Spurgeon, Charles Haddon - Stärkende Arznei für Gottes Knechte

„Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“
Josua 1,5

Kein Zweifel; Gott hatte schon früher zu Josua gesprochen. Er war viele Jahre lang ein Mann des Glaubens gewesen und sein Glaube hatte ihn in den Stand gesetzt, sich durch solche einfache Wahrhaftigkeit des Charakters und solch völlig treuen Gehorsam gegen des Herrn Willen auszuzeichnen, daß er und noch Einer die beiden Einzigen waren, die von dem ganzen Geschlecht, das aus Ägypten heraufgekommen war, übrig blieben. „Treu unter den Treulosen“ blieb er am Leben, wo alle Andern starben; aufrecht stehend in voller Kraft hätte er einem einsamen Baum verglichen werden können, der seine grünen Äste ausbreitet, unberührt von der Axt, die alle seine Nachbarn dem Erdboden gleich gemacht hat. Aber jetzt war Josua im Begriff, ein neues Werk anzutreten; er „verwaltete das Amt eines Königs“ an Moses Statt, vom Diener war er zum Herrscher emporgestiegen, und es fiel ihm nun zu, das Volk über den Jordan zu führen und ihre Streitkräfte zu ordnen für die Eroberung des gelobten Landes. An der Schwelle dieses großen Unternehmens erscheint der Herr seinem Knechte und spricht: „Wie ich mit Mose gewesen bin, also will ich auch mit dir sein, ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Wenn Gottes Diener in neue Lagen kommen, so werden sie neue Offenbarungen seiner Liebe haben. Neue Gefahren werden neuen Schutz bringen, neue Schwierigkeiten neue Hilfe; neue Befürchtungen neue Tröstungen; so daß wir in der Trübsal auch darum froh sein können, weil so viele neugeöffnete Türen der Gnade Gottes gegen uns da sind. Wir werden uns unsrer Leiden freuen, weil sie göttliche Heimsuchungen sind. Was der Herr zu Josua sprach, war ganz besonders ermutigend und es kam gerade, als er es nötig hatte. Groß war seine Gefahr und groß war der Trost des Wortes von dem Herrn der Heerscharen. „Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seiest. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr dein Gott ist mit dir in allem, das du tun wirst.“

Wir wollen keine Zeit mit einer Vorrede verlieren, sondern sogleich die göttliche Verheißung betrachten: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

I.

Beachtet hier, zuerst, die Angemessenheit des Trostes, den diese Worte Josua gaben. „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Dies muß sehr ermutigend für ihn gewesen sein, im Hinblick auf sich selbst. Er hatte Moses gekannt und muß eine sehr große Achtung vor ihm gehabt haben. Er war ein großer Mann, Einer aus Tausend; unter allen, die vom Weibe geboren sind, ist kaum ein Größerer aufgestanden, als Moses. Josua war sein Diener gewesen und betrachtete sich ohne Zweifel als tief unter dem großen Gesetzgeber. Ein Gefühl seiner eignen Schwäche überkommt den Menschen um so mehr, wenn er mit einem größeren Geiste verbunden ist. Wenn ihr mit denen verkehrt, die unter euch stehen, so seid ihr geneigt, eitel zu werden; aber nahe verbunden mit höheren Geistern ist die Wahrscheinlichkeit viel mehr dafür, daß ihr niedergedrückt werdet und sogar geringer von euch denket, als die Demut erfordert; denn Demut ist im Grunde doch nur eine richtige Schätzung unsrer eignen Kräfte. Josua mag daher wohl etwas verzagt gewesen sein unter einem sehr drückenden Bewußtsein seiner eignen Mängel; und diese ermutigende Versicherung war das, was er brauchte. - „Ich will dich nicht verlassen: obgleich du weniger weise oder sanftmütig oder mutig als Moses sein magst, ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen:“ Wenn Gott mit unsrer Schwachheit ist, so wird sie stark; wenn er mit unsrer Torheit ist, so erhebt sie sich zur Weisheit; wenn er mit unsrer Verzagtheit ist, so faßt sie Mut. Es macht nichts aus, wie sehr sich Jemand bewußt ist, daß er nichts in sich selbst ist, wenn er nur die göttliche Nähe fühlt, so freut er sich sogar seiner Schwäche, weil die Kraft Gottes auf ihm ruht. Wenn der Herr zu dem schwächsten Manne oder Weibe hier spricht: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen,“ so wird kein feiger Gedanke durch diese erhobene Seele ziehen; dieses Wort wird den Zitternden mit einem Löwenmute stählen, den kein Gegner schrecken kann.

Die Tröstung, die hier dem Josua gegeben ward, war außerordentlich angemessen in der Gegenwart seiner Feinde. Er hatte das Land ausgekundschaftet und er wußte, daß es von riesenhaften Völkern bewohnt war, von Männern, die sowohl um ihrer Gestalt als um ihrer Stärke willen berühmt waren. Die Enakssöhne waren da und andre Stämme, als groß, hoch und zahlreich beschrieben. Er wußte, daß sie ein kriegerisches Volk waren, geübt in dem Gebrauche zerstörender Kriegsgerätschaften, solcher, die Schrecken unter den Menschen verbreiteten, denn sie hatten eiserne Wagen. Er wußte überdies, daß ihre Städte von kolossaler Ausdehnung waren, - Festungen, deren Steine noch heutigen Tages den Reisenden in Erstaunen setzen, so daß er fragt, welch wunderbare Geschicklichkeit solche Felsenmassen auf diese Plätze gehoben hat. Die andern Kundschafter hatten gesagt, daß diese Kanaaniter in Städten wohnten, die bis zum Himmel vermauert wären und obgleich Josua dieser Übertreibung nicht beistimmte, so wußte er doch sehr wohl, daß die einzunehmenden Städte Festungen von großer Stärke seien und die Völker, die vertilgt werden sollten, Männer von wildem Mut und großer physischer Stärke seien. Deshalb sprach der Herr: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Was mehr war nötig? Gewiß, in Gottes Gegenwart werden Enakim Zwerge, feste Burgen werden gleich einer Hütte in einem Kürbisgarten und eiserne Kriegswagen wie Distelwolle, die vom Winde den Hügel hinab getrieben werden. Was ist stark gegen den Höchsten? Was ist furchtbar, wenn es Jehova gegenüber steht? „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Derer, die mit uns sind, sind mehr, denn derer, die gegen uns sind, sobald der Herr der Heerscharen in unsern Reihen gesehen wird. „Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.“ Wenn sich schon ein Heer wider uns leget, so fürchtet sich dennoch unser Herz nicht; wenn sich Krieg wider uns erhebt, so verlassen wir uns auf ihn.

Dieser Trost war auch genügend in Betreff der Versorgung. Vielleicht wußte Josua, daß das Manna nicht mehr fallen würde. In der Wüste war die Versorgung mit dem himmlischen Brote ununterbrochen, aber wenn sie über den Jordan gingen, mußten sie sich bei dem Feinde einlagern; und es kann keine Kleinigkeit gewesen sein, die Myriaden zu versorgen, die unter Josuas Befehl waren. Nach einigen Berechnungen zogen beinahe drei Millionen Menschen aus Ägypten: ich traue dieser Berechnung kaum und bin geneigt, zu glauben, daß die ganze Sache der Zahlen im Alten Testament noch nicht verstanden wird und daß eine bessere Kenntnis der hebräischen Sprache uns zu der Entdeckung führen wird, daß die Ziffern oft mißverstanden sind; immerhin aber war es eine große Anzahl, die mit Josua an den Rand der Wüste kam und über den Jordan ins Land Kanaan ging. Wer sollte Vorräte für all diese hungrigen Scharen schaffen? Josua hätte wohl sagen können: „sollen alle Schaf- und Rinderherden für diese große Menge geschlachtet werden und wird das Meer seine Fische hergeben, wenn das Manna aufhört? Wie soll dies Volk gespeist werden?“ „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen“ war ein Vorrat, der allen Forderungen der Heer-Verpflegung entsprach. Sie konnten zur Genüge essen, denn Gott wollte für Speise sorgen; ihre Kleider mochten abgetragen werden, nun das Wunder der Wüste aufhörte, aber neue Kleider sollten sich für sie in den Kleiderkammern ihrer Feinde finden. Wenn der Herr seine Kornhäuser öffnet, wird es Niemand an Brot mangeln und wenn er seine Kleiderkammern aufschließt, wird Niemand bloß gehen. So war kein Raum mehr für Angst in Josuas Seele. Was ihn selber anging; wenn er schwach war, so machte dies ihn stark; was seine Feinde betraf, wenn sie mächtig waren, so machte diese Verheißung ihn stärker als sie; und in Hinsicht auf die Bedürfnisse Israels, wenn diese groß waren, so sorgte diese Verheißung für alle.

Gewiß muß dies Wort oft dem Herzen des Sohnes Nun lieblichen Trost gebracht haben, wenn er sah, daß das Volk ihn verließ. Da war nur noch der ehrwürdige Caleb übrig von all seinen Genossen, mit denen er den vierzigjährigen Zug durch die große und schreckliche Wüste geteilt hatte; Caleb und er waren die letzten zwei Garben der großen Ernte und sie waren beide gleich Kornmandeln, die völlig reif fürs Kornhaus sind. Um die alten herum wird es einsam und es ist nicht zu verwundern, wenn es das wird. Ich habe sie sagen hören, daß sie in einer Welt leben, wo man sie nicht kennt, nun da Einer nach dem Andern, alle ihre alten Freunde heimgegangen und sie allein gelassen sind - gleich der letzten Schwalbe des Herbstes, wenn alle ihre Gefährten ein sonnigeres Klima aufgesucht haben. Doch der Herr spricht: „Ich will dich nicht verlassen: ich werde nicht sterben, ich bin immer bei dir. Dein Freund im Himmel wird so lange leben, wie du.“ Und das Geschlecht, das um Josua heraufgekommen war, - das war wenig besser als seine Väter; sie wandten um am Tage der Schlacht, selbst die Kinder Ephraim, als sie bewaffnet waren und Bogen trugen. Sie waren sehr geneigt, abzuweichen und in die schwersten Sünden zu fallen. Josua hatte eine ebenso harte Aufgabe mit ihnen, wie Moses, und mit ihnen zu tun zu haben, das war genug, um Moses Herz zu brechen. Der Herr scheint ihn zu heißen, kein Vertrauen in sie zu setzen, und nicht niedergeschlagen zu sein, wenn sie falsch und verräterisch sein sollten: - „Ich will dich nicht verlassen: sie mögen es tun, aber ich will es nicht. Ich will nicht von dir weichen. Sie mögen sich als Feiglinge und Verräter erweisen, aber ich will nicht von dir weichen.“ O, wie selig ist es, in einer falschen und wankelmütigen Welt, wo er, der unser Brot ißt, uns unter die Füße tritt, wo der liebste Ratgeber ein Ahitophel wird und seine Weisheit in listigen Haß verkehrt, zu wissen, daß es einen Freund gibt, „der fester beistehet, denn ein Bruder,“ einen, der treu ist und uns sichre Zeichen gibt von einer Liebe, die viele Wasser nicht auslöschen mögen.

Ich könnte noch länger bei diesem Punkte verweilen und zeigen, daß die tröstliche Verheißung so viele Seiten hat, wie ein gut geschliffener Diamant und jede das Licht göttlichen Trostes in Josuas Glaubensauge hineinstrahlt. Aber wir wollen zu andern Sachen kommen.

II.

Zweitens, zu welchen Zeiten dürfen wir diese Verheißung als zu uns gesprochen, betrachten? Es ist ganz gut, sie anzuhören als zu Josua gesprochen, aber, o Gott, wenn du zu uns so sprechen wolltest, wie getröstet würden wir sein! Tust du dies je? Dürfen wir so kühn sein, zu glauben, daß du uns so tröstest? Geliebte, die ganze Schrift spricht in derselben Weise zu Menschen, die gleichen Sinnes mit Josua sind. keine Stelle der Schrift ist nur auf Einzelne zu deuten, kein Spruch hat seine Kraft erschöpft an dem, welcher ihn zuerst empfing. Ein Brunnen mag für Hagar geöffnet werden, aber dieser Brunnen wird nie verschlossen und jeder andre Wanderer kann daraus trinken. Die Quelle unsers Textes strömte zuerst hervor, um Josua zu erfrischen, aber wenn wir in Josuas Lage sind und gleicher Gemütsart, so können wir unsre Wasserkrüge bringen und sie bis an den Rand füllen.

Laßt mich namhaft machen, wann ich glaube, daß wir sicher fühlen dürfen, Gott spricht zu uns: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Gewiß ist das der Fall, wenn wir berufen werden, Gottes Werk zu tun. Josuas Werk war Gottes Werk. Gott war es, der das Land dem Volke gegeben hatte und der gesprochen:; „Ich will vor dir her ausstoßen die Kanaaniter.“ Und Josua war der Vollstrecker des Richterspruchs, das Schwert in der Hand des Herrn, um die verurteilten Geschlechter zu vertilgen. Er begann kein Don Quixotisches Unternehmen nach eignem Gefallen und Ermessen; er hatte sich nicht selber erwählt, und nicht sein Werk sich ausgesucht, sondern Gott hatte ihn dazu berufen, ihn ins Amt eingesetzt und ihm befohlen, es zu tun, und darum sprach er zu ihm: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Bruder, dienst du Gott? Lebst du dafür, Seelen zu gewinnen? Ist es dein großer Lebenszweck, in Gottes Hand das Instrument zu sein, um seine Gnadenabsichten an den gefallenen Menschenkindern auszuführen? Bist du sicher, daß Gott dich dahin gestellt hat, wo du bist und dich zu dem Werk berufen, dem dein Leben gewidmet ist? Dann gehe in Gottes Namen, denn so gewiß er dich zu seinem Werke berufen hat, so gewiß kannst du sein, daß er zu dir auch spricht, wie in der Tat zu allen seinen Dienern: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Aber ich höre Einige von euch sagen: „Wir sind nicht in einem Werke solcher Art beschäftigt, daß wir es gerade ein „Werk für Gott“ nennen könnten. Gut, Brüder, aber seid ihr in einem Werke tätig, das ihr versucht, zur Ehre Gottes zu vollbringen? Ist euer alltäglicher, gewöhnlicher Beruf einer, der rechtmäßig ist - einer, an dessen Ehrlichkeit und Schicklichkeit ihr keinen Zweifel habt? Und folgt ihr in demselben nur den rechten Grundsätzen? Versucht ihr, Gott in eurem laden die Ehre zu geben? Machet ihr „die Rüstung der Rosse dem Herrn heilig?“ (Sach. 14,20) Es wäre nicht für uns alle möglich, Prediger zu werden, denn wo würden dann Hörer sein? Mancher würde ganz am unrechten Platze stehen, wenn er seinen gewöhnlichen Beruf verlassen und sich dem widmen wollte, was so unbiblischer Weise „der Dienst Gottes“ (im Original steht: „the ministry.“ A. d. V.) genannt wird. In Wirklichkeit verhält es sich so, daß das echteste religiöse Leben dasjenige ist, in welchem ein Mann den gewöhnlichen Lebensberuf im Geiste eines Christen erfüllt. Nun, tut ihr das? Wenn das, so dient ihr Gott ebenso sehr, wenn ihr Ellen Kattun abmesset und Pfunde Tee abwiegt, als Josua es tat, da er die Heviter und Jebusiter und Hethiter schlug. Ihr dient Gott ebenso sehr, wenn ihr eure eignen Kinder hütet, sie in der Furcht Gottes auferzieht, den Hausstand besorgt und euren Haushalt zu einer Kirche Gottes macht, als ihr es tun würdet, wenn ihr berufen wäret, eine Armee im Kampfe für den Herrn der Heerscharen anzuführen. Und ihr könnt diese Verheißung als für euch ansehen, denn der Pfad der Pflicht ist der Pfad, wo man sich ihrer erfreuen soll. „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Nun merkt euch aber dies, wenn ihr für euch selber lebt, wenn ihr für den Gewinn lebt, wenn die Selbstsucht der Zweck eures Lebens ist oder wenn ihr einen unheiligen Beruf ausübt, wenn irgend etwas in der Art eures Geschäftes ist, das dem Sinne und Willen Gottes und gesunden Grundsätzen entgegengesetzt ist, so könnt ihr nicht erwarten, daß Gott euch in der Sünde beistehen wird und er wird es auch nicht tun. Ebenso wenig könnt ihr ihn bitten, euren Lüsten Vorschub zu leisten oder euch in der Befriedigung eurer Selbstsucht zu helfen. Aber wenn ihr in Wahrheit sagen könnt: „Ich lebe zur Ehre Gottes und wünsche das tägliche Leben, das ich führe, ganz seiner Ehre zu weihen,“ dann könnt ihr euch diese Verheißung aneignen: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Aber, merkt´s euch, es ist noch ein Anderes dabei: Wir müssen, wenn wir diese Verheißung haben sollen, Gott mit in unsre Berechnung aufnehmen. Viele Menschen gehen an das, was sie ihr Lebenswerk nennen, ohne an Gott zu denken. Ich hörte von Jemand, der sagte, Jeder hätte ihn verlassen und ein Andrer erwiderte: „Aber gewiß, da Sie ein Christ sind, hat Gott sie nicht verlassen!“ „O,“ sagte er, „ich vergaß Gott.“ ich fürchte, es gibt Viele die sich Christen nennen und doch Gott im täglichen Leben vergessen. Unter allen Kräften, auf die ein Mann rechnet, wenn er sich in ein Unternehmen einläßt, sollte er niemals die Hauptkraft auslassen, aber oft ist das bei uns der Fall. Wir fragen: „Bin ich fähig zu solchem Werk? Ich sollte es unternehmen, aber bin ich fähig?“ Und sogleich wird eine Berechnung der Fähigkeiten gemacht. Und unter diesen Fähigkeiten wird kein Item niedergeschrieben: „Item, die Verheißung des lebendigen Gottes. Item, die Leitung des Geistes.“ Diese werden aus der Berechnung weggelassen. Bedenkt, wenn ihr sie eigenwillig weglaßt, könnt ihr nicht erwarten, euch derselben zu erfreuen. Ihr müßt im Glauben wandeln, wenn ihr die Vorrechte der Gläubigen genießen wollt. „Der Gerechte wird seines Glaubens leben,“ und wenn ihr anfangt, eures Verstandes zu leben, so werdet ihr das Weinen und Heulen Jener teilen, die zu „durchlöcherten Brunnen“ gegangen sind und sie leer gefunden haben; und eure Lippen werden vor Durst vertrocknen, weil ihr die Quelle des lebendigen Wassers vergessen habt, zu der ihr hättet gehen sollen. Nehmt ihr, Brüder und Schwestern, Gott beständig mit in eure Berechnungen auf? Rechnet ihr auf allwissende Führung und allmächtige Hilfe? Ich habe von einem gewissen General gehört, der seine Truppen in eine sehr schwierige Stellung hineingeführt hatte und wußte, daß es nötig sei, sie am andern Tage Alle voll Mut zu sehen; deshalb verkleidete er sich und ging beim Anbruch der Nacht zu ihren Zelten und horchte auf ihre Unterhaltung, bis er Einen sagen hörte: „Unser General ist ein großer Krieger und hat viele Schlachten gewonnen, aber diesmal hat er einen Fehler gemacht; denn, sehet, da sind so viele Tausende des Feindes und er hat nur so und so viele Infanterie, so und so viele Kavallerie und so und so viele Kanonen.“ Der Soldat machte die Rechnung auf und war gerade im Begriff, die geringe Totalsumme zu ziehen, als der General, unfähig, es länger zu ertragen, den Vorhang des Zeltes bei Seite schob und sagte: „Und für wie Viele rechnen Sie mich, Herr? - als wollte er sagen: „Ich habe so viele Schlachten gewonnen, daß ihr wissen solltet, daß meine Geschicklichkeit die Bataillone zu vervielfältigen vermag durch die Art, wie ich sie benutze.“ So hört der Herr seine Diener abschätzen, wie schwach sie sind und wie wenig sie tun können und wie wenige Helfer sie haben, und ich meine, ich höre ihn verweisend sagen: „Und für wie viele rechnet ihr euren Gott? Soll er nimmer mit in euren Anschlag kommen? Ihr sprecht von vorsehen und vergeßt den Gott der Vorsehung; ihr sprecht von wirken, aber ihr vergeßt den Gott, der in euch wirket das Wollen und Vollbringen nach seinem eignen Wohlgefallen.“ Wie oft haben kluge Leute uns in unsern Unternehmungen beim Ärmel gezupft und gesagt, wir wären zu weit gegangen. Ob wir darauf rechnen könnten, im Stande zu sein, das auszuführen, was wir begonnen? Nein, wir konnten nicht darauf rechnen, ausgenommen, daß wir an Gott glaubten und daß mit Gott alle Dinge möglich sind. Wenn es sein Werk ist, so können wir uns weit über die Seichtheit der Klugheit hinein in die große Tiefe des Vertrauens auf Gott wagen, denn Gott, der uns zum Glauben bevollmächtigt hat, wird diesen binnen Kurzen zu Ehren bringen. O Christ, wenn du wagen kannst und fühlen, daß es kein Wagen ist, dann darfst du die Verheißung ergreifen: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Wenn du auf eignen Füßen stehst, magst du gegen einen Stein anstoßen, wenn du in deiner eignen Kraft läufst, magst du ermatten; aber „die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“

Bedenkt indes, daß wir uns diese Verheißung aneignen dürfen, wenn wir Gottes Werk tun oder wenn wir unser gewöhnliches Geschäft zu einem Werk für Gott umwandeln und wenn wir wirklich durch den Glauben Gott in unsre Berechnung aufnehmen; aber wir müssen auch Sorge tragen, daß wir in Gottes Wegen wandeln. Beachtet, daß der nächste Vers nach unserm Texte lautet: „Sei stark und unverzagt,“ und der siebente Vers ist ein sehr eigentümlicher: „Sei nur getrost und sehr freudig, daß du haltest, und tust allerdinge nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten, noch zur Linken, auf daß du weislich handeln mögest in allem, das du tun sollst.“

„Sei getrost und unverzagt.“ („Sei stark und sehr mutig“ engl. Übers.) Weshalb? Um zu gehorchen? Ist Stärke und Mut nötig, um zu gehorchen? Wie? Heutzutage hält man den Mann für mutig, der keine Gesetze Gottes haben will, die ihn binden; und Der wird für einen starken Geist gehalten, der die Offenbarung verspottet. Aber laßt uns gewiß sein, daß derjenige wirklich stark im Geiste und im Herzen ist, der es zufrieden ist, für einen Narren gehalten zu werden und der an der guten alten Wahrheit festhält und an der guten alten Weise. Es gibt heutzutage genug „intellektuelle“ Prediger; möge es Einigen von uns gestattet sein, diesem gepriesenen „Intellektualismus“ fern zu bleiben, damit wir das einfache Evangelium predigen können. Es gibt genug, welche die Theologie mit den kalten Nebeln des „modernen Zeitbewußtseins“ umwölken können; wir sind damit zufrieden, das Wort für sich selbst sprechen zu lassen, ohne es mit unsern Meinungen zu trüben. Ich glaube, man braucht mehr Mut und Geistesstärke, um bei dem Alten festzustehen, als um den neuen und luftigen Spekulationen zu folgen. Wir müssen nicht erwarten, daß der Gott der Wahrheit mit uns sein werde, wenn wir von Gott und seiner Wahrheit weichen.

Nehmt euch in Acht, wie ihr lebt. Es ist gut, jedes Niedersetzen unsers Fußes zu bewachen. Seid genau und pünktlich mit der göttlichen Vorschrift, unbekümmert um menschliche Meinungen, ihnen sogar trotzen, wo sie irrig sind; aber pflichttreu dem Gesetze Gottes, beugt euch demselben, gebt euer ganzes Wesen hin in freudiger Unterwerfung unter jedes Gebot des Höchsten. Wer aufrichtig wandelt, geht sicher und sein ist die Verheißung: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Beginnt euren Lebenslauf in eigner Klugheit und ihr mögt durchkommen, wie ihrs könnt; seid weise in eurer eignen Einbildung und vertraut eurem eignen Urteil und euer Lohn wird sein, daß die Toren euch erheben; aber seid einfach genug, allein den Willen Gottes zu tun, die Folgen ihm zu überlassen und der Wahrheit zu gehorchen, und Reinheit des Charakters und Aufrichtigkeit werden euch erhalten. Fahrt fort, Recht zu tun, was es auch koste und das Recht wird euch belohnen, für alles, was es euch gekostet und der gerechte Herr wird seinem Worte treu sein: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Dies, glaube ich, sind die Bedingungen, unter welchen jeder Gläubige die Worte unsers Textes auf sich beziehen kann.

III.

Aber nun laßt uns drittens betrachten, was diese Verheißung nicht ausschließt. „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Wir müssen dieses gnadenreiche Wort nicht mißverstehen, damit wir uns nicht getäuscht fühlen, wenn Dinge geschehen, die gegen unsre Erwartung sind.

Diese Verheißung hemmt nicht die Anstrengung unsrer Kräfte. Viele Irrtümer finden in Betreff der Verheißungen Gottes statt. Einige meinen, wenn Gott mit ihnen sei, so hätten sie gar nichts zu tun. Josua fand dies nicht. Er und seine Truppen hatten die Amoriter, Hethiter und Heviter zu töten, die in der Schlacht fielen. Er hatte zu fechten und seinen Arm und sein Schwert zu brauchen, gerade als wenn es gar keinen Gott gebe. Das Beste und Weiseste in der Welt ist, zu arbeiten, als wenn alles von euch abhinge und dann auf Gott zu trauen in dem Bewußtsein, daß alles von ihm abhängt. Er will uns nicht verlassen, aber darum sollen wir nicht die Arme ineinander schlagen und stille sitzen. Er will nicht von uns weichen; aber darum sollen wir uns nicht zu Bette legen und erwarten, daß uns das tägliche Brot in den Mund fällt. Ich habe faule Leute gekannt, die sagten: „Jehova - Jireh - der Herr siehet“ (1. Mose 22,14) und mit ihren Füßen vor dem Feuer saßen, ihre Arme kreuzten und träge und nachlässig waren; und meistens hat ihre Vermessenheit so geendet - Gott hat sie mit Lumpen und schmalen Bissen versorgt und in kurzer Zeit mit einem Platz im Bezirksgefängnis, die allerbeste Versorgung scheint mir, die es für faule Leute gibt und je eher sie dieselbe bekommen, desto besser für die menschliche Gesellschaft. O nein, nein, nein, nein, Gott schiebt unsrer Trägheit nicht Kissen unter, und Jeder, der glaubt, in dieser Welt mit irgend etwas Gutem vorwärts zu kommen ohne Arbeit, ist ein Tor. Legt eure ganze Seele hinein in den Dienst Gottes und dann werdet ihr Gottes Segen erhalten, wenn ihr auf ihn vertraut. Selbst Mohammed wußte dies zu würdigen. Als Einer von seinen Anhängern sagte: „Ich will mein Kamel losbinden und auf die Vorsehung trauen,“ erwiderte er: „Nein, nein, binde es an, so fest du kannst und dann traue auf die Vorsehung.“ Oliver Cromwell zeigte auch einen gesunden Menschenverstand in seiner Ansicht von dieser Sache. „Vertrauet auf Gott,“ sagte er, als sie zur Schlacht gingen, „aber haltet euer Pulver trocken.“ Und das müssen wir auch. Ich glaube nicht, daß Gott will, seine Diener sollen wir Toren handeln. Alle Vernunft, die ein Mensch nur hat, sollte er in dem Dienste Gottes anwenden. Gesunder Menschenverstand ist vielleicht etwas so Seltenes bei christlichen Leuten, wie Lachs in der Themse. Des Teufels Diener haben mehr Klugheit in ihrem Geschlecht als die Kinder des Lichts, aber es sollte nicht so sein. Wenn ihr wünscht, daß es euch gelinge, braucht jede Fähigkeit, die ihr habt und wendet alle eure Kraft auf; und wenn es eine gute Sache ist, so könnt ihr dann auf die Verheißung trauen: - „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Ebenso wenig schließt diese Verheißung ein jeweiliges Fehlschlagen aus. Nachdem Josua dies Versprechen erhalten, zog er hinauf nach Ai und erlitt eine fürchterliche Niederlage dort, weil die Kriegsvorschriften verletzt waren. Sie hatten den Herrn um einen Teil der Beute von Jericho betrogen, der in Achans Zelt verborgen war und dies brachte Israel Unglück. Ja, und ohne Verletzung des Gesetzes muß der beste Mann in der Welt in dem erfolgreichsten Unternehmen doch erwarten, daß einiges Entmutigende kommen wird. Blickt auf das Meer; es wälzt sich heran, es wird binnen Kurzem zur vollen Flut aufsteigen, aber jede Welle, die herauf kommt, stirbt auf dem Ufer; und nach zwei oder drei großen Wellen, welche die Ufersteine als Beute zu verschlingen scheinen, kommt eine schwächere, die wieder zurücksinkt. Wohl, aber das Meer wird doch gewinnen und seine Höhe erreichen. So ist in jedem guten Werk für Gott dann und wann eine wiederum zurückfließende Welle. In der Tat, Gott läßt manchmal seine Diener zurückgehen, damit sie um so mehr Raum zum Anlauf haben und einen größeren Sprung machen können, als sie es von dem Platze aus gekonnt, wo sie vorher standen. Niederlagen sind in der Hand des Glaubens nur Vorbereitungen zum Siege. Wenn wir eine Weile geschlagen sind, so wetzen wir unser Schwert um so schärfer und das nächste Mal tragen wir desto mehr Sorge, unsre Feinde kennen zu lehren, wie scharf es ist. Laßt deshalb kein zeitweiliges Mißlingen euch entmutigen; wir Menschen sind dem unterworfen und es ist ein notwendiger Teil unsrer Erziehung. Geht vorwärts. Gott wird euch sicherlich auf die Probe stellen, aber er wird euch nicht verlassen, noch von euch weichen.

Diese Verheißung schließt auch häufige Trübsale und Glaubensproben nicht aus. Der berühmte Franke, der das Waisenhaus in Halle baute und in der Hand Gottes, es versorgte, sagt in seiner Autobiographie: „Ich glaubte, als ich mich und mein Werk dem Herrn im Glauben befahl, daß ich nur zu beten brauchte, wenn ich in Not wäre und daß die Hilfe dann kommen würde; aber ich fand, daß ich oft lange Zeit warten und beten mußte.“ Die Hilfe kam, aber nicht sogleich. Die Verlegenheit ward nie zum gänzlichen Mangel; aber es gab Zwischenräume voll harten Druckes. Es war nichts übrig. Jeder Löffel voll Mehl mußte. vom Boden des Fasses geschabt werden und jeder Tropfen Öl, der herausfloß, schien der letzte zu sein; aber doch kam es nie bis zum letzten Tropfen und immer war noch ein wenig Mehl übrig. Brot soll uns gegeben werden, aber nicht immer in 12-Pfund-Laiben; Wasser ist uns sicher, aber nicht immer ein Bach voll, es mag nur in kleinen Bechern kommen. Gott hat nicht verheißen, irgend Einen von uns in den Himmel zu nehmen ohne Prüfungen des Glaubens. Er wird euch nie verlassen, aber er wird euch tief herunter bringen. Er wird nicht von euch weichen, aber er wird euch versuchen und auf die Probe stellen. Ihr werdet oft all euren Glauben nötig haben, um euren Mut aufrecht zu halten; und falls Gott euch nicht befähigt, zu glauben ohne zu zweifeln, so werdet ihr euch zu Zeiten sehr beunruhigt fühlen. Nun, sind Einige von euch bis an den Rand des Mangels in Gottes Werk gebracht worden? Es ist eine Lage, in der ich oft gewesen bin (Spurgeon hat ein Waisenhaus für 230 Knaben und ein College, worin zur Zeit 80 - 90 Studenten zum Predigtamt ausgebildet werden. Beide Institute werden nur von freiwilligen Gaben unterhalten. A. d. V.) - Gott sei Dank, sehr oft - und ich bin immer daraus befreit worden; darum kann ich aus Erfahrung sagen, daß wir dem Herrn trauen können; er gibt nicht zu, daß die Gläubigen zu Schanden werden. Er hat es gesagt und er wird es auch halten - „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Lieben Freunde, ich möchte noch einmal sagen, daß diese Verheißung nicht ausschließt, daß wir sehr schwer leiden, und daß wir sterben, nach dem Urteil der Menschen, vielleicht eines traurigen und schrecklichen Todes sterben. Gott verließ Paulus nie, aber ich habe die Stelle gesehen, wo sein Haupt abgeschlagen wurde. Der Herr verließ Petrus nie, aber Petrus hatte wie sein Meister den Tod der Kreuzigung zu sterben. Der Herr verließ die Märtyrer nie, aber sie mußten den feurigen Wagen auf gen Himmel fahren. Der Herr hat nie seine Kirche verlassen, aber oft ist seine Kirche unter die Füße getreten, wie das Stroh für den Dunghaufen getreten wird; ihr Blut ist über die ganze Erde gesprengt und sie hat gänzlich zerstört geschienen. Dennoch ist, wie ihr wißt, die Geschichte der Kirche nur ein anderer Beleg für meinen Text; Gott ist nicht von ihr gewichen, noch hat er sie verlassen; in dem Tode ihrer Heiligen lesen wir nicht Niederlage sondern Sieg; wenn sie Einer nach dem Andern hinweggingen, Sterne, die aufhörten hier unten zu scheinen, so schienen sie mit zehnfachem Glanze am oberen Himmel, um der Wolken willen, durch welche sie gegangen, ehe sie ihre himmlischen Sphären erreichten. Geliebte, wir mögen in einem Gethsemane zu seufzen haben, aber Gott will uns nicht verlassen; wir mögen auf einem Golgatha zu sterben haben, aber Gott will nicht von uns weichen. Wir sollen wiederum auferstehen und wie unser Meister durch den Tod zum Triumphe ging, so werden wir durch die größten Leiden und die furchtbarsten Niederlagen zu seinem Thron aufsteigen.

IV.

Ich muß weiter gehen und euch ein paar Minuten lang mit einem vierten Punkte beschäftigen, mit diesem: Was meint denn unser Text, wenn alle diese Trübsal doch über uns kommen kann? Er bedeutet für die, denen er angehört, zuerst kein Mißlingen ihres Werkes, zweitens, kein Verlassenwerden ihrer selbst.

„Ich will dich nicht verlassen.“ Eure Arbeit soll nicht vergeblich im Herrn sein. Was ist die eure? Ist es das große Werk, das Evangelium den Tausenden zu predigen? Gott will euch darin nicht verlassen. Ich erinnere mich, wie ich vor zwanzig Jahren in der Schlichtheit meines Herzens predigte und ein wenig Aufregung entstand, aber die weisen Männer scherzten darüber und sagten, in sechs Monaten würde Alles zu Ende sein. Wir gingen weiter, nicht wahr? Und nach und nach, wenn immer größere Mengen zuhörten, da war es „eine vorübergehende Erregung, eine Art von religiöser Epilepsie:“ es würde alles vorbei sein, wie ein Pulverblitz auf der Pfanne. Ich möchte wissen, wo diese Propheten jetzt sind. Wenn einige von ihnen hier sind, so hoffe ich, sie werden sich behaglich fühlen in der unerfüllten Prophezeiung, die sie jetzt mit einem gewissen Maße von Befriedigung studieren können. Tausende auf der Erde und Hunderte im Himmel können erzählen, was Gott getan hat. Ist es eine andre Art von Arbeit, lieber Bruder, worin du beschäftigt bist? Ein sehr stilles, nicht in die Augen fallendes, unbemerktes Unternehmen? Wohl, mich sollte es nicht wundern, wenn Jemand darüber spottet, so gering es auch ist. Es gibt kaum einen David in der Welt ohne einen Eliab, der seiner lacht. Strebe vorwärts, Bruder! Bleibe dabei, laß dir´s sauer werden, arbeite angestrengt, traue auf Gott und dein Werk wird nicht fehlschlagen. Wir haben von einem Prediger gehört, der in einem ganzen Jahre ernster Arbeit nur Einen in seine Kirche aufnehmen konnte, - nur Einen, eine traurige Sache für ihn; aber dieser Eine war Robert Mossat (ein Missionar, der viel gewirkt. A. d. V.) und der wog tausend der Meisten von uns auf. Fahre fort. Wenn du nur Einen zu Christo bringst, wer kann den Wert dieses Einen schätzen? Deine Klasse in der Sonntagsschule ist gerade jetzt sehr klein; Gott scheint nicht da zu wirken. Bete dafür, bringe mehr Schüler in die Klasse, lehre besser, und selbst wenn du keinen unmittelbaren Erfolg sehen solltest, glaube nicht, daß alles verfehlt ist. Es ist noch nie eine wirklich evangelische predigt mit Glauben und Gebet gehalten worden, die ganz fruchtlos war. Seit dem Tage, wo Christus, unser Meister, zuerst das Evangelium predigte, bis zu diesem Tage - ich wage das zu sagen - war niemals ein wahrhaftes Gebet, das ganz fehlschlug, noch eine wahrhafte Verkündigung des Evangeliums, im rechten Geiste geschehen, die auf den Boden fiel, ohne Frucht zu bringen, nach dem Wohlgefallen des Herrn. Feure nur zu, Bruder. Jeder Schuß trifft irgendwo, denn in der himmlischen sowohl wie in der irdischen Kriegsführung hat „jede Kugel ihr Ziel.“

Und dann wirst du selber keine Verlassenheit erfahren, denn dein himmlischer Freund hat gesagt: „Ich will dich nicht verlassen.“ Du wirst nicht allein oder ohne einen Helfer sein. Du denkst daran, was du in deinem Alter tun sollst. Denke nicht daran: denke, was Gott für dich in deinem Alter tun wird. O, aber deine große Bedürftigkeit und lange Krankheit werden deine Freunde müde machen, sagst du. Vielleicht werden deine Freunde ermüden, aber du wirst deinen Gott nicht müde machen, und er kann dir neue Helfer erwecken, wenn die alten dich im Stich lassen. O, aber du hast so viele Gebrechen und diese werden dich bald niederwerfen, du kannst unter solchen Umständen nicht lange leben. Nun wohl, dann wirst du im Himmel sein und das ist viel besser. Aber du fürchtest eine langwierige Krankheit. Sie wird vielleicht niemals kommen; und gesetzt, sie käme, denke daran, was mit ihr kommen wird - „ich will ihm sein Bette in all seiner Krankheit machen.“ - (Psalm 41,4 engl. Übers.) „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen,“ - so lautet die Verheißung. „fürchte dich nicht und erschrick nicht, denn ich bin dein Gott.“ „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Du sollst nicht einsam sein. Du sollst nicht deine Hände in Verzweiflung ringen und sagen: „Ich bin ganz elend,“ gleich wie ein Rohrdommel in der Wüste, - ganz verlassen, wie ein Käuzlein in den verstörten Stätten.“ Der mächtige Gott Jakobs verläßt die Seinen nicht.

V.

Und dies bringt mich zu dem letzten Punkt, der dieses ist: Warum können wir ganz sicher sein, daß diese Verheißung an uns erfüllt wird?

Ich antworte zuerst, wir können ganz sicher sein, weil es Gottes Verheißung ist. Hat irgend eine von Gottes Verheißungen je gefehlt? Es gibt Leute in der Welt, die uns täglich herausfordern und sagen: „Wo ist euer Gott?“ Sie leugnen die Wirksamkeit des Gebetes; sie leugnen die Einwirkungen der Vorsehung. Wohl, es wundert mich nicht, daß sie dies leugnen, weil die große Menge der Christen weder die Erhörung des Gebetes noch die Einwirkung der Vorsehung wahrnimmt, aus dem Grunde, weil sie nicht in dem Lichte von Gottes Angesicht oder nicht im Glauben leben. Aber der, welcher im Glauben wandelt, wird euch sagen, daß er die Vorsehung wahrnimmt und daß es ihm niemals an einer Vorsehung fehlt, die er wahrnehmen kann, - daß er Erhörungen seiner Gebete erfährt und niemals ohne eine Erhörung seines Gebetes ist. Was Andern ein Wunder ist, wird dem, der an Christo glaubt, eine gemeine Sache des täglichen Lebens. Wo Gott sein Wort gegeben hat: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen,“ laßt es uns glauben, denn

„Sein Gnadenwort hat mächt´ge Kraft,
Gleich jenem Wort: „Es werde Licht,“
Die Stimme, welche Welten schafft,
Sie ist´s, die die Verheißung spricht.“

Seid versichert, wenn ein Mann berufen ist, Gottes Werk zu tun, wird Gott ihn nicht verlassen, weil es nicht Gottes Weise ist, seine Diener im Stich zu lassen. David befahl an dem dunklen Tage seiner Sünde dem Joab, Uria den Hethiter hinzustellen, wo der Streit am härtesten sei und sich von ihm abzuwenden, damit er durch die Hand der Kinder Ammon sterbe. War es nicht grausam? Es war niedrig und verräterisch im höchsten Grade. Könnt ihr von dem Herrn etwas so Unwürdiges befürchten? Gott verhüte das! Meine Seele hat es gekannt, was es heißt, den Herrn in dieser Art zu flehen - Herr, du hast mich in eine schwierige Lage gesetzt und mir Dienste für dich aufgetragen, die weit über mein Vermögen gehen. Ich habe nie einen hervorragenden Platz begehrt und wenn du mir jetzt nicht hilfst, warum hast du mich dahin gestellt? „Ich habe immer gefunden, daß solche Gründe bei Gott etwas vermögen. Er will nicht seine Knechte in harten Kampf treiben und sie dann verlassen.

Gedenkt außerdem daran, daß wenn Gottes Diener unterliegen, so würde der Feind, falls sie wirklich Gottes Knechte sind, sich erheben und sich wider den Herrn selber rühmen. Dies war ein Hauptpunkt für Josua in späteren Tagen. Er sagte: „Wenn das die Kanaaniter und alle Einwohner des Landes hören, so werden sie uns umgeben und auch unsern Namen ausrotten von der Erde. Was willst du denn bei deinem großen Namen tun?“ Wenn der Herr Luther erweckt und ihm nicht hilft, dann ist´s nicht Luther, der unterliegt, es ist Gott nach Ansicht der Welt, der unterliegt. Wenn der Herr einen Mann sendet, um von einer Wahrheit zu zeugen und des Mannes Zeugnis ganz zusammen bricht, dann ist´s in dem Urteil der Menschen die Wahrheit, welche zusammenbricht und es bringt Gott und der Wahrheit Unehre, und das will er nicht haben. Wenn er das schwächste braucht, so wird er seinen Gegner damit zu Schanden machen und sie sollen nie sagen, daß der Herr besiegt ward.

Ferner, wenn Gott dich erweckt hat, mein Bruder oder meine Schwester, um durch euch eine Absicht auszuführen, denkt ihr, daß er überwunden werden kann? Ward jemals einer seiner Zwecke vereitelt? Ich habe Prediger davon reden hören, der freie Wille des Menschen könne Gott widerstehen und des Menschen Verderbtheit könnte seine Zwecke vereiteln und ich weiß nicht was. Aber solch ein Gott ist nicht der meine. Mein Gott ist einer, der seinen Willen hat und haben wird; der wenn er etwas beabsichtigt, es auch ausführt; er ist ein Gott dessen Allmacht Niemand widerstehen kann, in Betreff dessen gesagt wird: „Niemand kann seiner Hand wehren, noch zu ihm sagen: was machst du?“ Der mächtige Gott Jakobs legt seine Hand an ein Vorhaben und führt es durch, so gewiß er es beginnt; die Schwachheit des Instrumentes in seiner Hand hindert ihn nicht, noch schreckt ihn der Widerstand seiner Feinde ab. Glaubt nur an ihn und schwach wie ihr seid, werdet ihr Wunder vollbringen und in eurer Schwachheit wird Gottes Kraft verherrlicht werden.

Außerdem, meine Brüder, wenn wir Gott trauen und für Gott leben, liebt er uns viel zu sehr, um uns zu verlassen. Es ist nicht, als wenn wir Fremde, Ungehörige, Ausländer wären - Mietstruppen, die der Fürst, welcher sie mietet, in Stücke hauen läßt: nein, wir sind seine eignen lieben Kinder. Gott sieht sein eignes Selbst in all seinen Dienern. Er sieht in ihnen die Glieder an dem Leibe seines lieben Sohnes. Der Allergeringste unter ihnen ist ihm teuer wie der Apfel seines Auges und lieb wie seine eigne Seele. Es kann nicht gedacht werden, daß er jemals eine Last auf seiner Kinder Schulter legen wird ohne ihnen Kraft zu geben, die Bürde zu tragen oder sie zu Arbeiten senden wird, ohne ihnen die angemessene Hilfe zu gewähren. O, seid stille dem Herrn ihr Gläubigen. „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn,“ denn er wird erscheinen, euch zu retten. Hat er nicht gesagt: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Während ich so Gutes und Freudiges aus dem Worte hervorgebracht habe, hab ich an euch gedacht, arme Seelen, die nichts davon genießen und nicht daran teilnehmen können. Es freut mich, euch hier zu sehn, besonders am Donnerstag abend, denn nicht jeder Unbekehrte kommt zu diesen Wochengottesdiensten. Ihr müßt einen Hunger nach diesen guten Dingen haben oder ihr würdet nicht in solcher Anzahl hier sein. Ich hoffe euer Mund wässert nach den guten Dingen des Bundes. Ich hoffe, wenn ihr die Verheißungen Gottes auf dem Tische erblicket und seht, wie reich sie sind, werdet ihr zu euch sagen: „Wollte Gott, ich hätte einen Teil daran.“ Wohl, arme Seele, wenn Gott dir einen Hunger gibt, kann ich nur sagen: Die Speise steht dir frei. Wenn du Gott als deinen Helfer haben willst, - wenn du wirklich durch Christum gerettet werden willst - komm und sei willkommen, denn du bist die Seele, die er zu segnen wünscht. Wenn du einen halben Wunsch nach Gott hast, so hat er ein Sehnen nach dir. Wenn du nach ihm verlangst, so kommst du ihm nicht zuvor; verlaß dich darauf, er hat lange vorher nach dir verlangt. Komm zu ihm, ruhe in ihm, nimm das Versöhnungsopfer an, das sein Sohn dargebracht; beginne das Glaubensleben im rechten Ernst und ihr werdet finden, daß alles, was ich gesagt habe, wahr ist, nur daß es noch der vollen Wahrheit nicht gleichkommt, denn ihr werdet sagen, wie die Königin von Saba, als sie Salomons Herrlichkeit gesehen: „Mir ist nicht die Hälfte gesagt.“ Gepriesen sei der Herr für immer, der mein armes Herz gelehrt hat, an ihn zu glauben und zu leben von ungeschehenen Wirklichkeiten und zu ruhen in einem treuen Gott! Es gibt keinen Frieden und keine Freude, die dem gleicht, oder es wert ist, mit demselben an einem Tage genannt zu werden. Gott gebe sie Jedem von euch, Geliebte, um seines Namens willen. Amen. 

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