Spurgeon, Charles Haddon - Die ununterbrochene Linie mehrerer Adliger.

Gehalten am 17. Oktober 1875.

„Anstatt deiner Väter wirst du Kinder kriegen; die wirst du zu Fürsten setzen in aller Welt.“
Ps. 45, 17

Engl. Ueb.: Anstatt deiner Väter sollen deine Kinder sein.

Seid ihr je dadurch in Verwirrung gebracht, daß ihr mit fast gleicher Stärke in zwei Richtungen gezogen wurdet? Das ist bei mir der Fall gewesen. Da ist ein Band, das vom Kirchhof herüber reicht, das mich sehr fest hält, und deshalb wünschte ich heute Morgen wiederum die erste Heimsuchung zu benutzen, die so plötzlich einen unserer Freunde von uns hinweg nahm. Aber heute ist der Anfang der Woche, die zur Fürbitte für die Jugend bestimmt ist, und ich habe mich verpflichtet gefühlt, an dieser Feier theilzunehmen und mitzuhelfen, Sonntagsschullehrer und alle Mitglieder der Kirche anzuspornen, um den Segen Gottes für das heranwachsende Geschlecht zu erbitten. Seht, diese trauernden Freunde erwarten ein tröstendes Wort von mir: und diese Kinder verlangen, daß ich auch ihre Sache führe! Ich vergegenwärtige mir die Scene in meinem Studirzimmer. Was sollte ich thun? Inmitten zweier Gegenstände hätte ich vielleicht keinen erfaßt und das wäre kein wünschenswerthes Ende. Ich beobachtete und sah aus und betete, und zuletzt beschloß ich, mich beiden Einflüssen hinzugeben und ich habe so viel es möglich war, es gethan, indem ich diesen Text auswählte: „Anstatt deiner Väter sollen deine Kinder sein; die wirst du zu Fürsten setzen in aller Welt.“

Der Text beginnt mit: „Anstatt.“ Es ist ein trauriges Wort, ich mag den Ton desselben nicht. „Anstatt“ — wohlan denn, wir müssen erwarten, Einige zu verlieren, wenn Andre an ihre Statt kommen. Ach! Dieser Begräbnisse werden mehr kommen, neue Gräber müssen gegraben werden. Neue Freunde werden aufkommen, aber wir fürchten den Wechsel. Würde es nicht angenehmer sein, die alten Arbeiter zu behalten? Würde es nicht sichrer sein, dieselben Kameraden zu haben am Tage der Schlacht?

Was für eine großartige alte Garde würden die Veteranen bilden! „Anstatt!“ es ist ein Prophetenwort, daß Einige gehen müssen, damit Andre kommen, daß Einige welken müssen, damit Andre blühen, daß Einige sterben müssen, damit Andre ihnen nachfolgen. Unser zitternder Glaube liebt kaum den Wechsel, der hier angedeutet wird, denn wir sind geneigt, zu denken, daß die, welche „anstatt“ sein sollen, sehr langsam kommen werden. Wo sollen wir Männer finden, die leeren Plätze auszufüllen? Durch wen soll Jakob sich erheben, denn er ist klein. In der That, einige Heilige sind so außerordentlich von Gott gesegnet, daß wir uns die Frage vorlegen: „Wer kann an ihrer Statt stehen?“ Moses? Möge Moses für immer leben, denn wer anders kann eine so große Menge leiten und regieren und mit Sanftmuth, die mit Ansehen sich eint, ein so großes Heer durch die Wüste führen? Wer anders kann so viel bei Gott vermögen, daß er zwischen Israel und dem göttlichen Zorn stehen kann? Wir hören ein Flüstern von Josua als seinem Nachfolger, aber, gut wie Josua sein mag, wir können's kaum ertragen, die Führerschaft in andre Hände übergehen zu sehen. Und auch Elias, der kühne, eiserne Prophet, der Mann des Feuers und des Donners. „Ich bin allein“ sprach er, „übrig geblieben.“ Sollen wir ihn verlieren? Woher soll ein Andrer kommen? Nein, wenn es dem Herrn gefiele, wollten wir lieber Elias behalten. Wir mögen nicht das Wort „anstatt“, selbst wenn wir hören, daß ein Elisa dem Elias folgen soll. Zu häufig ist die Furcht, daß der, welcher an die Stelle kommt, nur ein armseliger Ersatz sein und nur im Namen ein Nachfolger sein wird. Nach hohen Hügeln kommen tiefe Thäler, die zweite Ernte kommt selten der ersten gleich und so große Gnade und Fähigkeit verbleiben selten lange bei einer Familie oder bei einem Amt. Wir wissen, daß Salomon starb, und daß ihm Rehabeam folgte — ein Thor einem weisen Manne. Wir wissen auch, daß Eli ein guter Mann und ein wahrer Priester Gottes, den sehr gottlosen Pinehas zum Nachfolger haben sollte: wir wollten deshalb, wenn möglich, Eli behalten und Salomon für immer auf dem Throne sehen. Aber es kann nicht so sein und deshalb nützt es zu Nichts, wenn wir müßig niedersitzen und uns in Betreff der Zukunft ängsten und über die Vergangenheit klagen. All' unser Schmerz über den Wechsel, den die Sterblichkeit unseres Geschlechts verursacht, wird diesen nicht ändern, denn Gott hat es bestimmt, daß der Eine abscheiden und der Andre in seine Stelle kommen muß.

Aber, horcht, mich däucht, das Wort „anstatt,“ wenn wir es mit einem andern Ohre hören, klingt wie ein Ton der Freude. Wenn Einer fällt, so ist ein andrer da, die Lücke in unsern Reihen auszufüllen. Kameraden, ist dies nicht gute Nachricht? Wenn ein Arbeiter aus dem Weinberge genommen wird, so ist noch stets ein Mann im Rückhalt, der seinen Platz einnehmen kann, muntert dies euch nicht auf? Wir werden ermuthigt durch den Glauben, daß wenn der Herr eine Reihe seiner Diener durch eine andre ersetzt, er dennoch nicht die Entfaltung seiner Liebe und Gnade und Macht vermindert, nein, er zeigt vielmehr seine Unabhängigkeit von irgend einer Schaar von Menschen und seine Macht, zu gebrauchen, wann es ihm gefällt. Im Grunde verleiht er doch den Neukommenden denselben Geist und die Kraft bleibt dieselbe, obgleich die Waffe, die geführt wird, eine andre ist. Mitunter ist der Wechsel offenbar zum Pfeffern. Auf Eli folgte Samuel; ein sehr viel Besserer, als Eli doch; wir erinnern uns auch, daß auf Moses, obgleich niemals ein Mann, vom Weibe geboren, größer war als er, doch ein Held folgte, der für die neue Seite in Israels Geschichte geeigneter war, als er es gewesen sein würde. Ich kann mir Moses kaum vorstellen, mit dem Schwert in der Hand, die Canaaniten schlagend in seinem hohen Alter, das war passenderes Werk für Josua; und obgleich in einiger Hinsicht Josua hinter Moses zurückstand, doch paßte er besser für seine Zeit und war mehr geeignet für das besondere Werk, welches das Heer des lebendigen Gottes zu vollbringen hatte. Muth, meine Brüder, unsere Söhne mögen besser sein als wir! Es ist Raum genug dafür, und laßt uns hoffen, daß sie es sein werden. Unsere Söhne mögen jedenfalls geeigneter sein für das Werk, das sie zu thun haben werden, als wir es sein würden, wenn unser Leben in ein andres Zeitalter hinein sich erstrecken sollte. Ich zweifle nicht, wir können ohne persönliche Eitelkeit sagen, daß wir bessere Männer für diese Zeit gewesen sind, als unsere Vorväter gewesen wären, wenn ihr Leben bis in die jetzige Zeit hinein verlängert worden wäre, und so werden unsere Kinder und Enkel über uns hinaus gehen, wenn der Herr sie dazu in Stand setzt, und die wachsenden Forderungen der reifenden Zeitalter erfüllen. Gott weiß es am besten, und wenn er einen Menschen an die Stelle eines andern setzt, so hege ich keinen Zweifel, seine unendliche Weisheit sieht, daß reichliche Ursache zum Wechsel vorhanden ist. Daß das Leben neue Entwicklungen zeigt anstatt der alten, ist ein Gesetz der Natur sowohl wie der Gnade: ob wir Leid oder Freud' fühlen, es muß so sein, darum laßt uns die göttliche Ordnung annehmen und darnach handeln.

Um uns in dieser Sache zu helfen, laßt uns die vorliegende Verheißung betrachten, — „anstatt deiner Väter sollen deine Kinder sein;“ diese kann in einem Lichte angesehen werden, das die gnädige Belohnung offenbart; zweitens wollen wir ansehen die herrliche Erfüllung ; drittens werden wir auf die freudige Ermuthigung blicken, denn sie hat eine sehr glänzende Seite; und viertens wollen wir ihrer praktischen Forderungen gedenken. In dies letzte wollen wir unsere Kraft hineinlegen, in der Hoffnung daß, mit dem göttlichen Segen, heilige Anstrengungen für das kommende Geschlecht bewirkt werden mögen.

I.

Laßt uns in der Verheißung unsers Textes gnädige Belohnung betrachten.

Ich las euch den Psalm eben vor. Nun bemerktet ihr in diesem lieblichen Liede, daß der Braut befohlen wird, ihres Volks und ihres Vaters Hause zu vergessen. Sehr natürlicherweise war dies schmerzlich für sie, und deshalb dient der übrige Theil des Psalms dazu, sie aufzuheitern durch einen Blick auf die Belohnungen, die ihrer warten. Anstatt deiner Väter, die du, o Braut Christi, zu vergessen hast und zu verlassen, sollen deine Kinder sein, dir ebenso theuer, die jenen Platz in deinem Herzen einnehmen werden, der durch das Vergessen deines Vaters Hause leer geworden ist. Seht ihr nicht, daß ihres Bräutigams Herz so voll von Liebe zu ihr ist, daß er, während er sie aus alten Verbindungen hinwegnimmt und es ihr zur Bedingung macht, daß all' diese vergessen werden müssen, wenn er Lust an ihrer Schöne haben soll, dennoch sie versichert, daß neue Bande gebildet werden sollen, die ihr mehr als den gleichen Trost noch bieten werden. „Anstatt deiner Väter sollen deine Kinder sein.“ Die praktische Lehre daraus ist dies, — viele Christen sind, wenn sie zu Gott bekehrt werden, Glieder irreligiöser Familien, und von dem Augenblick ihrer Bekehrung an hören sie auf, wirkliche Herzensgemeinschaft mit ihren Verwandten zu haben, die in vielen Fällen sie unfreundlich behandeln, ihnen mit Kälte oder noch schlimmer begegnen. Dem Fleische nach unter ihnen wohnend, sind sie doch dem Geiste nach von ihnen ausgegangen, haben sich abgesondert und rühren nichts Unreines an. Wie freundlich sie auch für sie fühlen, und die Gnade wird sie dieses noch mehr thun lassen, und in ihnen eine doppelt so große Zuneigung für ihre Angehörigen erwecken, so fühlen sie doch, daß eine große Kluft zwischen ihnen befestigt ist dadurch, daß sie im Besitze der Gnade sind und die Ihrigen nicht. Laßt sie nicht klagen oder seufzen, obgleich ihre eignen Hausgenossen ihre Feinde sind, denn es giebt reichliche und erreichbare Belohnungen. Du sollst in eine andre Hausgenossenschaft eingeführt werden, mein Freund, und sollst dort andre Bekanntschaften und andre enge Verbindungen schließen, denn die Verheißung des Heilandes soll an dir erfüllt werden: „Es ist niemand, der ein Haus verläßt, oder Eltern, oder Brüder, oder Weib, oder Kinder, um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wieder empfange in dieser Zeit, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ Blickt nicht zurück auf jene schlechte Genossenschaft und jene verstrickenden Neigungen; vergeßt die Fleischtöpfe Egyptens, und die Bekanntschaften in Gosen. Laßt sie gehen; sie werden euch nicht gut thun; und nun legt eure ganze Seele in die Arbeit für Christum hinein. In den Bekehrten, die ihr zu Jesu leitet, in den verzagenden Heiligen, die ihr aufrichtet, in den Jüngern, die ihr unterweiset und in der Brüderschaft, deren Mitglieder ihr werdet, findet ihr weiten Raum für alle Zuneigungen eurer Seele, bis ihr fähig werdet, von der Kirche Gottes zu sagen:

„Mein Herze soll für Zion fleh'n,
So lang' noch Leben in mir ist,
Da wohnen meine besten Freund',
Da herrscht mein Heiland, Jesus Christ.“

Dieses Gesetz der Vergeltung wirkt auch nach einer andern Richtung hin und schafft uns Ersatz für die durch den Tod verursachten Trennungen. Wenn die Väter einer nach dem andern sterben, so fühlen die gleichen Alters, daß sie beinahe allein übrig sind: für sie wird es dann wahr werden: „anstatt deiner Väter sollen deine Kinder sein.“ Gebt euch nicht müßigem Bedauern hin und sagt nicht: „Alle die, welche mit mir zugleich in die Kirche eintraten, sind geschieden, Alle die, welche die Gefährten meiner Mannesjahre waren, sind nun hinweg genommen, und ich bin allein gelassen und die Sache leidet Schaden.“ Nein, meine Brüder, haltet euer Herz jung und macht euch den jungen Leuten um euch herum unentbehrlich. Der alte Soldat muß sein Herz den jungen Rekruten entgegenbringen und er muß Freundschaft mit den jungen Kriegern schließen. Anstatt zu klagen, daß ihr einsam seid, wie ich Einige es habe thun sehen, und auf Alles in der jetzigen Zeit herabzublicken, als wenn es unmöglich so gut sein könnte, als in den Tagen eurer Blüthe, werft euch in die Gegenwart hinein, streckt euch in die Zukunft hinein und liebt die Kinder um der Väter willen. Ich weiß, da ich viel jünger war, als ich nun bin, pflegte ich zu denken, die Männer, die ein Amt in der Kirche hatten, seien so erstaunliche Heilige, aber damals mischte ich mich nicht unter sie, ich sah nur von ferne zu ihnen auf. Bei den Betstunden und beim Abendmahl dachte ich, es hätte nie so vortreffliche Leute in der Welt gegeben, als jene Säulen in der Kirche. Jemand sagte mir neulich, er träfe nicht mehr solche gute alte Männer an, wie wir in unsrer Jugend zu kennen pflegten, und ich sagte ihm, die Männer wären eben so gut, aber wir wären jetzt unter ihnen und hätten deshalb weniger von der abergläubischen Ehrfurcht unsrer Jugend, und fügte hinzu, daß ich selber erstaunt sei, sie so gut zu finden, wie sie sind, nun wir sie so viel näher und so viel kühner anblicken. Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterlande oder unter den Menschen seines eignen Zeitalters. Die Ferne verleiht in vielen Fällen einen Zauber. Wir haben eben so gute Leute unter uns, als je gelebt haben, aber wir wissen mehr von ihnen, als von denen, die abgeschieden sind, und wir beurtheilen sie strenger. Niemand von uns ist im Stande, die vergangenen Geschlechter völlig mit dem jetzigen zu vergleichen, denn wir waren nicht in jenen Geschlechtern, wie wir in diesem sind. Menschen mögen in großer Entfernung als ganz vollkommen erscheinen, aber wenn wir ihnen nahe kommen, werden Flecken offenbar und unser Urtheil ändert sich. Laßt uns nie in jenen albernen Gemüthszustand gerathen, in dem wir sprechen: „Die lieben, guten Menschen sind alle geschieden; die Treuen sind alle todt.“ Es sind noch liebe, gute Menschen am Leben und mehr kommen nach. Laßt uns nicht bange sein, daß es dem Allmächtigen an Dienern gebrechen wird. Laßt uns nicht wähnen, er, auf dem des Geistes Fülle ruht, werde zugeben, daß seine Sache darnieder liege aus Mangel an geeigneten Predigern, Aeltesten, Diakonen oder andern Arbeitern. Im Gegentheil, laßt uns sprechen: „Lobet den Herrn, denn seine Güte währet ewiglich.“ Wir haben gelernt, daß anstatt der Väter die Kinder sein sollen, und wir wollen eben so viel Freude an den jungen Heiligen haben, die heranwachsen, als wir in frühern Jahren an jenen reifen, erfahrenen, wohl unterrichteten Heiligen hatten, die der Herr, unser himmlischer Vater, heimgerufen hat. Laßt dies genügen, um zu zeigen, daß der Text eine Belohnung verheißt.

II.

Zweitens laßt uns unsern Text historisch in seiner herrlichen Erfüllung betrachten. Brüder, so lange Gott je ein Volk in der Welt gehabt hat, haben Veränderungen stattgefunden. In Gottes Garten, wie in den unsern, sind auf die Pflanzen dieses Jahres die des nächsten gefolgt. „Die Tage meines Volkes werden sein, wie die Tage eines Baumes, spricht der Herr.“ So bald das Blatt im Frühling geformt ist, so könnt ihr beobachten, daß ein neues Blatt unter ihm für den nächsten Frühling ist. Das diesjährige Blatt entfaltete sich allmählig, wuchs, gelangte zur Vollkommenheit und begann dann zu welken, und nun ist an dem Zweig eine neue Blattknospe, die es fortdrängt, und dies ist es, was unsre Söhne mit uns thun. Wir müssen von dem Baum des sterblichen Daseins abfallen, und es ist recht so: und wir brauchen nicht darüber zu klagen, denn Gott hat Besseres für uns bereitet. Es ist ein Gesetz in der Welt und ein Gesetz in der Kirche gewesen, daß eine Schaar Arbeiter auf die andere folgen solle und sie haben so ohne Aufhören gethan. Es ist mit der Kirche wie mit dem Meer: jede Welle stirbt, aber es ist eine andere Welle hinter ihr. Zuweilen scheint eine Welle eher zurück als vorwärts zu kommen, aber oft rollt dann die nächste Woge um so herrlicher daher. So muß es immer sein, und wir müssen nicht klagen, daß die Wellen sterben, denn das Meer stirbt nicht und die Fluth kommt noch immer heran. Ihr habt vielleicht einen Oelbaum im Wachsen gesehen. Ich habe ihn sorgfältig beobachtet, denn der Reiz des Gethsemanes liegt auf ihm; er sieht aus wie eine Verkörperung des Schmerzes und der Fruchtbarkeit. Ein Oelbaum ist ineinandergeschlungen, wie tausend Schlangen. Er scheint wie in Todesangst zu sein; doch ist auch etwas Heiteres an ihm, denn wenn der Baum alt wird springen die jungen Schößlinge von seinen Wurzeln auf und erhalten ihn immer jung. Ich hege keinen Zweifel, daß der Psalmist sich hierauf bezieht, wenn er sagt: „Deine Kinder wie Oelzweige um deinen Tisch herum.“ Die Sprößlinge springen um den alten Oelbaum auf und so lebt er wiederum; und wenn auch diese sterben, erscheinen frische Sprößlinge und der Baum trägt immer noch Früchte in seinem hohen Alter. Die Kirche Gottes stirbt nie, denn wenn wir Einer nach dem Andern unseren Lauf vollenden, springen Andre aus der stets lebendigen Wurzel auf und so wird die Succession der Gnade in der Welt erhalten.

Nun seht einen Augenblick zurück. Daß war ein großartiges Zeitalter, als die Patriarchen auf Erden wandelten, als Abraham, Isaak und Jakob hoch über die andern Menschenkinder hervorragten. Sie starben, und die Gemeinde war in Gefangenschaft in Egypten, niedergetreten und leidend, doch waren unter ihr Solche, die zum Herrn seufzten und schrieen und deshalb blickte er mit erbarmendem Auge auf die Stämme nieder. Dann kamen da große Herrscher, wie Moses und Josua, um den erwählten Samen zu retten; und als diese schieden, wurden die Richter erweckt. Die Zeit würde uns fehlen, von Gideon und Barak und Simson zu reden, die jeder zu seiner Zeit Israel befreiten. Als die Richter verschwanden, erhöhte Gott den Mann nach seinem Herzen, um sein Volk zu leiten und die Könige herrschten in Gerechtigkeit. Als diese abfielen, war doch das Licht Israels nicht erloschen, denn die Propheten zeugten, und als die Lampe der Weissagung trübe schien, waren Bekenner da, die in der ganzen Periode zwischen dem alten und dem neuen Testamente den Geboten Gottes treu blieben. Darauf strahlte das Licht unsers Herrn Jesus und seiner Apostel hervor und ehe der letzte Apostel hinweggenommen war, erleuchteten die Märtyrerflammen die Welt. Als die Verfolgung aufhörte, und das Heidenthum das Christenthum überwunden hatte, indem es seine Lehren verfälschte, da schienen die Reformatoren mit ihrem Glanze und diesen folgten beständig Evangelisten, einer nach dem andern, die das Volk bewegt haben und durch den heiligen Geist das Zeugnis des Evangeliums erhalten bis auf diesen Tag. Brüder, ich meine, die Geschichte der Kirche der neueren Zeit ist gleich der alten Zeit. Die Apostel waren unsere Patriarchen, die Reformatoren waren unsere Moses und Josua, und die großen Prediger seitdem sind gleich den Richtern gewesen, und nun sehen wir nach dem König selber aus, nach ihm, der auf dem Thron David's sitzen wird und regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit. Seht die Geschichte an, wie ihr wollt, es ist ein ununterbrochener Zusammenhang in ihr; in den dunkelsten Zeiten hat irgend ein glänzender, besonderer Stern geschienen, ja, und in verborgenen Orten, in heiligen Herzen und frommen Familien, hat sich mehr vom göttlichen Licht und Leben erhalten, als die Blätter der Geschichtschreiber uns berichten. Es hat stets „Uebergebliebene nach der Wahl der Gnaden“ (Röm. 11, 5) gegeben. Die Kirche wehklagte und sprach: „Gott hat mich verlassen, mein Gott hat mich vergessen. Die Väter, wo sind sie?“ Gott hat sie nicht verlassen, er hat sich seine Tausende noch übrig bleiben lassen, die ihre Kniee nicht vor Baal gebeugt haben und gerade im rechten Augenblick ist ein Führer aufgestanden, um das Banner zu ergreifen und das wankende Heer wieder um dasselbe zu schaaren: denn so wahr Gott lebet, und der Geist stets in der Kirche bleibet und Jesus mit uns ist allezeit, bis an's Ende der Welt, die stete Aufeinanderfolge in der Gnadenlinie soll niemals aufhören. Ehre sei dem Namen des Allerhöchsten.

III.

Drittens laßt uns, nachdem wir die herrliche Erfüllung unsers Textes gesehen haben, auf einen Augenblick seine freudige Ermuthigung betrachten.

Brüder, Gottes Verheißung ist die endgültige Hoffnung des Christen und in der Kirche im Großen, und hier haben wir sie: „Anstatt deiner Väter sollen deine Kinder sein.“ Haltet euch an dies göttliche soll , denn es ist ebenso gewiß, wie der ewige Bund. Wenn ihr die Lade des Herrn zurücklassen müßt und sie nicht länger auf eurer Schulter tragen könnt, so wird Gott für Nachfolger sorgen. „Jehova Jireh, der Herr wird's versehen.“ Ihr habt diesem Wort geglaubt in Bezug auf eure Familie und euren eigenen Lebensunterhalt, glaubt ihm in Bezug auf Gottes Familie und seine Sache. Gott hat sich schon ein Lamm für sein Passahopfer versehen — verlaßt euch darauf, er wird euch das, was ein weit Geringeres ist, versehen; eine Reihe von Männern, die dieses Passahlamm stets dem Volke vor Augen halten. Wir sind gewiß, o Herr, daß du thun wirst, wie du gesagt hast. —

„Die Väter lehren deine Wahrheit
Und Kinder lernen dein Gebot,
Verkündet wird dein Nam' in später Zeit
Und Völker preisen dich, o Gott.“

Gebt dem Mißtrauen für die Gegenwart oder Zukunft keinen Raum, denn Jesus lebt und wandelt unter den goldenen Leuchtern, reinigt die Lampen und scheinet durch sie hindurch. Die Sterne sind in seiner rechten Hand, von ihm sind sie angezündet und mit unsterblicher Flamme erneut. Der Geist Gottes wohnt noch immer in der Kirche und rufet, welche Jesus will und salbet sie mit heiligem Oel, um auszugehen in des Meisters Namen. Meine Brüder, dies zu bezweifeln, würde unverzeihlich sein, denn wir nähern uns einem Zeitraum, wo alle Verheißungen einen Sieg verkünden. Sind sie nicht alle voll von einem herrlichen Tag der Gnade? Wir sind verpflichtet, für die Ausbreitung des Evangeliums zu streben, denn wir wissen, daß Christus die Herrschaft haben muß. „Aber so wahr ich lebe, spricht der Herr, so soll alle Welt der Herrlichkeit des Herrn voll werden.“ Wir haben das Wort aus dem Munde Gottes empfangen: „Er muß herrschen, bis daß er alle seine Feinde unter seine Füße lege.“ Wir stürzen uns nicht in's Dunkle hinein, wir „schießen nicht den Niagara hinab,“ wir gehen vorwärts in's Licht, der Tag ist angebrochen, die Schatten fliehen, die Helle nimmt zu, der Mittag ist nah' und vielleicht, ehe dies Jahrhundert endet, mögen wir eingetreten sein in den hohen Glanz jener tausendjährigen Periode, wenn Christus Jesus regieren wird „vor seinen Aeltesten in der Herrlichkeit.“ Wenn er uns warten heißt und zu warten mögen wir haben, so wollen wir freudig vorwärts ziehen, denn unser Antlitz ist gegen Sonnenaufgang gewandt und jede Stunde bringt die Herrlichkeit näher. Auf jeden Fall in einer Stunde, da wir es nicht denken: siehe, der Bräutigam kommt, und wenn er kommt, kommt unser Sieg mit ihm. Laßt uns nicht der Muthlosigkeit anheimfallen. Wenn die Schlachtlinie wankt oder unsere Reihen vom Feind durchbrochen werden, denkt an die Reservetruppen, die große Reserve, die unser Feldherr noch zurückhält und bedenkt, der König selber wird kommen, der niemals kämpft, ohne zu siegen. Er, dessen Gegenwart Triumph bedeutet, ist auf dem Wege. Merkt auf das Signal und „haltet die Burg, denn er wird kommen,“ dessen Kommen unseren Kampf endet und unsern Triumph beginnen läßt.

IV.

Ich muß jetzt unsern Text nach seinen praktischen Forderungen betrachten. Anstatt deiner Väter sollen deine Kinder sein.

Wohlan denn, wenn wir anstatt unserer Väter stehen , was für eine Art von Leuten sollten wir sein? Ich will euch nicht eure unmittelbaren Vorfahren in's Gedächtniß rufen, obgleich es keine Unehre für eurer Viele wäre, wenn ich es thäte; ich will euch nicht die Ahnen herrechnen, mit denen Gott uns gesegnet hat. Kein königliches Blut ist in unseren Adern, noch das blaue Blut des Adels; vom König der Könige abstammend, besitzt jeder Heilige einen edleren Stammbaum als irdische Fürsten; ein Kind gottesfürchtiger Eltern zu sein, ist eine der größten Ehren in der Welt. Aber ich will euch bitten, auf eure geistigen Ahnen zurückzublicken, eure Väter nach dem Geiste, eure Vorgänger in dem Glauben an Jesum Christum. O, meine Brüder, was für Leute sollten wir sein, die als Christen das Erbe der Märtyrer angetreten haben? die zu einer Sache stehen, die von Apostolischen Lippen verfochten ist? die gefolgt sind auf Männer, deren die Welt nicht werth war? Unsere Vorfahren waren zu dem, was sie waren, durch Gottes Gnade gemacht und die Kirche Gottes mag wohl Gott in ihnen preisen. Ihre Leiden und heldenmüthige Stärke, ihre Arbeiten und ihr unerschütterlicher Muth haben uns ernste Verpflichtungen hinterlassen. Sollen wir memmenhafte Söhne heldenmüthiger Vorfahren sein? Sollen wir Faullenzer sein und träge in einem Werk, das sie so wohl thaten? Sie bauten mit Gold, Silber und Edelsteinen, sollen wir ihr Werk herabwürdigen, indem wir Holz, Heu und Stoppeln darauf häufen? Ich bitte euch, Brüder, achtet wohl auf eure Wege, in Erinnerung dessen, woher ihr gekommen seid. So möchte ich zu allen Gläubigen sprechen, denn die Kirche ist Eine und untheilbar. Jeder Stamm des Einen Samens hat seine eigne Geschichte und ich überlasse es meinen Brüdern der verschiedenen Kirchen, für die ihrigen zu sprechen. Ich will mich jetzt besonders an die wenden, die unter dem Namen Baptisten bekannt sind. Was uns betrifft, die getauften Nachfolger Christi, so sind unsere Vorfahren als eine Körperschaft von christlichen Männern nicht zu verachten. Obgleich der Name Anabaptisten zum Beiwort der Schmach gemacht ist, weil er unrechtmäßiger Weise mit fanatischen Meinungen vergesellschaftet ward, so können wir doch versichert sein, daß, je mehr die Geschichte verstanden wird, es desto klarer werden wird, daß die, welche am meisten verschrieen wurden, so behandelt wurden, weil sie ihrer Zeit voraus waren: sie hatten die größte Hitze der Schlacht zu erleiden, weil sie im Vordertreffen standen. Gott verhüte, daß ich euch verleiten sollte, euch ihrer zu rühmen und so erborgte Lorbeeren zu tragen. Von allem Stolz halte ich den für den müßigsten, der seine Blöße hinter den zerrissenen Bannern seiner Vorfahren versteckt. Ich verweile nur einen Augenblick bei unserer Vergangenheit, um euch zu desto ernsteren Thaten anzureizen. Beweiset euch als Söhne dieser Männer, indem ihr ihre Thaten thut, sonst seid ihr Bastarde und nicht Söhne.

In jedem Kampfe für bürgerliche und religiösen Freiheit standen unsere Väter voran. In dem Aussprechen jener göttlichen Wahrheiten, die Tyrannen und Priester vor Furcht beben machten, sind sie unter den Kühnsten gewesen. Unsere Väter litten unter der Hand von Menschen, die kein Erbarmen kannten, dafür, daß sie an der Taufe, wie sie der Herr verordnet hatte, festhielten. Ihr Glaube ward falsch dargestellt, und sie selber mehr wie Ungeheuer, denn als Menschen betrachtet. In diesem Lande waren sie der Zeit nach die ersten und die letzten auf dem Scheiterhaufen. Lange, bevor es noch Lutheraner oder Calvinisten gab, lesen wir, daß auf diesem selben Platze, wo ihr jetzt sitzet, „drei Anabaptisten verbrannt wurden zu Newington Butts.“ Unsere Väter waren Protestanten vor den Protestanten. Sie bildeten einen Theil einer langen Linie von Männern, die fest standen, als die große Menge der Kirche diesen oder jenen Weg ging; sie waren in der That die kühnsten und gründlichsten aller Anhänger der apostolischen und schriftgemäßen Kirche und deshalb wurden sie verfolgt von den Prälaten und verabscheut von den Priestern. Wenn ich die Ritualisten von ihrer alten Kirche sprechen höre, so treibt es mir das Blut in die Wangen, zu denken, daß Engländer Verwandtschaft mit dem Römischen Antichrist beanspruchen, dessen Joch unsere Väter von ihrem Nacken abwarfen. Der Stammbaum jedes Anglikanischen Priesters muß nothwendigerweise durch das Todte Meer des Papstthums geflossen sein. Unser klares Bächlein läuft nicht durch jenen Sumpf von Unflath, sondern kommt rein hernieder von den frühesten Zeiten. Unsere Lehren und Gebräuche bleiben, wie sie uns von unserm Herrn übergeben sind, und wir haben auch nicht gewünscht, die Überlieferung der Menschen ihnen hinzuzufügen. „Haltet deshalb euer Vertrauen fest, welches eine große Belohnung hat.“ Gebt eure Grundsätze nicht auf, meine Brüder, denn, die Kirche und die Welt wird sie nöthig haben. Niemand kann den Kampf gegen den Sakramentarianismus so fechten, wie der Mann, der die verordneten Gebräuche (das englische Wort „ordinances“, für Taufe und Abendmahl gebräuchlich bei den Dissentern. A. d. U.) in ihre schriftgemäße Ordnung stellt, wonach sie für die Gläubigen sind, und nur für die Gläubigen. So lange die Taufe denen ertheilt wird, die unwiedergeboren sind, wird die Erdichtung von der Wiedergeburt durch die Taufe einen Halt finden, wo sie Fuß fassen kann. Wir müssen unerschrocken an unserem Zeugnisse festhalten, daß die Religion eine persönliche Sache ist, und daß nur die, welche Glauben an Jesum haben, an den Vorrechten seines Hauses theilnehmen können; gegen das Recht auf Mitgliedschaft durch die Geburt, sowie Gelübde der Taufpathen müssen wir protestiren. Bei euern Vorvätern, die zu Hunderten ertränkt wurden, weil sie sich weigerten, einem abergläubischen Ritus zu huldigen, Männer, die weder Luther noch den Papst fürchteten, und von allen Menschen, selbst von Reformatoren, gehaßt wurden, weil sie einen noch kühneren, klarern und weiter fortgeschrittenen Standpunkt einnahmen als alle Anderen, bitte und ermahne ich euch, Brüder, haltet eure christliche Freiheit fest, und hört niemals auf, für alle Wahrheit zu zeugen, die Gott euch gelehrt hat. Mögen unsere Brüder, die in dieser Sache von uns abweichen, zu uns zu kommen, denn wir können nicht zu ihnen gehen; wir sind festgebannt durch die klare Lehre der Schrift und dürfen nicht eines Haares Breite weichen. Möge der Herr es noch allen seinen Heiligen verleihen, „Einen Herrn, Einen Glauben und Eine Taufe“ zu kennen. Wenn wir anstatt unserer Väter sind, laßt uns streben, ihr Zeugniß unvermindert in Kraft und unbefleckt in Klarheit zu bewahren. Unsere Brüder in anderen Kirchen müssen ihr Zeugniß ablegen für die Wahrheit, die sie kennen, und wir sind die letzten, die ihnen die Freiheit wehren oder ihre Mithülfe verachten möchten; aber dennoch, unsere eigene Pflicht ist das, worauf wir zu sehen haben, damit wir treu erfunden werden „an jenem Tage.“

Der nächste praktische Punkt ist dies: wenn Andere anstatt unserer kommen sollen, was thun wir für diese? Wenn wir uns selber ansehen als die, welche die Gegenwart einnehmen, in wie weit sind wir gute Mittelglieder zwischen der Gegenwart und der Zukunft? Andere sollen anstatt unserer kommen; tragen wir Sorge, so viel an uns liegt, daß die, welche an unsere Statt kommen, fähig seien, die Interessen der Wahrheit Gottes zu vertreten? O Brüder, laßt uns als Gemeinde, die Jugend lieben; laßt uns arbeiten, um durch Gottes Gnade eine Menge von jungen Bekehrten einzubringen. Laßt uns beten, daß Gott unsere Schulen jeder Art segnen möge, und das Lehren der aufwachsenden Jugend, so weit dieses Lehren seinem Geiste und Willen gemäß ist. Eine Kirche, die nicht an die Bekehrung von Kindern glaubt, eine Kirche, die in Wahrheit kaum an die Bekehrung von irgend Jemand glaubt, wird wahrscheinlicherweise aussterben; aber eine Kirche, die für Neubekehrte lebt, wie Eltern für ihre Kinder leben, wird die frohe Mutter zahlreicher Nachkommenschaft sein und stärker und stärker werden. Ich wollte zu Gott, wir würden alle angespornt, nicht blos die Lehrer in der Schule, sondern wir alle, die Bekehrung der Jungen zu suchen und mit allen Mitteln, die uns zu Gebote stehen, darnach zu streben, Gottes Wahrheit ihnen vor Augen zu stellen und sie auf seinen Weg zu leiten.

Die Kirche sollte für Beaufsichtigung, Erziehung und Bildung ihrer Kinder sorgen. Ueber alle, die in ihrer Jugend zu Christo geführt sind, sollten wir ganz besonders wachen. Es wird erzählt, daß Alexander seine tapfere Armee hauptsächlich dadurch bildete, daß er Kinder von ihrer Geburt an, zum Kriegsdienst auferzog. Er nahm kleine Kinder, sobald sie allein laufen konnten und brachte sie in das Lager, wo ihre Spielsachen Schwerter waren und ihre Vergnügungen unter Harnischen, Speeren und Schilden. Die geborenen Soldaten wuchsen auf und konnten nichts und schätzten nichts, als Alexander, Macedonien und Kampf. So sollten wir durch Gottes Gnade unsere Söhne erziehen, daß sie allein für Christum, seine Wahrheit und die Seelen, die er erlöst hat, lebten. O, daß unsere Söhne Kriegsleute von Jugend auf wären. Wir brauchen Arbeiter, die von der ersten Stunde des Tages an im Weinberg gewesen sind; diese sind das Mark in der fruchtbringenden christlichen Weingärtnerei. Es ist nothwendig, mehr Aufmerksamkeit auf die Erziehung und die christliche Förderung zu richten, als bisher gewöhnlich geschehen ist, und je eher dies erfüllt wird, desto besser. Wir brauchen Männer die ihre frühesten Proben in geistiger Kraft in dem Gymnasium der Kirche ablegen, junge Athleten, die für den Krieg ausgebildet sind und bereit zu Thaten, darauf warten, an ihrer Väter Seite ihren Platz in den Kämpfen des Herrn einzunehmen. Es wird eine großartige Aera werden, wenn die Kirche lernt, ihre Jugend zu heiligen Unternehmungen aufzuziehen und sie früh im Dienst des Herrn gebraucht.

Wir wissen auch, daß unsere jungen Freunde, wenn wir gute Nachfolger haben sollen, von ihrer Kindheit an ein edles Betragen sich angewöhnen müssen. Es ist ein großes Wort: „die wirst du zu Fürsten setzen in aller Welt,“ und wir müssen nicht zufrieden sein, wenn wir dahinter zurückbleiben. Was, unsere jungen Bekehrten zu Fürsten machen! Ja, so sagt der Text; und es soll gethan werden durch Gottes Gnade, wenn der heilige Geist ihnen himmlische Gesinnungen einflößt, wenn wir ihnen das Beispiel unseres fürstlichen Heilandes vor Augen stellen und wenn Jeder von uns sich bemüht, sein eignes Leben dem Zwecke und Ziel nach zu einem recht königlichen zu machen. Der Adel des Textes ist von einer seltenen Art — „Fürsten in aller Welt.“ — Wie, ein Mann kann in seinem eigenen Lande ein Fürst sein und hat keine Macht außerhalb desselben: aber ein Mann von hohem christlichem Character ist ein Fürst in der ganzen Welt, und wir möchten, daß alle unsere Kinder so wären. Jener alte Schulmeister Jakob Trebonius pflegte jedes Mal, wenn er in seine Schule kam, seinen Hut vor den Knaben abzunehmen und als er gefragt ward, warum er das thäte, erwiederte er: „Weil ich nicht weiß, mein Herr, was für gelehrte Doctoren und große Männer ich vielleicht unterrichte.“ Er hatte ganz Recht, denn Martin Luther war einer der Knaben, und ich würde meinen Hut vor Martin Luther abgezogen haben, wenn ich sein Schulmeister gewesen wäre, vielleicht ihn gut gezüchtigt haben, aber auf jeden Fall meinen Hut abgezogen aus Respect vor dem Mann, der in einem solchen Knaben verborgen war. Wer weiß, ob nicht unter denen, die wir unterrichten, rechte königliche Geister verborgen sind; und es ist unsere Sache, mit Gottes Gnade zu versuchen, diese auserlesenen Geister zu erziehen, daß sie noch adliger werden. Ich habe eine Geschichte gelesen, die zeigt, wie arme, zerlumpte Kinder Adlige werden können. Ein Prediger kam einst zur Prüfung in eine Schule. Der Lehrer sagte zu ihm: „Fragen Sie die Knaben den Katechismus durch, denn sie wissen ihn gründlich.“ „Aber,“ sagte dieser, „meinen Sie, daß sie ihn verstehen?“ Der Schulmeister lächelte und neigte bejahend sein Haupt. „Prüfen Sie, mein Herr.“ Der Prediger ließ einen der kleinen schuhlosen Knaben das Gebot aufsagen: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,“ und er that dies ohne Zaudern. „Verstehst du dies, mein Junge?“ sagte der Prediger. „Ja, Herr, ich glaube, ich thue es.“ „Was heißt es?“ „Wohl, Herr, letzte Woche ging ich über den Berg mit einigen Herren, um ihnen den Weg zu zeigen, und ich hatte keine Schuhe und die Steine waren so scharf, daß meine Füße bluteten und die Herren gaben mir Geld, um ein Paar Schuhe zu kaufen. Als ich zu Hause ging, dachte ich daran, daß meine Mutter auch Schuhe nöthig hätte und so gab ich ihr das Geld, um sich ein Paar zu kaufen.“ Der Knabe war sicherlich einer der Fürsten in der ganzen Welt, und wenn Kinder durch Gottes Gnade gelehrt werden, dergleichen zu thun und wenn wir selber den Geist uneigennütziger Liebe pflegen, so werden wir den Beweis liefern, daß der heilige Geist uns zu Fürsten in aller Welt gesetzt hat. O Brüder, wenn ich daran denke, was die Kirche Gottes für ihre jungen Bekehrten thun kann, wenn Gott ihr hilft, so bin ich voll Staunen und Freude. Sie ist eine Mutter, deren Kinder alle in Königspalästen geboren sind und alle Miterben mit dem Fürsten Immanuel; „alle ihre Kinder gelehrt vom Herrn und großen Frieden allen ihren Kindern.“ (Jes. 54, 13.)

Um einen Mann zu einem Fürsten zu machen, müßt ihr ihm nicht bloß ein edles Betragen, sondern reiche Besitzthümer geben. Er wird unglücklich sein, wenn er nicht einige Mittel hat, um der Freigebigkeit seines Herzens Genüge zu thun. Wenn ich zu dem jungen Manne spräche, der kürzlich bekehrt worden ist, würde ich sagen: mein Sohn, nimm diese Bibel in deine Hände, sie ist der Kirche bester Schatz, und du wirst ein Fürst sein, wenn du sie durch die Unterweisung des heiligen Geistes zu deinem Eigenthum machst. Hier ist ein Besitzthum für dich, das dich reicher machen wird, als Crösus vor Alters war. Gebt euern Kindern das Evangelium, die herrlichen Lehren von der Gnade; gebt ihnen die Vorschriften Christi und das segensvolle, begeisternde Beispiel, das er uns hinterlassen hat. Gebt ihnen ein geweihtes Beispiel an eurem eignen Leben, und ihr habt unendlich viel mehr für sie gethan, als wenn ihr ihnen ein jährliches Einkommen hinterlaßt, das nach Millionen gemessen wird. Ihr werdet sie zu Fürsten setzen in aller Welt, wenn ihr sie durch Gottes Gnade zu Jesu führt und er ihnen den Geist aller Gnaden verleiht, so daß sie reich im Glauben sind und eifrig zu guten Werken. Ich war so froh am letzten Montag, daß ich nicht weiß, wann ich je froher gewesen bin; es waren zwei junge Schwestern und zwei junge Brüder dieser Kirche da, zwei von ihnen aus der Sonntagsschule, die als Missionare ausgingen. Der Prinz von Wales trat seine Reise am Montag an und das Gleiche thaten zwei Fürsten und zwei Fürstinnen aus dieser Kirche, und ich fühlte mehr Zuversicht, indem ich meine Fürsten aussandte, will ich mich erkühnen, zu sagen, als die königliche Mutter, indem sie ihren Sohn sandte. Vielleicht wird am letzten großen Rechnungstage Indien mehr von unsern Fürsten zu sagen wissen, als selbst von seinem künftigen Könige. Es ist eine große Sache für eine Kirche, wenn Missionare in ihr erzogen und geboren werden: wir verlangen darnach, und schon kommt der Segen. Junge Männer, junge Frauen im Tabernakel, wir sehen nach Mehreren unter euch aus, die unsere Fürsten in der ganzen Welt sein können. Wir haben einige in Indien, wir haben einige in Spanien, wir haben einige in andern Ländern, die Christum predigen, aber wir möchten Fürsten in der ganzen Welt haben. Ich werde nie vollständig zufrieden sein, bis ich, auf die Landkarte blickend, daran gedenken kann: „Bruder So-und-So ist da, Schwester So-und-So ist da, sie bringen die Heiden zu Christen und erobern das Land für Jesum.“ Mögen bis an die äußersten Grenzen des bewohnbaren Erdballs fürstliche Sprößlinge von allen Kirchen des lebendigen Gottes gehen und mögen wir unsern vollen Antheil an dem seligen Vorrecht haben.

Das letzte Wort ist dieses: indem ich auf meine jungen Freunde blicke, die heute Morgen anwesend sein mögen, wie ich schon auf unsre Vorväter zurück gesehen habe und auf uns selber nieder, so sage ich zu ihnen: seid ihr vorbereitet , eurer Väter Stelle einzunehmen? Mit großer Freude sah ich auf dem Kirchhofe am letzten Freitag, als ich meinen lieben Bruder, Henry Olney, begrub, so viele unsrer jungen Männer anwesend, die Hoffnung der Kirche: ehrenwerthe Männer, die ich für würdig halte, ihren Vätern zu folgen. Ich dankte Gott, und ich faßte Muth, als ich aus der Kirchhofspforte kam und viele von ihnen in christlicher Bruderschaft zusammen gehen sah. Jüngere Brüder, ich hoffe, ihr werdet eurer Vorväter würdig sein, selbst wenn ihr sie nicht übertrefft. Ich bitte euch, da ihr der Kirche Hoffnung seid, täuscht uns nicht! Junge Männer und Frauen, gebet euch Gott frühe hin und laßt es eine gründliche, gänzliche Hingabe sein, — ihr werdet das nie bereuen. Es sitzt da hinter mir ein Bruder, der euch sagen könnte, wenn er wohl genug wäre, wie seine jungen Tage glücklich in seines Meisters Dienst waren und wie jetzt, da er in etwas zitternden Tönen spricht, sein Herz sich in dem Herrn freut, den er so lange geliebt hat. Junge Männer, folgt seinen Fußstapfen; junge Frauen, widmet euch auch völlig Christo.

Als Warnung muß ich noch hinzufügen, laßt niemand voraussetzen, daß er gerettet sei, weil er von frommen Eltern stammt. Bedenkt, Abraham hatte einen Ismael zum Sohn. Die Linie läuft nicht nach dem Blute und der natürlichen Abstammung, sondern nach dem Willen Gottes. Ach, es giebt auch Einige — ich traf neulich einen Solchen, ich fühle in diesem Augenblick den Pfeil in meinem Herzen — es giebt Einige, die den Herrn Gott ihrer Väter gänzlich verlassen und sich zum Zweifel und zur Sünde wenden. Wenn ein junger Mann sich des Unglaubens rühmt und zu seinen Gefährten lose Leute der niedrigeren Art wählt, so wird seine Abstammung von gottesfürchtigen Vätern siebenfache Schuld auf ihn bringen. Es wäre ihm besser, er wäre niemals geboren, als daß er sich von seinen gottgesegneten Vorfahren abwenden sollte, um ein Feind des Kreuzes Christi zu werden. Vielleicht mag einer hier sagen: „Ah, aber Ismael hatte seine gute Mutter, es war Hagar, die Magd.“ Meine ernste Antwort ist: Esau hatte dieselbe Mutter wie Jakob und war in derselben Geburt geboren, dennoch hatte Esau keinen Theil an den geistlichen Vorrechten, wie Jakob es hatte. Trauet nicht auf eure Abstammung; verlaßt euch nicht auf einer Mutter Thränen oder eines Vaters Frömmigkeit. Suchet den Herrn, meine Söhne, sonst werdet ihr seine Liebe nicht schmecken. „Mein Sohn, gieb mir dein Herz,“ sagt Jesus, — nicht deines Vaters Herz, sondern dein eignes. Gebet euch als lebendige Opfer Gott hin, und dann sollen anstatt der Väter die Kinder sein.

Ich stehe unter euch wie ein Offizier in der Mitte seines Regiments und wenn der Eine und der Andere fällt, so bitte ich euch, eure Reihen zu schließen. Meine Brüder, meine Kinder, laßt die gute Sache im Tabernakel nicht unterliegen. Ihr werdet es nicht, deß bin ich gewiß. Ich versehe mich eines Bessern von euch, obgleich ich so spreche. Wer immer stirbt, steht bereit, ihr jüngern Männer, ihre Plätze einzunehmen. Im Aelterwerden bittet um mehr Gnade, um euch fähig zu machen, nicht blos Privatmitglieder zu sein, sondern Führer unter uns zu werden, daß an dieser Kirche allezeit die Verheißung des Textes erfüllt werde: „Anstatt deiner Väter sollen deine Kinder sein; die wirst du zu Fürsten setzen in aller Welt.“ Gott segne euch, meine geliebten Gefährten im Heer des Herrn, jung und alt, um Christi willen. Amen. 

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