Spurgeon, Charles Haddon - Die Seligkeit früh gestorbener Kinder

„Geht es dem Kinde wohl? Und sie sprach: Wohl.“
2 Kön. 4,26

Der Gegenstand unserer heutigen Betrachtung soll sein „die Seligkeit der früh gestorbenen Kinder“. Das mag möglicherweise nicht alle Anwesenden interessieren; aber ich erinnere mich nicht, jemals vor dieser Gemeinde über diesen Gegenstand gesprochen zu haben, und es liegt mir daran, daß die gedruckten Predigten möglichst das ganze Gebiet der Theologie umfassen. Vielleicht haben die meisten der hier Anwesenden zu der einen oder anderen Zeit über dem kleinen Sarg des geliebten Kindes heiße Tränen weinen müssen; und es mag sein, daß ihnen durch diesen Gegenstand Trost dargebracht wird. Jede Mutter und jeder Vater sollte die Versicherung in sich aufnehmen, daß es ihrem Kinde wohl geht, wenn Gott euch dasselbe in seinem Säuglingsalter genommen hat. Ihr hörtet von ihm nie eine Erklärung seines Glaubens, es war nicht imstande, eine solche abzulegen; es war nicht in den Herrn Jesum Christum getauft, nicht mit Ihm in der Taufe begraben; es war nicht imstande, den „Bund eines guten Gewissens mit Gott“ zu schließen, und dessen ungeachtet könnt ihr dessen gewiß sein, daß es dem Kinde wohl geht, wohl in einem höheren und besseren Sinn, als es euch selbst wohl geht, wohl ohne Beschränkung, wohl ohne Ausnahme und unendlich wohl für alle Ewigkeit. Aber ihr werdet fragen: „Welchen Grund haben wir, zu glauben, daß es dem Kinde wohl geht?“ Ehe ich darauf eingehe, möchte ich eine Bemerkung machen. Man hat in gottloser, lügnerischer und verleumderischer Weise von den Calvinisten gesagt, daß wir glaubten, daß manche kleine Kinder verloren sind. Ich weise diese wissentlich falsche Aussage zurück und sage, daß wir das nie geglaubt haben. Wir haben uns nie etwas Derartiges träumen lassen und uns nie eingebildet, daß Kinder, die als Säuglinge sterben, verloren sind, sondern wir haben stets geglaubt und glauben es noch, daß sie ins Paradies Gottes eingehen.

Ich will denn heute zuerst bestrebt sein, zu erklären den Weg, auf welchem Kinder, wie wir glauben, gerettet werden; zweitens will ich Gründe dafür angeben, daß wir so glauben, und dann will ich drittens versuchen, praktischen Nutzen aus diesem Gegenstand zu ziehen.

I.

Zuerst der Weg, auf welchem, wie wir glauben, Kinder gerettet und selig werden.

Manche gründen die Idee von der ewigen Seligkeit des Säuglings auf dessen Unschuld. Wir tun das nicht; wir glauben, daß das Kind in dem ersten Adam gefallen ist; denn in Adam sterben alle. Die ganze Nachkommenschaft Adams, ob sie Säuglinge oder Erwachsene sind, wurde durch ihn repräsentiert; er stand für alle da, und als er fiel, fiel er für alle. Hinsichtlich der sterbenden Säuglinge wurde in dem mit Adam geschlossenen Werkbunde überhaupt keine Ausnahme gemacht, und insofern sie in Adam eingeschlossen waren, haben sie Erbsünde, obgleich sie nicht mit gleicher Übertretung wie Adam gesündigt haben. Sie sind „in Sünden geboren, und ihre Mütter haben sie in Sünden empfangen“; so sagt David von sich und (durch Schlußfolgerung) von dem ganzen menschlichen Geschlecht. Wenn sie selig werden, so glauben wir nicht, daß es wegen ihrer natürlichen Unschuld geschieht. Sie gehen auf demselben Wege in den Himmel wie wir; sie werden in dem Namen Christi aufgenommen. „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist,“ und ich bilde mir nicht ein, daß es für den Säugling einen andern Grund gibt, als er für den Erwachsenen gelegt ist. Und ebensoweit sind wir davon entfernt zu glauben, daß Säuglinge durch die Taufe in den Himmel eingehen, zunächst nichts davon zu sagen, daß wir die Säuglingsbesprengung für eine menschliche und fleischliche Erfindung, für einen Zusatz zum Worte Gottes und darum für gottlos und gefährlich halten. Wenn wir erwägen, daß es zu etwas Schlimmerem als zum Aberglauben führt, wenn Kinder belehrt werden, daß sie in ihrer Taufe zu Kindern Gottes und zu Erben des Himmelreichs werden - es ist das eine so schreckliche Lüge, wie sie nur jemals in der Hölle geschmiedet werden konnte - dann werden wir tief betrübt über die furchtbaren Irrtümer, die sich durch die eine kleine Tür der Säuglingsbesprengung in die Kirche eingeschlichen haben. Nein, Kinder werden nicht selig, weil sie getauft sind; denn wenn das wäre, hätte der katholisch gesinnte Priester ganz recht, wenn er sich weigert, unsre kleinen Kinder zu beerdigen, wenn sie ungetauft sterben. Wenn das Kind durch den Tod weggerafft wird, wird es aus einem andern Grund selig als aus dem der Zeremonien und des Willens der Menschen.

Auf welchen Grund hin glauben wir denn, daß das Kind selig werde? Wir glauben, daß es von Natur ebenso verloren ist wie die ganze Menschheit und ebenso verdammt durch das Urteil, welches lautete: „Welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben.“ Es wird selig, weil es erwählt ist. Wir glauben, daß sich in dem lebendigen Buch des Lammes Millionen von Seelen eingetragen finden werden, die sich auf Erden nur gezeigt und dann ihre Schwingen entfaltet haben, um in den Himmel zu eilen. Sie werden auch selig, weil sie durch das teure Blut Jesu Christi erlöst worden sind. Er, der Sein Blut für Sein ganzes Volk vergoß, erkaufte sie für denselben Preis, mit welchem Er ihre Eltern erlöste, und sie werden selig, weil Christus Bürge für sie wurde und an ihrer Statt litt und starb. Sie werden ferner selig, nicht ohne Wiedergeburt; denn „es sei denn, daß jemand,“ der Text bezieht sich nicht nur auf Erwachsene, sondern auf irgend jemand des menschlichen Geschlechts, „es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“. Ohne Zweifel wiedergebärt der Geist Gottes die Seele des Säuglings in einer geheimnisvollen Weise, und diese geht in die Herrlichkeit ein als „tüchtig gemacht zu dem Erbteil der Heiligen im Licht“. Daß dies möglich ist, erhellt aus biblischen Beispielen. Johannes der Täufer war im Mutterleib mit dem Heiligen Geist erfüllt. Wir lesen auch von Jeremia, daß ihm dasselbe geschah, und von Samuel lesen wir, daß der Herr ihn rief, als er noch ein kleiner Knabe war. Wir glauben darum, daß Gott, welcher nicht durch den Willen der Menschen, noch durch das Geblüt, sondern durch die geheimnisvolle Tätigkeit Seines Heiligen Geistes die Seele des Säuglings, selbst ehe dessen Verstand tätig wird, zu einer Schöpfung in Christo Jesu macht, und daß sie dann eingeht in „die Ruhe, die dem Volke Gottes noch vorhanden ist“. Durch die Erwählung, durch die Erlösung, durch die Wiedergeburt geht das Kind durch dieselbe Pforte, durch welche jeder Gläubige an Christum Jesum einzugehen hofft, in die Herrlichkeit ein und auf keinem anderen Wege. Wir können einsehen, daß die Seele des Säuglings durch denselben Heilsplan, auf genau derselben Grundlage und durch dieselbe Einwirkung und durch dieselben Aneignungen wie die Erwachsenen das Angesicht des Heilandes in Ewigkeit sehen werden, und darum sind wir hinsichtlich dieser Sache völlig ruhig.

II.

Dies führt mich nun zu den Gründen, aus welchen wir so annehmen, daß Säuglinge selig sind.

Zuerst gründen wir unsere Überzeugung sehr auf die Gütigkeit der Natur Gottes. Wir sagen, daß die entgegengesetzte Lehre, nach welcher manche Kinder umkommen und verloren gehen, ganz der Idee widerspricht, die wir von Dem haben, dessen Name Liebe ist. Wenn wir einen Gott hätten, dessen Name Moloch ist, wenn Gott ein launiger Tyrann wäre, könnten wir annehmen, daß manche Kinder zur Hölle verstoßen werden; aber unser Gott, der die jungen Raben hört, die Ihn anrufen, hat gewiß keinen Gefallen an dem Schreien der Säuglinge, die von Seinem Angesicht verstoßen sind. Wir haben es gelernt, unser Urteil in aller Demut Seinem Willen zu unterwerfen, und wir wagen es nicht, den Herrn über alles zu kritisieren oder anzuschuldigen; wir glauben, daß Er groß ist in allem, was Er tut, und darum würden wir annehmen alles, was Er offenbart; aber Er hat noch nie von uns den verzweifelten Glauben gefordert, daß wir irgendwelche Gütigkeit in dem ewigen Elend eines in die Hölle geworfenen Säuglings sehen sollen. Ihr wißt, daß, als der mürrische Jona Ninive wollte untergehen sehen, Gott als Grund für die Erhaltung der Stadt angab, daß hundertundzwanzigtausend kleine Kinder darin seien; Er sagte: „Menschen, die nicht wissen, was rechts oder links ist.“ Wenn Er Ninives schonte, damit ihr Leben erhalten bliebe, meint ihr, daß ihre unsterblichen Seelen nutzlos verworfen werden? Würde euer Gott einen Säugling verwerfen? Wenn der eure es könnte, so bin ich so glücklich, sagen zu können, daß das nicht der Gott ist, den ich anbete.

Ferner halten wir das für ganz unvereinbar mit dem bekannten Charakter unseres Herrn Jesu Christi. Als Seine Jünger die kleinen Kinder fernzuhalten suchten, die die besorgten Mütter zu Jesu brachten, sagte Jesus: „Laßt die Kindlein zu Mir kommen und wehrt ihnen nicht; denn solcher ist das Himmelreich,“ womit Er lehrte, daß solche einen großen Teil des Himmelreichs ausmachten. Und wenn wir beachten, daß durch die besten Statistiken festgestellt ist, daß der dritte Teil der Menschheit im Säuglingsalter stirbt, so ist in dem Ausspruch des Heilandes: „Solcher ist das Himmelreich“ viel enthalten. Wenn etliche mit daran erinnern, daß das Himmelreich das Zeitalter der Gnade auf Erden bedeute, so antworte ich: „Ja, dem ist so, und es bedeutet auch zugleich den Himmel.“ Wir wissen, daß diese Stelle beständig als ein Beweis für die Taufe angeführt wird; aber einmal taufte Christus die Kindlein nicht, und zum anderen tauften auch Seine Jünger sie nicht, denn sie wehrten ihnen und hätten sie gerne weggetrieben. Wenn es denn Jesus nicht tat, und wenn Seine Jünger es nicht taten, wer tat es dann? Die Stelle hat mit der Taufe so wenig zu tun wie mit der Beschneidung. Es findet sich weder in jenem Text noch in der Textverbindung auch nur die leiseste Anspielung auf die Taufe, und ich kann die Beschneidung der Kinder daraus ebenso logisch beweisen, wie andere es versuchen, die Kindertaufe daraus zu beweisen. Die Stelle beweist jedoch, daß Kinder einen großen Teil der Familie Christi ausmachen und daß Jesus Christus sehr liebenswürdig gegen die Kleinen war. Schalt Er sie, als sie im Tempel „Hosianna!“ riefen? Nein, sondern Er freute Sich der kindlichen Rufe. „Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast Du Dir eine Macht zugerichtet,“ und scheint diese Stelle nicht zu sagen, daß im Himmel dem großen Gott von großen Scharen solcher, die hier auf Erden waren - euren Kleinen, die an eurem Busen lagen und dann plötzlich in den Himmel aufgenommen wurden - „vollkommenes Lob“ dargebracht werden wird? Ich könnte von Jesu nicht glauben, daß Er zu kleinen Kindern sagen würde: „Geht hin, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer!“ Ich kann es mir nicht als möglich denken, daß Er, wenn Er alle Völker richten wird, die Kleinen zu Seiner Linken stellen und sie auf ewig von Seinem Angesicht verbannen werde. Könnte Er sie anreden und zu ihnen sagen: „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt Mich nicht gespeist; Ich bin durstig gewesen, und ihr habt Mich nicht getränkt; Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr seid nicht zu Mir gekommen“? Wie hätten sie das können?

Ferner ist einer der stärksten Beweise dafür in dem Umstand zu finden, daß die Heilige Schrift positiv feststellt, daß die Zahl der seligen Seelen schließlich sehr groß sein wird. In der Offenbarung lesen wir von einer Schar, die niemand zählen kann. Der Psalmist spricht von ihnen als von dem Tau aus der Morgenröte. Viele Stellen geben Abraham, dem Vater der Gläubigen, einen Samen, wie die Sterne am Himmel, wie der Sand am Meer. Christus soll die Arbeit Seiner Seele sehen und die Fülle haben; es kann gewiß nicht wenig sein, das Ihn befriedigt. Die Kraft der Erlösung schließt eine große Schar Erlöster in sich. Die ganze Schrift scheint zu lehren, daß der Himmel keine beschränkte Welt sein wird, sondern daß Christus von großen Scharen verherrlicht werden wird, die Er mit Seinem Blut erlöst hat. Nun, wo sollen sie alle herkommen? Welch ein kleiner Teil der Erdbevölkerung kann christlich genannt werden! Und welch ein kleiner Teil von dem kleinen Teil, die Christen genannt werden, trägt mit Recht den Namen der Gläubigen? Und wie viele Heuchler befinden sich unter denen, die für Namenchristen gehalten werden! Ich sehe nicht ein, wie es möglich ist, daß eine so ungeheure Schar in den Himmel eingeht, wenn nicht das tausendjährige Reich bald hereinbricht und wenn es nicht die tausend Jahre weit überschreitet. Und ich sehe trotz dessen nicht, wie es möglich wird, wenn ich nicht annehmen darf, daß die Seelen der Säuglinge die große Majorität bilden. Es ist mir ungemein tröstlich, zu glauben, daß mehr Seelen selig werden, als verloren gehen; denn wenn Christus in allem den Vorgang haben soll, warum nicht auch hierin? Es war der Gedanke eines großen Theologen, daß schließlich die Zahl der Verlorenen zu der Zahl der Seligen etwa in demselben Verhältnis stehen dürfte, in welchem die Zahl der Verbrecher in den Gefängnissen zu der Zahl derer steht, welche in geordneten Verhältnissen leben. Ich hoffe, daß es sich so herausstellen werde. Jedenfalls ist es nicht meine Aufgabe zu fragen. „Herr, werden nur wenige selig werden?“ Die Pforte ist eng; aber der Herr weiß, wie Er Tausende hindurchbringen kann, ohne die Pforte weiter zu machen, und wir dürfen es nicht versuchen, dadurch welche auszuschließen, daß wir sie enger machen. Ich weiß, daß Christus den Sieg davontragen wird, und daß, während Ihm große Scharen folgen, der schwarze Höllenfürst nicht imstande sein wird, in seinem Schreckensgefolge so viele Nachfolger zu zählen, wie Jesus sie in Seinem glänzenden Triumphzuge hat.

Und nun einige gelegentliche Dinge, die in der Heiligen Schrift vorkommen, und die auch ein wenig Licht auf diesen Gegenstand werfen dürften. Ihr habt den Fall Davids nicht vergessen. Sein Kind von der Bath-Seba sollte als Bestrafung der Sünde seines Vaters sterben. David betete und fastete und trauerte sehr; endlich sagte man ihm, daß das Kind gestorben sei. Er fastete nicht mehr, sagte aber: „Ich werde wohl zu ihm fahren; es kommt aber nicht wieder zu mir.“ Wohin erwartete denn David zu gehen? Gewiß doch in den Himmel. Demnach mußte er sein Kind dort wissen, denn er sagte: „Ich werde wohl zu ihm fahren.“ Ich höre ihn das nicht bei Absaloms Tode sagen. Er hatte für den rebellischen Sohn keine Hoffnung. Bei diesem Kinde sagte er aber nicht: „Mein Sohn, wollte Gott, ich wäre an deiner Statt gestorben!“ Nein, er konnte diesen Säugling in vollem Vertrauen entlassen; denn er sagte: „Ich werde zu ihm gehen.“ „Ich weiß,“ mochte er sagen, „daß Er mir einen Bund gesetzt hat, der ewig ist, und wenn ich durch das Tal des Todesschattens wandern muß, so fürchte ich kein Unglück, denn Er ist bei mir; ich werde zu meinem Kinde gehen, und im Himmel werden wir wieder vereinigt werden.“ - Die Errettung aus Ägypten war ein Vorbild von der Erlösung des auserwählten Samens, und ihr wißt, daß in diesem Fall die Kleinen mit auszogen, daß auch nicht eine Klaue dahintenbleiben durfte. Warum sollten in der größeren Errettung die Kinder nicht in das Lied Moses und des Lammes einstimmen? - Und dann findet sich eine Stelle in Hesekiel - denn wo wir nur wenig haben, müssen wir die Brosamen auflesen nach dem Wort des Meisters: „Sammelt die übrigen Brocken, auf daß nichts umkomme“ - im Propheten Hesekiel 16, 21 straft Gott Sein Volk dafür, daß es die kleinen Säuglinge dem Moloch opferte, indem es sie durchs Feuer gehen ließ, und Er sagt von diesen Kleinen: „Daß du Meine Kinder schlachtest und läßt sie demselben verbrennen.“ Diese Kleinen, welchen den glühenden Armen des Moloch starben, als sie noch Säuglinge waren, nennt Gott „Meine Kinder“. Wir dürfen darum hinsichtlich derer, die in ihren frühen Lebenstagen sterben, getrost glauben, daß Jesus von ihnen sagt: „Dies sind Meine Kinder,“ und daß Er heute, während Er Seine Schafe zu den lebendigen Wasserbrunnen führt, nicht vergessen wird, Seine eigene Mahnung zu befolgen: „Weide Meine Lämmer.“ Ja, selbst heute trägt Er „die Lämmer an Seinem Busen“, und selbst vor dem ewigen Thron wird Er Sich nicht schämen zu sagen: „Siehe da, Ich und die Kinder, die Mir Gott gegeben hat.“ - Da ist noch eine andere Stelle in der Schrift, die herangezogen werden kann. 5 Mose 1 ist eine Drohung über die Kinder Israel in der Wüste ausgesprochen, nach welcher sie mit Ausnahme von Kaleb und Josua nie das verheißene Land sehen sollten; doch es wird hinzugefügt: „Eure Kinder, davon ihr sagtet, sie würden ein Raub werden, und eure Söhne, die heutigentags weder Gutes noch Böses verstehen, die sollen hineinkommen; denselben will Ich es geben, und sie sollen es einnehmen.“ Euch Vätern und Müttern, die ihr Gott nicht fürchtet, die ihr ungläubig lebt und sterbt, möchte ich sagen: „Euer Unglaube kann eure Kinder nicht vom Himmel ausschließen, und ich preise Gott dafür. Wie die Sünde des Geschlechts in der Wüste die nächstfolgende Generation nicht von Kanaan ausschloß, sondern dieselbe gewiß hineinkam, so ist die Sünde ungläubiger Eltern nicht notwendig der Untergang ihrer Kinder, sondern diese werden durch Gottes souveräne Gnade und überfließende Barmherzigkeit der Ruhe teilhaftig, welche Er für Sein Volk bereitet hat, wenn sie in ihrem zarten Alter aus der Welt abgerufen werden. Merkt wohl, daß ich zwischen den Kindern gottseliger und gottloser Eltern keinen Unterschied gemacht habe. Wenn sie im Säuglingsalter sterben, sind sie selig, wie auch ihre Eltern gestanden haben mögen oder noch stehen. Ich stimme der Theorie eines lieben presbyterianischen Predigers nicht bei, der da annimmt, daß die Kinder gottseliger Eltern einen besseren Platz im Himmel haben werden als die, welche ohne ihren Willen von ungläubigen Eltern abstammen. Dergleichen glaube ich nicht. Ich bin nicht gewiß, daß es Grade im Himmel gibt; aber selbst wenn es der Fall ist, bin ich mir noch nicht klar, daß das beweise, daß unsere Kinder größere Rechte haben als andere. Wir glauben, daß alle ohne Ausnahme, und von wem sie auch abstammen mögen, nicht durch die Taufe, nicht wegen des Glaubens ihrer Eltern, sondern einfach wie wir alle „selig werden, durch die Erwählung Gottes, durch das teure Blut Christi, durch den wiedergebärenden Einfluß des Heiligen Geistes zur Herrlichkeit und Unsterblichkeit gelangen und das Bild des Himmlischen tragen werden, wie sie getragen haben das Bild des Irdischen.

III.

Ich komme nun dazu, praktischen Gebrauch von dieser Lehre zu machen.

Zunächst sei es Trost für beraubte Eltern. Ihr sagt, es sei ein schweres Kreuz, das ihr zu tragen habt. Beachtet, daß es leichter ist, ein totes Kreuz zu tragen als ein lebendiges. Ein lebendiges Kreuz ist wirklich eine Trübsal, nämlich ein Kind zu haben, das rebellisch in seiner Kindheit, lasterhaft in seiner Jugend und ausschweifend in seinem späteren Leben ist! Wollte Gott, daß es bei seiner Geburt gestorben wäre und nie das Licht erblickt hätte! So manches Vaters Haare sind durch lebendige Kinder, aber wohl nie durch seinen gestorbenen Säugling grau geworden; denn ein Christ trauert nicht wie die, welche keine Hoffnung haben. Du hättest dein Kind doch lieber lebendig behalten? Möchtest du, daß es am Leben bleibe, um reif für den Galgen zu werden? Möchtest du, daß es am Leben bleibe, um dem Gott seines Vaters zu fluchen? Möchtest du, daß es am Leben bleibe, um dein Haus unglücklich zu machen und dein Kissen mit Tränen zu netzen? Dahin hätte es kommen können, kommt nun aber nicht dazu, denn dein kleiner Liebling singt nun vor dem Thron Gottes. Weißt du, welchen Kümmernissen dein Kindlein entrückt ist? Du hast davon genug gehabt. Beklagst du es, daß es den Schmerzen entrückt ist? Gedenke dann auch an deine eigenen Sünden und an den tiefen Schmerz der Buße. Wenn dein Kind lebte, würde es als Sünder aufwachsen und müßte später die Bitterkeit der Sünde kennen lernen. Es ist dem entrückt; es freut sich nun in Gottes Herrlichkeit. Möchtest du es denn wieder zurück haben? Betrübte Eltern, wenn ihr euer Kind nur einen Augenblick droben sehen könntet, ich denke, ihr würdet eure Tränen sogleich trocknen. Es ist zur Würde der Unsterblichen erhoben worden; es ist mit besseren als königlichen Kleidern angetan; es ist reicher und seliger, als es sein könnte, wenn ihm alle irdischen Kronen aufs Haupt gesetzt würden. Warum wolltest du denn klagen? Es ist gut, kämpfen und den Sieg erlangen; aber den Sieg erlangen ohne den Kampf! Es ist gut, das Triumphlied singen zu können, nachdem wir durchs Rote Meer mit allen seinen Schrecken hindurchgegangen sind; aber das Lied ohne das Meer zu singen, ist noch herrlicher. Ich weiß nicht, ob ich das Los eines Kindes im Himmel dem meinen vorziehen soll. Ich halte es für edler, den Sturm ertragen und gegen Wind und Wetter gekämpft zu haben. Ich denke, es wird für euch und mich durch alle Ewigkeit ein Gegenstand der Beglückwünschung sein, daß wir nicht auf so leichtem Wege in den Himmel gekommen sind; denn es gibt nachher eine überschwengliche Herrlichkeit. Aber ich denke dennoch, daß wir Gott für diese Kleinen danken können dafür, daß ihnen unsere Sünden, unsere Gebrechen und unsere Ängste erspart worden sind, und daß sie ohne das alles in die Ruhe eingegangen sind. „Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen.“ „Aber der Herr spricht also: Laß dein Schreien und Weinen und die Tränen deiner Augen, denn deine Arbeit wird wohl belohnt werden, spricht der Herr. Sie sollen wiederkommen aus dem Lande des Feindes.“

Der nächste und vielleicht vorteilhaftere Schluß, den wir aus dem Text ziehen, ist dieser: Viele unter euch sind Eltern, die Kinder im Himmel haben. Ist es da nicht sehr wünschenswert, daß ihr auch dorthin geht? Und habe ich nicht doch vielleicht viele hier, die keine zukünftige Hoffnung haben? Ihr habt das, was jenseits des Grabes liegt, tatsächlich auf spätere Tage verschoben und alle eure Zeit und Gedanken den kurzen, ungenügenden Bestrebungen dieses Lebens zugewandt. Unbekehrte Mutter, von des Himmels Zinnen winkt dir dein Kind zu und lockt dich hin zum Paradies. Unbußfertiger Vater, die kleinen Äuglein, die einst so freundlich blickten, schauen auf dich herab, und die Lippen, die kaum gelernt hatten, Vater zu stammeln, ehe sie sich im Schweigen des Todes schlossen, sagen heute zu dir: „Vater, sollen wir auf ewig durch die große Kluft getrennt werden, die niemand überschreiten kann?“ Weckt nicht die Natur an und für sich eine Sehnsucht in euren Seelen, euch mit euren Kindern im Bund der Lebendigen eingebunden zu sehen? Haltet ein und denkt nach. So wie ihr seid, dürft ihr das nicht hoffen; aber wenn ihr euren Blick dem Kreuz des Heilandes zuwendet, sollt ihr leben. Wenn ihr von ganzem Herzen an Ihn glaubt, sollt ihr mit allen, die Ihm der Vater gegeben hat, dort sein, wo Er ist. Du brauchst nicht ausgeschlossen bleiben. Warum wolltest du dein eigenes Todesurteil unterschreiben und verloren gehen? Ich möchte dich bei der Hand nehmen und sagen: „Wir können dir deinen Liebling nicht wiederbringen, aber du kannst zu ihm kommen! Siehe vor dir die lichtvolle Leiter! Die erste Sprosse derselben ist Buße, heraus aus dir selbst; die nächste ist Glaube, in Christum hinein, und wenn du da bist, bist du sicherlich auf dem rechten Wege und es dauert nicht lange, dann wirst du an den Pforten des Himmels in Empfang genommen von den Kleinen, die dir vorangegangen sind, um dich zu begrüßen, wenn du an der ewigen Küste landest.“

Doch noch eine andere nützliche Lektion, und ich will euch nicht länger aufhalten. Was sollen wir den Eltern sagen, die lebende Kinder haben? Wir haben von den abgerufenen gesprochen; was sollen wir von den lebendigen sagen? Ich möchte sagen: Spart eure Tränen, beraubte Eltern, für die Kinder auf, die da leben. Ihr könnt zu dem kleinen Grab hingehen und daraufblicken und sagen: „Dieses eine Kind ist gerettet; es ruht auf ewig sicher und ist allem Leid entrückt.“ Ihr kommt zurück zu denen, die um euren Tisch herumsitzen, und blickt eins nach dem anderen an und sagt: „Von diesen Kindern sind mehrere noch nicht errettet.“ Fern von Gott und fern von Christus reifen einige von ihnen heran zu Jünglingen und Jungfrauen, und ihr könnt deutlich sehen, daß ihre Herzen, gleich jedem natürlichen Herzen, verzweifelt böse sind. Da habt ihr Grund und Ursache zu weinen. Ich wünschte, ihr hörtet nicht auf, über sie zu weinen, bis sie aufhören zu sündigen, und hörtet nicht auf, für sie zu hoffen, bis sie aufgehört haben zu leben, und hörtet nicht auf, für sie zu beten, bis ihr aufhört zu atmen. Bringt sie in den Armen des Glaubens vor Gott, o, verzagt nicht, weil sie das nicht sind, was ihr wünscht. Sie werden gewonnen werden, wenn ihr nur Glauben an Gott habt. Der euch gerettet hat, kann auch sie retten. Bringt sie beständig einzeln vor den Gnadenstuhl und ringt mit Ihm und sprecht: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.“ Dies war das Wort, welches der Apostel dem Kerkermeister sagte: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig.“ Wir haben viele Beweise davon gehabt, denn in diesem Taufbassin habe ich nicht nur den Vater und die Mutter getauft, sondern in vielen Fällen auch die Kinder, die eines nach dem anderen aus Gnaden dahin gebracht wurden, ihr Vertrauen auf Jesus zu setzen. Bittet von Ihm, fleht zu Ihm, geht Ihn an in der Kraft des Glaubens und mit heiligem Ernst, und Er wird euch mit Sicherheit erhören.

Möchte der Herr erhören und segnen um Seines Namens willen! Amen. 

autoren/s/spurgeon/s/spurgeon-die_seligkeit_frueh_gestorbener_kinder.txt · Zuletzt geändert: von aj