Spurgeon, Charles Haddon - Sein Name: Rat

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, der die Herrschaft hat auf seiner Schulter; und Er heißt Wunderbar, Rat.“
Jes. 9,6

Wir haben schon den ersten Namen „Wunderbar“ betrachtet, heute wenden wir uns zum zweiten: „Rat.“ Ich brauche die Bemerkung nicht zu wiederholen, daß diese Titel nur dem Herrn Jesus Christus angehören, und daß wir diese Stellen nicht verstehen können, außer wenn wir sie auf den Messias beziehen -den Fürsten. Durch einen Rat ward diese Welt verderbt. War's nicht Satanas, der sich in die Schlange verbarg, und dem Weib mit bezaubernder Arglist den Rat gab, sie sollte nehmen von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen, in der Hoffnung, Gott gleich zu sein? War's nicht jener schlimme Rat, welcher unsre erste Mutter zum Ungehorsam gegen ihren Schöpfer verleitete, und brachte er nicht als Folge der Sünde den Tod in diese Welt mit seinem ganzen Gefolge von Schmerzen?

Ach, Geliebte! es war gut, daß der Welt ein Berater gegeben ward, der sie wieder herstellen konnte, nachdem sie durch einen bösen Berater war verderbt worden. Durch einen Rat war sie gefallen, und wahrlich, ohne einen Rat hätte sie nimmermehr können wieder aufgerichtet werden. Aber beachtet die Schwierigkeiten, welche solch einen Rat umringten. Es ist ein Leichtes, zum Unheil zu raten; aber wie schwer, weisen Rat zu geben! Niederreißen ist leicht, aber wie schwer der Aufbau! Diese Welt zu verwirren und ihr das ganze Heer der Übel aufzubürden, war etwas Leichtes. Ein Weib pflückte den Apfel und es war geschehen; aber in diese Verwirrung wieder Ordnung zu bringen, die Übel auszutilgen, die diese schöne Erde verheerten, das war wahrlich eine Arbeit, und „Wunderbar“ war dieser Gesalbte Gottes, der hervorging, das Werk zu unternehmen, und der in seiner vollendeten Weisheit es gewiß auch vollendet hat, zu seiner Ehre und Herrlichkeit und uns zum Trost und zum Heil.

Wir wollen uns nun mit der Betrachtung dieser Bezeichnung beschäftigen, welche Christo beigelegt wird, eine Bezeichnung, die unserm Erlöser ganz besonders zukommt; und ihr werdet sehen, warum sie ihm zukommen mußte, und warum ein solcher „Rat“ notwendig war.

Nun, unser Herr Jesus Christus ist ein Rat in dreifachem Sinne. Erstens ist Er Gottes Ratgeber; Er sitzt im Ratszimmer des himmlischen Königs; Er hat Zutritt zum innersten Gemach, und ist bei Gott ein Ratgeber. Zweitens ist Christus ein Rat in dem Sinne, wie ihn die griechische Übersetzung mit diesem Ausdruck verbindet. Christus wird der Engel des Ratschlusses genannt. Er ist ein Rat darin, daß Er uns als Stellvertreter Gottes mitteilt, was im Ratschluß Gottes vor Grundlegung der Welt beschlossen war. Und drittens ist Christus ein Rat an uns und für uns, weil wir uns bei Ihm Rats erholen dürfen und Er uns ratet und anleitet, zu gehen auf rechter Straße und auf dem Weg des Friedens.

I.

Christus darf wohl Rat genannt werden, denn Er ist Gottes Ratgeber. Und davon wollen wir mit Ehrfurcht reden, denn wir treten hier auf ein ganz besonders erhabenes Gebiet. Es ist uns geoffenbart, daß ehe denn die Welt war, da Gott die Sterne noch nicht erschaffen hatte, noch ehe die Feste des Himmels sich wölbte, Gott einen feierlichen Rat bei sich selbst hielt. Vater, Sohn und Geist pflegten eine geheimnisvolle Beratung mit einander, was sie tun wollten.

Diese Beratung wurde, obgleich wir aus der heil. Schrift nur wenig davon vernehmen, nichts desto weniger gewiß gehalten; wir haben zahlreiche Spuren davon; denn obgleich es eine dunkle Lehre ist, wegen des übergroßen Lichtglanzes, zu welchem kein Mensch sich nahen kann, und obgleich sie nicht einfach und leichtfaßlich dargelegt ist, wie manche andere Lehren, so haben wir doch fortlaufende Spuren und gelegentliche Erwähnungen dieses großen, ewigen und wunderbaren Rats, der unter den drei hochgelobten Personen der heiligen Dreieinigkeit abgehalten wurde, ehe denn die Welt ihren Anfang nahm. Unsere erste Frage bei uns selbst ist, warum Gott überhaupt einen Rat hielt? Und hier müssen wir antworten, daß Gott nicht aus irgend einem Mißtrauen in seine Weisheit einen Rat hielt, denn Gott weiß Alles von Anfang an; sein Wissen umfaßt Alles und Jedes, was edel ist, und unendlich umfassend ist dieses Wissens Summe, unermeßlich höher denn Alles, was bei uns edel heißt. Deine Gedanken, o Gott, sind unausforschlich (Jes. 40, 28.), und Du weißt Dinge, die keine menschliche Erkenntnis je erreicht.

Auch hielt Gott nicht etwa einen Rat, um seines Vorhabens gewisser zu werden. Oft wenn Menschen beschlossen haben, was sie unternehmen wollen, suchen sie noch Rat bei ihren Freunden, weil sie sagen: „Wenn ihre Ansicht mit der meinigen übereinstimmt, so bin ich mehr befriedigt, und ich werde in meinem Entschluß bestärkt.“ Aber Gott ist allezeit seiner Sache gewiß, und kennt nicht den Schatten eines Zweifels, der seinen Entschluß verdunkeln könnte; darum ward der Rat nicht um solcher Ursache willen oder in solcher Absicht gehalten. Noch ward er gehalten mit Rücksicht auf eine Entschließung. Die Menschen nehmen oft Wochen oder Monate, selbst Jahre, um eine Sache, die mit Schwierigkeiten verbunden ist, auszudenken; sie müssen mit vieler Mühe den richtigen Weg ausfindig machen; umgarnt von geheimnisvollen Fäden müssen sie zuerst dies, dann jenes beseitigen, ehe sie die bare, klare Wahrheit herausfinden. Nicht also Gott. Gottes Ratschlüsse sind Lichtblitze; sie sind so weise, wie wenn Er seit ewigen Zeiten darüber nachgedacht hätte; aber die Gedanken seines Herzens, obgleich schnell wie der Blitz, sind so vollkommen wie das ganze Weltall in seiner unvergleichlichen Ordnung. Der Grund, warum Gott als beratschlagend hingestellt ist, ist, wenn ich's richtig treffe, der: daß wir verstehen könnten, wie weise Gott ist. „Wo viel Ratgeber sind, da gehet es wohl zu“ (Spr. 11, 14.).

Wir müssen berücksichtigen, daß im Rat der ewigen Gottheit jede Person der ungeteilten Dreifaltigkeit allwissend und allweise ist, und daher die Summe aller Weisheit hier beisammen war. Und wiederum geschah es um der Einmütigkeit und Einstimmigkeit der heiligen Personen willen: Gott der Vater hat weder bei der Schöpfung, noch bei der Erlösung etwas für sich allein gemacht. Jesus Christus hat nichts für sich allein gemacht; denn sogar das Werk seiner Versöhnung, obwohl Er in gewissem Sinn allein gelitten hat, erforderte die unterstützende Wirksamkeit des heil. Geistes und die anerkennende Billigung des Vaters, ehe es konnte vollbracht werden. Gott sprach nicht: „Ich will Menschen machen,“ sondern: „Lasset uns Menschen machen, nach unserm Bilde“ (1 Mos. 1, 26.). Gott sprach nicht bloß: „Ich will erlösen,“ sondern es folgt aus den Erklärungen der heil. Schrift, daß es die Absicht der drei Personen der hochgelobten Dreieinigkeit war, ihnen ein Volk zu erlösen, das ihr Lob verkündigen sollte. Es geschah darum um unsertwillen, nicht um Gottes willen, daß der Rat gehalten ward-auf daß wir erkennten die Einmütigkeit der göttlichen Personen und die tiefe Weisheit ihrer Absichten.

Aber noch eine andere Bemerkung in Beziehung auf die Beratung. Man könnte fragen: „Welches waren die Bestimmungen, über welche bei dieser ersten Beratung gehandelt wurde, die gehalten ward, ehe das Tagesgestirn seinen Ort kannte und die Planeten in ihren Bahnen sich rollten?“ Wir antworten: „Der erste Gegenstand war die Schöpfung.“

In der Stelle Spr. Kap. 8 wird uns gesagt, daß der Herr Jesus Christus, der sich dort als die Weisheit hinstellt, bei Gott war vor Erschaffung der Welt; und wir haben allen Grund, zu glauben, daß wir dies so zu verstehen haben, daß Er nicht bloß in Gottes Gesellschaft war, sondern mit Gott wirkte. Zudem haben wir andere Schriftstellen, welche beweisen, daß „alle Dinge sind durch denselbigen geworden, und ohne dasselbige ward nichts, das geworden ist“ (Joh. 1, 3.). Um noch eine andere Stelle anzuführen, welche diese Wahrheit besiegelt, es spricht Gott: „Lasset uns Menschen machen;“ so daß ein Teil der Beratung die Erschaffung der Welt betraf und die Geschöpfe, die sie bewohnen sollten.

Ich glaube, daß in dem erhabenen ewigen Ratschluß die Berge nach Maßen und die Hügel nach Gewichten gemessen wurden; dann ward in dem hohen Rate bestimmt, wie weit das Meer sollte gehen, und wo seine Grenzen sollten sein-wann und wo die Sonne aufgehen und erscheinen solle, als ein Riese aus seiner dunkeln Kammer, und wenn sie wieder sollte zurückkehren zu ihrem Ruhelager. Dann bestimmte Gott den Augenblick, wo Er sagen würde: „Es werde Licht,“ und den Augenblick, wo die Sonne sollte Finsternis und der Mond sollte in Blut verwandelt werden. Dann ordnete Er Gestalt und Rang jedes Engels und das Schicksal jedes Geschöpfs; dann entwarf Er in seinem unendlichen Verstande den himmelanstürmenden Adler und den nagenden Wurm der Scholle. Denn das Kleine wie das Große, das Geringe wie das Erhabene, das verschwindend Kleine wie das Unermeßliche steht unter dem allbeherrschenden Willen Gottes. Da ward das Buch geschrieben, von dem man singt:

„Es steht im Buch vor Gottes Thron
Der Menschen Schicksalsrat,
Und jedes Engels Rang und Kron',
Wie's Gott gezeichnet hat.“

Christus war ein Ratgeber bei der Schöpfung; mit Niemand anders besprach Er sich deshalb; Niemand anders unterrichtete Ihn. Christus war der Rat in allen wunderbaren Werken Gottes.

Der zweite Beschluß, der in diesem Rat beschlossen ward, war das Werk der Vorsehung. Gott verfährt mit dieser Welt nicht wie ein Mensch, der eine Uhr zusammensetzt und sie dann sich selbst überläßt, bis sie abgelaufen ist; er überwacht jede Feder im Gang der Dinge. Er überläßt nichts sich selbst. Wir reden von allgemeinen Naturgesetzen, und die Naturforscher sagen uns, die Welt werde von Gesetzen regiert, und damit wollen sie den Allmächtigen aus dem Spiele lassen. Nun, wie kann ein Volk von Gesetzen regiert werden ohne Obrigkeit, ohne Beamte und Richter, welche die Gesetze ausführen? Und wenn im Gesetzbuch lange alle Gesetze verzeichnet find, ihr schafft aber die Polizei ab und beseitigt jede Behörde, und entfernt den obersten Rat der Landesväter, was nützen dann noch Gesetze? Gesetze können nicht regieren ohne eine höhere Gewalt, die sie ausführt; ebensowenig könnte die Natur in ihren ewigen Bahnen sich fortbewegen durch die bloße Kraft der Gesetze. Gott ist die große Triebkraft aller Dinge; Er ist in Allem. Nicht bloß schuf Er alle Dinge, sondern durch Ihn bestehen alle Dinge. Von Ewigkeit her war Christus der Rat seines Vaters in Beziehung auf die Vorsehung-wann der erste Mensch sollte geboren werden, wann er wandern sollte und wieder erneuert werden-wann die erste Weltherrschaft sich erheben sollte und wann ihre Sonne würde untergehen-wohin sein Volk sollte gebracht werden, wie lang es daselbst bleiben sollte und wohin es ziehen sollte. War's nicht der Allerhöchste, der allen Völkern ihr Erbteil gab? Hat Er nicht die Grenzen unserer Heimat festgesetzt? O, ihr Erben des Himmels! am Tage des großen Ratschlusses bestimmte Christus mit seinem Vater das Gewicht deiner Leiden, die Zahl deiner Gnadenerfahrungen, ob deren viel oder wenige sein sollten, Zeit, Wege und Mittel, wie du solltest zu Ihm kommen. Bedenke, es gibt keinen Vorfall in deinem Leben, den nicht der Fürst über Alles von Ewigkeit her verordnet hat durch Jesu Christi Beirat, zu deinem Besten und um deinetwillen, auf daß Alles zusammenwirke zu deinem ewigen Heil und Segen. Aber, meine Freunde, welche unergründliche Tiefen der Weisheit müssen mit im Spiele gewesen sein, als Gott mit sich selbst über das große Werk der Vorsehung zu Rate ging! Ach, wie scheinen die Wege der Vorsehung euch und mir so unbegreiflich! Ist's nicht, als ob's lauter Zickzacklinien wären, hierhin, dann dorthin, rückwärts und wieder vorwärts, wie der Zug der Kinder Israel durch die Wüste? Ach! meine Brüder, das ist für Gott der gerade Weg. Geradehin geht Gott stets auf sein Ziel; und doch scheint es uns, als gehe Er ums Ziel herum. O, Jakob! der Herr will in Ägyptenland für dich sorgen, wenn Hungersnot in Kanaan einfällt; und Er will deinen Sohn Joseph groß und herrlich machen. Joseph mußte als Sklave verkauft werden; er mußte fälschlich und verräterisch angeklagt werden; er mußte in die Grube geworfen werden und mußte leiden im Turme des Gefängnisses. Aber dennoch verfolgte Gott sein Ziel auf geradem Wege: Er sandte Joseph vor seinen Brüdern her nach Ägypten, daß sie sich könnten mit Brot versehen, und als der teure alte Vater sprach: „Es gehet Alles über mich“ (1 Mos. 42, 36.), da begriff er die Wege der Vorsehung nicht, denn es war nicht ein einziges in der ganzen Reihe der Ereignisse gegen ihn, sondern Alles zu seiner Wohlfahrt geordnet. Lasset uns daraus lernen, die Vorsorge und Vorsehung der Hand des „Rats“ zu überlassen; lassen wir uns überzeugen, daß Er zu weise ist, um sich in seiner Vorherbestimmung zu irren, und zu gütig, um übel zu wollen; und daß im ewigen Rat das Beste beschlossen ward, was konnte beschlossen werden-daß wenn ihr und ich dort gewesen wären, wir's nicht halb so gut gemacht hätten, daß wir aber darüber zu Narren geworden wären auf ewig, wenn wir uns darein hätten mischen wollen. Bleibt versichert, daß wir am Ende sehen werden: Es war Alles gut, und muß gut bleiben ewiglich.

Er ist „Wunderbar, Rat,“ denn Er gab Rat in dem, was die Vorsehung angeht.

Und nun das, was die Gnade betrifft. Auch das ward im ewigen Rat beschlossen. Als die heil. drei Personen in der feierlichen Einsamkeit ihres Alleinseins sich unter einander berieten über die Werke der Gnade, war eines der ersten Dinge, die sie in Betracht zu ziehen hatten, wie Gott gerecht und dennoch ein Rechtfertiger der Gottlosen sein könnte, wie die Welt mit Gott könnte versöhnt werden. Darüber leset im Propheten Sacharja im sechsten Kapitel im dreizehnten Verse; es stehet geschrieben: „Es wird Friedensrat sein zwischen den beiden.“ Der Sohn Gottes und der Vater und der heil Geist beschlossen den Friedensrat. Er ward also geordnet. Der Sohn mußte leiden; Er mußte der Bürge sein und seines Volkes Sünden tragen und an ihrer Statt gepeinigt werden; der Vater mußte des Sohnes Stellvertretung annehmen und sein Volk frei ausgehen lassen, weil Christus ihre Schulden bezahlt hatte. Der heil. Geist und der lebendige Gott mußten dann das Volk heiligen, das im Blut Vergebung gefunden hatte, und so durfte es vor der Gegenwart Gottes, ja des Vaters, angenommen werden.

Das war des Rats Bestimmung. Aber ach, meine teuren Brüder, welch' eine Frage hätte nicht müssen ungelöst bleiben, wenn nicht dieser Ratschluß gewesen wäre. Weder ihr, noch ich, hätten je denken können, wie die beiden sich vertragen könnten -wie Gnade und Gerechtigkeit einander küssen sollten über dem Gebirge unserer Sünden. Ich habe immer gedacht, einer der höchsten Beweise für die Göttlichkeit des Evangeliums liege in der Offenbarung, daß Christus starb, um die Sünder selig zu machen. Das ist ein so ungewöhnlicher Gedanke, so neu, so wunderbar; ihr begegnet ihm in keiner andern Religion der Welt, so daß er muß von Gott ausgegangen sein. Ich erinnere mich gerade, was ich einst einen ungebildeten und unwissenden Mann sagen hörte, als ich ihm zuerst die einfache Geschichte erzählte, wie Christus die Strafe erlitt statt seines Volkes: er brach in Verwunderung aus: „Glaube! das ist das Evangelium, das weiß ich; kein Mensch hätte das erdacht; es muß von Gott sein.“ Dieser wunderbare Gedanke, daß ein Gott selbst sterben sollte, daß Er selbst unsere Sünden tragen sollte, auf daß Gott der Vater im Stande wäre, zu vergeben und dennoch die strengste Gerechtigkeit zu üben, das ist mehr als menschlich, mehr als engelisch; selbst die Cherubim und Seraphim hätten das nicht erfinden können: aber dieser Gedanke ging von Anfang an von Gott aus im ewigen Rat, da der „Wunderbar, Rat“ bei seinem Vater war.

Wiederum: ein anderer Teil des großen Ratschlusses war der: „Wer sollte selig werden?“ Nun, teure Freunde, die ihr die alte Lehre Calvins nicht fassen könnt, ihr werdet vielleicht erschrecken, aber ich kann nicht helfen; ich werde nie eine Lehre, an die ich glaube, anders darstellen irgend einem Menschen zu Gefallen, der auf Erden wandelt; ich will aber aus der heil. Schrift nachweisen, daß ich in dieser Sache das Zeugnis Gottes habe, und daß ich es nicht aus mir selber nehme. Ich sage, daß ein Teil des ewigen Ratschlusses die Vorherbestimmung über diejenigen war, welche Gott zur Seligkeit bestimmte, und ich will euch die Stelle lesen, die dies darlegt: „Durch welchen wir auch sein Erbteil worden sind, die wir zuvor verordnet sind nach dem Vorsatz des, der alle Dinge wirket nach dem Rat seines Willens“ (Eph. 1, 11.). Die Vorherbestimmung eines Jeglichen aus Gottes Volk wurde im ewigen Rat festgesetzt, wo Gottes Wille als höchster Schiedsrichter und unwidersprochener Vorstand waltete. Da ward von jedem Erlösten gesagt: „Zu der und der Stunde will ich ihn berufen durch meine Gnade, denn ich habe ihn je und je geliebt, darum will ich ihn zu mir ziehen aus lauter Güte“ (Jer. 31, 3.).

Da ward festgesetzt, wann eines Erwählten Gewissen mit dem Frieden gewährenden Blut solle besprengt werden, wann der Geist des lebendigen Gottes soll Freude und Trost in seine Seele hauchen. Da ward bestimmt, wann dieser Erwählte sollte „in Gottes Macht durch den Glauben bewahret werden zur Seligkeit“ (1 Petr. 1, 5.); und da ward bestimmt und bestätigt durch zwei Stücke, die nicht wanken, darin es unmöglich ist, daß Gott lüge (Hebr. 6, 18.), daß Jeder von ihnen sollte ewig selig sein und auch nicht der Schatten einer Gefahr des Verderbens übrig bleibe. Der Apostel Paulus war nicht wie manche Prediger, die davor zurückschrecken, ein Wort über den ewigen Ratschluß Gottes zu äußern; denn er spricht in seinem Brief an die Hebräer: Darum, da Gott wollte den Erben der Verheißung überschwenglich beweisen, daß sein Rat nicht wanke, hat Er's mit einem Eide vermittelt„ (Hebr. 6, 17.). Nun, ihr höret Manche von der Unwandelbarkeit der Verheißung rühmen: das ist gut. Aber von der Unwandelbarkeit des göttlichen Ratschlusses reden-das heißt die Lehre von der Gnade aufs Tiefste ergründen. Der Ratschluß Gottes ist von Ewigkeit her unwandelbar; Er hat auch nicht Eines daran geändert, nicht eine einzige Bestimmung aufgehoben; Er hat seine Verordnungen an die Säulen der Ewigkeit angeschlagen, und obgleich die Teufel sie herunterreißen wollten von den Pfeilern seines herrlichen Palastes, so „habe ich dennoch,“ spricht er, „meinen König gesalbet auf meinem herrlichen Berg Zion“ (Ps. 2, 6.). Der Beschluß steht fest; ich will tun, was mir wohlgefällt. „Deine Ratschlüsse von Alters her sind treu und wahrhaftig“ (Jes. 25, 1.); Du, o Herr, hast im Anfang die Himmel erschaffen und der Erde Grund gelegt; Du hast Deine Absichten und Vorsätze festgestellt, und sie bleiben fest immer und ewiglich.

Ich glaube, ich habe genügend nachgewiesen, wie Christus der „Rat“ war bei den erhabenen Angelegenheiten der Schöpfung, Vorsehung und Gnade, im Rate der Ewigkeit. Aber nun möchte ich euch gerne darauf aufmerksam machen, welche Gnade es ist, daß solch ein „Rat“ mit Gott war, und wie geeignet Christus war zum Rat Gottes. Christus ist die Weisheit; in seinen Boten findet Er Torheit (Hiob 4, 18.), Er selbst aber ist der alleinweise Gott. Wenn ein Narr sich unterstünde, Ratgeber zu sein, so wäre sein Rat Torheit; wo aber Christus Rat gab, da war sein Rat voller Weisheit. Aber für einen Ratgeber erfordert es noch andere Eigenschaften. Wie weise auch ein Mensch sei, so hat er noch kein Recht zur Beratung, wenn Stand und Würde fehlen. Es mag der Fall sein, daß in meiner Gemeinde sich ein Mensch von großen Talenten befindet; wenn sich aber mein Freund im königlichen Ratskabinet zeigen und da seine Ratschläge an den Mann bringen wollte, so würde er höchst wahrscheinlich ohne viel Umstände weggeschickt werden, denn man würde zu ihm sagen: „Gehörst du zum königlichen Rat? Wenn nicht, was tust du hier, und mit welchem Recht stehest du hier?“ Christus nun war herrlich; Er war gleich mit dem Vater, darum hatte Er ein Recht, Gott zu beraten, mit Gott zu ratschlagen. Hätte ein Engel Gott seinen Rat anerboten, so wäre es eine unerträgliche Anmaßung gewesen; hätten sich die Cherubim und Seraphim auch nur zu einem Wort des Rats erkühnt, so wäre es eine Gotteslästerung gewesen. Er begehrt von seinen Geschöpfen keinen Rat und würde ihn nie annehmen. Warum auch sollte die Weisheit sich von ihrem Throne herab begeben, um mit der kreatürlichen Torheit sich zu beraten? Weil aber Christus weit über allen Fürstentümern und Gewalten und Allem, was genannt werden mag (Eph. 1, 21.) steht, so hatte Er ein Recht, nicht bloß um seiner Weisheit willen, sondern durch seinen Rang, Gottes Ratgeber zu sein.

Aber eines ist allezeit bei einem Mann erforderlich, ehe wir uns über ihn als einen Ratgeber freuen können. Es gibt einige Ratsherren in der gesetzgebenden Behörde unseres Landes, über die ihr und ich uns nicht besonders freuen mögen, weil wir fühlen, daß die meisten von uns in ihrem Rate vergessen werden könnten. Unsre lieben Pächter dagegen mögen sich schon über sie freuen; denn sie werden ihren Vorteil in Betracht ziehen, da ist nicht viel zu zweifeln; aber wer hat je von einem Ratsherrn gehört, der für die Armen spräche? oder wer hat in diesen letzten Jahren auch nur von ferne vom Namen eines Mannes etwas läuten hören, der für weise Sparsamkeit und für des Volkes Wohl sich verwendet hätte? Wir haben Überfluß an Männern, die uns versprechen, zu unserm Vorteil zu stimmen, -Männer die Fülle, welche, wenn wir sie in die oberste Behörde wählten, nach ihrer Versicherung so weislich unser Bestes zu fördern suchten, daß wir ohne Zweifel das glücklichste und aufgeklärteste Volk der Welt sein würden; aber ach! wenn sie zum Amt kommen, haben sie keine herzliche Liebe zu uns; sie gehören einem andern Stande an als die meisten von uns, sie haben kein Herz für die Wünsche und Bedürfnisse des Mittelstandes und der Armen. Auf Christum aber dürfen wir unser ganzes Vertrauen setzen, denn wir wissen, daß Er in jenem ewigen Ratschluß den Menschen Liebe bewies. Er spricht: „Meine Lust ist bei den Menschenkindern“ (Spr. 8, 31.). Glücklich ihr Menschen, daß ihr einen Rat habt, der seine Lust an euch hat! Noch mehr; obgleich Er damals noch nicht Mensch war, sah Er doch zuvor, daß Er einst „Bein von unserm Bein und Fleisch von unserm Fleisch“ (1 Mos. 2, 23.) sein würde, und darum vertrat Er im Rat der Ewigkeit in unserm Anliegen seine eigene Sache, denn Er wußte wohl, daß Er allenthalben versucht würde, gleich wie wir (Hebr. 4, 15.), und leiden müßte all' unsre Schwachheiten, und würde unser Bundeshaupt in seiner Vereinigung mit uns. Liebster Berater! es ist mir lieb, daß ich darf glauben, daß Du im ewigen Ratschluß mein Freund, mein geborener Bruder im Unglück gewesen bist!

II.

Nachdem wir nun den ersten Punkt ins Auge gefaßt haben, wenden wir uns kurz zur Betrachtung des zweiten, nach der griechischen Übersetzung: Christus ist der Engel des ewigen Rats. Mußtet ihr, mußte ich denn wissen, was in dem ewigen Rate gesprochen und getan würde? Ja, wir mußten's wissen. Ich behaupte, jeder Mensch, wer er auch sei, habe nötig, über seine künftige Bestimmung etwas zu wissen. Was bedeutet jene Unwissenheit des gemeinen Volks, das bei Herren und Henkern sich Rats erholt? das Sterndeuter fragt und die Bücher der sogenannten Wahrsager liest? Nun, es glaubt, der Mensch bedürfe etwas vom ewigen Ratschluß zu wissen. Und was bedeuten all' die Grübeleien gewisser Personen in den Propheten und der Offenbarung?

Ich finde, daß sehr oft die Deutungen aus den prophetischen Schriften sehr wenig mehr taugen als die Wahrsagereien der Zigeuner, und daß manche Personen, die mit der Vorherverkündigung des Weltendes so geschäftig waren, besser getan hätten, das Ende ihrer Bücher vorauszusagen, und die Öffentlichkeit nicht mit ihren Prophezeiungen, mit ihren Auslegungen der biblischen Weissagungen, die jedes Schattens einer Begründung entbehren, zu belästigen. Aber aus solchem Aberglauben können wir abnehmen, daß unter den höhern Ständen, wie unter den ungebildeteren Klassen, ein sehnliches Verlangen sich kundgibt, die Ratschlüsse der ewigen Vorsehung zu erfahren. Geliebte, es gibt nur einen Spiegel, durch den wir in das düstere Dunkel längst vergangener Zeiten zurückschauen und den Ratschluß Gottes lesen können, und dieser Spiegel ist die Person Jesu Christi. Will ich wissen, was Gott rücksichtlich der Erlösung der Menschen vor Grundlegung der Welt beschloß? Ich schaue auf Christum; da erfahre ich, daß in Christo beschlossen war, daß Er der erste Auserwählte war, und daß in Ihm und für Ihn ein Volk sollte erwählt werden. Fragt ihr, auf welche Weise die Erlösung von Gott verordnet wurde? Ich antworte, Er verordnete die Erlösung durchs Kreuz. Fragt ihr, wie Gott Vergebung verordnete? Die Antwort lautet: Gott verordnete Vergebung der Sünden durch das Leiden Christi, und Rechtfertigung durch seine Auferstehung von dem Tode. Alles, was ihr über den Ratschluß Gottes zu wissen braucht, findet ihr in der Person Jesu Christi. Und wiederum, sehne ich mich nach der Enthüllung des großen Schicksalsgeheimnisses? Ich muß auf Christum schauen. Was bedeuten diese Kriege, dies Schlachtgetümmel, all' dies Kleid in Blut gewälzt (Jes.9, 5.)? Ich sehe, Christus ist geboren von einer Jungfrau, und dann lese ich die Weltgeschichte rückwärts und sehe, daß all' dies auf Christi Kommen hinleitete. Ich sehe, daß das Alles sich aufeinander stützt, wie man etwa manchmal übereinander getürmte Felsen erblickt, und Christus, der große Hauptfels, trägt die darübergelagerte Masse der ganzen Geschichte der Vergangenheit. Und wenn ich will in der Zukunft lesen, so schaue ich auf Christum, und ich erfahre, daß Er, der aufgefahren ist in den Himmel, einst wiederkommen wird vom Himmel herab, wie er aufgefahren ist. So ist mir die ganze Zukunft klar genug. Ich weiß nicht, ob der Papst je die Weltherrschaft erlangen wird oder nicht; ich kann nicht erraten, ob das russische Reich alle Völker Europas nach und nach verschlingen wird; aber Eines weiß ich: Gott wird stürzen, vernichten, zerstören, bis der kommt, dem das Reich bestimmt ist; und ich weiß, daß, obgleich die Würmer meinen Leib zernagen, doch dann, wenn Er der Letzte überm Staube, ich aus meinem Fleische werde Gott sehen (Hiob 19, 25. 26.), und darin liegt für mich genug.

Die ganze übrige Weltgeschichte ist bedeutungslos im Vergleich mit ihrem Ende, Ausgang und Zweck. Das Ende des ersten Testaments ist die erste Zukunft Christi; das Ende des andern Testaments in der neuen Geschichte ist die zweite Zukunft des Heilandes, und dann wird das Buch der Zeiten geschlossen. Aber Niemand vermöchte die alttestamentliche Geschichte zu entziffern und zu erklären, ohne durch Christum.

Abraham konnte sie verstehen, denn er wußte, daß Christus erscheinen sollte; Christus öffnete ihm das Buch. Und so kann auch die neuere Geschichte nie verstanden werden, ohne durch Christum. Niemand als das Lamm kann das Buch nehmen und jedes seiner sieben Siegel öffnen; wer aber an Christum glaubt und auf seine herrliche Zukunft wartet, kann das Buch öffnen und darin lesen und Weisheit darin finden, denn in Christo haben wir eine Offenbarung der ewigen Ratschlüsse.

„Nun,“ sagt Jemand ,“ich möchte gerne nur Eines wissen, und wenn ich dies Eine wüßte, so würde mir Alles, was sonst noch geschehen mag, gleichgültig sein. Ich möchte wissen, ob Gott n ich von Ewigkeit her zur Seligkeit verordnet hat.„ Gut, lieber Freund, ich will Ihnen sagen, wie Sie das erfahren können, und Sie können es bis zur Gewißheit inne werden. „Nein,“ spricht Einer,“ wie kann ich das aber wissen? Sie können nicht im Buch des Schicksals lesen; das ist unmöglich.„ Ich habe von einem gewissen Gottesgelehrten gehört-freilich von übertriebener Art-der sagte: „Gott Lob! es sind hier etliche teure Gotteskinder; ich kann's ihnen schon am Gesicht ansehen; ich weiß, daß sie zum auserwählten Volk Gottes gehören.“

Er war nicht halb so bescheiden, wie Rowland Hill, welcher, aufgefordert, nur den Erwählten zu predigen, sagte: Er wollte das schon tun, wenn sie zuerst Jemand alle mit Kreide auf dem Rücken bezeichnete. Das hat noch nie Jemand sich unterstanden; auch Rowland Hill predigte das Evangelium aller Kreatur, wie ich's auch wünsche zu tun. Dennoch könnt ihr ausfindig machen, ob ihr zu seinen Auserwählten gehört. „Wie so?“ sagt Einer. Nun ja, Christus ist der Engel des Bundes, und ihr könnt es erfahren, wenn ihr auf Ihn sehet. Viele möchten wissen, ob sie erwählt sind, ehe sie auf Christum sehen. Geliebte, ihr könnet eurer Erwählung nicht gewiß sein, wenn ihr's nicht in Christo seht. Wenn ihr eure Erwählung erfahren wollt, so müßt ihr auf solche Weise eure Herzen vor Gott gewiß machen. -Fühlt ihr heute, daß ihr ein verlorener, schuldbeladener Sünder seid? Dann gehet geraden Weges zum Kreuz Christi und saget dem Herrn Jesus Christus das, und saget Ihm, daß ihr in der Bibel gelesen habt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh. 6, 37.). Saget Ihm, daß es in seinem Wort heiße: „Das ist je gewißlich wahr, und ein teures wertes Wort, daß Jesus Christus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin,' (1 Tim. 1, 15.). Siehe auf Christum und glaube an Ihn, so wirst du unmittelbar Gewißheit von deiner Erwählung bekommen, denn so gewiß als du glaubest, so gewiß bist du erwählt. Wenn du dich ganz und gar Christo hingeben willst und auf Ihn vertrauen, so bist du ein Erwählter Gottes; wenn du aber stutzest und sagst: „Ich möchte zuerst wissen, ob ich erwählt bin, dann ist es nicht möglich. Wenn etwas zugedeckt ist, und ich sage: „Ehe du sehen kannst, was hier drunter ist, mußt du die Decke abheben;“ und du dann sprichst: „Nein, ich will vorher durch die Decke sehen,“ so kann's nicht sein. Erst hebe die Decke ab, dann wirst du's sehen. Gehe zu Christo, schuldbeladen, wie du bist. Laß alles unnütze Fragen über deine Erwählung. Gehe geraden Wegs zu Christo hin, gerade wie du bist, schwarz, arm, nackt und bloß, und sage:

“ Gar nichts, gar nichts bringe ich,
Nur das Kreuz umschlinge ich,“

so wirst du deiner Erwählung gewiß werden. Das Zeugnis des heiligen Geistes wird dir gegeben werden, so daß du wirst sagen können: „Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiß, daß Er mächtig ist, mir meine Beilage zu bewahren auf jenen Tag“ (2Tim. 1, 12.). Nun, achte hierauf. Christus war im ewigen Rat: Er kann dir sagen, ob du erwählt wurdest oder nicht: sonst aber kannst du das auf keine Weise erfahren. Du gehst und setzest dein ganzes Vertrauen auf Ihn, so weiß ich, was dir wird zur Antwort werden. Seine Antwort wird lauten: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte“ (Jer. 3, 31.). Es ist gar kein Zweifel, daß Er dich erwählt hat, wenn du keinen Zweifel darüber hegst, daß du Ihn erwählt habest.

So viel über den zweiten Punkt. Christus ist der „Rat“. Er ist der Engel des Ratschlusses, weil Er uns Gottes Geheimnisse anzeigt. „Das Geheimnis des Herrn ist bei denen, die Ihn fürchten, und seinen Bund läßt Er sie wissen“ (Ps. 25, 14.).

III.

Der letzte Punkt hieß: Christus ist ein Rat an uns und für uns. Und hier will ich suchen, den Kindern Gottes einige praktische Winke zu geben. Liebe Brüder, es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ein vereinsamter Mensch, meine ich, muß ein elender Mensch sein; und ein Mensch ohne Ratgeber, meine ich, muß notwendig verkommen. „Wo nicht Anschlag ist,“ spricht Salomo ,“da gehet das Volk unter„ (Spr. 11, 14.). Ich glaube, die meisten Menschen werden das finden. Es sagt Einer: „Nun, ich will meine eigenen Wege gehen und nach Niemand fragen.“

So geht denn, geht nur-und ihr werdet erfahren, daß wenn ihr eure eigenen Wege geht, ihr wahrscheinlich den möglichst schlechten wählt. Wir alle fühlen zu Zeiten das Bedürfnis nach einem Ratgeber. David war ein Mann nach dem Herzen Gottes, und hatte vielen Umgang mit seinem Gott; aber er hatte seinen Ahitophel, mit welchem er sich zu beraten pflegte, und sie gingen zusammen zum Hause Gottes. Könige müssen Ratgeber haben. Wehe dem Manne, der einen schlechten Berater hat. Rehabeam hörte auf den Rat der Jungen und nicht auf den der Alten; und jene rieten ihm so, daß er zehn Zwölftel seines Reiches verlor.

Manche ziehen Ruthen und Steine zu Rat; und wir kennen Mehrere, die bei närrischen Zauberern Rat suchen, statt zu Christo zu gehen. Sie werden schon erfahren, daß es nur einen Christum gibt, auf den man sich verlassen kann; und daß, wie notwendig auch ein Ratgeber sei, doch kein anderer sei, der dieser Notwendigkeit zu genügen vermag als Jesus Christus, der „Rat“. Laßt mich in Bezug auf diesen „Rat,“ Jesum Christum, eine oder zwei Bemerkungen beifügen.

Erstens: Christus ist ein unerläßlicher Ratgeber. So gewiß als wir etwas tun, so gewiß geraten wir ohne den Rat Gottes in Ungemach. Israel machte einen Bund mit Gibeon, und es heißt: „Da nahmen die Männer von ihrer Zehrung und fragten den Mund des Herrn nicht“ (Jos. 9, 14.). Und sie erfuhren, daß die Gibeoniter sie hintergangen hatten. Hätten sie zuerst um Rat gefragt, so hätte ihnen keine so schändliche Täuschung begegnen können.

Saul, der Sohn Kis, starb vor dem Herrn auf dem Gebirge Gilboa, und es heißt im Buch der Chronika, er sei umgekommen, weil er nicht Gott gefragt habe, sondern fragte die Wahrsagerin (1 Chron. 11, 13. 14.). Josua der große Kriegsheld durfte, da er zum Nachfolger Mosis eingesetzt ward, nicht allein sein, sondern es steht geschrieben: „Und er soll treten vor den Priester Eleasar, der soll für ihn ratfragen vor dem Herrn“ (4 Mose 27, 21.). Und alle große Männer alter Zeit hielten, wenn sie etwas unternehmen wollten, inne, und sprachen zum Priester: „Lange das Brustkleid her,' (1 Sam. 23, 9.; 30, 7.), und dieser legte das „Licht und Recht“ an, und fragte Gott, und erhielt Antwort, und ein guter Rat ward erhalten. Wir müssen erfahren und lernen, wie nötig es ist, sich von Gott beraten zu lassen. Habt ihr je auf euren Knien bei Gott Rat gesucht in schwierigen Fällen, und seid leer ausgegangen? Liebe Brüder, ich kann vor Gott bezeugen, daß, wenn ich meinen Willen der Leitung des heil. Geistes unterworfen habe, ich allezeit Grund hatte, Ihm für seinen weisen Rat zu danken.

Wenn ich Ihn aber erst nach der Hand fragte, nachdem ich schon eine bestimmte Ansicht gefaßt hatte, dann bin ich auf eigenen Wegen gegangen; gerade wie die Israeliten, die Er mit Wachteln von dem Himmel her nährte, und der Zorn Gottes entbrannte über sie, während das Fleisch noch unter ihren Zähnen war (4 Mose 11, 33.). Nehmen wir uns allezeit wohl in Acht, daß wir nicht vor der Wolke her gehen.

Wer vor der Wolke hergeht, geht eines Narren Abweg und wird froh sein, wenn er wieder umkehren kann. Ein alter Puritaner pflegt zu sagen: „Wer sein eigen Glück schnitzen will, wird sich in die Finger schneiden. Lasset Gottes Vorsehung für euch schnitzen, so wird's gut ausfallen. Sucht Gottes Leitung und dann geht nichts schief.“ Rat ist unerläßlich.

Nächstdem ist Christi Rat ein treuer Rat. Als Ahitophel David verließ, so zeigte sich's, daß er nicht treu war, und als Hussai zu Absalom kam und ihm riet, riet er ihm hinterlistig, so daß der gute Rat Ahitophels zu nichte ward. Auch, wie oft raten uns Freunde hinterlistig!

Wir haben das erfahren. Erst suchen sie ihren eigenen Vorteil und dann sprechen sie: „Wenn ich ihn da und dazu bringen kann, so wird's für mich das Beste sein.“ Und dann war das nicht nach unsrer Absicht. Wir wollten wissen, was für uns das Beste sei. Auf Christum aber dürfen wir vertrauen, daß in seinem Rat nie ein Eigennutz mit unterläuft. Er wird uns unfehlbar mit den uneigennützigsten Gründen beraten, so daß unser Bestes erreicht und unser Nutzen gefördert wird.

Wiederum: Christi Rat ist ein herzlicher Rat. Ich gehe ungern zu einem öffentlichen Rechtsgelehrten, um in Geschäftssachen mit ihm zu verkehren. Die langweiligste und schlechteste Unterhaltung ist nach meiner Meinung die Unterhaltung mit einem Rechtsgelehrten. Seht, das geht so zu: Ihr setzt ihm euer Anliegen auseinander und zeigt ihm eure Schrift. Da sagt er: „Hier auf der zweiten Seite ist ein Ausdruck nicht ganz richtig.“ Ihr seht nach und sagt: „Ach, das hat nichts auf sich; das ist unbedeutend.“ Er wendet um und sagt: „Ah, dies hier ist richtig bemerkt!“

„Lieber Herr,“ sagt ihr,“solche Kleinigkeiten kümmern mich nichts, ob's heißt Land, oder Besitztum, oder Liegenschaft: was ich gern hätte, das ist, daß Sie die und die Schwierigkeit nach dem Gesetz ins Reine bringen.“ „Nur Geduld,“ spricht er, ihr müßt eine Menge Rat e anhören, ehe er an die Hauptsache kommt, und während dessen vergeht ihr fast vor Ungeduld, weil euch an der Hauptsache Alles liegt. Aber er ist so kalt als möglich; ihr meint, ihr holt euren Rat bei einem Marmorblock. Ohne Zweifel kommt sein Rat am Ende gut heraus, und er ist euch unfehlbar nützlich; aber es ist nichts Herzliches dabei. Er geht nicht auf euer Herzens-Anliegen ein. Was kümmert es ihn, ob's euch gelingt oder nicht, ob der Wunsch eures Herzens erfüllt wird oder nicht. Er nimmt nur geschäftsmäßig Anteil an der Sache. Salomo aber spricht: „Salben und Rauchwerk erfreuet das Herz, und süß ist einem der Freund durch Herzens-Rat“ (Spr. 27, 9.). Wenn ein Mensch sich mit ganzer Seele deiner Sache annimmt und spricht: „Mein lieber Freund, ich will Alles tun, was in meinen Kräften steht, um dir zu helfen; laß mich einmal sehen,“ und er einen so innigen Anteil an der Sache nimmt, wie ihr selbst. „Wenn ich an deiner Stelle wäre,“ sagt er ,„so würde ich's so und so machen; vielleicht ist ein's oder's andere untunlich“: so spricht er, weil ihm daran liegt, daß Alles gut ausfalle, und ihr könnt wahrnehmen, daß seine Absicht immer den nämlichen Zweck im Auge hat, dem ihr zustrebt, und daß er nur um euer Bestes besorgt ist. Ach, was wäre das für ein Ratgeber, der eure Sache ganz zu seiner eigenen machen, sein Herz ganz dem eurigen hingeben könnte! Solch ein Ratgeber ist Christus. Er ist ein herzlicher Berater. Sein Anliegen ist mit eurem Anliegen aufs innigste verknüpft, und er ist herzlich gegen euch gesinnt.

Aber hier ist noch ein anderer Rat. David spricht von Einem, der später sein Feind wurde: „Wir pflogen freundlichen Rat mit einander“ (Ps. 55, 15.). Christ, weißt du, was freundlicher Rat ist? Du bist am Tage der Heimsuchung zu deinem Meister gegangen und hast in der Stille deines Kämmerleins dein Herz vor Ihm ausgeschüttet. Du hast Ihm dein Anliegen vorgelegt mit allen seinen Schwierigkeiten, wie Hiskia den Brief Rabsake's, und du hast gefühlt, daß, obgleich Christus nicht mit Fleisch und Blut zugegen war, Er doch mit seinem Geiste bei dir stund und dich beriet. Ihr fühltet, es sei sein Rat, sein herzlicher Rat bei euch. Es war aber mehr als das. Es kam ein solcher Friede über euch mit seinem Rat, solch ein Liebesglanz, solch eine Fülle der Gemeinschaft, daß ihr sprachet: „Ach, daß ich doch täglich heimgesucht würde, wenn mir dafür solch lieblicher Rat zu Teil wird! „Christus ist der Ratgeber, den ich jede Stunde gerne um Rat fragen möchte, und ich wünschte, ich dürfte Tag und Nacht in seiner Nähe zubringen, weil sein Rat Liebesrat ist, herzlicher Rat, weiser Rat, Alles in Allem. Ja, ihr mögt einen Freund haben, der recht freundlich mit euch spricht, und ihr sagt dann: „Nun, er ist eine liebe, gute Seele, aber ich kann mich auf sein Urteil nicht verlassen.“ Ihr habt einen andern Freund, der wohl erfahren und klug ist, und doch sagt ihr von ihm: „Gewiß, er ist ein Mann von großem Verstande, aber ich vermisse die Liebe dabei; ich komme ihm nie ans Herz; wenn er immer so rauh und gleichgültig ist, dann möchte ich doch lieber sein Herz besitzen ohne seine Klugheit, statt seine Klugheit ohne Herz.“ Wir gehen aber zu Christo und finden Weisheit; wir finden Liebe, Teilnahme, Alles, was nur von einem Ratgeber kann gewünscht werden.

Und nun müssen wir zum Schluß noch bemerken, daß Christus heute für Jeden von uns noch einen besonderen Rat hat; und worin besteht dieser? Du schwergeprüftes Kind Gottes, deine Tochter ist krank, dein Gold ist im Feuer der Trübsal geschmolzen, du selbst bist krank und dein Herz ist matt. Christus gibt dir seinen Rat und spricht: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen, und wird den Gerechten nicht ewiglich wanken lassen“ (Ps. 55, 23.).

Jüngling, der du in dieser Welt nach großen Dingen trachtest, Christus gibt dir heute seinen Rat: „Und du begehrest dir große Dinge? Begehre es nicht“ (Jer. 45, 5.). Ich werde meine Studienzeit nie vergessen. Ich war ehrgeizig, ich suchte an der Universität eine Anstellung zu bekommen und wollte mein armes Volk in der Verwilderung umkommen lassen, um etwas Großes zu werden; und als ich so dahin ging, fiel mir das Wort mit Macht auf die Seele: „Und du begehrest dir große Dinge? Begehre es nicht.“ Ich wollte auf eine mäßige Besoldung verzichten und meinte, es wäre vielleicht besser, meine Stelle zu verlassen und mich anderswie zu verbessern und dergl. Aber es schlug das Wort an meine Ohren: „Und du begehrest dir große Dinge? Begehre es nicht.“ „Herr,“ sprach ich ,“ich will Deinem Rate folgen, und nicht meinem Eigenwillen.“ Und ich durfte es nie bereuen. Nimm allezeit den Herrn zu deinem Führer, so wirst du nie irre gehn. Abtrünniger, der du den Namen hast, daß du lebest, und bist tot (Off. 3, 1.), oder beinahe tot, Christus gibt dir den Rat: „Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufest, das durchs Feuer geläutert ist, und weiße Kleider, daß du dich antuest“ (Off. 3, 18.). Und du Sünder, der du Gott noch ferne bist, Christus gibt dir den Rat: „Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Matth. 11, 28.). Stelle hierauf ab, es ist ein liebreicher Rat. Nimm ihn an.

Gehe heim und wirf dich auf die Knie. Suche Christum, gehorche seinem Rate, so wirst du dich noch freuen, daß du einmal auf seinen Rat gehört hast, und hast darauf geachtet und bist zum Leben hindurchgedrungen. Amen. 

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