habe, dafür aufopfern; ich will die Sache unterlassen; ich habe doch genug, und drum, laß fahren dahin! Lieber will ich Geschäfte für den Himmel machen, als Geschäfte für diese Welt.“

Und dann: Meint ihr nicht, daß vielleicht Mancher von euch seine erste Liebe verlassen hat, weil es zu viel mit Weltlichgesinnten umging? Da ihr noch in der ersten Liebe stundet, da sagte euch nur die Gesellschaft der Kinder Gottes zu; jetzt aber habt ihr junge Leute an der Hand, mit denen ihr euch unterhaltet, die viel mehr Leichtfertigkeit im Kopf und im Herzen haben, als wahre Frömmigkeit. Einst sammelten sich die gottesfürchtigen um euren Heerd, jetzt aber wohnet ihr in Hütten der „Ungebundenheit,“ wo ihr kaum was Anderes hört, als lose Reden. Aber, theure Freunde, wer glühende Kohlen in seinem Busen trägt, muß brennen; und wer mit Bösen umgeht, trägt Schaden davon. Darum trachtet nach gottseligen Freunden, auf daß ihr in der ersten Liebe bleibet.

Aber noch ein anderer Gesichtspunkt. Habt ihr nicht vielleicht vergessen, wie viel ihr dem Heiland schuldig seid? Eines, das fühle ich aus eigener Erfahrung, muß ich gar oft wieder thun, nämlich zurückgehen auf meinen ersten Standpunkt und sprechen:

„Ich bin der Sünder größester.
Doch Jesus starb für mich.“

Wir reden gar zu gern von unsrer Erwählung; wir wissen, daß wir geheiligt sind, wir freuen uns über unsere Berufung, wir streben nach der Heiligung; und wir vergessen die Abgrundshöhle, aus welcher mir erlöset sind. Ach, mein theurer Bruder, bedenke doch, daß du auch jetzt ja nichts andres bist, als ein aus Gnaden selig gewordener Sünder; bedenke, was aus dir geworden wäre, wenn sich der Herr nicht deiner erbarmt hätte. Und wahrlich, wenn du stets dich zurückwendest zu den Anfangsgründen und zum großen Grund- und Eckstein, dem Kreuz Christi, so wirst du auch wieder zur ersten Liebe zurückgeführt.

Und meinst du nicht auch, daß du deine erste Liebe verlassen hast, weil du den Umgang mit deinem Heiland außer Acht ließest? Nun, o Prediger, predige Aufrichtig, und predige vor Allem dir selbst. War nicht manchmal die Versuchung vorhanden, Großes für Christum zu thun, nicht aber, dich viel mit deinem Herrn Jesus abzugeben? Das ist, ich fühle es, eine meiner Unterlassungssünden. Wenn man etwas für Christum wirken kann, so ziehe ich unwillkürlich das thätige Wirken dem stillen Genuß seiner Gegenwart vor. Vielleicht helfen Manche unter euch an einer Sonntagsschule mit, die sich wohl besser um das eigene Seelenheil bemühten, indem sie jene Stunde dem Umgang mit Christo widmeten. Vielleicht auch gebraucht ihr der Gnadenmittel so oft, daß euch keine Zeit mehr bleibt, im Stillen zu prüfen, welchen Gewinn ihr aus diesen Gnadenmitteln zieht. Es sprach einmal Einer: „Wenn alle zwölf Apostel in einer Stadt predigten, und wir sie hören dürften, wenn wir aber dadurch von unsrem Gebetskämmerlein abgezogen würden, so wäre uns besser, wir hätten nie auch nur ihre Namen gehört, denn daß wir hingegangen wären, ihre Rede zu vernehmen.“ Wir können Christum nicht recht lieben, wenn wir nicht in seiner Nähe blieben. Die Liebe zu Christo hängt ab von unsrer Gemeinschaft im nahen Umgang mit ihm. Es verhält sich gerade so wie mit den Planeten und der Sonne. Warum sind einige Planeten so kalt? Warum ist ihr Lauf so träge? Nur weil sie der Sonne so ferne stehen; versetzt sie in solche Nähe wie Merkur, so werden sie in feurige Wallung gerathen und in raschem Flug die Sonne umkreisen. So, Geliebte, wenn wir Christo nahe sind, so können wir nicht anders, wir müssen ihn lieben; ein Herz, das bei Jesu ist, muß seiner Liebe voll sein. Wenn wir aber Tage und Wochen und Monate dahinleben, ohne persönlichen Umgang, ohne wahre Gemeinschaft mit ihm, wie können wir, ihm entfremdet, Liebe fühlen? Er muß ein Freund sein, und wir müssen uns ganz zu ihm halten, wie er sich ja auch ganz zu uns hält - inniger als ein Bruder; sonst werden wir nie zur ersten Liebe wieder kommen.

Tausend andere Gründe könnte ich noch anführen, aber ich überlasse es einem Jeden, sein Herz zu erforschen und zu erfahren, warum ihr eure erste Liebe verlassen habt.

III.

Aber jetzt, theure Freunde, schenkt mir einen Augenblick eure ganze Aufmerksamkeit, wenn ich euch nun ernstlich flehe und beschwöre, darnach zu trachten, daß ihr wieder eure erste Liebe gewinnet. Soll ich euch sagen, warum? Lieber Bruder, wenn du gleich ein Kind Gottes bist, hast aber deine erste Liebe verlassen, so steht dir irgend etwas Schweres bevor. „Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich“ (Off. 3, 19.), spricht der Herr; und gewiß züchtiget er dich, wenn du sündigest. Nicht wahr, ihr seid heute so ruhig? O, fürchtet doch diese Ruhe, sie verkündet euch Gewittersturm. Die Sünde ist der Vorläufer der Stürme; leset David's Geschichte. In seinem Leben war David trotz aller Stürme und Verfolgungen, selbst auf den Felsen der Gemsen ( 1 Sam. 24, 3.) und in den Höhlen der Wüste Engeddi der glückseligste Mensch, bis er seine erste Liebe verließ; und von dem Tage an, da sein lüsternes Auge auf Bathseba's Gestalt haftete, bis an‘s Ende ging er mit zerschlagenen Gebeinen kummervoll dem Grabe entgegen. Es war nur eine lange Kette von Züchtigungen; hüte dich, daß es dir nicht auch also ergehe. „Ja,“ sprichst du, „aber ich werde nicht Sünde thun wie David.“ Lieber Bruder, das kannst du nicht sagen. Hast du deine erste Liebe verlassen, was hält's dann noch auf, daß du nicht auch deine erste Reinheit verlierst? Liebe und Reinheit gehen Hand in Hand. Wer liebt, ist rein; wer da wenig liebt, wird erfahren, daß seine Reinheit schwindet, bis daß er endlich besudelt und befleckt ist. Ich möchte euch, theure Freunde, nicht gern in Kummer und Trübsal wissen; ich weine mit den Weinenden. Wenn eines eurer Kinder krank ist, und ich höre davon, so kann ich aufrichtig sagen, ich fühle etwas als wie ein Vater gegen eure Kinder, und wie ein Vater gegen euch. Seid ihr von Leiden und Trübsal heimgesucht, und ich weiß etwas davon, so wünsche ich sehnlich, mit euch zu fühlen, und eure Sorgen vor den Thron der Gnade zu bringen. O, ich wünsche nicht, daß mein himmlischer Vater seine Zuchtruthe gegen euch ausstrecke; aber er wird's thun, wenn ihr abfallet von der ersten Liebe. So gewiß er ein Vater ist, so gewiß wird er euch seine Zuchtruthe fühlen lassen, wenn eure Liebe erkaltet. Bastarde können der Ruthe entschlüpfen. Wenn ihr nur knechtisch-geborene Bekenner seid, so mögt ihr unangefochten eurer Wege gehen; aber ein wahrhaft aus Gott geborenes Kind muß es empfinden, wenn seine Liebe abnimmt.

Aber es ist noch etwas Anderes, meine Theuren, wenn wir unsre erste Liebe verlassen: Was wird die Welt von uns denken, wenn wir unsre erste Liebe verlassen? Ich muß das erwähnen, nicht um unsres Namens willen, sondern um Gottes theuren Namens willen. Ach, was wird die Welt von uns sagen! Es gab eine Zeit, und noch ist sie nicht vorüber, wo die Menschen auf diese Gemeinde der Kinder Gottes hinwiesen und sprachen: „Hier ist eine herrliche Oase inmitten einer Wüste, ein glänzendes Licht inmitten der Finsterniß.“ Unsre Gebets-Versammlungen waren wirkliche Betversammlungen; unsre Versammlungen waren so andächtig, als zahlreich. Ach, wie begierig achtetet ihr auf jedes Wort; wie funkelten eure Augen von lebendigem Feuer, wenn der Name Christi genannt wurde! Wie aber, wenn's nach kurzer Zeit heißen wird: „Ach, diese Gemeinschaft ist so schläfrig wie jede andere; schauet sie an, wenn ihr Prediger spricht, wie sie unter dem Schall seiner Worte schlafen können; es scheint nicht, als ob die Wahrheit sie sehr ergreife. Schaut diese an, sie sind so kalt und träg und gleichgültig wie Andere; man nannte sie sonst das tapferste Volk der Erde, denn sie waren allzeit fertig, ihres Herrn Namen und ihres Gottes Wahrheit zu vertheidigen, und darum gewannen sie sich jenen Namen; nun aber könnt ihr vor ihren Ohren fluchen und schwören, und sie werden euch kaum scheel drum ansehen. Wie lebte einst dies Volk für Gott und sein Haus, und war immer in seinen Versammlungen; schauet auf ihre Gebetsversammlungen; die waren einst so zahlreich wie ihre Sonntagsgottesdienste; nun sind sie alle zusammengeschmolzen.“ „Ach,“ spricht die Welt, „gerade, wie ich's voraussagte; es war eben weiter nichts, als ein Strohfeuer, ein wenig geistliche Aufregung, und jetzt ist’s zu Ende damit.“ Und der Spötter spricht: „Aha! So hat’s kommen müssen, so hat’s kommen müssen!“ Erst gestern las ich eine Nachricht, wie ich meine Beliebtheit beim Volk verloren hätte; es hieß darin, unser Gotteshaus stehe nun beinahe leer, Niemand käme mehr; und das ergötzte mich außerordentlich. „Gut,“ sagte ich, „wenn’s dahin kommt, so soll’s mich wenig Thränen und Seufzer kosten; wenn’s aber heißt, die Gemeine hat ihren Eifer und ihre erste Liebe verlassen, so ist das genug, um jedem rechtschaffenen Seelsorger das Herz zu brechen.“ Die Spreu mag hinfahren; wenn nur der Waizen bleibt, so sind wir getröstet. Wenn auch, die im Vorhof Gottesdienst thun, zu dienen aufhören, was thut’s? sie sollen nur gehen; aber ach, wenn ihr Kreuzeskämpfer am Tage des Kampfes die Fersen wendet, wo soll ich dann mein Haupt verbergen? Wie soll ich den großen Namen meines Herrn und Gottes verkündigen, wie die Ehre seines Evangeliums vertheidigen? Es ist unser Stolz und unsre Freude, daß die uralte Lehre in unsern Tagen auf’s Neue an’s Licht gezogen ward, und daß die von Calvin gepredigte Wahrheit, die von Paulus bezeugte Wahrheit, die von unserm Heiland verkündigte Wahrheit noch immer mächtig ist, selig zu machen, und an Gewalt bei Weitem alle leeren Philosophien und neugedrechselten gottesläugnerischen Systeme alter und neuer Zeit überstrahlt. Was aber wird der Ungläubige sagen, wenn er sieht, wie Alles vorbei ist? „Ach“, wird er sagen, „diese veraltete, von dem Fanatismus eines jungen Thoren wieder aufgewärmte Lehre hat die Leute ein Wenig aufgerüttelt; aber es fehlte ihr Mark und Gehalt, und es ist Alles wieder verflogen!“ Wollt ihr unsern Herrn und Meister also verunehren, ihr Kinder des himmlischen Königs? Ich beschwöre euch, thut nicht also – sondern trachtet darnach, daß ihr eure erste Liebe als ein reiches Geschenk des heiligen Geistes wieder gewinnet.

Und nun noch eimal, theure Freunde, es ist ein Gedanke, der einen Jeden von uns auf’s Höchste anspornen sollte: Wir haben unsre erste Liebe verlassen. Möge nie in unsern Herzen die Frage aufkommen: War ich denn auch je einmal ein Kind Gottes? Ach, mein Gott, muß ich mir denn diese Frage vorlegen? Ja, ich will. Gibt's nicht Viele, von welchen es heißt, sie verließen uns, weil sie nicht zu uns gehörten? Denn wenn sie von den Unsern gewesen wären, so würden sie mit uns fortgewandelt sein. Gibt's nicht Solche, deren Güte ist wie eine frühe Wolke und wie der Morgenthau? - Ist's nicht etwa mit mir also der Fall gewesen? Ich rede in euer Aller Namen. Legt euch die Frage vor: Habe ich nicht von der und der Predigt einen Eindruck empfangen und war dieser Eindruck etwa blos fleischlicher Art, eine flüchtige Erregung? Habe ich nicht vielleicht blos, gemeint. Reue zu empfinden, und keine wirkliche Reue gefühlt? Habe ich mir nicht etwa eingebildet, Grund zu einer Hoffnung zu haben, zu welcher ich doch kein Recht hatte? Und ich hatte nie den liebenden Glauben, der mich mit dem Lamm Gottes vereinigt. Und habe ich vielleicht mir blos vorgespiegelt, ich hätte Liebe zu Christo, und hatte sie nie; denn wäre ich wirklich je in der Liebe gestanden, so könnte ich nicht sein, was ich jetzt geworden bin. Siehe, wie bin ich so tief gefallen! ach, daß ich doch nicht so dies alles, bis daß mein Ende die Verdammniß sei, und der Wurm, der nicht stirbt, und das Feuer, das nicht verlöscht. Viele sind von einem erhabenen Bekenntniß hinabgesunken in die Tiefen des Verderbens; und kann dies nicht auch mir widerfahren? Kann es nicht an mir wahr werden, daß ich bin wie ein Irrstern, welchem die schwärzeste Finsterniß bestimmt ist? Habe ich nicht vielleicht am Himmel der Kirche eine kleine Weile herrlich geglänzt, und bin am Ende dennoch eine jener fünf thörichten Jungfrauen, die kein Oel im Gefäße mitnahmen für ihre Lampen; und nun geht mein Licht aus? Lasset mich bedenken, daß, wenn ich auf meinem Wege beharre, es mir nicht mehr möglich ist inne zu halten; und wenn's mit mir abwärts geht, ich unaufhaltsam in die Tiefe stürze. Und, o mein Gott, sollte ich noch ein zweites Jahr zurückwanken, - wer weiß, wohin's dann mit mir kommen mag? Vielleicht in irgend eine schwere Sünde.

O Gott, behüte mich davor durch deine Gnade! Vielleicht kann ich ganz abfallen. Wenn ich ein Kind Gottes bin, so weiß ich, daß dies nicht geschehen kann. Aber dennoch, ist's nicht möglich, daß ich blos meinte, ich sei ein Kind Gottes, und kann ich nicht so sehr zurückkommen, daß ich am Ende auch den bloßen Namen verliere, als ob ich lebe, weil ich immer todt war? Ach, wie furchtbar zu denken und in unsrer Gemeinde zu sehen, wie Glieder abfallen und todte Glieder werden! Wenn ich blutige Thränen könnte weinen, sie würden die Bewegung meines Gemüths noch nicht ausdrücken, die auch ihr mitempfinden solltet, wenn ihr bedenkt, wie unser Etliche todte Schoße sind am lebendigen Weinstock, Unsre Gemeindeältesten erfahren, daß viel Ungesundes sich unter unsern Gemeindegliedern findet. Es betrübt mich der Gedanke, daß, weil wir nicht Alle besuchen können, Manche wieder abfallen. Einer spricht: „Ich that mich zur Gemeinschaft, ja, aber ich war nie wahrhaft bekehrt. Ich bekannte mich als einen Bekehrten, aber ich war's nicht, und jetzt finde ich kein gefallen an göttlichen Dingen. Ich führe einen sittlichen Wandel, gehe zur Kirche, aber ich bin nicht bekehrt. Mein Name kann gestrichen werden, ich bin kein frommer Mensch.“ Andere sind unter euch, die vielleicht noch weiter gegangen sind - sind in Sünden gefallen, und doch mag's mir verborgen geblieben sein. Bei einer so ausgedehnten Gemeinde kommt mir nicht Alles zu Ohren. O, ich beschwöre euch, ihr theuren Freunde, bei dem, der da lebendig ist und todt war, lasset nicht Böses aufkommen über euer Gutes durch das Verlassen eurer ersten Liebe!

Sind vielleicht Etliche unter euch, welche sich zu Christo bekennen, doch ihn nicht ihr eigen nennen? Ach, dann laßt euer Bekenntniß fahren, oder aber ergreifet die Wahrheit und verrathet sie nicht. Geht nach Hause, ihr Alle, und werft euch auf euer Angesicht vor Gott und bittet ihn, daß er euch erforsche und erfahre euer Herz, und euch prüfe und erfahre, wie ihr's meinet, und sehe, ob ihr auf bösem Wege seid, und euch leite auf ewigem Wege (Ps. 139,23.24.).

Und wenn ihr bis dahin nur bekannt und nicht gekannt habt, so suchet den Herrn, weil er zu finden ist, und rufet ihn an, weil er nahe ist. Ihr seid Alle gewarnt; euch ist ernstlich und feierlich gesagt, euch zu Prüfen in Bälde. Und wenn Heuchler unter euch sind, so werde ich am großen Gerichtstage, ob mir sonst auch Manches zur Last fällt, doch in Einem rein sein: Ich bin nicht müde geworden, den ganzen Rathschluß Gottes zu verkündigen. Ich glaube nicht, daß Ein Volk in der Welt schrecklichere Verdammniß empfangen wird, als ihr, wenn euch das Urtheil trifft; denn dies Eine habe ich nicht verschwiegen: die große Sünde, zu bekennen, während das Herz unbekehrt ist. Nein, ich habe sogar eure Personen so genau geschildert, daß ich nicht hätte weiter gehen können, ohne euch geradezu mit Namen zu nennen. Und seid versichert, so Gottes Gnade bei mir bleibt, werde ich weder euch, noch mich auf der Kanzel verschonen, wenn ich irgend eine Sünde an Einem von uns entdecke. Aber, o lasset uns strenge sein! Möge der Herr lieber diese Gemeine zerstreuen, bis daß nur noch ein Zehntel übrig sei, als zugeben, daß ihr in's Hundertsache wachset, es sei denn, daß ihr zunehmet mit den Lebendigen aus Zion, und mit der heiligen Heerde, die der Herr selbst verordnet hat und bewahret bis an's Ende. Darum wollen wir bitten, daß unsre erste Liebe wieder erwache; und ich hoffe. Viele werden die Liebe wieder zu erlangen trachten, die sie verlassen haben.

Auf euch aber, die ihr diese Liebe noch nie empfunden habt, wolle der Herr sie ausgehen lassen als einen lebendigen Odem! Um der Liebe Jesu Christi willen. Amen.

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