Spurgeon, Charles Haddon - Des Sünders Freistadt

Diese sechs Städte sollen zur Zuflucht sein, daß dahin fliehe ein jeder, der einen Menschen aus Versehen erschlagen hat.
4. Mose 35,15

Es ist euch bekannt, daß das Prinzip der Blutrache bei den Morgenländern tief verwurzelt ist. Von den ältesten Zeiten her war es bei den Orientalen Sitte, wenn ein Mensch ermordet, oder ohne vorher überlegte Absicht erschlagen worden war, daß der nächste Verwandte, sein Erbe oder ein anderer Verwandter für ihn Rache nahm an der Person, welche absichtlich oder unabsichtlich die Ursache seines Todes war. Der Bluträcher konnte sein Opfer vierzig Jahre lang, ja, bis zu seinem Tode verfolgen und ihm sein ganzes Leben lang auf den Fersen sein, um ihn zu töten. Es war nicht notwendig, daß der Totschläger erst von einem Richter verhört wurde. Sein Opfer war tot, und wenn der, der ihn getötet hatte, nicht getötet werden konnte, so wurde es bei manchen Stämmen für erlaubt angesehen, seinen Vater oder irgendein anderes Glied seines Stammes zu töten, und solange die Rache ihr Opfer nicht erreicht hatte, bestand zwischen den beiden Stämmen eine tödliche Feindschaft, die nicht anders als durch Blut aufgehoben werden konnte.

Als der Herr den Israeliten dieses Gesetz betreffs der Freistädte gab, knüpfte er an ihre tief verwurzelte Beziehung zu dem System der Blutrache durch den nächsten Verwandten an, und Gott handelte weise, wie er in allen Dingen stets weise gehandelt hat.

In der Schrift werden zwei Dinge erwähnt, von denen ich nicht glaube, daß Gott sie jemals gutgeheißen hat, welche er aber, da sie sich bei den Juden tief eingenistet hatten, nicht streng verbot. Das eine war die Polygamie. Die Praxis, mehrere Frauen zu heiraten, hatte sich so eingebürgert, daß Gott, obwohl er sie haßte, sie gleichsam übersah, weil er voraussah, daß sie das Gebot ohne weiteres übertreten haben würden, wenn er die Vorschrift gegeben hätte, daß jeder Mann nur eine Frau haben sollte. Dasselbe war bei der Blutrache der Fall. Anstatt den Israeliten zu versagen, was sie als ihr Vorrecht betrachteten-Rache an den Mitmenschen zu nehmen-gab er ein Gesetz, welches es doch fast unmöglich machte, daß ein Mensch getötet wurde, wenn er nicht wirklich ein Mörder war.

Gott bestimmte sechs Städte in angemessenen Entfernungen voneinander, damit jemand, der unabsichtlich einen anderen getötet, also einen Totschlag verübt hatte, zu einer dieser Städte fliehen konnte, und wenn er auch dort vielleicht während seines ganzen Lebens bleiben mußte, so konnte ihm doch der Bluträcher nichts anhaben, wenn er unschuldig war. Er mußte sich allerdings einem gesetzmäßigen Verhör unterziehen. Aber wenn er unschuldig erfunden wurde, mußte er in der Stadt bleiben, in welche der Bluträcher unter keinen Umständen kommen durfte. Wenn er dagegen die Stadt verließ, konnte der Rächer ihn erschlagen. Er mußte darum eine dauernde Verbannung selbst dafür erdulden, daß er nur zufälligerweise einen Tod verschuldet hatte, damit erkannt würde, wie sehr Gott die Rechte des Blutes beachtet und welch eine ernste Sache es ist, einen Menschen auf irgendwelche Weise ums Leben zu bringen. Ihr seht, liebe Freunde, daß auf diese Weise der Möglichkeit vorgebeugt wurde, daß jemand erschlagen wurde, der des Mordes nicht schuldig war, denn sobald ein Mensch einen anderen zufälligerweise tödlich getroffen hatte, floh er zur Freistadt. Er hatte einen Vorsprung vor dem Verfolger und wenn er die Freistadt zuerst erreichte, war er sicher und geborgen.

Ich möchte diese Verordnung als ein Bild und Vorbild verwenden, um die Errettung der Menschen durch Jesus Christus, unseren Herrn, deutlich zu machen. Ich werde euch zuerst eine Erklärung und dann eine Ermahnung geben.

Die Freistadt (Zufluchtsstadt) - ein Bild von Golgatha

Beachtet zuerst, für wen die Freistadt bestimmt war. Es war keine Zufluchtsstätte für den mutwilligen Mörder. Wenn ein solcher dorthin lief, mußte er, nachdem die Untersuchung stattgefunden hatte, herangeschleppt und dem Bluträcher übergeben werden und dieser konnte ihn töten. Blut um Blut, Leben um Leben. Aber wenn jemand zufällig, ohne Absicht und ohne vorherige Überlegung einen anderen erschlagen, das heißt nur einen Totschlag verübt hatte, so war der Mann, der dahineilte, vollkommen sicher.

Hier stellt jedoch das Vorbild das Werk unseres Herrn Jesus Christus nur unvollkommen dar. Er ist nicht eine verordnete Freistadt für Menschen, welche unschuldig sind, sondern für schuldige, welche nicht zufällig gesündigt haben, sondern sogar für solche, die eigenwillig irre gegangen sind. Unser Heiland ist in die Welt gekommen, nicht um die zu erretten, welche aus Versehen gesündigt haben, sondern die, welche Übertreter wohlbekannter göttlicher Gebote gewesen sind. Solche, die dem sündigen Verlangen ihres eigenen freien Willens, ihrer eigenen Verdorbenheit gefolgt sind, welche sie veranlaßt hat, sich wider Gott aufzulehnen.

Beachtet dann den Bluträcher. Indem ich diesen Teil des Vorbildes erkläre, muß ich natürlich jede Einzelheit des Bildes nehmen. Der Bluträcher war, wie ich schon gesagt habe, gewöhnlich der nächste Verwandte des Erschlagenen. Aber ich glaube, daß jedes andere Familienglied für ebenso kompetent erachtet wurde, als Rächer zu handeln.

Wenn zum Beispiel mein Bruder getötet worden wäre, so hätte ich die Pflicht gehabt, womöglich sofort sein Blut zu rächen und dem Mörder oder dem Mann, der ihn zufälligerweise getötet hatte, nachzulaufen, um ihn zu töten. Wenn ich das nicht vermocht hätte, so wäre es die Aufgabe meines Vaters oder jedes anderen männlichen Familiengliedes gewesen, den Mann zu verfolgen, damit wir ihn töten könnten. Ich sage nicht, daß dies jetzt unsere Pflicht ist; aber unter der alten jüdischen Haushaltung hätte man so gehandelt. Durch das mosaische Gesetz wurde es gestattet, daß die Verwandten der Getöteten die Bluträcher sind.

Das Gegenstück zu diesem Vorbild finden wir bei dem Sünder in dem Gesetz Gottes. Sünder, das Gesetz Gottes ist der Bluträcher, der dir auf den Fersen ist. Du hast es eigenwillig übertreten und gleichsam Gottes Gebote getötet. Du hast sie unter deine Füße getreten, und das Gesetz, der Bluträcher, ist hinter dir her. Er wird dich bald erfaßt haben, das Todesurteil schwebt schon jetzt über deinem Haupt, und es wird dich sicher ereilen. Und wenn es dich in diesem Leben nicht erreichen sollte, so wird der Bluträcher, Mose, das Gesetz des Herrn, in der zukünftigen Welt Rache an dir nehmen, und du wirst dem ewigen Tod verfallen.

Aber unter dem Gesetz gab es sechs Freistädte, damit sich von jedem Ort des Landes aus in angemessener Entfernung eine solche befindet. Nun gibt es nicht sechs Christusse, sondern nur einen, aber dieser eine Christus ist überall. „Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen. Das ist das Wort des Glaubens, das wir predigen, daß, wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennen und in deinem Herzen glauben wirst, daß Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, du errettet werden wirst. Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit und mit dem Mund wird bekannt zum Heil.“

Die Freistadt war eine Priesterstadt, eine Stadt der Leviten und sie gewährte dem Totschläger Lebensschutz. Er mochte darin bleiben bis zum Tod des zur Zeit amtierenden Hohenpriesters, nach welchem er frei ausgehen durfte, ohne daß der Bluträcher ihn anrühren durfte. Aber während der Zeit seines Aufenthalts wurde ihm dort freimütig Wohnung und Nahrung gewährt. Es wurde für ihn gesorgt, und er war in völliger Sicherheit, nicht etwa wegen der Mauern, Tore oder Riegel der Stadt, sondern weil es der von Gott bestimmte Zufluchtsort war. Seht ihr den Mann, der dorthin eilt? Der Rächer ist schnell und wutschnaubend hinter ihm her. Der Totschläger hat soeben die Stadtgrenze erreicht. Im nächsten Augenblick hält der Rächer ein. Er weiß, daß es keinen Zweck hat, ihm noch weiter nachzulaufen-nicht weil die Stadtmauern so stark, oder die Tore verschlossen sind, noch weil da draußen eine Armee steht, die ihm entgegentritt, sondern weil Gott gesagt hatte, daß ein Mensch unangetastet sein sollte, sobald er die Grenze überschritten hatte und sich innerhalb der Stadt befand. Die göttliche Bestimmung war das einzige, das die Freistadt sicher machte.

Nun, Geliebte, unser Herr Jesus Christus ist der von Gott bestimmte Heilsweg. Wer unter uns von seinen Sünden weg eilt und zu Christus flieht, wer von seiner Schuld überzeugt ist, wen Gottes Geist bewegen kann, in die Zufluchtsstadt zu eilen, der wird ohne allen Zweifel absolute und ewige Zuflucht finden. Der Fluch des Gesetzes wird uns nicht anrühren. Satan wird uns nicht schaden, die Rache wird uns nicht ereilen, denn die göttliche Bestimmung, die stärker ist als eiserne Tore, beschirmt einen jeden von uns, welcher Zuflucht zu der im Evangelium angebotenen Hoffnung nimmt.

Ihr müßt auch beachten, daß die Freistadt ringsumher eine sehr ausgedehnte Grenze hatte. Zweitausend Ellen waren für das Vieh der Priester als Grasland und innerhalb dieses Raumes tausend Ellen für Feld und Weinberg bestimmt. Nun war der Verfolgte schon sicher, wenn er diese äußere Grenze erreicht hatte. Es war nicht notwendig für ihn, erst innerhalb der Stadttore zu sein, denn schon der äußere Teil vor der Stadt gewährte ihm ausreichenden Schutz. Lerne daraus, daß du gesund wirst, wenn du nur den Saum des Gewandes Christi berührst. Wenn du ihn nur ergreifen kannst mit einem Glauben „wie ein Senfkorn,“ mit einem Glauben, welcher zwar schwach, aber lebendig ist, so bist du geborgen. Komm irgendwie innerhalb der Grenze der Freistadt, und du bist ein für allemal vor dem Rächer sicher.

Wir kennen auch hinsichtlich der Entfernung dieser Städte von den Wohnungen der Menschen im alten Judäa einige interessante Einzelheiten. Es wird uns erzählt, daß-wo auch ein Mensch das Verbrechen des Totschlags begehen mochte-er innerhalb eines halben Tages eine Freistadt erreichen konnte. Wahrlich, Geliebte, von einem schuldigen Sünder bis hin zu dem schützenden Christus ist keine große Entfernung. Es ist nur eine einfache Verleugnung unserer eigenen Kräfte und ein Ergreifen Christi als unsere einzige Hoffnung erforderlich, um in die Freistadt zu gelangen.

Dann wird uns betreffs der Wege zu der Stadt berichtet, daß streng darauf geachtet wurde, daß sie in einem guten Zustand waren. Jeder Fluß wurde überbrückt, wurden die Wege geebnet und jedes Hindernis beseitigt, so daß der Flüchtende einen bequemen Weg zur Freistadt hatte. Einmal im Jahr gingen die Ältesten der Stadt hinaus und besahen die Wege, ob alles sorgfältig repariert war, und um alles anzuordnen, was ihnen nötig erschien, damit die Flucht des Totschlägers nicht aufgehalten oder gehemmt werden konnte. Wo es Neben- und Abwege gab, da wurden Wegweiser errichtet, mit deutlich sichtbaren Buchstaben beschriftet: „Zur Freistadt!“ so daß der Mensch wußte, welchen Weg er zu wählen hatte, wenn er die Stadt zu erreichen wünschte. Beständig befanden sich zwei Männer auf dem Weg, damit sie, falls der Bluträcher einen Mann einholen sollte, sie ihn aufhalten und bitten könnten, nicht zu dem tödlichen Schlage auszuholen, damit vor der gesetzmäßigen Untersuchung unschuldiges Blutvergießen vermieden wurde und nicht etwa der Rächer selbst sich eines absichtlichen Mordes schuldig machte. Denn dieses Risiko mußte natürlich der Rächer auf sich nehmen, wenn er jemand erschlug, der es nicht verdient hatte, zu sterben.

Nun, ich denke, dies ist ein Bild von dem Weg zu Jesus Christus. Es ist kein weitschweifiger Weg des Gesetzes. Es handelt sich hier nicht darum, diesem und jenem und einem anderen Gebot zu gehorchen. Es ist ein gerader Weg: „Glaube und lebe!“ Es ist ein so schwieriger Weg, daß kein Selbstgerechter ihn jemals betreten wird; aber es ist ein so leichter Weg, daß jeder, der sich als Sünder erkennt, zu Christus kommen und den Himmel finden kann. Und damit nicht jemand sich in Unkenntnis und im Irrtum befindet, hat Gott mich und meine Brüder im Land dazu bestimmt, gleich den Wegweisern am Weg zu handeln und Sünder zu Jesus zu weisen. Wir wünschen stets den Ruf auf unseren Lippen zu haben: „Zur Freistadt! Zur Freistadt! Zur Freistadt!“ Sünder, das ist der Weg, betritt ihn, und du wirst gerettet werden. Ich denke, ich habe euch die Erklärung des Vorbildes gegeben. Christus ist die wahre Freistadt, und er bewahrt alle, die ihre Zuflucht zu seiner Barmherzigkeit nehmen. Er tut es, weil er der von Gott bestimmte Heiland ist, der alle die retten kann, die durch ihn zu Gott kommen.

Eine ernste Ermahnung

Ihr müßt mir gestatten, eine Szene zu schildern. Ihr seht jenen Mann auf dem Feld. Er ist bei seiner Arbeit gewesen und hat dabei irgendein schweres Gerät oder Werkzeug gebraucht. Unglücklicherweise und ohne daß er es gewollt hätte, entgleitet es seiner Hand, trifft seinen Mitarbeiter, und dieser fällt tot zu Boden. Ihr seht den armen Menschen mit Todesschrecken auf seinem Gesicht. Er ist schuldlos, aber welches Elend empfindet er, während er auf den Leichnam blickt, der zu seinen Füßen liegt! Eine Angst, wie ihr und ich sie noch nie empfunden haben, ergreift sein Herz. Furcht, Schrecken, Trostlosigkeit!

Ja, einige von uns haben geistlich etwas ähnliches erlebt, aber wer kann die Schrecken eines Menschen beschreiben, der seinen Gefährten leblos an seiner Seite niederfallen sieht? Worte sind nicht im Stande, die Angst seiner Seele auszudrücken. Er sieht ihn an, er versucht ihn aufzurichten, aber er stellt fest, daß wirklich der Tod eingetreten ist. Was tut er nun? Seht ihr ihn nicht? Im nächsten Augenblick eilt er von dem Feld hinweg, wo er eben noch bei seiner Arbeit war und läuft auf dem Weg dahin, so schnell er kann. Er hat viele ermüdende Meilen zurückzulegen, sechs lange Stunden angestrengt zu laufen und indem er das Tor passiert, wendet er sich um und sieht den Bruder des Erschlagenen. Dieser war soeben aufs Feld gekommen und hatte seinen Bruder dort tot vorgefunden. Könnt ihr euch denken, wie das Herz des Totschlägers vor Furcht und Angst klopft? Er hat einen kleinen Vorsprung auf dem Weg. Er sieht den Bluträcher mit rotem Gesicht, die Keule in der Hand, das Feld verlassen und ihm nachlaufen. Der Weg führt durch den Ort, wo der Vater des Erschlagenen wohnt. Wie schnell flieht der arme Flüchtling durch die Straßen. Er hält nicht einmal ein, um von seiner Frau Abschied zu nehmen oder seine Kinder zu küssen, sondern eilt fort, denn es gilt sein eigenes Leben.

Der Verwandte des Erschlagenen ruft seinem Vater und seinen anderen Verwandten zu und teilt ihnen mit, was geschehen ist, und sie alle beeilen sich, dem Totschläger nachzusetzen. Nun ist eine ganze Truppe auf dem Weg. Der Mann flieht ihnen allen voran. Es gibt keine Ruhe für ihn. Wenn auch einer seiner Verfolger eine Weile anhalten oder zurückkehren mag, die anderen folgen ihm um so entschlossener nach. Da ist ein Pferd in dem Ort. Einer besteigt es und jagt ihm nach, denn wenn sie ein Tier haben können, das sie schneller weiterbringt, so machen sie Gebrauch davon.

Könnt ihr euch den Totschläger vorstellen, wie er ausruft: „O, daß ich Flügel hätte, um zur Freistadt fliegen zu können!“? Seht, wie er die Erde unter seinen Füßen von sich stößt. Was sind ihm die grünen Felder zu beiden Seiten, was die murmelnden Bäche? Er hält nicht einmal ein, um seine Lippen zu netzen. Die Sonne brennt auf ihn herab, aber er läuft weiter, weiter, weiter! Er wirft ein Kleidungsstück nach dem andern von sich und rast weiter, und die Verfolger sind dicht hinter ihm. Er kommt sich vor wie ein Hirsch, der von den Hunden gejagt wird. Er weiß, sie dürsten nach seinem Blut und wenn sie ihn einholen, dann ist es ein Wort, ein Schlag-,und er ist ein toter Mann.

Seht ihr ihn, wie er seinen Weg verfolgt? Da sieht er in der Ferne eine Stadt. Er erkennt die Tore der Freistadt. Seine müden Füße wollen ihn fast nicht weitertragen, seine Adern treten wie Peitschenschnüre auf seiner Stirn hervor und, das Blut fließt ihm aus der Nase. Er strengt seine Kräfte aufs äußerste an, und er würde schneller laufen, wenn er nur mehr Kräfte hätte. Die Verfolger sind dicht hinter ihm, sie haben ihn beinahe erfaßt. Aber sieh und freue dich! Er hat soeben die äußere Grenze der Stadt erreicht, da ist die Grenzlinie! Er überspringt sie und fällt wie besinnungslos zu Boden, aber sein Herz ist voll Freude. Die Verfolger kommen heran und sehen ihn an, aber sie wagen es nicht, ihn zu töten. Das Messer und auch die Steine sind in ihren Händen, aber sie wagen nicht, ihn anzurühren. Er ist sicher, durchaus sicher. Er ist überaus schnell gelaufen, er hat es vermocht, sich in das Reich des Lebens hinüber zu retten und einem grausamen und schrecklichen Tod zu entgehen.

Sünder, das Bild, welches ich dir gegeben habe, ist ein Bild von dir mit Ausnahme der Schuldlosigkeit jenes Mannes, denn du bist ein schuldiger Mensch. Wenn du es nur wüßtest, daß der Bluträcher hinter dir her ist! Daß Gott dir Gnade geben möchte, daß du heute ein Bewußtsein von deiner Gefahr hättest. Du würdest dann keinen Augenblick zögern, zu Christus zu fliehen. Du würdest, während du in deiner Bank sitzt, sagen: „Laß mich hin eilen, wo Barmherzigkeit zu finden ist“ und du würdest dein Auge nicht schlafen und deine Augenlider nicht schlummern lassen, bis du in Christus eine Zuflucht für deine schuldige Seele gefunden hast. Ich bin also jetzt hier, um dich ernstlich zu ermahnen, jetzt zu Jesus zu fliehen.

Laßt mich einen von euch herausnehmen, damit er allen anderen als Beispiel dient. Hier ist ein junger Mann, welcher schuldig ist. Die Beweise für seine Schuld liegen auf der Hand. Er weiß, daß er ein großer Übertreter ist, denn er hat in schändlicher Weise gegen Gottes Gesetz gesündigt. Junger Mann, so gewiß du schuldig bist ist der Bluträcher hinter dir her! O dieser Rächer-Gottes feuriges Gesetz-hast du es je gesehen? Es spricht flammende Worte, es hat Augen gleich feurigen Fackeln. Wenn du einmal das Gesetz Gottes sehen und die große Schärfe seines schrecklichen Schwertes spüren könntest, würdest du, während du auf deiner Bank sitzt, in dem Schrecken vor dem über dir schwebenden Urteil zu Tode erzittern.

Sünder, besinne dich, wenn dieser Rächer dich ergreift, so ist nicht nur der zeitliche Tod dein Teil, sondern es ist der ewige Tod, der auf dich wartet. Bedenke, Sünder, wenn das Gesetz seine Hand an dich legt und Christus dich nicht errettet, so bist du verdammt und weißt du, was Verdammnis bedeutet? Sprich, kannst du mir sagen, was diese Wogen des ewigen Zorns sind, was der Wurm ist, der niemals stirbt, was der feurige See, der bodenlose Abgrund ist? Nein, du kannst nicht wissen, wie fürchterlich diese Dinge sind. Wenn du es könntest, Mensch, du würdest aufspringen und fliehen, um Leben, ewiges Leben zu haben. Du würdest dem Mann in Bunyans „Pilgerreise“ gleichen, der die Finger in seine Ohren steckte und davonlief, der, als seine Nachbarn ihm nachliefen, beständig ausrief: „Ewiges Leben! Ewiges Leben!“ O törichte Stumpfheit, alberne Unwissenheit, mehr als tierische Torheit, welche die Menschen in ihren Sünden ruhig und zufrieden dahinleben läßt! Der Trunkenbold leert seinen Becher und weiß nicht, daß unten der schreckliche Zorn liegt. Der Flucher ergeht sich in seinen Lästerungen und weiß nicht, daß eines Tages seine Flüche auf ihn zurückkehren werden. Ihr werdet eurer Wege gehen und das Fette essen und das Süße trinken und freudig und vergnügt leben. Aber wenn ihr wüßtet, daß der Bluträcher hinter euch her ist, würdet ihr nicht so töricht handeln! Könnt ihr annehmen, daß der Mann, nach dem er seinen Nächsten getötet hatte und als er den Rächer kommen sah, sich ruhig niedergelassen und seinem Tod entgegengesehen hätte, während eine Freistadt für ihn offen stand? Nein, nur euch ist diese vollendete Torheit vorbehalten. Ihr wollt nicht zu Christus fliehen, ihr wollt eure Seelen nicht retten, sondern wollt euch zufrieden geben und eines Tages wird euch das Gesetz ergreifen, und dann wird euch der Zorn, der ewige Zorn festhalten! Wie töricht ist der Mensch, der seine Zeit verschwendet und sorglos zögert, während die Freistadt vor ihm und der Bluträcher hinter ihm ist!

Laßt mich einen anderen Fall schildern. Hier ist ein junger Mann, der sagt: „Mein Herr, der Versuch, mich zu retten, hat keinen Zweck. Ich werde weder an Beten, noch an Glauben oder an etwas Derartiges denken, weil es für mich ja doch keine Rettung gibt.“ Stellt euch vor, jener arme Mann, der seinen Nächsten getötet hatte, würde also reden. Nehmt an, er säße still, legte seine Arme übereinander und sagte: „Für mich gibt es keine Freistadt.“ Ich kann mir solche Torheit nicht denken. Wenn du dächtest, es gäbe für dich keine Freistadt, so weiß ich, was du tun würdest. Du würdest zittern und stöhnen und schreien.

Es gibt eine Art Verzweiflung, die manche Leute haben: eine Scheinverzweiflung. Ich bin mit vielen zusammengetroffen, welche sagen: „Wir glauben nicht, daß wir je gerettet werden können,“ und sie scheinen sich gar nicht darum zu sorgen, ob sie gerettet werden oder nicht. Wie töricht wäre der Mann, welcher still säße und sich von dem Rächer erschlagen ließe, weil er sich einbildet, daß es für ihn keinen Eintritt in die Stadt gibt. Aber deine Torheit ist ebenso groß und noch größer, wenn du still sitzt und sagst: „Über mich wird sich der Herr nie erbarmen.“ Wer sich weigert, die Medizin zu nehmen, weil er denkt, daß sie ihn doch nicht heilen wird, ist ebenso ein Selbstmörder, wie der, welcher den Dolch nimmt und ihn sich ins Herz bohrt. Du hast kein Recht, die Verzweiflung über Gottes Verheißung triumphieren zu lassen. Er hat es gesagt und er meint es auch so: „Wer den Namen des Herrn anruft, der wird gerettet werden.“ Wenn er dir deine Schuld gezeigt hat, so verlaß dich darauf, es gibt eine Freistadt für dich, eile dahin! Möge Gott dir helfen, dich jetzt auf den Weg zu machen.

Wenn die Menschen nur wüßten, wie schrecklich der zukünftige Zorn ist und wie schrecklich der Gerichtstag sein wird-wie eilig würden sie dem entfliehen und zu Jesus kommen! Es gibt hier unter meinen Zuhörern keinen, welcher eine Stunde zögern würde, zu Jesus zu eilen, wenn er wüßte, wie gefahrvoll sein Zustand ist. Wenn uns Gott, der Heilige Geist, einmal von unserer Sünde überzeugt hat, gibt es kein Hinken mehr. Der Heilige Geist sagt: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört,“ und wir rufen: „Heute, Herr, heute höre unsere Stimmen.“ Es gibt dann kein Aufhalten, es heißt: fort, fort, fort, das Leben zu retten! Ich bitte euch, Männer und Brüder, euch, die ihr wider Gott gesündigt habt und die ihr das wißt, euch, die ihr vor dem zukünftigen Zorn erlöst werden möchtet-ich bitte euch bei dem, der tot war und nun lebt: flieht zu Christus!

Achtet darauf, daß es Christus ist, zu dem ihr flieht, denn wenn der Mann, der seinen Nächsten erschlagen hatte, zu einer anderen Stadt geflohen wäre, so würde ihm das nichts genützt haben. Wenn er nach einem Ort geflohen wäre, der nicht als Freistadt angeordnet war, so hätte er mit der größten Schnelligkeit und dem glühendsten Verlangen fliehen können, und er wäre doch innerhalb der Stadttore erschlagen worden. So mögt ihr Selbstgerechte euch zu euren guten Werken flüchten, mögt Taufe und Konfirmation und Kirchegehen üben und mögt alles tun, was gut und vortrefflich ist, aber ihr flüchtet in die verkehrte Stadt, und der Bluträcher wird euch doch finden. Arme Seele, bedenke, daß Christus Jesus, der Herr, die einzige Zuflucht für einen schuldigen Sünder ist. Sein Blut, seine Wunden, sein Seelenkampf, seine Leiden, sein Tod-das sind die Tore und Mauern der Stadt des Heils. Aber wenn wir diesen nicht ohne jeden Zweifel vertrauen, dann ist unsere Hoffnung, welchen Dingen wir sonst auch vertrauen mögen, nur ein zerbrochenes Rohr, und wir werden trotz allem doch verlorengehen.

Vielleicht ist jemand hier, der kürzlich erweckt und dahingeführt worden ist, seine Sünde so zu sehen, als ob der Leichnam eines ermordeten Menschen zu seinen Füßen läge. Es ist mir, als ob Gott mich besonders zu diesem einzelnen Zuhörer gesandt hätte. Mensch, Gott hat dir deine Schuld gezeigt, und er hat mich gesandt, dir zu sagen, daß es eine Freistadt für dich gibt. Auch wenn du schuldig bist, ist er doch gnädig. Auch wenn du dich gegen ihn aufgelehnt hast, will er sich doch aller erbarmen, welche Buße tun und den Verdiensten seines Sohnes vertrauen. Er hat mir geboten, dir zu sagen: „Fliehe, fliehe, fliehe!“ und in Gottes Namen sage ich dir: „Fliehe zu Christus.“

Er hat mir geboten, dich vor dem Zögern zu warnen. Er hat mir geboten, dich daran zu erinnern, daß der Tod die Menschen überrascht, wenn sie es am wenigsten erwarten. Er hat mir geboten, dir zu versichern, daß der Bluträcher dich nicht schonen wird, daß sein Auge kein Mitleid kennt, daß sein Schwert zur Rache geschmiedet worden ist und daß es Rache üben will. Gott hat mir auch geboten, dich bei dem Schrecken des Herrn, bei dem Gerichtstag, bei dem zukünftigen Zorn, bei der Ungewißheit des Lebens und bei der Nähe des Todes zu ermahnen, in diesem Augenblick zu Christus zu fliehen. Eile, denn siehe, der Bluträcher ist dicht hinter dir. Er hat bereits seine Tausende erschlagen, laß das Angstgeschrei der bereits verdammten Seelen in deine Ohren dringen! Laß das Geheul der Verdammten dich erschrecken, laß die Qualen der Hölle dir Entsetzen einflößen. Wie, willst du stillstehen, während der Rächer dir auf den Fersen ist?

Junger Mann, Gott hat dich von deiner Sünde überführt, willst du heute wieder zur Ruhe gehen, ohne um Vergebung zu bitten? Willst du den nächsten Tag erwarten, ohne zu Christus zu fliehen? Nein, ich denke, ich sehe Anzeichen davon, daß der Geist Gottes in dir wirkt und es ist mir, als hörte ich, wie er dich veranlaßt, zu sagen: „Wenn Gott mir hilft, will ich mich jetzt Christus ergeben und wenn er seine Liebe nicht sogleich in mein Herz ausgießen will, so ist dies doch mein fester Entschluß: ich will nirgendwo Ruhe finden, bis Christus mich anblickt und mir durch seinen Heiligen Geist die mit Blut erkaufte Vergebung versiegelt.“

Aber wenn du sitzen bleiben willst, junger Mann, und du wirst es tun, wenn du deinem eigenen Willen überlassen bleibst, dann kann ich nichts anderes für dich tun, als im Verborgenen über dich zu weinen. Wehe dir, mein Zuhörer, wehe dir. Dein Puls schlägt den Marsch zur Hölle. Wehe dir, wenn du vergnügt deine Arme übereinanderschlagen solltest, während das Messer deinem Herzen nahe ist. Wehe dir, der du singen und vergnügt sein kannst, während der Strick dir um den Hals gelegt und dir der verhängnisvolle Tropfen dargereicht wird. Wehe dir, wenn du deiner Wege gehst und glücklich und zufrieden lebst, während du verloren bist. Du erinnerst mich an die törichte Mücke, die die Flamme umtanzt, obwohl sie sich versengt und schließlich in den Tod stürzt; so bist du!

Du junges Mädchen mit deiner Schmetterlingskleidung, du umtanzt die Flamme, die dich vernichten wird. Junger Mann, leicht und flatterhaft in deinen Reden, lustig in deinem Leben, du tanzt zur Hölle. Wehe, wehe, wehe euch, die ihr eure eigenen Leichengewänder webt, die ihr euch mit jedem Tag durch eure Sünden eure eigenen Galgen errichtet, die ihr euch durch eure Übertretungen eure eigenen Gräber grabt und schwer arbeitet, um euch die Scheiterhaufen zu eurem ewigen Verbrennen zu errichten! O daß ihr weise wäret, daß ihr verständet, was euch zuletzt begegnen wird, daß ihr dem zukünftigen Zorn entfliehen möchtet!

O, meine Zuhörer, denkt an den zukünftigen Zorn, den zukünftigen Zorn! Wie schrecklich dieser Zorn ist, das wagen meine Lippen nicht zu beschreiben. Schon bei dem Gedanken daran wird mein Herz von Angst erfüllt. Meine Zuhörer, sind nicht einige da, welche bald erfahren werden, was dieser zukünftige Zorn wirklich ist? Da sind einige, die, wenn sie jetzt in ihren Bänken umfielen, verdammt werden müßten. Ach, ihr wißt es, ihr wißt es! Ihr wagt es nicht, das zu leugnen, ich sehe, ihr wißt es, denn ihr laßt eure Köpfe hängen und scheint zu sagen: „Es ist wahr, ich habe keinen Christus, dem ich vertrauen, kein Kleid der Gerechtigkeit, das ich tragen, keinen Himmel, auf den ich hoffen kann.“ Mein Zuhörer, gib mir deine Hand, nie hat ein Vater seinen Sohn mit größerem, leidenschaftlicherem Ernst gebeten, als ich dich jetzt bitten möchte. Warum sitzt du still, während die Hölle dir fast ins Angesicht brennt? „Warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?“ O Gott, muß ich über diese Leute vergeblich seufzen? Muß ich fortfahren, ihnen zu predigen, und ihnen „ein Geruch des Todes zum Tode“ sein, anstatt „ein Geruch des Lebens zum Leben“? Muß ich dazu beitragen, ihre Hölle unerträglich zu machen? Muß das sein? Müssen die Leute, die mir jetzt zuhören, gleich dem Volk von Chorazin und Bethsaida in den Tagen unseres Herrn, ein schrecklicheres Urteil erfahren, als die Einwohner von Sodom und Gomorrha? O ihr, die ihr eurem freien Willen überlassen seid, den Weg zur Hölle zu erwählen, laßt diese Augen von Tränen übergehen, weil ihr selber nicht über euch weinen wollt! Es ist seltsam, daß ich mehr Interesse für eure Seelen habe, als ihr für euch selbst. Mein Gott weiß, daß ich jeden Stein umkehren möchte, um einige von euch retten zu können. Es gibt nichts, das menschliche Kraft tun kann, das ich nicht erstreben möchte, wenn ich nur das Werkzeug zu eurer Errettung von der Hölle sein könnte. Und doch handelt ihr, als ob euch das nichts angeht. Es ist meine Aufgabe, aber es ist viel mehr die eure. Wenn ihr verloren geht, so bedenkt, daß ihr es seid, die verloren gehen und wenn ihr umkommt, so bezeugt mir, daß ich rein bin von eurem Blut. Wenn ihr dem zukünftigen Zorn nicht entflieht, so vergeßt nicht, daß ich euch gewarnt habe.

Ich zittere für einige, von denen ich weiß, daß sie in einem gewissen Sinn Gottes Evangelium predigen, welche aber die Sünder niemals warnen. Ein Mitglied meiner Gemeinde sagte kürzlich zu mir: „Ich hörte Herrn So-und-so predigen, er wird als gesund in der Lehre bezeichnet. Ich habe ihn nun schon neun Jahre lang gehört und habe dabei stets das Theater besuchen können. Ich konnte fluchen und schwören, ich konnte sündigen, und ich hörte während der ganzen neun Jahre nie eine Warnung von den Lippen dieses Mannes.“ Nun, ich wünsche nicht, daß einer meiner Zuhörer das von meinen Predigten sagen kann. Mag die Welt mich anzischen, mag ich auch die Narrenkappe tragen müssen, mag die Welt mich verdammen und mögen die Narren dieses Universums mich mit Füßen von sich stoßen, aber ich will frei sein von dem Blut meiner Zuhörer. Das einzige, was ich in dieser Welt suche, ist, treu gegen die Seelen meiner Zuhörer zu sein. Wenn ihr verdammt werdet, so soll es nicht geschehen, weil es euch an der treuen Predigt oder an der ernsten Warnung gefehlt hat.

Männer und Frauen, ihr Alten mit grauen Häuptern, Kauf- und Geschäftsleute, Knechte und Mägde, Väter, Mütter und Kinder, ich habe euch heute gewarnt. Ihr seid in Gefahr vor der Hölle und so wahr der Herr lebt, vor dem ich stehe, ihr werdet bald dort sein, wenn ihr dem zukünftigen Zorn nicht entflieht. Bedenkt, daß niemand als Jesus euch retten kann. Aber wenn Gott euch befähigt, eure Gefahr zu sehen, wenn er euch Gnade gibt, zu Christus zu fliehen, so wird er sich euer erbarmen, und der Bluträcher soll euch nicht finden. Die Freistadt wird euch ewig schützen und sicher und gesegnet und triumphierend mit Jesus werdet ihr singen von dem Blut und von der Gerechtigkeit Christi, wodurch bußfertige Sünder von dem zukünftigen Zorn erlöst worden sind. Gott segne und rette euch alle! Amen.

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