Spurgeon, Charles Haddon - Der Tod des Christen

„Und wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zu ihrer Zeit.“
Hiob 5,26

„Du sollst im vollen Alter zu deinem Grabe kommen, wie eine Garbe Korn einkommt zu ihrer Zeit.“ (N. d. engl. Übers.).

Wir glauben nicht alles, was Hiobs Freunde sagten. Sie sprachen sehr oft wie Menschen, die nicht vom Geiste Gottes geleitet wurden, denn wir finden, daß sie vieles sagten, was nicht wahr ist; und wenn wir das Buch Hiob durchlesen, so können wir mit Bezug auf sie sagen: „Ihr seid allzumal schlechte Tröster, denn sie sprachen über Hiob, dem Knechte Gottes, nicht, wie es recht war. Aber trotzdem sprachen sie viele heilige und fromme Worte aus, die der Beachtung wert sind, da sie von den Lippen dreier Männer kamen, die sich in ihrem Zeitalter durch Gelehrsamkeit, Talent und Fähigkeit auszeichneten; drei greise Väter, die aus Erfahrung von dem reden konnten, was sie wußten. Über ihre Irrtümer kann man sich nicht wundern, denn sie hatten nicht das klare, helle, scheinende Licht, über das wir uns in diesen neueren Zeiten erfreuen. Sie hatten wenig Gelegenheit, zusammenzukommen; es gab nur wenige Propheten in jenen Tagen, die sie etwas von dem Reiche Gottes lehrten. Wir staunen nur, daß sie ohne das Licht der evangelischen Offenbarung imstande waren, soviel von der Wahrheit zu erkennen, wie sie taten. Dennoch muß ich eine Bemerkung über dieses Kapitel machen, da ich nicht anders kann, als es, der Hauptsache nach, nicht so sehr als das Wort des Menschen, der hier spricht - Eliphas von Theman - sondern als das wirkliche Wort Gottes zu betrachten; nicht so sehr als die bloße Rede des unweisen Trösters, der Hiob tadelte, sondern als das Wort des großen Trösters, der sein Volk tröstet und nur das spricht, was recht ist. Diese Meinung wird durch die Tatsache gerechtfertigt, daß das Kapitel von dem Apostel Paulus angeführt wird. Eliphas sagt im 13. Verse: „Er fängt die Weisen in ihrer List.“ Und wir finden, daß der Apostel im Korintherbrief sagt: „Denn es steht geschrieben: die Weisen fängt Er in ihrer Klugheit;“ und damit ist diese Stelle bestätigt als eine von Gott eingegebene, als eine durchaus wahre. Sicherlich ist die Erfahrung eines solchen Mannes wie Eliphas vieler Beachtung wert; und wenn er von dem allgemeinen Zustand des Volke Gottes spricht, daß es vor der Geißel der Zunge verborgen ist; daß es sich nicht vor dem Verderben fürchtet, wenn es kommt; daß es im Verderben und Hunger lachte usw. so können wir annehmen, daß seine Worte durch die Erfahrung bewiesen und durch die göttliche Eingebung bestätigt sind. „Du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zu ihrer Zeit.“ Hier ist ein sehr schöner Vergleich, der Vergleich des greisen Christen - denn das, meine ich, liegt ganz deutlich im Text - mit einer Garbe Korn. Geht in das Erntefeld, und ihr werdet sehen, wir sehr der Weizen euch an einen alten Gläubigen erinnert. Wieviel Sorge hat sich mit dem Feld verknüpft! Als der Same zuerst aufwuchs, fürchtete der Landmann, der Wurm möchte an den zarten Schößlingen nagen und den Halm verzehren, oder ein scharfer Frost möchte die junge Pflanze verderben, so daß sie welkt und stirbt. Und dann Monat auf Monat, je nach der Jahreszeit, wie ängstlich blickte er zum Himmel auf und wünschte, der Regen mögen kommen oder der fröhliche Sonnenschein seine belebenden Lichtfluten über das Feld ausgießen. Als das Korn etwas herangereift war, wie sehr fürchtete er da, daß Meltau und Brand die köstlichen Ähren verderben möchten. Der Weizen steht jetzt in dem Felde, und in einiger Hinsicht ist er von seiner Angst befreit. Die Monate seiner Sorge sind vorüber. Er hat geduldig auf die köstlichen Früchte des Bodens gewartet, und jetzt sind sie da.

Und so ist es mit dem grauhaarigen Mann. Wie viele Jahre der Angst sind auf ihn verwandt! Wie wahrscheinlich war es in seiner Jugend, daß er vom Tode dahingerafft werden würde, und doch ist er glücklich durch Jugend- und Mannesalter zum Greisenalter gelangt. Wie viele Unfälle sind von ihm abgewandt worden! Wie hat der Schild des göttlichen Hüters über seinem Haupte geschwebt, um ihn vor den Pfeilen der Pest zu bewahren oder vor der schweren Hand des Unfalls, der sein Leben hätte vernichten können! Wie viele ängstliche Sorgen hat er selbst gehabt! Durch wie viele Leiden ist er hindurch gegangen! Blickt auf den greisen Veteranen! Beachtet die Narben, welche die Leiden auf seiner Stirn zurückgelassen hat! Und seht, tief in seiner Brust geschrieben, die dunklen Erinnerungen an die schweren Kämpfe und Prüfungen, die er erdulden mußte! Und nun sind seine Sorgen fast vorüber; er ist dem Hafen der Ruhe ganz nahe gekommen. Nach ein paar kurzen Jahren der Prüfungen und Leiden wird er an der Küste des schönen Kanaan landen, und wir sehen ihn mit derselben Freude an, wie der Landmann den Weizen, weil die Angst vorüber ist und die Zeit der Ruhe naht. Beachtet, wie schwach der Stengel geworden ist! wie jeder Wind ihn hin- und herschüttelt; er ist verwelkt und trocken! Seht, wie der Kopf zur Erde herabhängt, als wollte er den Staub küssen und zeigen, woher er seinen Ursprung nahm! So ist der Greis. „Wenn die Hüter des Hauses zittern und sich krümmen die Starken und müßig stehen die Müllerinnen, weil sie so wenig geworden sind, und finster werden, die durch die Fenster schauen, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke beladen wird und alle Lust vergeht.“ Doch selbst in dieser Schwäche ist Herrlichkeit. Es ist nicht die Schwäche des zarten Halms, es ist die Schwäche des vollen, reifen Korns, es ist eine Schwäche, die seine Reife zeigt, es ist eine Schwäche, die es mit Herrlichkeit vergoldet. So wie die Farbe des Weizens golden ist, so daß er schöner aussieht, als in dem Grün seiner Jugend, so hat der grauhaarige Mann eine Krone der Herrlichkeit auf seinem Haupt. Er ist herrlicher in seiner Schwäche als der junge Mann in seiner Kraft und die Jungfrau in ihrer Schönheit. Ist nicht eine Garbe Korn ein schönes Bild von dem Zustand des Menschen, auch deshalb noch, weil sie bald heimgebracht werden muß? Der Schnitter kommt. Ich höre schon, daß die Sichel geschärft wird. Der Schnitter hat sie gut gewetzt, und er wird bald das Korn mähen; und dann wird es in die Scheuer gebracht und sicher geborgen, nicht mehr dem Brand oder dem Meltau oder den Insekten oder der Krankheit ausgesetzt sein. Dort soll es gesichert sein, wo weder Schnee darauf fallen kann, noch Winde es belästigen können. Es soll sicher und geborgen sein; und fröhlich ist die Zeit, wenn das Erntefest verkündet wird und die reifen Garben in des Landmanns Scheuern gebracht werden.

So ist der Greis. Auch er soll bald heimgebracht werden. Der Tod wetzt eben jetzt seine Sichel, und die Engel machen ihren goldenen Wagen bereit, ihn zum Himmel hinaufzuführen. Die Scheuer ist gebaut, das Haus ist bereit, bald wird der große Herr sprechen: „Sammelt das Unkraut und bindet es in Bündeln, daß man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheuern.“

Heute morgen wollen wir den Tod des Christen im allgemeinen betrachten; nicht bloß den des alten Christen, denn wir wollen zeigen, daß der Text, obwohl er sich nur auf den bejahrten Christen zu beziehen scheint, doch in Wirklichkeit mit lauter Stimme zu jedem spricht, der ein Gläubiger ist. „Du sollst im vollen Alter zu deinem Grabe kommen, wie eine Garbe einkommt zu seiner Zeit.“

Es sind vier Punkte, die wir in dem Text beachten wollen. Zuerst wollen wir betrachten, daß der Tod unvermeidlich ist, weil es heißt: „Du sollst kommen.“ Zweitens, daß der Tod willkommen ist, weil es nicht heißt: „Ich will dich zu deinem Grabe gehen lassen,“ sondern: „Du sollst dahin kommen.“ Drittens, daß der Tod immer rechtzeitig ist: „Du sollst im vollen Alter zu deinem Grabe kommen.“ Viertens, daß der Tod für den Christen immer ehrenvoll ist, denn die Verheißung verkündet ihm: „Du sollst im vollen Alter zu deinem Grabe kommen, wie eine Garbe einkommt zu seiner Zeit.“

I.

Die erste Bemerkung, daß nämlich der Tod, selbst für den Christen, unvermeidlich ist, ist sehr alltäglich, einfach und gewöhnlich, und wir hätten kaum nötig gehabt, sie zu machen, aber wir fanden es notwendig, um ein Wort daran zu knüpfen. Wie abgedroschen ist der Gedanke, daß alle Menschen sterben müssen, und was können wir deshalb darüber sagen? Und doch schämen wir uns nicht, ihn zu wiederholen, denn obwohl es eine so wohl bekannte Wahrheit ist, wird doch keine so sehr vergessen. Der Theorie nach glauben wir sie alle und nehmen sie mit dem Kopf auf, aber wie selten ist sie dem Herzen eingedrückt! Der Anblick des Todes läßt uns daran gedenken. Das Läuten der ernsten Totenglocke spricht zu uns davon. Wir hören die tiefe Stimme der Zeit, wenn die Glocke die Stunden schlägt und unsere Sterblichkeit predigt. Aber gewöhnlich vergessen wir es.

Der Tod ist für uns alle unvermeidlich. Aber ich wünsche eine Bemerkung über den Tod zu machen, und die ist, daß, obwohl geschrieben steht: „Wie den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben,“ dennoch eine Zeit kommen soll, wo einige Christen gar nicht sterben werden. Wir wissen, daß Adam, wenn er nicht gesündigt hätte, nicht gestorben wäre, denn der Tod ist die Strafe der Sünde, und wir wissen, daß Henoch und Elia in den Himmel versetzt wurden, ohne zu sterben. Daraus scheint zu folgen, daß der Tod nicht schlechthin notwendig für den Christen ist. Und außerdem wird uns in der Schrift gesagt, daß einige sind, die „leben und überbleiben“ sollen, wenn Jesus Christus kommen wird; und der Apostel schreibt: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, und das plötzlich, in einem Augenblick, zu der Zeit der letzten Posaune.“ Es werden einige noch am Leben gefunden werden, von denen der Apostel sagt: „Wir, die wir leben und überbleiben, werden zugleich mit. ihnen entrückt werden in den Wolken, dem Herrn entgegen in der Luft, und werden also bei dem Herrn sein allezeit.“ Wir wissen, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben können; aber es ist möglich, daß sie durch einen geistlichen Prozeß geläutert werden, der die Notwendigkeit der Auflösung ausschließt. O! ich habe viel hieran gedacht, und möchte wissen, ob es nicht möglich wäre, daß einige von uns unter der glücklichen Anzahl wären, die den Tod nicht sehen. Selbst wenn wir es nicht sind, so ist doch etwas Ermutigendes in dem Gedanken: Christus überwand den Tod so, daß Er nicht nur die rechtmäßig Gefangenen aus dem Kerker führt, sondern .eine Schar vor dem Rachen des Ungeheuers rettet und sie unverletzt an seiner Höhle vorbeiführt! Er weckt nicht nur die Toten auf und gibt denen neues Leben, die unter der grausamen Sichel gefallen sind, sondern Er führt einige auf einer Nebenstraße zum Himmel. Er spricht zum Tode: „Fort, du Ungeheuer! An diese sollst du nie deine Hand legen! Dies sind auserwählte Männer und Frauen, und deine kalten Finger sollen die Strömung ihrer Seele nie erstarren machen. Ich nehme sie geradewegs zum Himmel ohne Tod. Ich will sie in ihrem Leibe hinauf zum Himmel führen, ohne daß sie durch deine düsteren Tore gehen oder Gefangene in deinem traurigen Schattenlande sind.“ Wie glorreich ist der Gedanke, daß Christus den Tod besiegt hat; daß einige Menschen nicht sterben sollen!

Aber ihr werdet zu mir sagen: „Wie kann das sein? Denn mit dem Wesen des Körpers ist die Sterblichkeit verbunden.“ Uns wird allerdings von hervorragenden Männern gesagt, daß in der Natur eine Notwendigkeit für den Tod liegt, da ein Tier die Beute des anderen sein muß; und selbst wenn man alle Tiere lehren könnte, ihre Beute aufzugeben, so müßten sie doch von Pflanzen leben und so gewisse kleine Insekten verzehren, die auf ihnen verborgen sind. Der Tod scheint deshalb das Gesetz der Natur zu sein.

Erinnere man sich daran, daß die Menschen schon weit über die festgesetzte Zeit hinaus gelebt haben, und es scheint leicht zu begreifen, daß das Geschöpf, welches tausend Jahre existieren kann, diese Periode noch überschreiten könnte. Aber dieser Einwurf ist nicht gültig, da die Heiligen nicht für immer in dieser Welt leben werden, sondern an eine Stätte gebracht werden sollen, wo die Gesetze der Herrlichkeit die Gesetze der Natur aufgehoben haben.

II.

Und nun kommt ein lieblicher Gedanke, daß der Tod dem Christen immer willkommen ist. - „Du sollst zu deinem Grabe kommen.“ Der alte Caryl macht zu diesem Verse die Bemerkung: „Eine Bereitschaft und Freudigkeit zum Sterben. Du sollst kommen, nicht: du sollst geschleppt oder getrieben werden zu deinem Grabe, wie es von dem törichten reichen Mann Luk. 12 heißt: „Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.“ Aber du sollst zu deinem Grabe kommen; du sollst ruhig und, sozusagen, lächelnd sterben; du sollst zu deinem Grabe gehen, sozusagen, auf deinen eigenen Füßen und zu deiner Gruft mehr wandeln, als getragen werden.“ Der Gottlose wird, wenn er stirbt, zu seinem Grabe getrieben, aber der Christ kommt zu seinem Grabe.

Laßt mich euch ein Gleichnis erzählen. Siehe, zwei Männer saßen zusammen in demselben Haus, als der Tod zu jedem von ihnen kam. Er sprach zu dem einen: „Du sollst sterben.“ Der Mann blickte ihn an, Tränen füllten seine Augen, und zitternd sprach er: „O Tod, ich kann nicht, ich will nicht sterben.“ Er suchte einen Arzt auf und sagte zu ihm: „Ich bin krank, denn der Tod hat mich angeblickt. Seine Augen haben meine Wangen bleich gemacht, und ich fürchte, ich muß sterben. Arzt, hier ist mein Reichtum, gib mir Gesundheit und laß mich leben.“ Der Arzt nahm seinen Reichtum, aber mit all seiner Kunst gab er ihm nicht die Gesundheit. Der Mann wechselte den Arzt und versuchte es mit einem anderen in der Hoffnung, daß dieser vielleicht den Faden des Lebens etwas länger ausspinnen könne. Aber ach! endlich kam der Tod und sprach: „Ich habe dir Zeit gegeben, deine verschiedenen Entschuldigungen zu prüfen, komm mit mir, du sollst sterben!“ Und er band ihm Hände und Füße und zwang ihn, in das dunkle Schattenland zu gehen. Während er ging, griff er nach Pfosten an der Seite des Weges; aber der Tod zog ihn mit eiserner Hand vorwärts. Es stand kein Baum an dem Wege, den er nicht zu erfassen strebte, aber der Tod sagte: „Geh' weiter, du bist mein Gefangener, und du sollst sterben.“ Und widerwillig, wie der träge Schulknabe, der langsam zur Schule geht, ging er die Straße entlang mit dem Tod. Er kam nicht zu seinem Grab, sondern der Tod holte ihn - das Grab kam zu ihm.

Aber der Tod sprach zu dem anderen: „Ich bin da, um dich zu holen.“ Er erwiderte lächelnd: „Ah, Tod, ich kenne dich, ich habe dich manches Mal gesehen. Ich habe Verkehr mit dir gehabt. Du bist meines Herrn Diener, du bist gekommen, mich heimzuholen. Geh', sage meinem Herrn, daß ich bereit bin; wenn es Ihm gefällt, Tod, bin ich bereit, mit dir zu gehen.“ Und zusammen gingen sie die Straße entlang und hatten eine liebliche Unterhaltung. Der Tod sagte zu ihm: „Ich habe dieses Gerippe getragen, um gottlose Menschen zu erschrecken; aber ich bin nicht schrecklich. Du sollst mich selber sehen. Die Hand, die an Belsazars Wand schrieb, war furchtbar, weil niemand etwas sah, außer der Hand; aber,“ sprach der Tod, „ich will dir meinen ganzen Körper zeigen, die Menschen haben nur meine Knochenhand gesehen, und sind erschreckt worden.“ Und als sie weiter gingen, entkleidete sich der Tod, damit der Christ seine Gestalt sähe, und er lächelte, denn es war die Gestalt eines Engels. Er hatte die Flügel eines Cherubs, und einen Leib, herrlich wie Gabriel. Der Christ sprach zu ihm: „Du bist nicht, wofür ich dich hielt, ich will freudig mit dir gehen.“ Endlich berührte der Tod den Gläubigen mit seiner Hand - es war, als wenn eine Mutter im Spiel ihr Kind einen Augenblick schlägt. Das Kind fühlt gern diesen liebevollen Druck auf dem Arm, denn er ist ein Beweis der Zuneigung. So legte der Tod seinen Finger auf den Puls des Mannes und ließ ihn einen Augenblick stillstehen, und der Christ fand sich durch des Todes freundliche Hand in einen Geist verwandelt; ja, fand sich als einen Bruder der Engel; sein Körper war ätherisch geworden, seine Seele gereinigt, und er selber war im Himmel. Ihr sagt mir, dies sei nur ein Gleichnis, aber laßt mich euch einige Tatsachen mitteilen, die es unterstützen werden. Ich will euch einige von den Worten geben, die sterbende Heilige auf ihrem Totenbett gesprochen, und euch zeigen, daß der Tod ihnen ein angenehmer Besuch gewesen, vor dem sie sich nicht fürchteten. Ihr werdet Sterbenden nicht mißtrauen. Es wäre schlimm, zu solcher Zeit ein Heuchler zu sein. Wenn das Spiel vorüber ist, nehmen die Menschen die Maske ab: so war es mit diesen, als es mit ihnen zum Sterben ging - sie standen da in ernster, unverhüllter Wirklichkeit.

Zuerst laßt mich euch erzählen, was Dr. Owen sagte - jener berühmte Fürst der Calvinisten. So lange seine Werke noch zu finden sind, habe ich keine Angst, daß es an Argumenten fehlen wird, das Evangelium der freien Gnade zu verteidigen. Ein Freund kam, um Dr. Owen zu erzählen, daß er seine „Betrachtungen über die Herrlichkeit Christi“ in den Druck gegeben hätte. Ein herrlicher Glanz erfüllte sein mattes Auge einen Augenblick, als er antwortete: „Es freut mich, das zu hören. O! die langersehnte Zeit ist endlich gekommen, in der ich diese Herrlichkeit in einer anderen Weise sehen soll, als ich sie je gesehen, oder fähig war, es zu tun in dieser Welt.“ Aber ihr mögt sagen, dieser Mann war bloß ein Theologe; laßt uns einen Dichter sprechen hören. George Herbert bat nach einigen schweren Kämpfen seine Frau und seine Nichten, die in heftigem Schmerze weinten, das Zimmer zu verlassen, übergab dann Herrn Woodnott sein Testament und rief darauf aus: „Ich bin bereit, zu sterben - Herr, verlaß mich jetzt nicht, meine Kraft sinkt; gib mir Barmherzigkeit um der Verdienste meines Herrn Jesu willen. Und nun, Herr, nimm meine Seele auf.“ Dann legte er sich zurück und hauchte sein Leben aus. So stirbt der Dichter. Jene, seine herrliche Phantasie, die düstere Dinge hätte malen können, wenn es ihm gefallen hätte, war nur voll von dem entzückenden Anblick der Engel. Wie er selbst zu sagen pflegte: „Mir scheint, ich höre die Kirchenglocken des Himmels läuten.“ Und mir scheint, er hörte sie, als er dem Strome Jordan nahe kam.

,Aber,“ werdet ihr sagen, „der eine war ein Theologe und der andere ein Dichter - es kann alles nur Phantasie gewesen sein.“ Nun lernt, was ein tätiger Mann, ein Missionar, sagte - Brainard. Er sagte: „Ich bin fast in der Ewigkeit. Ich sehne mich, da zu sein. Mein Werk ist getan. Ich bin fertig mit all meinen Freunden. Die ganze Welt ist jetzt nichts für mich. O, daß ich im Himmel wäre, Gott mit seinen heiligen Engeln zu loben und zu preisen.“ Das ist's, was Brainard sagte. Er, der alles für Schaden achtete gegen die überschwengliche Erkenntnis Christi Jesu und unter die wilden, unwissenden Indianer ging, das Evangelium zu predigen.

Aber möglicherweise sagt ihr: „Dies waren Männer vergangener Zeiten.“ Nun, ihr sollt Männer der neueren Zeit haben. Und hört zuerst, was der große und bedeutende schottische Prediger Haldane sagte. Er hob sich ein wenig in die Höhe und sagte deutlich die Worte her: „Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit Ihm in der Herrlichkeit.“ Er wurde darauf gefragt, ob er glaube, daß er heimgehen werde. Da antwortete er: „Vielleicht noch nicht.“ Frau Haldane sagte liebevoll: „Dann wirst du uns noch nicht so bald verlassen,“ worauf er mit einem Lächeln erwiderte: „Abscheiden und bei Christus sein, ist viel besser.“ Auf die Frage, ob er viel Frieden und Glück empfinde, antwortete er zweimal: „Überaus große und köstliche Verheißungen.“ Er sagte darauf: „Aber ich muß mich erheben.“ Frau Haldane sagte: „Du bist nicht imstande, aufzustehen.“ Er lächelte und antwortete: „Dann werde ich satt sein, wenn ich erwache nach seinem Bilde.“ Sie fragte: „Ist es das, was du mit dem Erheben meintest?“ Er erwiderte: „Ja, das ist das Erheben, was ich meinte. Ich muß mich erheben!“

Und nun, was sagte Howurde, der große Menschenfreund, der Mann, der wahre Religion besaß und einer der hervorragendsten und ausgezeichnetsten Christen war und doch wegen seiner schlichten, dem gesunden Verstande gemäßen Handlungsweise nie in den Verdacht kommen konnte, ein Fanatiker und Enthusiast zu sein? Ein paar Tage vor seinem Tode, als die Symptome seiner Krankheit einen sehr beunruhigenden Charakter annahmen, sagte er zu Admiral Priestman: „Sie suchen meine Seele von dem Gedanken an den Tod abzuziehen; aber ich hege ganz andere Gefühle. Der Tod hat keinen Schrecken für mich. Ich sehe ihm stets gutes Muts, wenn nicht mit Freuden, entgegen.“

Aber vielleicht sagt ihr: „Wir kannten nie einen von diesen Leuten. Wir möchten gern von jemand hören, den wir kennen.“ Gut, ihr sollt von jemand hören, von dem ihr mich mit Liebe habt sprechen hören. Er gehörte nicht zu unserer Denomination, aber er war ein wahrer Fürst in Israel - ich meine Joseph Irons. Viele von euch haben die lieblichen und gesegneten Worte gehört, die von seinen Lippen fielen, und werden vielleicht imstande sein, das zu bestätigen, was von ihm erzählt wird. Zuzeiten sagte er kurze Schriftstellen her und köstliche Worte, zum Beispiel: „Wie lange, Herr?“ „Komm, Herr Jesu!“ „Ich sehne mich heimzugehen und in Ruhe zu sein.“ Als er sah, daß seine Frau Tränen vergoß, sagte er: „Weine nicht um mich; ich warte auf jene ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit.“ Nach einer Pause, in der er Atem geschöpft, fügte er hinzu: „Er, der mich bis hierher behütet, wird mich nie verlassen, noch versäumen. Fürchte dich nicht: alles ist gut. Christus ist köstlich. Ich gehe heim, denn ich bin eine Garbe, die völlig reif ist.“ Nun, das ist ein Mann, den ihr kennt, viele von euch. Und es beweist die Tatsache, die ich behauptet habe, daß dem Christen der Tod willkommen ist, komme er, wann er wolle. Ich bin gewiß, ich kann mit vielen meiner Brüder hier sagen, wenn mir jetzt die größte Gunst zuteil werden könnte, die Sterbliche sich wünschen können, so würde ich bitten, daß ich sterben möchte.

Ich wünsche nie, daß mir die Wahl gegeben werde; aber zu sterben, ist das Glücklichste, was dem Menschen begegnen kann, denn es ist ein Verlieren aller Angst, ein Töten aller Sorge, es ist der eigentümliche Schlaf, den Gott seinen Freunden gibt. Für den Christen muß also der Tod willkommen sein. Ein Christ hat nichts durch den Tod zu verlieren. Ihr sagt, er hat seine Freunde zu verlieren. Ich bin dessen nicht so sicher. Viele von euch mögen mehr Freunde im Himmel haben, als auf Erden; einige Christen haben mehr von ihren Lieben droben als hier auf der Erde. Ihr zählt oft euren Familienkreis, aber zählt ihr so, wie das kleine Mädchen, von dem Wordsworth singt, die stets sagte: „Nein, Herr, wir sind sieben.“ Einige von ihnen waren tot und zum Himmel gegangen, aber sie bestand darauf, daß sie alle noch Geschwister wären. O, wie viele Brüder und Schwestern haben wir droben in dem oberen Zimmer in unseres Vaters Haus; wie viele Lieben, die uns durch Bande der Verwandtschaft verbunden, denn sie sind jetzt genauso unsere Verwandten, wie sie es früher waren! Allerdings werden sie in der Auferstehung weder freien, noch sich freien lassen, aber wer hat gesagt, daß in jener großen Welt die Bande der Liebe getrennt werden, so daß wir dort nicht Verwandtschaft miteinander beanspruchen sollen, so gut wie Verwandtschaft mit Jesus Christus? Was haben wir durch den Tod zu verlieren? Komme er, wann er wolle, sollten wir ihm nicht die Tür auftun? Ich möchte gern fühlen wie jene Frau, die im Sterben sagte: „Ich fühle, als wäre ich eine Tür, auf deren Klinke die Hand gelegt ist, bereit sich aufzutun und meinen Herrn einzulassen.“ Ist das nicht ein lieblicher Zustand, das Haus bereit zu haben, so daß es nicht erst in Ordnung gebracht werden muß? Wenn der Tod zu einem Gottlosen kommt, so findet er ihn fest geankert, er schneidet das Kabel durch und treibt das Schiff aufs Meer; aber wenn er zu dem Christen kommt, so findet er ihn damit beschäftigt, den Anker aufzuziehen, und sagt: „Wenn du dein Werk getan hast und den Anker gelichtet, so will ich dich heimführen.“ Mit sanftem Hauch weht er ihn an, und das Schiff wird leise dem Himmel zugeführt, ohne sehnsüchtigen Rückblick aufs Leben, aber Engel stehen am Vorderteil, Geister führen das Ruder, liebliche Gesänge tönen durchs Tauwerk und die Segel glänzen im silbernen Licht.

III.

Dann drittens, des Christen Tod ist stets rechtzeitig. - „Du sollst im vollen Alter zu deinem Grabe kommen.“ „Ah,“ sagt einer, „das ist nicht. wahr. Fromme leben nicht länger als andere Leute. Der frömmste Mann mag in der Blüte seiner Jugend sterben.“ Aber siehe auf meinen Text. Er sagt nicht: Du sollst im Alter zu deinem Grabe kommen, sondern in „vollem Alter.“ Wohl, wer weiß, was ein „volles Alter“ ist. Ein „volles Alter“ ist, wenn immer es Gott gefällt, seine Kinder heimzunehmen. Es gibt Obstarten, die, wie ihr wißt, spät reif sind, und wir denken nicht, daß ihr Geschmack gut ist vor Weihnachten oder bis sie Frost gehabt haben; während einige jetzt für den Tisch geeignet sind. Alles Obst wird nicht zur selben Zeit reif und mürbe. So ist es auch mit Christen. Sie sind in „vollem Alter“, wenn es Gott gefällt, sie heim zu nehmen. Sie sind in „vollem Alter“, wenn sie mit einundzwanzig sterben; sie sind nicht mehr, wenn sie bis zu neunzig leben. Einige Weine können gleich nach der Weinernte getrunken werden. Andere müssen längere Zeit liegen bleiben. Aber was macht dies aus, wenn nur gefunden wird, daß das Getränk, wenn es abgezapft wird, den vollen Geschmack hat? Gott zieht nie das Faß ab, bis der Wein vollkommen ist.

Es gibt zwei Gnaden für den Christen. Die erste ist, daß er nie zu früh sterben wird; und die zweite, daß er nie zu spät sterben wird. Zuerst, er wird nie zu früh sterben. Spencer strahlte vor einigen Jahren so hell und predigte so wundervoll, daß viele erwarteten, ein großes Licht würde stetig scheinen und viele würden zum Himmel geleitet werden; aber als plötzlich das Licht in Dunkelheit erlosch und er in der Blüte der Jugend ertrank, da weinten die Menschen und sagten: „Ah, Spencer starb zu früh.“ Dasselbe ist auch von Kirk White, dem Dichter, gesungen worden, der seinen Studien so eifrig nachging. Gleich dem Adler, der findet, daß der Pfeil, der ihn traf, durch eine Feder von seinem eigenen Leibe beflügelt war, war sein eigenes Studium das Mittel zu seinem Tode; und der Dichter sagte, er wäre zu früh gestorben. Es war unwahr. Er starb nicht zu früh; kein Christ tut dies. Aber einige sagen: „Wieviel Großes hätten sie vollbracht, wenn sie länger gelebt hätten!“ Ah, aber wieviel Schaden hätten sie auch stiften können! Und wäre es nicht besser zu sterben, als später etwas zu tun, das ihnen Schande machen und Schande auf den christlichen Namen bringen würde? Wäre es nicht besser für sie, zu schlafen, während ihr Werk weiter geht, als es später zu zerstören? Wir haben einige traurige Beispiele gesehen von christlichen Männern, die sehr nützlich in der Sache Gottes waren und nachher traurig gefallen sind und Christus Unehre gebracht haben, obwohl sie gerettet und zuletzt zurückgeführt worden sind. Wir könnten fast wünschen, daß sie lieber gestorben wären, als das sie gelebt hätten. Ihr wißt nicht, was die Laufbahn dieser Männer gewesen wäre, die so früh hinweggenommen wurden. Seid ihr ganz gewiß, sie würden soviel Gutes getan haben? Hätten sie nicht viel Böses tun können? Könnten wir einen Traum von der Zukunft haben und sehen, was sie hätten werden können, so würden wir sagen: „Ah, Herr, laß es aufhören, so lange es gut steht.“ Laß ihn schlafen, solange die Musik spielt, es könnten später häßliche Töne kommen. Wir wünschen nicht, wach zu bleiben, um diese traurigen Klänge zu hören. Der Christ stirbt gut: er stirbt nicht zu früh.

Zweitens, der Christ stirbt nie zu spät. Jene alte Frau dort ist achtzig Jahre alt. Sie sitzt in einem elenden Zimmer und friert bei einer Handvoll Feuer. Sie wird von Mildtätigkeit erhalten. Sie ist arm und elend. „Wozu ist sie gut?“ sagt jedermann, „sie hat zu lange gelebt. Vor ein paar Jahren hätte sie noch von einigen Nutzen sein können; aber jetzt - blickt sie jetzt an! Sie kann kaum essen, ohne daß ihr die Speise in den Mund gegeben wird. Sie kann sich nicht bewegen, und wozu kann sie gut sein?“ Tadele nicht deines Herrn Werk. Er ist ein zu guter Ackersmann, als daß Er den Weizen zu lange im Felde und ausfallen lassen sollte. Gehe hin und besuche sie; und du wirst zurechtgewiesen werden. Laß sie sprechen: sie kann dir Dinge sagen, die du nie in deinem Leben wußtest. Oder, wenn sie gar nicht spricht, so wird ihre stille, nie murrende Heiterkeit, ihre beständige Ergebung dich lehren, Leiden zu ertragen. So ist noch etwas da, das du von ihr lernen kannst. Sage nicht, das alte Blatt hängt zu lange am Baum. Ein Insekt mag sich noch hineinbohren und es zu seiner Wohnung machen. O, sage nicht, das alte, dürre Blatt hätte längst abgeweht werden müssen. Die Zeit kommt, wo es sanft auf den Boden fallen wird; aber es bleibt, um gedankenlosen Menschen die Vergänglichkeit ihres Lebens zu predigen. Hört, was Gott zu jedem von uns spricht: „Du sollst in vollem Alter zu deinem Grabe kommen.“ Cholera! du magst über das Land fliegen und die Luft verpesten: ich soll in „vollem Alter“ sterben. Und du wartender Mann! und du zögernde Frau! du sprichst: „O Herr, wie lange? wie lange? Laß mich heimkommen.“ Du sollst von deinem teuren Jesus keine Stunde länger fern gehalten werden, als notwendig ist; du sollst den Himmel haben, sobald du dafür bereit bist. Der Himmel ist bereit genug für dich, und dein Herr wird sprechen: „Komm höher herauf!“ wenn du ein volles Alter erreicht hast - aber weder vorher noch nachher.

IV.

Nun, das letzte ist, daß ein Christ mit Ehren sterben wird. „Du sollst zu deinem Grabe kommen, wie eine Garbe Korn eingebracht wird zu ihrer Zeit.“ Ihr hört die Leute gegen Ehrenbezeugungen beim Begräbnis sprechen, und ich lege gewiß meinen Protest ein gegen die furchtbare Extravaganz, die bei vielen Begräbnissen stattfindet, und die abgeschmackt dummen Moden, die oft eingeführt werden. Es würde sehr gut sein. wenn einige sie durchbrechen wollten, und wenn Witwen nicht genötigt wären, das Geld, das sie selbst so sehr benötigen, an eine unnötige Zeremonie zu wenden, die den Tod nicht ehrenvoll, sondern eher verächtlich macht. Aber mir scheint, wenn auch der Tod nicht mit wallenden Federbüschen (an den Pferden, a.d.Ü.) verziert werden sollte, so gibt es doch ein ehrenvolles Begräbnis, was jeder von uns sich wünschen sollte. Wir wünschen nicht, gerade wie ein Bündel Unkraut weggetragen zu werden, wir möchten lieber, daß gottesfürchtige Männer uns bestatteten und eine große Klage über uns hielten. Einige von uns haben Begräbnisse gesehen, die wie eine Erntefeier waren. Ich kann mich der Leichenfeier eines frommen Predigers erinnern, den ich einst zu hören pflegte. Die Kanzel war schwarz verhängt, und eine Menge Leute kamen zusammen; und als ein greiser Veteran in dem Heer Christi aufstand, um die Leichenrede zu halten, da stand eine weinende Menge um ihn her, die klagte, daß an dem Tage ein Fürst in Israel gefallen sei. Da, wahrlich, fühlte ich, was Herr Jay gefühlt haben muß, als er die Leichenpredigt für Rowland Hill hielt: „Heule, Tannenbaum, die Zeder ist gefallen,“ es war solche melancholische Größe darin. Und doch schien meine Seele von Freude erhellt bei dem Gedanken, es sei möglich, daß einige von uns eben solche Liebe gewönnen und daß dieselben Tränen über uns geweint werden könnten, wenn wir sterben. Ah! meine Brüder hier, meine Brüder im Amt, meine Brüder in dieser Gemeinde, es mag eure Herzen etwas ermutigen, zu wissen, daß, wenn ihr scheidet, euer Tod für uns eine Quelle des tiefsten Kummers und des schneidendsten Schmerzes sein wird. Euer Begräbnis wird nicht das sein, was dem Jojakim geweissagt wurde, - das Begräbnis eines Esels, um den niemand klagt; sondern gottesfürchtige Männer werden sich versammeln und sagen: „Hier liegt der Diakon, der jahrelang seinem Herrn so treu gedient hat.“ „Hier liegt der Sonntagsschullehrer,“ wird das Kind sagen, „der mich früh des Heilands Namen lehrte;“ und wenn der Prediger fallen sollte, scheint mir, daß eine Menge Menschen, die ihm zu Grabe folgten, ihm wohl ein solches Begräbnis geben, wie die Garben Korn haben, wenn sie „eingebracht werden zu ihrer Zeit.“ Ich glaube, wir sollten den Leibern der abgeschiedenen Heiligen große Hochachtung erweisen. „Das Andenken der Gerechten ist gesegnet.“ Und selbst ihr kleinen Heiligen in der Gemeinde, denkt nicht, daß ihr vergessen seid, wenn ihr sterbt. Ihr mögt keinen Grabstein haben; aber die Engel werden wissen, wo ihr seid, ob ohne oder mit Grabstein. Es werden einige da sein, die um euch weinen; ihr werdet nicht eilig fortgebracht werden, sondern mit Tränen zu eurem Grabe getragen.

Aber mir scheint, es sind zwei Begräbnisse für jeden Christen da: das eine das Begräbnis des Leibes und das andere das der Seele. Begräbnis, sagte ich, der Seele? Nein, ich meinte das nicht; es ist eine Vermählung der Seele; denn sobald sie den Körper verläßt, stehen die Engel-Schnitter bereit, sie fortzutragen. Sie mögen keinen feurigen Wagen bringen, wie sie vormals für Elia brachten, aber sie haben ihre großen ausgebreiteten Flügel.

Ich freue mich in dem Glauben, daß Engel kommen werden, um die Seele über die ätherischen Gefilde zu leiten. Siehe! Engel nahe dem Haupte unterstützen den hinaufschwebenden Heiligen und blicken ihm liebevoll ins Antlitz, indem sie ihn aufwärts tragen; und Engel zu den Füßen helfen ihm, sich emporzuschwingen durch die Himmel. Und wie die Ackersleute aus ihrer Hütte treten und rufen: „Ein fröhliches Erntefest“, so werden die Engel von den Pforten der Himmels hervorkommen und sagen: „Erntefest! Erntefest! Hier ist eine andere Garbe, völlig reif, in die Scheuer eingebracht.“ Ich denke, das Ehrenvollste und Glorreichste, was wir je schauen werden, nach Christi Eingang in den Himmel und seiner Herrlichkeit dort, ist der Eintritt eines Gotteskindes in den Himmel. Ich kann mir vorstellen, daß es immer ein Feiertag ist, wenn .ein Heiliger eingeht, und das ist fortwährend, so daß sie einen beständigen Feiertag dort halten. O, mir scheint, es kommt ein Jauchzen vom Himmel, lauter denn das Tönen vieler Wasser, jedesmal wenn ein Christ eingeht. Die donnernden Freudenrufe eines Weltalls werden übertönt, als wenn sie nur ein Flüstern wären, von jenem großen Jauchzen, das alle Erlösten erheben, wenn sie rufen: „Ein anderer und noch ein anderer kommt!“ und der Gesang wird noch verstärkt durch immer lautere Stimmen, wenn sie singen: „Gesegneter Ackersmann! Gesegneter Ackersmann! dein Weizen kommt heim; Garben Korn, völlig reif, werden in deine Scheuern eingesammelt.“ Nun, wartet ein wenig, Geliebte, in ein paar Jahren sollt ihr und ich durch den Äther auf den Flügeln der Engel getragen werden. Mir scheint, ich sterbe, und die Engel nahen. Ich bin auf den Flügeln der Cherubim. O, wie sie mich emportragen - wie schnell und doch, wie sanft! Ich habe die Sterblichkeit mit all ihren Schmerzen dahinten gelassen. O, wie rasch ist mein Flug! Gerade jetzt schwebe ich am Morgenstern vorüber. Weit hinter mir leuchten nun die Planeten. O, wie schnell fliege ich und wie lieblich! Cherubim! wie lieblich ist mein Flug und wie freundlich sind die Arme, auf die ich mich lehne. Und auf dem Wege küßt ihr mich mit den Küssen der Liebe und Zuneigung. Ihr nennt mich Bruder. Cherubim, bin ich euer Bruder? Ich, der ich eben noch ein Gefangener in der Hütte des Staubes war - bin ich euer Bruder? „Ja!“ sagen sie. O, horch! ich höre seltsam harmonische Musik! Was für liebliche Klänge dringen an mein Ohr! Ich nähere mich dem Paradies. Es ist so. Nähern sich nicht Geister mit Freudengesängen? „Ja!“ sagen sie. Und ehe sie antworten können, siehe, da kommen sie, ein herrliches Geleit! Ich erblicke sie, wie sie eine große Revue an den Pforten des Paradieses halten. Und o, dort ist die goldene Pforte. Ich trete ein und sehe meinen teuren Herrn. Ich kann euch nicht mehr sagen. Alles übrige würden unaussprechliche Worte für das Fleisch sein. Mein Herr! Ich bin mit Dir - in Dich versenkt - in Dir verloren eben wie ein Tropfen von dem Ozean verschlungen ist - wie eine einzelne Farbe in dem herrlichen Regenbogen verloren ist. Bin ich in Dir verloren, Du glorreicher Jesus? Und ist meine Seligkeit vollendet? Ist der Hochzeitstag endlich gekommen? Habe ich wirklich das hochzeitliche Kleid angezogen? Und bin ich Dein? Ja! ich bin es. Es ist nichts anderes für mich jetzt da. Vergeblich eure Harfen, ihr Engel. Umsonst alles andere. Laßt mich eine kleine Weile. Ich will euren Himmel nachher kennen lernen. Gebt mir einige Jahre, ja, gebt mir einige Jahrhunderte, hier am Busen meines Herrn zu ruhen; gebt mir die halbe Ewigkeit, mich zu sonnen in dem Sonnenschein dieses einen Lächelns. Ja, gebt mir dieses. Sprachst Du, Jesus? „Ja, ich habe Dich je und je geliebt, und nun bist Du mein! Du bist mit mir!“ Ist dies nicht der Himmel? Ich brauche nichts anderes.

Ich sage euch noch einmal, ihr seligen Geister, ich will euch hernach sehen. Aber mit meinem Herrn will ich jetzt mein Liebesfest feiern. O Jesus! Jesus! Jesus! Du bist der Himmel. Ich brauche nichts anderes. Ich bin in Dir verloren.

Geliebte, ist dies nicht „zum Grabe gehen in vollem Alter wie eine Garbe Korn,“ völlig reif? Je eher der Tag kommen wird, desto mehr werden wir uns freuen. O, ihr langsamen Räder der Zeit! beschleunigt euren Lauf. O, Engel, warum kommt ihr mit trägen Flügeln? O! fliegt durch den Äther, schneller als des Blitzes Zucken! Warum darf ich nicht sterben? warum verweile ich hier? Ungeduldiges Herz, sei eine Weile ruhig. Du bist noch nicht für den Himmel bereit, sonst würdest du nicht hier sein. Du hast nicht dein Werk getan, sonst würdest du deine Ruhe haben. Arbeite ein wenig länger; es ist Ruhe genug im Grabe. Du sollst sie da haben. Weiter! Weiter!

„Es wird nicht lang' mehr währen,
Halt' noch ein wenig aus,
Es wird nicht lang' mehr währen,
Dann kommen wir nach Haus!“

Meine lieben Freunde, ihr, die ihr nicht bekehrt seid, ich habe keine Zeit, heute morgen etwas zu euch zu sagen. Ich wünschte, ich hätte es. Aber ich bete, daß alles, was ich gesagt habe, euer sein möge. Arme Herzen, es tut mir leid, daß ich euch nicht sagen kann, dies ist jetzt euer. Ich wollte, ich könnte zu jedem von euch predigen und sagen, daß ihr alle im Himmel sein sollt. Aber Gott weiß, daß einige von euch auf dem Wege zur Hölle sind, und denkt nicht, daß ihr in den Himmel kommen werdet, wenn ihr den Weg zur Hölle geht. Niemand würde erwarten, wenn er nach Norden reist, im Süden anzukommen. Nein, Gott muß dein Herz ändern. Durch einfaches Vertrauen auf Jesus, wenn du dich seiner Barmherzigkeit ergibst, wenn du auch der Schlechteste der Schlechten bist, sollst du vor seinem Angesicht singen. Und mir scheint, armer Sünder, du wirst mir das sagen, was eine Frau am letzten Mittwoch sagte, nachdem ich gepredigt hatte und, wie ich glaube, jedermann, vom Kleinsten bis zum Größten, weinte und selbst der Prediger auf der Kanzel. Als ich hinunter kam, fragte ich eine: „Sind Sie Spreu oder Korn?“ Und sie sagte: „Ach, ich zittere heute abend, mein Herr.“ Ich sagte zu einer anderen: „Nun, Schwester, ich hoffe, wir werden bald im Paradiese sein.“ Und sie antwortete: „Sie mögen es, mein Herr.“ Und ich kam zu einer anderen und sagte: „Nun, meinen Sie, daß sie mit dem Weizen eingesammelt werden?“ Und sie erwiderte: „Eins kann ich sagen - wenn Gott mich in den Himmel kommen läßt, so will ich Ihn mit all meiner Kraft preisen. Ich will immerfort singen, und nie denken, daß ich laut genug singen kann.“ Es erinnerte mich an das, was eine alte Jüngerin einst sagte: „Wenn der Herr Jesus mich nur selig macht, so werde ich nie aufhören, Ihn zu preisen.“ Laßt uns also Gott loben, ewiglich.

„So lang' das Leben und das Denken währt,
Und die Unsterblichkeit noch bleibet.“

Nun möge der dreieinige Gott euch mit seinem Segen entlassen.

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