Spurgeon, Charles Haddon - Und warum nicht?

Gehalten am Sonntag Morgen, den 12. November 1876

Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird eine Zeit kommen, daß ihr werdet begehren zu sehen einen Tag des Menschensohnes; und werdet ihn nicht sehen.
Luk. 17,22

Während unser Herr auf Erden war, wurden die Tage des Menschensohnes nur wenig geachtet. Die Pharisäer sprachen mit Hohnlächeln davon und fragten, wann das Reich Gottes kommen würde. Als wenn sie sagen wollten: „Ist dies das Kommen deines verheißenen Reiches? Sind diese Fischer und Bauern deine Hofleute? Sind dies die Tage, auf die Propheten und Könige so lange warteten?“ „Ja,“ sagt Jesus ihnen, „dies gerade sind die Tage. Das Reich Gottes wird in den Herzen der Menschen aufgerichtet und ist eben jetzt unter euch; und die Zeit wird kommen, wo ihr diese Tage zurück wünschen werdet, und selbst die, die sie am meisten schätzen, werden in kurzer Zeit bekennen, daß sie zu gering von ihnen dachten und in ihren Herzen nach ihrer Rückkehr seufzen.“ Dies drängt uns die Bemerkung auf, daß wir schlechte Beurteiler unserer gegenwärtigen Erlebnisse sind. Der Tage, von denen wir sehr gering dachten, als sie da waren, gedenken wir später mit großer Sehnsucht. Habt ihr es nicht so in eurem eigenen Leben gefunden? Ist es nicht so gewesen, daß gerade das, was euch Angst verursachte, während ihr hindurch zu gehen hattet, nachher so trefflich in euren Augen erschien, daß ihr es zurück wünschtet? Ich habe manchmal zu meiner Seele gesagt: „Wie trübe bist du! Wie bist du niedergebeugt! Wie wenig freust du dich in dem Herrn! Es ist traurig, daß du in diesen Zustand geraten bist!“ Die Periode der Schwermut ist vorüber gegangen und dann habe ich mein Herz in anderer Weise gescholten und gesagt: „Seele, wie sorglos und gefühllos bist du! Es wäre besser, du wärest so schwermütig, wie du vor kurzem warst, denn da warst du ernst, da wurdest du zu so mächtigem und erhörlichem Gebet getrieben, aber nun bist du in Schlafsucht gesunken, du hast deine Inbrunst verloren und bist überhaupt kaum lebendig.“ Diese Stimmung ist vorübergegangen, und ich habe wieder zurück zu blicken gehabt und zu fühlen, daß, als ich mich für unempfindlich hielt, ich in der Wirklichkeit sehr geistlich und voll Empfindung war und daß meine Furcht, in fleischliche Gemächlichkeit zu sinken, ein sicherer Beweis war, daß ich sorgfältig gewacht hatte. So werden wir von fleischlicher Sicherheit befreit, indem Gott uns mehr Schönes in vergangenen Erfahrungen sehen läßt, als in denen, durch die wir gegenwärtig zu gehen haben. Heilige Furcht, die über uns schwebt, wird oft irrtümlich für Unglauben angesehen; volle Zuversicht wird als Vermessenheit verdächtigt, und die Freude wird angezweifelt und verkürzt, aus Furcht, daß sie Stolz und Selbstbetrug sei. Wenn wir unseren geistlichen Frühling haben, fürchten wir seine Märzwinde und Aprilschauer, aber wenn er vorüber ist und wir in der Sonnenhitze schmachten, so wünschen wir die Winde und Regenschauer zurück. So auch, wenn der Herbst kommt, halten wir das Reifen für Welken und wünschen trauernd, daß die Rosen des Sommers wiederkehrten, während wir den ganzen Winter über nach jenen Sommerstunden seufzen, die wir einst genossen, und jenen reifen Herbstfrüchten, die unserem Geschmack so süß waren. So, Brüder, fahren wir fort, wenn wir uns dies gestatten, jeden vergangenen Zustand für besser zu halten, als den, worin wir jetzt sind, und unnütze Tränen der Sehnsucht zu vergießen über Zeiten und Tage, die nicht mehr zurückgerufen werden können. So lange sie dauern, sehen wir ihre Mängel; wenn sie vorüber sind, sehen wir nur ihre Vorzüge. Er wäre weiser, wenn wir jede Zeit und Periode, jeden Zustand und jede Erfahrung nehmen, so lange sie andauern, und sie so gut wie möglich zu Gottes Ehre gebrauchten und uns des Guten darin freuten, so lange wir es genössen. So lange wir das Licht haben, laßt uns darin wandeln. Während der Bräutigam mit uns ist, laßt uns das Fest halten; es wird Zeit genug zum Trauern sein, wenn er gegangen ist. Am Ende hat doch jede Zeit ihre Früchte, und es wäre schade, sie mit müßiger Sehnsucht zu verderben. Laßt uns den Wahlspruch des alten Weltlings zum Guten wenden und „leben so lange wir leben“. Laßt uns einen Tag zur Zeit leben, das gegenwärtige Gute genießen und das Gestern unserem vergebenden Gott überlassen. Nach den Tagen des Menschensohnes, die die Apostel vergleichsweise gering achteten, seufzten sie später, und diese gegenwärtigen Tage, über die wir klagen, werden wir vielleicht noch einst als den besten Teil unseres Lebens betrachten.

Unsere zweite Bemerkung ist eine sehr alltägliche, ihr habt sie tausendmal gehört: wir schätzen unsere Güter selten, bis wir sie verlieren. Wir würdigen ihre Vorzüge am besten, wenn wir ihr Fehlen zu beklagen haben. dies ist so oft gesagt worden, daß ich wünsche, es hörte auf, wahr zu sein, denn es ist ein ungeheures Stück Torheit, daß wir unsere Güter verlieren müssen, um Dankbarkeit für sie zu lernen. Sind wir solche Tölpel, daß wir es niemals anders lernen werden? Solches Betragen ist nur eines Idioten oder Wahnsinnigen würdig! Können wir nicht dieses kindische Wesen ablegen und so eine Ursache für unsere Leiden hinwegräumen? Würde es nicht gut sein, uns in der Kraft Gottes zu entschließen, das Gut zu würdigen, so lange wir es haben, und es so zu benutzen, daß wir, wenn es entschwindet, uns erinnern können, daß wir es aufs Beste verwendet haben zum Nutzen unserer Seele, zum Nutzen anderer und zur Ehre Gottes? Wir können die Sonne nicht zurückrufen und diese kürzer werdenden Tage verlängern, aber wir können wenigstens so leben, daß jede fliehende Stunde Botschaft von unserm eifrigen Fleiße in unseres Meisters Sache mit sich bringt. Kommt, liebe Brüder, laßt uns Gott danken für alles, was gut in unserer jetzigen Lage ist, und sogleich ihre eigentümlichen Vorteile und Gelegenheiten nutzen, damit wir nicht in künftigen Tagen unsere törichte Nachlässigkeit zu bereuen haben und zu spät wünschen, mehr solcher Tage zu sehen.

Heute morgen beabsichtige ich - und möge der Geist Gottes mir helfen - den Text zu gebrauchen, indem ich erstens seine nächste Deutung darlege; dann zweitens, indem ich eine Deutung gebe, die für die Gläubigen der Jetztzeit paßt; und dann drittens, indem ich eine andere Deutung, ungefähr in demselben Sinne, den Ungläubigen dieser Tage einzuprägen versuche.

I.

Zuerst laßt uns die nächste Bedeutung unseres Textes erwägen. Diese sollte immer in jeder Predigt die erste Stellung haben. Wir müssen immer auf die Meinung des Geistes achten. Meinte unser Heiland nicht zweierlei, zuerst, daß der Tag kommen würde, an dem seine Jünger auf die Vergangenheit voll Sehnsucht blicken würden und wünschen, daß er noch unter ihnen wandelte; und dann zweitens, daß sie ängstlich in die Zukunft blicken würden und wünschen, daß sie ihn, wenn auch nur einen Tag lang, in seiner Herrlichkeit sehen könnten, zur Macht erhöht, wie er in den letzten Tagen sein wird, wenn er zum zweiten Mal auf die Erde kommt. Ob sie rückwärts oder vorwärts blickten, das Eine, wonach sie seufzten, war, ihren Herrn persönlich und sichtbar bei sich zu haben.

Zuerst also, sage ich, meinte unser Herr, daß sie sehnsüchtig auf die Tage zurückblicken würden, wo er mit ihnen war. In kurzer Zeit waren seine Worte wahr genug, denn Leiden kamen dicht und dreifach. Zuerst begannen sie mit ungewöhnlicher Kraft zu predigen, und der Geist Gottes war auf ihnen, so daß Tausende an einem Tag bekehrt wurden. Da sahen sie, wie gut es war, daß ihr Herr hingegangen und der Geist gegeben war. Verfolgung erhob sich aber bald, und sie wurden überallhin zerstreut; und viele von ihnen betrauerten ohne Zweifel jene ruhigen Tage, wo des Herrn Gegenwart sie schützte. Doch in ihrer Zerstreuung ruhte die Kraft des Geistes auf ihnen, sie wuchsen und mehrten sich, und die Freude des Herrn war ihre Stärke. Aber nach und nach erkaltete die Liebe bei vielen, und ihr erster Eifer nahm ab; die Verfolgung wuchs an Heftigkeit und die Furchtsamen zogen sich von ihnen zurück; solche, die Böses taten und die Böses lehrten, kamen in die Kirche; Ketzereien und Spaltungen begannen den Leib Christi zu zerteilen, und dunkle Tage der Lauheit und Halbherzigkeit bedeckten sie. In solchen Umständen sagte der treue Knecht Christi, ach, wie oft: „O, daß wir eine Stunde mit dem Herrn Jesu sein könnten! Ach, nur einen dieser Tage des Menschensohnes, wo der Arm des Herrn unter uns offenbar war! O, daß wir zu ihm gehen und ihm unsere Sache vortragen und um seine Leitung bitten könnten und ihn anflehen, seine Macht zu zeigen.“ Ich kann mir vorstellen, daß die ganze erste Generation und die nächste und die darauf folgende, nachdem unser Herr gen Himmel aufgefahren ist, oft den Seufzer auf ihren Lippen hatten: „Wollte Gott, wir könnten einen dieser Tage des Menschensohnes sehen! O, wo ist er, der auf dem Meer wandelte und die Wellen des Galiläischen Sees still zu seinen Füßen liegen machte? O, wo ist er, der die Dämonen austrieb und unseren Feind auf jedem Punkte schlug?“ Sie müssen oft ein starkes Verlangen gefühlt haben, einen jener großen Wundertage zu sehen, wo die Teufel ihnen untertan waren. Es ist uns oft begegnet, daß wir dasselbe wünschten. Obwohl es nun 1800 Jahre und mehr ist, seit unser Herr in die Herrlichkeit einging, und obwohl er uns den Heiligen Geist gab, der an seiner Statt bei uns bleibt, so haben wir doch innig gewünscht, aber vergeblich, daß wir ihn wenigstens einen Tag lang die Kranken heilen und die Toten erwecken sehen könnten. Seht hier, die Spötter sagen, daß Gott nicht lebt, aber daß, wenn es einen Gott gäbe, er doch keinen Einfluß auf diese Welt habe, sondern seine Macht beiseite gelegt und gewissen strengen Gesetzen übergeben, mit denen er nichts zu tun habe. O, wenn wir den menschgewordenen Gott nur auf einen Tag unter uns haben könnten, um seine Wunder der Gnade zu tun, die Hungrigen zu speisen, die Augen der Blinden zu öffnen, taube Ohren aufzutun, den Lahmen springen zu machen gleich einem Hirsch, und die Zunge der Stummen singen! Habt ihr es nicht gewünscht? Euer Wunsch wird nicht gewährt werden. „Ihr werdet ihn nicht sehen.“ Es würde nicht viel Nutzen bringen, wenn ihr ihn sähet. Er könnte nur an einem Ort an einem Tage sein, und ihr, die ihr schon gläubig seid, würdet befestigt werden durch das, was ihr seht, aber nicht so die Ungläubigen. Wir würden nur einen neuen Kampf mit diesen zu bestehen haben, die eben so rasch das leugnen würden, was heute geschähe, wie das, was vor 1000 Jahren geschah. Nur die, die das Wunder sehen, würden glauben, daß es geschehen ist, und ein großer Teil von ihnen würde anfangen, zu sprechen: „Das ist wahrscheinlich ein Taschenspielerkunststück!“, aber sie würden es dem Magnetismus, der Elektrizität oder irgend einer neuentdeckten Kraft zuschreiben. Wunder überzeugen nicht, wenn Menschen entschlossen sind, nicht zu glauben. Der Glaube wird nicht aus dem Sehen geboren und kann auch nicht dadurch genährt werden. Er ist die Gabe Gottes und das Werk des Heiligen Geistes, und wir irren, wenn wir glauben, daß Christi liebliche Gegenwart und die Wiederholung seiner Wunder von irgend welchem Wert sein würden. Wer nicht Moses und den Propheten glaubt, der würde auch nicht glauben, wenn er noch so viele Wunder sähe. Die Art von Glauben, der durch äußere Zeichen erzeugt würde, wäre nicht der Glaube der Auserwählten Gottes.

Dann sind wir auch müde gemacht durch heftigen Streit über diese und jene Lehre; der eine hat gesagt: „Dies ist des Meisters Wille!“, und ein anderer hat gesprochen: „Nein!“ Ein Lehrer hat den anderen angeklagt und sein Gegner hat ihm mit Exkommunikation geantwortet; haben wir in solchen Streitigkeiten nicht gewünscht, daß wir mit allen Fragen zu Jesu gehen könnten und sagen: „Meister, gib uns ein unfehlbares Wort, löse oder zerhaue diese Knoten mit einem Wort deiner Lippen. Dann wird deine arme Kirche nicht länger von Streitigkeiten beunruhigt werden.“ Brüder, Jesus ist nicht hier. Statt seiner Gegenwart haben wir die des Geistes, und obwohl wir seine leibliche Gegenwart wünschen, so würde sie euch nicht viel dienen in der Sache, deretwegen ihr sie wünscht; denn, so sonderbar es klingt, wenn unser Herr wiederum spräche, so würden die Menschen morgen anfangen, darüber zu diskutieren, was er heute gemeint hätte, wie sie jetzt zanken über seine Worte vor 1800 Jahren. Seine Sprache in diesem Buch ist schon so deutlich, daß ich nicht weiß, wie er noch deutlicher sprechen sollte, wenn er wieder redete. Jedenfalls sagten seine Hörer von ihm in der Zeit, als er auf Erden lebte: „Es hat noch nie ein Mensch so geredet!“; und ich denke, wenn er wieder redete, könnte er das, was er schon gesprochen hat, nicht verbessern und würde uns auch nicht viel mehr lehren. Wenn wir ihn wieder reden hörten, so würde das für uns nur ein neuer Anfang für eine neue Reihe von Kämpfen sein, und wir würden dann die Christen der Alten Schule unter uns haben und die Christen der späteren Offenbarung, was die Verwirrung verdoppeln und das Schlechte schlimmer machen würde. Nein, meine Brüder, wir haben den Heiligen Geist nötig, uns über das zu erleuchten, was unser Herr schon gesprochen hat, aber es ist müßig, zu wünschen, daß er selber uns wieder lehren möchte. Wir wünschen in Unwissenheit einen der Tage des Menschensohnes zu sehen, aber die göttliche Vorsicht versagt uns freundlich unseren Wunsch und sagt uns deutlich: „Ihr werdet ihn nicht sehen.“

„Ach,“ aber ihr habt gesagt: „Nur unseren teuren Herrn einmal zu sehen! Nur einen Blick auf seine geliebte Gestalt zu werfen, nur einmal den Ton seiner herzbewegenden Stimme zu hören! O, wenn ich nur einmal seine Sandalen auflösen und seine Füße küssen könnte, welche Zuversicht würde meine Seele fühlen und welche Freude all ihr Leben lang! Wie würde der Glauben wachsen, wenn er nur ein wenig wirklichen und vertraulichen Umgang mit dem Seelenfreund haben könnte. Ich wollte gern alles, was ich hätte, für einen Blick seiner Augen geben!“ Ich weiß, du hast den Gedanken gehegt, denn ich habe ihn oft selbst gehabt; aber, lieber Bruder, wenn der Herr Jesus wieder auf die Erde käme, so bin ich nicht sicher, daß du viel von seiner Gesellschaft haben könntest, weil es so viele seines Volkes gibt, und jeder würde wünschen, ihn zu bewirten. Er könnte als Mensch nur an einem Ort zur Zeit sein, und du könntest ihn vielleicht einmal im Jahr zu sehen bekommen, aber was würdest du den übrigen Teil des Jahres tun, wenn du seine Stimme nicht hören könntest, weil er in Amerika oder Australien wäre? Wie viel besser würdest du dran sein? Gewiß gar nicht besser. Es ist besser für dich, auch weiterhin zu sprechen: „Welchen wir nicht gesehen und doch lieb haben, und nun an ihn glauben, wiewohl wir ihn nicht sehen, so werden wir uns freuen mit unaussprechlicher und herzlicher Freude.“ Die Sache ist, Brüder und Schwestern, die große Schlacht des Herrn muß auf der Linie des Glaubens ausgefochten werden, und das Sehen mit unseren Augen würde alles verderben. Jenes Sehen mit den Augen und Hören mit den Ohren, was wir wünschen, um die Einförmigkeit des Wandels im Glauben zu unterbrechen, würde in Wahrheit alles zu Grunde richten und einer Niederlage gleichkommen. Unser Gott spricht zu uns: „Meine Kinder, könnt ihr mir vertrauen? Könnt ihr den Segen derer erlangen, die nicht sahen und doch glaubten? Abraham vertraute mir, aber er hörte mich mit vernehmbarer Stimme sprechen; Moses vertraute mir, aber er sah meine Wunder in Ägypten und in der Wüste; könnt ihr mir ohne Stimme und ohne Wunder vertrauen?“ Der Herr hat zu uns durch seinen Sohn geredet, der besser ist als alle Stimmen und Wunder. Können wir ihm nun glauben? Ist das geistliche Leben in uns stark genug, dem Herrn ohne fernere Beweise zu glauben? Können wir ihn dadurch ehren, daß wir auf sein gewisses Wort uns verlassen, ohne Zeichen und Wunder zu sehen? Wir, auf die das Ende der Welt gekommen ist, haben die große Aufgabe zu lösen, die Mächte der Finsternis zu besiegen und ein ganzes Leben hindurch im einfachen, unverfälschten Glauben zu wandeln; können wir dies vollbringen? Mit des Geistes Hilfe, ja. Ich bitte euch, Brüder, sprecht zu dem Herrn: „Herr, stärke uns den Glauben, und verleihe uns, daß wir dir so vertrauen mögen, daß wir von nun an weder Zeichen noch Stimme fordern, noch irgend etwas anderes, das uns abhielte, auf dein bloßes Wort uns zu verlassen.“ Ihr seid in diesen verkehrten Zustand hineingeraten und habt einen der Tage des Menschensohnes gewünscht, aber ihr werdet ihn nicht haben, denn euer himmlischer Vater hat euch etwas Besseres aufbewahrt, daß ihr bis an's Ende in einfachem, ungefälschtem Glauben ausharrt und überwindet durch das Blut und die Kraft eures unsichtbaren Erlösers, der in Wirklichkeit bei euch ist, obwohl ihr ihn nicht seht.

Unsere zweite Lesart des Textes war, daß diese Jünger manchmal mit ängstlicher Erwartung vorwärts blicken würden. „Wenn wir nicht zurückgehen können,“ sprechen sie, „o, daß er dann eilen möchte und uns schnell in jenes vorhergesagte Zeitalter des Triumphes und der Freude brächte. O, daß wir einen dieser Tage der Herrlichkeit des Menschensohnes hätten!“ Sie hätten gern einen Tropfen Herrlichkeit vor dem Regen des tausendjährigen Reiches gehabt. Sie sollten einen Ton seiner Posaune hören, ehe sie erschallt, die Toten zu erwecken, und ein Aufleuchten jenes ewigen Morgens sehen, vor dessen Aufdämmern die Schatten auf ewig fliehen werden. Habt ihr nicht manchmal dasselbe gewünscht? Ich weiß, als ich am Fuß der sogenannten heiligen Treppe in Rom stand und die armen irregeführten Geschöpfe die Stufen hinauf und hinab kriechen sah in der Hoffnung, Vergebung der Sünden durch ihre Gebete zu erlangen, da wünschte ich, der Herr möchte einen Strahl seiner Macht herableuchten lassen auf diese abscheulichen Priester, die ihr Volk durch solchen Aberglauben herabgewürdigt hatten. Einer der Tage des Menschensohnes mit der Geißel von Stricken würde eine große Veränderung in der Römischen Kirche bewirken, aber einer der Tage des Menschensohnes mit dem eisernen Zepter wäre besser, denn es sind eine Menge Töpfe um den Vatikan herum, die nötig haben, zerschmissen zu werden (Ps. 2,9). Unser Unwille möchte das Gericht beschleunigen und dem Antichrist ein schnelles Ende machen. Wir verlangen danach, den Mühlstein von des Engels Hand ins Meer geworfen zu sehen, um sich niemals wieder zu erheben. In all dieser unwilligen Ungeduld ist vieles, das unterdrückt werden muß. Unser Herr sagt zu uns: „Meine Kinder, was habe ich mit euch zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Wir wissen nicht, welches Geistes wir sind, denn in Wirklichkeit wollen wir nicht die Schlacht auf der jetzigen Linie aufgeben und sie anderswo ausgefochten sehen; oder mit anderen Worten, wir willigen in eine Niederlage ein, so weit es den Glauben betrifft und würden uns mit einem auf andere Weise erhaltenen Siege trösten.

Angenommen, wir wünschen einen der Tage des Menschensohnes, um die Götzen der Heiden und die Bilder der Papisten niederzubrechen, alle Systeme des Irrtums umzuwerfen und geraden Weges kraft der Allmacht das Reich Christi aufzurichten; nun, wenn unser Wunsch gewährt würde, worauf würde es dann hinauslaufen? Es würde nur das zeigen, was ohnehin schon klar genug ist, nämlich die Macht Gottes in der Körperwelt; aber es würde nicht seine Größe in der sittlichen und geistlichen Welt beweisen. Wenn ihr eine Weile nachdenken wollt, werdet ihr sehen, daß die Allmacht Gottes nicht die Frage ist, um die es sich handelt. Es ist klar, daß jede Tat der Macht sofort vom Herrn vollzogen werden kann. Zweifellos könnte er in einem Augenblick alle seine Feinde schlagen und ihre Irrtümer vollkommen zerstören, indem er ihre Verfechter zerschmetterte. Aber dies ist es nicht, worauf es ankommt. Die Frage ist: Kann die Kraft der Liebe und Wahrheit durch das Evangelium Jesu die Herzen der Menschen gewinnen? Kann Christus in seinem Volk die Sünde überwinden und die Lüge und den Haß - durch rein geistige Mittel? Können sündige Geschöpfe, wie wir es sind, Gott unter Versuchungen und Verlockungen treu bleiben? Wird Gott durch die schwachen Werkzeuge, Männer und Frauen, die das Evangelium Christi leben und lehren, und durch die Kraft des Heiligen Geistes, die eine rein geistliche Macht ist, im Stande sein, die Werke des Satans zu zerbrechen, die falschen Götter niederzubrechen, den Unglauben und den Antichrist zu verjagen und das Reich der Gnade, des Friedens und der Gerechtigkeit aufzurichten? Seht ihr nicht, Brüder, daß wir, wenn wir das Dazwischenschlagen dieser Macht anrufen, den Plan ganz verderben? Die Herrlichkeit der letzten Tagen ziemt der Periode des Triumphes, aber nicht der Zeit des Kampfes. Aus der Zukunft einen Tag ihres Glanzes herauszureißen würde die Bedingungen des großen Kampfes ändern, und dies hieße, eine Niederlage zu erleiden. Das Resultat ist sicher genug; der Kampf ist des Herrn, und er wird siegen. Deshalb laßt uns diesem verkehrten Sehnen und Verlangen nicht Raum geben.

„Ah,“ sagt einer, „ich wünsche, er käme jetzt und schiede die Schafe von den Böcken.“ Warum? Sind nicht die Sünder besser noch eine Weile unter den Heiligen, damit das Evangelium sie leichter erreiche? Denkt daran, der Ackersmann wollte nicht das Unkraut von dem Weizen geschieden haben, bis die Ernte käme. „O, aber wir wünschen, der Herr käme und machte der Sünde ein Ende.“ Ist es nicht besser, daß seine Langmut geduldig wartet, die Menschen zur Buße ruft und seine Erwählten aus den Menschenkindern herausliest? Das Warten ist traurig für euch, aber es ist weder lange noch traurig für seine unendliche Geduld. „O, aber dieser Verzug ist ermüdend, und die Ungläubigen fragen: Wo ist die Verheißung seiner Zukunft?“ Brüder, was macht es, was die Ungläubigen sagen? Sollen die Angelegenheiten des Himmels nach ihren törichten Spöttereien geordnet werden? „Aber der im Himmel wohnet, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer.“ Würde es nicht auch für euch besser sein, über ihren Hohn zu spotten? Wer sind sie, daß wir uns vor ihren Schmähungen fürchten sollten? „Ach,“ sagst du, „aber der Irrtum hat so lange geherrscht, und er wird immer ärger.“ Was macht es? Er wird doch nicht besiegt werden zur Ehre Gottes. Gott ist noch auf dem Thron. Er hat keine Eile. Denkt an die unendliche Muße des Ewigen. Was würde eine Millionen von Zeitaltern für ihn sein? Wahrlich, er kommt bald, aber du mußt nicht diese „bald“ nach deinem Maße lesen, denn „bald“ für ihn kann langsam genug für uns sein. Wir können nicht die Schritte des Unendlichen messen, denn die ganze Geschichte der Menschheit ist nur ein Nadelpunkt im Vergleich mit seiner Ewigkeit. Unsere Urteile über Jehovas Vorgehen sind sicher falsch; er wandelt, wird uns gesagt, auf den Flügeln des Windes - er wandelt nur, wenn er so rasch daher fährt wie der Sturm. Wir können eben so leicht nach der anderen Seite hin irren und ihn für langsam halten, wenn er in Wahrheit auf einem Cherub fährt und fliegt. Tausend Jahre sind vor ihm wie ein Tag, und ein Tag ist vor ihm wie tausend Jahre. Nein, wir wollen den Herrn noch nicht bitten, die Sünder von den Heiligen durch seine unfehlbare Stimme zu scheiden; wir wollen nicht erwarten, daß er jetzt schon sagt: „Weichet von mir, ihr Verfluchten“ und „Kommet her, ihr Gesegneten“; wir wollen ihn noch nicht anflehen, jetzt seine große Macht zu entfalten und alle Mächte des Bösen mit seinem eisernen Zepter zu unterwerfen. Wir wollen noch harren und nichts fürchten. Glauben ist die Losung und die Order des Tages. Schauen ist für die Ungläubigen, aber geduldiges Vertrauen ist für die Heiligen. Dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, unser Glaube. Er ist es, der Gott verherrlicht und die Mächte des Bösen stürzt. Glaubt, so werdet ihr tapfer im Streit werden und die Heere der Gegner in die Flucht schlagen. Glaubt, so werdet ihr befestigt werden. Bittet nicht ums Sehen, denn dies ist euch weise versagt. Der Himmel wird glänzender sein und die Ewigkeit herrlicher, weil wir das hoffen, das wir nicht sehen, und in Geduld darauf warten.

II.

Zweitens will ich mit tiefem Ernst eine Deutung des Textes geben, die auf die Gläubigen von Heute anwendbar ist. „Es wird eine Zeit kommen, daß ihr werdet begehren zu sehen einen Tag des Menschensohnes und werdet ihn nicht sehen.“ Zuerst: Ich nenne unsere Tage heiliger Gemeinschaft mit Jesus Tage des Menschensohnes, und diese mögen zu unserem tiefen Schmerz verschwinden. Wir haben Tage gekannt, wo unser Glaube an Christus stark und voll Empfindung war, und unsere Herzen wurden sehr nahe zu ihm gezogen. Unsere Ohren haben ihn nicht sprechen hören, und doch hat er in unsere Seele hinein gesprochen; unsere Augen haben ihn nicht gesehen, und doch ist unser Herz von seiner Schönheit hingerissen worden. O das Entzücken, die himmlische Freude, die wir da empfanden! Vielleicht spreche ich zu einigen, die jetzt alle diese Seligkeit fühlen und das hat bei ihnen Monate, vielleicht Jahre gedauert. Glückselige Brüder! Glückliche Schwestern! In einem solchen Seelenzustand zu verharren! Aber verwerft meinen ernsten Rat nicht heute Morgen, denn ich spreche in reinster Liebe. Hütet euch, daß nicht der Tag komme, wo ihr begehren werdet, einen dieser Tage wieder zu haben und ihn nicht sehen werdet. Während der Geliebte eurer Seele mit euch ist, haltet ihn und laßt ihn nicht gehen. „Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Rehen oder Hinden auf dem Felde, daß ihr meine Freundin nicht aufwecket noch reget, bis es ihr selbst gefällt.“ Bedenkt, der Herr Jesus ist ein eifersüchtiger Heiland. Er weicht von euch, wenn er findet, daß ihr irgend etwas Irdisches mehr liebt als ihn; er wird sich verbergen, wenn ihr beginnt, stolz auf eure Gnaden zu werden und zu denken, daß doch etwas an euch sein müsse, sonst würde euer Herr sich nicht euch so lieblich offenbaren. Er wird auf- und davongehen, wenn ihr kalt und nachlässig werdet, wenn ihr die Gnadenmittel verachtet und besonders, wenn euer Gebet im Kämmerlein lau wird und wenn sein Wort euch wie ein trockener Knochen wird. Ach, wenn der Herr gegangen ist, welche Leere bleibt in der Seele zurück. Es ist das Beste, was ich dafür sagen kann: Ich hoffe, die traurige Leere wird beklagt und beweint werden; ich hoffe, euer Herz wird nie ruhen, bis Jesus wiederkehrt, sondern trauern und klagen:

„Wie ist mein Herz so fern von dir,
Von dir, du Quell des Lebens,
Mein Geist bekümmert sich in mir,
Sucht Ruh' und sucht vergebens.“

Aber, Geliebte, der Herr Jesus braucht nicht zu gehen und ihr braucht nicht zu weichen. Er will bei euch bleiben, wie er bei den Jüngern zu Emmaus blieb, als sie ihn nötigten, wenn ihr nur nach seiner Gesellschaft verlangt. Er will sein Zelt bei euch aufschlagen und nicht mehr ein Fremder oder ein Gast sein, sondern wie ein Kind zu Hause; nur hütet euch, daß ihr ihn nicht durch Sünde betrübt. Er wird bei euch bleiben, bis der Tag anbricht und die Schatten fliehen, und ihr sollt auf immer in seiner Liebe bleiben und eure Seele wird voll von seiner Freude werden. Aber nehmt die friedliche Warnung von heute Morgen, denn wenn ihr nachlässig wandelt, fleischlich, sorglos, stolz, vergeßlich, so werden die Tage kommen, wo ihr wünschen werdet, einen der Tage des Menschensohnes zu sehen und werdet ihn nicht sehen.

Wenn wir den Text von einer anderen Seite ansehen, werden wir noch mehr lernen. Geliebte Freunde, wir haben Tage freudevoller Gemeinschaft mit einander und mit unserem Herrn genossen. In den Tagen des Menschensohnes waren die Jünger so einig im Herzen, daß sie, als er gen Himmel gefahren war, alle „einmütig miteinander“ waren. Nun, es ist eine große Freude für Gläubige, wenn wir alle in Liebe verbunden sind, und wenn christliche Brüderschaft in der Tat und nicht bloß in Worten stattfindet. Es sind gesegnete Tage, wenn der Familienkreis gläubig ist, wenn Mann und Frau und Kinder miteinander von göttlichen Dingen reden können und keine Kälte oder Spaltung da ist. Das sind glückliche Zeiten, wenn eure Busenfreunde Christi Busenfreunde sind, wenn die, mit denen ihr euch vertraulich unterhaltet, Umgang mit Gott haben. Es ist kein geringer Segen, hinauf zum Haus Gottes zu gehen in Gemeinschaft mit denen, die den Tag heilig halten, und zu fühlen, daß sie eines Sinnes mit uns sind in göttlichen Dingen. Glücklich sind wir auch, wenn in der Kirche ungetrennte Gemeinschaft im Gebet ist, wenn jeder in betender Stimmung scheint; wenn Gemeinschaft im Loben da ist und ein Auge freudeglänzend auf das andere blickt mit einer Wonne, die allen gemeinsam ist, über den Segen des Herrn; wenn Einigkeit und Gemeinschaft da ist. Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Geist in Allen und auf Allen. Dies sind in der Tat die Tage des Menschensohnes. Etwas, das diesem gleicht, haben wir seit Jahren gekannt; diese Tage sind bei uns gewöhnlich gewesen. Brüder, ich hoffe, wir werden nie kennen lernen, was es heißt, sie zu verlieren, aber wir können es leicht. Die Gemeinschaft der Kirche kann bald unterbrochen werden. Und wie? Nun, einige tun sehr viel Schaden in dieser Sache, indem sie leugnen, daß es überhaupt irgend eine Gemeinschaft gebe, und behaupten, daß Eifer und Liebe ausgestorben seien. Hörte ich einen Bruder sagen, daß es heutzutage wenig christliche Liebe gebe? Du bist ein guter Richter deiner selbst, Bruder, denn bedenke, du sprichst für dich selbst. Ein Anderer sagt: „O, christliche Gemeinschaft, ich sehe keine.“ Sehr wahrscheinlich, Bruder; wieder sage ich, daß du für dich sprichst, und du bist der feine Herr, der wahrscheinlich allem ein Ende macht, was einer Gemeinschaft mit anderen ähnlich sieht, durch dein saures Gemüt und deine scharfe Zunge. Auch in anderer Weise kann die frohe Gemeinschaft leiden. Laßt Mangel da sein an heiligem Wandel, an Eifer, oder laßt es an der Demut fehlen; laßt in der Kirche in jedem den Wunsch aufkommen, der Größte zu sein, und laßt wenig Sorge für die Ehre Gottes da sein, laßt jeden stolz und aufgeblasen werden - und die christliche Gemeinschaft wird bald ein Ende haben. Vernachlässige du, lieber Bruder, das einsame Gebet, und werde so kalt wie ein Eisberg, und wohin du gehst, wirst du andere Leute kalt machen, und es wird überall Frost sein, wo du hin kommst. Es ist eine der leichtesten Sachen in der Welt, wenn der Teufel und eine Anzahl vorurteilsvoller Leute sich darin einig werden, die Gemeinschaft der Heiligen zu stören; aber wenn wir arbeiten, daß die Liebe gefördert und gemehrt werde, werden wir nicht nach den Tagen des Menschensohnes zu seufzen haben, ohne sie zu finden, sondern sie werden unser ganzes Leben lang für uns fortwähren.

Also können gewisse Zeiten die Tage des Menschensohnes genannt werden, wenn reiches Leben und Macht in der Kirche Gottes ist. Wir wissen in dieser Kirche, was das sagen will - ich wünsche, wir kennten es noch völliger, und wir wissen, was das Gegenteil ist, weil wir viele tote und absterbende Kirchen beobachtet haben. Was für elende Gemeinschaften sind einige Kirchen, wo die Seele der Religion fehlt. Dort ist eine Gesellschaft von Leuten, die eine christliche Gemeinde genannt werden, und ein Mann, der ein Prediger genannt wird und ihnen jeden Sonntag Morgen eine fromme Abhandlung gibt; sie gehen ein und aus, gehen nach Hause, und damit ist die ganze Sache zu Ende; ihre Nachbarn gehen mittlerweile aus Mangel an Erkenntnis ins Verderben, aber das kümmert sie nicht, die Heiden sterben ohne Christus, aber sie beachten das nicht. Für die Sache Gottes wird so viel gegeben, wie unumgänglich notwendig ist, um die äußeren Ordnungen aufrecht zu halten, aber es ist kein Eifer da, keine Hingabe, keine Inbrunst der Liebe. Mögen wir nie so weit herunterkommen. O, meine Geliebten, ich sehne mich, unter uns in immer höherem Grade den Geist des göttlichen Lebens zu sehen, des tatkräftigen Lebens, des brennenden, selbstverleugnenden Lebens, des Lebens, das Alles verzehrt, um für Gottes Ehre zu wirken. Geliebte, ihr habt dies und könnt dessen mehr haben, aber ihr könnt es auch verlieren. Leben und Kraft können bald weichen; Pastor und Gemeindeglieder können in geistlichen Schlummer fallen, und in solchen Zeiten, wenn die Kraft von der Kirche gewichen ist, wird ihre Macht nicht länger von den Unbekehrten empfunden werden. Eine lebendige Kirche erfaßt mit hundert Händen alles, was ihr nahe kommt; sie ist eine mächtige, Seelen errettende Anstalt, die mit ihren weitreichenden Netzen Tausende aus dem Meer des Todes zieht. Eine lebendige Kirche zieht sogar den Sabbatschänder an sich und weckt den Ungläubigen auf. Sie erschreckt die, welche sie nicht rettet. Wenn die Kirche in diesem Zustand ist, so sind ihre Bekehrten zahlreich; dann ist ihr Predigen und Lehren von Kraft begleitet und die Wahrheit schlägt ihre Gegner zu Boden. Ich habe mich in meiner tiefsten Seele mit entsetzlicher Furcht vor dem Herrn nieder gebeugt, gefühlt, daß diese Tage des Menschensohnes, deren wir so lange in großem Maße 1) uns gefreut haben, von uns genommen werden sollten. Ich zittere, daß wir in Schlaf fallen möchten und nichts tun; mir ist bange, daß die Bekehrungen aufhören könnten und niemand sich darum kümmert, ob welche da wären, und doch alles in gutem Fortgang zu sein schiene. Ich weiß, daß eine Gemeinde mehr „Ansehen“ erhalten kann und frömmer scheinen als je zuvor, und daß doch alles dabei rückwärts gehen kann. Gott verhüte, daß die trockene Fäulnis der Gleichgültigkeit das Herz der Kirche ergreife, während sie doch gesund und stark zu sein scheint. Ehe das geschieht, möge es Gott gefallen, mich heimzunehmen. Viele von euch wünschen das Gleiche für sich selber, und wohl mögt ihr es, denn ich hoffe, wir haben zu lange in der warmen Luft des Eifers gelebt, um im Stande zu sein, den kalten, frostigen Zustand einer sorglosen Kirche zu ertragen. Doch würde es bald unser Los sein, wenn der Geist Gottes sich uns entzöge. O, Heiliger Geist, weiche nicht von uns! So lange seine Macht mit uns ist, Brüder, laßt uns ganz dabei sein und immer dabei sein, mit unserer ganzen Seele dem Herrn Jesus dienen, so wird die Segenswolke lange bei uns weilen.

Wiederum: „Es wird die Zeit kommen, daß ihr begehren werdet zu sehen einen Tag des Menschensohnes.“ Dies kann wahr sein in Bezug auf ein kräftiges Predigtamt, denn in den Tagen des Menschensohnes wurde das Evangelium treu gepredigt von Christus, seinen Aposteln und Evangelisten. Es gebührt mir nicht, mein Amt zu erheben, wenn man dabei voraussetzt, daß ich einfach mich selber erhebe, aber doch glaube ich, daß für jede Kirche und Gemeinde ein ernstes, schlichtes, einfaches, treues Predigtamt ein Segen von unaussprechlichem Wert ist. Doch kann der Herr es schnell von seiner Kirche nehmen oder seine Kraft lähmen, daß sie nicht länger ein Segen ist. Dies wißt ihr wohl. Der Herr kann im Zorn den Leuchter von seiner Stelle stoßen und was würde dann geschehen? Der Tod kann die ernste Zunge zum Schweigen bringen und es wird ein Trauern sein. Er, der ein geistlicher Nährvater war und ein Führer in Israel, mag hinweggenommen werden, und was dann? Sind wir dankbar genug für Prediger und Hirten, so lange wir sie noch haben? Werden nicht viele der Treuen hinweg genommen, weil sie niemals gewürdigt sind, wie sie es hätten sollen? Gottes Knechte sind teuer in seinen Augen, und er will nicht, daß wir sie verachten.

Es mag sein, daß in diesem unserem Land in künftigen Zeiten evangelische Prediger selten genug sein werden. Wenn das Papsttum, das sich jetzt so reichlich in der englischen Staatskirche findet, noch wachsen sollte, so mag der Tag kommen, wo der Stimme des christlichen Predigtamtes durch das Gesetz Schweigen auferlegt und die Verfolgung wüten wird, denn, laßt euch nicht betrügen, Rom hat seine Ansichten nicht geändert, und laßt es einmal wieder Macht gewinnen, so werden alle die Strafgesetze wieder erneuert werden und ihr Protestanten, die ihr heute eure Freiheiten so spottbillig wegschleudert, werdet den Tag beklagen, wo ihr euch die alten Ketten ums Handgelenk legen ließet. Das Papsttum fesselte und tötete unsere Vorfahren, und doch machen wir es jetzt zur Volksreligion. Oder, wenn es niemals Gesetz würde, daß die Prediger schweigen sollen, so mögen ihrer weniger und weniger werden, bis ein kleines Kind sie niederschreiben kann. Wir haben selbst jetzt nicht zu viele treue Prediger Christi, aber auch diese mögen hinwegberufen werden. Der Herr kann zu diesem schuldigen Volk sprechen: „Ihr hörtet sie nicht, als ihr sie hattet; siehe, ich will meine Propheten und Boten zurückrufen. Ihr beachtetet sie nicht, als sie morgens, mittags und abends euch zuriefen und euch baten, Jesus Christus zu ergreifen und euch erretten zu lassen, und deshalb, siehe, ich will eure Lehrer von euch nehmen, und ihr sollt ihr Angesicht nicht mehr sehen.“ Seid ihr darauf vorbereitet? Was sind die Sabbate für einige Christen, die ich kenne, anderes, als Tage bitterster Täuschung? Sie gehen zu ihren Gotteshäusern, um eine Pflicht zu erfüllen, aber sie werden nicht gespeist, nicht getröstet, nicht angeregt, sie schöpfen keinen göttlichen Mut, sie finden keine Antriebe in der Predigt, die ihnen auf ihrem Weg helfen. Gibt es nicht Hunderte von unerbaulichen Predigern und Hunderte von Gemeinden, wo der Gottesdienst am Sabbat eine Langeweile und ein Elend ist? Gott gebe, daß ihr nie die glücklichen Tage zu betrauern und beweinen haben mögt, wo das Evangelium mit Einfachheit und Ernst unter euch gepredigt wurde. Aber bedenkt, wenn sie nicht geschätzt werden, so können sie rasch ein Ende nehmen. Schwachheiten des Körpers und häufige Krankheiten sind nicht nur Mahnungen für den Prediger, sondern auch für seine Hörer.

III.

Mein letztes Versprechen war, eine Deutung zu geben, die für die Übeltäter paßte. Ihnen laßt mich diese zwei oder drei Dinge sagen. Für Einige von euch hier Anwesenden, die das Evangelium Christi Jahre lang gehört und es doch verworfen haben, wird mein Text eines Tages ernste Wahrheit werden: „Es wird die Zeit kommen, daß ihr werdet begehren zu sehen einen Tag des Menschensohnes; und ihr werdet ihn nicht sehen.“ Vielleicht werdet ihr auswandern; ihr werdet in die Urwälder Amerikas oder in die Büsche Australiens gehen, wo der Ton der Kirchenglocken euch niemals erreichen wird, wo Pastoren, Predigten und Gottesdienste ungewohnte Dinge sind. Dann mag es sein, daß ihr sagen werdet: „Wollte Gott, ich hätte meine Sabbate benutzt, so lange ich sie hatte, und hätte beständig das Evangelium gehört, als ich es konnte.“ Oder wenn ihr in England bleibt, so werdet ihr nach einer gewissen, kürzeren oder längeren Zeit auf dem Krankenbett liegen; und es wird allen um euch her klar werden, daß es euer letztes Bett und eure letzte Krankheit ist, und dann werdet ihr beginnen zu sagen: „O, Gott, gibt es keine Sabbate mehr für mich? Keine Predigt des Evangeliums mehr für mich? O, daß ich sie wieder hätte!“ Würdet ihr dann nicht willig sein, alles zu geben, was ihr besitzt, wenn ihr nur in der Lage wäret, wieder die Stimme des Dieners Gottes zu hören, die euch Vergebung durch das Blut Jesu verkündet? Ihr wißt, daß ihr das werdet. Zu solcher Zeit kann es kommen, daß die Bewegungen ein Ende haben werden, die ihr jetzt gelegentlich fühlt, denn oft bleiben Gottes Pfeile euch im Gewissen stecken, und ihr seid verwundet. Es werden kann keine Pfeile mehr da sein, euch mit zarten Wunden hoffnungsvoller Buße zu verwunden, sondern die Gewissensangst wird euch mit ihren giftigen Zähnen zerreißen. Ihr werdet zur Hölle niederfahren mit Herzenshärtigkeit gefüllt. Bewegungen, die ihr früher unterdrückt habt, werden nicht wiederkommen; ihr widerstandet dem Geist, und er wird euch verlassen; und doch wird vielleicht noch genug Gewissen in euch übrig sein, euch wünschen zu lassen, daß ihr wieder bei einigen dieser großen Versammlungen wäret, daß ihr wieder fühlen könntet, wie einst, da „nicht viel fehlte“, so wäret ihr überredet worden, ein Christ zu werden. Zu solchen Zeiten mag es sein, daß ihr auf eurer Mutter Flehen mit großer Gewissensangst zurückblickt und wünscht, sie könnte an eurem Bette sein, um euch wieder zu lieben und über ihr sterbendes Kind zu weinen. „Ach,“ werdet ihr sagen, „wollte Gott, Mutter könnte mit mir von Jesus sprechen, wie sie es einst tat, aber sie ist dahingegangen.“ Und Schwerstern und Freunde, die einst, wie ihr sagtet, euch mit Religion quälten, ihr werdet sie auch zurückwünschen, aber sie sind gegangen. Sie werden euch nie mehr mit ihrem Psalmensingen ermüden! Ihr werdet nie mehr müde gemacht und gelangweilt werden mit ihren Bitten, ihr könnt dessen gewiß sein, denn sie sind im Himmel, und ihr sterbt ohne Hoffnung! Ihr geht jetzt hinunter ins Grab, und ihr werdet nie wieder zu klagen haben über langweilige Sonntage und prosaische Prediger. Ihr werdet nicht mehr geärgert werden durch Straßenprediger und Missionare. Keine Warnungen mehr, keine Bitten mehr, keine Gebete mehr, keine Erweckungsgottesdienste mehr. Ihr geht nun in eine andere Region hinüber; mich soll wundern, ob ihr dann anders über diese Dinge denken werdet als jetzt. Werdet ihr dann euch meiner Warnungen erinnern und euch selber Toren nennen, daß ihr sie verworfen habt?

Ich gebe euch nur einen Umriß von dem, was ich zu sagen wünschte, und mit mehr Ernst zu sagen wünschte, aber ich bitte euch, denkt über diese Dinge nach in der Stille eures Zimmers, heute Nachmittag. In kurzer Zeit, wenn es auch am allerlängsten dauert, wird es ein Ende haben mit allen Ermahnungen und Einladungen und Warnungen und Bitten, und es mag sein, wenn sie zu Ende sind, so werdet ihr wünschen, sie zurück zu haben. Würde es nicht viel besser sein, wenn ihr sie jetzt benutzt? Entrinne und finde das Leben in Christo, denn die Lampe des Lebens wird niemals wieder angezündet werden, um dir eine zweite Gelegenheit zu geben. Während die Gnadenpforte noch offen steht, gehe ein und finde ewiges Leben, denn wenn sie einmal geschlossen ist, wird sie nie wieder in ihren Angeln sich drehen, sondern du wirst in alle Ewigkeit ausgeschlossen bleiben. Gott lege seinen Segen auf diese schwachen Worte, um Jesu willen. Amen.

1)
Es werden in jedem Monat durchschnittlich 40 Personen im Tabernakel getauft, die meistens durch die Predigten, die Sonntagsschule, Klassen oder andere Bemühungen der Gemeindeglieder, von denen allen Spurgeon wünscht, daß sie auf irgend eine Weise für das Reich Gottes tätig seinen, zum Glauben geführt sind. Größer vielleicht noch ist die Zahl derer, die durch das Lesen dieser, durch so viel Gebet getragenen Predigten, die in fast allen Ländern der Welt Verbreitung gefunden haben, zum Glauben kommen. A.d.Ü.
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