Spurgeon, Charles Haddon - Trost für die Ausgestoßenen

Gehalten am Donnerstag Abend, den 15 Juni 1876

„Und bringet zusammen die Verzagten in Israel“.
Ps 147,2

„Er bringet zusammen die Ausgestoßenen in Israel“.
( Engl. Ueb.)

Zeigt dies uns nicht die große Freundlichkeit und unendliche Barmherzigkeit Gottes? Und da wir am meisten von Gott in der Person Jesu Christi wissen, sollten wir nicht froh sein, daran zu denken, daß er, als er auf die Erde kam, nicht Könige und Fürsten besuchte, sondern zu den niedrigen und einfachen Leuten kam. Er suchte nicht die Pharisäer aus, die in ihre eigene vermeintliche Gerechtigkeit gekleidet waren, sondern er suchte die Schuldigen aus, denn er sprach: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken“. Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Es hätte natürlich geschienen, das unser Herr Jesus bei seinem Kommen sich zuerst an die achtungswertesten Leute, die zu finden waren, gewandt hätte und seine Botschaft an die Rabbiner in Jerusalem, an die Senatoren in Rom und die Philosophen in Griechenland gesendet hätte; statt dessen hörte das gemeine Volk ihn gerne und er freut sich im Geiste, als er sprach: „Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor Dir“.

Ich glaube, ihr könnt den Charakter eines Menschen beurteilen nach den Personen, deren Zuneigung er sucht. Wenn ihr einen Menschen findet, der nur die Zuneigung des großen sucht, seid gewiß, er ist ehrgeizig und sucht das Seine; aber wenn ihr bemerkt, daß jemand die Zuneigung Derer sucht, die für ihn nichts tun können, sondern für die er Alles tun muß, so wißt ihr, daß er nicht seinen Vorteil sucht, sondern daß reine Menschenliebe in seinem Herzen herrscht. Wenn ich in dem Text lese, daß der Herr die verstoßenen in Israel zusammen bringt, und wenn ich lese, das der Text auf den Herrn Jesum Christum anwendbar ist, weil dies gerade das ist, was er tat, so sehe ich ein anderes Bild von der Freundlichkeit dessen, der sprach: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“. Seid froh heute Abend, liebe Freunde, daß wir uns um einen solchen Heiland scharen, dem aller Stolz und alle Selbstsucht fremd ist, und der in Sanftmut und Freundlichkeit zu uns herab gekommen ist, um die zusammen zu bringen, um die sich Niemand kümmert - diejenigen, welche für unwürdig und unverbesserlich gelten. Er kommt, die Ausgestoßenen in Israel zusammen zubringen.

Indem wir diesen Text auf unseren Herrn Jesum Christum anwenden, sehen wir nicht bloß seine Freundlichkeit, sondern wir sehen auch ganz klar seine Liebe zu den Menschen als Mensch. Wenn ihr nur reiche Leute sucht, so entsteht der Verdacht und es ist mehr als nur ein Verdacht, daß ihr mehr ihren Reichtum, als sie selber sucht. Wenn ihr nur nach dem Wohle der Menschen strebt, so ist es wahrscheinlich, daß ihre Weisheit euch anzieht und nicht sie selber; aber Jesus Christus liebte nicht die Menschen, um irgend welcher vorteilhaften Umstände oder irgend welcher lobenswerter Eigenschaften willen: seine Liebe galt ihnen als Menschen. Er liebte seine Erwählten als Menschen, nicht als dies oder jenes unter den Menschen. Er achtete nicht den Rang und kümmerte sich nicht um Reichtum. Ein Mensch ist ein Mensch für Christum, oder „Guineas-Stempel“ auf ihm ist oder nicht; er starb nicht für Titel und Würden, sondern für Menschen. „Nicht das Eure, sondern euch“, konnte Jesus mit Wahrheit sagen. Wo Jesus Christus einen Menschen sieht, ob es gleich ein Ausgestoßener, ein Geächteter ist, einer, der vor den Gesetzen seines eigenen Landes verurteilt ist, da sieht er ein menschliches Wesen - ein Geschöpf, fähig zu furchtbarer Sünde und entsetzlichem Elend, aber dennoch, wenn durch die Gnade erneuert, fähig, dem Höchsten wunderbare Ehre zu bringen. Unser Herr Jesus Christus beweist ganz klar, indem er die Ausgestoßenen sammelt, daß es nicht die Dinge sind, welche die Menschen umgeben, sondern die Menschen selber, die er schätzt. Er beachtet nicht so sehr, wo ein Mensch ist, sondern was er ist; nicht was er gelernt hat oder was man von ihm hält oder was er getan hat, sondern was er ist. Der Mensch ist das Kleinod, die unsterbliche Seele ist die köstliche Perle, welche Jesus sucht, wie ein Kaufmann gute Perlen sucht.

Ein Anderes ist auch klar. Wenn Jesus die Ausgestoßenen in Israel zusammenbringt, so beweist das seine Macht über die Herzen der Menschen. Es gibt eine gewisse Klasse von Menschen, die das sittlich Gute tun, weil der Herr ihnen eine edle Gemütsart gegeben. Gott sei dank; es hat ihm in Gnaden gefallen, einigen Menschen ein verlangen nach dem zu geben, was schön und wahr ist. Auch sie sind Kaufleute, die gute Perlen suchen, und wenn das Herz in einem so wünschenswerten Zustand gebracht ist, so wird es der Vortrefflichkeit und Schönheit Jesu Christi nicht schwer, es anzuziehen. Aber hier liegt der Knoten: es gibt Menschen, die noch in der Schuld und Unreinigkeit der menschlichen Natur sind, die kein Verlangen haben nach dem, was gut ist, sondern deren ganzes Sehnen nach dem Bösen ist, nur nach dem Bösen und das beständig. Diese haben ebenso wenig ein Auge für irgend etwas Hohes und Edles, als das Schwein für die Sterne. Der Diener Christi mag zu ihnen reden, aber er wird vergeblich reden; und die Vorsehung mag sie warnen durch den Tod Anderer und durch eigne Krankheit, aber sie sind nicht von der Erde zu scheiden, mit der sie zusammen geleimt sind. Doch kann unser Herr Jesus selbst diese zusammenbringen, die Ausgestoßenen in Israel. So groß ist seine Macht, daß er nicht wartet, bis er gute Wünsche in den Menschen sieht, sondern er flößt diese guten Wünsche denen ein, die sei nicht haben. So groß ist di Anziehungskraft seines Kreuzes, daß blinde Augen durch seine Schönheit sehend werden; so lieblich ist der Klang seiner Stimme daß die tauben Ohren durch den Klang geöffnet werden; so groß ist die Erhabenheit seines Lebens, daß die Toten eine Stimme hören, und die, welche sie hören, lebendig werden. Keine Grundlage von etwas Gutem wird von dem Menschen verlangt oder erwartet, damit Christus kommen möge und darauf weiter bauen; er nimmt den Menschen in seinem gefallenem Zustande, in seiner äußersten Verderbtheit und beginnt mit ihm da und dann. Als der barmherzige Samariter zu dem Verwundeten kam, wartete er nicht, bis dieser ihn zuerst anredete oder ihm entgegen kam, sondern er ging dahin, wo derselbe war und goß Öl und Wein in seine Wunden: So kommt der Herr dahin, wo die menschliche Natur ist, und schlecht, wie ihr Zustand ist, beugt er sich doch dazu herab und bringt die Ausgestoßenen in Israel zusammen. O, es ist eine wunderbare Sache, daß in dem Herrn Jesu Christo eine Anziehung liegt, welche diejenigen zu ihm ziehen kann, die durch nichts anderes, was gut ist, bewegt werden können! Ihr mögt dem Sünder Tugend predigen; aber ihr Reiz wirkt nicht auf sein Leben; ihr mögt dem Trunkenbold, dem Unkeuschen, dem Unsittlichen die Schönheit und Vortrefflichkeit der Redlichkeit und aller Tugenden und Gnaden predigen, aber wenig Gutes wird danach kommen; das Resultat wir kaum wahrnehmbar sein. Ihr mögt kräftige Beschwörungen brauchen bei diesen Dingen, aber taube Ottern kümmern sich nicht um Beschwörungen. Wir haben von einem Theologen gehört, der sagte, er hätte Ehrlichkeit gepredigt, bis kein ehrlicher Mensch mehr im Kirchspiel gewesen wäre, und Tugend gepredigt, bis er nicht mehr gewußt, wo Diogenes mit seiner Laterne sie finden könnte. Nichts, was der Mühe wert ist, kommt nach dem Predigen, wenn Christus nicht der Gegenstand ist. Ihr mögt das Gesetz predigen, die Menschen werden dadurch in Schrecken geraten, aber sie werden ihre Furcht vergessen; doch wenn Jesus Christus gepredigt wird, so zieht er alle Menschen zu sich. Die allerschlechtesten hören auf die Botschaft von ihm, der selig machen kann immerdar alle, die durch ihn zu Gott kommen. Die Verhärtesten haben manchmal geweint, wenn sie die Erzählung von seinem Leiden und seiner Liebe gehört, die Stolzen haben sich plötzlich gedemütigt zu seinen Füßen gefunden, dessen sind unser Einige Zeugen, denn wir staunten, die Härte und der Hochmut unseres Herzens plötzlich vor dem Gefühl seiner Güte schwinden zu sehen. Ich glaube, wir Prediger haben nicht halb genug, nicht den zehnten Teil genug, Glauben an Jesum Christum. Wenn wir Jesum Christum einer Versammlung von überführten Verbrechern predigen könnten, sollten wir Unrecht haben, wenn wir hofften, den größeren Teil von ihnen auf der Stelle bekehrt zu sehen? Wenn wir nur Glauben genug hätten, ihnen zu predigen, wie wir es sollten, und direkt, deutlich und gläubig auf ihre Seelen abzielten, könnten wir nicht große Erfolge erwarten? Wir gehen so schüchtern, so zweifelnd ans Werk. Wir beten, daß Gott einige unserer Zuhörer erretten möge und daß es ihm gefallen möge, daß Worte hie und da zu segnen: aber ein so herrliches Evangelium, wie wir es haben, sollte nicht so gepredigt werden und wir sollten nicht so in Betreff desselben beten. Als Moses die eherne Schlange in der Wüste aufrichtete, tat er es nicht mit dem Gebet - „Herr, gib, das ein oder zwei von denen, welche von den Schlangen gebissen werden, sie ansehen und leben mögen“; sondern er trat kühn hervor mit seiner Schlange, hoch aufgerichtet als Zeichen; er glaubte daß Tausende sie ansehen würden: Sie sahen und sie blieben leben: Möchten wir in derselben Weise Jesum verkünden, der „die Ausgestoßenen in Israel zusammen bringt“.

Nun nach dieser Einleitung wollte ich über den Text ein wenig mehr ins Einzelne gehend reden und wir werden in der Kürze beachten, zuerst, auf wen der Text geht, – „Er bringt die Ausgestoßenen in Israel“. Zweitens wollen wir betrachten, in welchem Sinne es von ihm hießt, das er sie zusammen bringt; und dann drittens, welche Lehre dies uns gibt.

I.

Zuerst denn,, auf wen geht dieser Text? - „Er bringet zusammen die Ausgestoßenen in Israel? Er bezieht sich auf mehrere Klassen in verschiedener Weise.

Zuerst, es ist eine Tatsache, daß unser Herr Jesus einige von den ärmsten und Verachtesten der Menschen zusammen brachte, die in einiger Hinsicht als Ausgestoßene angesehen werden konnten; und es ist gewiß, daß bis auf diesen Tag das Evangelium die meiste Kraft an den Armen dieser Welt beweist. Oft kommt es auch mit erstaunlicher Macht zu denen, die von Anderen verachtet werden oder las Leute untergeordneter Art ansehen. Ihr wißt daß heutzutage die Feinde des Evangeliums damit prahlen, daß die Kultur, daß Denken, der Verstand und die Bildung Englands alle auf Seiten des Skeptizismus sind. Ich bin dessen nicht gewiß. Wenn Leute sagen, daß sie viel Gehirn besitzen, so ist es nur nicht ausgemacht, daß ihr Anspruch gerecht ist, es sei denn, daß wie die Schafe sehr viel Gehirn haben und doch nicht die klügsten Tiere in der Welt sind, so auch diese Herren um nichts klüger sind, als eben notwendig ist. Was diese Herren betrifft, die so augenscheinlich beanspruchen, die Gebildeten zu sein, die alleinigen Inhaber aller Liebenswürdigkeit und alles Lichtes sein wollen, so bin ich nicht im Klaren, ob sie alle Bescheidenheit haben. Mir scheint, wenn sie ihren Ton etwas herabstimmten, so wäre es eben so gut; und wenn sie etwas geringer von ihrer eignen Bildung dächten und anderen Leuten ein wenig dafür einräumten, so würden wir vielleicht mehr Zutrauen zu dieser ihrer wundervollen „Bildung“ haben. Einige von uns sind nicht im Stande gewesen, daß tiefe Denken und die große Gelehrsamkeit zu sehen, die wir, wie uns gesagt wurde, in den Büchern der zweifelnden Geister finden würden, und deshalb haben wir um so weniger Geduld mit der fortwährenden Großsprecherin unserer Gegner. Doch, last es so sein. Wir wollen nicht darüber streiten. Gesetzt, es sei so, daß nur törichte Leute den altmodischen Glauben anhangen,– dem Puritanismus, der wie sie sagen, beinahe tot ist - dem alten Evangelium, was sie las längst abgetan verspotten: Laßt es so sein: daß wir eine untergeordnete Gattung von Leuten sind, mit wenig Gehirn u.v.m. Wohl, wir lassen darum den Mut nicht sinken, denn wir finden, daß es ebenso zu unseres Heilandes Zeit war, und seitdem immer so gewesen ist, daß die Weisheit der Welt in Feindschaft mit Gott gewesen; und es hat sich auch heraus gestellt, daß die göttliche Torheit weiter als die Menschen gewesen ist, und daß Gott die menschliche Weisheit durch törichte Predigt überwunden hat. Durch das Evangelium, welches die Weisen als Torheit verlachten, hat Gott die fleischliche Weisheit zunichte gemacht. Der Herr Jesus Christus blickt mit Liebe auf die, auf welche andere mit Verachtung blicken.

„Dem Törichten erwählet Gott,
und läßt ihn seine Wunder schauen,
macht unsre Weisheit all zu Spott
und unser stolzes Selbstvertrauen.

Ich bin dankbar, wenn ich arme Heilige antreffe uns sehe, wie fest geringe Männer und Frauen die Verheißungen Gottes halten. Arbeiter, niedere Hirten und solche haben oft tiefere Einsicht in die Geheimnisse der Gnade gehabt, als gelehrte Doktoren der Theologie. Wo wenig im Vorratsschrank war und die Speise auf dem Tische kärglich war, da war mehr Genuß der göttlichen Huld, als bei den Großen der Erde. Sie mögen diejenigen, welche noch an der altmodischen Wahrheit festhalten, als Ausgestoßene aus dem Reich der Wissenschaft betrachten, und als nicht würdig, unter den gebildeten Geistern des Zeitalters genannt zu werden, aber wenn der Herr uns in seinem Rufen sammeln will und uns mit sich selber erquicken, so wollen wir's gerne zufrieden sein. Der Text sollte ein Quell der Freuden für uns sein, wenn wir sehr arm sind, so arm, daß selbst Christen so lieblos sind, uns über die Achtel anzusehen, oder wenn wir zufällig die Verstoßenen in unserer Familie sind. Hier und da, es ist traurig zu sagen, findet sich in einer Familie ein Besserer, als die Übrigen, den man weniger achtet, als die Andern - ein Joseph, den seine Brüder hassen, weil er seinen Gott liebt. Wohl, du magst unter deiner Mutter Kindern ein fremder sein, und magst Niemand haben, der dir ein gutes Wort gibt, doch kannst du dieses Wort mit einen süßen Wissen unter deine Zunge legen - „Er bringt die Ausgestoßenen in Israel“. An die, welche die Menschen am wenigsten schätzen, gedenkt der Herr noch.

Der Text kann sehr wohl auf die angewandt werden, welche sich selber durch ihre Schlechtigkeit zu Ausgestoßenen gemacht und verdientermaßen aus der Gesellschaft gestoßen sind. Gott gebe, das Niemand von uns unter dieser Zahl sei oder gewesen sei; aber wenn solche unter meinen Hörern diesmal sind, so habe ich ein Wort für sie. Wenn hier jemand ist heute Abend, der nicht oft ein Gotteshaus besucht, sondern nur aus Neugierde herein gegangen ist, so darf ich wohl annehmen, daß du einer bist, der seiner Mutter Herz gebrochen und seines Vaters graue Haare mit Kummer in das Grab gebracht hat. Du hast ein solches Leben geführt, das man kaum von deinen Brüdern erwarten kann, daß sie dich kennen. Du hast gesündigt und furchtbar gesündigt. Mann oder Weib - denn das Weib wird auch eine Ausgestoßene, sie wird in der Regel zu strenge behandelt und wird häufiger eine Ausgestoßene, als der Mann, der es mehr verdient - wenn ich zu Solchen rede, so ist es mir eine große Freude, zu wissen, daß unser Herr Jesus Christus die Schlechtesten der Schlechten retten kann, die Gefallensten der Gefallenen, die Verderbtesten der Verderbten. Wenn du so tief gesunken bist, daß nicht viel Unterschied zwischen dir und einem Teufel ist, einige Männer und Weiber sinken so tief, dennoch kann Jesus Christus dich aufrichten. Wenn deine Lebensgeschichte eine solche ist, daß es einem leid tut, daß sie je erzählt wird, und tief betrübt, daß je so etwas geschehen, doch kann Jesus alle Flecken wegwaschen und dich, sogar dich erretten, Vielleicht ist nur Ein Solcher hier heute Abend, aber ich mache keine Entschuldigung, wenn ich alle meine Gedanken auf einen Einzigen richte. Ich lasse die neunundneunzig, um dem verlorenen Schaf nachzugehen, damit in dem Einen Verlorenen der Reichtum und die Freiheit der Gnade Gottes in Jesu Christo sich offenbare. Komme denn, Ausgestoßener, komme zu deinem Erlöser und finde Vergebung. „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden; und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden“. Jesus kann jede Übertretung abwaschen von denen, die ganz in Sünden versunken sind. Unzählbare Missetaten lösen sich auf und verschwinden in der Gegenwart seiner mächtigen Liebe, denn er, Jesus, bringt die Ausgestoßenen in Israel zusammen. Gibt es keinen Helfer auf Erden? Doch ist einer im Himmel. Ist kein Freund hier nieder? Doch ist einer droben. Ist nichts da, das dich jetzt retten kann? Sinnst du auf Selbstmord? Zurück, zurück mit deiner Hand, denn „Jesus kann erretten bis zum Äußersten“ - bis zum Äußersten - „die durch ihn zu Gott kommen“.( Hebr.7,25. Engl. Ueb.) Schick das Gebet hinauf: „Gott, sei mir Sünder gnädig“; und gehe deines Weges mit Hoffnung in deiner Seele, denn er bringt zusammen die Ausgestoßenen in Israel“.

Eine dritte Klasse von Personen besteht aus denen, die sich selbst für Ausgestoßene halten, obgleich sie, was äußere Handlungen betrifft, sicherlich nicht diesen Namen verdienen. Viele, die über John Bunyan geschrieben , sind erstaunt gewesen über die Beschreibung, die er von seinem eigenen Leben macht, denn es scheint nicht, als wenn, mit Ausnahme gotteslästerlicher Reden, John Bunyan einer der schlechtesten Menschen war; aber er hielt sich selbst dafür. Nun geschieht es oft - ich sage nicht immer, aber ich glaube, es ist gewöhnlich so - daß , wenn der Geist Gottes mächtig auf das Gewissen wirkt und es erweckt, der Mensch sich für den vornehmsten Sünder hält. Denn sieh', es mag sein, daß du nie in wirkliches Laster gefallen bist, du bist nie ein Lästerer oder Unredlicher gewesen, du bist im Gegenteil seit deiner Kindheit auf den rechten Pfad geführt; und doch magst du, wenn du erweckt bist, dich als den schlechtesten der Schlechten fühlen. Alles was lieblich ist und wohl lautet, hat sich bei dir gefunden, und du weißt keine Zeit, wo du nicht durch ein lästerliches Wort empört worden wärest, und doch, wenn der Heilige Geist dich erweckt, so wirst du dich so schuldig wie die Schlimmsten bekennen. Ich weiß es von mir selber, daß ich ein Grauen vor der Gottlosigkeit hatte, und doch, als der Geist Gottes zu mir kam, fühlte ich mich viel schlechter als der Flucher und Trunkenbold, aus diesem Grunde - weil ich wußte, daß Viele, die in diesen offenen Sünden gelebt, unwissentlich so getan, in Nachahmung derer, bei denen sie aufgewachsen waren, so getan, aber ich, mit gottseligen Eltern, mit einer Mutter, Gebeten und Tränen, mit Licht und Kenntnis, mit einem Verständnis für den Buchstaben des Evangeliums, der ich die Bibel von Kind auf gelesen hatte, ich fühlte, daß meine Sünden schwärzer wären, als die Anderer, weil ich gegen Licht und Erkenntnis gesündigt. Und ihr müßt dasselbe gefühlt haben, davon bin ich überzeugt; vielleicht fühlt ihr es eben jetzt. Ihr erinnert euch jener Nacht, wo ihr eurer Gewissen zum Schweigen brachtet, wo es einen erneuten Kampf mit euch hatte und es schien, als wenn ihr euch Gott und seinem Christus ergeben müßtet, aber ihr tatet vorsätzlich der inneren Stimme Gewalt an und entschloßt euch in der Sünde zu beharren. Erinnert ihr euch dessen? Wenn ihr es tut, so wird es euch stechen wie eine Schlange, nun ihr zum Bewußtsein eurer Sünde gekommen seid, und ihr werdet euch deshalb als den vornehmsten Sünder fühlen, obgleich keine öffentliche Sünde je eurer leben befleckt hat. Wohl, ich würde mich nicht wundern, falls eurer Zustand so ist, wenn ihr meintet, es gäbe kein Heil für euch - daß Gott eure Mutter, euren Bruder, euren Freund retten kann, aber nicht euch. Ihr haltet das Blut Jesu für sehr kostbar, aber ihr meint, daß es niemals euch zu Gute kommen wird. Ihr hörtet neulich von der Bekehrung eines Freundes, und wart froh, aber zugleich dachtet ihr, die Gnade wird nimmer zu mir kommen“. Wenn der Prediger seine Hörer ermahnt, an Jesum Christum zu glauben, so sagtet ihr: „Ach, aber ich - ich kann nicht. Ich bin in einer Lage, in der mir das Evangelium nichts nützt“. Du hältst dich für einen Ausgestoßenen. Du fühlst, daß du verdienst einer zu sein. Du bist es nicht zufrieden, so zu sein, dennoch könntest du den Herrn nicht tadeln, wenn er dich dem Verderben überließe. Du fühlst, deine Übertretungen sind so groß gewesen, daß wenn er dich aus seinem Gnadenrat weglassen sollte und die Gnade zu Anderen käme, aber nicht zu dir, du nur im bittersten Schmerze dein Haupt beugen könntest und sprechen: „Du bist gerecht, o Gott“. Nun, höre zu, du, der du dich selber verdammt hast. Der Herr spricht dich los. Du, der sich selbst als einen Ausgestoßenen ausgestoßen hat, du sollst eingebracht werden; denn da du dich „einen Verstoßenen nennest, nach dem Niemand fraget, so sollst du Hephzibah genannt werden, denn der Herr freuet sich an dir“. Glaube nur an Jesum Christum und werfe dich auf ihn.

Ausgestoßene dieser Art sind die Leute, die Christum am freudigsten willkommen heißen. Leute, die nirgends anders hingehen können, als zu ihm, Leute, die so niedergeschlagen sind, so voll Sünden, so alles, nur das nicht, was sie sein sollten - das sind die Leute, denen Christus sehr tröstlich ist. „O,“ sagt der Eine, „aber ich fühle nicht so. Ich kann nicht meine Schuld fühlen, wie ich sollte“. Sehr wohl, dann bist du einer von den Ausgestoßenen unter den Ausgestoßenen; du hältst dich nicht einmal für so gut, als diese sind. Du bist nach deinem eigenen Dafürhalten einer der Ausgestoßenen von allen, weil es dir selbst an dem Gefühl deiner Not fehlt. Du sprichst: „Ich habe ein hartes Herz. Ich kann nicht die Sünde sehen, wie Andere sie gesehen, die Christum gefunden haben; ich wünsche, ich könnte es. Ich schlage an meine Brust und trauere; daß ich nicht trauern kann, denn wenn ich etwas fühle, so ist es nur der Schmerz, daß ich nicht fühlen kann. Ich scheine aus Stahl gemacht, der in der Hölle gehärtet ist und weder schmilzt noch bricht“. Wohl, ich sehe, was du bist, aber so waren unsrer etliche„, wir kannten auch unsre Fühllosigkeit, und klagten, daß wir nicht klagen konnten. Aber brachte uns ein und hier steht das Wort:“ Er bringt zusammen die Ausgestoßenen in Israel„. Wenn du kein zerbrochenes Herz hast, so kann nur Christus es dir geben. Wenn du nicht zu ihm kommen kannst mit demselben, so komme und bitte um dasselbe. Wenn du nicht verwundet zu ihm kommen kannst, so komme, daß er dich verwunde und dann heile. Du brauchst nichts zu Jesu zu bringen. Ich möchte euch nur dies ins Ohr flüstern - daß diejenigen, welche sich für fühllos halten, gewöhnlich so denken, weil sie mehr als gewöhnliches Gefühl haben; die, welche meinen, daß sie nichts empfinden, sind gewöhnlich die, welche am meisten empfinden. Ich glaube nicht, daß wir gute Richter über unser Gefühl in dieser Sache sind. Der Tag mag kommen, wo du beim Rückblick sagen wirst: „Ich trauerte doch über meine Sünden, als ich meinte, es nicht zu tun; ich hatte ein solches Gefühl davon, wie schwarz ich wäre, daß ich fühlte, ich trauerte nicht genug, selbst wenn ich tief trauerte“. Bruder, du wirst nie genug trauern. Genug! Würden Meere von Tränen genug sein, über die Sündenschuld zu trauern? Nein, aber gelobt sei Gott, es wird nicht verlangt, zu bereuen oder zu trauern bis zu einem bestimmten Grade. O, ausgestoßenen Seele, traue auf Jesum und er wird dich retten.

Ich darf indes bei dieser Klasse nicht verweilen, sondern muß weiter gehen und bemerken, daß es eine andre Art von Leuten gibt, die noch mehr die Ausgestoßenen in Israel sind, die Jesus zusammen bringt. Ich meine die von der Kirche Abgefallenen, –die Ausgestoßenen in Israel, die hinweggetan sind und mit Recht so, wegen ihres unheiligen Lebens und Handlungen, die ihrem Bekenntnis widersprechen; diejenigen, welche die Kirche, leider! Für kranke Glieder ansehen muß, die zu entfernen sind; Schafe, von einer Seuche ergriffen, welche die Herde ansteckt, die hinweg getan werden müssen; Aussätzige, die außerhalb des Lagers sich aufhalten müssen. O, Wanderer, aus der Kirche verbannt, es ist auch für dich ein Wort im Evangelium, sogar für den Abtrünnigen! Der Herr ruft seine irrenden Kinder zurück. Obgleich seine Kirche recht tut, diejenigen auszuschließen, die seinem heiligen Namen Unehre tun, so würde sie doch unrecht tun, wenn sie ihrem Herrn nicht folgte und spräche: „Bekehret euch, ihr abtrünnigen Kinder“. Es ist nicht leicht, einen Abgefallenen zu überreden, zu seiner ersten Liebe zurückzukehren. Der Rückweg geht bergauf, und Fleisch und Blut halten uns dabei nicht. Viele Neubekehrte kommen, aber die früher Beirrten bleiben draußen, und manchmal tun sie dies, weil sie sich einbilden, daß sie nicht willkommen sind. Aber wenn ihr aufrichtig die Sünde bereut, welche euch von der Kirche ausgeschlossen, so wird die Kirche Christi froh sein, euch wieder aufzunehmen; und wenn ihr in der Tat des Herrn Gläubige seid, so vergißt er euch nicht, wenn ihr euch auch verunreinigt habt. Er gedenkt ernstlich an euch und heißt euch kommen in all' eurer Unreinigkeit und in seinem versöhnenden Blute euch waschen; den der Born, den er geöffnet hat, ist nicht nur für die Fremden, wenn sie zuerst nahe gebracht werden, sondern er ist offen „für das Haus Davids und die Bürger zu Jerusalem“, für die, welche den Herrn kennen, damit sie täglich von ihren Übertretungen gereinigt werden und von dem Schmutze ihres Abfalls gewaschen. Der Herr sammelt diejenigen, die von ihren Sünden in die Gefangenschaft geführt sind, und läßt sie noch einmal wieder in dem Lande der Aufrichtigkeit wohnen und alle seine verirrten Schafe führt er zu sich zurück.

Der Ausdruck des Textes kann sicher auf die angewandt werden, welche den Herrn Jahre lang geliebt haben, aber in große Niedergeschlagenheit des Gemütes geraten sind. Wir treffen dann und wann einige der Besten unter den Kindern Gottes an, die in den Sumpf der Verzagtheit gefallen sind, und die Monate lang, ja Jahre lang stecken bleiben. Es gibt Gläubige, die periodisch in Verzagtheit fallen, wie die Vögel periodisch sich mausern, und so lange der Anfall währt, kann man sie nicht aufrichten oder trösten. Dann schreiben sie bittere Dinge gegen sich selber nieder, und nennen sich mit allen Namen des Wörterbuches, bis sie uns lächeln machen, weil wir wissen, wie sehr sie sich irren. Wir bewundern ihre Beständigkeit und sie trauern über ihre Torheit. Wie sehen ihre Freigebigkeit für Gottes Sache und ihre Hingebung für alles, was gut ist; doch sie sagen, daß nichts Gutes in ihnen ist. Wir wissen, wo sie sind, denn wir sind selber in Eisen gelegt worden und unsere Füße in denselben Stock. Welche Gnade ist es, wenn ihr, die ihr den Herrn lieb habt, so niedersitzt und mit euren zagenden Gedanken euch unterhaltet, ich meine dich, Frau Furchtsam, dich, Herr Zaghaft, und dich, Herr Kleinmut, mein Herr euch nicht verläßt, euch nicht richtet, wie ihr euch selber richtet, sondern die sammelt in Gnaden, welche sich für die Ausgestoßenen in Israel halten.

Zuletzt noch über diesen Punkt: es gibt Einige, die um ihrer Liebe zu Christo willen Ausgestoßene werden, und von diesen ist der Text noch ganz besonders wahr. Ich meine die, welche um der Gerechtigkeit willen leiden, bis sie als das Fegopfer aller Leute betrachtet werden. Wer, der Gott treu dient, ist der Prüfung des grausamen Spottes entgangen? Die Namen derjenigen, welches Großes wirken, werden gewöhnlich als Spielball für eine ungöttliche Welt gebraucht. Die Welt ist ihrer nicht wert und doch meinen ihre Feinde, sie seine es kaum wert, in der Welt zu leben. Wir hören heutzutage nicht viel von Verfolgungen, aber im Privatleben gibt es deren eine Menge; über die Achtel wird angesehen, dessen Freundschaft man sonst suchte; harte, grausame, schneidende Dinge werden gesagt, wo einst Bewunderung ausgedrückt ward, und Trennungen zwischen Freunden finden statt um Christi willen. Es ist noch immer vom Christen wahr, daß des Menschen Feinde seine eignen Hausgenossen sind. Aber wenn du auf Erden ein Ausgestoßener um Christi willen werden solltest, hier ist dies zu deinem Trost: „Der Herr bauet Jerusalem und bringet die Ausgestoßenen in Israel“. Aus den verfolgten macht er Säulen in seinem heiligen Tempel auf ewig! Selig sind die, welche um Christi willen ausgestoßen sind! Reich sind die, welche so geehrt werden, daß sie um seinetwillen arm werden dürfen! Glücklich sind die, welchen die Gnade gegeben wird, ihr Leben um Jesu Christo willen hingeben zu dürfen!

II.

Nun ein paar Worte über den zweiten Punkt - in welchem Sinne der Herr Jesus diese Ausgestoßenen verschiedener Art zusammen bringt. Natürlich müßte ich für jeden einzelnen Fall dies anders bestimmen, aber, da dies lange Zeit wegnehmen würde, laßt mich sagen, daß der Herr Jesus verschiedene Weisen hat, die Ausgestoßenen zusammen zu bringen.

Er bringt sie zusammen, das Evangelium zu hören. Predige Jesum Christum, und sie werden kommen. Beide, ausgestoßene heilige und ausgestoßene Sünder werden kommen, den süßen Klang seines gesegneten Namens zu hören. Sie können nicht anders. Nichts zieht so, wie Jesus Christus. Jesus Christus bringt sie zu sich selber. Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl wird wiederholt: „Gehe aus auf die Landstraßen und an die Bäume, und nötige sie, herein zu kommen, auf daß mein Haus voll werde“. „Bringet ein die Armen, und die Krüppel und die Lahmen und die Blinden“. Auf diese Weise bringt der Herr Jesus Christus große Mengen zusammen, wo er treu gepredigt wird. Er sammelt alle Arten von Leuten und besonders die Verlassenen und Vergessenen, die, welche von Menschen verachtet werden und sich selbst verachten. Er sammelt sie zusammen. Und o, welch' ein segensvoller Sammelplatz ist das, wo Reinigung für ihre Unreinheit ist, Heilung für ihre Krankheit, Kleidung für ihre Blöße, und allgenügender Vorrat für ihre große Notdurft. Er bringt sie zu sich, er bringt sie zu Gott.-

So wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muß des Menschen Sohn erhöhet werden, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“. O, daß du jetzt an Jesum glauben wolltest. Wir singen zuweilen:

„Wag's auf ihn allein,
trau auf Nichts daneben ,
Jesus einzig und allein
kann den Sündern Leben geben“.

Aber, Sünder, es ist kein Wagnis. So gewiß du dich auf ihn wirfst, so gewiß wird er dich erretten. Ich will nicht viele Worte machen, aber ich würde es tun, wenn ich dächte, Worte könnten euch ziehen. Ich bitte den Heiligen und ewigen Geist, heute Abend so sanft auf eure Herzen einzuwirken, ihr jungen Leute -und auf euch alten Leute und euch mittleren Alters auch - daß ihr die Versuche aufgebt, etwas zu tun oder etwas zu sein, um euch eure Seligkeit zu erwerben, und erkennt, das Alles getan war, als Jesus blutete und starb, Alles beendigt, als er reif: „Es ist vollbracht“, und daß ihr nur gläubig zu empfangen braucht, was er euch bietet und ihn als eurer Alles in Allem anzunehmen. Gott helfe euch, dies zu tun!

Die zweite Betrachtung ist dies. Wenn Jesus Christus einige von uns angenommen hat, da wir uns selbst wie ausgestoßen fühlten, wie sollten wir ihn lieben! Es tut uns gut, zurückzublicken, auf die tiefe Grube, daraus wir gezogen sind. Wir erheben und manchmal sehr hoch, meine Brüder. Wir sind gewaltig groß, nicht wahr? Sind wir nicht jetzt erfahrene Christen? Wir haben ja den Herrn nun schon 25 Jahre lang gekannt. Meine Güte, welche Wichtigkeit haben wir! Und vielleicht sind wir Diakonen der Kirche, aber jedenfalls haben wir eine Klasse in der Sonntagsschule, und wir beten in der Betstunde: wir sind von sehr großer Bedeutung und sind deshalb doch hoch und vornehm. Ach, ich habe von einem Manne, der Tausende besaß, sagen hören, daß er einst kaum ein Hemd auf dem Leibe gehabt und wenn er seiner Herkunft gedächte, würde er den Kopf nicht so hoch tragen. Ich sehe dies nicht so recht ein, aber ich sehe dies ein -wenn wir der Zeit gedächten, da wir in Sünden und Übertretungen tot waren, da wir keinen Lumpen hatten, uns zu bedecken, da das Mißfallen Gottes auf uns ruhte und wir Erben des Zornes waren, wie die andern, –wenn wir an den verlorenen und gefallenen Zustand unserer Natur denken, so bin ich gewiß, wir würden unser Haupt nicht so sehr hoch tragen und verlangen, daß uns in der Kirche Achtung gezollt werde, oder meinen, daß Gott nicht so hart mit uns verfahren sollte, als wenn wir Ursache zur Klage hätten. Liebe Freunde, laßt uns daran denken, was wir früher waren, das wird uns' am Boden halten in unserer Selbstschätzung. Aber, o, mit welchem Eifer wird es uns anfeuern, wenn wir denken, aus welcher Tiefe er uns empor gezogen hat. Hat Jesus solchen Elenden wie ich war, gerettet? Dann will ich für ihn leben und möchte für ihn sterben. Dies sollte unser Aller Sprache sein. Wir sollten in diesem Geiste leben. Gott gebe, daß wir es tun!

Dann wiederum, laßt uns immer fühlen, wenn Jesus Christus uns genommen, da wir nicht des Habens wert waren, wollen wir uns niemals schämen, zu versuchen, Andere zu gewinnen, die in gleichem Zustande sind. Wir wollen es nicht unter unserer Würde halten, den am tiefsten Gefallenen nachzugehen. Wir wollen denken, daß sie nicht schlechter sind, als wir, wenn wir von einem gewissen Punkte aus betrachtet würden und wir wollen darum auf ihr Bekehrung hinarbeiten, diele hoffen und erwarten. Diese Lehre ist besonders anwendbar auf einige Christen hier. Liebe Brüder und Schwestern, wenn ihr wirklich fühlt, daß ihr Ausgestoßene gewesen seid, und doch unter Gottes Kinder aufgenommen seid, und nun auf dem Wege zum Himmel, so bitte ich euch, recht auf die zu merken, die jetzt sind, was ihr einst wart. Wenn ihr Jemand in dieser Verzweiflung trefft, so sagt: „Ich muß hier ein Tröster sein, denn ich bin durch dies hindurch gegangen; und ich will diese arme Seele nicht gehen lassen, bis ich sie mit Gottes Hilfe aufgerichtet habe“. Wenn ihr Jemand trefft, der ein großer Sünder ist, vielleicht werdet ihr euch dann sagen müssen: „Ich war auch ein großer Sünder“; aber wenn das nicht, so sprecht:„ Meine Sünden waren verborgener, aber sie waren so schlimm wie die seinigen; und deshalb habe ich Hoffnung für diese arme Seele und will sehen, ob ich sie nicht zu Christo lieben kann“. Merkt auf diesen Ausdruck - „zu Christo lieben“, denn ist dies die macht, die wir gebrauchen müssen - die Sünder müssen zu Christo geliebt werden. Der Heilige Geist gebraucht die Liebe der Heiligen, um arme Sünder dahin zu bringen, daß sie die Liebe Christi erkennen. Suchet sie und laßt sie nicht verderben. Möge Gott diesen Entschluß in eure Seele legen, –wenn es etwas gibt, das ich auch tun kann im Namen Jesu und mit der Kraft des Heiligen Geistes über mir, das diese Seele erretten kann, so soll es getan werden; und wenn diese Seele als eine verlorene stirbt, so will ich, wenn ich die Totenglocke höre, mit Gottes Hilfe fähig sein, zu sprechen: „Ich habe dieser Seele Christum vorgestellt, ich suchte dies Gewissen zu erwecken. Ich strebte, diesen Sünder zu Jesu zu bringen“.

Der Ausgestoßene sollte, wenn er bekehrt ist, seine ausgestoßenen Brüder suchen. Junger Mann, hast du je geflucht? Suche die Bekehrung der Flucher. Junger Mann, hast du den Kartentisch geliebt? Hast du niedere Vergnügungsörter besucht? Dann begib dich daran, Leute derselben Art zu suchen. George Whitfield sagt, daß nach seiner Bekehrung sein erstes Streben die Bekehrung derer war, mit welchen zusammen er sich an der Sünde ergötzt hatte; und er hatte das Vorrecht, Viele derselben zu Christo gebracht zu sehen. Bist du ein Geschäftsmann gewesen und hast in Verbindung mit Anderen Unrecht getan? Suche das heil derer, die mit dir vergesellschaft waren. Es ist eine natürliche Verpflichtung, welche Christus auf alle legt, die von einer besonderen Art sind, daß sie die ihrer eigenen Art suchen sollen und dahin arbeiten, sie zur Buße zu bringen.

Möge Gott euch segnen, Geliebte. Wir werden bald im Himmel sein. Ich kann hier heute Abend einige sehen, mit denen es, ihres hohen Alters wegen nicht lange mehr dauern kann, bis sie in die Herrlichkeit Christi eingehen; und Andere von uns, die jünger sind, wissen nicht, wegen ihrer schwachen Gesundheit, wie lange es sein wird, ehe wir das Angesicht unseres Freundes im Himmel sehen. Aber wir möchten heute Abend von ihm sagen, was für ein teurer Heiland es ist, und welche Unendlichkeit der Liebe in ihm sein muß, daß er sich je Solchen geoffenbart hat, wie wir sind. O, wann werden wir ihm nahe sein und ihn anbeten von Ewigkeit zu Ewigkeit. Zögere nicht, o, unser Geliebter. Amen.

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