Spurgeon, Charles Haddon - Die unbekannten Wege der Liebe

„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das weißt du jetzt nicht; du wirst's aber hernach erfahren“.
Joh 13,7

Diese Worte unsres Herrn waren die Antwort auf des Petrus überraschen Ausruf: „Herr, solltest du mit meine Füße waschen?“ Es war ein sehr natürlicher Ausdruck des Erstaunens, und einer, der keinen Tadel verdiente, aber doch war es keine sehr weise Bemerkung, denn, obwohl es eine wunderbar herablassende Handlung für den Herrn Jesus war, seiner Jünger Füße zu waschen, so hatte er dennoch schon eine größere Herablassung bewiesen, indem er überhaupt in Menschengestalt auf Erden erschien. Es ist ein viel größeres Wunder, daß der Sohn des Höchsten unter den Sterblichen in einem menschlichen Leibe weilte, fähig, mit einem Schurz umgürtet zu werden, und im Stande ein Becken zu nehmen und Wasser dahinein zu gießen, als daß er, da er Mensch war, vom Abendmahl aufstand und die Arbeit eines niedrigen Knechtes verrichtete, indem er seiner Jünger Füße wusch. Hätte Petrus verstanden, was sein Meister geweissagt und ihm ausgelegt hatte, nämlich des Herrn nahendes Leiden und Sterben, so hätte er gesehen, daß es für seinen Meister ein geringes war, ein Becken und einen Schurz zu nehmen, im Vergleich damit, das er unsre Missetat auf sich nahem und zum Opfer für die Sünde gemacht ward. Es nimmt euch sehr Wunder, den Herrn der Herrlichkeit einen Schurz tragen zu sehen, aber staunt ihr nicht noch mehr, ihn in dem Purpurkleide des Spottes zu sehen? Seid ihr nicht noch mehr erstaunt, sein Gewand ihm ausgezogen zu sehen und ihn am Kreuze rufen zu hören: „Ich möchte alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen und sehen ihre Lust an mir“. Es ist wunderbar, das er das Becken in dem großen Saal nahm, aber gewiß, es war noch außerordentlicher, daß er den Kelch im Garten nahm und ihn in seiner vollen Bitterkeit trank, bis sein Schweiß wie Blutstropfen ward, die auf die Erde fielen. Der Jünger Füße mit Wasser zu waschen, war sicher eine überraschende Handlung, aber sein Herzblut zu vergießen, um uns alle zu waschen, war noch viel größer, denn dazu mußte er sterben, sein Grab bei den Gottlosen haben und unter die Übeltäter gerechnet werden. Der Ausruf des Petrus erscheint so sehr natürlich, aber nicht sehr tief. Liebe Brüder, meint ihr nicht, daß sehr wahrscheinlich unsre hübschen frommen Reden, die uns als sehr passend erscheinen, und unsren Freunden sehr lobenswert vorkommen, eines Tages als bloßes Kindergeschwätz erscheinen werden und schon jetzt dem Herrn Jesu so erscheinen? Diese trefflichen Aussprüche und heiligen Worte, die wir mit Bewunderung gelesen und hoch geschätzt haben,–selbst diese sind nicht den Worten Jesus an wirklichem inneren Gehalt und Wert gleich, und mögen in andrem Lichte weit weniger schön erscheinen, als sie es jetzt tun. Ich habe es selbst in verschiedenen Stimmungen und Gemütsverfassungen erfahren, daß dieselben Dinge, die mir als sehr tief und christlich aufgefallen waren, zu andern Zeiten mir einseitig, flach oder zweifelhaft erschienen. Wir erkennen stückweise ; unsre höchsten erreichbaren Vorzüge hier sind die kleiner Kinder, und selbst für den eifrigen Forscher, den tief erfahrenen Christen, den ehrwürdigen Mann von höherem Alter und den hochbegnadigten und gesalbten Lehrer der Kirchen ist kein Raum zum Rühmen da.

Bemerkt danach, daß unser Heiland die Rede des Petrus mit den Worten des Textes beantwortete, die ebenso bewundernswert ihrem Tone als ihrem Inhalt nach sind. Was sollen wir am meisten in dieser Antwort bewundern, ihre Milde oder ihre Majestät? Bei des Petrus unwissender Einfalt, wie sanft ist er da! „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht; du wirst es aber hernach mal erfahren“. Und doch, wie königlich begegnet er dem vorwitzigen Einwurfe Petrus, und wie bestimmt beugt seine majestätische Persönlichkeit die zu sehr hervortretende Person des Paulus nieder! Was ich tue, das weißt du jetzt nicht. Wie vollkommen die Verschmelzung der Majestät und der Milde! Wer kann sagen, welche der Farben am besten aufgetragen ist? Dies ist immer die Art unseres Herrn Jesu. Ihr werdet es durch eurer ganzes Leben so finden, Geliebte, daß wenn Jesus kommt, euch einen Verweis zu geben, er dies kräftig, aber sanft tut; er wird als Freund und als König sprechen; du wirst beides fühlen, seine Liebe und sein Ansehen, und die Macht seiner Güte wie seiner Größe anerkennen. Sein Lächeln wird dich nicht anmaßend machen und vor seinem königlichen Blick wirst du nicht erbeben. Du wirst finden, daß seine Linke dich aufrecht hält, während du in seiner Rechten das königliche Zepter siehst. Teurer Heiland, bist du mehr milde oder mehr majestätisch? Wir können es nicht sagen, unserm Herzen bist du beides, freundlich und fürstlich, milde und mächtig, gnädig und groß.

I.

Laßt uns nun zu den Worten selber kommen. Wir haben die Gelegenheit betrachtet, bei der sie gesprochen wurden, und ihre Form, nun wollen wir ihren Inhalt wägen. Die Worte selber haben viele Gedanken in mir angeregt, und unter diesen zuerst, daß in unsers Herr Tun Vieles ist, was wir nicht verstehen können. Unser Text ist nicht nur wahr in Bezug auf das Fußwaschen, sondern in Betreff all' dessen, was unser Herr tut.-„ Was ich tue, das weißt du jetzt nicht“. Wir mögen den äußeren Teil von dem, was er tut, kennen und zu kennen meinen, aber es ist mehr in seinen Handlungen, als Einer von uns begreifen kann. Das Äußere ist nicht Alles; in den Gaben, die wir wahrnehmen, liegen andre und größere, uns noch unbekannte Gaben eingewickelt. Du gehst durch das Land Kanaan und du trinkst von seinen Flüssen, und erquickst dich an seinem Korn und Wein und Öl, aber das gute Land hat verborgene Reichtümer, seine Steine sind Eisen und aus seinen Bergen kannst du Erz graben. Die Bäche, aus denen du trinkst, erhalten ihr kühlstes Wasser von Quellen, die aufsprudeln aus „der Tiefe, die unten lieget“. Wenn du einigermaßen auch weißt, was Jesus tut, so ist doch das Geheimnis deinem Auge nicht ganz bloßgelegt; es sind Falten seiner mannigfachen Gnade, die nicht offen sind. Das Werk Jesu reicht über dich hinaus - es ist tiefer als dein Fall, höher als dein Wunsch; es übertrifft dich und ist viel zu hoch für dich; du kannst es nicht ermessen. Wer kann es vollkommen ergründen?

Unser Mangel an Erkenntnis des göttlichen Tuns ist ein weites Thema und ich will nicht versuchen, seine nächsten Grenzen zu erforschen, sondern mich an den Text halten. Brüder, es gibt viele Dinge, die Gott tut, die wir jetzt nicht verstehen können und wahrscheinlich niemals verstehen werden. Zum Beispiel, warum er das Böse zuerst zuließ und noch immer duldet. Auf diese Frage würde die göttliche Antwort sein: „Was ich tue, das weißt du nicht“! Bleibe davon. Es ist unsre höchste Weisheit, unwissend zu sein, wo Gott uns nicht erleuchtet hat. Es ist große Torheit, wenn wir zu wissen vorgeben, was wir nicht wissen, und es lebt kein Mensch, noch wird je ein Mensch leben, der auch nur ein annäherndes Verständnis von dem furchtbaren Geheimnisse der Existent des sittlich Bösen hat. Der Boden dieses Abgrundes kann kein Verstand erreichen, und der ist tollkühn, welcher sich hineinzustürzen wagt. Bleib' von diesem Geheimnis weg, du kannst nicht die weiße Glühhitze ertragen, die um dasselbe brennt. Mancher Mann hat die Augen seiner Vernunft verloren, während er versucht hat, in diesen feurigen Ofen hinab zu blicken. Was hast du mit dem zu tun, was Gott dir verbirgt? Es ist Gottes Sache, nicht die deine; das Ding war geschehen, ehe du geboren wurdest, und er, der es zuließ, kann für sich selber antworten, wenn ihm etwas daran liegt, es zu tun. So auch mit Bezug auf die Vorherbestimmung; das Gott alle Dinge bestimmt und vor seinem Auge die Karte von jedem Dinge hat, das gewesen ist, ist, oder sein soll, das ist sehr wahr; aber wer kennt die Tiefen des Vorherwissens und Bestimmens? Niedersitzen und die ewigen Ratschlüsse zerpflücken, ihre Gerechtigkeit in Frage stellen und ihre Weisheit anfechten, ist sowohl Torheit als Vermessenheit. Hier wird die Finsternis dicker, und aus ihr kommt das Wort hervor: : „Was ich tue, das weißt du nicht“. Die Dinge, die geoffenbart sind, gehören uns und unseren Kindern, und was die nicht=geoffenbarten anlangt, wenn es zur Ehre Gottes ist, ein Ding zu verbergen, laßt es verborgen sein. Jesus hat den Vorhang des Allerheiligsten zerrissen, und in das Geheimnis der göttlichen Liebe könnt ihr nun frei eindringen, aber andere Vorhänge, die er nicht zerreißt, dürft ihr nicht anrühren. Einige Wahrheiten sind eurem Verstande verschlossen, eben wie die Bundeslade vor den spähenden Augen verschlossen war; laßt uns nicht ihre Heiligkeit verletzen, auf uns nicht das Gericht der Leute zu Beth-Semes treffe, sondern laßt uns die eifrig als unschätzbares Kleinod hüten, daß wir den Segen erhalten mögen, der auf dem Hause Obed-Edoms ruhte. Dieselbe Bemerkung findet auf die großen Absichten Gottes in der Weltregierung Anwendung. Es hat ihm gefallen, uns in der Weissagung öfter zu sagen, was er mit seien Schickungen beabsichtigt hat, und vielleicht wird es eine der Genüsse des künftigen Lebens sein, Gottes Hand in dem ganzen Laufe der Weltgeschichte zu sehen; aber während die Begebenheiten geschehen, müssen wir nicht erwarten, Ziel und Zweck derselben zu verstehen. Das wundervolle Gewebe der Menschengeschichte, am Webstuhl der unendlichen Weisheit Gottes gewoben, wird Mensch und Engel in Erstaunen setzten, wen es vollendet ist; aber so lange es noch unbeendet ist, wird es nicht möglich für uns sein, uns das vollständige Wunder vorzustellen. Aus der Mitte jener Räder der Vorsehung, die voller Augen sind, höre ich eine Stimme, die spricht: „Was ich tue, das weißt du nicht“.

Aber wir wollen uns auf die liebevollen Handlungen des Herrn Jesus Christus beschränken, da das, was unser Herr an Petro tat, weder sehr geheimnisvoll, noch eine Tat übernatürlicher Macht oder strenger Gerechtigkeit ist. Er umgürtete sich mit einem Schurz und goß Wasser in ein Becken, um seiner Nachfolger Füße zu waschen. Es war eine sehr einfache Sache, und augenscheinlich eine sehr gnädige freundliche und herablassende Handlung; aber selbst in Betreff dieser sagte Jesus: „Was ist tue, das weißt du jetzt nicht“:

Meine Brüder, selbst die Handlungen unsers Herrn Jesu Christi in seiner liebevollen Herablassung verstehen wie nicht völlig. Ah, denkt einen Augenblick nach; wie können wir das? Übertrifft nicht unsers Herrn Liebe immer alle Erkenntnis, da er selber das größte aller Geheimnisse ist? Laßt mich auch diese Worte vorlesen: „Wußte Jesus, das ihm der Vater hatte alles in seine Hände gegeben, und daß er von Gott gekommen war und zu Gott ging, stand er vom Abendmahl auf, legte seine Kleider ab, und nahm einen Schurz und umgürtete sich“. Versteht ihr die höchsten und die niedrigsten Punkte in dieser Angelegenheit? Ihr müßt beide begreifen, ehe ihr sehen könnt, was er getan hat. „Jesus wußte, daß ihm der Vater hatte alles in seine Hände gegeben“. Könnt ihr die Herrlichkeit hierin sehen? Jesus war sich bewußt, das sein Vater ihn zum Haupt über Alles in der Gemeinde gemacht und die Herrschaft auf seine Schulter gelegt hatte, und ihm den Schlüssel Davids gegeben; der auftut und Niemand zuschließet, der zuschließet und Niemand auftut. Er wußte mit Sicherheit, daß an seinem Gürtel die Schlüssel des Himmels und des Todes und der Hölle hingen und daß er, nachdem er den Auftrag des Ewigen erfüllt, nun im Begriff sei, zu seinem Throne zurückzukehren. Habt ihr diese Vorstellung gefaßt? Erblickt ihr die Herrlichkeit, deren Jesus sich bewußt war? Wenn ihr das getan habt, dann steigt mit Einem Schlage herunter:–er, dieser Herr über Alles, der alle Dinge in seiner Hand hat, legt seine Kleider ab, tut den gewöhnlichen Rock eines gewöhnlichen Mannes hinweg und in der Arbeitstracht eines Dieners umgürtet er sich mit einem Schurz, damit er seinen eignen Jüngern Dienst tue. Könnt ihr ihm von solcher Höhe zu solcher Tiefe folgen? Ein Höherer wäscht im Morgenland nie eines Niedern Füße; Jesus handelt, als ob er niedriger wäre, als seine Freunde, niedriger als diese armen Fischer, niedriger als diese törichten Schüler, die so langsam lernten, bei denen er so lange Zeit gewesen war und die ihn doch noch nicht kannten, welche schnell vergaßen, was sie wußten, und Zeile nach Zeile, Vorschrift nach Vorschrift haben mußten. Nachdem er sie bis ans Ende geliebt hat, erniedrigt er sich bis zur äußeren Erniedrigung und beugt sich zu ihren Füßen, um ihre Unreinigkeit abzuwaschen. Wer, sage ich, kann die Tiefe dieses Herabsteigens ermessen? Ihr könnt nicht wissen, was Christus für euch getan hat, weil ihr nicht begreifen könnt, wie hoch er von Natur ist, und auch nicht mutmaßen, wie er in seiner Demütigung und seinem Tode sich beugte. Mit Adlerflügeln könntet ihr nicht so hoch euch schwingen, um ihn, der da ist hochgelobt, Gott über Alles, zur Rechten seines Vaters sitzen zu sehen, von Cherubim und Seraphim angebetet; ebenso wenig könnet ihr hinabtauchen, selbst wenn ihr den Sturz in den Abgrund zu nehmen waget, bis ihr die Tiefe das „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“! erreichet, und doch müßtet ihr irgendwie den Abgrund, ich hätte beinahe gesagt, die Unendlichkeit, kennen zwischen diesen zwei Punkten der Höhe und der Tiefe, ehe ihr wissen könntet, was Jesus für euch getan hat.

Überdies, denkt eine Weile nach. Ward irgend etwas, das Jesus tat, verstanden, während er das tat? Er ward als Kindlein in Bethlehem geboren, aber wer wußte, was er in der Krippe tat? Ein paar Hirten und Weise und zwei oder drei begnadigte Heilige erkannten den Heiland in dem Kinde, aber der großen Menge der Menschen war er unbekannt. Gott kam auf die Erde und Engel sangen bei seiner Ankunft, aber, o Erde, der Herr hätte zu dir sprechen können: „Was ist tue, das weißt du jetzt nicht“. Er lebt hier das Leben eines Handwerkersohnes. Dieses Leben war das erhabenste Ereignis in der ganzen menschlichen Geschichte, aber die Menschen wußten nicht, was es war und was es bedeutete. „Die Welt kannte ihn nicht“. Er trat auf, um das Evangelium zu predigen; wußten sie, wer es war, der da sprach, wie „noch nie ein Mensch geredet“ hatte? Verstanden sie, was er sprach? Ach, nein. Es war vor ihren Augen verborgen. Zuletzt gab er das Leben hin, das er so eigentümlich genommen hatte; wer wußte die Ursache seines Todes am Kreuze? Wußten auch nur seine Jünger es, obgleich er es ihnen gesagt? As die Erde bebte und die Gräber sich auftaten bei seinem letzen Schrei, verstanden auch nur seine Nachfolger, welch' ein Opfer gebracht worden war? Nein, und bis der Geist aus der Höhe über sie ergossen ward, faßten sie es nicht, daß es Christo geziemte, zu leiden. Er konnte zu jedem seiner Jünger von alle, was er getan, fragen: „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht“.

Dies ist auch wahr von jeder einzelnen Gabe, die unsers Herrn Liebe seinem Volke gegeben hat, Ihr seid in Jesu Christo gerechtfertigt worden, aber kennt ihr völlig die wunderbare Gerechtigkeit, welche euch durch die Rechtfertigung aus dem Glauben verliehen ist? Ihr seid angenommen in dem Geliebten, aber hat irgend Einer von euch es je ganz empfunden, was es heißt, völlige Annahme beim Vater zu finden? Ich weiß, ihr habt es empfunden und euch darüber gefreut, aber kennt ihr, könnt ihr die volle Süßigkeit dessen, was es bedeutet, kennen? Ihr seid Eins mit Christo und Glieder seines Leibes; begreift ihr das? Ihr seid Miterben mit Christo, kennt ihr die volle Bedeutung davon? Er ist euch verlobt zu einer ewigen Vermählung, wißt ihr, was das bedeutet? Ah, nein; diese Wunder seiner Liebe, wir hören von ihnen und wir glauben sie, aber „Was ich tue“, sagt er, „das weißt du jetzt nicht“. Unser Herr tut große Dinge in unserer Bereitung auf eine höhere Stufe des Daseins. Wir werden bald von diesem elenden Körper befreit werden und erlöst aus dieser engen Welt; wir gehen nach einem Orte, der unfern vom Himmel stammenden Leben mehr zusagt, wo wir die Gefährten der Engel sein werden und Gemeinschaft haben mit den Geistern der vollkommenden Gerechten, und dem Herrn Tag und Nacht in seinem Tempel dienen, aber was für eine Herrlichkeit es sein wird, das wissen wir nicht, denn kein Ohr hat es gehört, kein Auge hat es gesehen und in keines Menschen Herz ist es gekommen. Und was die Vorbereitungen anlangt, die in uns getroffen werden, um uns für diesen höhern Zustand bereit zu machen, so wissen wir, daß sie geschehen, aber wir können noch nicht ihren Gang sehen, ihre besondere Richtung und ihren letzten Ausgang. Das Instrument begreift den Stimmer nicht; der Stimmer bringt harte Töne aus dem verstimmten Saiten hervor, aber alle diese Mißklänge sind nötig für den harmonischen Stand, den er herbeiführen will. Wenn die Mißtöne jetzt nicht entdeckt würden, wäre die Musik in der Zukunft verdorben. Meine Brüder, von Allem, was Christus getan hat, ist es wahr: „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht“. O, wenn sein Werk klein wäre, so könnten wir es messen, wenn seine Liebe gering wäre, so könnten wir sie kennen, wenn seine Weisheit endlich wäre, könnten wir die beurteilen; aber wo Alles über die Erforschung hinausliegt, wer kann da behaupten, zu wissen? Denkt daran, daß in unsrem Heile Christus selbst die Summe und das Wesen ist, jede Eigenschaft seiner Gottheit ist dabei zu voller Mitwirkung gebracht, er macht unser Heil zu seinem Ruhme, rechnet es als sein Diadem und Kronjuwel, und deshalb ist es durchaus nicht verwunderlich, daß wir nicht wissen, was er tut.

II.

Unser zweiter Gedanke ist ein lieblicher. Unser Mangel an Verständnis hindert nicht die Wirksamkeit von unsers Herrn Werk. „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht“, und es macht nichts aus; der Herr wird es gerade eben tun. Petrus weiß nicht, was Christus tut, als er seine Füße wäscht, aber der Meister wäscht sie gerade so rein, ob Petrus es versteht oder nicht. Jesus sagt nicht: „Nun, Petrus, du versteht nicht, was ich mit dem Waschen deiner Füße tue und deshalb werde ich sie nicht waschen, bis du es verstehst“. Nein, nein, er fährt fort mit dem Becken und Schurz und wäscht sie rein, obwohl Petrus nicht weiß, warum. Ist es nicht eine große Gnade, Brüder, daß die Wirksamkeit der Segnungen, die Christus uns verleiht, nicht von unsrer Fähigkeit, sie zu verstehen, abhängt? Blickt nur ein wenig in die Welt hinein und seht, wie wahr dies ist. Eine Mutter hat ihr kleines Kind auf dem Schoße und wäscht sein Gesicht; das Kind mag das Wasser nicht und schreit. Ah, Kindlein, wenn du es verstehen könntest, so würdest du lächeln. Das Kind schreit und widerstrebt in der Mutter Armen, aber es wird darum doch gewaschen; die Mutter wartet nicht, bis das Kind versteht, was sie tut, sondern beendet ihre Liebesarbeit. So wendet der Herr oft eine göttliche Kunst bei uns an und wir würdigen sie nicht und sie gefällt uns nicht; vielleicht widerstreben wir sogar seiner Liebesarbeit, aber desungeachtet beharrt er darin und zieht seine Hand um unser Schreie willen nicht ab. Versteht der Baum das Beschneiden, begreift der Acker das Pflügen? Doch bringen Beschneiden und Pflügen ihre guten Früchte hervor. Der Arzt steht am Bette des Kranken und gibt ihm Arznei, Arznei, die übel schmeckt und in ihrer Wirkung den Kranken schlimmer fühlen macht, als zuvor; dies kann der Leidende nicht verstehen und fürchtet darum unglückliche Resultate; aber die Kraft der Arznei hängt nicht davon ab, daß der Kranke ihre Eigenschaften versteht, und deshalb wird sie ihm gut tun, obgleich sie ihn durch ihre sonderbare Wirkung befremdet. Wenn ein Narr seine Mahlzeit ist, so wird sie seinen Hunger eben so sehr sättigen, als wenn er ein Philosoph wäre und den Vorgang der Verdauung verstände. Dies ist ein großes Glück, denn die meisten Menschen können nie Philosophen werden. Es tut nicht Not, daß der Mensch die Lehre von der Wärme versteht, um vom Feuer erwärmt zu werden oder sich behaglich in einem Überrock zu fühlen. Ein Mensch mag die Gesetzte des Lichtes nicht kennen und doch im Stande sein, zu sehen; er mag nichts von der Gehörkunde wissen und doch scharf hören. Ein Passagier, der eine Klappe nicht von einem Rade unterscheiden kann, steigt auf dem Bahnhof in einen Wagen und wird von der Lokomotive ans Ziel seiner Reise gezogen, eben so wohl, als wenn ein gelehrter Mechaniker wäre. Es ist ebenso in der geistlichen, wie in der natürlichen Welt. Die Wirksamkeit geistlicher Kräfte hängt nicht von unsrer Fähigkeit, sie zu verstehen, ab. Ich habe dieser sehr einfachen Tatsache erwähnt, weil es wirklich notwendig für uns ist, daran zu gedenken. Wir wissen so viel oder glauben, es zu wissen, wir halten es für so wesentlich, uns ein Urteil über das zu bilden, was der Herr tut. Ah, liebe Brüder, es gibt wesentlichere Dinge als dies. Es ist besser, zu trauen, sich zu unterwerfen, zu gehorchen, zu lieben, als zu wissen. Laß den Herrn in Ruh'; er handelt richtig genug, dessen sei versichert. Soll er im Verhör und Kreuzverhör vor uns stehen? Sollen wir sein Gericht richten? Dürfen wir Antwort auf unsre ungehörigen Fragen verlangen und fragen, warum dies und warum das und warum das andere? Wäre er ein Gott, wenn er sich solcher Prüfung unterwerfen würde? Wenn wir uns seine Jünger nennen, wie können wir einen Geist rechtfertigen, der unsren Herrn vor die Schranken fordern will? Seid stille und erkennt, daß er Gott ist. Was mehr wollt ihr erkennen? Bedenkt, daß die Dinge, die ihr versteht, zu eurem Besten sind, aber sie können euch nur einen geringen Betrag von Nutzen bringen, weil sie sich selber klein sein müssen, sonst würdet ihr nicht im Stande sein, sie zu ermessen. Wenn ein großes, tiefes Gut euch gegeben wird, so werdet ihr nicht fähig sein, es zu begreifen, denn euer Begriffsvermögen ist gering; doch wird es darum, weil ihr es nicht wißt, nicht um so weniger, sondern um so mehr ein Segen sein. Joseph ist fort und hier ist sein blutiger Rock! „Ohne Zweifel ist er zerrissen worden! Es gehet alles über mich. Ach, wie ist mein Herz zerbrochen über den Verlust meines Lieblingskindes; ich kann es nicht verstehen; es kann nicht sein“. So redet der arme Jakob, aber es ist darum doch alles recht. Joseph war auf dem sichern Weg Zu Pharaos Throne und zur Versorgung seiner Brüder in dem Lande Ägypten. So ist es mit dir, mein Bruder, unter deiner gegenwärtigen Trübsal und Not; du kannst es jetzt nicht verstehen, aber das macht keinen Pfennig Unterschied; es schaffet uns eine ewige und über alles Maße wichtige Herrlichkeit. Sei zufrieden, den Glauben herrschen und das Wissen warten zu lassen, und was du jetzt nicht weißt, das wirst du hernach erfahren.

III.

Ein dritter Gedanke ist, daß unsere Unfähigkeit, zu wissen, was der Herr tut, niemals unsere Zuversicht auf ihn erschüttern sollte. Ich hoffe, liebe Brüder, unser Glaube an Christum ruht nicht auf unserer Fähigkeit, zu verstehen, was er tut; wenn das, so fürchte ich, es ist überhaupt kein Glaube, sondern nur eine bloße Übung eingebildeter fleischlicher Vernunft. Einige Dinge, welche der Herr getan hat, tragen an ihrer Stirn den Stempel seiner unendlichen Liebe, aber ich hoffe, ihr wißt nun genug von ihm, um glauben zu können, daß auch da, wo ihr keine Spuren seiner Liebe wahrnehmen könnt, sie doch eben so gewiß vorhanden ist. Ich freue mich über den Teil des Textes, welcher lautet: „Was ich tue“. Dieses Fußwaschen ward nicht von Bartholomäus oder Nathanael verrichtet: es war das persönliche Tun unsers Herr selber.

Nun, wenn der Meister und Herr der Handelnde ist, wer will eine Frage aufwerfen oder Forschung veranlassen? Es muß recht sein, wenn er es tut; sein Tun in Frage zu stellen, würde eine Beschimpfung seiner erhabenen Liebe sein. Kennt ihr Christum? Dann kennt ihr die Art seiner Taten. Kennt ihr den Herrn? Dann seid ihr gewiß, daß er niemals unfreundlich, ungeziemend oder unweise handeln wird. Er kann niemals einen unnötigen Schmerz senden oder mutwillig eine Träne fließen lassen. Kann er das? Hier also ist die frage, nicht: warum ist es getan? Sondern: wer tut es? Und wenn der Herr es tut, können wir keinen Zweifel an der Vortrefflichkeit der Absicht haben. Wir glauben, daß er Recht hat, wenn wir auch nicht sehen können, daß es der Fall ist. Wenn wir ihm nicht vertrauen weit über das hinaus, was wir wissen, so zeigt dies, daß unsre Zuversicht auf ihn sehr beschränkt ist. Wenn Jemand einen Andern nur gehorcht, weil es ihm gefällt und weil er es für richtig hält, so hat er überhaupt gar nicht den Geist des unbedingten Gehorsams; und wenn Jemand einem Andern nur so weit vertraut, als er sehen kann, daß er sicher geht, so ist ihm unbedingtes Vertrauen überhaupt fremd. Das Vertrauen hat seine Sphäre jenseits der Erkenntnisgrenzen; wo das Urteil endet, beginnt der Glaube. „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht“. Ah, du Geliebter unsrer Seele, darin sprichst du wahr, aber wir können dir erwidern, daß wir wissen und versichert sind, daß, was du tust, im höchsten Grade gut ist.

IV.

Viertens, unser Mangel an Verständnis für das, was unser Herr tut, zeigt sich am meisten in Bezug auf sein Handeln mit uns persönlich. „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht“, bezieht sich auf das Waschen der Füße Petri. Brüder, wenn es etwas gibt, von dem es nicht wahrscheinlich ist, daß wir es gründlich verstehen werden, so ist es das, was sich auf uns selber bezieht. Wir sind zu nahe dabei, um es deutlich zu sehen. In diesem Fall sieht der Zuschauer mehr als der Spieler. Wir bilden uns gewöhnlich eine richtigere Meinung von dem Charakter, Zustande und den Bedürfnissen Anderer als von unsren eignen. Es wird von Mosis Antlitz gesagt, daß Jeder es scheinen sah, Einer ausgenommen und dies war Moses selbst, denn er konnte sein eignes Antlitz nicht sehen. So auch, wenn eines Menschen Gesicht schwarz ist, ist es schwarz für Jeden, ausgenommen ihn selber; er sieht seine eignen Flecken nicht. Wir können uns selber nicht genau beurteilen und müssen deshalb nicht erwarten, im Stande zu sein, wenn Christus mit uns persönlich handelt, zu verstehen, was er mit uns tut. Überdies, wenn der Herr uns Leiden zuschickt, sind wir gewöhnlich in einem Gemütszustand, der nicht günstig ist für das Bilden irgend eines Urteils, da wir in der Regel zu unruhig im Gemüt durch die Trübsal selber sind. Wenn ein Kranker im Hospital unter dem Messer des Wundarztes ist, so ist er kein guter Richter über die Notwendigkeit der Operation oder die Geschicklichkeit des Arztes. Später, wenn die Wunde geheilt ist, wird er besser urteilen, als wenn das Messer gerade durch Nerven, Sehnen und Knochen schneidet. Richtet nichts vor der Zeit. Ihr seid nicht in der rechten Verfassung zum Richten und deshalb versucht es nicht. Während ihr unter der Rute leidet, sind eure Meinungen, Mutmaßungen und Vorahnungen ungefähr so zuverlässig wie das Pfeifen des Windes oder das Rauschen der Wellen. Hört auf mit Urteilen, Berechnen und Vorahnen und glaubt, daß er, der unser Los bestimmt, alle Dinge in Freundlichkeit und Weisheit anordnet.

Ich wundere mich nicht, daß Petrus irre wurde und seines Herr Verfahren nicht verstehen konnte, denn es ist immer schwer für einen tätigen und energischen Geist, Weisheit darin zu sehen, wenn er gezwungen ist, nichts zu tun. Hier ist ein Mann, der ein Netz voll großer Fische ans Ufer ziehen kann, und anstatt seine Kraft zu gebrauchen, muß er still sitzen und nichts tun. Petrus, der abgehärtete, kräftige Arbeiter muß niedersitzen wie ein großer Herr oder wie ein Krüppel und nichts tun. Er kann es nicht begreifen. Er hatte sich sehr nützlich gemacht und denkt, er könnte auch jetzt von Nutzen sein; er könnte jedenfalls bei Tische dienen oder das Becken tragen oder seiner Gefährten Füße waschen, wenn es getan werden mußte. Aber er wird gezwungen, still zu stehen und nichts zu tun und er sieht nicht ein, warum. Brüder, das schwerste Werk, daß ein Mann, der dem Herrn Jesus zu dienen wünscht, je zu tun hat, das ist, bei Seite zu stehen in erzwungener Untertänigkeit und seinen Anteil an dem zu haben, was geschieht. Es ist hart, aufs Gesimse gestellt zu werden unter das gesplissene Geschirr, und nicht mehr von Nutzen zu sein, als ein zerbrochenes Gefäß, wenn ihr fühlt, daß ihr noch Nutzen schaffen könntet, wenn ihr nur die Kraft hättet, euer Zimmer zu verlassen. Der stolze Gedanke, daß ihr von wunderbarem Nutzen gewesen seid, bringt euch in Versuchung, unwillig zu werden, daß ihr unter das Gerümpel gelegt werdet und ihr empfindet die Sache als eine ganz und gar geheimnisvolle.

Dann, was noch schlimmer ist, Petrus kann nicht allein Nichts tun, er muß von Andern annehmen und von ihnen bedient werden und besonders von seinem Meister, dem er zu andern Zeiten so gerne diente. Sich die Füße waschen zu lassen, muß einem rauhen Fischer wie Petrus war, als ein fremdartiger Luxus erschienen sein. Er hätte sagen mögen: „Kann ich das nicht selbst tun? Ich bin nicht gewohnt, mich bedienen zu lassen“. Da zu sitzen, nichts zu tun und statt dessen die Mühe eines Andern zu vergrößern, muß eine sonderbare Lage für ihn gewesen sein. Es ist für einen tätigen Mann sehr unangenehm, unfähig zur Arbeit zu sein und in jeder Kleinigkeit und jedem Bedürfnis des Lebens von Andern abzuhängen. Andrer Leute Kraft zu leihen und anderer Leute Sorg in Anspruch zu nehmen. Ängstliche Gebete nötig zu haben und mitleidsvolle Gedanken zu erwecken, scheint Denen sonderbar, die mehr gewohnt sind, zu wirken, als zu leiden. „Wie“, scheint ihr zu sagen, „ich habe für sie gebetet, ich habe für sie gearbeitet; sollen sie nun für mich beten und arbeiten? Ich habe die Schafe geweidet, sollen die Schafe mich nun weiden? Ich habe der Heiligen Füße gewaschen, sollen sie nun meine Füße waschen? Soll ich von Andern abhängig und nicht fähig sein, eine Hand zu rühren oder einen Finger aufzuheben? Ach, wohl, wir dürfen keine Fragen tun, aber wir sind sehr geneigt, es zu tun. Wir wissen nicht, und wir werden vorwitzig, aber der Heiland sagt: „Was ich tue, das weißt du nicht“.

Die ganze Zeit über ist in unsrer Seele ein Gefühl von Unbedeutendheit und Unwürdigkeit vorherrschend, was uns noch mehr beim Empfangen von Gnaden in Verwirrung bringt. „Was“, sagt Petrus, „ich, ich unwürdiger Petrus, soll ich von dem Herrn Jesus Christus gewaschen werden“? So scheint es uns unwürdigen Sündern: „Warum sollte Gottes Volk an mich denken und um mich sorgen? Warum hat der Herr selbst sich herabgelassen, mein Bett in meiner Krankheit zu machen? ( Ps 41, 4 engl. Üb) Warum hat sich sein Heiliger Geist herabgelassen, mein Tröster zu sein, mir köstliche Verheißungen zuzusprechen? Woher kommt das ?“. Wir begreifen es nicht, wir sind verloren in Staunen, und es ist kein Wunder, daß wir dies sind.

Doch, liebe Brüder, wenn unsre Augen geöffnet sind, so sind die vom Herrn zugesandten Leiden doch nicht so sehr geheimnisvoll, denn wir haben Reinigung und Läutern nötig, wie Petrus das Fußwaschen nötig hatte. Wir haben sehr die heilige Reinigung der Liebe Jesu nötig, um die tägliche Befleckung abzutun. Zuweilen sind Verluste im Geschäft, Trauerfälle, Handlungen der Undankbarkeit, Schmerzen der Krankheit oder Niedergeschlagenheit des Geistes, gerade das Becken und das Wasser und das Handtuch, womit der Herr unserer Füße wäscht. Wir sind rein durch Jesu Blut, aber die tägliche Reinigung tut uns noch immer not. Es ist ein Wunder, daß Einige von uns je aus dem Feuerofen herauskommen, denn unserer Schlacken sind so viele. Ich werde nicht überrascht sein, wenn ich mich oft unter dem Dreschschlegel befinde, denn Spreu und Stroh sind reichlich in mir. Einige Metalle sind so geneigt zum Rosten, daß es nicht zum Verwundern ist, wenn sie so oft poliert werden. Einiger Boden hat so sehr viel Pflügen nötig; er ist sehr geneigt, zusammenzubacken und hart zu werden und muß deshalb aufgebrochen werden; so ist es mit uns, es ist ein Muß da für das, was der Herr tut.

Beim Petrus war ein Muß da für Gemeinschaft, denn unser Herr sprach: „Werde ich dich nicht waschen, so hast du kein Teil mit mir“. Ihr könnt keine Gemeinschaft mit Christo haben, wen er nicht dies oder das für euch tut, nein, besonders, wenn er euch nicht prüft; denn wie könnt ihr den leidenden Heiland kennen, wenn ihr nicht selbst leidet? Die Bereinigung mit dem duldenden Erlöser wird dadurch gefördert, daß wir persönlich etwas zu dulden haben. Es war ein Muß da wiederum für Petrus und die Übrigen, die Lehre zu lernen, daß sie ihrer Brüder Füße waschen sollten, indem sie den Herrn die ihrigen waschen sahen. Niemand kann auf rechte Weise eines Andern Füße waschen, bis seine eignen vom Heiland gewaschen sind. Es ist im Reiche Christi ein Gesetz, daß Erfahrung da sein muß, ehe Erfahrenheit da sein kann. Du mußt getröstet worden zu sein, sonst kannst du nicht trösten; du mußt selber Gnade finden, sonst kannst du Andre in dem Suchen danach nicht führen; du mußt gewaschen sein, sonst kannst du nicht waschen. Es waren also gute Gründe vorhanden für unsers Herrn Tun, aber Petrus sah sie nicht, und ebenso wenig liegen die Ursachen für des Herrn Schickungen in unserem Leben immer auf der Oberfläche. Wenn Jesus selber mit uns handelt, besonders wenn es im Wege der Heimsuchung ist, so verstehen wir es nicht immer, und er muß uns sagen“ „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht“.

V.

Unser letzter Gedanke für diesmal ist: über diesen Punkt und über viele andere werden wir eines Tages belehrt werden. „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren“. Das „hernach“ kann sehr bald sein. Petrus wußte in wenigen Minuten, was Jesus meinte, denn er sagte zu ihm: „Wisset ihr, was ich euch getan habe? Ihr heißet mich Meister und Herr und sagt recht daran, denn ich bin's auch. So nun ich, eurer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr auch euch unter einander die Füße waschen“. So dauerte es nicht lange bis das Licht herein brach. Warum habt ihr solche Eile, wenn ihr in Not seid, eine böse Ursache für Gottes Verfahren herauszubuchstabieren, da ihr doch, wenn ihr nur warten wollt, in Kurzem die rechte Ursache wissen werdet. Ein Kind ist schlechter Laune, weil der Vater eine Vorschrift gegeben und sie nicht erklärt hat, und darum setzt es sich hin und schmollt und stellt sich einen unfreundlichen, lieblosen Beweggrund von Seiten seines Vaters vor. Ein oder zwei Minuten nachher versteht es alles und muß seine eignen Worte verschlucken und bekennen: „Wie schlecht von mir, meinem guten Vater solche Unfreundlichkeit beizulegen, da er stets mein Bestes sucht“. Wenn ihr hastig über des Herrn Fügungen abzuurteilen wollt, so habt ihr all' eurer Urteil zurückzunehmen und euch darüber zu betrüben, daß ihr so voreilig gewesen; deshalb wartet einen Weile, denn „du wirst es hernach erfahren“, und dies „hernach“ kann sehr nahe sein.

Petrus verstand seines Meisters Fußwaschen besser nach seinem traurigen Falle und seiner dreifachen Verleugnung. Es sollte mich nicht Wunder nehmen, wenn, als der Herr sich umwandte und Petrus ansah, und dieser hinausging und bitterlich weinte, der reuige Jünger zu sich gesagt hätte: „Nun beginne ich zu sehen, warum der Herr meine Füße wusch“. Als er wahrnahm, wie sehr ihm das Waschen Not tat, da schätzte er das Zeichen, welches sein Herr ihm gegeben hatte. Er sah seine eigenen Gebrechen und Unvollkommenheit, wie er sie zuvor nicht gesehen hatte, denn er hatte gesprochen: „Wenn sie sich alle ärgerten, so wollte doch ich mich nicht ärgern“; aber nach seiner traurigen Verleugnung wußte er, daß er eben so geneigt sei zu irren als die übrigen Brüder. An einem gewissen Punkte eurer Erfahrung werdet ihr vielleicht die Erklärung eures jetzigen Leides finden.

Nachdem der Herr dem Petrus am See erschienen und zu ihm gesprochen: „Weide meine Schafe“, und „Weide meine Lämmer“, ward ihm eine andere Deutung eröffnet. Als Petrus begann, ein Pastor zu werden und an den Seelen Andrer zu arbeiten, da sah er klar, warum sein Meister seine Füße gewaschen hatte, denn er fand, daß er viele Dienste derselben Art zu tun hatte. Oft enthüllet unserer Werk für Jesus uns das Werk von Jesus und wir erkennen unsern Herrn, indem wir berufen werden, in seine Fußstapfen zu treten.

Droben im Himmel versteht Petrus am allerbesten, warum der Meister ihm die Füße gewaschen, und gewiß, Petrus muß manchmal innerlich lächeln, wenn er daran denkt, was er einst meinte und sagte. Petrus singt inmitten der himmlischen Menge: „Ihm, der uns geliebet hat und gewaschen von den Sünden mit seinem Blut“, und dann denkt er bei sich: „In meiner Torheit in den Tagen meines Fleisches sagte ich zu ihm: „Du sollst niemals meine Füße waschen“. Ich liebte ihn, als ich es sagte, aber was für ungeheuerliche Torheit lag in meiner Rede“. Ah, er versteht es jetzt und wir werden es bald verstehen, gleichwie er. Alles wird klar sein, wenn wir einmal ins Reich des Lichtes eingegangen sind. Ich freue mich im Voraus auf die seligen Mitteilungen im Himmel. Wie selig werden diese vertraulichen Enthüllungen sein, die so lange dunkel waren. Was für süße Mitteilungen werden zwischen Gott und seinem Volke in der künftigen Welt sein. Ich blicke vorwärts in die Zeit, wo ich die Knoten aufgelöst und die Rätsel alle erklärt sehen werde: dann werden wir das Gute des scheinbaren Übels sehen und das Leben, welches im Busen des Todes lag. Könnten wir die Erzählungen der Pilger hören, welche die Heimat erreicht haben, so würden sie ungefähr so lauten: „Ich ging dahin auf einem lieblichen Weg, und dankte Gott für eine so schöne Pilgerreise, aber plötzlich fiel ein großer Felsen mir in den Weg und ich hatte mit Bedauern umzukehren und eine rauhere Straße zu gehen. Ich verstand nie, warum, bis ich heim in den Himmel kam, und nun sagt er mir: „Kind, eine kleine Strecke vor dir lag ein Abgrund und du wärst hineingestürzt und zerschmettert, deshalb versperrte ich deinen Weg“. Ein Andrer, mit dem ich segelte, scheiterte an einem Felsen, und auf einem zerbrochenen Stück seiner Planken schwamm ich ans Ufer. Ich konnte nie die Ursache dieses Unglücksfalles ausfindig machen, aber jetzt erfahre ich, daß das Fahrzeug von listiger Hand nach einem Ufer gesteuert ward, wo ich zum Sklaven gemacht und in lebenslanger Gefangenschaft gehalten wäre, und es war sein Weg zur Befreiung, als das Fahrzeug zu zertrümmern und die Passagiere ans Land zu bringen da, wo sie frei sein würden“.

Brüder, ihr werdet wahrscheinlich im Himmel Gott mehr für eure Schmerzen als für eure Freuden preisen. Wenn ihr einst die himmlischen Hügel hinan steigt, werdet ihr sehen, daß die höchsten Segnungen in den rauhesten Gewändern zu euch kommen; eure Perlen wurden in Austerschalen gefunden und eure Kleinodien aus Ägypten gebracht. Krankheit, Trübsal, Verluste und Schmerzen sind in Wahrheit mehr Gottes Engel für euch gewesen, als eurer Reichtum, eure Gesundheit, eure Stärke, eurer Trost, unendlich mehr, als eurer Lachen und eure Behaglichkeit. O, Brüder und Schwestern, wir werden es hernach erfahren. Wohlan, da wir's hernach erfahren sollen, können wir das Wissen bis dahin lassen und alle unsre Aufmerksamkeit auf das Gehorchen und das Vertrauen wenden.

Ich bin fertig, wenn ich eine Warnung hinzugefügt habe für die, welche außer Christo sind. Es sind Einige in dieser Versammlung, die meinen Herrn nicht kennen. Ich habe mich viel in meinem Gemüte mit euch beschäftigt, während ich an mein Zimmer gefesselt war und unfähig, mit euch zu reden, und mein Gebet ist gewesen, das der Heilige Geist die Botschaft meiner Brüder, die freundlichst für mich gepredigt haben, zu eurer Bekehrung segnen möge. Wenn ihr immer noch unbekehrt bleibt, so möchte ich euch sagen, daß ihr nicht wißt, was Gott mit euch getan hat und ihr wißt nicht, was er jetzt mit euch tut, aber ihr werdet es hernach erfahren. Ihr habet Sabbate, aber ihr wisset ihren Wert nicht; ihr werdet sie später anders schätzen, wenn ihr auf dem Totenbette liegt und besonders wenn ihr vor das Gericht Gottes gefordert werdet. Ihr habt eure Bibel und ihr vernachlässigt sie; ihr wißt nicht, daß Gott euch in dieser Form einen Brief voll Liebe gesandt hat; ihr werdet es erfahren, wenn ihr vor dem Richterstuhl stehet. Einige von euch sind sehr oft ermahnt worden, und ernstlich aufgefordert, das ewige Leben zu ergreifen; und der Herr hat unsern Aufforderungen Nachdruck verliehen, indem er euch Krankheit und persönlichen Kummer sandte. Wohl, ihr habt nicht viel davon gewußt und ihr habt nicht gewünscht, es zu wissen, aber ihr werdet es hernach erfahren. Wenn ihr ohne Christum sterbt, so werdet ihr in der Ewigkeit erwachen und schreien: „Weh' mir, daß je der Herr mich gerufen und ich mich geweigert habe, daß er seine Hand ausstreckt und ich das nicht beachtet habe. In der Hölle wird es eine furchtbare Entdeckung sein: „Mir wurden die Einladungen des Evangeliums gesandt, ernste Ermahnungen wurden mir zu Teil, aber ich fuhr in meiner Sünde fort, und nun bin ich ewig verloren“. Was ich ernstlich wünsche, das wäre, daß ihr diesen Morgen erkennen möchtet, was der Herr für euch getan hat, und es verstehen und eure Augen auftun möchtet und sagen : „Hier bin ich, ein Mann, der lange in Sünden gelebt hat und mein Leben ist erhalten geblieben, damit Gott mich errettete, ehe ich sterbe“. Oder vielleicht nimmt es diese Form an: “ Hier bin ich, ein junger Mann, ich kam hier heut' Morgen herein, mit keinem bestimmten Beweggrunde, wußte wenig, was Gott im Begriff sei, mit mir zu tun, aber ich weiß es jetzt; er hat mich hierher gebracht, damit ich diesen Morgen an Jesum glauben möchte und mein Herz ihm geben„. O, ihr Hörer des Evangeliums wenn ihr einmal dahin kommt, zu wissen, was Gott wirklich mit euch und für euch getan hat, so werdet ihr euch kaum euer Betragen gegen ihn vergeben können; ihr werdet sagen: „Hat er mich wirklich so geliebt und mich um solchen Preis erlöst, und ich bin so unfreundlich und gedankenlos gegen ihn gewesen“? Ihr werdet euch Vorwürfe machen und euch tadeln und betrübt sein, daß ihr einen so guten Freund so schlecht behandelt habt. O, möge der göttliche Geist heute Morgen eure Augen öffnen, daß ihr erkennt, was der Herr Jesus für euch tut und seine Gnade soll in euch verherrlicht werden. Amen und Amen.

autoren/s/spurgeon/u/spurgeon-die_unbekannten_wege_der_liebe.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)