Spurgeon, Charles Haddon - Sündenbekenntnis - eine Predigt mit sechs Texten

Meine heutige Predigt wird sechs Texte haben, die in sechs verschiedenen Teilen des Wortes Gottes vorkommen, die aber alle gleich sind und in drei Worten sich ausdrücken lassen, nämlich: „Ich habe gesündigt.“

Der Gegenstand meine Rede soll als das Bekenntnis der Sünde sein. Wir alle wissen, daß dies unumgänglich nötig ist zu unserem Heil. Wenn wir unsere Sünden nicht wahrhaftig und aufrichtig unserem Gott bekennen, so haben wir keine Verheißung, daß wir Erbarmen finden werden durch das Blut des Erlösers. „Wer seine Sünden bekennt und läßt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“ Aber in der ganzen Schrift steht keine Verheißung für den, der seine Sünden nicht bekennt. Wie nun aber der Mensch sich über jeden Gegenstand der Schrift täuschen kann, so kann er sich besonders in Rücksicht des Bekenntnisses der Sünde sehr betrügen. Manche legen ein Sündenbekenntnis vor Gott ab, und doch empfangen sie keinen Segen, weil ihr Bekenntnis nicht die bestimmten Zeichen hat, die von Gott verlangt werden, wenn das Bekenntnis rein und lauter sein und sich als ein Werk des heiligen Geistes ausweisen soll.

Mein Text besteht aus drei Worten: „Ich habe gesündigt.“ Ihr werdet sehen, wie diese Worte, auf den Lippen verschiedener Menschen, sehr verschiedene Gefühle ausdrücken. Während der eine sagt: „Ich habe gesündigt.“ und Vergebung empfängt, sagt der andere dasselbe und wird doch schlimmer und verderbter als vorher.

1) Der verhärtete Sünder

„ Da schickte Pharao hin und ließ Mose und Aaron rufen und sprach zu ihnen: Ich habe mich versündigt; der Herr ist gerecht, ich aber und mein Volk sind Gottlose.“
2 Mose 9,27

Hier haben wir einen verhärteten Sünder, der unter dem Eindruck des Schreckens sagt: „Ich habe gesündigt.“ Wie kommt der hochmütige Tyrann Pharao zu einem solchen Bekenntnis, da er sich sonst nicht vor Jehova demütigen wollte? Gott hatte ein schreckliches Donner- und Hagelwetter über Ägypten kommen lassen, dergleichen noch nie gewesen war. Der Schrecken, der den Pharao unter diesen furchtbaren Umständen ergriff, bewog ihn zu dem Bekenntnis: „Ich habe gesündigt!“ Er ist aber nur ein Vorbild und Beispiel von einer Menge von Leuten dieser Art. Wie mancher verhärtete Sünder hat seine Knie gebeugt und mit Tränen in den Augen ausgerufen: „Ich habe gesündigt!“, wenn das Schiff vom Sturmwind dahingerissen wurde, wenn die Balken krachten, die Masten brachen und die hungrigen Wellen ihren Mund auftaten, um das Schiff lebendig zu verschlingen. Aber was hat das Sündenbekenntnis genützt? Die im Sturm und unter Blitz und Donner hervorgebrachte Buße starb dahin, wenn es wieder ruhiges Wetter wurde, und der Mann, der auf dem Schiff ganz fromm war, wurde wieder völlig gottlos und verworfen, sobald er seinen Fuß auf festes Land gesetzt hatte. Wie oft haben wir dies auch in Donnerwettern zu Land wahrgenommen, wo das Angesicht mancher Menschen blaß wurde, wenn der Donner ihr Haus erschütterte und die Erde unter ihnen erzitterte vor der Stimme des majestätischen Gottes. Da riefen sie aus: „O Gott, wir haben gesündigt!“ Aber ihre Buße war dahin, sobald die Sonne wieder schien und die schwarzen Wolken sich verzogen hatten. Die Sünde kam wieder hervor, und es wurde mit ihnen ärger als vorher.

Ähnliche Bekenntnisse haben wir wahrgenommen in Zeiten der Cholera, der Fieber und der Pest. Unsere Kirchen wurden voll von Zuhörern, die ihre Sünden vor Gott bekannten. Aber kaum waren diese Plagen vorüber, so hörten auch die Bußgefühle wieder auf, die Tränen flossen nicht mehr und die Menschen bekehrten sich nicht wahrhaftig zu dem lebendigen Gott.

Wenn heute solche Leute hier sind, so möchte ich sie feierlich warnen und ihnen sagen: „Freunde, ihr habt vergessen, was ihr in der Zeit der Not gelobt habt; aber bedenkt, Gott hat eure Gelübde nicht vergessen.“ Du, Seemann, der du versprochen hast, ein Knecht Gottes zu werden, wenn er dich das feste Land wieder erreichen läßt - warum hast du deinen Gott belogen und ihm ein falsches Versprechen gegeben? Und du, der du auf dem Krankenbett gelobt hast, von deinen bösen Wegen umzukehren, wenn dir Gott dein Leben lassen würde - warum hast du dein Gelübde nicht erfüllt? Solltest du wider Gott lügen und ungestraft bleiben? Sollte nicht der Zorn Gottes über dein Haupt kommen, weil du Bekehrung versprochen, aber dein Versprechen nicht gehalten hast? Es nützt nichts, unter dem Einfluß des Schreckens zu sagen: „Ich habe gesündigt“ und dann nachher alles wieder zu vergessen. Eine falsche Buße ist wertlos.

2) Der Doppelherzige

„Da sprach Bileam zu dem Engel des Herrn: Ich habe gesündigt!“
4 Mose 22,34

Hier haben wir einen zweiten Text, der uns mit einer anderen Art von Buße, nämlich mit der Buße eines doppelherzigen Menschen bekannt macht. Bileam sagt: „Ich habe gesündigt“, und er fühlt es, daß er gesündigt hat, er fühlt es tief, aber er ist so weltlich gesinnt, daß er „den Lohn der Ungerechtigkeit“ eben zu lieb hat. Er sagt: „Ich habe gesündigt“, und doch fuhr er hernach fort in seiner Sünde. Er war ein Teufel und ein Heiliger, geneigt zum Bösen und zum Guten. Er konnte bisweilen reden mit der größten Beredsamkeit und Wahrheit, während er zu anderen Zeiten die gemeinste Habsucht, die die menschliche Natur verunstalten kann, an den Tag legte. Stellt euch einmal den Bileam vor, wie er dort auf dem Berge steht, an dessen Fuß die Menge von Israeliten lagert; er soll fluchen, und er ruft: „Wie soll ich verfluchen, den Gott nicht verflucht hat? Da ihm Gott die Augen öffnet, so fängt er an, sogar von der Zukunft Christi zu reden, indem er spricht: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahem!“ Zuletzt ruft er aus: „Laß mich sterben den Tod der Gerechten, und laß mein Ende sein wie sein Ende!“

Ihr werdet sagen, von diesem Mann kann man eine gute Hoffnung haben. Wartet, bis er von der Höhe des Berges herabsteigt, und ihr werdet sehen, welch teuflischen Rat er dem König von Moab gegeben hat. Er sprach zu dem König: „Ihr könnt dieses Volk in der offenen Feldschlacht nicht überwinden, denn Gott ist mit ihnen; darum sucht sie von ihrem Gott abzuführen.“ Die Moabiten folgten diesem Rat und verführten viele Israeliten durch fleischliche Lüste. So schien also Bileam das eine Mal die Stimme eines Engels zu haben, das andere Mal das Herz eines wahren Teufels. Ein Mensch kann nur eine Hauptsache in seinem Herzen haben, er kann nur für einen Hauptzweck leben, aber Bileam suchte zwei Zwecken zu dienen. Er war wie jene Leute, die Gott fürchteten und zugleich auch anderen Göttern dienten. Er war wie der alte König Rufus, der auf die eine Seite seines Schildes Gott malte und auf die andere den Teufel, mit dem Wahlspruch: „Bereit für beide; es nehme, wer kann.“ So gibt es viele Menschen. Vor dem Prediger, dem sie begegnen, sind sie sehr fromm und heilig; am Sonntag sind sie sehr ehrenwert und aufrichtig, sie reden sehr langsam, was sie für sehr religiös halten, während sie an Werktagen scheinheilige Betrüger sind. Seid versichert, liebe Zuhörer, kein Sündenbekenntnis kann echter Art sein, wenn es nicht von ganzem Herzen kommt. Es nützt nichts, zu sagen: „Ich habe gesündigt!“, wenn man doch im Sündigen fortfahren will. Dergleichen doppelherzige Menschen gibt es viele. Sie können mit ihrem Verstand alles überwinden und gleichsam Wunder verrichten; und doch ist eine ungeheure Sündenmaße in ihrer Seele. Bileam brachte Gott Opfer dar auf dem Schrein des Mammons; und während sie Kirchen bauen und den Armen geben, peinigen sie die Armen um Brot und drücken die Witwen, um sich selbst zu bereichern. O, es ist vergeblich, zu sagen: „Ich habe gesündigt!“, wenn du es nicht von Herzen so meinst. Dieses Bekenntnis eines doppelherzigen Menschen ist wertlos.

3)

„Da sprach Saul zu Samuel: Ich habe gesündigt, daß ich des Herrn Befehl und deine Worte übergangen habe.“
1. Sam. 15,24

Hier haben wir den Charakter des aufrichtigen Mannes - des Mannes, der nicht, wie Bileam, bis zu einem gewissen Grad aufrichtig ist in zwei Dingen; sondern hier haben wir den Mann, der gerade das Gegenteil ist - der nichts Hervorstehendes in seinem Charakter hat, sondern der sich von den Umständen leiten ließ. So war Saul. Samuel bestrafte ihn, und er sagte: „Ich habe gesündigt.“ Aber er meinte nicht, was er sagte; er entschuldigte sich mit der lügnerischen Ausrede: „Ich fürchtete das Volk!“ Saul fürchtete nie jemand; er tat immer seinen eigenen Willen - er war ein Despot. Unaufrichtigkeit war der Hauptzug in seinem Charakter. Eines Tages ließ er David von dem Bette holen, um ihn, wie er dachte, zu töten; an einem andern Tag erklärte er: „Das sei ferne, daß ich dir, mein Sohn David, etwas zu Leid tun sollte.“ Bisweilen war Saul unter den Propheten und dann wieder und der Zauberinnen; bald war er hier, bald dort; aber unaufrichtig in allem. So gibt es viele Leute in unseren Christenversammlungen. Sie stimmen sogleich mit allem überein, was man ihnen sagen mag. Ihr Gewissen ist zart und gibt nach, sobald es berührt wird. Kaum ist es verwundet, so heilt es alsbald wieder.

Sie haben sozusagen Herzen von Gummi-Elastikum, auf das man bei der leichtesten Berührung einen Eindruck machen kann, der aber nichts nützt, weil es sofort wieder in seine ursprüngliche Form zurückkehrt. Man kann solche Menschen zu allem bewegen, aber sie sind nicht fest in ihrem Wesen und kehren bald wieder zurück zu dem, was sie vorher gewesen sind. Wie manche bücken sich mit ihrem Haupt und sprechen in der Kirche: „Wir haben uns, o Gott, verirrt von deinen Wegen“; aber sie meinen das nicht, was sie sagen. Manche kommen zu ihrem Seelsorger und sagen: „Meine Sünden tun mir leid!“; aber sie fühlen nicht, daß sie Sünder sind, sie sagen nur so, um ihrem Geistlichen zu gefallen. Manche weinen in der Kirche sehr bald, aber sie bleiben die alten, unbekehrten Leute nachher wie vorher. Ihr Bekenntnis ist unaufrichtig. Bileam war groß in allem, was er tat, im Guten wie im Bösen; aber Saul war klein in allen seinen Handlungen, so groß er auch war seinem Körper nach.

4)

Achan antwortete Josua und sprach: „Wahrlich, ich habe mich versündigt an dem Herrn, dem Gott Israels!“
Jos. 7,20

Hier haben wir eine zweifelhafte Buße. Ihr wißt, daß Achan etwas von der Beute der Stadt Jericho stahl, daß er durchs Los entdeckt und getötet wurde. Dieser Achan stellt uns vor ein Beispiel von Seelen, deren Buße auf dem Totenbett zweifelhaft ist; die nur scheinbar ihre Sünden bereuen und von denen wir nur sagen können: Wir hoffen, daß sie selig werden, aber wir wissen es nicht sicher. Manche glauben zwar, Achan sei noch gerettet worden, weil er ein offenes und volles Geständnis abgelegt habe. Sein Leib habe zwar des warnenden Beispiels willen sterben müssen, sein Geist aber sei selig geworden um seiner Buße willen; doch läßt sich dies nicht gewiß behaupten - es ist deshalb mit Recht eine zweifelhafte Buße zu nennen. Und so habe ich bei manchem Totenbett eine zweifelhafte Buße wahrgenommen. Zwar hat mir mancher, wenn ich ihn an das zukünftige Gericht erinnerte, gesagt: „Ich fühle, ich bin schuldig gewesen, aber Christus ist gut; ich verlasse mich auf ihn.“ Ich dachte nun bei mir selbst: die Seele dieses Menschen ist gerettet, aber zu gleicher zeit fiel mir ein, daß ich keinen anderen Beweis hätte als seine eigenen Worte, was mir keine feste Überzeugung in Beziehung auf die Seligkeit eines Menschen gewährt. Ein großer Arzt hielt sich ein Verzeichnis von tausend Personen, die dachten, sterben zu müssen, und die der Arzt für bußfertig hielt; er schrieb ihre Namen in ein Buch als solche, die, wenn sie starben, in den Himmel kommen würden; sie starben aber nicht, sondern blieben am Leben. Der Arzt bemerkte, daß von tausend kaum drei Personen sich nachher bekehrten; alle Übrigen fielen wieder in die Sünde zurück und wurden schlimmer als zuvor. Ach, geliebte Freunde, ich hoffe und wünsche, daß keiner von euch eine solche Toten-Bett-Buße haben möge, bei der euer Seelsorger oder eure Eltern und Freunde sagen müssen: „Armer Mensch, ich hoffe, du bist selig geworden.“ Wie ganz anders ist es, zu sterben mit voller Versicherung; zu sterben mit einem reichen Eingang ins Königreich Gottes; das Zeugnis hinter sich zu lassen, daß man im Frieden von hinnen geschieden sei! Das ist weit seliger als auf eine zweifelhafte Weise zu sterben, als zwischen zwei Welten zu schweben, ohne daß weder wir noch unsere Freunde wissen, in welche Welt wir gehen. Möge uns Gott Gnade geben, daß wir während unserer Lebenszeit Kennzeichen einer wahren Bekehrung haben, damit unser Los nicht zweifelhaft sei.

5)

„Und Judas sprach: ich habe Übel getan, daß ich unschuldig Blut vergossen habe.“
Mat. 27,5

Hier haben wir eine Buße der Verzweiflung. Judas bekannte seine Sünde, ging hin und erhängte sich. Dies ist die allerschlimmste und schrecklichste Art von Sündenbekenntnis. Ich habe einen solchen Fall einmal in meinem Leben gesehen, und ich wünsche nie mehr, Zeuge von der Buße eines Mannes zu sein, der mit dem Tod im Angesicht ausruft: „Ich habe gesündigt!“ Man sagt ihm: Christus ist für Sünder gestorben, und er antwortet: „Ich habe keine Hoffnung für mich; ich habe Gott ins Angesicht geflucht; ich habe ihm Hohn gesprochen; meine Gnadenzeit ist vorüber; mein Gewissen wird mit einem heißen Eisen gebrannt; ich sterbe, und ich weiß, ich werde verloren gehen.“ Ein solcher Fall ereignete sich auch bei Francis Spira, der gegen seine Überzeugung die Wahrheit verleugnete. Benjamin Keach erzählt von einem Mann, der zuerst ein eifriger Christ war, aber vom Glauben abfiel und in die schrecklichsten Sünden geriet. Als er sterben sollte, besuchte ihn Keach mit einigen seiner Freunde. Aber diese konnten nie über 5 Minuten bei ihm verweilen, denn der arme Mann sagte: „Geht fort; euer Besuch bei mir ist zwecklos; ich habe gegen den heiligen Geist gesündigt; ich bin wie Esau, ich habe meine Erstgeburt verkauft, und ich kann sie nie mehr finden, obwohl ich sie mit Tränen suche. Er wiederholte sodann schreckliche Ausdrücke, z.B. „mein Mund ist angefüllt mit Kieselsteinen, und ich trinke Wermut Tag und Nacht. Sprecht mir nicht von Christus! Ich weiß, er ist ein Heiland, aber ich hasse ihn und er haßt mich. Ich weiß, ich muß sterben und verloren gehen.“ Alsdann folgte ein klägliches Geschrei und ein gräßlicher Lärm, den niemand hören konnte. Die Freunde kamen wieder in besseren Augenblicken, aber er wurde abermals aufgeregt und schrie in der Verzweiflung: „Ich bin verloren! Ich bin verloren! Es nützt nichts, daß ihr mit mir davon redet!“ Sehet, Geliebte, das ist die Buße der Verzweiflung.

6)

„Der verlorene Sohn sprach: Vater, ich habe gesündigt in dem Himmel und vor dir!“
Luk. 15,18

Hier ist ein gesegnetes Bekenntnis! Hier ist das, was den Beweis eines wiedergeborenen Menschen abgibt. Der verschwenderische Sohn verließ seine Heimat, seinen liebevollen Vater, und verpraßte all sein Geld mit Huren, und jetzt war er in bitterster Armut. Er geht zu seinen alten Sündengenossen und bittet sie um Hilfe. Sie verlachen ihn. „O,“ sagt er, „ihr habt manchen Tag meinen Wein getrunken; ich habe immer den Zahlmeister gemacht in unseren Lustbarkeiten; wollt ihr mir jetzt nicht helfen?“ Sie erwiderten: „Fort mit dir!“ und jagten ihn aus dem Haus. Er geht zu allen seinen Bekannten, aber niemand hilft ihm. Zuletzt sagt ein Bürger der Stadt: „Sie suchen Arbeit, nicht wahr? Gut, hüten sie meine Schweine!“ Der arme Verschwender, der Sohn eines reichen Gutsbesitzers, noch dazu ein Jude, muß nun Schweine hüten - die schlimmste Beschäftigung, die ihm nach seinen Begriffen auferlegt werden konnte. Da seht ihn in schmutzigen Lumpen, wie er Schweine hütet; und was ist sein Lohn? Dieser ist so gering, daß er gerne seinen Bauch mit den Hülsen, die die Schweine fressen, angefüllt haben würde, wenn sie ihm jemand gegeben hätte. Da ist er nun der Sauhirte in all seinem Kot und Unflat. Plötzlich durchdringt ihn ein Gedanke, den der gute Geist ihm eingab: „Wie kommts,“ sagt er, „daß in meines Vaters Haus Brot die Fülle ist, und ich verderbe vor Hunger? Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt in dem Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen, mache mich zu einem deiner Tagelöhner.“ Er macht sich auf, bettelt sich durch von Stadt zu Stadt und kommt zuletzt auf den Hügel, der vor seinem Dorfe liegt; von dort aus sieht er unten seines Vaters Haus. Beim Anblick seiner alten Heimat erwachen in ihm die Gefühle und Erinnerungen seines früheren Lebens, und Tränen fließen über seine Wangen, und beinahe möchte er wieder davonlaufen. Er sagt: „Ob vielleicht mein Vater gestorben ist? Und wenn er noch lebte, ob er mich sehen will, oder ob er die Türe vor mir verschließen wird? Was soll ich tun? Ich kann nicht zurück und nicht vorwärts gehen.“ Während er so mit sich selbst zu Rate ging, wandelte der Vater oben auf dem Haus und sah den verlorenen Sohn, der aber den Vater nicht wahrnahm. Der Vater eilt die Treppe herab, läuft dem Sohn entgegen, und während dieser entfliehen will, umschlingt der Vater seinen Hals mit den Armen, küßt ihn, wie ein liebender Vater tut, und dann beginnt der Sohn: „Vater, ich habe gesündigt in dem Himmel und vor dir, und bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße.“ Aber der Vater legt seine Hand auf seinen Mund und sagt: „Sprich nicht weiter davon; ich habe dir alles vergeben; du sollst nichts erwähnen von einem Tagelöhner - ich will das nicht haben. Komm, armer Sohn. Und ihr, Knechte, holt mir das beste Kleid und zieht es ihm an, und gebt ihm Schuhe an seine blutenden Füße; bringt ihm ein fettes Rind, schlachtet es und laßt uns essen und fröhlich sein: denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden, und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ O, was für eine herrliche Aufnahme des Vornehmsten unter den Sündern! Sein Vater sah ihn, das waren Augen der Barmherzigkeit; er lief ihm entgegen, das waren Füße der Barmherzigkeit; er umschlang seinen Hals mit seinen Armen, das waren Arme der Barmherzigkeit; er redete zu ihm mit Worten der Barmherzigkeit; da waren Taten und Wunder der Barmherzigkeit - alles lauter Erbarmen. O, was für ein Gott der Barmherzigkeit ist er!

Nun, hier sind viele, die lange genug von Gott weggelaufen sind. Gott läßt euch sagen: „Kehret wieder, ich will euch wieder annehmen.“ Christus hat keinen armen Sünder, der wiederkehrte, von sich gewiesen. Darum kommt zu ihm, ihr könnt ja nicht schlechter sein als der verlorene Sohn. Kommt doch zu eures Vaters Haus; so gewiß, als er Gott ist, wird er auch sein Wort halten: „Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen.“ Amen.

autoren/s/spurgeon/s/spurgeon-suendenbekenntnis_-_eine_predigt_mit_sechs_texten.txt · Zuletzt geändert: von aj