Spurgeon, Charles Haddon - Über die äußere Erscheinung eines Predigers

Bei einem guten Pferd kommt's nicht auf die Farbe an, und ein wirklich guter Prediger kann sich tragen, wie er will, und niemand wird viel danach fragen; aber wenn man auch nicht die Güte des Weins am Faß erkennen kann, so dient doch eine gute äußere Erscheinung selbst einem Pflüger zur Empfehlung. Weise Leute verlieben sich weder, noch fassen sie eine Abneigung gleich auf den ersten Blick, dennoch trägt der erste Eindruck auch bei ihnen viel aus; was aber jene schwächeren Brüder betrifft, welche nicht weise sind, so hat man schon die Schlacht halb gewonnen, wenn man nur einen guten ersten Eindruck auf sie gemacht hat. Was ist aber eine gute äußere Erscheinung? Sicherlich nicht ein hochtrabendes, steifes und gezwungenes Wesen und ein Sich-in-die-Brust-werfen unter den Leuten, denn freundliche Worte gewinnen die Herzen, aber stolze Blicke stoßen sie zurück. Auch feine Kleider tragen macht's nicht aus, denn wer sich kleidet wie ein Geck, der sagt damit: Mein Haus ist unsauber drinnen, nur die Schwelle draußen ist frisch gestrichen; eine solche Kleidung verkündet der Welt, daß die Außenseite das beste an einer solchen Zierpuppe ist. Wenn ein Mensch als ein Pfau einherstolziert und sich zur Schau stellt, so sollte er sich selber erst bekehren, ehe er sich herausnimmt, anderen zu predigen. Ein Prediger, der sich immer im Spiegel besieht, mag wohl einigen albernen Mädchen gefallen, aber weder Gott noch Menschen werden es lange mit ihm aushalten. Wer seine Größe seinem Schneider zu verdanken hat, wird finden, daß Nadeln und Zwirn einen Narren nicht lange an der Kanzel festhalten können. Ein Edelmann sollte mehr in der Tasche als auf dem Rücken haben, und ein Prediger sollte mehr an seinem Innern als an seinem äußeren Menschen besitzen. Ich würde jungen Predigern, wenn ich könnte, zurufen: Zieht keine Glacéhandschuhen beim Predigen an, denn Samtpfötchen fangen keine Mäuse; brennt und ölt euer Haar nicht wie Stutzer, denn niemand hat Lust, die Stimme eines Pfauhahns zu hören; gebt überhaupt nicht so viel auf eure werte Person, oder es wird niemand anders etwas auf euch geben. Fort mit goldenen Ringen, goldenen Ketten und sonstigem Juwelenschmuck! Die Kanzel ist kein Goldwarenhändlerladen. Fort auf ewig mit Torhemden und Priesterröcken, und all diesem Puppenzeuge für Kinder - Männer sollten von sich abtun, was kindisch ist! Ein Kreuz auf dem Rücken bedeutet einen Teufel im Herzen; diejenigen, die da tun, wie man in Rom tut, sollen auch nach Rom hingehen und offen Farbe bekennen. Wenn die Priester meinen, daß sie sich mit ihren schönen, zierlichen Gewändern bei ehrlichen Leuten in Respekt setzen, so sind sie sehr im Irrtum, denn es gilt hier das Wort, daß man einen Vogel an seinen Federn erkennt, und daß keinem

„Der Name „Affe“ so gebührt,
Als dem, der päpstlich sich staffiert.“

Unter uns Dissidenten beansprucht der Prediger keine priesterliche Gewalt und sollte daher auch nie eine priesterliche Kleidung tragen; mögen Narren Narrenkappen und Narrenröcke tragen, aber Männer, die keine Narren sein wollen, sollten keine Narrenkleider anlegen. Nur ein sehr einfältiges Schaf würde Lust haben, Wolfskleider zu tragen! Und was hat dieser Aufputz für einen Nutzen? Gerade so dumm wie eine Ente mit großen Holzschuhen, sieht ein Dissidentenprediger mit einem Talar aus, der ihm durchaus von gar keinem Gewinn ist. Ich könnte lachen, daß ich mir die Seiten halten müßte, wenn ich unsere großen Herren Prediger mit Talar und Halskrause ausstaffiert und mit dem kleinen Kinderlätzchen aufgestutzt einhertreten sehe, denn es fällt mir dann immer unser alter Puterhahn ein, wenn er wütend ist und sich aufbläst. Das müssen wirklich äußerst schwachköpfige Narren sein, die den Prediger immer erst in Frauenkleidern sehen müssen, ehe ihnen seine Predigt zum Segen sein kann; und wer selber nicht ohne solche Artikel aus dem Putzwarengeschäft predigen kann, der mag wohl unter Gänsen für einen Mann gelten, aber unter Männern wird er eine Gans sein. Daneben ist es aber auch wahr, daß ein Prediger immer, soweit es seine Mittel gestatten, respektabel gekleidet sein sollte; jedenfalls mit makelloser Sauberkeit, denn Könige sollten keine schmutzigen Diener, die ihnen bei Tisch aufzuwarten, haben, und diejenigen, welche Gottseligkeit lehren, sollten Reinlichkeit üben, auch wenn es manchmal etwas Mühe kostet. Aus demselben Grund würde mir auch das weiße Halstuch des Predigers besser gefallen, wenn es wirklich immer weiß wäre, aber ein trübes Grau ist weder Fisch noch Fleisch. Gott erlöse die Christenheit von liederlichen, Tabak rauchenden und schnupfenden, Bier trinkenden Pastoren! Einige, mit denen ich zusammengetroffen bin, mögen vielleicht ganz gute Sitten gehabt haben, leider aber hatten sie sie zu der Zeit gerade nicht bei sich; wie jener holländische Schiffskapitän hatten sie ihren Anker zu Hause liegen lassen; dies sollte nie der Fall sein, denn wenn es einen wohlerzogenen Mann im Kirchspiel gibt, so sollte derselbe der Prediger sein. Ein abgetragener Rock ist keine Unehre, aber die ärmsten Leute können reinlich sein, und ehe ein Mensch das nicht geworden ist, sollte er eher ein Schüler als ein Lehrer sein. Man kann freilich das Pferd nicht nach dem Geschirr beurteilen, aber eine bescheidene, wohlanständige persönliche Erscheinung, bei der die Kleidung derart ist, daß niemand etwas darüber zu bemerken hat, scheint mir das Richtige zu sein. Diese wenigen praktischen Winke sind für euch jungen Bürschchen bestimmt, die ihr eben ins Predigtamt eingetreten seid; und wenn sich irgendeiner von euch darüber ärgert, dann sage ich euch, daß wunde Pferde sich nicht gern kämmen lassen, und rufe euch einfach zu: „Wen's juckt, der kratze sich!“ Ihr werdet freilich sagen, Pflüger Hans sollte lieber zusehen, daß sein eigener Kittel geflickt ist, und die Pastoren in Ruhe lassen; aber ich nehme mir einmal die Freiheit, mit meinen Augen zu sehen und meine Ansichten auszusprechen, denn auch eine Katze kann einen König ansehen, und auch ein Narr kann weisen Männern guten Rat geben. Spreche ich zu deutlich, so denkt gefälligst daran, daß jeder Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und daß, wer sich lange daran gewöhnt hat, eine gerade Furche mit dem Pflug zu ziehen, auch wohl geneigt sein mag, etwas geradezu in seiner Rede zu sein.

autoren/s/spurgeon/u/spurgeon-ueber_die_aeussere_erscheinung_eines_predigers.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)