Spurgeon, Charles Haddon - Der Sieg des Glaubens.

„Denn Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ 1 Joh. 5, 4.

Die Episteln des Johannes sind von Liebe durchduftet. Das Wort kommt beständig vor, während der Geist in jedem Satz zu verspüren ist. Jeder Buchstabe ist von diesem himmlischen König ganz durchdrungen und angefüllt. Wenn er von Gott spricht, muß Sein Name Liebe sein; gedenkt er der Brüder, so liebt er sie; und selbst von der Welt schreibt er: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab.“ Vom Anfang bis zum Ende ist Liebe die Ursache, Liebe der Gegenstand, Liebe der Zweck und Liebe das Ziel. Wir stehen deßwegen ganz erstaunt da, wenn wir so kriegerische Worte in einer so friedlichen Epistel finden: denn ich höre das Tönen einer Schlacht. Es ist gewiß nicht die Stimme der Liebe, die sagt: „Wer von Gott geboren ist, überwindet die Welt.“ Sieh', hier ist Kampf und Streit. Das Wort „überwindet“ scheint von Schwerdt und Krieg etwas in sich zu haben, von Zank und Streit, von heißem Ringen und Kämpfen, das so unähnlich der Liebe ist, die sanftmüthig und freundlich ist, die lein rauhes Wort auf den Lippen hat, deren Mund von Holdseligkeit überfließt; deren Worte glatter sind als Butter, deren Sprache gelinder ist als Oel. Hier haben wir Krieg - blutigen Krieg, denn ich lese: „Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt;“ Streit bis in den Tod, eine Schlacht durch's ganze Leben hindurch, einen Kampf mit der Gewißheit des Sieges. Wie kommt es, daß dasselbe Evangelium, das stets von Frieden spricht, hier einen Krieg verkündigt? Wie erklären wir es uns? Einfach daraus, weil in der Welt Etwas ist, das der Liebe widerstrebt, Meinungen und Grundsätze herrschend geworden sind, die das Licht nicht ertragen können, und deßwegen muß das Licht, wenn es kommen will, erst die Finsternis verjagen. Ehe der Sommer herrschen kann, hat er, ihr wisset es, mit dem alten Winter zu kriegen, und ihn in den Märzwinden heulend heimzuschicken, und seine Thränen in Aprilschauern vergießen zu lassen. So muß auch etwas Großes oder Gutes erst kämpfen, wenn es die Oberhand in dieser Welt erlangen will. Satan hat sich auf seinen blutbefleckten Thron gesetzt, und wie kann man ihn anders herunterstoßen, als durch Anwendung von Gewalt, durch Kampf und Krieg? Finsterniß bedeckt die Völker; auch kann die Sonne ihr Lichtsreich nicht gründen, ehe sie die Nacht mit ihren goldenen Pfeilen durchdrungen und sie verscheucht hat. Daher lesen wir in der Bibel, daß Christus nicht gekommen ist, Frieden auf Erden zu bringen, sondern das Schwerdt; Er kam, „den Vater wider den Sohn und den Sohn wider den Vater, die Mutter wider die Tochter und die Tochter wider die Mutter, die Schwieger wider ihre Schnur und die Schnur wider ihre Schwieger zu erregen,“ nicht absichtlich, sondern als Mittel zu einem Zweck; weil immer ein Kampf sein muß, ehe Wahrheit und Gerechtigkeit herrschen können. Ach, denn diese Erde ist das Schlachtfeld, wo das Gute mit dem Bösen kämpfen muß. Die Engel schauen herab, und halten ihren Athem an sich; sie brennen, sich in den Kampf zu mischen; doch der Herzog der Seligkeit kann zu Soldaten nur Kreuzritter brauchen, und dieses kleine Häuflein muß allein fechten, und wird doch herrlich triumphiren. Es sind ihrer zum Siege genug, und auf ihrer Fahne steht das Wort genug geschrieben. Genug, denn die hilfreiche Dreieinigkeit leiht ihnen ihren Arm.

Drei Dinge finden sich in unserem Text, wovon ich unter Gottes Beistand mit euch reden will. Der Text spricht erstens von einem großen Sieg, er sagt: „Unser Glaube ist der Sieg.“ Zweitens gedenkt er einer großen Geburt: „Alles, was von Gott geboren ist.“ Und drittens preist er eine große Gnade, wodurch wir die Welt überwinden, nämlich „unsern Glauben.“

I.

Erstens spricht der Text von einem großen Sieg - dem Sieg der Siege - dem größesten von allen. Wir missen, daß große Schlachten geschlagen worden sind, wo Völker einander gegenüber standen, und eines das andere überwunden hat; doch wer hat je von einem Siege gehört, der die Welt überwunden? Manche werden sagen: Alexander habe die Welt überwunden; doch ich antworte nein. Er war selbst der Besiegte, auch als er Alles besaß, Cr stritt um die Welt, und gewann sie; nun aber sehet, wie die Welt ihren Herrn beherrschte, ihren Bezwinger bezwang, und den Monarchen peitschte, der ihre Geißel gewesen war. Sehet den königlichen Jüngling, wie er weint und mit wahnsinnigem Geschrei die Hand nach einer andern Welt ausstreckt, die er verheeren möchte. Aeußerlich schien es, als ob er die alte Welt überwunden habe; doch in Wirklichkeit, in seiner innersten Seele, hatte die Welt ihn überwunden, ihn bezwungen, ihn in den Traum des Ehrgeizes eingehüllt, ihn mit den Ketten der Habsucht gebunden, so daß, als er Alles hatte, er sich doch nicht befriedigt fühlte, und wie ein armer Sklave an den Wagenrädern der Welt fortgeschleift wurde, schreiend, klagend und jammernd, weil er nicht eine andere erobern konnte. Wer ist der Mann, der je die Welt überwunden? Er trete hervor; er ist ein Riese unter den Zwergen; er wird den Cäsar überstrahlen; er wird einen Napoleon und Wellington weit hinter sich lassen, wenn er sagen kann, daß er die Welt überwunden hat. Es ist dieß etwas so Seltenes, ein so erstaunlicher Sieg, eine so ungeheure Eroberung, daß, wer sich dessen rühmen kann, wie Saul eines Hauptes länger ist, denn alles Volk. Wir werden ihm Achtung zollen; schon seine Gegenwart wird uns mit Ehrfurcht erfüllen; seine Sprache wird uns Gehorsam abnöthigen; und indem wir Ehre erweisen, dem die Ehre gebühret, werden wir sagen, wenn wir auf seine Stimme hören: „Es ist, als ob ein Engel seine Flügel geschüttelt hätte.“

Ich werde mich jetzt im Weiteren über den ausgesprochenen Gedanken verbreiten, indem ich euch zeige, auf wie mannigfache Art der Christ die Welt überwindet. Eine heiße Schlacht ist es, ihr Lieben, ich versichere euch; nicht eine, die Weichlinge gewinnen könnten; kein leichtes Scharmützel, das derjenige gewinnen könnte, der an einem sonnigen Tag in die Schlacht sprengen, die Feinde anschauen, dann Rechtsum machen und mit vielem Anstand vor seinem seidenen Zelte absteigen würde; - nicht eine Schlacht, die derjenige gewinnen wird, der, heute nur ein unerfahrener Rekrut, seine Uniform anzieht und wähnt, einer Woche Dienst werde ihm eine Krone der Herrlichkeit sichern. Nein, Freunde, es ist ein lebenslanger Krieg - ein Streit, der die Kraft aller dieser Muskeln und dieses starken Herzens in Anspruch nehmen wird; ein Kampf, der alle unsere Stärke erfordern wird, wenn wir triumphiren wollen; und wenn wir in demselben weit überwinden, wird von uns gesagt werden, wie ein frommer Mann von Jesu Christo sagte: „Er hatte Stärke genug und nicht zu viel;“ eine Schlacht, wo das tapferste Herz verzagen, ein Kampf, wo der Muthigste erbeben könnte, wenn er sich nicht erinnerte, daß der Herr ihm zur Seite steht, und er deßhalb Niemand fürchten darf. Er ist seines Lebens Kraft; vor wem sollte ihm grauen? Der Kampf mit der Welt ist keiner, bei dem es hauptsächlich auf die Stärke oder körperliche Kraft ankommt; wäre er es, so könnten wir bald siegen; sondern er ist aus dem Grunde um so gefährlicher, weil er ein Kampf der Seele, ein Streit des Herzens und ein Ringen des Geistes ist. Wenn wir die Welt in einer Art überwinden, haben wir unser Werk noch nicht halb gethan; denn die Welt ist ein Proteus, der beständig seine Gestalt wechselt; gleich dem Chamäleon hat sie alle Farben des Regenbogens; und wenn du die Welt unter Einer Form überwunden hast, wird sie dich unter einer andern angreifen. Vis du stirbst, wirst du die Welt unter immer neuen Erscheinungen zu bekämpfen haben. Laßt mich nur einige der Formen anführen, unter welchen der Christ die Welt überwindet.

1) Er überwindet die Welt, wenn sie sich als eine Gesetzgeberin aufwirft, und ihr Sitten und Gebräuche lehren möchte. Ihr wisset, die Welt hat ein altes, massives Gesetzbuch, Worin sie verzeichnet stehen, und wer sich nicht nach Weltart betragen will, den thut die Gesellschaft in den Bann. Die Meisten von euch thun, was Jedermann thut, und das genügt euch. Wenn ihr da und dort Betrug im Handel und Wandel, allerlei Handwerkskniffe und dergleichen wahrnehmet, so genügt es euch, daß es ja Jedermann so macht. Wenn ihr sehet, daß die meisten Menschen gewisse Gewohnheiten an sich haben, so füget, so unterwerfet ihr euch. Ihr denket wahrscheinlich, daß, wenn man in Haufen in die Hölle gehe, dadurch die grimmige Hitze des Feuers im bodenlosen Abgrund vermindert werde, anstatt euch zu erinnern, daß je mehr Reisbündel zusammengetragen werden, desto grimmiger die Flamme sein wird. Die Menschen schwimmen gewöhnlich mit dem Strom wie ein todter Fisch; nur der lebendige Fisch schwimmt wider den Strom. Nur der Christ verachtet die Sitten und Gebräuche der Welt, bekümmert sich nichts um altes Herkommen, und legt sich einfach die Frage vor: „Ist es recht, oder ist es unrecht? Wenn es recht ist, will ich den Sonderling machen. Wenn Niemand anders in der Welt es thun will, will ich es thun; sollte ein allgemeines Geschrei zum Himmel aufsteigen, ich will es doch thun; sollten selbst die Sterne der Erde auffliegen und mich zu Tode steinigen, doch will ich es thun; obgleich man mich an den Brandpfahl bindet, muß ich es thun; ich will ihm Nicht-Thun den Sonderling machen; wenn die Menge mir nicht folgen will, will ich allein meinen Weg gehen; es soll mich freuen, wenn alle Menschen den rechten Weg erwählen, wie ich; wenn sie es aber nicht thun, will ich ihre Gewohnheiten verachten; ich kümmere mich nicht darum, was Andere thun; ich werde nicht von andern Menschen gewogen werden; ich stehe oder falle meinem eigenen Herrn.“ So sehe ich mich über die Sitten und Gebräuche der Welt weg. Schöne Welt! Sie kleidet sich in Hermelin, sie zieht das Richtergewand an und erklärt dir feierlich: „Mensch, du hast Unrecht; schau auf deine Mitmenschen; sieh', wie sie es machen; betrachte meine Gesetze; haben die Menschen nicht hunderte von Jahren so gethan? Wer bist du, daß du dich mir widersetzen willst?“ Und sie zieht ihr wurmstichiges Gesetzbuch hervor, blättert es durch und spricht: „Sieh', hier ist eine Akte, die unter der Regierung Nebucadnezars erlassen worden ist, und hier ist ein anderes Gesetz, das in den Tagen Pharao's gegeben worden ist. Diese müssen recht sein; haben sie doch ein ehrwürdiges Alter für sich. Willst du dich gegen die Meinungen der Mehrheit erheben und ihnen widerstehen?“ Ja, wir wagen es; wir nehmen das Gesetzbuch der Welt und verbrennen es, wie die Epheser ihre Zauberbücher verbrannt haben; wir nehmen ihre Urkunden und machen Makulaturpapier daraus; wir reißen ihr Aufgebot von den Mauern; wir kümmern uns nichts darum, was Andere thun; Gewohnheiten sind für uns ein Spinnengewebe; wir halten es für eine Thorheit, den Sonderling zu machen; wenn aber den Sonderling machen das Rechte zu erwählen heißt, halten wir es für die höchste Weisheit; wir überwinden die Welt; wir treten ihre Sitten und Gebräuche mit Füßen; wir wandeln als ein abgesondertes Geschlecht, ein erwählter Same, ein Volk des Eigenthums. Der Christ benimmt sich im Handel und Wandel nicht, wie der lachende Ungläubige zu verstehen gibt, wenn er höhnisch einem frommen Kaufmanne die Worte in den Mund legt: „Junge, hast du den Zucker mit Sand vermischt?“ „Ja, Herr.“ „Hast du Schlehenblätter in den Thee gethan?“ „Ja, Herr.“ „Hast du Mennig in den Pfeffer gethan?“ „Ja, Herr.“ „So wollen wir in die Betstunde gehen.“ Die Christen machen es nicht so; sie sagen: „Wir haben eine bessere Erkenntniß; wir können uns den Gewohnheiten der Welt nicht anbequemen. Wie wir beten, wollen wir auch handeln, sonst sind wir Heuchler, verfluchte Heuchler, Wenn wir in Gottes Haus gehen und bekennen, daß wir Ihn lieben, so lieben wir Ihn auch an jedem andern Orte; wir nehmen unsere Religion mit uns in den Laden, hinter den Rechentisch, auf unsere Felder, in unsere Schreibstuben und Werkstätten; wir müssen sie überall haben, sonst ist sie ja, Gott weiß es, gar keine Religion. Ihr müßt euch also gegen die Sitten und Gebräuche der Welt erheben. Obgleich diese Stadt drei Millionen Einwohner hat, müßt ihr von ihr ausgehen und euch trennen, wenn ihr die Welt überwinden wollt.

2) Wir lehnen uns gegen die Gewohnheiten der Welt auf; und wenn wir es thun, wie benimmt sich dann unsere Feindin? Sie nimmt eine andere Miene au, „Dieser Mensch ist ein Ketzer; dieser Mensch ist ein Schwärmer; er ist ein Kopfhänger, er ist ein Heuchler,“ sagt die Welt sogleich. Sie ergreift ihr Schwerdt, sie runzelt ihre Stirne, sie schneidet ein Gesicht wie ein Dämon, sie fährt in Sturm und Wetter einher und spricht: „Der Mensch lehnt sich wider mich auf; er will es den andern nicht nachmachen. Nun will ich ihn verfolgen. Verleumdung, komm aus den Tiefen der Hölle herauf, und zische ihn an. Neid, schärfe deine Zähne, und beiße ihn,“ Sie sucht alle möglichen Lügen hervor, und verfolgt den Menschen, Wenn sie kann, thut sie es mit der Hand; wenn nicht, mit der Zunge. Sie betrübt ihn, wo er ist. Sie versucht es, ihn in seinem Geschäfte zu Grund zu richten; oder wenn er als ein Kämpe der Wahrheit dasteht, nun, dann lacht sie, und spottet und höhnt. Sie läßt keinen Stein auf dem andern, nur um ihm weh zu thun. Was thut denn aber ein Streiter des Herrn, wenn er sieht, wie sich die Welt gegen ihn waffnet, und wenn er sieht, wie die ganze Erde, gleich einem Heer, daherkommt, ihn zu jagen und gänzlich zu vernichten? Gibt er nach? Beugt er sich? Heuchelt er?

O nein! Wie Luther schreibt er „ich gebe Niemand nach;“ auf sein Banner - und er bekriegt die Welt, wenn die Welt ihn bekriegt.

„Zürne, Welt, und tobe, Ich steh' hier und lobe Gott in sich'rer Ruh'.“

Ach, Einige von euch würden, spräche man nur ein Wort wider sie, das bißchen Christenthum, das sie haben, sogleich hergeben; doch ein echtes Kind Gottes kümmert sich wenig um die Meinungen der Menschen. „Ach,“ spricht ein Gläubiger, „laßt mich des täglichen Brodes mangeln, laßt es mein Loos sein, ohne Geld die weite Welt zu durchwandern; ja laßt mich sterben; - jeder Tropfen Bluts in diesen meinen Adern gehört Christo, und ich bin bereit, es um Seines Namens willen zu vergießen.“ Er hält Alles für Schaden, daß er Christum gewinnt, daß er in Ihm erfunden wird; und wenn die Donner der Welt rollen, lächelt er über den Aufruhr, während er sein liebliches Lied anstimmt:

„Jerusalem, mein Heimathort.
Nach dir steht mein Verlangen.
Wann endet meine Mühsal doch?
Wann wüst du mich empfangen?“

Wenn sie ihr Schwerdt aus der Scheide zieht, schaut er es an. „Ach,“ spricht er, „wie der Blitz aus dem Donnerbehälter hervorfährt, die Wolken spaltet und die Steine erschreckt, doch gegen den von Felsen geschützten Bergbewohner nichts vermag, der über seine Größe lacht, so kann jetzt die Welt mir nicht schaden, denn in der Stunde der Trübsal deckt mich mein Vater in Seinem Gezelt, Er verbirgt mich heimlich in seiner Hütte, und erhöhet mich auf einem Felsen.“ So überwinden wir wieder die Welt, indem wir uns um ihren Zorn nichts kümmern.

3) „Gut,“ sagt die Welt, „ich will es auf eine andere Weise versuchen;“ und dieß ist, glaubt mir, das Allergefährlichste. Eine lächelnde Welt ist schlimmer, als eine zürnende. Sie sagt: „Ich kann den Menschen durch meine wiederholten Schläge nicht niederstrecken, ich will meinen Panzerhandschuh ausziehen, ihm eine schöne, weiße Hand zeigen und zum Kusse hinhalten. Ich will ihm sagen: ich liebe ihn; ich will ihm schmeicheln, ich will ihm gute Worte geben'“ Johann Bunjan schildert diese Betrügerin vortrefflich: sie hat etwas Einnehmendes an sich; ihre Worte sind stets von einem Lächeln begleitet; sie weiß schön mit uns zu thun, und sucht uns zu überreden und zu gewinnen. O, glaubt mir, Christen sind nicht so sehr in Gefahr, wenn sie verfolgt, als wenn sie bewundert werden. Wenn wir auf dem Gipfel der Volksgunst stehen, dürfen wir wohl zittern und beben. Wenn man uns auszischt und nachschreit, brauchen wir uns nicht zu fürchten; wohl aber, wenn das Glück uns auf seinem Schooße schaukelt, und die Leute uns auf den Händen tragen; wenn uns Jedermann wohl redet, dann wehe uns. Nicht in dem kalten Winterwind ziehe ich meinen Rock der Gerechtigkeit aus und werfe ihn weg; wenn die Sonne kommt, wenn das Wetter warm und die Luft balsamisch ist, dann ziehe ich unbedachterweise meine Kleider aus, und werde nackt. Guter Gott, wie mancher Mensch ist durch die Liebe dieser Welt schon nackt geworden! Die Welt hat ihm geschmeichelt und Beifall geklatscht; er hat die Schmeichelei getrunken; es war ein Zaubertrank; er hat gewankt, er hat getaumelt, er hat gesündigt, er hat seinen Ruf verloren; und wie einem Kometen, der erst am Himmel glänzte, sich aber weit in den Raum hineinverirrt und in Finsterniß verliert, ergeht es ihm; so groß er war, er fällt; so mächtig er war, er verirrt sich und geht verloren. Doch bei einem wahren Gläubigen geht es nie so; er fühlt sich sicher, die Welt mag lächeln oder zürnen; er kümmert sich ebenso wenig um ihr Lob, als um ihren Tadel. Wenn er mit Recht gelobt wird, spricht er: „Meine Thaten verdienen Lob, doch Gott gebührt allein die Ehre.“ Große Seelen wissen, was sie von der Kritik beanspruchen können; sie erkennen darin nichts weiter, als die täglich ihnen zu verabreichenden Einkünfte. Manche Menschen können ohne ein reiches Maß von Lob gar nicht leben; und wenn es nicht über ihr Verdienst hinausgeht, mag es ihnen werden. Kindern Gottes schadet ein solches Lob nicht; sie werden standhaft bleiben; es wird sie weder verwohnen, noch verderben, sondern sie werden mit Füßen, gleich den Füßen der Hindinnen auf hohen Orten stehen. - Dieß ist der Sieg, der die Welt überwindet.

4) Zuweilen wiederum verwandelt sich die Welt für den Christen in eine Kerkermeisterin. Gott sendet Leiden und Trübsal, bis das Leben uns zum Kerker, die Welt zu dessen Hüterin und dazu zu einer schlimmen Hüterin wird. Seid ihr je in Anfechtungen und Trübsal' gewesen, meine Freunde? Und ist die Welt nie zu euch gekommen und hat gesprochen: „Armer Gefangener, ich habe einen Schlüssel, der dich herausläßt. Du bist in Geldverlegenheit; ich will dir sagen, wie du dich herausziehen kannst. Thu' diesen Herrn Gewissen weg. Er fragt dich, ob es eine unehrliche Handlung ist. Kümmere dich nicht nm ihn; laß ihn schlafen; denk' an die Ehrlichkeit erst, wenn du das Geld hast, und bereue das Geschehene, so lange du willst.“ So spricht die Welt; doch du sagst: „Ich kann es nicht thun.“ „Nun,“ sagt die Welt, „so seufze und murre; ein frommer Mensch wie du in diesen Kerker eingeschlossen!“ „Nein,“ spricht der Christ, „mein Vater hat den Mangel geschickt. Er hat mich in dieses Gefängniß gelegt, und zu seiner Zeit wird er mich herausholen; und müßte ich selbst hier sterben, will ich doch keine schlechten Mittel zu meiner Befreiung gebrauchen. Mein Vater hat mich zu meinem Besten hieher gethan; ich will nicht murren; wenn meine Beine hier liegen sollen, wenn mein Sarg unter diesen Steinen stehen soll, wenn mein Grabmal in der Mauer meines Kerkers sein soll, so will ich hier sterben, eher als nur einen Finger aufzuheben, um durch unrechte Mittel herauszukommen.“ „Ach,“ sagt die Welt, „dann bist du ein Narr.“ Der Spötter lacht und geht vorüber, indem er spricht: „Der Mensch ist hirnlos, er will nichts Rechtes wagen; er hat keinen Muth; er will nicht in See gehen; er will auf dem alten, gebahnten Pfad der Gottesfurcht fortwandeln.“ Ja, das thut er, denn so überwindet er die Welt.

O, ich könnte euch von manchen Schlachten sagen, die geschlagen worden sind. Ein manches arme Mädchen hat gearbeitet, bis ihre Finger bis auf's Bein abgezehrt waren, um als Kleider- oder Putzmacherin sich ein elendes Dasein zu fristen. Fürwahr, wir wissen nicht, daß wir oft das Blut und die Beine und Nerven armer Mädchen an uns tragen. Das arme Ding ist tausendmal versucht worden; der Böse hätte sie gerne verführt; doch sie hat einen guten Kampf gekämpft; unerschütterlich in ihrer Rechtschaffenheit steht sie mitten in der Armuth noch aufrecht da, „hell wie die Sonne, schön wie der Mond und schrecklich wie die Heeresspitzen;“ eine Heldin, unbezwungen von den Versuchungen und Lockungen des Lasters. Ich weiß andere Fälle, wo ein Mann Gelegenheit gehabt hätte, in einer Stunde reich, in einem Augenblick wohlhabend zu werden, wenn er nur etwas berührt hätte, das er nicht anzusehen wagte, weil Gott in ihm „Nein“ sagte. Die Welt sagte: „Bereichere dich, bereichere dich;“ doch der heilige Geist sagte: „Nein, sei ehrlich; diene deinem Gott.“ O, wie heiß rang er, und wie muthig kämpfte er in seinem Herzen. Doch er sprach: „Nein: konnte ich die Sterne in Welten von Gold verwandeln lassen, ich würde um dieser schimmelnden Welten willen meine Grundsätze nicht verläugnen und Schaden an meiner Seele nehmen.“ So wandelt er als ein Sieger dahin. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

II.

Doch mein Text spricht von einer großen Geburt. Ein sehr lieber Freund hat mir gesagt, daß während ich in Exeter-Hall predigte, ich Rücksicht auf die verschiedenen Meinungen meiner Zuhörer nehmen und mich erinnern sollte, daß die mannigfaltigsten Glaubensansichten hier vertreten seien. Nun, wenn ich nichts predigen dürfte, als was euch Allen gefiele, was in aller Welt sollte ich thun? Ich predige, was ich für wahr halte; und könnte ich durch Verschweigung einer einzigen Wahrheit, die ich glaube, für immer König von England werden, ich würde sie nicht verschweigen. Diejenigen, die meine Worte nicht gerne hören, brauchen es ja nicht anzunehmen. Sie kommen wahrscheinlich hieher, um einen Ohrenschmaus zu haben; und wenn ihnen die Wahrheit nicht gefällt, können sie wegbleiben. Ich bin fest überzeugt, daß redliche, um ihr Seelenheil bekümmerte Zuhörer sich nicht von einem Manne abwenden, der nicht stottert und stammelt, wenn er die Wahrheit spricht. Nun, um an diese große Geburt zu kommen, wie verhalt es sich damit? Ich werde vielleicht etwas Hartes sagen, doch es hat es ein ehrwürdiger Patriarch vor mir gesagt. Einige sagen: die Neugeburt finde bei der Taufe statt, doch ich erinnere mich, daß jener fromme Mann sagte: „Das Papstthum ist eine Lüge, der Puseyismus ist eine Lüge, die Wiedergeburt in der Taufe ist eine Lüge.“ So ist es. Es ist eine so handgreifliche Lüge, daß, wer sie predigt, fast für hirnlos gehalten werden muß. Sie trägt die Albernheit so sehr an der Stirne, daß, wer sie glaubt, nicht mehr für einen verständigen Menschen gehalten werden kann. Glauben, daß jedes Kind durch einen Tropfen Wasser wiedergeboren wird! Dann müßten der Gaukler und der Possenreißer auch wiedergeboren sein, weil jene heiligen Tropfen einst auf ihre Stirne fielen. Ein anderer Mensch flucht und schwört - ihr sehet ihn betrunken auf der Straße taumeln. Er ist wiedergeboren! Ein schöner Wiedergeborener ist das! Ich denke, er muß zum zweiten Mal wiedergeboren werden. Eine Wiedergeburt wie diese macht ihn bloß für den Teufel geschickt; ja er kann durch ihre täuschende Wirkung noch siebenmal mehr ein Kind der Hölle werden. Und dann sind auch die Menschen, die rauben und stehlen, und die Elenden, die gehängt werden, lauter Wiedergeborene in der Einbildung dieser schönen Puseyitenkirche. Weg mit dieser Lehre! weg mit dieser Lehre! Ach, Gott gibt den Menschen etwas Besseres in's Herz, wenn Er ihnen die Neugeburt schenkt.

Der Text spricht indessen von einer großen Geburt. „Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt.“ Diese Neugeburt ist der geheimnißvolle Punkt in aller Religion. Wenn man etwas Anderes predigt als die Neugeburt, kommt man immer mit seinen Zuhörern gut aus; wenn man aber darauf besteht, daß, um in den Himmel zu kommen, eine völlige Umänderung nothwendig sei, ist diese Lehre, obgleich ganz schriftgemäß, den Menschen doch so widerwärtig, daß sie kaum darauf hören. Ja, ihr wendet euch weg, wenn ich euch zu sagen beginne, daß, „es sei denn, daß ihr aus dem Wasser und Geist geboren werdet, ihr nicht in das Reich Gottes kommen könnet.“ Wenn ich euch sage, daß eure Seelen den wiedergebärenden Einfluß des heiligen Geistes an sich erfahren müssen, weiß ich zum voraus, was ihr erwiedern werdet: „Es ist Schwärmerei.“ Ja, aber es ist die Schwärmerei der Bibel. Da stehe ich; von ihr will ich gerichtet werden. Wenn die Bibel nicht sagt, daß wir wiedergeboren werden müssen, dann will ich schweigen; wenn sie aber so sagt, meine Lieben, dann schenket doch einer Wahrheit Gehör, von der eure Seligkeit abhängt.

Was heißt denn wiedergeboren werden? Wiedergeboren werden heißt, um es kurz zu sagen, eine so geheimnißvolle Veränderung erfahren, daß menschliche Worte es nicht ausdrücken können. Wie wir unsere erste Geburt nicht beschreiben können, so ist es uns unmöglich, die zweite zu beschreiben. „Der Wind bläset, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von wannen er kommt, und wohin er fähret. Also ist ein Jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.“ Doch während dieser Wechsel ein so geheimnißvoller ist, läßt er sich nichtsdestoweniger erkennen und fühlen. Die Menschen werden nicht im Schlaf wiedergeboren, so daß sie Nichts davon wüßten. Sie fühlen, sie erfahren Etwas. Der Galvanismus oder die Kraft der Electrizität mag geheimnißvoll sein; doch bringt er ein Gefühl, einen Eindruck hervor. So ist es mit der Wiedergeburt, Zur Zeit, wenn die Seele wiedergeboren wird, ist sie in höchster Angst - oft in Strömen von Thränen ersäuft. Zuweilen trinkt sie einen bittern Trank, der hie und da mit süßen Tropfen der Hoffnung vermischt ist. Während wir vom Tode zum Leben hindurchdringen, machen wir eine Erfahrung, die Niemand als ein Kind Gottes ganz verstehen kann. Es ist eine geheimnißvolle Veränderung, doch zu gleicher Zeit eine wirkliche Veränderung. Es ist eine ebenso große Veränderung, als wenn man dieses Herz aus mir herausnähme, und die schwarzen Blutstropfen ausdrückte, es dann waschen und reinigen und wieder in meine Seele hineinsetzen würde. Es ist „ein neues Herz und ein gewisser Geist,“ eine geheimnißvolle und doch wesentliche und wirkliche Veränderung!

Laßt mich euch weiter sagen, daß diese Veränderung eine übernatürliche ist. Es ist keine Veränderung, die ein Mensch an sich selbst bewirken kann. Sie besteht nicht darin, daß man das Trinken aufgibt und sich der Nüchternheit befleißt; daß man aus einem römischen Katholiken ein Protestant wird; daß man die Kapelle mit der Kirche oder die Kirche mit der Kapelle vertauscht. Es ist weit mehr als das. Es ist eine neue eingeflößte Kraft, die im Herzen wirkt, in die innerste Seele eindringt, und den ganzen Menschen bewegt. Nicht eine Veränderung meines Namens, sondern eine Erneurung meiner Natur, so daß ich nicht mehr der Mensch bin, der ich zu sein pflegte, sondern ein neuer Mensch in Christo Jesu. Es ist eine übernatürliche Veränderung - Etwas, das die Menschen nicht thun können, und das Gott allein bewirken kann; das die Bibel selbst ohne die Hülfe des göttlichen Geistes nicht vollbringen kann; das keines Geistlichen Beredtsamkeit zu Stande bringen kann - etwas so Wirksames und Wunderbares, daß man es als Gottes Werk und Gottes Werk allein anerkennen muß. Hier dürfte die Bemerkung am Ort sein, daß diese Neugeburt eine dauernde Veränderung ist. Die Nominianer sagen uns, die Menschen werden wiedergeboren, fallen dann in die Sünde, raffen sich wieder auf, und werden wieder Christen - fallen wieder in die Sünde, gehen der göttlichen Gnade verlustig, und kehren abermals zurück - fallen hundertmal in ihrem Leben in die Sünde, und fahren so fort, bald der Gnade verlustig zu werden, bald sie wieder zu erlangen. Nun, dieß muß wohl in einer neuen Übersetzung der Bibel stehen. Doch ich lese in meiner Bibel, daß, wenn wahre Christen abfallen konnten, es unmöglich wäre, sie wieder zur Buße zu erneuern. Ich lese ferner, daß, wo Gott ein gutes Werk angefangen hat, Er es auch hinausführen will bis an's Ende; und daß, wen Er einmal geliebt hat, den liebet Er auch bis an's Ende. Wenn meine Besserung bloß eine äußerliche war, mag ich noch ein Trunkenbold sein, oder ihr möget mich den Schauspieler machen sehen; wenn ich aber wirklich wiedergeboren worden bin, wenn eine wesentliche und übernatürliche Veränderung mit mir vorgegangen, werde ich nie wieder abfallen; ich mag von einer Sünde übereilt werden, doch ich werde nicht aus der Gnade fallen und meiner Seligkeit verlustig gehen. Ich werde in sicherer Ruhe dastehen, so lange mein Leben dauern wird; und wenn ich sterbe, wird es heißen:

„Treuer Streiter, wohl gerungen
Hast du in der Gnadenzeit;
Teufel, Welt und Fleisch bezwungen:
Nun krönt dich die Ewigkeit.“

Irret euch nicht, meine Lieben. Wenn ihr euch einbildet, ihr seiet zwar wiedergeboren worden, müßtet aber, weil von Gott abgewichen, abermals erneuert und bekehret werden, so verstehet ihr Nichts von der Sache; denn „wer aus Gott geboren ist, sündigt nicht;“ das heißt, sündigt nicht so, daß er aus der Gnade fällt; „denn er bewahret sich, und der Arge wird ihn nicht antasten.“ Selig ist der Mensch, der wirklich und wahrhaft wiedergeboren und vom Tode zum Leben hindurchgedrungen ist.

III.

Ich schließe damit, daß ich euch noch eine große Gnade vorhalte. Wer wirklich wiedergeboren worden ist, überwindet die Welt. Wie geht das zu? Der Text sagt: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Die Christen überwinden die Welt nicht durch ihre Vernunft; es ist dieß ganz unmöglich. Die Vernunft ist etwas sehr Gutes, und wir sollten sie gehörig schätzen. Die Vernunft ist ein Licht; doch der Glaube ist eine Sonne. Nun, ich ziehe die Sonne vor, obgleich ich das Licht nicht auslösche. Ich gebrauche meine Vernunft als ein Christenmensch, ich übe sie beständig; doch wenn es einmal zum wirklichen Krieg kommt, ist die Vernunft ein hölzernes Schwerdt; es bricht, es prallt ab; wahrend der Glaube, das Schwerdt von ächtem Jerusalemsmetall, durchhaut, bis daß es scheidet Seele und Leib. Mein Text sagt: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Wer sind die Menschen, die etwas Großes in der Welt verrichten? Sind es nicht immer Glaubensmenschen? Ist es nicht schon beim natürlichen Glauben so? Wer gewinnt die Schlacht? Nun, der Mensch, der sich fest vorsetzt, er wolle sie gewinnen, der schwört, er wolle Sieger sein. Wem gelingt nichts in der Welt? Nun, demjenigen, dem es stets bangt, wenn er etwas thun soll, weil er fürchtet, er möchte es nicht vollbringen können. Wer erklimmt die Spitze der Alpen? Der Mensch, der spricht: „Ich will es thun oder sterben.“ Gin solcher soll sich einmal vorsetzen, irgend etwas zu thun, und er wird es thun, wenn es nur immer irgend möglich ist. Wer sind die Menschen gewesen, welche ihre Fahne muthig aufgehoben und sie mitten unter stürmischen Kämpfen und Schlachten mit sterbender Hand gehalten haben? Nun, Glaubensmenschen. Wer hat große Dinge vollbracht? Nicht die Menschen der Furcht und des Zagens, die Menschen, die überall zurückbeben; sondern die Glaubensmenschen, die kühne Stirnen und diamantene Angesichter hatten - Menschen, denen nie bangte, die nie zitterten; sondern an Gott glaubten, Ihm vertrauten, und zu den Bergen aufschauten, von denen ihre Hülfe kam.

„Nie ist ein Wunder auf Erden gethan worden, das nicht dem Glauben entsprungen wäre; nichts gibt es in der Welt Edles, Großes oder Gutes, das seine Wurzel nicht im Glauben hätte. Ist eine Tugend, ist ein Lob, es kommt vom Glauben her. Leonidas stritt in menschlichem, wie Josua in göttlichem Glauben. Xenophon vertraute seiner Geschicklichkeit und die Söhne des Matathias ihrer gerechten Sache.“ Der Glaube ist der Mächtigste unter den Mächtigen. Er ist der Monarch in den Reichen der Seele; es gibt kein Wesen, das ihm an Starke überlegen, kein Geschöpf, das sich nicht vor seiner göttlichen Tapferkeit beugen müßte. Der Mangel an Glauben macht einen Menschen verächtlich, es schnürt ihn so zusammen, daß er in einer Nußschale wohnen könnte. Gebt ihm aber Glauben, und er ist ein Leviathan, der sich in die Tiefen des Meeres tauchen kann; er ist ein Schlachtpferd, das muthig in den Kampf geht; er ist ein Niese, der Völker nimmt und sie in seiner Hand zerbröckelt, der ganzen Heeren entgegentritt, und auf ein Wort verschwinden sie; er bindet Scepter in Garben zusammen, und legt alle Kronen der Erde wie sein Eigenthum auf einen Haufen. Es gleicht nichts dem Glauben, meine Lieben. Der Glauben macht euch beinahe so allmächtig wie Gott, denn ihr ziehet Seine göttliche Macht an. Gebet uns Glauben, und wir können Alles thun.

Ich möchte euch nun gerne sagen, wie der Glaube den Christen die Welt überwinden hilft. Er thut dieß immer homöopathisch. Ihr saget: „Dieß ist ein wunderlicher Gedanke.“ Möglich. Grundsatz ist es aber in der Homöopathie, daß „Gleiches Gleiches kurirt.“ So überwindet der Glaube die Welt, indem er Gleiches mit Gleichem kurirt. Wie tritt der Glaube die Furcht der Welt mit Füßen? Durch die Furcht Gottes. „Jetzt,“ sagt die Welt, „wenn du das nicht thust, werde ich dir das Leben nehmen. Wenn du dich nicht vor meinem falschen Gott beugst, werde ich dich in den brennenden, feurigen Ofen werfen.“ „Doch,“ spricht der Glaubensmensch, „ich fürchte den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Es ist wahr, du kannst mich erschrecken; doch weiß ich noch einen größeren Schrecken. Ich fürchte, ich möchte Gott mißfallen; ich zittere, ich möchte meinen Herrn beleidigen.“ So wiegt eine Furcht die andere auf. - Wie überwindet der Glaube die Hoffnungen der Welt? „Sieh',“ sagt die Welt, „ich will dir dieß geben, ich will dir das geben, wenn du mein Jünger sein willst. Du darfst hoffen, reich und groß zu werden.“ Doch der Glaube sagt: „Ich habe eine Hoffnung im Himmel; eine unvergängliche, ewige, unverderbliche, unverwelkliche Hoffnung, eine goldene Hoffnung, eine Krone des Lebens;“ und die Hoffnung der Herrlichkeit überwindet alle Hoffnungen der Welt. „Ach,“ sagt die Welt, „warum willst du nicht dem Beispiel deiner Mitmenschen folgen?“ „Weil,“ sagt der Glaube, „ich dem Beispiele Christi folgen will.“ Wenn die Welt ein Beispiel uns vorhält, hält uns der Glaube ein anderes vor. „O, folge dem Beispiele eines solchen Menschen; er ist weise und groß und gut,“ sagt die Welt; doch der Glaube erwiedert: “ Ich will Christo folgen; Er ist der weiseste, der größte und der beste.„ Er überwindet ein Beispiel durch das andere. „Nun,“ sagt die Welt, „da du dich durch alles Dieses weder einschüchtern, noch gewinnen lässest, so komm, ich will dich lieben; du sollst mein Freund sein.“ Der Glaube sagt: „Wer dieser Welt Freund ist, kann nicht Gottes Freund sein. Gott liebt mich.“ So setzt er Liebe der Liebe, Furcht der Furcht, Hoffnung der Hoffnung, Schrecken dem Schrecken entgegen; und so überwindet der Glaube die Welt, indem er Gleiches mit Gleichem kurirt.

Ich bekenne es am Schluß dieser Predigt, Männer und Brüder, daß ich nur ein Kind bin; doch habe ich euch heute das Wort, so gut ich konnte, verkündigt. Ein ander Mal kann ich vielleicht nachdrücklicher und eindringlicher mit euch reden; doch das weiß ich gewiß - ich vorenthalte euch nichts und nehme kein Blatt vor den Mund. Ich bin kein Redner, sondern sage euch eben nur, was aus meinem Herzen hervorkommt. Doch ehe ich euch entlasse, möchte ich noch ein Wort an eure Seelen richten. Wie viele unter euch sind wiedergeboren? Manche hören mich nicht an und sagen: „Es ist lauter Unsinn; wir gehen regelmäßig in unsere Kirche, nehmen unsere Gesangbücher und Bibeln unter den Arm und sind sehr religiöse Leute.“ Ach, Seele! wenn ich dir vor Gottes Richterstuhl begegne, so erinnere dich, daß ich gesagt habe, und Gottes Wort gesagt habe: „Es sei denn, daß ihr von Neuem geboren werdet, könnet ihr nicht in das Reich Gottes kommen.“ Wieder Andere sprechen: „Wir können nicht glauben, daß die Wiedergeburt eine solche Veränderung ist, wie du sagst; wir sind viel besser, als wir ehemals waren; wir fluchen jetzt nicht mehr, und haben überhaupt manche Untugend abgelegt. Ihr Lieben, ich sage euch, die Wiedergeburt ist keine kleine Veränderung; es ist nicht den Krug ausbessern, es ist ihn zerbrechen, um einen neuen zu bekommen; es ist nicht das Herz überkleistern, es ist ein reines Herz und einen neuen, gewissen Geist bekommen. Nur wenn ihr der Sünde gestorben seid und der Gerechtigkeit lebet, können eure Seeleu selig werden.

Ich predige keine neue Lehre. Schlaget die Glaubensartikel der englischen Kirche auf, und leset sie da. Zuweilen kommen Glieder dieser Kirche zu mir, um sich an unsere Kirche anzuschließen; ich zeige ihnen unsere Lehren in ihrem Gebetbuch, und sie sagen mir, sie hätten nie gewußt, daß sie da stünden. Meine lieben Zuhörer, warum könnet ihr eure eigenen Glaubensartikel nicht lesen? Ihr wisset ja wirklich nicht einmal, was in eurem eigenen Gebetbuch steht. Die Menschen lesen heutzutage ihre Bibeln nicht, und haben deßwegen großentheils keine Religion. Sie haben eine Religion, die nur ein leerer Bilderkram ist, und sie nehmen sich nicht die Mühe, das Wesen derselben zu erforschen. Ihr Lieben, ein bloßes Namenchristenthum reicht nicht aus, ihr brauchet eine lebendige Gottesfurcht; es genügt nicht an einem heiligen Sonntag, es muß auch ein heiliger Montag darauf folgen. Es genügt nicht, daß ihr bloß in der Kirche fromm seid, ihr müßt auch im Kämmerlein fromm sein; ihr dürft nicht bloß an einem heiligen Orte knieen, ihr müßt den ganzen Tag auf heiligem Boden stehen. Es muß eine Veränderung in eurem Herzen vorgehen, eine wirkliche, wesentliche, lebendige und vollständige Veränderung, Nun, was saget ihr dazu? Hat euer Glaube die Welt überwunden? Könnet ihr über der Welt leben, oder liebet ihr die Welt, und was in der Welt ist? Wer aber die Welt lieb hat, muß auf seinem Wege umkommen; darum bekehret euch, so werdet ihr leben. O, was saget ihr: ist Jesus eurer Liebe werth? Sind die ewigen und himmlischen Dinge die zeitlichen werth? Ist es etwas so Süßes, ein Weltkind zu sein, daß ihr dafür in den Qualen sitzen wollt? Ist es so gut, ein Sünder zu sein, daß ihr dafür eurer Seele ewige Wohlfahrt auf's Spiel fetzen wollet? O, meine Freunde, ist es wohlgethan, für einen Augenblick der Lust eine Ewigkeit der Qual auf sich zu laden? Ist ein Tanz es werth, daß man für immer mit heulenden Feinden in der Hölle tanzt? Ist ein Traum mit einem schrecklichen Erwachen des Genusses werth, wenn himmlische Herrlichkeit für die Nachfolger Christi bereitet ist? O, wenn ich zu euch sprechen könnte, wie ich wollte, würde mein Herz zu meinen Augen herausströmen, und ich würde so lange fortweinen, bis ihr euch über eure eigenen Seelen erbarmtet. Ich weiß es, ich bin einigermaßen für eure Seelen verantwortlich. Wenn der Wächter sie nicht warnt, werden sie umkommen; doch ihr Blut wird von des Wächters Hand gefordert werden. „Bekehre dich, bekehre dich; warum willst du also sterben, du Haus Israel?“ so spricht der Herr. Ihr Bethörten, voll schlimmer Leidenschaften, zum Bösen geneigt, höret doch, was der heilige Geist euch diesen Morgen durch mich sagen läßt: „Wenn ihr euch zu dem Herrn von ganzem Herzen bekehret, wird er sich eurer erbarmen, und zu unserem Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.“ Ich kann euch nicht herzubringen, ich kann euch nicht herholen. Meine Worte sind kraftlos, meine Gedanken sind matt; der alte Adam ist zum Ziehen und zum Schleifen zu stark für mich junges Kind; doch Gott möge zu euch sprechen, liebe Seelen; Gott möge die Wahrheit zu eurem Herzen dringen lassen, und dann werden sich mit einander freuen, der da säet und der da erntet, weil Gott das Gedeihen gegeben hat. Gott segne euch! Möchtet ihr Alle wiedergeboren und des Glaubens theilhaftig werden, der die Welt überwindet! Amen. „So hör', o Sünder, dieß,

Dem Muth und Kraft verschwunden,
Daß hier ein Gottesheil
Wird ohne Gold gefunden!
Sagt's, die ihr es erfuhrt,
Wie in Verzweiflungsnacht
Der Glaub' an Gottes Wort
Euch froh und frei gemacht!

Doch nun ist es an dir,
O du erkaufte Heerde!
Zeig' dieses Kleinod nun
In seinem Gottesworthe;
Folg' deinem Jesu nach,
Und zeuge vor der Welt,
Wie Seiner Gnade nur
Die Heiligkeit gefällt.“

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